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Der Lootse oder Abenteuer an Englands Küste. Erster Theil

James Fenimore Cooper: Der Lootse oder Abenteuer an Englands Küste. Erster Theil - Kapitel 6
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authorJames Fenimore Cooper
titleDer Lootse oder Abenteuer an Englands Küste. Erster Theil
senderHerbert Niephaus
correctorohne
publisherAdolf Wienbrack
year1824
created20171117
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IV.

 

– Da sieh die Segel!
Ein Wind treibt sie, den Niemand merkt, dahin.
Und lange Furchen zieht der Kiel im Meere, trotzend
Allen Wogen. –

Shakespeare.

 

 

Es ist bereits von uns angedeutet worden, daß in der Atmosphäre so Manches da war, was in der Brust des Seemannes ernste Unruhe rege machen konnte. Sah man von den Felsenschatten hinweg, so war die Nacht keinesweges so finster, um nicht in mäßiger Ferne alle Gegenstände zu entdecken. Am östlichen Himmel zog sich aber im dunkeln Gewässer ein heller Streifen bedenklicher Art dahin. Das Brausen des hohlgehenden Meeres ward mit jedem Augenblick stärker und damit beunruhigender. Mehrere dicke Wolken hingen über dem Schiffe, und die thurmhohen Masten desselben schienen die schwarzen Dünste zu tragen, während nur wenige Sterne mit mattem Lichte in dem hellern Streife blinkten, der den Ozean umgürtete. Noch wehte gelegentlich ein sanfter Landwind, mit den frischen Dünsten der Küste geschwängert, allein zu leicht, zu unregelmäßig, um nicht sein gänzliches Ersterben sicher prophezeihen zu können. Das Brausen der Wogen an der Küste brachte ein einförmiges Geräusch hervor, das nur dann und wann von einem noch stärkern Brüllen unterbrochen ward, wenn eine Welle, größer als gewöhnlich, heftig gegen eine Höhle im Felsen anschlug. Kurz alles vereinte sich, die Scene düster und bedenklich erscheinen zu lassen, obschon keine Furcht für den Augenblick da war: denn noch schwebte das Schiff leicht auf den Wogen, ohne selbst das schwere Tau anzuziehen, das es an seinem Anker hielt.

Die Ober-Offiziere waren alle bei der Spille versammelt, und in ernste Gespräche über ihre Lage, ihre Aussichten vertieft, indessen einige der ältesten und begünstigtesten Matrosen ihren kurzen Weg bis zu den bestimmten Schranken des Hinterdecks ausdehnten, um mit begierigem Ohre die Vermuthungen aufzuschnappen, die hier von ihren Obern fielen. Zahllos waren die ungeduldigen Blicke, welche die Offiziere, wie die Matrosen, auf den Kommendanten und den Lootsen warfen. Beide standen immer noch in einem entfernteren Theile des Schiffes im geheimen Gespräche begriffen. Einen der jungen Kadeten führte entweder unbesiegbare Neugier oder die Unbesonnenheit seiner Jahre dahin. Allein ein derber Verweis vom Kapitain schickte den Jüngling beschämt und verwirrt zurück, seinen Verdruß unter den Kameraden zu verbergen. Die ältern Offiziere nahmen dies als Weisung an, daß die Berathung, welche Beide mit einander hielten, durchaus unverletzlich seyn solle. In keiner Art unterdrückten sie freilich die wiederholten Ausbrüche ihrer Ungeduld. Aber sie wagten doch nicht, das Gespräch unmittelbar zu stören, so sehr es auch alle als unzeitig und über die Maaßen lang gedehnt erklärten.

»Jetzt ist nicht die Zeit, über Lage und Entfernung zu sprechen,« bemerkte der Offizier, welcher Griffith im Range am Nächsten war. »Wir müssen Alle Hand ans Werk legen und die Fregatte herauszubugsiren suchen, so lange noch das Meer ein Boot tragen will.«

»Das wäre eine eben so unnütze als beschwerliche Arbeit!« erwiederte Griffith. »Ein Schiff meilenweit zu bugsiren, wenn das Meer gegen den Boogspriet anstößt! Allein der Landwind geht noch in der Oberluft frisch, und wenn ihn unsere leichten Segel annehmen und die Ebbe mithilft, so können wir dann wohl von der Küste wegkommen.«

»Ruft doch die Wache im Korbe an!« sagte der Andere. »Fragt, ob sie Wind bemerkt. Es wird zum Mindesten ein Wink seyn, den alten Mann und seinen Hans von Lootsen in Bewegung zu bringen.«

Griffith lachte, indem er dem Begehren Genüge that. Als er die gewöhnliche Antwort auf den Ruf bekam, fragte er mit lauter Stimme:

»Von welcher Seite her kommt der Wind da oben?«

»Von Zeit zu Zeit kommt ein Windzug vom Lande her!« erwiederte der muntere Bootsmann; »allein unser Bramsegel hängt steif herunter und rührt sich nicht.«

Kapitain Munson und sein Gefährte machten eine Pause, während Frage und Antwort hier miteinander wechselten. Dann aber fuhren sie im Gespräch so eifrig fort, als hätte keine Unterbrechung Statt gefunden.

»Das Bramsegel könnte gehn wie es wollte, bei unserm Herrn hülf' es doch nichts!« bemerkte der erste Offizier von den Seesoldaten, dessen Unwissenheit im Seewesen ihm die Gefahr noch größer erscheinen ließ. Indessen der Müßiggang ließ ihn mehr Scherz zu Tage fördern, als jeden Andern auf dem Schiffe. »Der Lootse,« fuhr er fort, »will mit den Ohren einen feinen Wink nicht wahrnehmen, – Herr Griffith, ich dächte, ihr nähmt ihn einmal bei der Nase.«

»Ach, wir hatten in der Schaluppe ein Lauffeuer!« erwiederte der erste Lieutnant, »und er scheint nicht der Mann, der solche Winke, wie ihr meint, verdauen kann. So sieht er sanft und stille, allein ich zweifle doch, daß er sich mit dem Buche Hiob viel zu schaffen macht.«

»Wozu sollte er denn das?« fragte der Kapellan, dessen Furcht zum Mindesten der des Offiziers von den Seesoldaten gleich kam. »Ich weiß gewiß, es wäre das großer Zeitverlust. Hier sind so manche Seekarten und Bücher über die Küstenschiffahrt zu studieren, daß er gewiß seine Zeit besser anwenden kann.«

Allgemeines Lachen war die Folge von dieser Bemerkung bei Allen, die sie hörten, und wie es schien, hatte sie die so sehnlich erwartete Folge. Sie machte der geheimnißvollen Unterhaltung des Kapitains mit dem Lootsen ein Ende. Der Letztere kam auf die erwartungsvolle Menge zu.

»Laßt den Anker einziehen und die Segel stellen!« sagte er zum Lieutnant Griffith mit der ruhigen und festen Haltung, die den Hauptzug seines Charakters bildete. »Die Stunde ist da, wo wir fort müssen!«

Das freudige: »Ja! Ja! Sir!« des jungen Lieutnants war kaum heraus, als das Geschrei von einem Halbdutzend Kadeten ertönte, die jeden Bootsmann und seine Matrosen zum Dienste riefen.

Eine allgemeine Bewegung kam nun in die lebenden Massen, die um den Hauptmast, auf den Raaen, den Leitern herum wogte, obschon die gewohnte Mannszucht alle einen Augenblick in Erwartung hielt. Das Stillschweigen unterbrach zuerst die Pfeife des Bootsmanns. Ihr folgte das rauhe Geschrei: »Jedermann an den Anker! frisch dabei!« Der tiefe Ton der Pfeife wechselte in der Dunkelheit mit einem gellenden, der wieder über dem Wasser hinschwand. Das Geschrei hallte im ganzen Schiffe wieder, wie das dumpfe Rollen eines fernen Donners.

Wunderbar war die Veränderung, die diese gewöhnlichen Zeichen zu Wege brachten. Menschliche Gestalten sprangen unter den Kanonen hervor, huschten aus den Luken heraus, schwangen sich mit sorgloser Eile von den Raaen herab, und kamen aus jedem Winkel so schnell herbei, daß das ganze Verdeck der Fregatte mit Menschen bedeckt war. Das tiefe Schweigen, das bisher blos von dem leisen Gespräch der Offiziere unterbrochen ward, wich nun den ernsten Befehlen der Lieutnants, die das lautere Geschrei der Kadeten, die Donnerstimme des Bootsmanns und seiner Gefährten wiederholte. Die Stimme der Letztern war stärker als jeder Lärm und alle diese Vorbereitungen.

Der Kapitain und der Lootse blieben bei der allgemeinen Anstrengung allein unthätig. Die Furcht hatte selbst die Offiziere in Thätigkeit gesetzt, welche nur die Müßiggänger heißen. Freilich wurden sie häufig von ihren erfahrnern Kameraden mit der Bemerkung zurückgewiesen, daß sie die Arbeit mehr hinderten als förderten. Indessen ließ der Lärm allmälig nach. In wenig Minuten war dieselbe Stille auf dem Schiffe, wie vorher.

»Wir haben beigelegt!« sagte Griffith, indem er das Ganze überschaute und in der einen Hand ein kleines Sprachrohr hatte, während die andere ein Segel faßte, um sich in der Stellung zu erhalten, die er auf einer Kanone genommen hatte.

»Anker gelichtet!« war die ruhige Antwort des Lootsen.

»Anker gelichtet!« hallten ein Dutzend Stimmen nach, und das muntere Stückchen eines Pfeifers drang durch die Luft, den düstern Auftritt zu beleben. Die Ankerwinde ward unmittelbar in Bewegung gesetzt. Der abgemessene Tritt der Matrosen hallte auf dem Verdeck wieder, als sie im Kreise darauf herumtrabten. Einige Minuten ward außerdem kein anderer Ton gehört, als die Stimme eines Offiziers, der gelegentlich die Matrosen anspornte, wenn sie meldeten, das Tau sey kurz, d. h. das Schiff fast senkrecht über dem Anker.

»Nun, was soll nun geschehen?« fragte Griffith. »Sollen wir den Ankergrund verlassen? Es scheint sich kein Lüftchen zu rühren, und da die Ebbe schwach geht, so fürcht' ich, daß die See uns nach der Küste treibt.«

Es lag soviel Wahrscheinliches in der Vermuthung, daß alle von der Arbeit auf dem Verdecke jetzt auf die Wogen hinausschauten, als wollten sie die Finsterniß durchdringen und das Geschick, dem ihr Schiff geweiht zu seyn schien, in den Fluthen lesen.

»Ich überlasse alles dem Lootsen!« erwiederte der Kapitain, als er einige Zeit neben Griffith gestanden und sorglich Himmel und Meer beobachtet hatte. »Was sagt ihr, lieber Gray?«

Der Mann, dessen Name jetzt zum ersten Male genannt war, lehnte sich über die Gallerie.

Sein Auge schaute gleich dem der Andern hinaus. Doch als er antwortete, drehte er sich nach dem Kommendanten um. Das Licht auf dem Verdecke fiel auf seine ruhigen Züge. Sie zeigten eine Festigkeit, die fast an etwas Uebernatürliches gränzte, wenn man seine Lage und Verantwortlichkeit bedachte.

»Von dem starken Hohlgehen ist viel zu fürchten;« sagte er in demselben unerschütterten Tone wie vorher. »Allein unser Untergang ist gewiß, wenn der Sturm, der von Osten her im Entstehen ist, uns auf diesem Ankerplatze findet. Aller Hanf, der je zu Tauwerk gesponnen ist, würde das Schiff hier nicht eine Stunde halten können. Es müßte, stürmte der Orkan aus Norden dagegen, an jenen Riffen scheitern. Wenn Menschenhände zureichen, müssen wir ins offene Meer hinaus und das schnell.«

»Nichts weiter?« sagte der Lieutnant. »Der jüngste Kadet hat ja das weg. Ha, da kommt der Schooner!«

Rauschend durchschnitten die langen Ruder des Ariels die Fluthen. Bald sah man das kleine Schiff mühsam unter ihren ungleichen Schlägen herankommen. Als es langsam hinter der Fregatte weg fuhr, ließ sich Barnstable's lustige Stimme zuerst hören. Er knüpfte die Unterhaltung an.

»In der Nacht kann man gut eine Brille brauchen, Kapitain Munson!« rief er hinauf. »Allein ich dächte, ich hätte eure Pfeife gehört, und hoffe zu Gott, ihr werdet doch nicht bis morgen früh hier liegen bleiben wollen.«

»So ein Ankerplatz gilt mir nicht mehr, als euch, Barnstable!« erwiederte der alte Seemann in seiner ruhigen Weise, bei der aber die Sorge doch allmälig das Uebergewicht augenscheinlich bekam. »Fertig sind wir soweit, wir fürchten aber, den letzten Anker zu lichten, um nicht an die Küste zu gerathen. Was habt ihr für Wind?«

»Wind?« wiederholte dieser. »Nicht soviel, um eines Mädchens Locke auf die Seite zu treiben. Wenn ihr warten wollt, bis die Landluft in die Segel stößt, könnt ihr einen Monat noch liegen bleiben, denk' ich. Meine Eierschale hab' ich aus dem Felsenneste losgemacht; wie es aber in der Finsterniß möglich war, mag ein Anderer besser erklären.«

»Laßt euch vom Lootsen eure Weisung geben, Barnstable,« bemerkte der Kommendant. »Befolgt sie genau und buchstäblich.«

Eine Todtenstille folgte diesem Befehle auf beiden Schiffen. Alle schienen begierig die Worte auffangen zu wollen, die von dem Manne kamen, auf welchem, das fühlte Jeder, seine Hoffnung, in Sicherheit zu kommen, beruhte. Es vergingen einige Augenblicke, bevor man seine Stimme hörte.

»Die Ruder werden euch gegen das sich aufthürmende Meer nicht mehr lange nützen;« sagte er ganz ruhig, aber sehr vernehmlich, »doch eure kleinen Segel bringen euch gewiß heraus. So lange als ihr Ost-nord-ost halten könnt, ists gut. Ihr könnt dabei bleiben, bis ihr auf der Höhe von der Felsenspitze seid, die dort nördlich ist. Da mögt ihr beilegen und eine Kanone abfeuern. Würdet ihr aber aus dem Strich gebracht, bevor ihr da seid, so sondirt nur auf der Bakbordseite jede Schiffslänge und nehmt euch in Acht, südlich zu wenden, denn sonst hilft kein Senkblei mehr.«

»Ich kann auf gleichem Grunde Bakbord und Steuerbord laufen und eines solange wie's andere;« sagte Barnstable.

»Das thut ja nicht!« erwiederte der Lootse. »Wenn ihr nur um einen Strich Steuerbord lauft, um aufs hohe Meer zu kommen, so stoßt ihr auf Klippen und Untiefen, wo ihr sitzen bleibt. Also noch einmal, hütet euch davor!«

»Und wie soll ich das Fahrwasser finden. Mit Senkblei, Compaß, Loth –?«

»Ihr müßt dem raschen Blick, der festen Hand vertrauen. Die Brandung wird euch die Gefahr zeigen, wenn ihr nicht die Lage der Küste sehen könnt. Nur nicht das Sondiren unterlassen und immer Bakbord gelaufen!«

»Ja, ja!« erwiederte Barnstable brummend. »Das nennt man im Finstern tappen; und zwar alles ohne Zweck, soviel ich sehen kann. – Sehen? – Gott verdamm mich! Sehen hilft einem hier so viel, als die Nase, wenn man in der Bibel liest.«

»Still, still! Herr Lieutnant!« unterbrach ihn sein Kommendant: denn die Besorgniß ließ Jeden auf beiden Schiffen schweigen, daß man selbst die Bewegung des Takelwerks vernahm, als der Schooner dahin fuhr. »Die Befehle des Congresses müssen auf Kosten des Lebens erfüllt werden!« rief er ihm noch zu.

»Ach, mein Leben bring' ich nicht in Anschlag, Kapitain!« war Barnstable's Antwort. »Aber wer ein Schiff auf so ein Fleckchen schickt, wie dies, hat kein Gewissen. Doch jetzt gilt es zu handeln, nicht zu schwatzen. Ist indessen schon für ein Fahrzeug solche Gefahr, das nicht tief geht, was soll dann aus der Fregatte werden? Wär' es nicht besser, ich spielte den Jackal, und lief euch voraus, den Weg ausspähend?«

»Ich danke!« erwiederte der Lootse. »Euer Anerbieten ist edelmüthig, würde uns aber nichts helfen. Ich habe den Vortheil auf meiner Seite, jeden Punkt genau zu kennen, und muß meinem Gedächtniß, wie dem guten Glück des Himmels trauen. – Setzt die Segel auf, Sir! Setzt auf! wenn ihr fortkommt, wollen wir es auch wagen, zu lichten.«

Dem Befehle ward schnell gehorcht. In wenig Augenblicken war der Ariel mit Segeln bedeckt. Zwar ließ sich auf dem Verdeck der Fregatte kein Lüftchen spüren, allein der kleine Schooner war so leicht, daß er mit Hülfe der Ebbe und ein wenig Landwind in der obern Gegend der Atmosphäre sich glücklich einen Weg durch die Fluthen bahnte. In wenig Minuten war sein Bord kaum noch mit Hülfe des lichten Streifes zu sehen, der unten am Horizonte hinzog. Die düstern Umrisse seiner Segel stiegen über das Gewässer herauf, bis auch diese wunderlichen Formen in den finstern Wolken schwanden.

Griffith hatte das vorhergehende Gespräch, gleich den andern jüngern Offizieren gehört, aber kein Wort geäußert. Jetzt blieb allmälig der Ariel dem Auge kaum wahrnehmbar. Flüchtig sprang er von der Kanone aufs Verdeck herab.

»Es schießt hin;« rief er, »wie ein Schiff, das vom Stapel läuft. Soll ich lichten lassen, Kapitain, und nachsegeln? «

»Wir haben keine Wahl!« erwiederte dieser. »Habt ihr die Frage gehört, Master Gray? sollen wir es wagen?«

»Es muß seyn, Kapitain Munson; wir brauchen mehr, als das Restchen von Ebbe, um in Sicherheit zu kommen!« war des Lootsen Antwort. »Fünf Jahre meines Lebens gäb' ich darum, ob ich schon weiß, daß es kurz genug ist, wenn das Schiff eine Meile weiter seewärts läge.«

Niemand hörte diese Bemerkung, als der Kommendant der Fregatte, der sich wieder mit dem Lootsen zurückgezogen und sein geheimnißvolles Gespräch angeknüpft hatte. Kaum war indessen die obige Weisung gegeben worden, als Griffith mit dem Sprachrohr befahl: »die Anker gelichtet!« Den schneidenden Tönen der Pfeife folgte nun das Treten der Matrosen an der Ankerwinde. Während der Anker in die Höhe ging, wurden die Segel losgebunden, um den Landwind zu fassen. Das Sprachrohr des Lieutnants donnerte Befehle auf Befehle zu, die mit der Geschwindigkeit des Gedankens vollzogen wurden. Im dämmernden Lichte der Nacht sah man auf jedem Raa die Matrosen wie einzelne Punkte, in der Luft schweben, während wunderbares Geschrei von jedem Theile des Tauwerks und jeder Stange wiederhallte.

»Das Vordersegel ist fertig!« schrie eine gellende Stimme, als käme sie aus den Wolken.

»Das Bramsegel steht!« donnerte die rauhe Stimme eines Matrosen dahinter.

»Alles fertig!« ließ sich die dritte aus einem andern Punkte vernehmen, und in wenig Minuten ward der Befehl gegeben, die Segel herunterzulassen.

Das wenige Licht, das von dem Himmel herabfiel, ward nun von den herabgelassenen Segeln ausgeschlossen. Stärkere Finsterniß lag auf dem Verdeck, und ließ um so mehr die Laternen funkeln, während alles, See und Himmel, nur ein düsteres, furchtbareres Ansehn bekam.

Jedermann, den Kapitain und seinen Gefährten ausgenommen, war nun ernstlich bemüht, das Schiff in Bewegung zu setzen. Der Schrei: »Wir sind fertig!« von fünfzig Stimmen wiederholt und die schnellen Bewegungen des Ankertaues zeigten, daß der Anker über dem Wasser sey. Das Tauwerk schnarrte, die Kloben pfiffen, und alles übertönte das Geschrei des Bootsmanns und seiner Matrosen. Ein Bewohner des festen Landes hätte hier lauter Unruhe und Verwirrung gesehen. Allein lange Erfahrung und strenge Mannszucht setzte diese Leute in den Stand, ihr Schiff von oben bis unten in wenigerer Zeit mit Segeln zu bedecken, als wir nöthig haben, es zu erzählen.

Einige Minuten lang waren die Offiziere mit dem Erfolge nicht unzufrieden. Zwar hingen die schweren Segel fest an den Masten herunter. Aber die leichtern Obersegel blähten sich auf, und das Schiff begann offenbar ihrem Einfluß zu gehorchen.

»Sie arbeitet! sie arbeitet!« rief Griffith fröhlich. »Ach, die gute Gevatterinn! Sie hat eine Antipathie gegen das Land, wie ein Fisch im Ozean! 's ist doch ein bischen Luft da oben!«

»Das letzte Restchen davon fühlen wir!« sprach der Lootse still und leise für sich, aber doch in einer Art, daß Griffith darüber erschrak, als dies neben ihm gesagt wurde. »Junger Mann,« bemerkte der Lootse, »wir wollen heut Alles vergessen, nur nicht, wie viel Menschenleben diese Nacht von eurer Thätigkeit und meiner Kenntniß abhängt!«

»Wenn ihr halb soviel von der letztern darthun könnt, als ich zur erstern bereit bin; so geht Alles gut;« erwiederte der Lieutnant. »Was ihr auch im Sinne haben mögt, immer erinnert euch, daß wir an feindlicher Küste sind, und sie nicht etwa so sehr lieben, unsere Knochen dort begraben zu wissen.«

Mit diesen Worten schieden sie, denn die Bewegungen des Schiffes erforderten jetzt die stäte und sorgfältige Aufmerksamkeit des Lieutnants.

Die Freude der Mannschaft über das Schiff, als es die Fluthen durchschnitt, dauerte nicht lange. Der Landwind, der seinen Fortgang etwa eine Viertelmeile zu begünstigen schien, blähte einige Minuten lang die Segel auf, und ließ dann gänzlich nach. Vom Steuerruder her ward gemeldet, daß jede Wendung des Schiffes unmöglich wäre; es gehorche dem Steuerruder nicht. Schnell wurde die unwillkommene Botschaft dem Kapitain von Griffith gemeldet. Der Letztere schlug vor, wieder einen Anker auszuwerfen.

»Ich verweise euch an unsern Gray!« versetzte der Kapitain. »Er ist der Lootse, und von ihm hängt Wohl und Weh des Schiffes ab.«

»Lootsen verlieren eben so oft die Schiffe, als sie sie retten!« bemerkte Griffith. »Kennt ihr den Mann so gut, Kapitain, der aller unser Leben in seiner Hand hat und kaltblütig ist, als wäre ihm die ganze Sache einerlei?«

»Freilich kenne ich ihn; er ist, meiner Einsicht nach, eben so treu als erfahren. Soviel sag' ich euch, eure Bedenklichkeit zu mindern. Mehr dürft ihr nicht fragen. – Doch war das nicht ein Wind von der Seite her?«

»Gott bewahre uns!« rief der Lieutnant. »Wenn uns der Nordost in diesen Riffen hier packt, so ist unser Schicksal in der That verzweiflungsvoll!«

Das rasche Wanken des Schiffes bewirkte ein augenblickliches Aufschwellen der Segel, aber auch ein so schnelles Nachlassen derselben, daß der älteste Seemann in Zweifel blieb, woher der Luftzug kam; ob er nicht vielleicht blos die Folge des Schwankens von den Segeln selbst gewesen sey. Das Schiff selbst kam bereits mit der Spitze aus der gehörigen Richtung, und trotz der Finsterniß war es augenscheinlich, daß die Fregatte nach der Küste hintrieb.

Während dieser wenigen, höchst unruhigen Augenblicke verlor Griffith, in Folge von den plötzlichen Gemüthsveränderungen, die oft ganz entgegengesetzte Gefühle verbinden, auf einmal seine hastige Unruhe, und versank in die gedankenlose Sorglosigkeit, die ihn oft in den schwierigsten und bedenklichsten Lagen beherrschte. Er stand, mit dem Ellbogen auf die Ankerwinde gelehnt, und schützte die Augen mit der einen Hand gegen das Licht einer neben ihm brennenden Laterne, als er an der andern einen sanften Druck fühlte, der ihn aus seinem Traume weckte. Freundlich, obschon noch immer zerstreut, sah er den Kadet an, der neben ihm stand.

»Garstige Musik, Merry!« sagte er.

»So garstig, daß ich nicht danach tanzen möchte!« erwiederte der Kadet. »Ich denke, es giebt wohl keinen hier im Schiffe, der nicht lieber: »Mein Mädchen ich zu Hause ließ!« hören würde, als dieses verwünschte Geheul!«

»Geheul? Das Schiff ist ja so still, als eine Quäkerversammlung in Jersey, bevor euer Großvater das ergötzliche Schweigen mit seiner wohltönenden Stimme unterbrach.«

»Ach, lacht ihr immer über meine friedfertige Abstammung; lacht wie ihr wollt, Herr Lieutnant,« versetzte der erste Kadet. »In andern Leuten ist ja auch so eine Mischung von Blut. Ich wollte, ich hörte jetzt den alten Mann intoniren. Da könnte ich schlafen wie eine Möwe innerhalb der Klippen. Aber wer in der Nacht schläft bei dem Wiegenliede, der hält gewiß ein gutes Schläfchen.«

»Geheul? Ich höre nichts, Kadet, als das Aneinanderschlagen der Segel. Selbst der Lootse, der auf dem Hinterdeck wie ein Admiral auf und ab stolzirt, scheint nichts zu bemerken.«

»Wie? hört ihr denn nicht, was jedem Seemann ins Ohr tönen muß?«

»Nun ja, das ist das dumpfe Geräusch von der Brandung. Die Nacht macht sie auffallender. Wißt ihr das noch nicht, junger Mann?«

»Ei warum nicht, Herr Lieutnant, und ich mag sie gar nicht besser kennen. Wie nahe sind wir denn wohl der Küste?«

»Weit weggekommen sind wir wohl nicht, ob wir schon besser lagen. – Halt doch gegen Steuerbord! Ihr gebt ja die ganze Seite dem Winde Preis!«

Der Mann am Ruder wiederholte seine vorige Bemerkung, und setzte noch hinzu, ihm schiene das Schiff blindlings zu treiben.

»Setzt das große Segel auf, Lieutnant!« rief Kapitain Munson. »Wir wollen sehen, wie der Wind ist!«

Bald hörte man das Rasseln der Kloben, und die ungeheuern Taue, die von den untern Raaen herabhingen, wurden sogleich in die Verbänder gebracht. Als das Manöver vollendet war, stand alles am Bord schweigend und kaum Athem holend, als erwartete man, das Schicksal des Schiffes durch den Erfolg davon entschieden zu sehn. Mancherlei widersprechende Ansichten äußerten sich endlich unter den Offizieren, indeß Griffith eine Kerze aus der Laterne nahm und auf eine Kanone sprang. Hoch hob er das Licht, es der Wirkung der Luft Preis gebend. Die Flamme bewegte sich erst ungewiß brennend; dann stand sie gerade, wie der Mast. Eben wollte er den ausgestreckten Arm sinken lassen, als er eine mäßige Kälte an der Hand spürte. Er zögerte. Das Licht wandte sich nach der Küste hin, flackerte und löschte endlich aus.

»Keinen Augenblick verloren!« rief der Lootse. »Zieht alle Segel ein, die drei Topsegel ausgenommen, und Alles doppelt eingebunden! Jetzt ist die Stunde, wo ihr euer Wort zu lösen habt!«

Der junge Mann weilte einen Augenblick voll Staunen, als so deutliche, vernehmbare Worte des Fremden so unerwartet sein Ohr trafen; dann sah er nach der See hinaus, sprang aufs Verdeck herab, und eilte, seiner Weisung zu gehorchen, als ob Tod und Leben davon abhänge.

 

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