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Der Lootse oder Abenteuer an Englands Küste. Erster Theil

James Fenimore Cooper: Der Lootse oder Abenteuer an Englands Küste. Erster Theil - Kapitel 7
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authorJames Fenimore Cooper
titleDer Lootse oder Abenteuer an Englands Küste. Erster Theil
senderHerbert Niephaus
correctorohne
publisherAdolf Wienbrack
year1824
created20171117
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V.

 

Flott ist sie! Küste lebe wohl!

Lied.

 

 

Die außerordentliche Thätigkeit Griffith's, welche sich auch der Eile der Matrosen wieder mittheilte, war eine Folge von der schnellen Veränderung in der Atmosphäre. Statt des deutlich wahrnehmbaren hellen Streifens längs dem Horizonte, schien ein ungeheurer hell leuchtender Nebel eilig aus dem Ozean heraufzutauchen, während ein deutliches, obschon fernes Brausen die sichere Nähe des Sturmes verkündete, der die Gewässer so lange schon bewegt hatte. Selbst Griffith machte dann und wann, während er durch das Sprachrohr die Befehle zur Arbeit zudonnerte, eine Pause, um einen besorgten Blick in der Richtung des drohenden Sturmes zu thun. Auch die Matrosen auf den Raaen starrten, während sie die Raabänder knüpften und durchzogen, um die Segel in den befohlenen Schranken zu halten, unwillkührlich hinaus.

Der Lootse allein erschien in dieser verwirrten, geschäftigen Menge, wo eine Stimme die andere überschrie, ein Schrei den andern im schnellen Wechsel wiederhallte, so ruhig, als nähme er an der wichtigen Sache gar keinen Antheil. Immer heftete sich sein Blick auf die heraufziehenden Wolken, und mit zusammengeschlagenen Armen stand er gelassen da, den Erfolg erwartend.

Das Schiff hatte sich auf die Seite gelegt und war nicht zu leiten. Die Segel hatte man gehörig eingerefft, um es zu sichern. Es rauschte das Tauwerk klappernd und rasselnd über die Fluthen dahin, und unwillkührliches Schaudern brachte dies Geräusch hervor, wie immer, wenn Finsterniß und Gefahr des Seemanns Wange bleicht.

»Der Schooner hat seinen Theil!« rief Griffith. »Barnstable aber ist immer der Alte. Er hält bis zum letzten Augenblicke aus, wenn ihm der Orkan nur Segel genug läßt, von der Küste wegzukommen.«

»Seine Segel sind leicht zu stellen!« bemerkte der Kommendant. »Er muß aus der größten Gefahr heraus seyn. Mit uns steht es nicht so. Soll ich einmal sondiren lassen, Gray?«

Der Lootse gab seine nachdenkende Stellung auf. Langsam ging er über das Verdeck, bevor er auf die Frage antwortete. Er schien ein Mann zu seyn, der nicht blos fühlte, wie Alles von ihm abhinge, sondern auch im Stande war, dem zu entsprechen.

»Es ist nicht nöthig!« antwortete er endlich. »Rückwärts zu steuern wäre sicherer Tod. Woher der Wind kommen kann, ist schwer zu bestimmen.«

»Nicht schwer!« rief Griffith, »denn da kommt er, und in vollem Ernste!«

In der That hörte man nun das Brausen des Windes in der Nähe, und kaum war das letzte Wort über die Lippen des Lieutnants gegangen, als das Schiff, das sich vorher auf die Seite gelegt hatte, majestätisch auftauchte und in Gang kam. Es schien wie ein höflicher Kämpe den mächtigen Feind zu begrüßen, mit dem es jetzt den Strauß beginnen sollte. Nicht eine Minute verging, und das Schiff durchschnitt das Wasser in lebendiger Bewegung, gehorsam dem Steuermann, und in der gewünschten Richtung, so weit es die Gewalt des Windes erlaubte. Das Lärmen und Treiben auf den Raaen ließ allmälig nach. Ein Matrose nach dem andern stieg aufs Verdeck herab, und strengte das Auge an, die Alle umhüllende Finsterniß zu durchdringen. Mancher schüttelte, düstern Zweifels voll, das Haupt, und wagte es nicht, die Furcht, welche er in der That nährte, zu entdecken. Alles wartete ängstlich auf die Wuth des Sturmes: denn so unwissend und unerfahren war Keiner auf dem herrlichen Schiffe, daß er nicht gewußt hätte, wie man jetzt nur die ersten Spuren desselben fühle. Mit jedem Augenblicke nahm er zu; indessen ging es doch so allmälig, daß die Matrosen Muth faßten und glaubten, nicht jede ihrer düstern Ahnungen werde in Erfüllung gehn. Während des kurzen Zeitraums, wo diese Ungewißheit herrschte, hörte man nichts, als das Brausen des Windes, wenn er schnell durch die Menge von Takelwerk eilte, und das Anschlagen der Wogen, die von dem Bauche des Schiffes, wie der Schaum eines Wasserfalles, zurückprallten.

»Es bläset derb!« rief Griffith, der in dieser Stunde der Unruhe und Furcht zuerst wieder die Sprache bekam. »Indessen ist es am Ende doch nur eine Mütze voll. Laßt uns nur die Arme frei, Lootse, und Segel genug aufsetzen, und ich mache eine Lustjacht aus dem Schiffe, trotz dem Winde!«

»Wird sie denn bei den Segeln stehen bleiben?« fragte der Fremde gelassen.

»Ach, sie wird Alles thun, was ein Mensch vernünftiger Weise von Eisen und Holz verlangen kann. Aber freilich giebts auf dem ganzen Meere kein Schiff, das gegen die hohle See geht, wenn es blos die Topsegel hat und alle andern doppelt eingebunden sind. Gebt der Fregatte die Hauptsegel, und ihr sollt sie wie einen Tanzmeister hinfliegen sehn.«

»Erst laßt uns sehen, wie stark der Wind ist!« versetzte der Lootse, und ging von Griffith nach der Windseite des Schiffes. Hier sah er über dasselbe ungemein kaltblütig hinaus.

Alle Laternen auf dem Verdeck hatte man ausgelöscht, als der Anker in Ordnung war. Dem Nebel, welcher dem Sturm vorherging, folgte eine schwache Dämmerung, die der schimmernde Schaum der Wogen, welche sich in jeder Richtung am Schiffe brachen, bedeutend mehrte. Das Land sah man nur nothdürftig, wie eine dicke Schicht den schwarzen Dünsten, die über der Wasserlinie hinzogen und sich vom Himmel durch größere Dunkelheit und Tiefe von Schatten unterschieden. Die Seeleute hatten das letzte Tau aufgerollt und an seinen Ort gebracht. Mehrere Minuten lang herrschte jetzt auf dem bevölkerten Verdeck eine Todtenstille. Jedem war es klar, daß die Fregatte mit wunderbarer Schnelligkeit durch die Gewässer hinschoß, und als sie nun mit solchem Fluge dahin eilte, wo, wie Jeder wußte, die Riffe und Untiefen waren, konnte nur die zur Gewohnheit gewordene strenge Mannszucht bei Offizieren und Matrosen den Ausbruch der Unzufriedenheit unterdrücken. Endlich hörte man den Kapitain Munson. Er sprach zum Lootsen.

»Soll ich denn etwa die Tiefe des Wassers erforschen lassen?« fragte er.

Laut genug hatte er gesprochen, und der Antheil, den jeder dabei empfand, zog mehrere Offiziere und Matrosen hin, die ungeduldig auf die Antwort warteten. Allein der Mann, der so gefragt war, erwiederte nichts. Sein Haupt ruhte in der Hand, als er über die Gallerie des Schiffes sich hinlehnte, und sein ganzes Benehmen war, als habe er mit der dringenden Gefahr des Schiffes nichts zu thun. Griffith stand auch unter denen, die sich dem Lootsen genähert hatten. Er wartete aus Achtung einen Augenblick auf die Antwort, die sein Kommendant erhalten würde. Dann wagte er es, im Vertrauen auf seinen Rang, aus dem Kreise der Uebrigen herauszutreten und sich neben den geheimnißvollen Schützer ihres Lebens zu stellen.

»Kapitain Munson wünscht zu wissen, ob ihr etwa das Senkblei gebraucht sehn wollt?« sagte der junge Offizier mit etwas Ungeduld.

Keine Antwort folgte unmittelbar auf diese neue Frage. Griffith legte ohne Umstände die Hand auf des Lootsens Schultern, in der Absicht, ihn aufmerksam zu machen, ehe er die Frage wiederholte. Allein das Zusammenfahren des Lootsen erlaubte dem Lieutnant einige Augenblicke lang nicht ein Wort zu sagen.

»Zurück!« rief endlich Griffith mit Ernst der Mannschaft zu, die sich in einen dichten Kreis gesammelt hatte. »Jeder auf seinen Posten und aufgepaßt für die Wendung!«

Die dicke Masse von Köpfen lösete sich bei diesem Befehl auf, wie das Wasser einer Woge, die in dem Ozean untergeht, und der Lieutnant war mit seinem Gefährten allein.

»Jetzt ist nicht die Zeit, lange zu sinnen!« sagte Griffith wieder. »Gedenkt eures Wortes, und seht auf eure Pflicht. Ist es nicht Zeit, eine Wendung zu machen? Was träumt ihr denn?«

Der Lootse legte seine Hand auf den ausgestreckten Arm des Lieutnants und ergriff diesen, ihn krampfhaft zusammendrückend.

»Mein Traum ist Wirklichkeit!« rief er. »Ihr seid noch jung. Auch ich stehe noch nicht im Herbste meines Lebens. Aber solltet ihr auch noch funfzig Jahre leben; das werdet ihr nie sehen und erfahren, was mir in der kleinen Periode von dreiunddreißig wiederfahren ist!«

Der junge Lieutnant war von der schnellen Aeußerung eines in diesem Augenblicke so sonderbaren Gefühles betroffen, daß er nichts erwiedern konnte. Endlich bekam seine Pflicht die Oberhand wieder, und er sprach wieder von dem, was ihn jetzt am Meisten beschäftigte.

»Ich hoffe viel von eurer Erfahrung, die ihr an der Küste hier gesammelt habt: denn die Fregatte segelt gut. Allein wir haben bei Tage schon soviel Gefahren gesehen, daß wir in der Nacht keiner Windbeuteleien bedürfen. Wie lange sollen wir denn noch in der Richtung bleiben?« –

Der Lootse ging langsam fort zum Kommendanten des Schiffs.

»Euer Wunsch ist erfüllt;« sagte er endlich in einem Tone, der von düstern Gedanken zeugte. »Ja, einen großen Theil meiner Jugend habe ich an dieser gefürchteten Küste verlebt. Was für euch Dunkelheit und Finsterniß ist, wird mir klar, wie der Tag, wenn die Sonne scheint. Aber wendet jetzt, wendet das Schiff. Ich wollte erst sehen, wie die Fregatte arbeitet, bevor wir an den Ort kommen, wo sie sich gut benehmen muß, oder wo wir verloren sind.«

Griffith sah ihn staunend an. Der Lootse ging langsam nach dem Hinterdeck und Jener, von seiner Verwunderung zurückkommend, gab eilig den Befehl, der Jeden an seinen Platz rief, das verlangte Manövre zu machen. Die Versicherungen, welche Griffith dem Lootsen in Hinsicht der Tüchtigkeit des Schiffes und seiner eignen Gewandtheit in der Behandlung desselben gegeben hatte, wurden durch den Erfolg vollkommen gerechtfertigt. Kaum war das Steuerruder unter dem Winde, als das majestätische Gebäude kraftvoll gegen denselben hinsegelte und die Wogen durchschnitt, daß der Schaum hoch in die Luft sprützte, als schaue er kühn dem Sturm ins Auge. Dann wich die Fregatte gelenkig der Gewalt desselben, und bot ihm die Seite dar, sich von den gefährlichen Klippen entfernend, auf die sie bisher mit, Schrecken erregender, Schnelligkeit zusteuerte. Die schweren Raaen flatterten herum, als seien es Fähnlein, die Richtung des Windes anzuzeigen, und in wenig Augenblicken eilte sie sicher durch die Fluthen dahin, auf der einen Seite den Riffen und Untiefen entfliehend, aber sich denen nähernd, die sie in gleicher Art auf der andern erwarteten.

Während der Zeit war die See immer unruhiger und der Sturm allmälig heftiger geworden. Der letztere pfiff nicht mehr im Tauwerke des Schiffes, wohl aber schien er stürmend zu heulen, so oft er durch die mannigfaltigen Wände dahin eilte, die sich seiner Wuth entgegenstellten. In endloser Reihe wogten weiß schäumende Wellen heran, und selbst die Luft ward von dem Scheine erhellt, den das Meer zurückwarf. Mehr und mehr gab das Schiff der Gewalt des Sturmes nach. Nach weniger als einer halben Stunde von dem Augenblicke an, wo der Anker gelichtet wurde, ward es mit, Entsetzen erregender, Schnelligkeit von der vollen Wuth desselben dahin getrieben. Indessen die muthigen und erfahrnen Seeleute, die seine Bewegungen leiteten, wußten es doch in der Richtung zu erhalten, die zur Sicherheit nothwendig war, und Griffith wiederholte fortwährend die Befehle, die vom unbekannten Lootsen ausgingen, um die Fregatte in den engen Kanal zu bringen, wo allein die fernere Fahrt möglich war.

Bis jetzt schien der Lootse seiner Pflicht getreulich und ohne Mühe nachzukommen. Alle Weisungen, die nöthig waren, gab er in der stillen, ruhigen Weise, welche mit der Verantwortlichkeit, die auf ihn lastete, im auffallenden Gegensatze stand. Als indessen das Land immer undeutlicher, dunkler und weiter in die Ferne zurücktrat; als die unruhige See weit und breit nur mit Schaum bedeckt daher brausete: donnerte seine Stimme lauter, als das einförmige Geheul des Sturmes. Er schien jetzt seiner Gleichgültigkeit zu entsagen und sich selbst anzuspornen.

»Jetzt ist es Zeit, genau auf sie zu achten, Herr Griffith!« rief er. »Hier kommt das rechte Fahrwasser, aber auch die rechte Gefahr! Den besten Bootsmann vom Schiffe ans Log gesetzt und einen Offizier zur Seite, dem er angiebt, wie viel Faden wir haben!«

»Das will ich selbst auf mich nehmen!« sagte der Kapitain. »Setzt eine Laterne ans Log auf der Windseite!«

»Das Blei zur Hand!« rief der Lootse mit unruhiger Eile. »Genau die Faden angegeben!«

Diese Einleitung sagte der Mannschaft, der entscheidende Augenblick sey gekommen. Jedermann, Offizier und Matrose, stand furchtsam schweigend auf seinem angewiesenen Posten, den Ausgang erwartend. Selbst der Steuermann gab den Leuten am Rade seine Befehle in tieferm und leiserm Tone, als fürchte er, die Ruhe und Ordnung des Schiffes zu stören.

Während so allgemeine Erwartung im ganzen Schiffe herrschte, ließ sich der durchdringende Ruf des Matrosen am Senkblei hören. »Sieben Faden!« tönte es mitten durch den Sturm durch, über das Verdeck weg, und schien, vom Wind getragen, auf der andern Seite des Schiffes, wie eine Geisterstimme zu verhallen.

»Gut!« entgegnete der Lootse ruhig. »Immer fort! Noch ein Mal!«

Der kurzen Pause folgte ein zweiter Ruf: »Fünf und ein halber Faden!«

»Sie bleibt sitzen! sie bleibt sitzen!« rief Griffith.

»Ach, ihr müßt jetzt nur das Kommando führen!« bemerkte der Lootse mit dem kalten Tone, der am Meisten erschüttert, weil er zeigt, daß man auf Alles gefaßt ist.

Dem dritten Rufe: »Vier Faden!« folgte sogleich die Weisung des Fremden, zu wenden.

Griffith schien mit dem Lootsen an Kaltblütigkeit zu wetteifern, als er die nöthigen Befehle gab, dies Manövre auszuführen.

Das Schiff hob sich langsam aus der Seitenlage, in die es der Sturm gebracht hatte. Sein Takelwerk rasselte, als wollte es seine Banden zersprengen, und die Wogen wurden zurückgedrängt, als sich die wohlbekannte Stimme des Oberleutnants vom Vorderdeck hören ließ:

»Riffe! Riffe! gerade aus!«

Der, Schrecken erregende, Zuruf schien eben auf dem Schiffe zu verhallen, als eine zweite Stimme rief:

»Riffe am Steuerbord!«

»Wir fahren auf einer Bank hin, Gray,« fiel der Kommendant ein. »Sie kommt vom Wege ab. Vielleicht bringt uns ein Anker aus der Gefahr?«

»Laßt den zweiten Anker auswerfen!« schrie Griffith durchs Sprachrohr.

»Nichts da!« donnerte der Lootse, daß es Mark und Bein erschütterte. »Keiner rührt Hand an!«

Der junge Mann drehte sich wild nach dem kühnen Fremden um, der so jeder Mannszucht auf dem Schiffe Trotz bot.

»Wer wagt es, meinen Befehlen entgegen zu seyn?« rief er. »Ist es nicht genug, daß Ihr das Schiff in Gefahr bringt? Müßt Ihr auch noch darauf hinarbeiten, es darin zu erhalten? Wenn Ihr noch ein Wort – «

»Ruhig, Griffith!« unterbrach ihn der Kapitain, sich vorbeugend. Sein graues Haar flatterte im Sturme, und erhöhte die wilde Unruhe, die das Licht der Laterne auf seinem Antlitz zeigte. »Gebt Gray das Sprachrohr; er allein kann uns retten!«

Griffith warf es aufs Verdeck, und ging stolz, für sich in bitterm Unmuthe murrend fort.

»So ist denn wahrlich Alles verloren!« sagte er, »und außer Allem auch noch die thörichte Hoffnung, mit der ich diese Küste betrat!«

Zeit zu antworten war hier nicht. Das Schiff schoß heftig mit dem Winde hin. Alle Bemühungen der Mannschaft waren durch die erhaltenen widersprechenden Befehle gelähmt. Allmälig kam die Fregatte ganz aus dem Winde, und alle Segel hingen gerade herab.

Bevor indessen die Mannschaft ihre Lage begriff, hatte der Lootse das Sprachrohr angesetzt, und mit einer Stimme, die den Sturm übertraf, donnerte er seine Befehle zu. Jeder ward pünktlich und mit einer Genauigkeit gegeben, die ihn als Meister in seiner Kunst bewährte. Das Steuerruder war in fester Hand. Die Vordersegel boten die ganze Fläche dar; bald drehte sich das Schiff auf seinem Kiel herum und machte eine Bewegung rückwärts.

Griffith war zu guter Seemann, als daß er nicht gesehen hätte, wie der Lootse mit dem größten Scharfblick das einzige Mittel ergriffen hatte, das Schiff aus seiner gefährlichen Lage zu retten. Er war jung und heftig und stolz, aber auch edelgesinnt. Seinen Verdruß, seine Kränkung vergessend, eilte er vorwärts unter die Matrosen, und seine Gegenwart, sein Beispiel sicherte dem Manövre vollends den Erfolg. Das Schiff trieb wieder sanft mit dem Winde. Seine Raaen berührten fast die Fluthen, als der Sturm die ganze Wuth gegen den Bakbord geltend machte, während hinten die Wogen anbrauseten, als wollten sie die ungewöhnliche Bewegung rügen.

Die Stimme des Lootsen tönte indeß immer fest und ruhig, aber doch so deutlich und stark, daß sie jedes Ohr erreichte. Auf sein Geheiß drehten die Matrosen gehorsam die Raaen, trotz des Sturmes, als seien sie ein Spielwerk der Kindheit. Als das Schiff weit genug zurückgegangen war, wurden die Vordersegel losgebunden, die Hinterraaen in Ordnung gebracht, und das Steuerruder gerichtet, bevor die Fregatte Zeit hatte, aufs Neue den Gefahren entgegen zu gehen, die sie vorn und von Bakbord her bedroht hatten. Das schöne Gebäude, gehorsam seinem Führer, faßte wieder den Wind. Als die Segel gestellt waren, eilte es mitten aus den gefährlichen Klippen so schnell und sicher heraus, wie es hineingekommen war.

Ein Augenblick von sprachloser Bewunderung folgte dem vollbrachten trefflichen Manövre. Die Ueberraschung selbst mit Worten auszudrücken, dazu war noch keine Zeit. Der Fremde hatte noch immer das Sprachrohr zur Hand, und ließ seine Stimme durch das Geheul des Sturmes erschallen, wenn Vorsicht und Gewandtheit eine Veränderung im Gange des Schiffes heischten. Wohl eine Stunde lang galt es noch immer, für die Selbsterhaltung zu kämpfen: denn, bei jedem Schritte vorwärts, ward das Fahrwasser unsicherer, und auf jeder Seite drängten sich die Klippen näher zusammen. Immer ward das Senkblei ausgeworfen. Das lebhafte Auge des Lootsen schien die Finsterniß mit einer Sicherheit des Blickes zu durchschauen, die alle menschliche Kraft überstieg. Es war allen auf dem Schiffe einleuchtend, daß sie unter der Leitung eines Mannes stünden, der mit der Schiffahrt aufs Genaueste bekannt war. Die Anstrengung eines Jeden hielt nur mit dem erwachten Vertrauen Schritt. Immer schien die Fregatte blindhin treibend auf Untiefen sitzen zu bleiben, wo die See mit Schaum bedeckt war, und ihre Zerstörung eben so schnell als sicher erfolgen mußte. Allein die Donnerstimme des Fremden warnte stets vor der Gefahr, und trieb Jeden zu seiner Pflicht an. Das Schiff stand ohne alle Einschränkung unter seinem Befehle, und während der Augenblicke, wo die Fluthen dagegen anbrausten, wo der Schaum hoch über die Raaen emporsprützte, horchte Jeder den Worten des Mannes, der über die Mannschaft eine Gewalt übte, wie sie unter solchen Umständen nur Festigkeit und vollendete Kunst gewähren kann.

Die Fregatte hatte auf einem dieser gefährlichen Punkte eben wieder eine Wendung gemacht, wie sie deren jetzt so viele bestehen mußte, und fuhr nun wieder rasch dahin, als der Lootse jetzt zum ersten Male den Kommendanten anredete, der noch immer bei dem das Senkblei führenden Matrosen stand.

»Jetzt ist der Augenblick!« sagte er. »Arbeitet das Schiff hier gut, so sind wir gerettet. Außerdem war alle Mühe umsonst!«

Der alte Seemann, zu dem er sprach, ließ bei dieser wichtigen Nachricht Alles bei Seite. Er rief nach dem ersten Lieutnant, und verlangte vom Fremden eine nähere Erklärung.

»Seht ihr das Licht da unten am südlichen Felsenvorsprung?« entgegnete der Lootse. »Ihr könnt es am Stern erkennen, der nahe darüber steht. Jetzt beachtet den Fleck, der ein wenig nördlich davon ist, und einem Schatten am Horizonte gleicht. Dies ist ein Hügel landeinwärts. Wenn wir das Licht von diesem Hügel nicht gehindert sehen, so ist Alles gut. Außerdem geht Alles in Trümmern.«

»Laßt uns aufs Neue wenden!« rief der Lieutnant.

Der Lootse aber schüttelte den Kopf.

»Vom Wenden und guten Nachwinde ist diese Nacht nicht mehr die Rede;« sagte er. »Der Kanal, durch den wir fahren, ist kaum weit genug, um aus den Klippen herauszukommen. Können wir den Teufelskanal passiren, so sind die äußersten Klippen umschifft; wo nicht, so ist kein Mittel da.«

»Es wäre besser gewesen auszuweichen, als hier einzufahren!« rief Griffith.

»Richtig, wenn es uns nur die Strömung erlaubt hätte!« war des Lootsens ruhige Antwort. »Jetzt, Leute! gilt es Pünktlichkeit. Wir haben noch eine Meile vor uns, und das Schiff scheint zu fliegen. Das Topsegel kann nicht allen Wind fassen. Wir müssen noch Fock- und Bramsegel aufsetzen.«

»Es ist ein gefährlich Ding, bei solchem Sturme Segel aufzusetzen!« bemerkte der Kapitain bedenklich.

»Muß aber geschehn!« erwiederte der Lootse kalt. »Wir sind sonst verloren. Schon berührt das Licht den Rund jenes dunkeln Fleckens.«

»Alles soll gleich gethan seyn!« rief Griffith, und nahm dem Lootsen das Sprachrohr aus der Hand.

Seine Befehle wurden ausgeführt, wie sie gegeben wurden. Alles war bereit. Die ungeheure Last des Bramsegels war losgebunden und dem Sturm Preis gegeben. Einen Augenblick war der Erfolg zweifelhaft. Die schweren Segel schlugen so heftig gegen die Masten, daß das Schiff bis in den untersten Raum erschüttert wurde. Doch Kunst und Arbeit siegte. Allmälig blähte sich die Leinwand auf, und in dem Maaße, als sie sich dehnte, ward sie durch die Kraft von hundert Menschen an ihrer gewöhnlichen Stelle befestigt. Die Fregatte gehorchte der so ungeheuer vermehrten Kraft, wie ein Rohr, das sich vor dem Winde beugt. Der glückliche Erfolg ward durch einen freudigen Ausruf des Lootsen bezeichnet. Er schien ihm aus dem Innersten des Herzens zu entspringen.

»Sie fühlt's! sie faßt den Wind! Seht!« rief er. »Schon steigt das Licht auf dem Berge empor. Wenn sie die Segel aushält, kommen wir heraus!«

Ein Schall, wie von einer Kanone, unterbrach diese Ausrufungen. Einer weißen Wolke gleich, schien etwas vor dem Winde oben vom Schiffe aus dahin zu schweben, bis es endlich zu weit in die Finsterniß getrieben war.

»Das ist das Focksegel! Es ist aus den Saumtauen gerissen!« sagte der Kommendant: »Leichte Segel halten gegen solchen Sturm nicht aus: – aber das Bramsegel steht fest.«

»Das würde einem Wirbelwinde trotzen!« bemerkte der Lieutnant. »Aber der Mast springt, wie ein Stück Stahl.«

»Ruhig Alle!« rief der Lootse dazwischen; »Jetzt, Freunde, werden wir unser Schicksal bald wissen. – Laßt sie mit dem Winde gehn! – Laßt sie gehn!«

Diese Bemerkung machte allem Gespräche ein Ende. Die kühnen Seeleute, wissend, wie sie Alles gethan hatten, was Menschen thun können, standen unruhig, ohne einen Athemzug zu thun, und erwarteten den Ausgang. In geringer Entfernung von ihnen war der Ozean mit weißem Schaum bedeckt, und die Wogen, statt in regelmäßiger Ordnung zu kommen, schienen sich in ungeheuern Kreisen zu drehen. Ein einzelner Streif von schwarzem Gewässer war in diesem Chaos zu schauen; allein er hatte kaum die Länge eines Kabeltaues, und oft entzog er sich dem Blicke unter den sich bekämpfenden Fluthen. Auf diesem schmalen Pfade schoß das Schiff, aber mühsamer als vorher, hin, doch nahe genug vor dem Winde, um ihn mit den Segeln fassen zu können. Schweigend ging der Lootse zum Rade des Steuerruders, und leitete das Schiff mit eigner Hand.

Kein Laut ließ sich auf der Fregatte hören, den schrecklichen Aufruhr im Meere zu unterbrechen, und mit dem Schweigen der verzweifelnden Ergebung fuhr sie zwischen den Riffen hin. Zwanzigmal, wenn der Schaum seitwärts dahin flog, war die Mannschaft auf dem Punkte, ihrer Freude freien Lauf zu lassen. Sie glaubte, die Gefahr sey vorüber. Aber immer kamen Klippen nach Klippen und Wogen auf Wogen, um ihren Jubel zu hemmen. Manchmal hörte man auch das Geheul des Windes im Takelwerk, und wenn die Matrosen den Blick nach dem Rade des Steuerruders richteten, sahen sie, wie der Lootse in dessen Speichen griff, und von den Fluthen hinauf zu den Segeln schaute. Endlich kam das Schiff auf einen Punkt, wo es geradezu der Zerstörung in den Rachen zu laufen schien, als es mit einem Male einen andern Weg annahm und mit dem Vorderdeck aus der Linie des Windes heraus war. Im nämlichen Augenblicke hörte man die Stimme des Lootsen.

»Die Raae in die Quere gestellt! die Bramsegel eingezogen!« donnerte sie.

Ein allgemeines Geschrei der Mannschaft wiederholte das: »Die Raae in die Quere gestellt!« und schnell wie der Blitz sah man die Fregatte aus dem engen Fahrwasser herauskommen. Sie eilte vor dem Winde dahin. Kaum hatte das Auge Zeit, den Schaum zu beachten, den sie gleich Wolken zum Himmel emportrieb. Aus allen Gefahren war die herrliche, und aus den unglücksschwangern Wogen in ein offenes, sicheres Meer gekommen!

Jetzt athmeten die Matrosen frei und schauten sich einander an, als seien sie aus einem schweren Traum erwacht. Griffith aber näherte sich dem Manne, der sie Alle mit solchem Erfolge durch die Gefahren geleitet hatte. Er nahm ihn bei der Hand.

»Ihr habt Euch diese Nacht als treuen Lootsen bewährt, und als einen Seemann, wie die Welt keinen aufweisen kann!« sagte er zu ihm.

Der Unbekannte erwiederte traulich den Händedruck.

»Wohl bin ich nicht fremd auf der See!« versetzte er, »und werde wahrscheinlich mein Grab in ihr finden. Aber in Euch – ja in Euch habe ich mich geirrt. Ihr habt brav gehandelt, junger Mann, und der Congreß – «

»Was ist mit dem Congreß?« fragte Griffith, als er ihn einhalten sah.

»Nun – der Congreß ist glücklich, wenn er viel solcher Schiffe hat!« endigte der Fremde kalt, indem er zum Kommendanten ging.

Griffith sah ihm einen Augenblick voll Ueberraschung nach. Doch der Dienst nahm seine Aufmerksamkeit in Anspruch. Bald beschäftigten ihn andere Gedanken.

Die Fregatte galt nun für außer Gefahr. Der Sturm war heftig und nahm noch zu. Aber offen lag das Meer da, und wie sie in den Busen des Ozeans hineilte, konnten nun die nöthigen Vorkehrungen zur Sicherstellung während des Sturmes getroffen werden. Noch vor Mitternacht war Alles in Ordnung. Ein Kanonenschuß auf dem Ariel verkündete, daß auch der Schooner in Sicherheit sey, der einen andern und minder gefährlichen Weg gehabt hatte, auf welchem aber die Fregatte nicht zu segeln wagen durfte. Der Kommendant ließ die nöthigen Wachen aussetzen, und die übrige Mannschaft suchte die Ruhestätte.

Er selbst zog sich mit dem geheimnißvollen Lootsen in seine Kajüte. Griffith gab den letzten Befehl, und übertrug dann das Kommando dem Offizier, der die Wache hatte. Gute Nacht ihm wünschend, suchte auch er Erhohlung in seiner Hängematte. Eine Stunde wohl lag der junge Lieutnant und sann über die Ereignisse des Tages nach. Barnstable's Bemerkung fiel ihm, in Verbindung der sonderbaren Aeußerung des Kadeten, ein. Dann kamen seine Gedanken wieder auf den Lootsen, der erst von der feindlichen Küste Britanniens eingenommen werden mußte, und, mit der Sprache dieser Insel, ihnen so treu und trefflich gedient hatte. Er erinnerte sich der Unruhe des Kapitains Munson, mit der dieser den Fremden herbeigeschafft wissen wollte, trotz allen Gefahren, denen sie eben erst entgangen waren, und verlor sich ganz in Muthmaßungen, warum wohl ein Lootse mit solchen Gefahren aufgesucht worden sey. Nun bekamen die Dinge, welche ihn angingen, den Vorzug. Die Erinnerung an Amerika, an sein Mädchen, an die Heimath, vereinte sich mit den verwirrten Bildern der Jugend. Endlich ward das Rauschen der Wogen gegen die Wände des Schiffes, das Heulen des Sturmes, das Knarren der Planken und Kanonen seinem Ohre immer undeutlicher, bis die Natur der Nothwendigkeit nachgab, und der junge Mann, in den tiefen Schlaf eines Seemannes versunken, selbst die süßen Bilder seiner Liebe vergaß.

 

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