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Der Löwe von Flandern

Hendrik Conscience: Der Löwe von Flandern - Kapitel 11
Quellenangabe
authorHendrik Conscience
titleDer Löwe von Flandern
publisherHesse & Becker Verlag
yearo.J.
translatorGeorg Gärtner
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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9.

Nachdem die Stadt Brügge sich ganz in die Macht der Franzosen gegeben hatte, begann de Chatillon ernsthaft an das Begehren der Königin zu denken; sie hatte ihm geboten, die junge Machteld van Bethune nach Frankreich überführen zu lassen. Obwohl es schien, daß nichts ihn an der Ausführung dieses Befehles hindern könne, da seine Kriegsknechte die Stadt füllten, wurde er durch eine politische Erwägung davon abgehalten. Er wollte erst seine Macht in Brügge festigen, die Gewerke einlullen, ein Schloß erbauen, und dann würde er die Tochter des Löwen von Flandern gefangennehmen und der Königin überliefern.

Adolf van Nieuwland war beim Einzug der Franzosen von der größten Furcht erfüllt gewesen; denn er sah nun Machteld ohne die Möglichkeit der Gegenwehr ihren Feinden bloßgestellt. Der tägliche Besuch und die Wache de Conincks konnte ihn anfänglich nicht beruhigen; dann, als er einige Wochen hindurch von den Franzosen nicht belästigt worden war, begann er zu glauben, sie hätten die Jungfrau vergessen und wollten nichts gegen sie unternehmen. Seine starke Körperbeschaffenheit und die kundige Sorgfalt Meister Rogaerts hatten seine Wunden geheilt, und er bekam wieder Farbe und Leben, aber es blieb eine große Traurigkeit zurück. Der unglückliche Ritter sah die Tochter seines Fürsten und Wohltäters täglich bleicher werden; mager und krank wie eine versengte Blume, siechte Machteld dahin, von trüben Gedanken gequält. Und er, der ihrer edlen Hut das Leben schuldete, er konnte ihr nicht helfen, sie nicht trösten! Seine Worte, wie freundlich sie auch waren, blieben ohne Eindruck auf die unglückliche Jungfrau, die beständig um ihren Vater weinte und seufzte. Keine einzige Nachricht war ihr noch von ihren gefangenen Anverwandten zugekommen, und sie war gleichsam auf ewig von ihrer teuren Familie getrennt. Adolf bemühte sich unablässig, ihre Trauer zu lindern; er machte Sprüche und Lieder für sie, spielte auf der Harfe und besang eine Heldentat Robrechts; aber dies alles blieb ohne Einfluß auf das Gemüt der Jungfrau: nichts konnte ihre schweren Träume verscheuchen. Sie war sanft, freundlich und dankbar, aber ohne Leben, ohne Lust und Neigung für irgend etwas; selbst der Falke trauerte verlassen und vergessen.

Einige Wochen nach seiner vollständigen Genesung entfernte sich Adolf mit langsamen Schritten von der Stadt und wandelte sinnend bei Sevecote, einem Gehöft in der Nähe von Brügge, auf schmalen Feldpfaden. Die Sonne stand sehr tief am Horizont, und der westliche Himmel färbte sich schon mit glühendem Rot. Den Kopf gebeugt und voll bitterer Gedanken, ging Adolf weiter, ohne auf seine Fußtritte zu achten. Eine Träne der Trauer glänzte unter seinem Augenlide, und von Zeit zu Zeit stieg ein Seufzer aus seiner Brust. Auf tausend Arten strengte er seinen Geist an, wie er einige Linderung in das Geschick der jungen Machteld bringen könne, und jedesmal wurde seine Verzweiflung größer; denn nichts fand er, das sie trösten konnte. Er sah sie alle Tage weinen, er sah sie dahinsiechen und sterben; und mit verschränkten Armen mußte er gleich einem Ratlosen diese Trübsal ansehen. Für einen mutigen Ritter wie er, war diese Ohnmacht schmerzlich, und manchmal knirschte er vor innerlichem Groll mit den Zähnen – aber was konnte dies nützen? Es blieb ihm nichts anderes übrig, als eine schmerzvolle Träne für sie zu vergießen und von besseren Tagen zu träumen.

Als er schon weit von der Stadt weg war und durch die Last seines Wehs ermüdet war, ließ er sich am Rande des Weges nieder. Mit zu Boden gerichtetem Blick setzte er sein trauriges Sinnen fort. Während er gebeugten Hauptes dasaß, schritt noch aus weiter Ferne ein anderer Mensch daher.

Eine braune wollene Mönchskutte mit einer weiten Kapuze, die auf den Rücken herabfiel, war sein Kleid; ein grauer Bart wallte ihm über die Brust, und seine schwarzen glänzenden Augen waren unter dichten Brauen tief eingesunken; braun war sein knochiges Gesicht, und tiefe Furchen lagen auf seiner Stirne. Mühsamen Schrittes wie ein ermatteter Wanderer näherte sich der Mönch allmählich der Stelle, wo Adolf saß, und plötzlich blieb er vor ihm stehen. Ein Ausdruck heftiger Freude huschte über sein Gesicht, und dies ließ vermuten, daß er Adolf kannte. Sein Gesicht ward jedoch von neuem ernst und kühl, als ob er sich verstellen wollte.

Adolf, der jetzt erst die Anwesenheit des Mönchs gewahr wurde, stand auf und grüßte ihn mit höflichen Worten. Seine Stimme hatte noch den traurigen Klang, den er aus seinem Grübeln geschöpft hatte, und er mußte sich Gewalt antun, um sprechen zu können.

»Mein Herr,« antwortete der Mönch, »eine weite Reise hat mich ermüdet; die Annehmlichkeit des Platzes, den Ihr Euch auserwählt habt, nötigt auch mich, zu ruhen. Ich bitte Euch, laßt Euch durch mich nicht stören.«

Er setzte sich auf das Gras nieder und bedeutete mit dem Finger, daß er Adolf bitte, das Gleiche zu tun. Dieser nahm ehrfurchtsvoll seinen früheren Platz wieder ein und saß nun neben dem Fremdling. Er war beim Klang seiner Stimme bewegt; es war ihm, als hätte er sie schon früher gehört; doch da er sich nicht erinnern konnte, wo er diesen Priester schon gesehen haben mochte, verscheuchte er diese Vermutung als unbegründet aus seiner Seele.

Nachdem er eine kleine Weile den jungen Ritter mit durchdringenden Blicken betrachtet, fragte der Mönch:

»Mein Herr, es ist schon geraume Zeit her, daß ich Flandern verlassen habe; es wäre mir angenehm, aus Eurem Munde zu erfahren, wie es in Brügge geht. Meine Kühnheit möge Euch nicht erzürnen.«

»O nein, Vater,« sagte Adolf, der sich keines Betruges versah, »es wird mir ein Glück sein, mich Euch verpflichten zu können. – In unserer Stadt Brügge geht es schlecht: die Franzosen sind dort die Herren!«

»Dies scheint Euch nicht zu gefallen, mein Herr! Ich hatte doch vernommen, daß die meisten Edlen ihren rechtmäßigen Grafen verleugnet haben und die Fremden liebevoll empfangen.«

»Ach, dies ist nur allzu wahr, Vater. Der unglückliche Graf Gwijde ist von vielen seiner Untertanen verlassen, und noch mehr sind ihrer, die ihren alten Ruhm vergessen; aber das flämische Blut ist nicht in allen Adern verdorben; es gibt noch Herzen, die dem Fremden feindlich sind.«

Bei diesen Worten zeichnete sich innige Freude auf den Zügen des Mönchs ab. Wenn Adolf etwas mehr Menschenkenntnis besessen hätte, so hätte er bemerkt, daß die Sprache dieses wandernden Geistlichen gezwungen und erkünstelt war und daß ein Zug der Verstellung auf seinem Gesichte lag. Der Mönch antwortete:

»Eure Ansichten, mein Herr, sind löblich und verdienen meine Achtung. Es ist mir eine wahre Freude, noch einen edelmütigen Menschen, in dem noch nicht alle Liebe für den unglücklichen Landesherrn Gwijde vergangen ist, anzutreffen. Gott lohne Euch Eure Treue.«

»O Vater!« rief Adolf, »wenn es Euch gegeben wäre, in den Grund meines Herzens zu sehen – wenn Ihr die Liebe, die ich meinem Herrn, dem unglücklichen Gwijde und seiner Familie geweiht habe, kennen könntet! – Ich schwöre Euch, o Priester, daß der glücklichste Augenblick meines Lebens der wäre, in dem ich meinen letzten Blutstropfen für sie vergießen dürfte.«

Der Mönch kannte das Menschenherz hinreichend, um zu bemerken, daß die Worte des jungen Ritters nicht erheuchelt waren und daß er dem gefangenen Gwijde die innigste Liebe entgegenbrachte. Nachdem er sich eine kurze Weile bedacht hatte, versetzte er:

»Wenn ich Euch Gelegenheit gäbe, den Eid, den Ihr soeben geleistet, zu erfüllen, würdet Ihr dann nicht zurückweichen und würdet Ihr wie ein Mann allen Gefahren trotzen?«

»Ich bitte Euch, Vater,« rief Adolf flehend, »zweifelt nicht an meiner Treue – auch nicht an meinem Mute! Sprecht schnell, Euer Schweigen quält mich.«

»So höret mich denn mit Ruhe an. Um empfangener Wohltaten willen bin ich dem Hause Gwijdes von Flandern zur größten Dankbarkeit verpflichtet; das Gefühl der Erkenntlichkeit und Liebe, das ich immer für meinen gnädigen Fürsten gehegt habe, ließ mich den Entschluß fassen, ihm und den Seinen in ihrem Unglück beizustehen. Mit diesem Vorsatz verließ ich mein Kloster und begab mich nach Frankreich. Dort habe ich durch Gebete, durch Geld oder unter dem Vorwande meiner Priestereigenschaft alle edlen Gefangenen besuchen dürfen; ich habe dem Vater die Worte seines Sohnes überbracht und auf den Sohn seines Vaters Segen übertragen. Im Kerker des Louvre habe ich mit der armen Philippa geseufzt und geweint. Also habe ich ihre Schmerzen gelindert und die Entfernung, die sie voneinander scheidet, zeitweise verkürzt. Ich habe ganze Nächte mit Reisen zugebracht und meine Füße blutig gelaufen; oft wurde ich abgewiesen, verhöhnt und verspottet; aber das galt mir nichts gegenüber dem Glück, meinen rechtmäßigen Fürsten in ihrem Elend dienen zu können. Eine Träne der Dankbarkeit, die mein Erscheinen über ihre Wangen rollen ließ, war mir ein Lohn, den ich gegen alles Gold der Welt nicht hätte eintauschen mögen ...«

»Seid gebenedeit, o edelmütiger Priester!« rief Adolf. »Eurer harrt ein seliges Leben! Aber ich bitte Euch, wie geht es Herrn van Bethune?«

»Lasset mich fortfahren, ich werde etwas länger über ihn sprechen. Er sitzt in einem düsteren Turm zu Bourges im Lande Berry. Unglücklicher könnte sein Geschick wohl noch sein: denn er ist von Banden und Ketten frei. Der Kastellan, der ihn hüten muß, ist ein alter Kriegsmann, der sich im sizilianischen Kriege ritterlich betragen und unter dem Banner des schwarzen Löwen gefochten hat. Auch ist er Herrn Robrecht viel eher ein Freund als ein Wächter.«

Adolf hörte mit der größten Spannung zu; manchmal traten Worte der Freude auf seine Lippen; doch hielt er an sich. Der Mönch fuhr fort:

»Sein Gefängnis wäre also kein unleidlicher Aufenthalt für ihn, wenn sein Herz ihn nicht woanders hinführte; aber er ist Vater, und alle trüben Aussichten martern sein Herz. Seine Tochter ist in Flandern geblieben, und er fürchtet Johanna, die neidische und grausame Königin von Navarra, die auch sein Kind verfolgen und vielleicht zum Grabe schleppen wird. Dieser schmerzvolle Gedanke foltert den zärtlichen Vater, und sein Gefängnis wird ihm unerträglich; die bitterste Verzweiflung erfüllt ihn, und die Tage seines Lebens sind schmerzlicher als die Tage einer verdammten Seele.«

Adolf wollte seine Teilnahme durch Worte bekunden, und er hätte gewiß von Machteld gesprochen, aber ein Wink des Mönchs erstickte die Stimme auf seinen Lippen.

»Erwäget nun,« versetzte dieser in feierlichem Tone, »ob Ihr wirklich Euer Leben für den Löwen, Euren Herrn, wagen wollt. Der Kastellan von Bourges will ihn auf Ehrenwort für einige Zeit in Freiheit setzen, aber ein treuer und liebevoller Untertan muß sich an seiner Stelle einkerkern lassen.«

Der junge Ritter ergriff des Priesters Hände und küßte sie weinend.

»Selige Stunde!« rief er. »Soll ich Machteld diesen Trost verschaffen? – Wird sie ihren Vater wiedersehen, o Gott! Und ich soll diesen heiligen Beruf erfüllen? Wie freudig klopft mir das Herz! Der glücklichste Mensch auf Erden sitzt vor Euch, o Priester. Wißt Ihr, welch seligen Augenblick – welch reine Freude Eure Worte mir bereiten! Ja, ich werde die Ketten mit Dankbarkeit annehmen. Kein Gold wird mir so sehr wie das Eisen behagen. O Machteld, Machteld! der Wind trage zu dir die freudige Kunde!«

Der Mönch ließ die Aufregung des Ritters sich legen und erhob sich; Adolf schritt neben ihm auf dem Wege einher, und sie gingen beide langsam der Stadt zu.

»Mein Herr,« versetzte der Priester, »Eure edlen Gefühle verwundern mich mit Grund; ich zweifle keineswegs an Eurem Mut – aber habt Ihr wohl erwogen, in welche Gefahr Ihr Euch begeben werdet? Sobald die List entdeckt wird, werdet Ihr Eure Aufopferung mit dem Tode büßen.«

»Ein flämischer Ritter fürchtet den Tod nicht,« antwortete Adolf. »Nichts kann mich zurückhalten. Wenn Ihr wüßtet, daß ich seit sechs Monaten Tag und Nacht meinen Kopf quäle, um zu ergründen, wie ich mein Leben für das Haus Flandern wagen könnte, dann würdet Ihr mir nicht von Gefahr und Furcht sprechen. Noch in dem Augenblicke, da ich eben mißmutig am Wege saß, erbat ich hierzu die Eingebung des Herrn, und Ihr, o Priester, seid sein Dolmetscher gewesen.«

»Es ist nötig, daß wir diese Nacht abreisen, damit das Geheimnis nicht entdeckt werde.«

»Je eher, desto lieber; denn meine Gedanken sind schon zu Bourges bei dem Löwen von Flandern, meinem Herrn und Fürsten.«

»Ihr seid so jung, Herr Ritter; Eure Gesichtszüge ähneln wohl denen des Herrn Robrecht; aber der Unterschied der Jahre ist zu groß. Dies kann jedoch kein Hindernis sein; denn meine Kunst wird Euch das Alter, das Euch fehlt, in wenigen Augenblicken geben.«

»Was will dies heißen? Könnt Ihr mich älter machen, als ich bin?«

»O nein; aber ich kann Euer Gesicht derart verändern, daß Ihr Euch selbst nicht mehr erkennen werdet. Dazu gebrauche ich Kräuter, deren Kräfte mir bekannt sind. Glaubt nicht, daß ich mich eines gottlosen Geheimnisses bediene. – Aber, mein Herr, nun wir der Stadt Brügge so nahe sind, könnt Ihr mir sagen, wo ein gewisser Adolf van Nieuwland wohnt?«

»Adolf van Nieuwland!« rief der Ritter. »Er ist es, der Euch begleitet – ich bin es!«

Die Verwunderung des Priesters schien groß; er blieb auf der Straße stehen und betrachtete den Junker mit erheucheltem Erstaunen.

»Wie, Ihr seid Adolf van Nieuwland! Dann ist Machteld van Bethune in Eurem Hause?«

»Diese Ehre ist meinem Hause zuteil geworden,« antwortete Adolf. »Euer Kommen, Vater, wird sie höchlichst erfreuen; der Trost, den Ihr ihr bringt, kommt spät; denn sie trauert und siecht dahin, als ob sie sterben wollte.«

»Hier ist ein Brief von ihrem Vater, den Ihr ihr geben möget; denn ich höre wohl, daß es Euch eine Freude sein wird, ihren Schmerz dadurch zu lindern.«

Dabei zog er ein Pergament, das mit einem seidenen Faden und einem Siegel verschlossen war, aus seinem Unterkleide und gab es dem Ritter. Dieser betrachtete es stumm und mit der größten Rührung. Seine Gedanken führten ihn schon vor Machteld, und er lechzte im voraus nach der Freude, die er aus der Freude der Jungfrau würde schöpfen dürfen. Jetzt ging ihm der Mönch zu langsam, und er war immer einen Schritt voran, so sehr trieb ihn die Ungeduld.

Als sie in der Stadt und am Hause Adolfs angelangt waren, betrachtete der Priester die anstoßenden Gebäude, als ob er sie wiedererkennen wollte, und sprach:

»Herr van Nieuwland, ich wünsche Euch Lebewohl. Heute noch werde ich wiederkommen – vielleicht ein wenig spät. Macht unterdessen Eure Ausrüstung bereit.«

»Wollt Ihr nicht mit mir zur Jungfrau gehen? Ihr seid so müde. Laßt mich Euch die Ruhe nebst allem, was mein Haus birgt, anbieten – ich bitte Euch.«

»Ich danke Euch, mein Herr; meine Pflichten als Priester rufen mich woanders hin. Um zehn Uhr werde ich Euch wiedersehen – Gott behüte Euch!«

Mit diesem Gruß verließ er den verwunderten Ritter und ging bis in die Wollenstraße, wo er im Hause de Conincks verschwand.

Aufgeregt vor Freude über dieses unerwartete Glück, das ihm wie ein goldner Traum erschien, klopfte Adolf mit größter Ungeduld an seine Tür.

Der Brief des Herrn van Bethune glühte in seinen Händen, und als die Dienerin öffnete, eilte er wie ein Sinnloser in den Gang.

»Wo ist Machteld, wo ist Jungfrau Machteld?« fragte er in einem Tone, der eine schnelle Antwort heischte.

»Im Saal auf der Straßenseite,« sagte die Dienerin.

Der Ritter stob die Treppe hinauf und stieß ungestüm die Türe des Saales auf.

»O, edles Fräulein Machteld!« rief er, »trocknet Eure Tränen. Lasset die reinste Freude Euer Herz erfüllen! Unser Unglück ist vorbei!«

Die junge Gräfin saß beim Eintritt Adolfs am Fenster und seufzte mißmutig; sie betrachtete den aufgeregten Junker mit einer seltsamen Miene, in der Zweifel und Unglaube zu lesen waren.

»Was sagt Ihr?« rief sie endlich, indem sie sich erhob und ihren Falken hastig auf den Stuhl stellte. »Unser Unglück ist vorbei?«

»Ja, meine edle Jungfrau, ein besseres Los harret Eurer. Hier ist eine selige Schrift; – sagt das Pochen Eures Herzens Euch nicht, welch teure Hand ...«

Bevor er diese Rede vollenden konnte, sprang Machteld mit wogendem Busen nach der Schrift und riß sie ihm aus den Händen. Ein mächtiges Feuer hatte ihre Wangen mit Rot gefärbt, und Freudentränen rannen aus ihren Augen. Sie riß das gräfliche Siegel und die seidenen Fäden von dem Briefe ab und las ihn dreimal, ehe sie etwas davon zu verstehen schien. – Sie verstand ihn nur allzu gut, die unglückliche Magd! Ihre Tränen hörten nicht auf zu fließen, aber die Ursache dessen veränderte sich; denn jetzt war es keine Freude mehr, sondern bitteres Weh, das ihr das Schmerzenswasser aus den Augen trieb.

»Herr Adolf,« rief sie in schmerzlichem Tone, »Eure Freude zerreißt mir das Herz. Unser Unglück ist vorbei, sagt Ihr? Hier ... lest und weint mit mir über meinen unglücklichen Vater.«

Der Ritter nahm die Schrift aus den Händen Machtelds und ließ beim Lesen das Haupt auf die Brust sinken. Er dachte zuerst, der Priester habe ihn betrogen und als Boten einer schrecklichen Kunde benützt; aber als er den Inhalt ganz kannte, schwand dieser Verdacht; er dachte einige Augenblicke an seinen unvorsichtigen Ausruf, sprach aber nicht. Machteld wurde von Teilnahme für ihn bewegt. Nun sie ihn so traurig auf die Schrift niederstarren sah, warf sie sich innerlich die heftigen Worte vor, die sie ihm entgegengeschleudert. Sie näherte sich dem sinnenden Junker und sprach mit einem Lächeln unter Tränen:

»Vergebt mir, Herr Adolf – laßt Euch nicht betrüben. Glaubet nicht, daß ich auf Euch zornig bin, weil Ihr mir zuviel Heil verheißen habt. Ich kenne die heißen Wünsche, die Ihr für das Glück einer armen Jungfrau hegt. Glaubet mir, Adolf, daß ich nicht undankbar bin gegen Eure edelmütige Aufopferung.«

»O, edle Machteld,« rief er, »ein großes Glück darf ich Euch verheißen. Nein, meine Freude ist nicht übermäßig: den Inhalt des Briefes kannte ich, aber in ihm steht nicht, was mich so erfreute. Trocknet Eure Tränen, Jungfrau; ich wiederhole es, trauert nicht mehr, denn Ihr werdet binnen kurzem an der Brust Eures Vaters ruhen können.«

»Heil!« seufzte Machteld, »sollte dies wahr sein! – Sollte ich meinen Vater sehen und sprechen? Aber warum peinigt Ihr mich, mein Herr – warum erklärt Ihr mir dieses Rätsel nicht? O, sprecht, auf daß der Zweifel aus mir verschwinde.«

Ein leichtes Mißbehagen verdüsterte die hellen Züge des Junkers. Er hätte Machteld gerne die gewünschte Auskunft gegeben; aber seine edle Seele vermochte es nicht, seine eigenen Verdienste hervorzuheben; er antwortete in einem Tone, der seine Trauer hierüber verriet:

»Ich bitte Euch, erlauchte Jungfrau, nehmt mir mein Schweigen nicht übel. Seid versichert, daß Ihr Euren Vater sehen werdet und daß er seine teure Tochter auf vaterländischem Boden wird sprechen und umarmen dürfen; aber es ist mir nicht erlaubt, Euch mehr zu sagen.«

Die junge Gräfin ließ sich dadurch nicht befriedigen. Ein doppeltes Gefühl trieb sie zur Enthüllung des Rätsels: die weibliche Neugier und der Zweifel, der ihr noch blieb. Merklicher Groll verzog ihre Lippen, und sie sprach:

»Herr Adolf, ach, sagt mir die Sache, die Ihr mir verbergen wollt. – Glaubet nicht, daß ich unbesonnen genug wäre, es zu meiner Schande bekanntzumachen.«

»O Jungfrau, ich darf, ich kann nicht.«

»Es würde mich so freuen, Herr Adolf! Nun glaube ich Euren Worten nicht; ich beraube mich der Freude, die ich [genießen] sollte. – Sagt es mir doch.«

»Ich bitte Euch um Verzeihung, Edelfrau, ich kann es nicht tun.«

Die Neugierde Machtelds wuchs immer mehr bei den Worten des Ritters; sie fragte ihn noch mehrmals nach dem Geheimnis; doch alles war vergeblich. Endlich befiel sie die Ungeduld, und als sie alle Arten des Bittens erschöpft hatte, begann sie vor Groll wie ein Kind zu weinen.

Beim Anblick ihrer Tränen beschloß er, ihr alles zu sagen, was das Bekenntnis seines Opfers ihn auch kosten möge. Machteld las ihren Sieg von seinem Antlitz und trat mit froher Neugier an ihn heran, während er also zu ihr sprach:

»Höret, Machteld, wie wunderlich ich zu diesem Briefe und zur Kenntnis dieser glücklichen Kunde gekommen bin. Ich saß bei Sevecote in tiefes Sinnen versunken und betete innig, um die Gnade des Herrn auf meinen unglücklichen Landesherrn herabzurufen; aber wie groß war mein Erstaunen, als ich, den Kopf erhebend, einen Priester vor mir stehen sah. Im ersten Augenblick meinte ich, daß mein Gebet erhört sei und daß mir durch diesen Menschen irgendein Trost kommen müsse. Es war auch so, edles Fräulein, denn aus seinen Händen empfing ich den Brief und aus seinem Munde vernahm ich die selige Kunde. Euer Vater darf sein Gefängnis für einige Tage verlassen; aber ein anderer Ritter muß die Ketten für ihn anlegen.«

»O Freude!« rief Machteld aus, »ich werde ihn sehen und sprechen! Ach, Vater – mein teurer Vater, wie lechzt mein Herz nach deinen Küssen! Adolf, Ihr bringt mich außer mich vor Freude; Eure Worte sind so süß, Bruder! Aber wer wird den Platz meines Herrn Vaters einnehmen wollen?«

»Dieser Mann ist gefunden,« lautete des Ritters Antwort.

»Der Segen des Herrn senke sich auf ihn herab!« rief die Jungfrau. »Wie edelmütig ist er, der also meinen Vater erlösen will und mir das Leben wiedergibt. Diesen Menschen werde ich allezeit lieben, ihm werde ich ewig danken; denn er verdient noch mehr. Aber wer ist er denn, der edelmütige Ritter?«

Adolf beugte das Knie vor der Jungfrau und rief:

»Wer anders als Euer Diener Adolf, o edle Tochter des Löwen, meines Herrn?«

Machteld starrte gerührt auf den Jüngling; sie hob ihn vom Boden auf und sprach:

»Adolf, guter Bruder, wie kann ich jemals Euer Opfer lohnen? O, ich weiß was Ihr schon getan habt, um mein Los zu mildern. Ich habe es wohl gesehen: mein Wohl war der einzige Traum Eures Lebens. Nun geht Ihr die Ketten meines Vaters anlegen; – Ihr werdet vielleicht sterben, um mir einen glücklichen Augenblick zu verschaffen ... Ich kummervolle und traurige Tochter habe dies nicht verdient.«

Ein ungewöhnliches Feuer, männlich und stark, leuchtete in den Augen des Ritters. Durch den Edelmut seiner Tat erhoben, rief er:

»Fließt nicht das Blut meiner Grafen in Euren Adern, Edelfrau? Seid Ihr nicht der teure Sproß des Löwen, des Fürsten, der der Ruhm meines Vaterlandes ist? O, niemals, niemals kann ich seine Wohltaten ganz lohnen – mein Blut, mein Leben habe ich Eurem erlauchten Hause geweiht. Alles, was der Löwe liebt, ist mir heilig!«

Während Machteld ihn mit Bewunderung ansah, kam die Dienerin und kündigte das Erscheinen des Priesters an; und dieser ward auf Adolfs Befehl in den Saal geleitet.

»Seid gegrüßt, erlauchte Tochter des Löwen, unseres Herrn,« sprach er, sich ehrfürchtig verneigend, während er die Kapuze seiner Kutte auf den Rücken warf.

Machteld betrachtete den Mönch mit gespannter Aufmerksamkeit und zermarterte ihr Gedächtnis, um sich des Namens des Mannes, dessen Stimme sie so sehr bewegte, zu erinnern. Plötzlich faßte sie seine Hand und rief mit großer Heftigkeit, während ihre Augen vor Freude glänzten:

»O Gott, ich sehe den Busenfreund meines Vaters! Diederik! Ich glaubte, daß alle, außer Herrn van Nieuwland, uns verlassen hätten: aber nun habe ich dem Himmel zu danken, daß er mir einen zweiten Beschützer gesandt hat. Und ich – ich wagte Euch im Geiste der Untreue zu beschuldigen! Vergebt diesen Irrtum meines verzweifelnden Herzens, Herr die Vos!«

Diederik stand erstaunt, da ein Frauenauge seine Kunst zunichte gemacht hatte; er nahm ärgerlich seinen Bart ab und zeigte sich dann der Jungfrau noch erkennbarer. Adolf brach in Dankesworte aus und drückte ihm in zärtlicher Freundschaft die Hand. Diederik, sich zu Machteld wendend, sprach:

»Fürwahr, edles Fräulein, ich muß bekennen, daß Ihr einen scharfen Blick habt; nun bin ich gezwungen, meine natürliche Sprache wieder anzunehmen. Ich wäre übrigens lieber unbekannt geblieben; denn die Maske, die Ihr durchschaut habt, ist höchst nötig für das Heil meines Herrn, des Löwen. Ich bitte Euch deshalb, meinen wahren Namen vor niemandem auszusprechen: dies könnte mich vielleicht das Leben kosten. Euer Gesicht, Jungfrau, zeugt von Eurem langen Schmerze; aber dieser Schmerz wird nicht immer währen, wenn unsere Hoffnungen in Erfüllung gehen. Übrigens, wenn das Gefängnis Eures Vaters sich entgegen unseren Erwartungen verlängern sollte, gebietet Euch die Gottesfurcht, auf die Gerechtigkeit des Herrn zu vertrauen. Ich habe Herrn van Bethune gesehen und gesprochen; sein Los ist durch die Güte des Kastellans gemildert – und er bittet Euch, nicht um ihn zu trauern.«

»Erzählt mir doch, was er gesagt hat, Herr die Vos! Lasset mich wissen, wie sein Kerker ist und was er tut, auf daß ich mich durch das Hören seines teuren Namens erfreuen dürfe!«

Diederik die Vos begann eine weitläufige Beschreibung der Türme von Bourges und erzählte dem Mädchen alles, was er selbst wußte. Mit der größten Bereitwilligkeit antwortete er auf ihre unbedeutendsten Fragen und tröstete sie durch glückliche Verheißungen. Inzwischen war Adolf aus dem Saale gegangen, um seine Schwester Maria über seine bevorstehende Abreise zu unterrichten, und hatte geboten, daß man sein Pferd und seine Waffen für die Abreise fertig machen sollte. Auch hatte er einen treuen Diener in sein Vorhaben eingeweiht, damit er alles an de Coninck und Breydel berichte und die junge Gräfin ihrer Wachsamkeit empfehle. Dies war jedoch unnötig, da Diederik die Vos schon mit geheimen Befehlen beim Dekan der Weber gewesen war.

Sobald Adolf in den Saal zurückkehrte, erhob sich Diederik von seinem Sitze und sprach:

»Herr van Nieuwland, ich darf hier nicht länger verweilen; deshalb bitte ich Euch, mich Eurem Gesicht das nötige Alter geben zu lassen. Fürchtet nicht, daß es Euch etwas schaden wird, und laßt mich ohne Störung gewähren.«

Der Ritter ließ sich auf einem Sessel vor Diederik nieder und bog den Kopf zurück. Machteld, die nicht begreifen konnte, was dies zu bedeuten hatte, stand mit weitgeöffneten Augen verwundert neben ihnen; sie folgte neugierig Diederiks Fingern, die auf dem Gesicht Adolfs manche graue Flecken und finstere Linien zeichneten. Bei jedem Zug verstummte das Mädchen immer mehr; denn das Wesen des Ritters veränderte sich und nahm einen Ausdruck an, der sie an die Züge ihres Vaters erinnerte. Das Herz der Jungfrau klopfte ungestüm bei dem Anblick dieses Wunderwerkes. Nun alle Linien und Furchen wohl gezeichnet waren, befeuchtete Diederik die Wangen und die Stirne Adolfs mit einem bläulichen Wasser und gebot ihm aufzustehen.

»Es ist geschehen,« sagte er, »Ihr gleicht dem Herrn van Bethune, als hätte derselbe Vater Euch gezeugt; und wenn ich nicht selbst Euch so verwandelt hätte, würde ich Euch mit dem erlauchten Namen des Löwen begrüßen. Ich bin von Ehrfurcht für Euer neues Gesicht erfüllt, glaubet mir.«

Die junge Machteld stand sprachlos und wie versteinert vor Adolf; sie konnte ihre Augen nicht sättigen, und sie betrachtete abwechselnd die beiden Ritter wie jemand, der nach dem Geheimnis eines unverständlichen Geschehens fragt. Nun glich Adolf so genau Herrn van Bethune, daß sie geneigt war, zu glauben, ihr Vater stünde wirklich vor ihr.

»Herr van Nieuwland,« sprach Diederik die Vos, »wenn Ihr Euer edles Vorhaben glücklich vollbringen wollet, ist es ratsam, daß wir diesen Platz verlassen und daß Ihr bald abreiset; wenn ein Feind oder ein ungetreuer Diener Euch in dieser Gestalt sieht, seid Ihr in Gefahr, Euer Leben nutzlos aufs Spiel zu setzen.«

Adolf begriff den vernünftigen Sinn dieser Worte.

»Lebt wohl, edle Jungfrau!« rief er, »lebt wohl und denkt manchmal an Euren Diener Adolf.«

Es ist unmöglich, zu sagen, wie tief das Mädchen bei diesen Worten bewegt wurde. Als der junge Ritter ihr bekanntmachte, daß er nach Bourges gehen werde, um Herrn van Bethune im Kerker abzulösen, hatte sie nur die Schönheit dieser Reise in der Wiederkunft ihres Vaters betrachtet; aber nun sie sah, daß ihr guter Bruder, wie sie ihn nannte, sie sogleich verlassen wollte, ward ihr Herz von qualvoller Trauer ergriffen.

Sie unterdrückte ihre Tränen, die schon in ihren Augen blinkten, und nestelte den großen Schleier ab, der an ihrem Kopfputz hing.

»Hier,« sprach sie, »empfangt dies aus den Händen Eurer dankbaren Schwester; es gereiche Euch zum Gedächtnis derjenigen, die Eure großartige Tat nimmermehr vergessen wird ... es ist meine liebste Farbe.«

Der Ritter empfing dies Pfand mit gebeugtem Knie und führte es mit einem dankbaren Blick an seine Lippen.

»O Machteld!« rief er, »ich habe diese Gunst nicht verdient; aber kommt einmal der Augenblick, da mein Blut für das Haus Flandern fließen darf – dann werde ich mich Eurer Freundschaft und Güte würdig machen!«

»Mein Herr, es ist Zeit; ich bitte Euch, stellt Eure Danksagungen ein,« mahnte Diederik.

Dazu machte er eine Gebärde, die gleich einem unwiderruflichen Urteil die jungen Leute mit Schmerz erfüllte. Sie unterwarfen sich dem Geschick.

»Lebt wohl, Machteld.«

»Lebt wohl, Adolf.«

Und der Ritter ging hastig aus dem Saal. Auf dem Vorhof angekommen, stiegen er und Diederik in den Sattel, einige Augenblicke später trabten zwei Pferde mit hallenden Hufschlägen durch die einsamen Gassen der Stadt, bis sie unter dem Genter Tor verschwanden.

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