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Der Lootse oder Abenteuer an Englands Küste. Zweiter Theil

James Fenimore Cooper: Der Lootse oder Abenteuer an Englands Küste. Zweiter Theil - Kapitel 4
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authorJames Fenimore Cooper
titleDer Lootse oder Abenteuer an Englands Küste. Zweiter Theil
senderHerbert Niephaus
publisherAdolf Wienbrack
year1824
created20171117
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III.

 

Ich habe keinen besondern Grund dazu,
aber ich habe doch Grund genug.

Shakespeare.

 

 

Kapitain Borroughcliffe war, als ihm die Wache das bezeichnete Gemach geöffnet hatte, in einer Art betrunken, daß List und Phlegma sich einander die Wage hielten, und, wie an einem Apriltage, auf seinem Gesichte Lächeln und Wohlwollen mit Mißtrauen und Derbheit wechselten. Es sprang in die Augen, daß er bei seinem unvermutheten Besuche einen Zweck hatte. Dafür sprach seine wichtige Miene, sein feierliches Wesen, womit er an's Werk ging. Er winkte der Wache, mit stolzer Würde, sich zurückzuziehn, wiegte seinen Körper in gehöriger Art, als er die Thüre verschloß, und weil seinen etwas verstörten Sinnen ein Geräusch hörbar wurde; so drehte er sich sogleich mit der bedächtigen Miene dahin, die manchen Leuten die bessere Klugheit ersetzen muß. Als er vor Störung sicher zu seyn glaubte, machte er im Zimmer die Runde, um seinen Mann vor Augen zu bekommen.

Griffith war von seinem Mädchen, wenn auch unruhig und ängstlich, schlafend gefunden worden. Der Lootse hatte, scheint es, einen früher vermutheten Besuch ruhig erwartet. Allein ihr Genosse, der Kapitain Manuel, befand sich in einer ganz andern Lage. Die Witterung war frisch; die Nacht stürmisch. Und doch hatte er seine braune Jacke, nebst den andern Theilen seiner Verkleidung abgeworfen, und saß traurig auf der Bank. Die eine Hand wischte große Schweißtropfen von der Stirn, und griff gelegentlich nach der Gurgel halb krampfhaft, halb mechanisch. Wild sah er seinen Besuch an, ohne in seinem Benehmen eine Aenderung eintreten zu lassen, als daß er das Halstuch fester zuzog, und die Gurgel stärker zusammenschnürte, um gleichsam aus Erfahrung zu lernen, wie weit ein solches Zusammenschnüren gehn könne, ohne zu unbequem zu werden.

»Kamerad, Gott grüß' Euch!« sagte Borroughcliffe, und taumelte neben seinem Gefangenen hin, um ohne weitere Umstände Platz zu nehmen. »Kamerad, Gott grüß Euch! Ist denn das Königreich in Gefahr, daß Leute in der Uniform vom Regiment incognitus, incogniti, incognitorum – Hol' der Teufel mein Latein – wie vergess' ich das! – die Insel durchstreifen?

Sagt mir, Freundchen, seyd Ihr nicht auch einer von dem Torum

Manuel athmete mühsam, eine natürliche Folge von der Art, wie er seine Gurgel behandelt hatte. Indessen besiegte er die Furcht, und scharfsinniger, als seine Lage räthlich machte oder die Noth erforderte, antwortete er:

»Sagt, was Ihr wollt, und behandelt mich, wie Ihr wollt; der soll auftreten, der mir beweiset, daß ich ein Tory bin.«

»Ihr seyd kein torum? Nun? Hat die Kriegsverwaltung eine neue Montur aufgebracht? Euer Regiment muß eine schwimmende Batterie genommen haben, oder Ihr seyd bei den Soldaten gewesen? Hab' ich Recht?«

»Das will ich nicht läugnen!« erwiederte Manuel kecker. »Ich habe zwei Jahre bei der Marine gedient, seitdem ich von der Linie weg bin, in der ich bei den –«

»Von der Landarmee,« unterbrach ihn der Andere noch zu rechter Zeit: denn Manuel wollte eben noch »vereinigten Staaten« hinzusetzen.«

»Ich habe auch an Bord gedient, auf der Flotte von Lord Howe. Aber ich beneide Niemanden um den Dienst. Unsere Nachmittagsparaden waren immer höchst unsicher: denn zu der Zeit braucht ein Mann, wie Ihr wißt, festen Grund und Boden. Nun, ich kaufte denn mit einigen Prisengeldern, die mir in den Weg liefen, meine Kompagnie, und insofern denke ich immer mit Freuden an den Seedienst. Aber das ist trockne Arbeit. Hier hab' ich eine Flasche perlenden Madera mitgebracht, und zwei Gläser dazu; mit der wollen wir reden, indem wir von wichtigeren Dingen sprechen. Steckt einmal die Hand in meine rechte Tasche. Seitdem was aus mir geworden ist, kommt es mir, wenn ich rückwärts greifen soll, so vor, als langte ich in die Patrontasche.«

Manuel wußte sich das Benehmen und Worte des Andern gar nicht zu deuten. Aber letztern Redensarten verstand er doch gerade hinlänglich, um eine von den staubigen Flaschen mit einer Gewandtheit hervorzuziehn, die seinem ernsten Vorhaben Ehre machte. Borroughcliffe wußte geschickt den Pfropf zu heben, und reichte nun seinem Kameraden einen tüchtigen Becher, bevor weiter eine Sylbe gewechselt wurde. Ein kräftiges Schmatzen folgte dem Zuge; es hallte im Gemache, wie der Knall von den Pistolen zweier geübten Kämpfer wieder. Dann nahm Borroughcliffe wieder das Wort:

»Ich habe die Flaschen gern, die so schmuzig aussehen, und mit Staub und Spinneweben bedeckt sind, zumal wenn sie so eine gute südliche Lederfarbe haben!« sagte er. »Solcher Trank bleibt gar nicht im Magen. Der geht in's Herz, und wird in der Minute zu Blut. – Aber, Brüderchen, ich habe Dich doch bald weggehabt! Das ist die wahre Maurerei bei Leuten von unserer Art. Ich wußte, daß Du der Mann warst, der Du bist, wie ich Dich in unserer Wache nur gesehn hatte. Aber ich dachte: du willst den alten Soldaten, der hier Herr ist, gehen lassen, und erlaubte ihm, sein Examen zu machen. Er ist alt, und hat Obersten Rang. Ich kannte Dich gleich, wie ich Dich sah! – Ich habe Euch schon früher gesehn!«

Borroughcliffe's Meinung von der Art, wie Wein und Blut Eines würde, mußte sich beim Kapitain Manuel bestätigen: denn dessen Antlitz ward mit jedem wiederholten Versuche, zu trinken, woran es Beide nicht fehlen ließen, so lange ein Tropfen in der Flasche war, wunderbar verändert. Es floß kein Schweiß mehr von der Stirn. Die Gurgel schien keiner solchen Handleistung nöthig zu haben, wie früher Statt gefunden hatte. Er saß im Gegentheil ruhig und neugierig, und so aufmerksam da, wie es seine Lage zu heischen schien.

»Ja, ja!« erwiederte er, »wir können schon einmal zusammengekommen seyn. Aber ich wüßte doch nicht, wo ich Euch gesehn hätte. Waret Ihr einmal Kriegsgefangener?«

»Nun, so recht eigentlich bin ich so ein armer Teufel nicht gewesen. Ich theilte die Beschwerden, den Ruhm, die zweideutigen Siege, (wo wir zahllose Haufen von Rebellen schlugen und zusammenhauten, die zwar nicht da waren,) endlich auch leider die Kapitulation von Bourgoyne. Aber laßt das gut seyn; es war mehr, als die Yankees mochten erwartet haben. Ihr wißt nicht, wo wir uns gesehn haben? Ich habe Euch auf der Parade und im Felde, in der Schlacht und nach der Schlacht, im Lager, in der Kaserne, kurz überall, nur nicht in Gesellschaften, gesehen. Wirklich, gestern Abend war dies das erste Mal.«

Manuel war nicht wenig verwundert, und fühlte sich bei diesen vertraulichen Aeußerungen etwas unbehaglich. Sie schienen sein Leben wieder in Gefahr zu bringen. Das eigene Gefühl an der Gurgel mochte schon wieder erwachen, als er erst einen tüchtigen Zug that und dann sagte:

»Könnt Ihr das beschwören? – Wißt Ihr meinen Namen!«

»Das will ich bei jedem Gerichtshofe in Christenheit beschwören. Euer Name ist – ist Fuglemann.«

»Da will ich verdammt seyn!« rief der Andere mit Jauchzen.

»Flucht nicht so!« bemerkte Borroughcliffe ernsthaft. »Was macht denn der Name aus? Du magst heißen, wie Du willst; ich kenne Dich. Auf Deiner Stirn steht ein tüchtiger Soldat geschrieben. Deine Kniee sind steif im Schritte. Ich glaube, die sind rebellisch, wenn sie beim Beten knieen sollen.«

»Hört einmal,« unterbrach ihn Manuel etwas ernst, »scherzt nun nicht weiter, sondern sprecht deutlich. Rebellisch! Die Kniee rebellisch! Ich glaube, die Leute hier nennen noch am Ende den Himmel in Amerika auch rebellisch.«

»So ein Einfall gefällt mir, Freundchen!« entgegnete der Engländer ganz unbefangen. »Er steht einem Soldaten gleich gut an, als die Patronentasche und das Degenkoppel. Aber bei einer Kriegsgurgel ist er verloren. Ich wundere mich indessen doch, daß Du gleich meinen Hieb auf deine Orthodoxie so hoch aufnimmst. Eine Festung ist gewiß nicht stark, wo die Außenwerke mit solchem Aufwand vertheidigt werden!«

»Ich weiß nicht, warum und woher Ihr kommt, Kapitain!« sagte Manuel wieder mit lobenswerther Vorsicht, um seines Gegners Absichten zu erforschen, ehe er mit seiner Erklärung herausrückte. »Ihr seyd Kapitain, und heißt Borroughcliffe; aber das weiß ich, wenn Ihr nur herkommt, mich in meiner Lage zu verspotten; so ist das weder Soldaten-Art, noch gut gehandelt, und könnte Euch unter andern Umständen, in Gefahr bringen.«

»Hm,« versetzte der Andere, in unveränderter Ruhe, »ich sehe, Ihr rechnet den Wein für nichts, obschon der König keinen bessern trinkt, blos aus dem Grunde, daß in England die Sonne den Weg nicht so leicht durch die Mauern von Windsorcastle findet, wie in Carolina, wenn sie einen Keller, mit Planken bedeckt, durchwärmt. Aber Deine Hitze gefällt mir immer mehr und mehr. Also trink! Greif zu und laß uns einen Sturm auf die andere Flasche machen. Dann will ich Dir den Plan zum ganzen Feldzuge mittheilen.«

Manuel musterte seinen Gesellschafter aufmerksam; aber er konnte keinen Zug von List und Tücke wegbekommen. Im Gegentheil schien jeder einer Art immer sichtbarer werdender Trunkenheit Platz zu machen. Ruhig setzte er sich also wieder zur Flasche.

»Ihr seyd Soldat und ich bin Soldat,« begann der Engländer. »Daß Ihr Soldat seyd, kann mein Korporal weghaben: denn der Hund hat eine Kampagne mitgemacht, und Pulver gerochen. Aber nur ein Offizier kann den Offizier wegbekommen. Gemeine tragen nicht so ein Hemd, solche Sammetbinde mit silberner Schnalle, und in den Locken riecht es auch nicht nach so schöner Pomade. Kurz, Brüderchen, Du bist Soldat und Offizier.«

»Das räum' ich ein. Ich habe Kapitainsrang, und hoffe, als solcher behandelt zu werden.«

»Nun, ich denke, ich habe Dir ein Weinchen vorgesetzt, wie es für einen General paßt. Aber wie Du willst! Leute sogar, deren Kopf nicht durch so eine Herzstärkung aufgehellt ist, wie sie dies Haus im Ueberfluß darbietet, müßten ja einsehn, daß, wenn ihr Herren die Insel in der Uniform vom Incognitorum-Regiment durchzieht, was bei Dir heißt, als Matrose, – der Wind aus einer ganz besondern Ecke pfeifen müsse. Der Soldat muß seinem Fürsten treu seyn, und dann sich selbst, dem Kriege, den Weibern, dem Weine. Krieg ist nicht im Lande. Weiber, die sind in Menge da; Wein, guter Wein aber, der ist hier selten und theuer. Nun, Kamerad, geh ich gerade auf den Fleck los?«

»Immer vorwärts!« versetzte Manuel, der mit Augen und Ohren forschte, ob sein eigentliches Verhältniß entdeckt sey.

» En avant! Oder, in gutem Deutsch: Vorwärts! Marsch! Siehst Du, die Schwierigkeit liegt zwischen Weibern und Weine. Ja, wenn die Weiber reich und hübsch sind; so ist das eine hübsche Abwechselung. Nun, nach Weine geht Ihr nicht, Kapitain Kamerad, oder wenigstens würdet Ihr nicht in so einem schäbigen Anzuge darnach ausgehn: denn, nehmt's nicht übel, wer würde einem Manne in solchen theerbedeckten Hosen etwas Anderes, als Porter vorsetzen? Nein! Ein Glas Genever, grüner und gelber Genever wäre für so einen, wie Ihr geht, gut genug!«

»Und doch habe ich Jemanden gefunden, der mir den schönsten Drymadera von der Südseite vorgesetzt hat.«

»Kennst Du die Seite, wo der beste Wein wächst? Nun, das sieht aus, als gingst Du nach Weine. Aber nein! Ein Weib, ein Weib voll tausend Einfälle, die den Helden in der Uniform, dann wieder einen Heiligen in der Kutte und den Geliebten in jedem Rocke bewundernswerth findet, er mag in blauer oder gelber Leinwand kommen: – Kurz, ein Weib hat Dich in den Anzug gebracht. Hab' ich Recht, Kamerad?«

Jetzt hatte Manuel begriffen, daß er in Sicherheit sey, und ließ nun allen seinen Witz spielen, der vorher durch die Bearbeitung der Gurgel schrecklich gelähmt gewesen war. Erst warf er einen listigen Blick auf seinen Kameraden. Dann sagte er mit einer Miene, die Salomo's Weisheit übertroffen haben würde:

»Ach! die Weiber haben viel zu verantworten!«

»Das weiß ich!« entgegnete der Engländer, »und Dein Geständniß bestätigt mir die gute Meinung, die ich von mir habe. Wenn Se. Majestät der König, die Sache mit den Amerikanern zu Ende bringen will; so soll er nur die Convention von Bourgoyne verbrennen und einen gewissen Jemand hinschicken, da wollen wir einmal sehen! – Aber sprich aufrichtig. Ist es denn auf Heirath abgesehn oder bloße Tändelei mit Cupido?«

»Ehrbare Heirath!« versetzte Manuel mit einer Miene, als habe ihn schon Hymen ganz in seinen Banden.

»Das ist brav gedacht! – Hat das Mädchen Geld!«

»Geld?« wiederholte Manuel mit einer Art verächtlichen Tones. »Würde ein Soldat seine Freiheit verkaufen, und wenn die Ketten von Gold wären?«

»Das ist Soldatensprache!« rief der Andere. »Höre, Brüderchen, ich merke, Du hast in Deiner doppelthierartigen Natur doch auch ein bischen Verstand! Aber nun – warum hast Du Dich so vermummt? Sind die Eltern groß, vornehm, mächtig? He?«

»Warum so verkleidet,« wiederholte Manuel kalt. »Ist denn Liebe je ohne Verkleidung? In unserem Regimente gewiß nicht. Bei uns ist dies das gewöhnliche Symptom vom Liebesfieber.«

»Eine schöne Beschreibung von der Liebe, mein lieber Kamerad Doppelthier! Bei Dir haben sich aber häßliche Gerüche dazu gesellt. Riecht denn Dein Mädchen so gern Theer?«

»Das nicht, aber sie liebt mich, und folglich jede Maske, in der ich erscheine.«

»Klug und vernünftig, und eine hübsche Finte, um mich auszupariren. – Aber einen alten Kriegskameraden hintergeht man nicht. Also Ihr seyd verliebt?«

»Das läugne ich nicht.«

»Euer Mädchen will; Geld ist da: aber die Alten sagen: Halt!«

»Ich bin stumm.«

»Und Du willst mit ihr durchgehn? – Zu Wasser?«

»Wenn ich nicht zu Wasser mit ihr fortkann, werde ich gar nicht fortkommen;« versetzte Manuel, und griff mechanisch an die Gurgel.

»Mir brauchst Du nichts zu sagen. Ich weiß Alles, Brüderchen. Rede Du nur weiter. Ich sehe jedes Geheimniß durch, und wär' es dunkel, wie die Nacht. Deine Kameraden sind also Gehülfen: wahrscheinlich Matrosen oder Lootsen auf der Fahrt?«

»Der Eine soll den Weg zeigen, und der Andere ist Matrose.«

»Hast Dich gut eingerichtet. Noch Eins, und dann red' ich weiter nicht. Liegt Dein Mädchen hier im Hause?«

»Das nicht. Aber auch nicht fern von hier, und ich wäre ganz glücklich, wenn –«

»Du einmal hinguken könntest? Nun höre. Du sollst Deinen Wunsch erfüllt sehn. Du stehst noch fest genug auf den Beinen, was bei der späten Zeit jetzt viel sagen will. Mach' einmal dies Fenster auf. – Kannst Du hinabspringen?«

Manuel sah geschwind hinaus, kam aber gleich zurück.

»Wer den Sprung thäte, wär' des Todes gewiß. Der Teufel kann da hinunterkommen!« rief er.

»Das denk' ich auch!« erwiederte Borroughcliffe lallend. »Nun, Du mußt Dich doch dazu entschließen, für den Ehrenmann zu passiren, solange Ruth's Abtei steht. Durch die Oeffnung mußt Du auf den Flügeln der Liebe entfliehn!«

»Aber wie? Das ist ja unmöglich.«

»In Gedanken, Brüderchen. Unter manchen Bewohnern im Hause sind über Euch wunderliche Gedanken im Umlaufe. Sie reden von Rebellen. Ach, die haben genug zu Hause zu thun, und denken gewiß nicht daran, hierher zu kommen! Ich wünsche einem Kameraden in der Noth zu dienen. Die Leute sollen also denken, Du bist zum Fenster herausgekommen, während Du mit mir vor der Wache vorbeigehst, und so ruhig fortkommst, wie jeder Mensch auf zwei gesunden Beinen.«

Dies hatte sich Manuel bei der freundschaftlichen, aber wunderlichen Unterhaltung nicht gedacht. Kaum aber war der Wink gegeben, und gleich auch die Kleidung übergeworfen, die ihm die Angst früher zu lästig machte. In einem Augenblick stand er fertig da. Kapitain Borroughcliffe brachte sich derweilen in gerade Richtung, die er wie ein Exerciermeister zu behaupten suchte, und als er merkte, er stehe würklich fest, sagte er dem Gefangenen, es könne fortgehen. Manuel machte gleich die Thüre auf. Sie betraten die Gallerie.

»Wer da?« rief die Wache mit einer Kraft und Munterkeit, die die frühere Nachsicht ausgleichen sollte.

»Geh' hübsch gerade, daß er Dich sehen kann!« sagte Borroughcliffe ganz ruhig zu Manuel.

»Wer da?« wiederholte die Wache, und schlug ans Gewehr, daß es längs der ganzen steinernen Wand wiederhallte.

»Hübsch im Zickzack! Wenn er feuert, trifft er nicht!« lallte Borroughcliffe wieder.

»Mit den Possen schießt er uns noch über den Haufen!« murmelte Manuel und rief der Wache zu: »Gut Freund, in Gesellschaft Eures Kapitains!«

»Halt! Parole gegeben!« rief die Wache anlegend.

»Ja, das ist leichter gesagt, als gethan!« sagte der Kapitain. »Vorwärts, Kamerad Doppelthier. Du kannst noch, wie ein Briefträger, laufen. Stell' Dich an die Fronte und sage das Zauberwort: »Loyalität.« Das ist die stehende Parole, die mir immer mein Wirth, der Oberst, giebt. Siehst Du, nun ist der Weg frei. – Wa – was bleibst Du denn stehen? Wo willst Du denn hin?«

Manuel hatte sich besonnen, wer sein Schicksal theile.

»Meine Gehülfen, die Seeleute! Ohne sie kann ich ja nichts thun!« sagte er.

»Ja so! – Die Schlüssel stecken an der Thüre. Drehe um, und bringe die Reserven heraus!« versetzte der Kapitain.

Im Augenblicke war Manuel in Griffith's Zimmer, und schilderte ihm mit zwei Worten den Stand der Sache. Dann kam er wieder, eben so den Lootsen zu unterrichten.

»Sprecht kein Wort, benehmt Euch nur, wie vorher, und vertraut mir!« sagte er zu diesem, welcher aufstand, und ohne ein Wort zu sagen, mit bewundernswerther Kälte nachfolgte.

»Nun bin ich fertig!« sagte Manuel, als sie bei Borroughcliffe standen.

Während dieser kurzen Zeit hatte die Wache und der Kapitain einander ganz dem Dienste gemäß angesehn. Der Soldat wollte seiner Wachsamkeit Ehre machen, und der Letztere wartete auf die Seeleute. Jetzt kamen sie, und er winkte Manuel, die Parole zu geben.

»Loyalität!« sagte Manuel, als sie der Schildwache nahe kamen.

Allein die Wache hatte Zeit gehabt, sich die Sache zu überlegen. Sie sah recht gut, in welchem Zustande der englische Kapitain sey, und machte gegen das Weitergehn Einwendungen. Sein Gewehr quer vorgehalten, sprach der Soldat zu seinem Obern: »Die Parole haben sie gegeben, aber ich wage es nicht, sie gehn zu lassen!«

»Warum denn nicht? Bin ich nicht da? Kennst Du mich nicht?« fragte der Kapitain.

»Ich kenne Euch wohl und habe allen schuldigen Gehorsam. Aber der Sergeant führte mich auf den Posten und befahl mir, die Leute in keiner Art herauszulassen.«

»Das heißt Disciplin!« rief Borroughcliffe laut lachend. »Ich glaube, der Bursche giebt so wenig auf Euch, als auf die Lampe hier. Richtet Ihr denn Eure Soldaten auch zu solchen Dingen ab, Bruder Doppelthier?«

»Was soll der Spaß?« fragte der Lootse ernstlich.

»Ich sollte jetzt auf Eure Kosten lachen!« fiel Manuel ein, und that, als ob er mitlache. »Ach, wir machen das Alles auch in unserm Corps! Aber da die Wache Euch nicht anerkennen will, so wird es schon der Sergeant thun. Wir wollen ihn rufen, daß er dem Manne hier Befehl giebt, uns gehn zu lassen.«

»Ich höre schon, Deine Kehle wird trocken, Du brauchst wieder eine Flasche von veredeltem Naß!« sagte der Engländer. »Ja, das soll geschehn. Wache! Du kannst das Fenster aufmachen und den Sergeanten rufen!«

»Dann sind wir verloren!« raunte der Lootse Griffith ins Ohr.

»Folgt meinem Beispiel!« sagte der junge Seemann leise.

Die Wache drehte sich nach dem Fenster, dem Willen des Kapitains zu genügen. Im Augenblick sprang Griffith zu, und riß ihr die Flinte aus der Hand. Ein tüchtiger Kolbenschlag stürzte den überraschten Soldaten zu Boden. Dann zog Griffith den Dolch, und rief: »Vorwärts! Wir werden den Weg schon finden!«

»Vorwärts!« wiederholte der Lootse, und sprang über den Soldaten flüchtig weg, einen Dolch in der einen, ein Pistol in der andern Hand.

Manuel war im Augenblicke eben so bewaffnet an seiner Seite. Ohne Einen zu treffen, der sie aufgehalten hätte, kamen sie aus dem Gebäude heraus.

Borroughcliffe war gar nicht im Stande, zu folgen, und durch den schnellen Auftritt so betäubt, daß mehrere Minuten hingingen, bevor er den Gebrauch der Sprache wieder bekam, welche ihn doch selten verließ. Der Soldat bekam die Besinnung wieder. Er stand auf den Beinen. Beide sahen einander schweigend und bedauernd an. Endlich brach die Wache zuerst das Stillschweigen.

»Soll ich Lärm machen, Herr Kapitain?« fragte sie.

»Ich denke nicht, Peters; ich sehe schon, von Dankbarkeit ist beim Marinecorps so wenig, wie von Höflichkeit zu spüren.«

»Ich denke doch, Herr Kapitain, Ihr werdet mir bezeugen, daß ich meine Schuldigkeit that, und entwaffnet wurde, als ich Euern Befehl ausführte?«

»Ich kann mich gar nicht auf etwas besinnen, als daß es eine schlechte Behandlung war, für die ich das Doppelthier noch zur Rede und Antwort ziehn will. Aber – schließ die Thüren zu. Thu', als ob gar nichts vorgefallen wäre, und –«

»Ja, Herr Kapitain, das ist nicht so leicht gethan, als es gedacht wird. Ich weiß, auf meinen Schultern ist die Muskete so abgedrückt, daß man sie im Finstern wieder erkennen kann.«

»Mach's, wie Du willst, Bursche; aber halt' nur's Maul. Hier hast Du eine Krone. Kauf' Dir ein Pflaster. Ich hörte, der Seehund warf Deine Flinte auf die Treppe hin. Geh', such' sie, und komm wieder auf den Posten. Wenn Du abgelöst wirst, thust Du, als wäre gar nichts vorgefallen. Ich nehme die Verantwortlichkeit auf mich.«

Der Soldat gehorchte, und als er sein Gewehr wieder hatte, ging Borroughcliffe, durch die Ueberraschung etwas nüchtern geworden, auf sein Zimmer, immer fluchend und tobend gegen das »Marinecorps und die ganze Raçe der Wasseramphibien,« wie er sich ausdrückte.

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