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Der Lootse oder Abenteuer an Englands Küste. Zweiter Theil

James Fenimore Cooper: Der Lootse oder Abenteuer an Englands Küste. Zweiter Theil - Kapitel 8
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authorJames Fenimore Cooper
titleDer Lootse oder Abenteuer an Englands Küste. Zweiter Theil
senderHerbert Niephaus
publisherAdolf Wienbrack
year1824
created20171117
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VII.

 

Unsere Trompete rufet Euch zu dieser Friedens-Unterhandlung!

Shakespeare.

 

 

Als Griffith und seine Gefährten aus den Gemächern von St. Ruth in das Freie kamen, stießen sie auf Niemanden, der ihre Flucht gehindert oder Lärm gemacht hätte. Durch die Erfahrung gewitzigt, mieden sie die Punkte, wo sie wußten, daß Wachen standen, ob sie schon gehörig eingerichtet waren, jeden Widerstand zu bekämpfen. Bald war keine Wahrscheinlichkeit mehr vorhanden, daß sie gleich entdeckt werden konnten. Rasch gingen sie wohl eine Viertelstunde finster und düster und schweigend fort, darauf gefaßt, jeder Gefahr Trotz zu bieten, wenn sie in den Fall kommen sollten. Allein als sie nun in ein Gehölz kamen, das die von uns schon genannten Ruinen einschloß, mäßigten sie ihre eiligen Schritte, und es entspann sich folgendes Gespräch:

»Wir sind noch zur rechten Zeit entkommen!« sagte Griffith. »Lieber hätte ich wollen gefangen seyn, als Veranlassung zu Unruhe und Blutvergießen in der friedlichen Wohnung des Obersten geben.«

»Ich wollte, daß Ihr so einige Stunden früher gedacht hättet!« bemerkte darauf Lootse mit einem Ernste, der noch mehr sagte, als seine Worte.

»Wohl mag ich in der Angst meine Pflicht aus den Augen gesetzt haben,« erwiederte Griffith, und Stolz kämpfte augenscheinlich mit Achtung gegen den Unbekannten, – »um die Lage einer Familie kennen zu lernen, für welche ich so viel Theilnahme empfinde. Indessen ist keine Zeit zur Zurechtweisung. Ich sehe, wir folgen Euch bei einem Unternehmen, wo die Handlung mehr sagen muß, als jedes Wort. Was denkt Ihr jetzt zu beginnen?«

»Ich fürchte, unser Plan wird fehlgeschlagen seyn!« war die Antwort des Lootsen, verdrüßlichem Tone gegeben. »Mit der Morgenröthe wird man Lärm machen, die Landmiliz zusammentrommeln, und den Adel zur Berathung ziehen: alle Gedanken von Jagd und Tafel werden verschwinden. Das Gerücht, wir seyen gelandet, wird den Schlaf zum Mindesten zehn Meilen an der Küste hin verscheuchen.«

»Ei, Herr Lootse! Ihr habt gewiß schon ein Paar hübsche Nächte mit offenen Augen unter ihnen zugebracht!« sagte Manuel. »Sie mögen sich dafür bei dem Franzosen Thurot in der alten Geschichte von 56 und unserm Seeteufel, dem schottischen Seeräuber, bedanken, die sie oft in Unruhe gebracht haben. Nun, Thurot machte ihnen mit seiner Flotte blos den Kopf ein Bischen warm, und der arme Teufel erstickte am Ende zwischen ein Paar Kreuzern, wie ein Kind mit der Trommel, wenn man ihm eine Grenadiermütze aufsetzt. Aber der ehrenwerthe Paul sang ihnen ein anderes Liedchen vor, daß sie darnach tanzen konnten und –«

»Ich glaube, Ihr werdet bald selbst tanzen,« unterbrach ihn Griffith, »vor lauter Freude, daß Ihr aus dem Gefängniß entkommen seyd.«

»Sagt lieber, vom Galgen losgekommen!« erwiederte der Seesoldat. »Hätte ein Kriegsgericht, oder sonst eine Behörde, die Art untersucht, wie wir in's Land gekommen sind; ich glaube, wir wären nicht besser weggekommen, als der kühne Seeteufel, der ehrliche Paul –«

»Still!« rief Griffith ungeduldig. »Ihr habt nun genug Unsinn geschwatzt. Jetzt giebt's andere Dinge zu bereden. – Welchen Curs denkt Ihr denn nun einzuschlagen, Herr Gray?«

Der Lootse sah bei der Frage auf, wie ein Mann, der aus tiefem Nachdenken erwachte. Nach einem augenblicklichen Schweigen erwiederte er mit langsamem Tone, als drücke ihn ein düsteres, lastendes Gefühl:

»Die Nacht ist bald in die Morgenwacht übergegangen: aber noch eilt die Sonne nicht, sich in dieser Breite, in der Mitte des Winters zu zeigen. Ich muß Euch verlassen, Freunde, um etwa in einigen Stunden wieder zurückzukommen. Erst muß man die Dinge genauer untersuchen, bevor wir Etwas unternehmen, und dazu paßt Niemand besser, als ich. – Wo treffen wir wieder zusammen?«

»Ich habe zu der Vermuthung Grund, daß hier in der Nähe eine einsame Ruine steht;« sagte Griffith. »Vielleicht finden wir in ihren Mauern Schutz und Sicherheit.«

»Der Einfall ist gut,« meinte der Lootse. »Es wird dies einem doppelten Zwecke genügen. Könnt Ihr ein Plätzchen finden, Eure Soldaten in Hinterhalt zu legen, Kapitain Manuel?«

»Das heißt fragen, ob der Hund eine Nase hat und die Fährte finden kann!« rief dieser aus. »Denkt Ihr denn, Signor Pilota, daß ein General seine Soldaten in Hinterhalt legen wird, wo er sie selbst nicht zu finden weiß? Wahrhaftig, vor einer halben Stunde wußte ich wohl, wo die Schufte auf ihren Tornistern schnarchten, und hätte die erste Majorsstelle in Washington's Armee dafür gegeben, wenn ich ihnen ein Wörtchen sagen konnte, sie zum Feuern zu bringen. Ich weiß nicht, was Ihr denkt, Freunde, aber mir hätte der Anblick von zwanzig solchen Landläufern viel Freude gemacht. Wir hätten den Kapitain Borroughcliffe und seine Rekruten auf's Bajonett gespießt, wie der Seeteufel –«

»Kommt, kommt, Manuel,« unterbrach Griffith ärgerlich. »Ihr vergeßt immer unsere Lage, unser Abenteuer. Könnt Ihr Eure Leute, ohne bemerkt zu werden, herbringen, ehe es tagt?«

»Ich brauche dazu die allerkürzeste halbe Stunde, und die Sache ist gemacht.«

»Dann kommt! Ich will den Platz, wo wir uns still vereinigen, bezeichnen;« fuhr Griffith fort. »Herr Gray kann zugleich unsern Aufenthalt kennen lernen.«

Der Lootse gab in der Dunkelheit das Zeichen zum Fortgehen, und mit vorsichtigen Schritten ging es nach der gewünschten Zufluchtsstätte. Nach kurzem Suchen waren sie bei einer verfallenen Mauer, die ein ziemliches Stück hinlief. Hier und da erhoben sich schwarze Ruinen in die Höhe, und machten das einsame wilde Gehölz noch dunkler.

»Das wird sich thun lassen!« sagte Griffith, als sie das morsche Gebäude zum Theile umkreiset hatten. »Führe Eure Leute hierher. Ich will sie erwarten, und dann an den Ort bringen, den ich während Eurer Abwesenheit aussuche.«

»Ein wahres Paradies nach dem Quartier auf dem Ariel!« rief Manuel. »Ich denke, hier ist gewiß unter den Bäumen ein guter Exercierplatz. Darnach habe ich mich wahrhaftig seit sechs Monaten gesehnt!«

»Marsch, Marsch!« sagte Griffith. »Hier ist keine Zeit zu Wachparaden. Wenn wir vor Entdeckung und Gefangennehmung sicher sind, bis Ihr Eure Leute zum ernsten Kampfe gebrauchen könnt; so ist es vollkommen gut.«

Manuel ging langsam aus dem Gebüsch, als er plötzlich umkehrte und fragte:

»Soll ich denn ein kleines Piket, blos einen Korporal mit vier Mann, in's freie Feld stellen, und eine Postenkette um unsere Werke anlegen?«

»Wir haben keine Außenwerke, und brauchen keine Wachen!« erwiederte der ungeduldige Lieutnant. »Unsere Sicherheit beruht darauf, daß uns Niemand bemerkt. Bringt Eure Leute nur unter das Dach dieser Bäume, und laßt Euch die drei glänzenden Sterne dort Wegweiser seyn. Haltet nur mit dem nördlichen Winkel vom Walde gleiche Linie!«

»Genug, Herr Griffith,« unterbrach ihn Manuel, »eine Mannschaft kann man nicht nach dem Kompaß und mit dem Steuerruder und dem Logg leiten, wie ein Schiff. Verlaßt Euch darauf. Ich werde sie mit gehöriger Umsicht, aber auch in gehöriger Kriegsmanier herbeiziehn.«

Eine weitere Bemerkung ward durch die schnelle Entfernung des Kapitains unmöglich gemacht. Einige Augenblicke hörte man noch seine Schritte, da er bedächtig durch den Wald ging. Während dieser Pause lehnte der Lootse gegen die Ruinen in tiefem Nachdenken versunken. Jetzt hörte man nichts von Manuel. Der Lootse kam längs der dunkeln Mauer zu seinem jungen Gefährten vor. »Wir sind dem Kapitain unsere Befreiung schuldig,« sagte er. »Aber hoffentlich wird uns doch seine Narrheit nicht in Nachtheil bringen?«

»Er ist ein rechtwinklichter Mann, wie ihn Barnstable nennt;« versetzte Griffith. »Was seinen Wirkungskreis anbetrifft, will er Alles auf's Haar haben. Wo es aber einer gefährlichen Unternehmung gilt, ist er ein muthiger Gefährte. Wenn wir ihn abhalten, uns nicht durch seine alberne Parade in Verlegenheit zu bringen; so können wir darauf rechnen, daß er im Falle der Noth seine Pflicht als Soldat thut.«

»Das will ich nur wissen. Den äußersten Fall ausgenommen, muß er und sein Kommando ganz ruhig seyn. Würden wir entdeckt, so ist jeder Versuch von unserer Seite mit einigen zwanzig Bajonetten und ein Paar Piken gegen Masse, die auf uns dann anrückt, nutzlos.«

»Das leuchtet nur zu sehr ein. Diese Burschen schlafen beim Seesturm eine Woche lang. Allein die Luft vom festen Lande macht sie munter, und ich fürchte, es wird Mühe kosten, sie einen Tag ruhig zu halten.«

»Und doch muß das seyn, und allenfalls mit Gewalt,« bemerkte der Lootse ernst, »wenn Warnung nicht helfen will. Hätten wir blos mit den Rekruten von der betrunkenen Kriegsgurgel an zu binden; so würde es keine große Sache seyn, sie in's Meer zu jagen; aber ich erfuhr in meinem Gefängnisse, daß man mit Tagesanbruch Reuterei erwartet. Ein gewisser Dillon ist im Spiele, uns in's Verderben zu bringen!«

»Der Schurke!« brummte Griffith. »Also habt Ihr mit den Bewohnern der Abtei verkehrt?«

»Ein Mann, der sich zu gefährlichen Unternehmungen einschifft, muß jede Gelegenheit ergreifen, sich über seine Lage aufzuklären;« erwiederte der Lootse ausweichend. »Ist meine Nachricht gegründet; so fürchte ich, wir haben für unsere Absichten nicht viel Hoffnung übrig.«

»Nun, so wollen wir doch den Vortheil, den uns die Finsterniß gewährt, benutzen, um nach dem Schooner zurückzukehren. Feindliche Kreuzer schwärmen an der Küste herum. Der reiche Handel mit vier Welttheilen führt alles auf dies Eiland. Lange werden wir nicht zu suchen haben, um auf einen Feind zu stoßen, mit dem wir kämpfen können, oder Gelegenheit zu finden, dem Engländer an seinen Sehnen schaden: am Gelde.«

»Griffith« erwiederte ernst und ruhig Lootse, wie ein Mann, dem Ehrgeiz und jede andere Leidenschaft fremd ist; »ich kann diesen Streit zwischen Verdienst und privilegirtem Stand nicht ertragen. Umsonst plündere ich die Gewässer, die der König von England prahlerisch Sein nennt, und nehme seine Schiffe vor den Häfen weg, wenn mein Lohn dafür nur in nicht gehaltenen Versprechungen und hohlen Worten besteht. Euer Vorschlag nützt mir nicht. Ich habe endlich ein Schiff erhalten, groß genug, mich nach den Küsten des herrlichen, edlen Amerika's zu bringen. Aber ich möchte doch gern in die Versammlung des Kongresses mit einigen Gesetzgebern dieser gelehrten Insel kommen. Hier glauben sie ja allein das ausschließliche Recht zu haben, weise, groß und tugendhaft zu seyn.«

»So eine Gesellschaft möchte freilich Euch und denen angenehm seyn, die sie bewillkommten!« versetzte Griffith bescheiden. »Aber würde es denn wohl den großen Zweck unsers Kampfes beschleunigen, oder ist es, falls Ihr es durchsetzt, der Gefahr werth, die Ihr dabei lauft?«

Griffith fühlte die Hand des Lootsen, der ihn krampfhaft faßte, und dann wo möglich mit noch ernsterem Tone sprach:

»Ja, junger Mann, hier ist Ruhm zu ärndten! Mit Gefahr wird es errungen, mit Ehre belohnt! Wahr ist es; ich trage die Farbe Eures Landes, und nenne die Amerikaner mein Brüder, weil Euer Kampf den Rechten der Menschheit gilt. Wär' Eure Sache minder heilig; ich würde nicht den kleinsten Tropfen Blut vergießen, das in englischen Adern fließt, um sie zu fördern. Jetzt aber ist jede Unternehmung geheiligt, die deshalb geschieht. Die Namen aller, welche dafür streiten, gehören der Nachwelt an. Ist es kein Verdienst, diesen stolzen Engländern zu zeigen, daß sie der Arm der Freiheit selbst in dem Reiche ihrer Tyrannei und Bosheit erreichen kann?«

»So laßt mich gehn, und erforschen, was wir am Meisten zu wissen wünschen. Man hat Euch hier gesehn: Ihr könntet –«

»Da kennt Ihr mich wenig!« unterbrach ihn der Lootse. »Die That ist mein! Wenn ich sie vollbringe, gehört mir die Ehre; und so ist es billig, daß ich die Gefahr bestehe. Mißlingt es mir, so wird es in Vergessenheit begraben, wie funfzig andere meiner Pläne, die, hatte ich Kräfte im Hinterhalt, Alles in diesem Königreiche vom äußersten Wachtthurme an seinen Küsten bis zu den Mauern von Windsorcastle, in Bestürzung gesetzt hätten. Doch ich bin ein Mann, dem nicht der Adel von zwanzig Generationen das Blut vergiftet, und die Seele vernichtet hat, und so trauten die entarteten Schurken mir nicht, die Frankreichs Seemacht in Händen haben.«

»Man sagt, es werden Zweidecker auf unsern Werften erbaut,« sagte Griffith. »Ihr dürft nur nach Amerika kommen, um sogleich auf's Ehrenvollste angestellt zu werden.«

»Ja, der Freistaat kann dem Manne nicht mißtrauen, der seine Flagge aufpflanzte, und in so manchem blutigen Kampfe sie nicht um einen Zoll fallen ließ. Ich gehe dahin, Griffith; aber mit diesem Wege entscheidet sich's. Meine angeblichen Freunde haben mir oft die Hände gebunden. Meinen Feinden – ihnen soll es nie gelingen! Einige Stunden werden hinreichen, mich Alles wissen zu lassen, und bis zu meiner Rückkehr lass' ich Euch für unsere Sicherheit sorgen. Seyd wachsam und vorsichtig!«

»Wenn Ihr nun zur bezeichneten Stunde nicht wiederkehrt,« sagte Griffith, da er ihn im Begriff zu gehn sah, »wo soll ich Euch dann suchen? Wie kann ich Euch dann nützen?«

»Ihr sucht mich nicht, sondern eilt auf Euer Schiff. Meine Jugend habe ich auf dieser Küste verlebt. Ich kann dies Eiland, im Fall der Noth, von meiner Verkleidung und meiner Kenntniß des Landes unterstützt, verlassen, wie ich es betreten habe. In diesem Fall denkt an Euch und laßt mich ganz aus den Augen.«

Griffith sah, wie er ihm schweigend winkte, als er ging. Im nächsten Augenblicke stand er allein. Einige Minuten blieb er auf derselben Stelle im Nachdenken über die sonderbaren Eigenheiten, den rastlosen kühnen Geist des Mannes, mit dem ihn das Schicksal so unerwartet in Berührung gebracht hatte; mit dessen Geschick seine eigne Hoffnung, im Fall unvorhergesehener Umstände so genau verbunden war. Die Vorfälle der Nacht beschäftigten ihn ebenfalls. Endlich ging er in das Innere der verfallenen Mauern, und nach einer flüchtigen Untersuchung des zerstörten Gebäudes, sah er mit Vergnügen, daß es verborgene Hallen in hinreichender Menge enthielt, alle seine Leute aufzunehmen, bis die Rückkehr des Lootsen sagen würde: die Stunde sey da, die bezeichneten Jäger aufzuheben, oder die Finsterniß erlaube eine Rückkehr auf den Ariel.

Es war jetzt um die Zeit, welche der Seemann als Morgenwache bezeichnet. Griffith wagte sich an den Saum des Waldes, um zu hören, ob irgendwo Lärm und Geräusch eine Verfolgung wahrnehmen lasse. Als er auf eine Stelle kam, wo er leidlich die entferntern Gegenstände sehen konnte, blieb er stehen, und musterte mit Sorgfalt alle ihm in die Augen fallenden Dinge.

Der Sturm hatte sich bedeutend gemindert: allein ein lebhafter Seewind rauschte immer noch durch die kahlen Eichen, und mischte seine düstern melancholischen Töne mit der dunkeln, finstern Aussicht. Eine Viertelstunde entfernt, erhellte ein Lichtstreifen, der über den Ozean herauf stieg, die noch undeutlich umgränzte Abtei. Schon gab es Augenblicke, wo der junge Seemann den glänzenden Schaum auf den Wellen des Meeres zu sehen glaubte. Das dumpfe Brausen der Fluth, die sich gegen die Küste wälzte, oder mit unerschütterlicher Heftigkeit an dem festen Felsen brach, war ihm im Winde vollkommen hörbar. Zeit und Verhältniß ließen den Kühnen wohl über den Wechsel und das Geschick nachdenken, die mit seinem Stande verbunden waren. Erst vor wenig Stunden hatte er alle Kunst, die angestrengteste Kraft nöthig gehabt, um das große Gebäude zu leiten, an dessen Bord so manche seiner Kameraden fern von der Küste schliefen, auf welcher er jetzt kaltblütig den Gefahren trotzte. Die Erinnerungen an die Heimath, an seine Geliebte, wechselten rasch, obschon nicht ohne innere Freude des Herzens; und langsam ging er, Schritt für Schritt, näher der Abtei zu, als er ein Geräusch vernahm, das augenscheinlich vom gemessenen Schritte mehrerer Krieger herrührte. Augenblicklich wachte er aus seinen Träumereien auf. In kurzer Zeit konnte er einen Zug unterscheiden, der geordnet nach dem Rande des Waldes marschirte, aus dem er eben gekommen war. Schnell zog er sich in dessen Dickicht zurück, und wartete, bis es klar war, daß die Mannschaft sich darin bergen wolle. Dann rief er sie an.

»Wer kommt? Wohin?« fragte er.

»Ein Schleicher, um ein Loch zu suchen, wie ein Kaninchen, eine Ratte, die sich verkriechen!« erwiederte Manuel ärgerlich. »Hier bin in halber Flintenschußweite beim Feinde vorbei passirt, ohne auf seine Außenposten einen Schuß zu thun, weil alle Gewehre mit dem Generalpflaster verstopft sind, Vorsicht genannt. Weiß es Gott, Griffith, ich wünsche, daß Ihr nie in die Versuchung kommen mögt, Böses zu thun, die ich fühlte, einmal auf das Hundenest loszubrennen, und wäre es nur gewesen, die Fenster zu zertrümmern und auf den schlafenden Narrn, der so den schönen, alten Maderawein einschlürft, die kalte Luft der Nacht eindringen zu lassen. Hört, Griffith, ein Wort im Vertrauen!«

Beide Offiziere besprachen sich in einiger Entfernung von der Mannschaft. Manuel hätte seinen Kameraden gar gern beredet.

»Ich könnte den alten Steinhaufen wegnehmen,« sagte er, »ohne einen der Schnarcher zu wecken, und denkt einmal, welches Fuder Herzstärkung könnten wir da erbeuten! wie sie nur je die Kehle eines Ehrenmannes befeuchtete!«

»Das ist Alles Thorheit!« war aber des ungeduldigen Griffith Antwort. »Wir sind weder Wegelagerer, noch Zolljäger, um im Keller eines englischen Edelmanns zu plündern. Männer von Ehre sind wir, angewiesen auf die heilige Sache der Freiheit und des Vaterlandes! Führt Eure Leute in die Ruine, und laßt sie ruhen. Wenn der Tag da ist, möchte es für sie thun geben!«

»Verwünscht sey die Stunde, wo ich die Linienarmee verließ, um unter dem Kommando von solchen häßlichen Pechjacken zu dienen!« brummte Manuel für sich, als er daran ging, den Befehl auszuführen. Er war in einem Tone gegeben, welcher, wie er wohl wußte, Gehorsam verlangte. »Das heißt die Gelegenheit zu einem Ueberfalle und einer Plünderung wegweisen, wie sie je einem Parteigänger in den Weg kam! Aber bei Allem, was recht ist, die Leute sollen sich doch in einiger Ordnung lagern! He, Sergeant, detaschirt einmal einen Korporal und drei Mann als Piket, und stellt es im Walde auf. Eine Schildwache muß vorgeschoben werden, und Alles in gehöriger Ordnung gehn!«

Griffith hörte mit Verdruß diesen Befehl. Allein er hoffte, der Lootse werde wieder da seyn, ehe der helle Tag ihren Aufenthalt kund thun könne, und so verzichtete er darauf, sein Ansehn geltend zu machen, die Anordnung zu ändern. Manuel hatte daher die Freude, seine Leute nach militairischer Art aufgestellt zu sehn, wie er es nannte, bevor er mit Griffith und dem Reste in eine der Hallen ging, die durch ihre offenen, zertrümmerten Pforten dazu einlud. Hier legten sich die Soldaten schlafen. Die Offiziere brachten die Zeit langweilig genug in Gesprächen zu, oder ließen ihrer Phantasie freien Lauf, ohne die nöthige Wachsamkeit zu vergessen.

Eine Stunde nach der andern ging hin zwischen Ruhe und Unruhe und Erwartung der Dinge, bis es endlich Tag, und damit gefährlich wurde, Wache und Piket so offen stehn zu lassen, wo sie jedem, am Walde Vorbeigehenden, in die Augen fallen konnten. Manuel protestirte freilich gegen jede Abänderung, weil sie durchaus unmilitairisch sey: denn so oft er mit einem Schiffsoffizier zusammenkam, trieb er gern seine Vorstellungen von Taktik aufs Aeußerste. Allein Griffith blieb fest, und Alles, was der Kapitain erhalten konnte, war die Einwilligung, eine Schildwache einige Schritte vor die Halle unter dem verfallenen Gemäuer des Gebäudes selbst zu postiren. Nach dieser geringen Abänderung in der Disposition ihrer Kräfte gingen wieder einige Stunden in ungeduldiger Erwartung des Augenblicks hin, wo sie aufzubrechen hofften.

Die ersten Schüsse von der Alacrity waren deutlich gehört worden. Griffith's geübtes Ohr berechnete gleich, von welchem Kaliber das Geschütz war, und sagte, sie kämen nicht vom Ariel. Als der rasche, wenn auch ferne Donner der lebhaften Kanonade immer hörbar blieb, konnte Griffith nur mit Mühe seine Gefühle und die aller seiner Umgebungen in den Schranken halten, welche Klugheit und ihre Lage nöthig machten. Indessen der letzte Schuß war gefallen, und kein Mann hatte die Halle verlassen. Mancherlei Vermuthungen über den Ausgang des Kampfes wechselten nun mit denen, die während des Kampfes selbst gewagt worden waren. Einige Soldaten hatten sich von dem Gestein erhoben, das ihnen als Kopfkissen diente, einige unruhige, gestohlne Augenblicke zu verschlafen, – um die Kanonade zu hören, und wollten jetzt wieder schlafen. Sie wußten, es gab hier etwas zu thun, woran sie nicht Antheil nehmen konnten. Andere, Lebendigere, machten manche Späßchen über den fernen Kampf, oder suchten nach dem fernen Donner den Gang desselben zu bestimmen. Als das Treffen zu Ende schien, brach Manuel's üble Laune aus.

»Eine Stunde von hier hat es einen Spaß gegeben,« sagte er. »Statt hier in dem Loche unter der Erde zu seyn, hätten wir uns zu Gaste laden sollen, und dann könnten wir auch auf die Ehre des Siegs Anspruch machen. Aber es ist noch nicht zu spät, um bis auf die Klippen vorzurücken. Da können wir vom Schiffe aus gesehen werden und unsern Anspruch auf die Prisengelder machen.«

»Ei, wenn ein königlicher Kutter genommen wird, ist nicht viel Fett abzuschöpfen!« erwiederte Griffith. »Es wäre nicht sehr ehrenvoll für uns, falls wir Barnstable mit soviel unnützen Leuten überfielen.«

»Unnützen?« wiederholte Manuel. »Nun zweiundzwanzig ausgesuchte, gut exercirte Soldaten thun gar gute Dienste. Seht einmal die Jungens an, Griffith, und dann sagt mir, ob Ihr glaubt, daß sie im Fall der Noth eine Noth sind?«

Griffith lächelte und sah über die Schlafenden hin: denn seitdem das Feuer aufgehört hatte, suchten Alle wieder die Ruhe. Er mußte die kräftigen, sehnigen Gestalten bewundern, die in jeder denkbaren Lage in dem finstern Kellergewölbe herumlagen, wie es der Zufall gefügt hatte. Dann fiel sein Blick auf die Gewehrpyramide, auf deren glänzenden Röhren und Bajonetten selbst in dieser Dunkelheit jeder Lichtstrahl abprallte. Manuel folgte jedem seiner Blicke und beobachtete seine Züge mit innerer Selbstzufriedenheit; doch hatte er Geduld, erst eine Antwort zu erwarten, bevor er selbst wieder sprach.

»Ich weiß, es sind brave Leute, wenn es gilt!« sagte endlich Griffith. – »Aber still! – Hört! – Was sagt der?«

»Wer da? Wer da?« wiederholte die Wache noch einmal, die oben vorm Eingang der Halle stand.

Manuel und Griffith sprangen beide von ihrem Ruheplätzchen auf und horchten, ohne das geringste Geräusch zu machen, mit der gespannten Unruhe, um näher zu erfahren, was Aufmerksamkeit der Wache erregt habe. Eine kurze Stille, wie die des Grabes, folgte.

»Es ist der Lootse!« sagte Griffith ganz leise. »Die bestimmte Stunde ist lange vorbei.«

Kaum aber war das gesprochen, als Waffengeklirre in wildem, schnellem Wechsel gehört wurde. Im nächsten Augenblicke stürzte der Soldat die steinernen Stufen hinab, die zur freien Luft führten, und rollte leblos zu ihren Füßen mit dem Bajonett in der Brust, das ihm die tiefe, tödtliche Wunde beigebracht hatte.

»Auf! Ihr Schläfer! Auf!« schrie Griffith.

»Gewehr in Arm!« rief Manuel's Donnerstimme.

Die aufgeschreckten Marinesoldaten sprangen bei dem Rufe schnell aus dem Schlafe auf, und bildeten einen unordentlichen Haufen. In diesem unglücklichen Augenblicke kam eine ganze Gewehrsalve in das Gewölbe, das von zwanzig Flintenschüssen zugleich wiederhallte. Der Lärm, der Rauch, das Wimmern von mehrern Verwundeten, nichts konnte Griffith einen Moment länger aufhalten. Er feuerte ein Pistol durch die dicke Wolke, welche den Eingang verhüllte, und folgte ihrem Scheine mit entblößtem Degen, indem er seiner Mannschaft zurief:

»Vorwärts! Kameraden! Mir nach! Es sind nichts als Soldaten!«

Der kühne Seemann sprang, während so sprach, die enge Stiege hinan. Als er aber den offenen Raum zu gewinnen in Begriff war, strauchelte sein Fuß auf der obersten Stufe an dem Opfer, das sein Schuß niedergestreckt hatte, und er stürzte der Länge nach in einen Haufen bewaffneter Krieger.

»Feuer, Manuel!« rief der wüthende Gefangene. »Feuer! Sie machen jetzt nur eine Masse!«

»Ja, gebt Feuer! Herr Manuel!« sagte Borroughcliffe mit größter Kaltblütigkeit, »und schießt Euren Offizier nieder! – Bursche, stellt ihn vor! Nehmt ihn vor die Fronte. Wer ihm am Nächsten steht, steht am Sichersten!«

»Feuer!« wiederholte Griffith auf's Neue, und machte verzweifelnde Anstrengungen, sich den Armen von fünf oder sechs Soldaten zu entwinden. »Feuer! An mich denkt nicht!«

»Wenn er Feuer geben läßt, verdient er gehangen zu werden!« sagte Borroughcliffe wieder. »Leutchen Eurer Art finden sich ja nicht so häufig, daß man sie wie wilde Eulen niederschießt. – Nehmt ihn von der Thüre weg, Burschen, und macht Euch selbst schußfertig.«

Während Griffith aus dem Keller stürzte, war Manuel instinctmäßig beschäftigt gewesen, seine Leute zu ordnen, und die Seesoldaten, gewohnt, Alles regelrecht und in Uebereinstimmung zu thun, verloren den vortheilhaften Augenblick, wo ein Angriff möglich war. Borroughcliffe's Soldaten ladeten wieder und stellten sich hinter einigen Trümmern der Mauer auf, wo sie mit ihrem Feuer den ganzen Eingang des Gewölbes bestreichen konnten, ohne selbst viel fürchten zu müssen. Manuel recognoscirte diese Position selbst sehr kaltblütig durch einige Risse in der Mauer und trug Bedenken, gegen die so gut aufgestellten Gegner vorzurücken. Von beiden Seiten wechselte man in dieser Lage der Dinge einige Schüsse ohne Nutzen, bis Borroughcliffe das Zwecklose seines Verfahrens einsah, und die Besatzung im Keller zu kapituliren aufforderte.

»Ergebt Euch den Truppen Sr. Majestät, des Königs Georg des Dritten! Ich verspreche Euch Pardon!« rief er ihnen zu.

»Wollt Ihr Euern Gefangenen herausgeben; und uns freien Abzug nach unsern Schiffen lassen?« fragte Manuel. »Die Garnison muß mit Kriegsehren ausmarschiren, und die Offiziere behalten ihre Seitengewehre!«

»Kann nicht zugestanden werden!« erwiderte Borroughcliffe mit großem Ernste. »Die Ehre der Waffen Sr. Majestät, die Wohlfarth des Staates, verbieten einen solchen Accord. Allein ich verspreche Euch Sicherheit der Person und gute Behandlung!«

»Die Offiziere behalten ihre Seitengewehre; Euer Gefangener wird herausgegeben, und die ganze Mannschaft geht nach Amerika, mit dem Versprechen, bis zur Auswechselung nicht weiter zu dienen!«

»Abgeschlagen!« sagte Borroughcliffe. »Das Aeußerste, was ich bewilligen kann, ist ein tüchtiger Trunk vom edlen Madera, und wenn Ihr der Mann seid, für den ich Euch halte; so werdet Ihr wissen, was das sagen will.«

»In welcher Art sollen wir uns ergeben? Als Männer, die nach Kriegsmanier behandelt werden, oder als Rebellen gegen Euren König?«

»Ihr seid Rebellen! das versteht sich!« versetzte der bedächtige Borroughcliffe, »und als solche müßt Ihr Euch ergeben. Was aber von mir abhängt, da könnt Ihr auf jede gute Behandlung und die beste Kost rechnen. In allem Andern müßt Ihr Euch der Gnade unsers allergnädigsten Königs vertrauen.«

»Nun so soll Se. Maj. uns Dero allergnädigstes Angesicht zeigen, und herkommen, und uns gefangen nehmen: denn ich will verdammt –«

Griffith ließ seinen Waffenbruder den Fluch nicht aussprechen. Sein Blut hatte sich merklich abgekühlt. Das edlere Gefühl war wieder erwacht. Er dachte nur an seine Kameraden. Sein Schicksal schien entschieden.

»Halt, Manuel!« rief er. »Schwört nicht zu früh. Kapitain Borroughcliffe, ich bin Eduard Griffith, Lieutnant in der Marine der Vereinigten Staaten Nordamerika's, und gebe Euch mein Ehrenwort. Laßt mich parlamentiren.«

»Laßt ihn los!« befahl der Engländer.

Griffith ging zwischen beiden Parteien vor, und sprach so laut, daß ihn beide verstehen konnten:

»Ich thue den Vorschlag, in's Gewölbe zu gehen, und den Verlust, die vorhandenen Streitkräfte des Kapitains Manuel zu untersuchen. Sind letztere nicht größer, als ich fürchte; so werde ich bei ihm darauf antragen, sich auf Bedingungen zu übergeben, wie sie unter gesitteten Völkern gewöhnlich sind.«

»Gut!« war Borroughcliffe's Antwort. »Doch halt – ist der Kapitain nicht so ein Halb und Halbding? So ein Doppelthier? Ich meine, ein Seesoldat?«

»Allerdings; er ist –«

»Derselbe!« fiel ihm Jener ins Wort. »Ich glaubte ihn gleich an der Stimme wieder zu erkennen. Da wird's gut seyn, wenn Ihr ihn an das herrliche Leben in St. Ruth erinnert. Sagt nur, ich kenne meinen Mann. Statt zu stürmen, würde ich ihn blokiren, und wäre überzeugt, er ergäbe sich, wenn die Flasche leer wäre. Der Keller, worin er steckt, hat nicht so einen Wein, wie der in der Abtei.«

Griffith lächelte, so unangenehm auch seine Lage, so verdrießlich er war. Er eilte ins Gewölbe und gab sich seinen Freunden zurufend zu erkennen, um sie von seiner Annäherung zu unterrichten.

Sechs Soldaten, mit Einschluß der Wache, lagen todt auf dem steinichten Boden. Vier Andere, verwundet, erstickten ihre Seufzer, dem Befehl des Kapitains gemäß, damit sie nicht den Feind von ihrer Schwäche unterrichteten. Der Ueberrest des Kommando's hatte sich hinter einer Mauer aufgestellt, die das Gewölbe durchschnitt, und ohne auf die entmuthigenden Gegenstände, die vor ihm lagen, zu achten, stand Manuel so keck und muthig an ihrer Spitze, als ob von seinem Eifer, seiner Entschlossenheit das Schicksal einer belagerten Festung abhängig wäre.

»Ihr seht, Griffith,« sagte er, als der junge Seemann sich dem düstern, aber wirklich furchtbaren Walle näherte, »daß mich hier nichts, als Geschütz delogiren kann. Was den besoffenen Engländer anbetrifft; so soll er nur seine Leute pelotonweise, acht oder zehn Mann stark, herunterschicken, ich will sie auf's Bajonet spießen lassen, hier auf den Stufen, Vier und Fünf auf einmal.«

»Aber Artillerie kann und wird angefahren kommen, wenn es nöthig wäre!« führte ihm Griffith zu Gemüthe, »und es ist nicht die mindeste Aussicht zur Rettung. Möglich, daß Ihr ein Paar Feinde erlegt, aber Ihr habt zuviel Gefühl, um dies ohne Noth thun zu wollen.«

»Freilich!« erwiederte Manuel mit mürrischem Lächeln. »Aber ich sage doch, so ein Sieben von ihnen nieder zu schießen, könnte mir Freude machen. Das wäre Einen mehr, als sie mir von der Stange geschossen haben.«

»Vergeßt Eure Blessirten nicht!« fuhr Griffith fort. »Sie müssen umkommen, wenn Ihr Eure Vertheidigung nutzlos fortsetzt.«

Ein halb vernehmbares Stöhnen der Verwundeten unterstützte diesen Grund, und Manuel gab mit einem grießgramigen Gesichte der Nothwendigkeit nach.

»Nun, so geht!« sagte er. »Schlagt ihm vor, wir wollen uns als Kriegsgefangene ergeben, unter der Bedingung, daß ich mein Seitengewehr behalte, und für die Kranken gehörig gesorgt wird. Vergeßt's nicht: Kranke müßt Ihr sie nennen: denn es könnte sich noch ein glückliches Ungefähr ereignen, ehe die Kapitulation geschlossen wird, und ich möchte doch nicht, daß er unsern Verlust jetzt kennen lernte.«

Griffith wartete keine weitere Bedingung ab, und eilte zu Borroughcliffe, um zu berichten.

»Sein Seitengewehr?« wiederholte dieser, als er zu Ende war. »Was ist denn das für Ding? Eine Froschpike! Wenn seine Armatur nicht besser ist, als Deine, mein würdiger Gefangener, so wird ihm den Besitz davon kein Mensch streitig machen.« Die Degen der Schiffsoffiziere sind wenig länger, als ein Hirschfänger. D. Uebers.

»Hätte ich zehn der Geringsten meiner Leute mit solchen Froschpiken, und Kapitain Borroughcliffe stünd' uns Mann für Mann gegenüber;« versetzte Griffith, »er sollte bald Gelegenheit haben, unsere Waffen höher anzuschlagen.«

»Vier solcher tapfern Männer, wie Ihr seid, hätten mein ganzes Kommando über den Haufen geworfen!« sagte der Engländer mit unveränderter Miene. »Ich zitterte für meine Leute, als ich Euch aus dem Rauche, wie einen glänzenden Kometen aus einer Wolke stürzen sah, und werde nie an einen Purzelbaum ohne stillen Dank gegen den denken, der sie erfunden hat. Doch unser Handel ist abgemacht. Laßt Eure Kameraden herauskommen, und die Gewehre zusammenstellen.«

Griffith theilte den Erfolg seiner Unterhandlung dem Kapitain der Seesoldaten mit, und dieser führte den Rest seiner Mannschaft aus der unterirdischen Festung in die freie Luft.

Seine Soldaten hatten während des ganzen Vorfalls das kalte Blut, die ruhige Fassung und den unerschütterlichen Muth behalten, der dies Corps, zu dem sie gehörten, noch jetzt auszeichnet. Sie folgten schweigend ihrem Befehlshaber, und stellten die Gewehre so regelmäßig und ordentlich zusammen, als wäre der Befehl dazu nach einem Marsche gegeben worden. Als dieser vorläufige Schritt geschehen war, ließ Borroughcliffe seine Leute vorkommen, und unsere Abenteurer sahen sich nun von Neuem in der Gewalt des Feindes unter Umständen, die eine schnelle Befreiung fast durchaus nicht hoffen ließen.

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