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Der Löwe von Flandern

Hendrik Conscience: Der Löwe von Flandern - Kapitel 10
Quellenangabe
authorHendrik Conscience
titleDer Löwe von Flandern
publisherHesse & Becker Verlag
yearo.J.
translatorGeorg Gärtner
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160929
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8.

Des anderen Tags vor Sonnenaufgang stand Jan van Gistel mit den Leliaarts im vollen Harnisch auf dem Gemüsemarkt; gegen dreihundert Reiter und bewaffnete Diener waren hier versammelt. Die größte Stille herrschte unter diesem kleinen Heere; sollte ihr Anschlag gelingen, durften sie die Bürger von Brügge nicht wecken. Sie warteten geduldig die ersten Strahlen der Morgensonne ab, um das Volk zu überfallen und aus allen Familien die Waffen wegzunehmen; dann wollten sie de Coninck und Breydel wegen ihrer Auflehnung hängen lassen und die Gewerke zur Unterwerfung zwingen. De Chatillon sollte am gleichen Tage in der entwaffneten Stadt seinen Einzug halten und Brügge für immer eine andere Form der Verwaltung aufdrängen. Zum Unglück für sie hatte de Coninck ihr Geheimnis entdeckt und sich auf den Kampf vorbereitet.

In dem gleichen Augenblick und in derselben Stille standen die Weber und Fleischhauer nebst einigen anderen Handwerksgesellen in der Flämischen Straße. De Coninck und Breydel gingen in einiger Entfernung von den Scharen allein auf und ab und formten den Plan, nach dem sie vorgehen wollten. Während die Weber und Fleischhauer über die Leliaarts herfallen würden, sollten die übrigen Gesellen sich der Stadttore bemächtigen und diese geschlossen halten, damit der Feind keine Hilfe von außen erlange.

Kurze Zeit, nachdem dies also festgesetzt war, bimmelte die Glocke auf der St.-Donaans-Kirche, und die Schritte der Pferde von Jan van Gistel widerhallten in der Ferne; darauf setzten sich die Scharen der Gewerke ebenfalls in Bewegung und zogen in größter Stille den Leliaarts entgegen. Es war just auf dem Markte, wo die feindlichen Scharen sich gegenseitig zu Gesicht bekamen; die Französlinge kamen eben aus der Breydelstraße, während die Gewerke noch in der Flämischen Straße waren. Groß war das Erstaunen der Leliaarts, als sie bemerkten, daß ihr Geheimnis entdeckt sei. Aber darum nahmen sie noch nicht von ihrem Plane Abstand; denn sie waren Ritter und mutige Männer.

Bald ließ die Kriegsfanfare ihre unheimlichen Klänge erschallen, und die Pferde stoben gegen die noch in der Flämischen Straße eingeschlossenen Bürger. Die gefällten Speere der Leliaarts begegneten den Gutentags der Weber, die bewegungslos den Stoß erwarteten. Wie groß auch der Mut und die Behendigkeit der Handwerker waren, so konnten sie doch wegen ihres schlechten Standortes der Gewalt nicht widerstehen. Zehn Männer aus dem ersten Glied stürzten tot oder verwundet zu Boden und gaben hierdurch den Reitern Gelegenheit, die Schlachtordnung zu durchbrechen; drei Scharen wichen zurück, und die Leliaarts, die sich schon als die Herren des Schlachtfeldes wähnten, stimmten triumphierend den Ruf an: »Monjoie St. Denis! Frankreich!« Sie stachen und hieben nach links und rechts auf die Weber ein und besäten den Platz, wo sie standen, mit den Leichen der Bürger. De Coninck, der an der Spitze war, wehrte sich tapfer und verhinderte mit einem langen Gutentag für einige Zeit die Zerstreuung der ersten Glieder. Diese hatten allein die Macht der Französlinge zu bekämpfen; denn da sie in der Straße eingeschlossen waren, konnten die hinteren Glieder nicht in den Kampf eingreifen. Die Worte und das Beispiel des Dekans beschworen das Geschick nicht lange: die Leliaarts stürzten sich mit neuer Kraft gegen seine vorderen Reihen und trieben sie in Verwirrung zusammen.

Dies war so schnell vor sich gegangen, daß ihrer schon viele gefallen waren, bevor Jan Breydel, der mit seinem Gewerk im Hintergrund der Straße stand, das Gefecht bemerken konnte. Eine auf Befehl de Conincks ausgeführte Bewegung öffnete die Glieder und führte ihnen die Lage und die Gefahr der Weber vor Augen. Er brüllte mit heiserer Stimme einige unverständliche Worte, und indem er sich nach seinen Männern umkehrte, rief er:

»Vorwärts, Fleischhauer! Vorwärts!«

Wie rasend flog er mitten durch die Weber und stürzte sich mit allen seinen Männern den Reitern entgegen. Der erste Schlag seines Beiles ging durch die Nasenplatte eines Pferdes und der zweite Schlag fällte den Reiter, der ihm vor die Füße stürzte. In einem Augenblick trat er auf vier Leichen und kämpfte wütend weiter, bis er selbst eine geringfügige Verwundung am Arme erlitt. Der Anblick seines eigenen Blutes machte ihn wahnsinnig: Schaum trat ihm vor den Mund, und während er den Ritter, der ihn verwundet hatte, mit einem flüchtigen Blicke ansah, warf er sein Beil weg. Sich dann unter dem Speer seines Feindes bückend, warf er sich mit rasender Wut gegen das Pferd und klammerte sich an dem Körper des Leliaarts fest. Wie stark dieser auch im Sattel saß, so mußte er doch der Kraft des tollen Breydel erliegen und fiel, aus dem Sattel gerissen, zu Boden. Während der Dekan der Fleischhauer beschäftigt war, seine Rache an ihm zu kühlen, waren seine Kameraden und die übrigen Handwerker über die Schar der Französlinge hergefallen und hatten ihrer viele gefällt. Da die Streitenden lange auf einem Platze fochten, waren die Leichen von Menschen und Pferden dicht gesät und Ströme Bluts färbten die Straße dunkelrot.

Nun konnte nichts mehr der Gewalt der Gewerke widerstehen; denn da die Leliaarts zurückgewichen waren, hatten ihre Feinde sich kämpfend über den Marktplatz verbreiten können. Es war ersichtlich, daß sie alle Reiter in einem Kreise zu fangen und in dieser Absicht ihren linken Flügel bis zum Eiermarkt auszudehnen suchten. Bald wendeten die besiegten Ritter ihre Pferde und flüchteten eiligst, um der Todesgefahr zu entkommen. Die Weber und Fleischhauer eilten ihnen mit Triumphgeschrei nach, konnten sie aber nicht mehr einholen, da sie auf allzu guten Pferden saßen.

Beim Klang der Posaunen und dem Lärm des Kampfes war die ganze Stadt in Aufruhr geraten – bald war alles auf den Beinen. Tausende bewaffneter Bürger eilten aus allen Straßen herbei, um ihren Brüdern zu helfen; doch der Sieg war schon erfochten. Nachdem die Leliaarts auf die Burg geflüchtet waren, wurde dieser Ort auf allen Seiten von den Handwerksgesellen umzingelt und bewacht.

Während solches auf dem Marktplatze geschah, umrannte der Landvogt de Chatillon die meuterische Stadt mit fünfhundert französischen Reitern. Er hatte wohl vorausgesehen, daß die Brügger nach ihrer alten Gewohnheit die Tore geschlossen halten würden, und er hatte sich deshalb auch auf die Überwindung dieses Hindernisses vorbereitet. Sein Bruder, Gui de St. Pol, sollte ihm zahlreiches Fußvolk und die nötigen Werkzeuge zur Erstürmung heranführen. In Erwartung dieser Hilfe formte er schon den Plan für den Sturmlauf und erspähte die schwächste Seite der Stadt. Obwohl er nur wenig Volk auf den Wällen sah, fand er es doch nicht rätlich, mit Reitern allein etwas zu unternehmen; denn er wußte, welch unzähmbares Volk in Brügge wohnte. Eine halbe Stunde nach seiner Ankunft tauchte der Zug de St. Pols in der Ferne auf; die Spitzen der Speere und die Hellebarden blitzten am Horizont in den ersten Strahlen der Sonne, und eine undurchdringliche Staubwolke bedeckte die Pferde, die die Werkzeuge auf der Straße dahinzogen.

Die wenigen Brügger, die das Tor und die Wälle hüteten, sahen diese zahlreiche Schar nicht ohne Angst nahen. Als sie die schweren Balken und Sturmgeräte heranbringen sahen, beschlich sie eine bange Ahnung. In einigen Augenblicken lief die Trauermär in der Stadt umher, und die Herzen der Frauen wurden von Schrecken und Weh befangen. Die bewaffneten Handwerksleute waren noch um die Burg geschart, als die Nachricht von dem herannahenden Sturmheere sie in ihrer Tätigkeit überraschte. Nachdem sie eine Anzahl Genossen am Platze gelassen hatten, um die verschanzten Leliaarts an einem Ausfall zu verhindern, eilten sie zu den Befestigungen und verteilten sich auf die bedrohten Mauern. Nicht ohne für ihre Heimatstadt zu fürchten, sahen sie, daß die französischen Söldner bereits beschäftigt waren, die Balken zusammenzufügen, die sich zu furchterweckenden Werkzeugen gestalten sollten.

Die Belagerer arbeiteten in weiter Entfernung von den Mauern und waren nicht im Bereich der Pfeile, die von der Stadt aus auf sie abgeschossen werden konnten; sie fuhren gelassen in ihren Vorbereitungen fort, während de Chatillon mit seinen Reitern jeden Ausfall der Bürger verhinderte. Es währte nicht lange, so erhoben sich hohe Türme mit Fallbrücken im Heere der Franzosen; Sturmböcke und Wurfmaschinen waren ebenfalls bald fertig, und alles verhieß den Brüggern ein schreckliches Geschick.

Wie groß die Gefahr auch war, so konnte man doch auf den Gesichtern der Handwerker keine feige Furcht erkennen; sie hefteten die Augen starr und bewegungslos auf den Feind, ihre Herzen pochten stark und ihr Atem ging kurz; dies war die erste Bewegung, die sie beim Anblick der drohenden Gefahr ergriff. Bald strömte ihnen, ohne daß sie den Blick vom Feinde abgewendet hatten, das Blut freier durch die Adern; ein männliches Feuer glänzte auf ihren Wangen, und jeder Bürger fühlte Rachedurst und Heldenzorn in seinem Herzen glühen.

Ein einziger Mann stand froh und fröhlich auf dem Wall; bei seinen unruhigen Bewegungen und dem vergnügten Lächeln, das über sein Gesicht zog, schien es, als sähe er eine glückliche Stunde nahen. Zuweilen wendete er den flammenden Blick vom Feinde auf das Schlachtbeil, das in seiner starken Mannesfaust blitzte, und dann streichelte er den Mordstahl mit zärtlicher Liebe. – Dieser Mann war der unverzagte Jan Breydel.

Die Dekane der Gewerke kamen alle zu de Coninck und harrten schweigend seines Rates oder seiner Befehle. Nach seiner Gewohnheit bedachte der Dekan der Weber sich lange Zeit und blickte nachdenklich auf das französische Heer. Diese lange Dauer war dem lebhaften Breydel sehr lästig; er rief ungeduldig:

»Nun denn, Meister de Coninck, was befehlt Ihr? Sollen wir zum Tor hinausstürzen, um den französischen Hundsföttern an den Leib zu gehen, oder sollen wir sie auf unseren Wällen totschlagen?«

Der Dekan der Weber antwortete nicht; er starrte noch in tiefem Sinnen auf die feindlichen Werke und zählte genau die großen Sturmgeräte, die in Menge gebaut wurden. Obwohl die umstehenden Handwerksleute sich bemühten, auf seinem Gesicht die Vorzeichen seiner Worte abzulesen, konnten sie nichts als kühle Überlegung darauf entdecken. Im Herzen de Conincks war zwar viel Ruhe und Gelassenheit, aber weniger Hoffnung auf Gelingen: er begriff, daß es unmöglich sei, der Gewalt der Feinde zu widerstehen; denn die riesigen Wurfmaschinen und hohen Türme gaben den Franzosen zu großen Vorteil über die Bürger, die mit solchem Kriegszeug nicht versehen waren. Als er sich völlig überzeugt hatte, daß die Stadt, falls sie bestürmt würde, durch Feuer und Schwert zerstört werden würde, beschloß er, ein trauriges Mittel zu gebrauchen; – und sich zu den Dekanen wendend, sprach er langsam:

»Kameraden, die Not ist dringend! Unsere Stadt, die Blüte Flanderns, ist verkauft worden, und wir haben es nicht gewußt. In dieser Lage kann nur die Vorsicht uns dienlich sein. Wie sehr das Opfer eurer edlen Gefühle euch auch schmerzen möge, so bitte ich euch doch, wohl zu bedenken, daß, so löblich der Held ist, der sein Blut für die Rechte seiner Mitbürger vergießt, so unklug auch der Leichtfertige ist, der sein Vaterland durch Verwegenheit in Gefahr bringt. Hier hilft kein Streiten ...«

»Was? Was?« brach Jan Breydel los, »hier hilft kein Streiten! Wer gibt Euch diese Worte ein?«

»Die Vorsicht und die Liebe zu meiner Vaterstadt,« antwortete de Coninck. »Wir dürfen als Flamen auf den rauchenden Schutthaufen unserer Stadt mit den Waffen in der Hand sterben; wir können zwischen den blutenden Leichen unserer Brüder jauchzend niedersinken; – wir sind Männer. Aber unsere Frauen, unsere Kinder, sollen wir die, wehrlos und verlassen, der Geilheit und Rachsucht unserer Feinde überliefern? Nein, der Mut ist dem Manne zum Schutze seiner schwächeren Mitmenschen geschenkt ... Wir müssen die Stadt übergeben!«

Als wäre ein zerschmetternder Donnerschlag unter sie gefallen, fuhren die Umstehenden bei dieser Rede zusammen und blickten den Dekan mit tiefem Zorn an; dies erschien ihnen als ein schmachvoller Hohn. Sie riefen zugleich mit höchstem Erstaunen:

»Die Stadt übergeben! – wir?«

De Coninck blieb unter ihren vorwurfsvollen Blicken kühl und antwortete:

»Ja, Kameraden, wie sehr dies auch euren freien Herzen mißfallen möge, es ist dennoch die letzte Zuflucht, die uns bleibt, um unsere Stadt vor dem Untergang zu bewahren.«

Jan Breydel hatte während dieser Worte mit grimmigem Mißbehagen gerast und getobt. Als er sah, daß schon viele Dekane schwankten und zur Unterwerfung neigten, trat er heftig vor und rief:

»Den ersten von euch, Leute, der noch von Übergabe zu sprechen sich erkühnt, strecke ich als Verräter zu meinen Füßen nieder! Ich sterbe lieber lachend über der Leiche eines Feindes, als daß ich ein ehrloses Leben behalte. Wie, glaubt ihr denn, daß meine Fleischhauer also vor der Gefahr zittern? Nein, seht sie dort mit ihren aufgestreiften Ärmeln! Das Herz klopft ihnen so heiß; sie lechzen so lebhaft nach der Schlächterei! Und ich soll ihnen sagen: übergebt die Stadt! Ho, diese Sprache verstehen sie nicht! Wir hüten unsere Vaterstadt; und wer bange ist, gehe nach Hause zu den Frauen und Kindern! Die Hand, die das Tor öffnet, wird sich nimmermehr erheben – mein Beil wird über die Feigheit richten!«

Muterfüllt trat er zu seinen Fleischhauern zurück und ging mit schnellem Tritt vor den Scharen des Gewerkes auf und ab.

»Die Stadt übergeben! Wir die Stadt übergeben?« wiederholte er mehrmals mit einem Ausdruck des Zornes und der Verachtung.

Einige der Führer des Gewerkes hatten dies gehört und fragten ihn erstaunt, was er damit sagen wolle; dann brach er los:

»Der Himmel sei uns gnädig, o Männer! Mein Blut kocht, daß mir die Adern gespannt sind. Schmach! Unerträgliche Schmach! Ja, die Weber wollen die Stadt an die Hundsfötter übergeben. Aber ich beschwöre euch, Brüder, bleibt bei mir, und wir werden als wahre Flamen sterben. Betrachtet den Boden, den eure Füße berühren – hier fielen die Fleischhauer, unsere Väter! Sagt nun, dies ist mein Grab! Ja, dies sei unser Grab und das der Franzosen. Unser Tod gereiche den Webern zur ewigen Schande. Wer kein Fleischhauerherz hat, mag nach Hause gehen. – Laßt hören, wer kämpft mit mir bis zum Tode?«

Die Stimmen der Fleischhauer vermischten sich zu einem unheimlichen Geheul, und dreimal wiederholte sich hohl der Ruf: »Tod!« wie der Seufzer, der aus der Tiefe des unheilschwangeren Abgrunds emporsteigt. »Bis zum Tod!« lautete der Ruf, der sich aus siebenhundert glühenden Brüsten erhob, und dieser blutige Eid erstickte unter dem Klirren der Schlachtbeile, die auf dem stählernen Pfriemen gewetzt wurden.

Unterdessen hatten die meisten Dekane, durch de Coninck überzeugt, das traurige Mittel als heilsam angenommen und wollten die Stadt gerne übergeben, aber nun war dies durch das Sträuben Breydels unmöglich geworden. Beim Anblick der schrecklichen Sturmgeräte, die sich in Menge aus dem feindlichen Lager erhoben, beschlossen sie, dem Dekan der Fleischhauer zum Trotz mit dem Feinde in Unterhandlung zu treten.

Aber der unruhige Breydel bemerkte ihre Absicht. Wie ein verwundeter Löwe brüllte er vor Wut auf in unverständlichen Worten und eilte zu de Coninck. Die Fleischhauer, die den Zorn ihres Dekans verstanden hatten, folgten ihm in Unordnung und von Rachedurst erfüllt.

»Schlagt tot! Schlagt tot!« heulten die Scharen wie rasend. »Schlagt tot den Verräter de Coninck!«

Das Leben des Dekans der Weber war in großer Gefahr; trotzdem sah er diese wütende Menge auf sich zukommen, ohne die geringste Furcht auf seinen Mienen zu zeigen. Wie einer, der mitleidig auf Wahnsinnige herabblickt, kreuzte er die Arme über der Brust und blickte kühl und anscheinend gleichgültig auf die nahenden Fleischhauer. Aus der unruhigen Schar stieg der furchtbare Ruf: »Schlagt ihn tot, den Verräter!« beständig mit wachsender Heftigkeit auf – und schon war das Beil nicht mehr weit von dem Schädel des großen Mannes entfernt. Er stand unerschütterlich wie eine Eiche, die der Macht der Orkane trotzt, und von dem Bollwerk aus, auf das er sich gestellt hatte, beherrschte er die Menge wie ein Richter.

In diesem Augenblick ging ein seltsamer Ausdruck über das Gesicht Breydels. Man hätte glauben können, er sei plötzlich des Gefühls beraubt worden; das Beil hing vergessen an seiner Seite. Er bewunderte die Größe des Mannes, dessen Rat er bekämpfen wollte. Dies währte nicht länger als der flüchtige Gedanke: plötzlich erkannte er die Gefahr, in der sein Freund sich befand. Er schleuderte den Fleischhauer, der sein Beil schon über das Haupt de Conincks erhoben hatte, zu Boden und schrie:

»Haltet ein, Männer! Haltet ein!«

Man hörte anfangs nicht auf diesen Befehl; denn in diesem Durcheinander von Mordrufen war es nicht möglich, die Stimme irgendeines Mannes zu erkennen. Breydel stellte sich drohend vor den Dekan der Wollweber und schwang wie ein Wahnsinniger sein Beil. Jetzt erst verstanden seine Kameraden, daß er de Coninck schützen wollte; sie ließen die Waffen sinken und harrten mit drohendem Murren auf den Ausgang.

Während Breydel beschäftigt war, sie zu besänftigen, erschien ein Herold des französischen Heeres am Fuße der Mauer, über der sich dies lebhafte Treiben abspielte. Die Aufmerksamkeit der aufgeregten Brügger wurde dadurch augenblicklich von de Coninck abgelenkt und auf den Herold gerichtet. Dieser rief den Belagerten folgendes zu:

»Im Namen unseres mächtigen Fürsten Philipp von Frankreich werdet ihr, meuterische Untertanen, durch meinen Feldherrn de Chatillon gefragt, ob ihr die Stadt seiner Gnade übergeben wollt? Wenn nach Verlauf einer Viertelstunde auf diese Forderung nicht geantwortet wird, so wird die Gewalt der Sturmgeräte eure Festen umstürzen und alles durch Feuer und Schwert vertilgt werden!«

Die Augen aller, die diese Forderung vernommen hatten, richteten sich einmütig auf de Coninck; und denselben Mann, den sie eben hatten töten wollen, schienen sie jetzt um Rat zu bitten. Breydel selbst betrachtete de Coninck mit forschendem Gesicht; doch niemand erhielt die gewünschte Antwort. Der Dekan der Wollweber stand stumm unter ihnen und schien zu den handelnden Personen dieses Vorgangs nicht zu gehören.

»Nun, Freund de Coninck, was ratet Ihr uns?« fragte Breydel.

»Daß man die Stadt übergebe!« lautete die gelassene Antwort.

Die Fleischhauer begannen von neuem zu murren und zu toben; doch ein gebieterisches Zeichen Jan Breydels brachte sie zur Ruhe.

»Glaubt Ihr, de Coninck,« fragte er, »daß wir mit Mut, mit Unverzagtheit die Stadt nicht behaupten können? Ist die höchste Tapferkeit denn hier ohnmächtig? Unglückselige Stunde!«

Aus den Mienen Breydels war zu ersehen, wie sehr ihn diese Frage quälte. So sehr seine Augen vor Kampfeslust geglüht hatten, so sehr waren sie jetzt verdüstert und des Heldenfeuers beraubt, das sonst in ihnen loderte.

De Coninck erhob seine Stimme über die umstehenden Scharen und sprach:

»Ihr alle seid mir Zeugen, daß nur die Liebe zum Vaterland mich bewegt. Für meine Vaterstadt habe ich mich eurer tollen Wut ausgesetzt, und so würde es mich auch nichts kosten, durch Feindeshand zu sterben; aber die Erhaltung der Perle Flanderns ist mir eine heilige Sache. Beladet mich getrost mit Schmähungen – höhnt und spottet meiner als einem Verräter; ich weiß, welche Pflicht ich zu erfüllen habe. Nichts, wie schmerzlich es auch sei, kann mich von diesem edlen Ziele abwendig machen; und dereinst will ich euch auch befreien, sei es auch wider euren Willen. Ich wiederhole es zum letztenmal: – es ist unsere Pflicht, wir müssen die Stadt übergeben.«

Wer während dieser kurzen Ansprache das Gesicht Breydels beobachtete, konnte verschiedene Regungen darauf bemerken: Grimm, Wut, Trauer wechselten auf ihm beständig miteinander ab, und seine krampfhaft geballten Hände verrieten, daß er gegen seine eigenen Leidenschaften kämpfte. In dem Augenblicke, da der Spruch: »Wir müssen die Stadt übergeben!« noch einmal wie ein Todesurteil in seine Ohren klang, wurde er von tiefer Trauer erfaßt, und er blieb eine kurze Weile, wie der Welt entrückt, stehen.

Die Fleischhauer und andere Handwerksleute ließen ihre Blicke von einem der beiden Dekane zum anderen gehen und warteten in feierlichem Schweigen.

»Meister Breydel,« rief de Coninck, »wenn Ihr nicht die Ursache unseres Untergangs sein wollt, so gebt schnell Euer Jawort. Dort kommt der Herold der Franzosen zurück; die Zeit ist schon vergangen.«

Breydel fuhr plötzlich aus seinem tiefen Sinnen auf und antwortete in traurigem Tone:

»Ihr wollt es, Meister? Es muß so sein? Wohlan, übergebt die Stadt ...«

Bei diesen Worten ergriff er die Hand de Conincks und drückte sie bewegt; zwei Tränen innigen Schmerzes rollten aus seinen blauen Augen, und ein dumpfer Seufzer entfuhr ihm. Die beiden Dekane betrachteten einander mit einem jener Blicke, in denen sich die ganze Seele offenbart. Sie verstanden plötzlich einander, und ihre Arme verschlangen sich in einer Umarmung.

Da lagen die beiden größten Männer Brügges, Heldenmut und Klugheit, Brust an Brust, in gegenseitige Bewunderung versunken.

»O, tapferer Bruder,« rief de Coninck, »Eure Seele ist groß! Welchen Kampf habt Ihr in Eurem Busen bestanden! Trotzdem habt Ihr Euch überwunden.«

Beim Anblick dieses rührenden Bildes ging ein Freudenschrei durch alle Scharen, und der Neid wich aus den Herzen der streitbaren Flamen. Auf Befehl de Conincks ließ sich der Posaunenbläser der Weber dreimal in schmetternden Tönen vernehmen und rief zu dem französischen Herold hinab:

»Gibt Euer Feldherr Freigeleit unserem Sprecher?«

»Er gibt Freigeleit nach Kriegsbrauch und auf sein Wort,« lautete die Antwort.

Bei dieser Versicherung wurde die Egge aufgezogen, und die Brücke ging nieder, um zwei Bürger aus der Stadt zu lassen. Der eine war de Coninck, der andere der Herold der Gewerke. Als sie im französischen Lager angekommen waren, wurden sie ins Zelt des Feldherrn de Chatillon geführt. Der Dekan der Weber näherte sich mit kühner Miene dem Feldherrn und sprach:

»Herr de Chatillon, die Bürger der Stadt Brügge lassen Euch durch mich, ihren Gesandten, wissen, daß sie, um das teure Menschenblut nicht unnütz zu vergießen, beschlossen haben, Euch die Stadt zu überliefern; da aber nichts als dieses edle Gefühl sie zur Unterwerfung zwingt, haben sie Euch die folgenden Bedingungen anzubieten: daß die Kosten des Einzugs des Königs nicht durch eine neue Belastung des dritten Standes aufgebracht werden; daß die Senatoren abgesetzt werden und daß keinerlei Verfolgung aus Anlaß des Aufstandes erfolgen wird. Es gefalle Euch, mir zu sagen, ob Ihr diese Bedingungen annehmt oder nicht?«

Die Mienen des Landvogts verdüsterten sich vor tiefem Zorn.

»Welche Sprache ist das? Wie könnt ihr euch erkühnen, mir Bedingungen aufzuerlegen, da ich nur meine Sturmgeräte heranzubringen brauche, um eure Mauern zu Staub zu zermalmen?«

»Das ist möglich,« antwortete de Coninck, »aber ich sage es Euch, und nehmt meine Worte wohl in acht: die Gräben unserer Stadt werden mit den Leichen Eurer Männer gefüllt werden, bevor ein Franzose unsere Wälle ersteigt. Wir haben auch keinen Mangel an Kriegszeug, und die Chroniken sind da, um zu beweisen, daß die Brügger für die Freiheit sterben können.«

»Ja, ich weiß, daß die Halsstarrigkeit euer Merkmal ist, aber dies kümmert mich wenig; denn der Mut der Franzosen kennt keine Schranken – dies ist meine Antwort.«

De Chatillon hatte beim Anblick der unzähligen Handwerksleute und ihrer trotzigen Haltung auf den Wällen eine bange Ahnung von dem bevorstehenden Schlachten bekommen. Die Vorsicht ließ ihn die Übergabe der Stadt wünschen, da er die Unverzagtheit der Brügger kannte; er war daher sehr froh, daß die Ankunft de Conincks seinen Wunsch erfüllte; aber die Bedingungen, die man ihm anbot, behagten ihm keineswegs. Er hätte sie wohl angenommen mit dem politischen Hintergedanken, die Ausführung auf irgendeine Weise zu umgehen; aber er mißtraute dem Dekan der Weber, und er zweifelte an der Aufrichtigkeit seiner Worte. In der Absicht, zu versuchen, ob die Brügger wirklich Vornehmens seien, sich bis zum Tode zu verteidigen, gab er mit lauter Stimme Befehl, die Werkzeuge heranzuführen.

Während der Unterhandlungen hatte de Coninck mit durchdringendem Blick die Mienen des Feldherrn durchforscht und in diesen Zaudern und Verstellung gefunden. Dies genügte ihm, zu wissen, daß de Chatillon den Kampf nicht wünschte. Er hielt daher seine Bedingungen aufrecht, trotz der Bewegungen, die bereits für den Sturmlauf gemacht wurden.

Die kühle Standhaftigkeit de Conincks trog den französischen Feldherrn; er blieb überzeugt, daß die Brügger ihn nicht fürchteten und ihre Stadt hartnäckig verteidigen würden. Da er nicht sein ganzes Heer und das Flandernland an diese besondere Sache wagen wollte, begann er mit de Coninck über die Bedingungen zu feilschen. Endlich, nach langem Wortkampf, kamen sie überein, daß die Senatoren im Amte bleiben sollten; die anderen Punkte wurden den Brüggern zugestanden. Der Landvogt hatte seinerseits durchgesetzt, daß er so viele Söldner, als ihm beliebe, in die Stadt legen dürfe.

Sobald die Urkunden ausgefertigt und von beiden Parteien gesiegelt und unterzeichnet waren, kehrte der Dekan der Weber mit dem Herold in die Stadt zurück. Die Bedingungen wurden in allen Straßen ausgerufen. Eine halbe Stunde später hielt das französische Heer mit Posaunenschall und fliegenden Bannern seinen triumphierenden Einzug, und die Handwerker kehrten, das Herz voll Groll und Trauer, in ihre Wohnungen zurück. Die Senatoren verließen die Burg, und die Stadt nahm wieder eine scheinbare Ruhe an.

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