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Der Lootse oder Abenteuer an Englands Küste. Zweiter Theil

James Fenimore Cooper: Der Lootse oder Abenteuer an Englands Küste. Zweiter Theil - Kapitel 10
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authorJames Fenimore Cooper
titleDer Lootse oder Abenteuer an Englands Küste. Zweiter Theil
senderHerbert Niephaus
publisherAdolf Wienbrack
year1824
created20171117
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IX.

 

– – Wenn solche Wunder
So zusammentreffen, dann mag Niemand sagen:
»Das ist der Grund davon, 's geht ganz natürlich zu!«
Es sind, so meine ich, bedeutungsvolle Zeichen
Für jedes Land, wo sie sich immer zeigen!

Shakespeare.

 

 

Wenn der Leser die Zeit berechnet, die während der vorigen Auftritte verging; so wird er wohl bemerken, daß der Ariel mit seiner Prise in der von uns bezeichneten Bai nicht eher vor Anker ging, als bis bereits Griffith, und seine Leute mehrere Stunden in der Gewalt ihrer Feinde waren. Daß der amerikanische Schooner angeblich genommen war, galt bei einem Volke, gewohnt, zur See unbesiegbar zu seyn, für unbedeutend, und erregte keine Verwunderung. Es kostete also Barnstable wenig Mühe, die Paar Landleute zu täuschen, welche aus Neugier den Schiffen, während der Dämmerung, nahe gekommen waren. Der Abendnebel stieg allmälig auf der Fläche des engen Wasserbeckens auf. Die Krümmungen der Bucht schwanden in finstern, düstern Umrissen. Der junge Seemann dachte nun ernstlich daran, seine Schuldigkeit zu thun.

Die Alacrity ward mit ihren Leuten und den Verwundeten des Ariels unter der gehörigen Bedeckung flott gemacht. Ganz im Stillen lichtete sie die Anker, und ging langsam mit dem Landwinde aus der Bucht, bis sie die offene See hatte, und nun alle Segel aufgesetzt wurden, die Fregatte zu suchen. Barnstable erwartete diesen Augenblick mit namenloser Unruhe: denn aus einer Felsenhöhe, welche das Meer in einem bedeutenden Umkreise bestrich, stand eine kleine, aber gute Batterie, um den Hafen gegen das Landen und Plündern der feindlichen kleinen Korsaren zu schützen. Sie hatte Mannschaft genug, ihre zwei Kanonen von schwerem Kaliber jeden Augenblick zu bedienen. Wie weit ihm seine List glücken würde, wußte er nicht. Erst, als er die Segel der Alacrity sich entfalten und vom Winde schwellen sah, fühlte er, jetzt sey er dem Ziel nahe.

»Das muß doch wohl die englischen Ohren treffen!« sagte Merry, der Kadet, welcher aus dem Vorderkastell des Ariels neben seinem Kommendanten stand, und fast ohne Athem zu holen dem Flattern der Segel zuhörte. »Als die Sonne unterging, stellten sie eine Schildwache auf die äußerste Klippe, und wenn die nicht todt oder im tiefen Schlafe ist; so muß sie Verdacht schöpfen.«

»Niemals!« sagte Barnstable, und holte so freien Athem, daß Merry wohl sah, alle Furcht sey beseitigt. »Der Bursche wird eher denken, daß sich eine Seejungfer am kühlen Abend fächle, als das wahre Verhältniß vermuthen. – Höre, Coffin, was meinst Du? Wird die Wache die Sache riechen?«

»'s ist ein dummes Volk, die Soldaten,« erwiederte er, indem er erst sich umsah, um zu wissen, daß keiner von Manuel's Seesoldaten der Nähe sey. »Da war z. B. unser Sergeant. Der konnte nun etwas wissen: denn er hatte vier Jahre an Bord gelebt. Er behauptete aber doch gerade ins Gesicht von Jedem, der um's Cap von der guten Hoffnung segelte, es wäre dort kein Schiff zu sehen, wie der fliegende Holländer ist. Der fliegende Holländer ist eine Erscheinung in den Gewässern des Caps der guten Hoffnung, welche der abergläubische Seemann zu einer Zeit wahrzunehmen glaubt, wo es heftigen Sturm giebt, wo er kein Segel aufzustecken wagt, und dieses Meteor, seiner Phantasie zufolge, mit vollen Segeln hinschießen sieht. D. Ueb. Nun sagte ich ihm, er sey ein Dummkopf, und fragte auch, ob denn es nicht wahrscheinlicher sey, daß so ein Holländer lebe, als daß es Orte gäbe, wo die Einwohner nur zwei Wochen im Jahre haben, nämlich sechs Monate Tag und sechs Monate Nacht. Da lachte mich der Gelbschnabel aus, und ich glaube, er hätte gesagt, ich löge, wenn nicht etwas darein gekommen wäre.«

»Was kam denn darein?« fragte Barnstable.

»Je nun!« sagte Tom, und strekte die knochichten Finger aus, indem er beim Schimmer die breite Hand beschaute. »Ich bin sonst ein friedfertiger Mann, aber in die Hitze kann ich doch kommen.«

»Hast Du denn den fliegenden Holländer gesehn?«

»Ich bin nicht um das Vorgebürge gekommen: aber durch den Kanal kann ich mich in der finstersten Nacht finden, die je vom Himmel herabkam, und habe mit manchem Seemanne gesprochen, der ihn gesehn und angerufen hat.«

»Nun immer hin! Diese Nacht mußt Du selbst ein fliegender Yankee werden, Coffin. Mach' Dein Boot fertig, und laß alle Leute Waffen mitnehmen.«

Der Bootsführer stand einen Augenblick an, ehe er daran ging, dem unerwarteten Befehle nachzukommen. Er zeigte nach der Batterie, und fragte mit unglaublichem Phlegma:

»Nach der Küste? Sollen wir Säbel und Pistolen mitnehmen, oder brauchen wir Piken?«

»Es könnten Euch Soldaten mit Bajonetten in den Weg kommen!« erwiederte Barnstable nachdenkend. »Also Waffen, wie gewöhnlich gegeben! Aber lege ein Paar lange Piken mit in's Boot, und wirf Deine Tonne mit der Harpunenleine aus: denn ich sehe schon, Du hast Dich wieder ganz neu damit eingerichtet.«

Der Beischiffsführer wollte schon das Vorderkastell verlassen, aber bei der neuen Weisung kehrte er wieder um, und wagte deshalb eine Vorstellung zu thun.

»Hört einmal einen alten Wallfischjäger,« sagte er, »der zeitlebens an sein Schiff gewöhnt ist. Ein Wallfischboot muß mit Tonne und Tau gehn, wie ein Schiff mit Ballast, und –«

»Heraus damit! Alter Wallfischjäger!« rief aber der ungeduldige Barnstable in einer Art, die seinem Bootsführer schon für unwiderruflich galt. Er holte also einen tiefen Seufzer über die Vorurtheile seines Befehlshabers, wie er es nannte, und ging dann ohne weitern Aufschub an die Vollziehung des Befehls.

Barnstable legte vertraulich die Hand auf Merry's Schulter, und führte ihn auf's Hinterdeck des kleinen Schiffs, ohne ein Wort zu sagen. Der Vorhang, der den Eintritt in die Kajüte verbarg, war zum Theil zurückgeschlagen. Eine Lampe brannte im kleinen Gemach. Vom Deck herab konnte man wohl sehen, was darin vorging. Dillon stützte das Haupt mit beiden Händen, daß man sein Antlitz nicht wahrnahm; saß aber in tiefem Nachdenken, ganz in sich verloren da.

»Ich wollte, ich könnte meinen Gefangenen von Angesicht sehen!« raunte Barnstable dem Kadet kaum vernehmlich ins Ohr. »Das Auge des Menschen ist eine Art Leuchtthurm, der uns sagt, wie man in den Hafen seines Vertrauens segeln kann.«

»Und manchmal ein Leuchtthurm, der uns warnt, hier keinen sichern Ankerplatz zu suchen!« erwiederte der Kadet rasch.

»Spitzbube!« brummte Barnstable. »Da spricht Deine Base Käthchen aus Dir!«

»Wenn meine Base Plowden hier wäre; so wette ich darauf, ihre Ansicht von dem Ehrenmanne wäre um kein Haar besser!«

»Und doch bin ich entschlossen, ihm zu trauen. Höre, Bursche, sag' einmal, ob ich Unrecht habe? Du hast einen schnellen Blick, wie noch Jemand in Deiner Familie. Manchmal kannst Du einen Einfall mittheilen, der etwas werth ist.«

Der Kadet fühlte sich vom Vertrauen seines Kommendanten geschmeichelt, und folgte diesem zur Gallerie, über die sich Barnstable hinlehnte, als er ihm seinen Plan eröffnete.

»Ich habe von den langen Narren, die heut Abend kamen, um die Augen über das Schiff aufzusperren, welches die Rebellen bauen konnten, erfahren, daß heute früh in den alten Ruinen bei der Abtei St. Ruth eine Menge Seesoldaten und Matrosen aufgehoben worden ist.«

»Das ist Griffith!« rief der Kadet aus.

»Ei, um das heraus zu bekommen, bedarf es nicht erst der Weisheit Deiner Base Käthchen. Nun, jetzt hab' ich dem Ehrenmann mit dem Savannahgesichte den Vorschlag gethan, er soll nach der Abtei gehn, und eine Auswechselung anbieten. Ihn will ich für Griffith, und die Mannschaft vom Kutter für Manuel's Leute und die Tiger geben!«

»Die Tiger?« jammerte Merry. »Meine Tiger haben sie auch? Ach, wollte Gott! Herr Griffith hätte mich mit an's Land gehen lassen.«

»Nun, für ein solches Bürschchen war das keine Sache, und an überflüssigen Leuten fehlte es in der Schaluppe nicht, wohl aber an Platze! –

Kurz, der Herr Dillon hat meinen Vorschlag angenommen, und mir sein Wort gegeben. Griffith ist in einer Stunde bei uns, sobald er selbst in der Abtei ist. Wird Jener denn sein Wort halten?«

»Ich dächte doch!« antwortete Merry, als er einen Augenblick nachgesonnen hatte, »denn ich meine, er wird Griffith nicht gern mit Miß Howard unter Einem Dache sehn, so weit dies von ihm abhängt. Diesmal also mag er wohl wahr reden, ob er schon übrigens einen falschen Blick hat.«

»Seine Leuchtthürme sehn verdächtig aus; das gesteh' ich gern;« bemerkte Barnstable. »Indessen ist er doch Mann vom Stande, und verpfändet sein Wort. Ihm in so etwas nicht trauen, wäre unedel, und ich will es darauf ankommen lassen. Jetzt hör' weiter! Die Abwesenheit älterer Offiziere legt auf Deine jungen Schultern große Verantwortlichkeit. Gieb' mir auf die Batterie hier Acht, als säßest Du auf dem Mastkorbe Deiner Fregatte, um den Feind zu beobachten. So wie Du siehst, daß sich einige Unruhe oben zeigt – gleich die Anker gekappt, und hinaus ins offene Fahrwasser! Mich findest Du längs den Klippen, und segelst also nur hin und her, immer die Abtei im Gesicht, bis wir wieder zusammentreffen.«

Merry horchte diesen und mehrern andern wichtigen Vorschriften, die sein Kommendant gab, aufmerksam zu. Der Letztere mußte seinen geliebten Schooner der Wachsamkeit eines Knaben anvertrauen, dessen Jahre durchaus nicht die Umsicht und Kenntnisse versprachen, welche er wirklich leistete. Der eine Offizier vom Ariel war nämlich mit der Prise fort, und der andere lag verwundet darnieder.

Als Barnstable seine Weisungen beendigt hatte, ging er wieder nach der offenen Kajütenthüre, und prüfte nochmals mit scharfen Augen, ehe er sprach, einen Augenblick die Züge seines Gefangenen. Dillon hatte die Hände weggenommen, die sein gelbes Gesicht bedeckten, und, als wüßte er, daß man seine Physiognomie mustern wollte, den ganzen Ausdruck seines verscheuchenden Aeußern zu völliger Ergebung in sein Schicksal stempeln gesucht. So las wenigstens sein Sieger, und diese Vorstellung regte in der Brust des Edlen einige zärtere Gefühle auf. Jeder Verdacht in das Ehrenwort des Gefangenen schien ihm für den Augenblick unwerth. Er rief ihm freundlich zu, in's Boot zu steigen. Ein ganze eigner Ausdruck überflog dabei Dillon's Züge, so, daß der Seemann wieder stutzig wurde. Allein er ging bald vorüber, und ließ sich auch so leicht als Freude über die versprochene Freiheit dollmetschen, daß der eben entstandene Zweifel so schnell verschwand, als die zweideutige Miene selbst. Barnstable war eben im Begriff, seinem Gefangenen in's Boot zu folgen, als er sich sanft beim Arme gehalten fühlte.

»Was willst Du denn?« fragte er den Kadet, von dem dies Zeichen herkam.

»Traut dem Dillon nicht zu viel!« bemerkte dieser ängstlich. »Wenn Ihr sein Gesicht gesehn hättet, als er die Kajütentreppe herauf kam, und das Licht aus der Laterne auf ihn fiel, Ihr würdet erstaunt seyn.«

»Nun, eine Schönheit würde ich nicht gesehn haben!« erwiederte der edle Lieutnant lachend. »Laß gut seyn. Wir haben den langen Tom hier. Der ist so derb gezeichnet, wie nur irgend ein Jüngling von funfzig Jahren, den Salzwasser gewaschen hat, und doch hat er ein Herz – ein Herz, so groß, wie der Kraaken. Nun wünsche ich Dir eine gute Nacht, Merry. Vergiß nicht! Immer die Batterie im Auge!«

Noch so sprechend, ging er über das Verdeck seines kleinen Schiffs. – Als er neben seinem Gefangenen Platz genommen hatte, rief er noch dem Kadet zu:

»Laß alle Raabänder aufknüpfen, und Alles zurecht machen, um gleich auszulegen. Vergiß es nicht! Du hast nicht viel Hände! Gott befohlen! Ja, und hör', wenn einer an Bord in der Zeit, bis ich wieder komme, ein Auge zuthut; so will ich sie ihm dann weiter machen, als wenn Tom Coffin's Freund, der fliegende Holländer, über ihn gekommen wäre. Leb wohl, recht wohl, mein guter Merry! Wenn der Landwind so fortgeht; so setze ein Sturmsegel auf! – Abgestoßen!«

Bei dieser letzten Weisung sank er auf seinen Sitz, und zog den Mantel fester zusammen, ohne ein Wort zu sprechen, bis die zwei kleinen Landspitzen umfahren waren, welche den Eingang der Bai bildeten. Jetzt waren sie in offener See, und hielten nur nach der Küste zu. Der Bootsführer glaubte, unter dem Dunkel der Klippen sey es nicht länger vonnöthen, zu schweigen, und bemerkte daher:

»Ein Sturmsegel ist ein schönes Ding, ein Schiff bei gutem Winde und tiefem Fahrwasser fortzubringen. Aber wenn funfzig Jahre einem Menschen sagen können, wie 's Wetter wird; so ist meine Meinung, daß, falls der Ariel morgen früh um acht Uhr den Anker lichtet, er das Hauptsegel braucht, um nicht den Curs zu verlieren.«

Der Lieutnant ward durch diese unvermuthete Bemerkung aus seinem Nachsinnen geweckt. Er warf den Mantel ab, und schaute über das Meer hin, als suche er die bösen Wetterzeichen, welche die Phantasie seines Bootsführers beunruhigten.

»Bist Du denn in Deinen alten Tagen eine Wetterkrähe geworden, Tom?« fragte er ärgerlich. »Was siehst Du denn, um so eine alte Weiberlitannei anzustimmen?«

»Das ist keine Weiberlitannei!« versetzte Tom mit großem Ernste. »Es ist die Warnung eines alten Mannes, der seine Tage verlebt hat, wo kein Hügel die gegen ihn stürmenden Winde abhielt; es müßten denn Hügel von Schaum und Salzwasser gewesen seyn. Ich denke, wir werden einen Sturm aus Nordosten haben, ehe noch die Morgenwache abgerufen wird.«

Barnstable kannte die Erfahrung seines alten Bootsmannes zu gut, um nicht bei so einer Ansicht, in so bedenklicher Art geäußert, unruhig zu werden. Er musterte indessen noch einmal den Horizont, den Himmel, das Meer, und dann sagte er streng:

»Dieses Mal ist Deine Prophezeihung nichts, Tom! Alles ist ja ruhig, wie im Schlafe. Die See geht noch etwas hohl. Das ist aber die Folge vom letzten Sturme. Der Nebel über dem Wasser ist Nachtnebel. Du kannst es mit eigenen Augen sehn, wie er seewärts treibt. Selbst das Bischen Sturm von der Küste her ist nichts als Landwind, der mit dem Seewinde zusammenkommt: Er geht stark mit Thau und Nebel, ist aber so träge, wie ein holländischer Ostindienfahrer.«

»Ja, ja, der Landwind ist feucht und nicht stark. Er kommt blos von der Küste und geht nicht weit in's Wasser. Es ist nicht leicht, Wetter recht kennen zu lernen, und keiner bekommt es weg, als der, welcher weiter nichts thut und treibt, als dies. Es giebt nur Einen, der die Winde des Himmels schaut, und sagen kann, wo ein Orkan anfängt, und wo er endigen wird. Indessen, der Mensch ist ja nicht einem Wallfische oder Meerschweine gleich, welche die Luft mit der Nase auffangen, und nie wissen, ob sie Südost oder Nordwest fühlen. Gukt einmal da unten auf dem Wasser, und seht den Streifen von hellen Wolken hinter dem Nebel. Das Wort eines alten Seemannes darauf: wo ein lichter Schein am Himmel steht, Kapitain; da geschieht's nicht umsonst! Außerdem lagerte sich die Sonne beim Untergehn auf einer großen schwarzen Wolkenschicht, und das Bischen Mondschein, das wir haben, verkündigt einen Sturm ohne Regen.«

Barnstable horchte aufmerksam, und mit steigender Theilnahme: denn er wußte, sein Beischiffsführer habe einen sichern und schnellen Kennerblick vom Wetter, trotz der mancherlei abergläubischen Anzeichen und Bedenklichkeiten, mit denen seine Kenntniß gemischt war. Er zog sich indessen wieder auf seinen Sitz zurück, und murmelte:

»Nun, so laß es blasen. Griffith ist wohl ein größeres Wagstück werth. Können wir die Batterie hinter's Licht führen; so ist er geborgen.«

Mehr wurde darüber nicht gesprochen. Dillon hatte sich nicht eine Bemerkung zu machen erlaubt, seitdem er im Boote war, und Tom Coffin hatte Verstand genug, um zu begreifen, sein Offizier wolle ihn den eigenen Gedanken überlassen. Die kräftigen Seeleute hatten nun schon eine Stunde gearbeitet, und längs der Küste ging die Barke mit unermüdeter Geschwindigkeit vorwärts. Gelegentlich warf Barnstable einen prüfenden Blick auf die kleinen Buchten, die sie vorbei fuhren, und beachtete mit Seemanns Auge die kleinen Landungsplätze, die hier und da auf den steilen Küsten zurücktraten. Eine Bucht, tiefer als gewöhnlich hineingehend, in der man das Rauschen eines sich hinein ergießenden Baches hörte, machte er durch eine Bewegung mit dem Finger seinem Bootsführer besonders bemerklich. Tom verstand den Wink, der ihm allein gegeben ward, und stellte seine Beobachtungen, ebenfalls ohne ein Wort zu sagen, aber mit der Genauigkeit eines Seemannes an, der seinen Weg zu Lande und zu Wasser durch Gestalt und Lage der Gegenstände zu finden weiß. Bald nach der wortlosen Unterhaltung zwischen dem Lieutnant und seinem Bootsführer ward die Barke schnell gewendet, und wollte eben auf eine Landspitze laufen, als Barnstable aufsprang.

»Halt!« rief er. »Halt an! Ich höre Ruderschläge.«

Die Matrosen brachten die Barke sogleich in Ruhe, und Alles horchte still dem Geräusch, das ihren Kommendanten aufgescheucht hatte.

»Da gukt einmal!« sagte der Bootsführer, und zeigte nach Morgen. »Es kommt gerade in dem hellen Streifen dort seewärts; da fährt es in zwei Wogen hin! Jetzt ist es heraus!«

»Wahrhaftig! Das ist ein bemannter Küstenfahrer!« rief Barnstable. »Ich hörte es gleich an den Ruderschlägen; horch einmal aus den Schlag! So einen Ruderschlag hat weder ein Fischer noch ein Schmuggler!«

Tom legte seinen Kopf fast auf's Wasser, um zu lauschen. Dann sprang er auf.

»Das ist der Tiger!« rief er mit Sicherheit. »Ich kenne seine Leute, wie meine eigenen. Herr Merry hat sie einen neuen Schlag gelehrt, und da thun sie sich etwas zu Gute darauf. Auf den Schlag kann ich einen Eid ablegen!«

»Gieb einmal das Sehrohr her!« sagte der ungeduldige Befehlshaber. »Ich kann sie wahrnehmen, wenn sie in den hellen Streifen kommen. – Du hast recht. Aber es sitzt nur ein Mann hinten. Bei meinen guten Augen! Ich glaube, das ist der verfluchte Lootse! Er ist vom Lande entwischt, ohne zu fragen, ob Manuel und Griffith in englischen Gefängnissen sterben! Macht fort! Legt an!«

Der Befehl war nicht so bald gegeben, als er auch schon vollzogen wurde. In weniger, als zwei Minuten stand der ungeduldige Barnstable, Dillon und der Beischiffsführer auf dem Sande.

Der Gedanke, der sich seiner bemächtigt hatte, seine Freunde seien vom Lootsen ihrem Schicksale überlassen worden, trieb den edlen jungen Mann um so mehr, die Sendung seines Gefangenen zu beschleunigen. Er fürchtete, jeder Augenblick könnte ein neues Hinderniß herbeiführen, und seinen Plan durchkreuzen.

»Herr Dillon,« sagte er im nächsten Augenblick nach dem Aussteigen, »ich fordere nicht noch einmal ein Versprechen. Ihr habt das Ehrenwort bereits gegeben –«

»Wenn es ein Eid noch bekräftigen kann;« fiel Dillon ein, »so will ich diesen ablegen!«

»Nichts von Eiden! Das Ehrenwort eines braven Mannes war jederzeit genug! Ich werde meinen Beischiffsführer mit in die Abtei senden, und Ihr kehrt entweder mit ihm binnen zwei Stunden in Person zurück, oder gebt ihm Griffith und Manuel als Begleiter. Und so macht fort. Ihr seyd unter der Bedingung frei. Hier ist ein Pfad, auf dem sich der Felsen leicht ersteigen läßt.«

Dillon dankte nochmals seinem edlen Sieger, und eilte dann die rauhen Klippen zu erklimmen.

»Geh' mit und gehorche dem, was ich gesagt habe!« sagte Barnstable zu seinem Beischiffsführer laut.

Tom, so lange an strengen Gehorsam gewöhnt, nahm seine Harpune, und folgte gelassen dem neuen Führer, als ihn der Lieutnant nochmals bei der Schulter nahm.

»Du sahest doch die Bucht, wo der Bach hineinfiel?« fragte ihn Barnstable, leise ins Ohr redend.

Tom nickte.

»Da wirst Du uns finden, außerhalb der Brandung. Man muß einem Feinde nicht zu viel trauen.«

Der Bootsführer machte mit seiner Waffe eine bedeutungsvolle Bewegung. Sie zeigte an, welcher Gefahr der Gefangene ausgesetzt sey, wenn er treulos handeln sollte. Jetzt stützte er den Schaft auf die Felsen, und schwang sich so schnell auf die Fläche derselben hinauf, daß er im nächsten Augenblicke seinem Gefährten zur Seite stand.

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