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Der Löwe von Flandern

Hendrik Conscience: Der Löwe von Flandern - Kapitel 12
Quellenangabe
authorHendrik Conscience
titleDer Löwe von Flandern
publisherHesse & Becker Verlag
yearo.J.
translatorGeorg Gärtner
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160929
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10.

Im Jahre 1280 hatte ein schrecklicher Brand die alte Halle am Marktplatze völlig vernichtet. Der hölzerne Turm, der sie krönte, war mit allen Urkunden der Stadt Brügge in Flammen aufgegangen. Einige dicke Mauern im untersten Teile des Gebäudes waren jedoch unverletzt stehen geblieben und mit diesen noch einige Gelasse, die man zuweilen als Wachhäuser benützte. Die französischen Kriegsknechte hatten diese verlassenen Räume der alten Halle als Versammlungsorte gewählt; und hier war es, wo sie mit Schmausen und Prassen ihre müßigen Stunden zubrachten.

Einige Zeit nach der Abreise Adolfs van Nieuwland befanden sich acht französische Söldner in einem der tiefstgelegenen Orte dieser Überreste. Eine große irdene Lampe sandte ihre gelben Strahlen auf die verwitterten Gesichter der Krieger, und eine schlangenförmige Rauchsäule stieg aus der Flamme zu dem Gewölbe empor; auf den Wänden konnte man beim flackernden Schein der Lampe noch einige zerschundene Verzierungen romanischen Stiles bemerken; ein Frauenbild ohne Hände, dessen Gesicht durch die Zeit mißformt war, stand in einer Nische am Ende des Raumes. Vier Söldner saßen an einem eichenen Tisch und spielten leidenschaftlich mit den Würfeln; einige andere standen aufrecht bei ihren Kameraden und verfolgten neugierig die wechselnden Aussichten des Spiels. Es war ersichtlich, daß diese Männer nicht allein zum Würfeln hierher gekommen waren; denn der Helm glänzte auf ihren Köpfen, und breite Degen hingen an ihren Gürteln, als hätten sie sich für den Krieg ausgerüstet.

Einer der Spieler stand nach einigen Augenblicken vom Tische auf und schleuderte die Würfel ärgerlich von sich.

»Ich glaube, die Hand dieses alten Bretonen ist nicht rein,« rief er, »denn es müßte ein Wunder sein, daß ich unter fünfzig Malen nicht ein einziges Mal gewinne. – Jetzt langweilt mich das Spiel; ich höre auf.«

»Er getraut sich nicht mehr zu spielen!« rief der Gewinner mit triumphierendem Scherz. »Zum Teufel, Jehan, deine Tasche ist doch nicht leer? – Und willst du auf solche Art vor dem Feinde flüchten?«

»Wage es noch einmal,« sprach ein anderer, »vielleicht ändern sich jetzt die Aussichten.«

Der Söldner, den man Jehan nannte, blieb lange Zeit im Zweifel, ob er das Glück noch einmal versuchen sollte; endlich fuhr er mit der Hand unter sein Waffenhemd und zog ein funkelndes Juwel hervor. Es war eine Halskette von den feinsten Perlen, mit goldenen Haken geschmückt.

»Da,« sprach er, »ich setze diese Perlen gegen das, was du von mir gewonnen hast: die schönste Perlenschnur, die jemals auf der Brust eines flämischen Weibes geprunkt hat! Wenn ich diesmal wieder verliere, bleibt mir kein Haar von der Beute übrig.«

Der Bretone nahm das Kleinod in die Hand und betrachtete es genau.

»Nun, es ist abgemacht,« rief er. »In wieviel Würfen?«

»In zwei,« antwortete Jehan, »wirf du zuerst.«

Ein Haufen Goldstücke lag auf dem Tische neben dem köstlichen Juwel. Aller Augen richteten sich mit leidenschaftlicher Angst auf die rollenden Würfel, während die Herzen der Spieler vor Furcht klopften. Beim ersten Wurf schien das Glück sich für Jehan zu erklären; denn er warf zehn und sein Kamerad fünf. Während er die größten Hoffnungen auf die Wiedergewinnung seines Geldes hegte, sah er, daß der Bretone die Würfel heimlich an den Mund führte und sie auf einer Seite befeuchtete. Heißer Groll und Rachsucht färbten seine Wangen mit heftigem Rot, als er sah, daß falsche Listen die Ursache seines Verlustes waren. Er stellte sich indessen, als hätte er nichts wahrgenommen, und sprach:

»Wirf doch, was zauderst du? Ergreift dich die Furcht?«

»Nein, nein,« sagte der Bretone, indem er die Würfel geschickt aus seinen Händen rollen ließ. »Das Glück kann sich wenden. – Siehst du wohl, zwölf!«

Darauf warf Jehan die Würfel nachlässig auf den Tisch. Während er diesmal unglücklicherweise nur sechs warf, nahm der Bretone mit Freudenrufen das Kleinod vom Tische und verbarg es unter seinem Harnisch. Jehan wünschte ihm mit heuchlerischen Worten Glück zu seinem Gewinn und schien über den Verlust nicht erregt; aber in seinem Inneren kochte versteckter Grimm, und er konnte nur mühsam an sich halten. Während der fröhliche Gewinner mit einem anderen Kameraden sprach, flüsterte Jehan den neben ihm Stehenden etwas ins Ohr und schien durch seine Blicke den Bretonen ihrer Aufmerksamkeit zu empfehlen. Dann rief er:

»Da du alles von mir gewonnen hast, Kamerad, wirst du mir nicht verwehren, das Glück noch einmal zu wagen. Ich setze das Geld, das wir heute abend verdienen sollen, gegen die gleiche Summe. Ist es dir recht?«

»Ja, gewiß, ich weiche niemals aus!«

Jehan nahm die Würfel und warf achtzehn auf zweimal. Während der andere die Würfel vom Tisch an sich raffte und diese dann unterm Sprechen anscheinend absichtslos in seinen Händen hielt, beobachteten die Söldner, die bei Jehan standen, ihn aufs genaueste. Sie sahen deutlich, daß der Bretone die Würfel wiederum an seine Lippen brachte und durch diese List einmal zehn und einmal zwölf warf.

»Du hast verloren, mein Freund Jehan!« rief er.

Ein furchtbarer Faustschlag war die Antwort, die er auf diesen Ruf erhielt; Blut drang ihm aus dem Munde, und einen Augenblick war er betäubt, denn der Schlag hatte sein ganzes Gehirn erschüttert.

»Du bist ein Schelm! – ein Dieb!« schrie Jehan. »Hab' ich nicht gesehen, daß du die Würfel naß machtest und mir also fälschlich mein Geld abgewonnen hast? Du wirst mir alles wiedergeben, oder ...«

Der Bretone ließ ihm keine Zeit, fortzufahren, sondern zog seinen breiten Degen aus dem Gürtel und kam unter schrecklichen Schimpfworten näher. Jehan hatte sich ebenfalls zum Kampfe fertig gemacht und schwur, daß er sich durch Blut rächen würde; aber es kam nicht so weit. Die Klingen blitzten schon im Lampenlicht, und alles schien ein unvermeidliches Blutvergießen zu verheißen, als ein anderer Kriegsmann in das Zimmer trat.

Die stolzen und gebieterischen Blicke, die er auf die Streitenden warf, ließen ihn beim ersten Blick als einen Offizier erkennen. Sobald die Söldner ihn bemerkten, erstickten die Flüche und Schimpfworte in ihrem Munde, und die Degen hingen schnell wieder am Wehrgehänge. Jehan und der Bretone betrachteten einander, als ob sie sich gegenseitig für eine spätere Zeit forderten, und näherten sich mit den anderen dem Offizier, der sie ansprach:

»Seid ihr bereit, Männer?«

»Wir sind bereit, Herr de Cressines,« lautete die Antwort.

»Die größte Stille!« versetzte der Offizier. »Erinnert euch, daß das Haus, zu dem dieser Bürger uns führt, unter dem Schutz unseres Feldherrn de Chatillon steht. Der erste, der seine Hände nach irgend etwas ausstreckt, wird es bitter bereuen. Man folge mir!«

Der Bürger, der diesen französischen Kriegsknechten als Geleitsmann dienen mußte, war kein anderer als Meister Brakels, der Leliaart, der aus dem Weberhandwerk gebannt war. – Als die Söldner mit ihrem Befehlshaber auf der Straße angekommen waren, ging Brakels stumm voran und führte sie durch die Dunkelheit bis in die Spanische Straße, vor die Türe des Hauses des Herrn van Nieuwland. Hier scharten die Söldner sich längs der Mauer und hielten den Atem an, damit man ihre Gegenwart nicht bemerke.

Meister Brakels ließ den Hammer am Tore leise niederfallen. Nach einigen Augenblicken kam eine Dienerin in den Gang und fragte mißtrauisch, wer so spät noch anklopfe.

»Öffne schnell,« lautete Brakels Antwort, »ich komme von Meister de Coninck mit einer eiligen Kunde für Fräulein Machteld van Bethune. Warte keinen Augenblick, denn die Jungfrau ist in großer Gefahr.«

Die Dienerin, die nicht im entferntesten Verrat ahnte, schob die Riegel zurück und öffnete eiligst die Türe. Aber wie groß war ihr Erstaunen, als acht französische Söldner hinter dem Flamen in den Hausflur drangen. Ein lauter Schrei hallte bis in die entferntesten Gemächer des Hauses, und die Dienerin wollte sich durch die Flucht retten; doch sie ward durch Herrn de Cressines daran verhindert und mußte schweigend stehen bleiben.

»Antworte mir ohne Bangen. Wo ist deine Herrin Machteld van Bethune?« fragte de Cressines gelassen.

»Es ist schon zwei Stunden her, daß meine Frau sich zur Ruhe begab, und jetzt schläft sie,« stammelte die erschreckte Dienerin.

»Gehe zu ihr,« sagte der Offizier, »und sage ihr, daß sie sich ankleiden möge; denn sie muß stehenden Fußes dieses Haus verlassen und mit uns gehen. Sei gehorsam; es würde mich schmerzen, Gewalt anwenden zu müssen.«

Die Dienstmagd lief eiligst die Treppe hinauf und weckte die Schwester Adolfs.

»O, edle Frau!« rief sie, »kommt schnell aus dem Bette! Euer Haus ist voll Söldner.«

»Himmel!« seufzte Maria. »Was sagst du? Söldner in meinem Hause? Was fordern sie?«

»Sie wollen die Jungfrau van Bethune augenblicklich von hier fortführen. Ich bitte Euch, edle Frau, beeilt Euch; denn sie schläft noch. Ich fürchte, daß die Söldner in ihre Kammer gehen werden.«

Mit leidenschaftlicher Eile und ohne zu antworten, warf die erstaunte Maria ein weites Schleppkleid über ihren Körper und ging mit der Dienerin zu Herrn de Cressines, der noch im Hausflur war. Zwei Diener des Hauses waren auf den Schrei der Dienerin herbeigeeilt und standen nun mißmutig zwischen den französischen Söldnern: man hatte sie gefaßt und festgehalten.

»Mein Herr,« bat Maria den Offizier, »es gefalle Euch, mir zu sagen, warum Ihr also zur Nachtzeit in mein Haus eindringt?«

»Jawohl, edle Dame,« lautete die Antwort, »es ist ein Befehl des Landvogts. Die Jungfrau Machteld van Bethune, die hier wohnt, muß uns augenblicklich folgen. Fürchtet keine schlimme Behandlung: ich verpfände mein Wort, daß ich nicht dulden werde, daß sie mit einem Worte verhöhnt wird.«

»O, mein Herr,« rief Maria, »wüßtet Ihr, welches Los Ihr dieser unglücklichen Jungfrau bereitet, Ihr würdet von hinnen gehen; denn ich höre, daß Ihr ein ehrlicher Ritter seid.«

»Ihr habt es richtig gesagt, edle Frau, solche Unternehmungen gefallen mir keineswegs; aber das Gebot meines Feldherrn werde ich pünktlich ausführen. Es gefalle Euch daher, die Jungfrau Machteld in unsere Hände zu liefern; wir können nicht länger warten; erspart mir unangenehme Worte.«

Maria sah wohl ein, daß nichts diesen Schlag abwenden konnte; auch verbarg sie ihre tiefe Trauer vor den fremden Kriegsknechten und weinte nicht. Mit deutlich sichtbarem Zorn wendete sie ihre Blicke dem Flamen zu, der in einer Ecke des Ganges stand, und sie schien ihm seinen Verrat durch ihre Blicke vorzuwerfen. Meister Brakels war nicht kühn genug, um der erzürnten Jungfrau in die Augen zu sehen. Er zitterte; denn nun sah er die Rache voraus, die ihn verfolgen würde, und er trat einen Schritt zurück, als wollte er durch die Türe verschwinden.

»Man bewache diesen Flaming!« sagte de Cressines zu seinen Leuten. »Verhindert ihn am Fortgehen; denn wer, wie er, seine Freunde verrät, der ist zu allem fähig.«

Meister Brakels wurde am Arm gefaßt und mit Gewalt mitten zwischen die Söldner gebracht. Das Wort »Verräter« war der Name, den sie ihm gaben, und die Verachtung derer, denen er gedient, war sein Lohn.

Maria verließ den Gang und kam mit bedrücktem Herzen ins Schlafzimmer. Sie blieb wie zerschmettert vor dem Bette stehen und betrachtete die unglückliche Magd, die so tief zu schlafen schien. Eine blitzende Perle glänzte unter Machtelds Lidern, und ihre Atemzüge waren mühsam und beschwerlich. Plötzlich zog sie ihre Hand unter der Decke hervor und bewegte sie mit ängstlichen Gebärden vor ihrer Bettstätte, als ob sie von dort etwas, das sie sehr betrübte, verscheuchen wollte. In ihrem Munde vermischten sich unverständliche Seufzer mit dem Namen Adolf, und sie wiederholte diesen mehrmals wie jemand, der um Hilfe fleht.

Tränen entströmten den Augen Marias; denn dieser Anblick ging ihr tief zu Herzen, und ihr Mitleid wuchs bei dem Gedanken an die Schmerzen, die die junge Edelfrau noch kränken sollten. Wie schmerzlich es ihr auch war, diese Unglücksbotschaft ihrer Freundin zu überbringen, so durfte sie doch nicht zaudern; die Zeit war zu kostbar. Jeden Augenblick konnten die Söldner in das Gemach kommen – und welche Schmach wäre dies für die edle Machteld gewesen! Von diesem Gedanken angetrieben, ergriff Maria die Hand ihrer Freundin und weckte sie mit den Worten:

»Meine liebe Jungfrau, werdet wach: ich habe Euch etwas Eiliges zu sagen.«

Die Berührung Marias hatte das Mädchen heftig erschreckt; sie öffnete sehr weit die Augen und zitterte, während sie ihre Freundin unschlüssig ansah.

»Seid Ihr es, Maria, die mich also anredet?« fragte sie, während sie mit den Händen über ihre feuchten Wimpern fuhr. »Was führt Euch so unzeitig zu mir?«

»O, unglückliche Freundin,« brach Maria weinend los, »erhebt Euch, damit ich Euch ankleide, o, erhebt Euch in Eile, ein großes Unglück harret Eurer.«

Die erstaunte Machteld stieg vom Bette und blickte ängstlich in die Augen Marias; diese schluchzte bitterlich, während sie Machteld ankleidete, und antwortete nicht eher auf des Mädchens Fragen, als erst in dem Augenblicke, da sie ihr ein langes Reitkleid reichte und mit einem trüben Seufzer zu ihr sprach:

»Ihr geht auf die Reise, Edelfrau. Herr Sint-Joris beschütze Euch!«

»Warum dieses Reitkleid, beste Maria? Jetzt sehe ich, welches Los meiner wartet! Mein bitterer Traum hat nicht gelogen; denn als Ihr mich wecktet, wurde ich eben nach Frankreich zu Johanna von Navarra geführt. Ach, Herr, mein Gott, nun ist alle Hoffnung verloren! Das schöne Flandernland werde ich nicht mehr wiedersehen ... und du, o Löwe, mein Vater, du wirst dein Kind vielleicht auf Erden nicht mehr finden ...«

Maria hatte sich, von bitterem Weh erfüllt, in einem Sessel niedergelassen und schluchzte leise. Sie hatte nicht die Kraft, die Befürchtung ihrer Freundin mit Worten zu bestätigen. Nach einigen Augenblicken warf die bange Machteld sich ihr an den Hals und sprach:

»Weinet nicht so um mich, meine süße Freundin. Unglück und Mißgeschick sind mir bekannt. Für das Haus Flandern gibt es keine Ruhe, keine Freude mehr.«

»Unglückliches und edles Kind!« seufzte Maria. »Ihr wißt nicht, daß die französischen Söldner Euch unten erwarten und daß Ihr sogleich fortgeführt werdet!«

Das Mädchen erbleichte und zitterte heftig bei diesen Worten.

»Söldner! So soll ich denn der Unhöflichkeit unedler Mietlinge bloßgestellt sein? Liebe Maria, schützet mich ... Gott, dürfte ich sterben! O Robrecht, Robrecht, wüßtest du, welche Schmach deinem Blute geschieht!«

»Erschreckt nicht so, Edelfrau, es ist ein ehrlicher Ritter bei ihnen.«

»Die verhängnisvolle Stunde ist also gekommen! Ich muß Euch verlassen, Maria; und die böse Königin von Navarra wird mich auch wie meinen Vater einkerkern. O, so sei es! Es gibt einen Richter im Himmel, der mich nicht verlassen wird ...«

»Schnell, Jungfrau, legt Euer Reitkleid an; dort höre ich die Schritte der Söldner.«

Während Machteld das Kleid über sich warf, ging die Türe auf; die Dienerin trat ein und sprach:

»Madame, der französische Herr läßt Euch fragen, ob die edle Machteld van Bethune reisefertig ist und ob es ihm erlaubt ist, vor ihr zu erscheinen.«

»Er komme,« lautete die Antwort.

Herr de Cressines war der Dienerin auf der Treppe gefolgt und trat alsbald in das Gemach. Er verneigte sich höflich vor der Jungfrau und ließ durch seine teilnahmsvollen Blicke erkennen, daß er diese Mission wider Willen erfüllte.

»Madame,« sprach er, »seid mir nicht gram, wenn ich Euer Gnaden ersuche, sofort mit mir zu gehen; ich kann keinen Augenblick länger verweilen.«

»Ich werde Euch gehorsam folgen,« antwortete Machteld, indem sie ihre Tränen unterdrückte. »Ich hoffe, mein Herr, daß Ihr als ehrlicher Ritter mich gegen jeden Hohn in Schutz nehmen werdet.«

»Ich versichere es Euch, edles Fräulein,« rief de Cressines, durch des Mädchens Fügsamkeit bewegt, »daß Euch keinerlei Schmach angetan werden wird, solange Ihr unter meinem Schutze steht.«

»Eure Söldner, mein Herr?«

»Meine Söldner, Madame, werden kein einziges Wort an Euch richten. Diese Versicherung möge Euch genügen. Wir brechen auf!«

Die beiden Jungfrauen umarmten einander mit angstvoller Zärtlichkeit, und die Tränen rannen reichlicher über ihre Wangen. Das bittere Lebewohl ward manchmal wiederholt, und die Umarmungen wollten kein Ende nehmen. Endlich folgten sie dem Offizier in den Gang hinaus.

»O, mein Herr!« rief Maria, »sagt mir doch, wohin Ihr meine unglückliche Freundin führt!«

»Nach Frankreich,« antwortete de Cressines; und sich zu den Söldnern wendend, gebot er: »Nehmt meine Worte in acht: wer ein unziemliches Wort gegen diese edle Dame wagt, wird streng bestraft werden; ich will, daß man sie gemäß ihrer erlauchten Geburt achte. Man hole die Pferde, die in der Halsestraße stehen.«

Machteld stand stumm bei den Söldnern; ihre Tränen flossen im stillen unter dem Schleier, der ihr Antlitz verhüllte. Eine ihrer Hände lag in der Hand Marias, und so standen beide bewegungslos, wie zwei Standbilder auf einer Säule. Worte waren nicht hinreichend, um die schmerzlichen Empfindungen auszudrücken, die ihre Herzen bei diesem bitteren Abschied bewegten.

Nachdem die Pferde vor die Türe geführt waren, half Herr de Cressines der Jungfrau auf einen leichten Traber. Meister Brakels und die Diener wurden freigelassen, und der Zug galoppierte schnell durch die Straßen von Brügge. Einige Minuten später waren sie auf freiem Felde, auf Straßen, die Machteld nicht erkennen konnte; die Nacht war dunkel, und feierliche Stille lag über der schlummernden Natur. Herr de Cressines blieb stets an der Seite Machtelds; da er die Jungfrau in ihrer Trauer nicht stören wollte, sprach er nicht zu ihr; und er wäre vielleicht auf der ganzen Reise stumm geblieben, hätte die junge Machteld ihn nicht zuerst gefragt:

»Ist es mir erlaubt, mein Herr, etwas über das Los, das meiner wartet, zu erfahren? – und darf ich Euch fragen, von wem der Befehl, der mich aus meiner Wohnung reißt, gekommen ist?«

»Der Befehl ist durch Herrn de Chatillon gegeben,« antwortete de Cressines, »vermutlich ist er auch ihm von höherer Hand zugekommen; denn Eure Reise endet in Compiègne.«

»Ja,« seufzte die traurige Jungfrau, »Johanna von Navarra wartet meiner. Es war ihr nicht genug, meinen Vater und meine Verwandten einzukerkern – ich fehlte noch dabei. Nun ist ihre Rache vollständig. O, mein Herr, Ihr habt eine böse Königin!«

»Ein Mann dürfte mir dies nicht sagen! Es ist wahr, edles Fräulein, unsere Königin behandelt die Flamen sehr streng, und ich fühle das größte Mitleid für den tapferen Herrn van Bethune, aber ich darf meine Fürstin nicht schmähen hören.«

»Vergebt mir, mein Herr; Eure Treue als Ritter verdient meine Achtung. Ich werde über Eure Königin nicht mehr klagen und schätze mich glücklich, in meinem Unglück einen ehrlichen Ritter als Geleitsmann zu haben.«

»Es wäre mir ein wahres Vergnügen, Euer Gnaden bis Compiègne zu begleiten; aber diese Ehre ist mir nicht vorbehalten; noch eine Viertelstunde, dann bekommt Ihr andere Gesellschaft, Jungfrau. Dies kann jedoch Eure Lage nicht verändern; die französischen Ritter vergessen niemals, was sie den Frauen schuldig sind.«

»Es ist wahr, mein Herr, die französischen Edlen sind höflich und ehrlich gegen uns; aber wer sagt mir, daß ich immer eine Wache haben werde, die meinem Stande gebührt?«

»Ho, dies wird sein, Madame; ich bringe Euch nach dem Schloß Male und muß Euch dort dem Kastellan, Herrn de St. Pol, übergeben. Bis dorthin reicht meine Sendung.«

Noch eine Weile unterhielten sie sich in dieser Weise, bis sie vor der Brücke des Schlosses Male ankamen. Bei ihrem Herannahen rief die Schildwache über dem Tor nach den Söldnern der Wache, und die Egge ward aufgezogen. Kurz darauf fiel die Brücke dröhnend nieder, und der ganze Zug ritt in das Schloß.

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