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Der Lootse oder Abenteuer an Englands Küste. Erster Theil

James Fenimore Cooper: Der Lootse oder Abenteuer an Englands Küste. Erster Theil - Kapitel 12
Quellenangabe
authorJames Fenimore Cooper
titleDer Lootse oder Abenteuer an Englands Küste. Erster Theil
senderHerbert Niephaus
correctorohne
publisherAdolf Wienbrack
year1824
created20171117
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X.

 

Ihr Auge glänzt von Zärtlichkeit und Liebe,
und Liebe regt in jedes Brust es auf;
Wer sie nur sieht, fühlt süße, süße Triebe,
Und denkt, der Freuden Sonne steigt herauf.
So glänzet Hebe nur, wenn sie den Nektar reicht,
Kein Mädchen ist wie sie, der nicht ein Mädchen gleicht.

Campbell.

 

 

Der im Abend gelegene Flügel von St. Ruth's Hause oder Abtei zeigte nur noch wenig Spuren von der Bestimmung, welche er ursprünglich gehabt hatte. Die obern Zimmer waren zahlreich und klein, und liefen auf beiden Seiten einer langen, dunkeln, niedrigen Gallerie hin. Sie mochten die Zellen der Schwestern gewesen seyn, die ehmals in diesem Theile der Abtei gewohnt hatten. Das Erdgeschoß war dagegen schon vor hundert Jahren ganz umgewandelt, und hatte von seinem alten Aeußern nur gerade soviel übrig behalten, als nöthig war, dem, was unter Georg's III. Regierung für bequem galt, das Ansehn des Ehrwürdigen zu geben.

Da dieser Flügel der Wirthinn vom Hause in dem Augenblick eingeräumt worden war, wo das Gebäude seine geistliche Bestimmung in eine mehr weltliche verwandelt hatte; so blieb auch der Oberst Howard bei dieser Einrichtung, als er von St. Ruth's Abtei Besitz nahm; bis im Laufe der Dinge die Zimmer, welche zuerst zur Bequemlichkeit seiner Nichte eingerichtet waren, am Ende in ihr Gefängniß verwandelt wurden. Indessen der strenge, alte Krieger zeigte eben soviel Tugend, als Schwäche, und die Einschränkung der Freiheit, wie seine Unzufriedenheit war Alles, worüber das junge Mädchen klagen konnte. Um unsere Leser in den Stand zu setzen, über die Natur ihrer Gefangenschaft urtheilen zu können, wollen wir sie ohne Weiteres mit den beiden Mädchen zusammenbringen, worauf sie bereits wohl gefaßt seyn werden.

Das Gesellschaftszimmer zu St. Ruth war, der alten Sage nach, einst der Speisesaal des kleinen Vereins von frommen Schwestern gewesen, die in diesen Mauern den Versuchungen der Welt zu entgehen suchten. Groß konnte ihre Zahl nicht gewesen seyn; eben so wenig war wohl ihr Mahl glänzend: denn sonst hätte das beschränkte Gemach nicht Raum genug gewährt. Indessen war dasselbe sehr vortheilhaft und ungemein bequem eingerichtet, während die dickfaltigen, blauen damastenen Vorhänge, die ledernen Tapeten mit sinnreichen, goldnen Sprüchen eine ausgesuchte Pracht verriethen, und hier die bogichten Fenster, dort die Wände bekleideten. Dauerhafte Sopha's von feingearbeitetem Mahagonyholz, Stühle von gleicher Art und Weise, und mit dem reichen Stoffe bezogen, der die Fenstervorhänge hergab, auf dem getäfelten Fußboden ein türkischer Teppich, der alle Farben des Regenbogens in ungemeinem Glanze abspiegelte, vereinten sich, den einförmigen Schmuck eines ungeheuern Kamins, der großen Friesen und der vielen Bildhauerarbeit zu erhöhen, die das massive Holzwerk an den Wänden zierte. Ein lebhaftes Feuer, von Holz unterhalten, knisterte im Kamin. Es brannte dem Alles durchsetzenden Vorurtheil von Miß Plowden zu Gefallen. In ihrer lebhaften Weise behauptete sie, Steinkohlen schickten sich nur für Engländer und Grobschmiede. Der Glanz des Feuers wurde noch von zwei Wachskerzen auf schweren silbernen Leuchtern unterstützt und das Zimmer war auf solche Art völlig erleuchtet. Eine Kerze warf ihr Licht auf die mannigfachen Farben des Teppichs, worauf der Leuchter stand, und zeigte die lebendigen Bewegungen des Wesens, das hier in flüchtigen und lebhaften Geberden tändelte. Es war ein junges Mädchen in der Stellung kindlicher Anmuth. Wer die Beschäftigung nicht kannte, würde ebenfalls geglaubt haben, sie spiele noch. Mehrere kleine, viereckichte seidene Flecken, deren jeder vom andern stark abstach, lagen um sie herum, und wurden von der beweglichen Hand in so mannigfacher Weise zusammengeordnet, als huldige sie den Einfällen ihres Geschlechts, oder als wolle sie den Abglanz ihrer eignen reichen Kleidung erblicken. Das dunkle seidene Gewand des Mädchens diente trefflich, die schlanke Gestalt in ihrem ganzen Umrisse zu zeigen, während das feurige, schwarze Auge die Farbe des italienischen Stoffes durch seinen Glanz überbot. Ein Paar blaßrothe Bänder, halb mit Kunst und halb sorglos neckend angebracht, schienen die reiche Blüthe der Wange mehr zurückzustrahlen, als zu erhöhen, und ließen es nicht bemerken, daß ihr Teint noch etwas schöner hätte seyn können.

Ein anderes weibliches Wesen, in jungfräulichem Weiß gekleidet, lehnte in der Ecke eines Sopha's. Die Einsamkeit, in der beide Mädchen lebten, mochte dieses veranlaßt haben, auf seinen Anzug weniger zu achten, oder, was wahrscheinlicher war, der Kamm hatte seine Bürde nicht mehr zu halten vermocht: denn ihre Locken, die mit dem schwarzen Glanz eines Raben wetteiferten, waren aus ihren Banden gewichen, und fielen über die Schultern, längs des Kleides, in üppiger Fülle herab, um endlich, wie glänzende Seide, auf dem damastenen Ueberzuge des Sopha's zu spielen. Eine kleine Hand, die sich ihrer nackenden Schönheit zu schämen schien, stützte das Köpfchen und verlor sich in die Fülle des Haares, wie wenn der schönste Alabaster mit Ebenholz belegt wird. Unter der Lockenmenge, die ihr Haupt beschattete, trat eine kleine, makellose, blendendweiße Stirn hervor. Zwei Augenbraunen, die sie verschönten, schienen von Raphael's Pinsel gemalt. Die Augenlieder, die seidenen Wimper verschlossen das Auge. Es sah auf den Boden, als ob das Mädchen in düstern Gedanken sey. Die ganze übrige Gestalt war von der Art, daß eine Beschreibung schwer fallen dürfte. In allen einzelnen Theilen zeigte sich nichts Vollkommenes, nichts Regelmäßiges. Aber doch sprach aus dem Ganzen ein vollendetes Gemälde weiblicher Zartheit und Liebenswürdigkeit. Ein zartes Roth wechselte auf ihren Wangen mit jedem Athemzuge. Bald schien es heimlich bis über die Schläfe hinaufgehen zu wollen, bald machte es einer auffallenden Blässe Raum. Ihre Größe war, dem Sitzen nach zu urtheilen, etwas über das gewöhnliche weibliche Maaß, und der Körper mehr zart als üppig gebaut, obgleich der kleine Fuß auf dem vor ihr liegenden damastenen Kissen so niedlich war, daß ihn jedes Mädchen beneidet haben würde.

»Ei, ich bin bewandert, wie der Offizier, der das Signalbuch hier beim Großadmiral führt!« rief das Mädchen auf dem Teppich, und klatschte, wie ein Kind fröhlich, in die Hände. »Höre Cecilie, ich wünschte eine Gelegenheit, wo ich meine Kunst geltend machen könnte.«

Miß Howard richtete, während ihre Base so sprach, ein wenig lächelnd ihr Köpfchen auf. Wer sie jetzt gesehen hätte, würde in seinen Erwartungen sehr getäuscht worden seyn. Statt des schwarzen, durchdringenden Auges, das die üppigen schwarzen Locken erwarten ließen, hätte er in zwei große, sanfte blaue geschaut, in welchen Zärtlichkeit und Ueberredung statt des Feuers wohnten, das aus dem lebhaften Blicke ihrer Gespielinn sprühte.

»Weil Du mit Deiner Wanderung nach dem Ufer glücklich gewesen bist,« erwiederte Cecilie, »so bist Du ganz zur Närrinn geworden. Ich weiß nicht, wie man Dich heilen soll. Man muß Dir Seewasser verordnen, wie man es bei Andern macht, die närrisch geworden sind.«

»Ach, ich denke, das Mittel würde bei mir nicht helfen!« rief Katharine. »Es hat ja nicht den Kopf des guten Richard Barnstable heilen können, und der hat doch die Kur in manchem derben Sturme gebraucht. Er ist immer noch ein guter Kandidat fürs Narrenhaus. Weißt Du, Cecilie, der Tollkopf wollte mich, in den zehn Minuten, welche wir auf den Klippen miteinander verplauderten, bereden, seinen Schooner als Badewanne anzusehen?«

»Ja, Deine Herzensgüte wird ihn freilich ermuthigt haben, viel von Dir zu erwarten. Aber im Ernst hat er den Vorschlag doch nicht gemeint?«

»Ach! – Nun, wir wollen dem armen Schelm nicht Unrecht thun. Er sagte etwas von einem Kapellan, der das Wagstück einsegnen sollte. Aber es war doch abscheuliche Unverschämtheit in dem Gedanken. Ich habe es ihm nicht vergeben, und vergesse es ihm in den nächsten sechs und zwanzig Jahren nicht. Was für ein schönes Leben mag er auf seinem kleinen Ariel, mitten unter den Sturmeswogen, gehabt haben, die wir gestern Abend gegen die Küste heraufziehen sahen. Potztausend! Ich hoffe, die haben ihm die Unverschämtheit abgewaschen. Er kann, mein' ich, keinen trocknen Faden auf dem Leibe haben. Das ist vielleicht die Strafe für seine Kühnheit, und ich werde ihn schon daran erinnern. Jetzt mache ich ein halb Dutzend Signale, gleich jetzt, um mich über das kalte Bad recht auszulachen.«

So schwärmend, und voll der stillen Hoffnung, das abenteuerliche Unternehmen werde am Ende doch von vollkommenem Erfolge gekrönt werden, schüttelte das fröhliche Mädchen die schwarzen Locken mit ausgelassener Lustigkeit, und riß die wunderlichen Flaggen rings umher zusammen, weil sie neue bilden und sich mit der bedenklichen Lage ihres Liebhabers belustigen wollte. Doch die Züge ihrer Base verdüsterten sich bei den Gedanken, die durch die letzten Worte rege wurden.

»Katharine!« sagte diese, »Katharine, kannst Du scherzen, wo so viel zu fürchten ist? Vergißt Du, was uns Alix Dunscombe heut' morgen vom Sturme erzählte? Und daß sie von zwei Schiffen, einer Fregatte und einem Schooner sprach, die sich mit schrecklicher Unbesonnenheit in diese Klippen, kaum drei Stunden von der Abtei, gewagt hätten? Daß, wenn Gottes gnädige Barmherzigkeit nicht ihnen geholfen hat, ihr Schicksal höchst wahrscheinlich ganz unglücklich war? Kannst Du, die so gut weiß, wer die kühnen Schiffer sind, über den Sturm scherzen, der sie in solche Gefahr brachte?«

Der Verweis brachte das lachende Mädchen zum Nachdenken. Jede Spur von Fröhlichkeit floh aus dem Antlitze, auf dem eine todtenähnliche Blässe erschien. Sie faltete die Hände, und heftete das muthige Auge zerstreut auf die glänzenden seidenen Flecke, die in Unordnung herum lagen. In diesem Augenblicke ging sachte die Thür auf. Der Oberst Howard trat in einer Art herein, die eine komische Mischung von Unwillen und zur Gewohnheit gewordener Artigkeit gegen das andere Geschlecht war.

»Ich bitte, mich zu entschuldigen, wenn ich störe;« begann er. »Darf ich doch hoffen, daß die Gegenwart eines alten Mannes im gesellschaftlichen Zimmer seiner Mündel nie ganz unerwartet seyn kann.«

Indem er sich verbeugte, nahm er auch gleich in der Ecke des Sopha's Platz, auf dem seine Nichte lehnte. Sie war ihm entgegengegangen, und stand, bis ihr Onkel sichs bequem gemacht hatte; der letztere warf einen etwas selbstgefälligen Blick auf die angenehme Einrichtung des Zimmers umher.

»Nun es fehlt Euch eben nichts,« fuhr er fort, »um jeden Gast hier willkommen zu heißen, und ich sehe gar nicht ein, warum Ihr Euch immer so, wie Ihr es thut, vor Jedermann verschlossen haltet?«

Cecilie sah den Onkel schüchtern und mit augenblicklicher Ueberraschung an, ohne sogleich darauf eine Antwort finden zu können.

»Wir verdanken Eurer zarten Aufmerksamkeit zwar viel:« entgegnete sie endlich, »aber ist denn unsere Einsamkeit hier so ganz freiwillig?«

»Ei, wie anders? Seyd ihr nicht Herrinnen des Hauses? – Daß ich den Aufenthalt wählte, wo Eure, und, mit gütiger Erlaubniß, meine Vorältern so lange in Ehren und Ansehn hauseten, geschah weniger aus einem gewissen natürlichen Stolze, den ich bei solcher Gelegenheit wohl hätte nähren können, als vielmehr um Euch bequem und angenehm unterzubringen. Meinen betagten Augen scheint Alles von der Art zu seyn, daß wir uns nicht schämen dürfen, hier in diesen Mauern Freunde aufzunehmen. Das Kloster von St. Ruth ist doch nicht so ganz entblößet, und seine Bewohnerinnen dürfen sich wohl ohne Furcht zeigen.«

»Nun so öffnet nur Eure Thore, Herr Onkel, und Eure Nichte wird sich bemühen, dem gastfreundschaftlichen Besitzer Ehre zu machen!«

»Das war gesprochen, wie sich's für Harry Howard's Tochter gehört; frei und edel!« rief der alte Krieger, nun merklich der Nichte näher rückend. »Wenn mein Bruder sich statt des Seedienstes für das Heer bestimmt gehabt hätte, er wäre einer der tapfersten und gewandtesten Feldherren im Dienste Sr. Majestät gewesen! – Armer Harry! Wenn er doch jetzt noch lebte und die siegreichen Truppen seines Herrn gegen die rebellirenden Kolonieen anführen könnte! Nun, er ist hin, Cecilie, und hat Dich als sein treues Abbild zurückgelassen, um unsere Familie fortzupflanzen, und das Wenige zu erben, was uns von der Wuth der Zeit gelassen wurde.«

»Wahrhaftig, guter Onkel,« sagte Cecilie, und drückte seine Hand, die ihr, ihm unbewußt, nahe gekommen war, an ihre Lippen, »wahrhaftig, wir haben nicht Ursache, unsern Verlust, in Hinsicht des Vermögens, zu beklagen, wohl aber bitterlich zu bedauern, daß so wenige von uns blieben, die es genießen können.«

»Nein, nein, nein!« rief Katharine hastig und rasch. »Alix Dunscombe hat sich geirrt; der Himmel kann so tapfere Leute nicht einem so grausamen Geschick Preis geben.«

»Alix Dunscombe ist hier, den Irrthum gut zu machen, wenn sie einen begangen hat!« sagte eine sanfte Stimme, worin ein kleiner Provinzialaccent nachklang, und der jener silberne Ton fehlte, welcher jedem Worte der Miß Howard so etwas Wohlthuendes gab, so wunderlich in jeder lebhaften Aufwallung ihre Base ansprach.

Die Ueberraschung, welche diese schnelle Unterbrechung hervorbrachte, erzeugte einen gänzlichen Stillstand des Gesprächs. Katharine Plowden hatte bisher noch immer, wie wir angaben, auf der Erde geknieet. Jetzt stand sie auf und schaute einen Augenblick bestürzt umher. Das Blut färbte wieder mit frischem Feuer ihre Wange. Die Sprecherinn, welche eingetreten war, kam jetzt vor in die Mitte, und als sie mit angemessener Höflichkeit die Verbeugung des Obersten erwiedert hatte, setzte sie sich schweigend auf das Sopha. Die Art, wie sie eintrat und bewillkommt wurde, ihr ganzes Aeußere, zeigte deutlich, daß man sie hier oft und gern zu sehn gewohnt war. Sie ging ungemein einfach, aber doch ausgesucht sauber, gekleidet, was den Mangel an Putz reichlich ersetzte. Ueber dreißig Jahre mochte sie eben nicht hinaus seyn; indessen war aus ihrer ganzen Kleidung abzunehmen, daß sie nicht böse war, wenn man sie für älter hielt. Ihr blondes Haar ward von einem schwarzen Bande zusammengehalten, wie man es, höher nach Schottland hinauf, trägt. Mehrere Locken, die darunter zum Vorschein kamen, zeigten wohl, daß nur der Wille der Besitzerinn ihre Ueppigkeit zurückdrängte. Der frische Glanz der Wangen war dahin; doch zeigte sich immer noch genug, um die frühere Schönheit darzuthun. Ihr mildes blaues Auge, die herrlichen weißen Zähne in vollkommener Reihe geordnet, das dunkelgraue seidene Gewand, das ihrer vollen und doch zarten Gestalt stattlich zusagte, vollendeten das Ganze.

Der Oberst Howard schwieg einen Augenblick, als sie Platz genommen hatte, und wendete sich dann an Katharine in einer um so gezwungenern Weise, weil sie ganz ungezwungen herauskommen sollte.

»Kaum fordert Ihr Miß Alix auf, und sie ist da,« sagte er, »bereit, und (ich sage es kühnlich, Miß Alix!) im Stande, sich gegen alle Beschuldigungen zu vertheidigen, die ihre ärgsten Feinde gegen sie vorbringen können.«

»Ich habe keine Beschuldigung gegen Miß Dunscombe!« sagte Katharine verdrüßlich, »und wünsche auch nicht, daß Jemand zwischen mich und meine Freunde Zwietracht bringe, und wenn es der Oberst Howard selbst wäre.«

»Oberst Howard wird sich künftig in Acht nehmen, wieder so einen Verstoß zu machen!« bemerkte der Veteran mit einer Verbeugung.

»Ich unterhielt mich gerade mit meiner Nichte,« fuhr er, steif gegen die Andern gerichtet, fort, »als Ihr eintratet, Miß Alix; wir sprachen nämlich davon, daß sie sich wie die andächtigste Nonne einsperre, die je in diesem Kloster gewohnt habe. Dann sagte ich, daß ihre Jahre, mein Vermögen und selbst das ihrige – denn Harry Howard's Kind ist nicht ohne Pfennige geblieben, – uns nicht zu leben gestatten, als ob das Thor der Welt uns verschlossen oder in St. Ruth kein anderer Eingang sey, wie durch diese gothischen Fenster. – Miß Plowden, ich fühle, daß es meine Schuldigkeit heischt, eine Frage zu thun. Warum sind denn die Stücke seidnen Zeugs in solcher großen Menge und in so wunderlicher Gestaltung da?«

»Um ein Gallakleid zu machen für den Ball, den Ihr geben wollt!« war Katharinens Antwort, die sie schnell und mit einem boshaften Lächeln gab, dem nur der strafende Blick der Base Einhalt that. »Ihr versteht Euch auf den Putz der Mädchen, Oberst. Wird das Hellgelb nicht herrlich meine rothe Wange erheben? Nicht dies Weiß und Schwarz sich einander heben, und dies Rosenroth mit meinen schwarzen Augen abstechen? Wird nicht das Ganze einen Turban geben, den eine Kaiserin tragen könnte?«

Während das muntere Mädchen so gedankenlos plauderte, vereinten die raschen kleinen Finger die Fahnen in eine wunderliche Gestalt, die sie auf das Haupt setzte, indem sie nicht undeutlich dem von ihr gemeinten Kopfputze glich. Der alte Krieger war zu artig, um mit einem Mädchen über Geschmack zu streiten. Er knüpfte das Gespräch von Neuem an, indem der zuerst entstandene kleine Verdacht von der Gewandtheit und Lebhaftigkeit Katharinens gänzlich zerstreut wurde. Ihn konnte sie freilich über solche Dinge leicht täuschen. Anders aber stand die Sache mit Alix Dunscombe. Sie sah mit festem, prüfendem Auge nach dem Turban, bis Katharine zu ihr flog, und sich bemühte, durch manche Frage, die sie ihr ins Ohr raunte, auch ihre Aufmerksamkeit zu zerstreuen.

»Ich bemerkte noch, Miß Alix,« fuhr der Oberst wieder fort, »daß die Zeit zwar mein Vermögen etwas geschwächt, allein uns nicht außer Stand gesetzt hat, unsere Freunde in einer Art zu empfangen, die den alten Besitzern von St. Ruth keine Schande machen würde. Cecilie hier, als meines Bruders Tochter, ist ein junges Mädchen, auf die jeder Onkel stolz zu seyn Ursache hat; und ich wünschte, sie zeigte den englischen Damen, wir seyen keine unwürdigen Abkömmlinge des vaterländischen Geschlechts auf der andren Seite des Ozeans.«

»Ihr habt uns blos Euren Wunsch mitzutheilen, guter Onkel, und er soll gleich erfüllt werden!« sagte Miß Howard schmeichelnd.

»Immer sagt, wie wir Euch dienen können!« fiel Katharine ein. »Wenn es auf eine Art geschieht, welche die Langeweile von diesem häßlichen Orte hier verscheucht; so verspreche ich Euch mindestens meinen ganzen Beistand.«

»Schön gesprochen, wie es zwei verständigen, guten Mädchen geziemt!« rief der Alte. »Nun so soll denn der Anfang damit gemacht werden, Dillon und den Kapitain zu ersuchen, eine Tasse Thee mit zu trinken. Ich sehe, es ist Zeit dazu.«

Cecilie sagte nichts. Aber sie war getäuscht, und ihr Auge schaute nach dem Teppich. Miß Plowden nahm es gleich auf sich, zu antworten.

»Ei, ei!« rief sie. »Das scheint, sie sollten den ersten Schritt thun; anfangs schien es aber, als käm' er uns zu. Wie wär' es denn, wenn wir in Eurem Flügel den Theetisch besorgten, statt daß er hier ist? Ich denke doch, Ihr habt ein Zimmer, das dazu übel und böse paßt? Nun, nun, der Geschmack von unser Einem kann nachhelfen!«

»Ich dächte, Miß Plowden, ich hätte Euch schon vor einiger Zeit mitgetheilt, daß, so lange gewisse verdächtige Schiffe an der Küste signalisirt werden, mein Wunsch wäre, ihr und Miß Howard bliebt in diesem Flügel.«

»Nun so sagt nur nicht, daß wir uns einsperren, sprecht rein heraus: Ihr sperrt uns ein!«

»Bin ich denn ein Kerkermeister, daß mein Verfahren mit so einem Worte bezeichnet wird? Miß Alix muß über unser Verhältni wunderliche Vorstellungen bekommen, wenn sie von Euren sehr sonderbaren Bemerkungen bedingt werden.«

»Alle Maaßregeln, die wegen des Schiffes und des Schooners in dem Teufelskanale gestern genommen wurden können nun aufhören!« unterbrach ihn Miß Alix mit theilnehmendem traurigem Ausdrucke. »Es sind nicht viel Leute am Leben, welche die gefährlichen Fahrwasser kennen, durch die selbst nur die kleinsten Fahrzeuge am Tage und bei guten Winde von der Küste fortzukommen vermögen. Ist nun die Nacht und der Sturm überdieß entgegen; so liegt die Rettung blos in Gottes Barmherzigkeit.«

»Ja es ist sehr wahrscheinlich, daß sie verloren sind!« bemerkte der Oberst, ohne jedoch eine Freude dabei zu äußern.

»Sie sind nicht verloren!« rief aber auch Katharine mit muthiger Festigkeit, und sprang auf, um zu ihrer Base zu gehn. Sie gab sich dabei ein Ansehn, daß ihre kleine Gestalt noch einmal so groß schien. »Gewandt sind sie und brav!« fuhr sie fort. »Was ein guter Seemann vermag, thun sie, und mit Erfolg. Für wen sollte denn eine gerechte Vorsehung ihre Barmherzigkeit zeigen, wenn sie nicht die muthigen Kinder eines gemißhandelten Landes schützen wollte, während diese gegen Tyrannei und zahlloses Unrecht kämpfen?«

Die friedliche Stimmung des Obersten verließ ihn, als er dies hörte. Sein schwarzes Auge funkelte mit einer in seinen Jahren ungewöhnlichen Lebhaftigkeit. Kaum daß ihm die Höflichkeit erlaubte, Katharine ausreden zu lassen!

»Welche Sünde, welch schreckliches Verbrechen könnte wohl eher die gerechte Rache des Himmels auf den Missethäter herabrufen,« brach er aus, »als eine schändliche Rebellion? Dies Verbrechen überschwemmte England mit Blut, als Karl I. regierte. Dies Verbrechen hat mehr Felder mit Blut gefärbt, als alle anderen Kämpfe. Das Menschengeschlecht ist dafür, seit Absalon bis auf unsere Tage, mit gerechter Strafe heimgesucht worden. Den Himmel verloren darum auf Ewig einige der ersten Engel, und wohl mag man glauben, daß dies die Sünde ist, welche, wie die Schrift sagt, nicht vergeben werden kann.«

»Ich dächte jedoch nicht, daß Ihr mit Grunde dies Verbrechen für so wichtig halten dürftet, wie Ihr meint, Herr Oberst?« sprach Alix, um Katharinens heftige Antwort zu verhüten. Sie hielt dann inne, und holte einen tiefen, bangen Seufzer.

»Wohl ist es ein großes Vergehen!« fuhr sie mit immer sanfter werdendem Tone fort, »ein Verbrechen, das die gewöhnliche Sünde des Lebens, so zu sagen, wenn man sie damit vergleicht, schneeweiß erscheinen läßt. Wie Viele haben die theuersten Banden des Lebens zerrissen, indem sie sich unbesonnen in den sündlichen Strudel stürzten, und fast sollte ich denken, das Herz verhärte beim Anblick des menschlichen Elendes. Es werde zum Stein gegen den Jammer, den ein solcher Mann herabruft; besonders, wo das Unrecht an Freunden und Verwandten verübt wird, und wir nicht daran denken, wer und wie Mancher, der uns theuer ist, bei solchem Frevel leiden muß. Uebrigens ist es für jeden, in der Welt nicht Erfahrenen eine große Versuchung, plötzlich in den Besitz der Macht zu kommen. Führt es nicht unmittelbar zu großen Verbrechen; so bahnt es doch sicher den Weg dazu, indem es das Herz abhärtet.«

»Ich hörte Euch geduldig an!« sagte Katharine, und der kleine Fuß spielte mit erzwungener Gleichgültigkeit auf der Erde. »Ihr wißt ja weder von wem, noch zu wem ihr sprecht. Oberst Howard hat aber nicht einmal diese Ausflucht. Still, Cecilie! Ich muß reden! Glaube ihnen nicht, Geliebte! Es ist kein nasses Haar auf ihrem Haupte! Ihr, Oberst, solltet Euch erinnern, daß der Sohn von der Schwester meiner Mutter und der Eurer Nichte an Bord dieser Fregatte ist, und grausam klingt es, wenn Ihr so sprecht.«

»Ich habe Mitleid mit ihm, wahrlich ich habe es!« betheuerte der Krieger. »Er ist ein junger Mann, und folgt dem Strome, der unsere unglücklichen Kolonieen seit jenem Augenblicke der Zerstörung dahin reißt. Aber es giebt noch Andere auf dem Schiffe, die keine Unwissenheit vorschützen können. Da ist der Sohn eines alten Bekannten von mir, eines Busenfreundes von meinem Bruder Harry, Ceciliens Vater, Hugo Griffith, der Kühne, wie wir ihn nannten. Der junge Harry und Hugo Griffith gingen zusammen an Einem Tage an Bord der Flotte Sr. Majestät. Der gute Harry brachte es bis zum Lieutnant, und Hugo starb als Kommendant einer Fregatte. Und sein Sohn! Er ward am Bord vom Schiffe des Vaters erzogen, und lernte von seines Königs Meistern, wie er die Waffen gegen den König führen müsse. In dem Umstande liegt etwas Entsetzliches, Empörendes, Miß Alix. Er gleicht dem Sohne, der seine Eltern schlägt. Solche Leute sind es, Washington an ihrer Spitze, die in dieser Rebellion die freche Stirn zeigen.«

»Es sind Männer darunter, die Britanniens Sklavenrock nie trugen, Oberst, und deren Namen in Amerika so geachtet und geehrt sind, als irgend einer, dessen sich England rühmt!« versetzte Katharine stolz. »Ja, Oberst, sie würden keck dem tapfersten Manne auf Britanniens Flotte stehen!«

»Ich streite nicht gegen Euern irregeleiteten Kopf!« entgegnete der Vormund, und stand höflich kalt auf. »Ein junges Mädchen, das Rebellen mit den tapfern Männern zu vergleichen wagt, welche im Dienst ihres rechtmäßigen gnädigen Königs kämpfen, muß für eine halbe Thörinn gehalten werden. Niemand – ich spreche von Männern: denn bei Frauen laßt sich denken, sie seyen mit dem menschlichen Herzen minder bekannt! – Niemand, der zu den Jahren gelangt, wo man ihn Mann nennen soll, darf es mit diesen Verderbern halten, die jede geheiligte Ordnung aufheben; diesen Empörern, welche die Großen herabstürzen und die Niedrigen erhöhen wollen; diesen Jakobinern, welche – welche –«

»O, Herr Oberst, wenn es Euch an schändenden Beinamen fehlt;« unterbrach ihn Katharine mit herausfordernder Gleichgültigkeit, »so laßt Herrn Christoph Dillon zu Hülfe kommen; Er erwartet in der Thüre da den Wink dazu!«

Der Oberst sah sich überrascht um, und vergaß seine kostbare Rede über der unerwarteten Bemerkung, weil er wirklich das gelbe Gesicht seines Vetters vor sich sah. Es hielt dieser noch den Drücker in der Hand, und schien über sein Hierseyn so verlegen, als die Frauen es über den ungewöhnlichen Besuch waren.

 

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