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Der Lootse oder Abenteuer an Englands Küste. Erster Theil

James Fenimore Cooper: Der Lootse oder Abenteuer an Englands Küste. Erster Theil - Kapitel 8
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authorJames Fenimore Cooper
titleDer Lootse oder Abenteuer an Englands Küste. Erster Theil
senderHerbert Niephaus
correctorohne
publisherAdolf Wienbrack
year1824
created20171117
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VI.

 

Briefe leben, athmen warm und sagen
Muthig, was das arme Herz gebeut!
Was die Lippen nicht zu stammeln wagen,
Das gestehn sie ohne Schüchternheit.

Bürger.

 

 

Griffith schlief weit in den Morgen hinein, als ihn ein Kanonenschuß weckte, der auf dem Verdeck über ihn abgebrannt wurde. Er stieg sorglos aus seiner Kote heraus, und als sein Bursche die Thüre öffnete, sah er den Offizier der Marinesoldaten. Mit einiger Theilnahme fragte er, ob das Schiff auf ein Fahrzeug Jagd mache, da ein Schuß gefallen sey?

»'s ist blos ein Zeichen für den Ariel,« erwiederte der Seesoldat, »daß ein Signal für ihn zu lesen ist. Es scheint, als schläft dort Jedermann am Bord: denn wir haben das Signal schon zehn Minuten aufgesteckt, und nach dem Respekt, den er dafür hat, muß er uns für ein Kohlenschiff ansehn.«

»Sagt lieber, für ein feindliches Schiff, und daß er darum besorgt ist!« erwiederte Griffith. »Brown Dick hat den Engländern so manchen Streich gespielt, daß er sich selbst hübsch in Acht nimmt.«

»Nun, wir haben ihm eine gelbe Flagge über der blauen und mit einer Commodorsflagge aufgesteckt und dies heißt in jedem Signalbuche, das wir haben, Ariel. Er kann doch nicht denken, daß die Engländer unser Amerikanisch lesen können?«

»Ach, ich habe Yankees Spitzname, den die Engländer den Amerikanern gaben, und welchen diese sich dann zur Ehre rechneten gekannt, die wohl schwereres Englisch lesen!« erwiederte Griffith lächelnd. »Aber, im Ernste, ich denke, Barnstable ist, wie ich, fest eingeschlafen, und seine Leute haben die Gelegenheit benutzt. Sein Schooner hat beigelegt, ich wette.«

»Ja, wie ein Kork im Mühlenteiche! Ja, das glaub ich, da habt ihr Recht. Gebt Barnstable offenes Fahrwasser, guten Wind und ein Paar Segel, so schickt er seine Leute unter's Deck, setzt den Kerl, den langen Tom, wie er heißt, ans Steuerruder, und schläft dann selbst so fest, wie ich in der Kirche!«

»Ach, Eure Orthodoxie schläft freilich leicht ein, Kapitain Manuel!« bemerkte der junge Seemann lachend, während seine Arme in einen Morgenüberrock fuhren, der mit dem goldnen Abzeichen seines Standes geschmückt war. »Na, Ihr habt nichts zu thun, da kommt der Schlaf wohl von selbst. Aber laßt mich durch. Ich will aufs Verdeck und den Schooner herrufen, ehe man die Sanduhr umwendet.«

Der sorglos an der Thür lehnende Offizier machte Raum und Griffith eilte durch die dunkle, große Kajüte die enge Treppe hinauf, welche ihn zur Hauptbatterie führte. Auf einer andern breiten Treppe gelangte er auf's Verdeck.

Der Sturm blies noch stark, aber regelmäßig. Die blauen Fluthen bildeten sich noch zu kleinen schaumbedeckten Bergen, und der Wind riß oft den Schaum von seinem verwandten Elemente ab, ihn in Nebel verwandelt von einem Wasserhügel zum andern zu tragen. Aber leicht und sicher fuhr die Fregatte über diese unruhigen Wogen dahin; ein Beweis für die Kenntniß derer, die ihren Lauf leiteten. Heiter und rein war der Tag angebrochen. Die Sonne schien zu träge, die Mittagslinie zu durchlaufen, und ging in südlicher Richtung am Himmel hin, so, daß sie kaum durch ihre Strahlen die dicke Nebelluft des Meeres erwärmen konnte. Eine halbe Meile fern, gerade aus, lag der Ariel und erwiederte das Signal, das zu dem eben mitgetheilten Gespräch Gelegenheit gegeben hatte. Der niedrige Rumpf war manchmal kaum zu erkennen, wenn er sich auf dem Rücken einer Welle erhob, die höher als gewöhnlich war. Allein die Segel, die er dem Winde darbot, fielen deutlich ins Auge. Sie schienen auf beiden Seiten das Wasser zu berühren, je nachdem er sich bald rechts bald links neigte. Manchmal ward er dem Auge ganz entzogen. Kaum die täuschenden Linien seiner Masten tauchten dann wieder aus dem Wasser herauf und kamen immer höher, bis nun das Schifflein selbst wieder sichtbar war, dem Winde Trotz bot und, vom Schaum umringt, in ein anderes Element zu fliehen schien.

Griffith weilte einen Augenblick aus dem schönen Bilde, das wir eben zu schildern suchten, dann sah er nach dem Himmel, um mit dem Kennerblick eines Seemannes das Wetter zu beurtheilen. Zuletzt beschäftigte sich seine Aufmerksamkeit mit den Umgebungen auf dem Verdeck.

Sein Kommendant wartete mit ruhiger, ihm gewöhnlicher Miene darauf, daß seine Befehle vom Ariel vollzogen würden. Neben ihm stand der Fremde, der an der Leitung des Schiffes einen so großen Antheil gehabt und dabei die größte Kenntniß bewiesen hatte. Griffith benutzte das Licht des Tages und seine Stellung, das Aeußere des sonderbaren Mannes genauer zu untersuchen, als dies die Finsterniß und Unruhe in der vorigen Nacht erlaubten.

Es war ein Mann von kaum mittlerer Größe, aber muskulös und kräftig gebaut, ein Abbild männlicher Schönheit. Sein Aeußeres schien mehr einen Ernst, einen düstern Sinn, als die Festigkeit, die Entschlossenheit anzudeuten, welche er in den Augenblicken der größten Gefahr gezeigt hatte. Griffith wußte indessen auch recht gut, wie er die wildeste Ungeduld geltend machen konnte. In diesem Augenblicke schien er dem prüfenden Jünglinge – verglich er ihn mit dem Bilde, das die Laterne von ihm gegeben hatte – der Ozean zu seyn, wenn dieser in Ruhe ist, im Gegensatz zu dem Brausen desselben. Das Auge des Lootsen ruhte auf dem Verdeck, und wenn es wo anders hinsah, geschah es mit Unruhe und schnellen Blicken. Die dunkelgrüne Jacke, welche den größten Theil seiner übrigen Kleidung verhüllte, war so grob gearbeitet, bestand aus so gewöhnlichen Stoffen, wie man nur beim gemeinsten Matrosen sah. Und doch entging es dem prüfenden Blicke des Lieutnants keinesweges, daß er sich darin mit einer Gewandtheit bewegte, daß sie eine Sauberkeit habe, die bei Leuten seines Gewerbes gleich ungewöhnlich war. Griffith's Prüfung hatte hier ein Ende. Der Ariel kam nämlich herbei und zog die Aufmerksamkeit Aller auf sich, die auf dem Verdeck waren, denn es fand ein Gespräch zwischen beiden Befehlshabern statt.

Der kleine Schooner strich hinter dem Stern der Fregatte hin, und Kapitain Munson befahl seinem Untergebnen, auf sein Schiff an Bord zu kommen. Kaum war die Ordre gegeben, als der Ariel um die Fregatte herumging und sich, von dem hohen Gebäude derselben geschützt, gegen den Wind sicherte. Die Barke ward vom Verdecke ins Meer gelassen und von denselben Matrosen besetzt, die an der Küste gelandet waren. Jetzt konnte die letztere in der Ferne kaum noch gesehen werden. Sie schien ein blauer Wolkenstreif am äußersten Rande des Ozeans zu seyn.

Als Barnstable das Boot bestiegen hatte, brachten es einige Ruderschläge, wie im Tanze, an die Seite des Schiffes. Der Schooner segelte dann ein Stück weiter, wo er in Sicherheit lag, und der Offizier mit seiner Mannschaft stieg an Bord der stolzen Fregatte.

Indem er das Verdeck betrat, wurden die gewöhnlichen Empfangsceremonien von Griffith und seinen Kameraden pünktlich beobachtet. Obschon sich jede Hand gegen den kühnen Seemann ausstreckte, so wagte es doch Niemand, über die Linie der subordinationsmäßigen Höflichkeit eher hinauszugehen, bis eine kurze und geheime Unterredung zwischen ihm und dem Kapitain Statt gefunden hatte.

In der Zwischenzeit hatte sich die Mannschaft von der Barke aufs Verdeck begeben und mit der von der Fregatte gemischt, den einzigen Beischiffsführer abgerechnet, der an einer Strickleiter lehnte und gerade auf in die Höhe sah, indem er mit offenbarer Unzufriedenheit den Kopf schüttelte, während er die künstlichgeordnete Menge des Takelwerks über seinem Haupte musterte. Bald zog dies Schauspiel ein halb Dutzend Kadeten hin, unter denen auch Merry war. Sie wollten den Gast in einer Art unterhalten, die ihren lustigen Einfällen Nahrung schaffte.

Barnstables Unterredung mit dem Kapitain hatte ein Ende erreicht. Der erstere winkte Griffith, rasch durch die sich wandernde Menge schreitend, die an der Ankerwinde stand und nur den Augenblick erwartete, wo sie ihn herzlicher bewillkommen konnte. Er nahm den Weg in die große Kajüte, mit der Sicherheit eines Mannes, der sich hier nicht fremd fühlte. Dies eben nicht freundschaftliche Benehmen war sonst nicht Barnstable's Art, und alle Offiziere ließen Griffith mit ihm in der Meinung gehn, der Dienst erfordere eine Unterredung zwischen Beiden allein.

Barnstable hatte freilich die Absicht, daß dies so seyn sollte. Er nahm eine Lampe vom Tische in der großen Kajüte und ging in die Kajüte seines Freundes mit diesem, wo er die Thür hinter sich zumachte und den Schlüssel umdrehte. Kaum waren sie in dem kleinen Gemache, so zeigte er, mit einer Art blinden Respekts für seines Kameraden Rang, auf den einzigen Stuhl darin. Er selbst setzte sich auf eine Kiste und stellte die Lampe auf den Tisch.

»Was war das für eine Nacht!« begann er. »Wohl zwanzig Mal dachte ich, die See würde über Euch zusammenschlagen, und glaubte, Ihr müßtet im Wasser umkommen, oder, was noch schlimmer ist, an der Küste gescheitert seyn, um dann auf die Gefangenschiffe dieser Engländer zu kommen, bis ich Eure Laternen meinen Kanonenschuß beantworten sah. Hättet Ihr einen Mörder von seinem Gewissen befreit, Ihr hättet ihm keine größere Beruhigung verschafft, als ich empfand, da ich das Stückchen Talg und Tocht von Kiesel und Stahl belebt sah.– Doch Griffith, ich habe noch eine besondere Sache mit Dir zu besprechen. – «

»Ja, gewiß, wie Du schläfst, wenn Du freies Wasser hast, und wie Deine Jungen sich bemühen, ihren Befehlshaber zu übertreffen, und wie Alles so gut abläuft, daß hier ein graues Haupt am Bord bereits mißfällig zu schütteln anfing;« unterbrach ihn Griffith. »Höre, Richard, Du nimmst an Bord der Nußschaale, aus der Du jetzt herumschwimmst, ein lumpiges Wesen an. Ihr geht ja da so regelmäßig zu Bette, wie die Bewohner eines Hühnerhofes in ihren Stall.«

»Nein, so schlimm ist's nicht, nicht halb so schlimm, Eduard!« erwiederte der Andere lachend. »Ich halte so strenge Mannszucht, als führten wir Admiralsflagge. Höre nur, vierzig Mann können freilich nicht soviel Parade machen, als vierhundert; aber wenn es gilt, Segel aufzusetzen und einzureffen, da gehe ich mit Dir eine Wette ein!«

»Natürlich; ein Taschentuch ist leichter aufgehangen, wie ein Tafeltuch. Aber, ich halte es nicht für seemännisch, das Schiff so ohne alle Aufsicht zu lassen und ohne nachzusehen, ob der Wind aus Ost oder West, Nord oder Süd kommt.«

»Ei wer macht sich denn eines solchen Todtenschlafs schuldig?«

»Nun, bei uns hier an Bord heißt es wenn Ihr offenes Wasser habt, so setzt Ihr den langen Tom an's Steuerruder, sagt ihm, er solle Acht geben, und dann wird Allen gepfiffen, daß sie zur Nachtmütze greifen, worauf dann Jeder in seiner Matte bleibt, bis das Schnarchen des Steuermanns Alle wieder munter macht.«

»Das ist eine verdammt schändliche Lüge!« rief Barnstable mit Unwillen, den er umsonst zu verbergen strebte. »Wer bringt solche Nachrede in Umlauf, Griffith?«

»Ich habe es vom Kapitain der Seesoldaten!« sagte dieser, verlor aber doch die Lust, seinen Freund noch ferner zu schrauben. »Ich glaube selbst nicht die Hälfte davon!« setzte er, mit einem, dem Scheine nach, sorglosen Blicke, hinzu. »In der letzten Nacht habt Ihr gewiß alle Augen aufgesperrt, mag es auch am Morgen gewesen seyn, wie ihm will.«

»Ach, heut Morgen! Das war eine Zerstreuung! wahrhaftig. Aber ich studirte ein neues Signalbuch, das tausendmal anziehender für mich ist, als alle Flaggen, die Ihr aufstecken könnt, und wenn sie von der Spitze bis zum Fuße eurer Masten wehen.«

»Was? Hast Du etwa die Signale der Engländer bekommen.«

»Nein, nein!« sagte der Andere, und strekte die Hand aus, seines Freundes Arm zu nehmen. »Ich traf gestern Abend ein Mädchen auf jenen Klippen, das wohl zeigte, es sey, wofür ich es immer hielt, und deshalb liebte, ein Mädchen von lebhaftem Geist und kühnem Muthe.«

»Von wem redest Du denn?« –

»Von Katharina – «

Griffith sprang unwillkührlich auf, als er diesen Namen hörte. Das Blut trieb schnell in seine Wangen, die jetzt bleich, wie der Tod, waren, und dann wieder brannten, als wenn ein Strom von Blut aus dem Herzen hereinströmte. Er bemühte sich, einer Bewegung Herr werden, welche er selbst dem vertrautesten Freund zu gestehen Anstand nahm. Bald gelang ihm dies wenigstens soweit, daß er wieder Platz nehmen konnte.

»War sie allein?« fragte er düster.

»Allerdings. Sie ließ mir dies Papier und ein unschätzbares Buch zurück. Das ist soviel werth, wie eine Bibliothek von allen andern Büchern.«

Griffith's Auge heftete sich auf den Schatz, den der Andere so hoch anschlug, aber hastig griff zugleich die Hand nach dem Briefe, der auf den Tisch zu seiner Verfügung hingebreitet wurde. Der Leser wird wohl errathen, daß es der Brief eines Mädchens war, daß es die Gabe war, die Barnstable von seiner Trauten auf den Klippen erhalten hatte. Sein Inhalt lautete:

»Ich glaube, die Vorsehung leitet mich dahin, wo wir mit einander zusammenkommen oder von wo aus ich Euch diese Schilderung senden kann. In jedem Falle habe ich eine kurze Darstellung von der Lage entworfen, in welcher Cecilia Howard und meine kleine Person ist: nicht, um Euch und Griffith zu einem unbedachten, thörichten Wagstück zu verleiten, sondern daß Ihr Beide ans Werk gehn, genau überlegen und dann bestimmen mögt, was zu unserer Befreiung dienlich ist.«

»Anjetzt müßt Ihr den Charakter des Obersten Howard doch wohl zu gut durchschaut haben, als daß Ihr erwarten könntet, er werde je seine Nichte einem Rebellen geben. Er hat bereits seiner Unterthanenpflicht, wie er es nennt, (Cecilien aber raun' ich ins Ohr, es sey Verrath!) nicht blos das Vaterland, sondern selbst einen nicht kleinen Theil seines Vermögens geopfert. Mein offenes Herz – Du kennst ja meine Offenheit, Barnstable, nur gar zu gut! – sagte ihm, als Griffith's toller Versuch, Cecilien in Carolina zu entführen, Statt gefunden hatte, gerade ins Gesicht, ich wäre thöricht genug gewesen, dem Waffenbruder des jungen Seemanns, der ihn bei seinen Besuchen auf unserer Plantage begleitet habe, ein Wörtchen der Treue zu geben. Ei! wie oft denk' ich, es wäre für uns Alle besser, wenn Euer Schiff nie in den Fluß eingelaufen wäre, oder Griffith doch nicht den Versuch gemacht hatte, mit meiner Base wieder zusammenzukommen! Der Oberste nahm diese Aeußerung wie ein Vormund auf, der erfährt, seine Mündel will sich und ihre dreißigtausend Dollars an einen Verräther von König und Vaterland hingeben. Ich vertheidigte Euch standhaft. Ich sagte, Ihr hättet keinen König! dies Band sey zerrissen. Amerika sey Euer Vaterland und Euer Beruf ehrenvoll. Aber das zog alles nicht. Er nannte Euch einen Rebellen, daran war ich gewöhnt. Er sagte, Ihr wäret ein Verräther, was in seiner Sprache dasselbe bedeutet. Er meinte selbst, Ihr wäret ein Betrüger. Das wußte ich, es sey falsch, und ich stand nicht an, ihm dies zu sagen. Er ließ funfzig häßliche Worte hören, die ich nicht wieder ins Gedächtniß rufen kann. Allerdings waren die schönen Beiwörter, von »Zerstörer,« »Aufrührer,« »Gleichmacher,« »Demokrat,« »Jacobiner,« (ich hoffe doch, daß er damit keinen Mönch meint) darunter. Kurz, er spielte den Obristen Howard in vollem Zorn. Da indessen seine Herrschaft nicht, wie die seines Lieblingskönigs, von Geschlecht zu Geschlecht fortgeht und ein kurzes Jahr mich von seiner Gewalt befreit, wo ich dann Herrinn meiner Handlungen werde, wenn ich anders Euern schönen Versprechungen glauben kann, so will ich, das Märtyrerthum ausgenommen, Alles dulden, nur nicht Cecilien verlassen.«

»Das theure Mädchen hat noch mehr zu leiden als ich, denn sie ist nicht blos Mündel von Oberst Howard, sondern seine Nichte, seine einzige Erbin. Ich bin überzeugt, der letztere Umstand macht in ihrem Benehmen, ihren Gefühlen keinen Unterschied. Aber er scheint zu glauben, dadurch das Recht zu haben, sie bei allen Gelegenheiten zu tyrannisiren. So ist der Oberst Howard ein braver Mann, wenn Ihr ihn nicht in Leidenschaft bringt, und ich halte ihn für durchaus rechtlich; Cecilie selbst liebt ihn. Aber freilich ein Mann, der im sechzigsten Jahre aus der Heimath getrieben wird und das halbe Vermögen einbüßt, ist nicht geneigt, die, welche so eine Veränderung herbeiführten, selig zu sprechen.«

»Es scheint, daß, als die Howard's auf dieser Insel lebten, sie in der Grafschaft Northumberland hauseten. Hieher brachte er uns dann, als die politischen Ereignisse und seine Furcht, der Onkel eines Rebellen zu werden, ihn bestimmten, Amerika, wie er sich ausdrückte, für immer zu verlassen. Wir sind nun drei Monate hier. Zwei Drittheile dieser Zeit haben wir in erträglichem Zustande verlebt. Allein vor Kurzem meldeten uns Zeitungen, es sey Euer Schiff und Euer Schooner in Frankreich angekommen, und von dem Augenblicke an wurden wir unter so strenge Wachsamkeit gesetzt, als hätten wir an eine Wiederholung der Scene in Carolina gedacht. Der Oberste miethete, als er hier ankam, ein altes Gebäude, das theils gewöhnliches Wohnhaus, theils Abtey, theils Schloß, und in jedem Betrachte ein Gefängniß ist. Es bestimmte ihn der Umstand dazu, daß es einmal seinen Vorfahren gehört haben soll. In diesem bezaubernden Aufenthalte sind manche Käfige, die wohl wildere Vögel bannen könnten, als wir sind. Seit vierzehn Tagen ward in einem nahen, an der Küste liegenden Dorfe das Gerücht verbreitet, man habe längs der Küste zwei amerikanische Schiffe wahrgenommen. Die Beschreibung entsprach den Eurigen, und da das Volk in der Umgegend von nichts als dem schrecklichen Paul Jones träumt, so sagte man, er sey am Bord derselben. Allein ich glaube, Oberst Howard vermuthete, wer ihr wirklich seid. Er stellte die genauesten Nachforschungen an, wie ich hörte, und hat seitdem in sein Haus eine Art von Besatzung eingenommen. Der Vorwand dazu ist, daß sie ihn gegen Maraudeurs vertheidigen solle, wie die waren, die Lady Selkirk Wahrscheinlich die Gemahlinn des Lords Selkirk, in dessen Diensten der berühmte Freibeuter Paul Jones stand, und die er, von diesem beleidigt, verließ, sich am Vaterlande, das ihm kein Recht gegen den Lord schaffte, selbst zu rächen. D. Uebers. brandschatzten.«

»Jetzt, Barnstable, verstehst du mich. Ich will um keinen Preis, daß Ihr Euch Gefahren aussetzt; es muß, so gewiß Du mich liebst, kein Blut vergossen werden. Damit Du doch aber weißt, wie der Platz beschaffen ist und wer ihn inne hat, so will ich Dir sowohl das Gefängniß, als die Besatzung schildern.«

»Das Ganze ist ein steinernes Gebäude, und nicht so im ersten Anfluge zu nehmen. Es hat Gänge und Wege, sowohl im Innern, wie von außen herein, daß ich gewandter seyn müßte, als ich bin, wenn ich ein Bild davon geben könnte. Allein die Zimmer, die wir bewohnen, sind in dem obern oder dritten Stockwerke eines Flügels, den man, ist man in schwärmerischer Stimmung, einen Thurm nennen könnte. In der That ist es aber nur ein Flügelgebäude. Wollte Gott, ich könnte damit fortfliegen. Wenn Ihr etwa zufällig unsere Wohnung zu Gesicht bekommen solltet, so erkennt Ihr unsere Zimmer an drei rauchrichten Fahnen, die über den spitzigen Essen stehen, und dann an den fast immer offengelassenen Fenstern. Unsern Fenstern gegenüber, etwa eine Viertelstunde davon, ist eine einsame, unbewohnte Ruine, die zum großen Theil dem Blicke durch einen Wald entzogen wird. Den besten Aufenthalt gewährt sie nicht, das ist wahr, aber eine Zuflucht kann man in ihren Gewölben und Gemächern wohl finden. Ich habe nach der Anweisung, die Du mir einmal darüber gegeben hast, eine kleine Zahl von Signalen aus verschiedenen seidenen Fleckchen und ein kleines Wörterbuch von allen den Redensarten gemacht, die ich für passend hielt. Sie sind alle mit Ziffern versehen, um dem Schlüssel und den Flaggen zu entsprechen. Beides sende ich Dir mit diesem Briefe. Du darfst also nur Deine Flaggen in Ordnung bringen, ich habe die meinigen, nebst einer Kopie vom Buch und den Schlüssel. Giebts die Gelegenheit, so können wir eine hübsche Unterredung mit einander haben. Ihr oben von dem alten Thurme in den Ruinen herab und ich aus dem östlichen Fenster in meiner Wohnung.«

»Nun aber von der Besatzung. Außer dem Obersten Howard, der noch allen Stolz seines ehemaligen Soldatenstandes behauptet, ist als der Unterbefehlshaber der böse Genius von Cecilia's Freuden, Kit Dillon, mit seinem Savannah-Gesicht, seinen schwarzen hämischen Augen und eben so verbranntem Kinn anzusehn. Der Ehrenmann ist, wie Du weißt, ein naher Verwandter der Howard's und möchte gern näher mit ihnen verwandt seyn. Arm ist er, das ist wahr, aber wie der Oberste täglich bemerkt, ein guter und loyaler Unterthan, kein Rebell. Als ich ihn fragte, warum er in so wirrischen Zeiten nicht zu den Waffen gegriffen und für den so geliebten Fürsten gekämpft hätte, meinte der Oberste, das sey nicht sein Geschäft. Er sey für den Gerichtsstuhl erzogen, und bestimmt, einmal eine der ersten Stellen in der Colonie zu bekleiden. Er hoffe dort noch zu erleben, wie dann durch ihn manche Leute zur gerechten Strafe gezogen werden würden, die – ich nicht nennen will. Für mich war das ein schöner Trost, ich gestehe es; doch sagte ich nichts dazu. Genug, er verließ Carolina mit uns, und ist hier, und wird auch wohl hier bleiben, wenn Ihr ihn nicht etwa auffangen und sein Urtheil gleich im Voraus an ihm selbst vollstrecken könnt.«

»Der Oberste hat schon lange gewünscht, den Ehrenmann als Ceciliens Gatten zu sehn, und seitdem man hört, Ihr seid an der Küste; ist die Belagerung zum Sturm geworden. Die Folgen davon sind, daß meine Base sich erst auf ihr Zimmer zurückzog, daß sie dann der Oberste dahin verwies, und sie nun jetzt gar der Freiheit beraubt ist, den Flügel zu verlassen, wo wir wohnen.«

»Außer diesen beiden ersten Kerkermeistern haben wir noch vier Diener, zwei weiße und zwei schwarze. Ein Offizier und zwanzig Mann aus der nächsten Stadt sind bei uns einquartiert, bis die Küste nicht mehr von Seeräubern bedroht ist: denn diesen wohltönenden Namen geben Euch hier die Engländer. Landen sie aber im eignen Lande, plündern und rauben sie, morden sie die Männer, mißhandeln sie Frauen: dann heißen sie Helden. – Es ist doch eine hübsche Sache, Wörterbücher zu machen, Namen zu erfinden. Der Fehler muß an Euch liegen, wenn meines ohne Nutzen zusammengetragen ist. Offen gestehe ich's, wenn ich mich aller der Beleidigungen, der Grausamkeiten erinnerte, die sie, wie ich höre, an meinem und ihrem Volke begangen haben; dann läßt mich dies die Mäßigung und mein Geschlecht vergessen! Doch laß Dich nicht von meinem Unwillen zu einer raschen That verleiten. Nimm Dein Leben in Acht; denk' an ihre Gefängnisse, an Deinen Ruhm; aber nie, vergiß nie deine Katharine Plowden.«

»N. S. Ich hätte beinahe vergessen, daß Du in dem Signalbuche eine ausführlichere Beschreibung von unserm Gefängnisse und seiner Lage, nebst einer Zeichnung vom Ganzen finden wirst.«

Als Griffith mit dem Briefe zu Ende war, gab er ihn Barnstable wieder, und sank in tiefes Nachdenken.

»Ich wußte, daß sie hier sey; sonst hätte ich das Kommando angenommen, das mir die Bevollmächtigten in Paris übertragen wollten!« sagte er endlich. »Aber ich glaubte, ein glückliches Ungefähr könnte mich mit ihr zusammenbringen. Und nahe genug ist dies, wahrhaftig! Dieses Einverständniß muß benutzt werden und das schnell. Armes Mädchen, was mußt du in solcher Lage dulden?«

»Welche schöne Hand sie schreibt!« rief Barnstable. »Sie ist so deutlich und niedlich und klein, wie ihre zarten Finger. Ei, Griffith, was für ein Tagebuch würde die auf dem Schiffe führen!«

»Cecilie Howard das grobe Papier so eines Buches anrühren?« entgegnete der Andere, sich verwundernd. Allein er sah, wie Barnstable nur mit dem Briefe seiner Geliebten beschäftigt war, und lächelte über die eigene Thorheit, wie über die des Freundes. Schweigend saß er da. Nach einer kurzen, ruhigen Ueberlegung ließ sich Griffith von seinem Freunde die Zusammenkunft mit Katharine Plowden, der Sache und den Umständen nach, schildern. Barnstable sagte alles, was wir schon wissen.

»Nun,« meinte Griffith, »Merry ist also, außer uns, der Einzige, der von der Zusammenkunft weiß, und er hält zu viel auf die Ehre seiner Verwandten, um davon zu reden.«

»Katharinens Ehre bedarf keines Schildes!« rief Barnstable. »Sie ist fleckenlos, wie das Segel über unserm Haupte, und – «

»Sey still, Richard, ich bitte Dich! Meine Worte haben Dir wohl mehr bedeutet, als ich meinte. Aber es ist von Wichtigkeit, daß unsere Maaßregeln geheim bleiben und klüglich berechnet werden.«

»Wir müssen beide Mädchen aufheben!« entgegnete Barnstable, seine eben geäußerte Aufwallung gleich vergessend, »und zwar eher, als es unserm alten Patron in den Sinn kommt, die Küste zu verlassen. Hast Du denn einen Blick in seine Instructionen gethan, oder hält er sie geheim?«

»Wie das Grab. Seitdem wir Amerika verlassen haben, ist es das erste Mal, daß er nicht offen mit mir über das Verhältniß von dem Kreuzzuge spricht. Von Brest aus hatten wir über diesen Gegenstand nicht eine Sylbe gewechselt.«

»Ach, da ist Deine Blödigkeit Schuld daran! Warte, bis ich mit meiner Neugier aus Osten angerückt komme. Ich gebe Dir mein Wort, in einer Stunde habe ich Alles aus ihm.«

»Das hieße einen Diamant mit einem Diamant schneiden!« rief Griffith lachend. »Du findest ihn gewiß so klug, wenn er ausweichen will, als Du beim Hin- und Herfragen seyn kannst.«

»In jedem Falle giebt er mir Gelegenheit. Du weißt wohl, daß er mich hat holen lassen, einer Berathung der Offiziere über einen gewichtigen Gegenstand beizuwohnen?«

»Mit nichten!« erwiederte Griffith, und sah mit gespanntem Blicke seinen Freund an. »Was hat er denn mitzutheilen?«

»Ja, da mußt Du den Lootsen fragen: denn während ich mit ihm sprach, drehte sich der alte Patron immer nach ihm um, und sah jede Minute nach ihm, als warte er aufs Zeichen, wie er feuern sollte.«

»Ein Geheimniß waltet über dem Mann und unser Verhältniß zu ihm, das ich nicht ergründen kann!« sagte Griffith. »Aber ich höre Manuels Stimme. Er ruft mich. Wir sollen in die Kajüte kommen. Verlaß das Schiff nicht, ohne noch erst mit mir gesprochen zu haben!«

»Nein, nein, theurer Kamerad! So wie die öffentliche Berathung vorbei ist, muß die geheime unter uns beginnen!«

Der junge Mann stand auf, und Griffith legte den Oberrock ab, in welchem er auf dem Verdeck gewesen war, um eine bessere Uniform anzuziehen. Den Säbel sogleich in die Hand nehmend, stiegen sie zusammen aufs Verdeck der Hauptbatterie und dann mit gehöriger Ceremonie in die große Kajüte.

 

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