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Der Lootse oder Abenteuer an Englands Küste. Erster Theil

James Fenimore Cooper: Der Lootse oder Abenteuer an Englands Küste. Erster Theil - Kapitel 11
Quellenangabe
authorJames Fenimore Cooper
titleDer Lootse oder Abenteuer an Englands Küste. Erster Theil
senderHerbert Niephaus
correctorohne
publisherAdolf Wienbrack
year1824
created20171117
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IX.

 

– Wie? dein Gerstenbrod willst du verlassen?
In Waffen kommen, gegen deinen König?

Schauspiel.

 

 

Das weitläufige, unregelmäßige Gebäude, das der Oberst Howard bewohnte, entsprach der Beschreibung, die Katharine davon gegeben hatte, sehr gut. Indessen bei aller Unordnung in der Bauart, die eine Folge der verschiedenen Zeiten war, worinnen die einzelnen Theile entstanden, fehlte im Innern doch nicht die Bequemlichkeit, welche im häuslichen Leben der Engländer eine Hauptrolle spielt. Die finstern, zahlreichen Irrgänge, Gallerien, Zimmer und wie die vielen Gemächer sonst zu nennen seyn mochten, enthielten gutes, dauerhaftes Hausgeräthe, und was auch immer etwa der Zweck ihres ersten Erbauers gewesen: jetzt waren sie vollkommen dem Bedürfniß einer stillen, friedlichen Familie entsprechend.

Manche schreckliche Erzählungen von grausamer Trennung unglücklicher Liebender, die an den Mauern solcher alten Gebäude, wie die Spinnengewebe haften, waren auch von diesem in Umlauf, und unter geübtern Händen könnten sie wohl einen anziehenden und passenden Stoff zur Unterhaltung hergeben. Indessen wir beschränken uns demüthig darauf, den Menschen zu schildern, wie er ist, und sind entschlossen, alles Uebernatürliche zu meiden. Darum lassen wir auch die düstern, schwarzen Klippen, unter welchen der kleine Ariel geankert hat, mit aller Brandung, die längs der Küste hintobt; um unsere Leser sogleich in das Speisezimmer der St. Ruths-Abtey zu versetzen, und wählen gleich denselben Abend darzu, um sie mit einer andern Gesellschaft von Leuten bekannt zu machen, deren Sitten und Charaktere von uns näher geschildert werden müssen.

Groß war das Zimmer eben nicht. Aber jeder Theil wurde von dem vereinigten Schein eines halben Dutzend Kerzen und den hellen Strahlen erleuchtet, die der Rost zurückwarf, auf welchem Steinkohlen ein wohlthuendes Feuer unterhielten. Das Schnitzwerk in dem schwarzen Eichengetäfel spiegelte sich auf den Mahagonytischen ab, und glänzte in dem funkelnden Lichte, das die Becher voll edeln Weins zurückwarfen. Dunkelrothe damastene Vorhänge, ungeheure eichene Stühle mit ledernen Rücken und Sitzen bildeten das übrige Geräthe. Im Ganzen schien das Zimmer hermetisch gegen die Welt und ihre häßlichen Sorgen verschlossen zu seyn.

Um die Tafel, die in der Mitte stand, saßen drei Männer und verzehrten fröhlich den Nachtisch. Das Tischtuch war weggenommen. Die Flasche ging gemächlich herum, als wüßten sie, mit dem Genusse des edeln Saftes vertraut, zugleich, daß weder Zeit noch Gelegenheit mangeln werde, diese Freuden in voller Bequemlichkeit zu genießen.

An dem einen Ende der Tafel saß ein ältlicher Mann, der jede kleine Pflicht der Höflichkeit übte, wie sie der Wirth den Gästen schuldig ist, wo Alle gleich und zu Hause, bei voller Unbeschränktheit sind. Er stand bereits im Spätherbste des Lebens, obschon sein gerader Gang, seine rasche Bewegung und feste Hand gleich sehr bewiesen, noch sey sein Alter frei von den gewöhnlichen Beschwerden desselben. Der Kleidung nach gehörte er zu denen, die in der Mode immer der vorigen Generation anhängen, weil sie nicht schnell abändern mögen, oder eine Zeit im Kopfe haben, die ihnen durch manche Begebenheiten und Gefühle zu heilig geworden ist, als daß sie der kalte Abend des Lebens wieder zurückrufen oder nur ausgleichen könnte. Das Alter hatte über sein Haar einen verderblichen Reif gebracht; doch suchte die Kunst die Verwüstungen desselben mit der größten Sorgfalt zu verstecken. Eine sorgsam geführte Linie von Puder deckte nicht blos die Theile, wo noch das Haar geblieben war, sondern auch, wo die Natur will, daß es wachsen soll. Sein Antlitz deutete, wenn auch nicht vollkommen, im Ganzen ein edles Herz und Ehrgefühl an. Offenheit und freier Sinn lagerte auf der breiten Stirn. Einige röthliche Streifen auf den verbrannten Wangen stachen gegen den übrigen fleckenlosen Teint um so bemerkbarer ab.

Dem Wirthe gegenüber, den man wohl gleich für den Obersten Howard nehmen wird, saß der dünnbackige, gelbsüchtige Christoph Dillon, der Freudenstörer seiner Base, wie er uns bereits von Miß Plowden geschildert ist.

Zwischen ihnen hatte ein Mann von mittlerm Alter seinen Platz. Eine rauhe Physiognomie! Sie wetteiferte übrigens mit dem Scharlachroth der Uniform von König Georg, die seine Hülle deckte. Jetzt schien sein Hauptaugenmerk zu seyn, dem guten Weine seines Wirthes die gehörige Ehre wiederfahren zu lassen.

Von Zeit zu Zeit kam ein Diener ins Zimmer oder verließ es schweigend, und ließ dann durch die offene Thüre den Wind hereinpfeifen, der in allen Ecken und Essen des Gebäudes tobte.

Ein Mann in ländlicher Kleidung stand hinter dem Stuhle des Obersten. Zwischen ihm und jenem Pachter hatte eben folgendes Gespräch Statt gefunden. Der Vorhang zwischen dem Leser und dieser Scene mag fallen, und der Oberste zuerst sprechen.

»Sagt mir ein Mal, Pachter, hat der Schotte die Schiffe mit eignen Augen gesehn?«

Die Antwort war ein bloßes »Ja.«

»Gut, gut!« fuhr der Oberste fort, »Ihr könnt Euch entfernen.«

Der Mann machte eine ungelenke Verbeugung, die der alte Soldat mit gehöriger Herablassung erwiederte, und verließ das Zimmer. Der Oberste wandte sich wieder an seine Tischgenossen.

»Wenn die wilden Jungen den einfältigen Narren, der sie kommandirt, wirklich beredet haben, sich am Abend vor solchem Sturme, wie der gestrige war, in diese Klippen zu wagen; so muß ihre Lage in der That hoffnungslos seyn. Möge Rebellion und Ungehorsam immer so den gerechten Zorn des Himmels erfahren! Mich sollte es nicht wundern, Ihr Herren, wenn ich hörte, mein Geburtsland sey durch Erdbeben untergegangen, oder vom Ozean verschlungen worden. So schrecklich und nicht zu entschuldigen ist das Gewicht ihrer Vergehungen. Und doch ist der zweite Offizier auf dem Schiffe ein stolzer, unternehmender Jüngling! Ich kannte seinen Vater recht gut. Es war ein trefflicher Mann. Wie mein eigner Bruder, Ceciliens Vater, wollte er seinem Herren lieber auf dem Meere, als auf dem Lande dienen. Der Sohn hat seinen hohen Geist, seine Tapferkeit, aber nicht seine Loyalität gegen den König geerbt. Ich wollte doch nicht wünschen, daß er im Meere umgekommen wäre!«

Alles, was er sagte, hatte, besonders zu Ende, viel Aehnliches mit einem Selbstgespräch, und machte also nicht gleich eine Antwort nöthig. Indessen der Soldat hielt erst sein Glas gegen das Licht, um die Rubinfarbe des Inhalts zu bewundern. Dann nippte er so oft, daß nichts, als das klare Krystall zu sehen blieb, und setzte ruhig das leere Gefäß auf den Tisch. Der Arm streckte sich nach der rothen Flasche aus, und in dem sorglosen Tone eines Mannes, dessen Gedanken mit etwas Anderen beschäftigt sind, sagte er:

»Ja, das ist wahr, gute Leute sind selten, und; wie Ihr sagt, Ihr könnt sein Schicksal beklagen, obschon sein Tod ehrenvoll ist. Wirklich, es ist ein Verlust für des Königs Dienst. Ich gestehe das offen!«

»Ein Verlust für des Königs Dienst?« wiederholte der Wirth; »sein Tod ehrenvoll? Nein, Kapitain Borroughcliffe, der Tod eines Rebellen kann nicht ehrenvoll seyn, und wie er ein Verlust für des Königs Dienst seyn soll, versteh' ich ganz und gar nicht.«

Die Gedanken des Soldaten waren in der seligen Unordnung, welche die nothwendigsten mit Mühe zusammenbringen läßt; allein eine lange Uebung hatte ihm eine wunderbare Beherrschung seines Gehirns erworben.

»Ich meine den Verlust, daß ein Beispiel statuirt worden wäre!« antwortete er. »Es wäre so hübsch abschreckend für Andere gewesen, wenn der junge Mann, statt in Gefahr, erschossen zu werden, hingerichtet worden wäre.«

»Er ist ja ertrunken!«

»Ach, das kommt gleich nach dem Hängen. Ja, den Umstand hatt' ich vergessen!«

»Nun, gewiß ist es noch keinesweges, daß die Fregatte und der Schooner, welche der Treiber sah, dieselben Schiffe sind, die Ihr meint,« bemerkte Dillon in häßlich schleppendem Tone. »Ich sollte daran zweifeln, daß sie so geradezu sich an unsere Küste wagen würden, wo unsere Kriegsschiffe herumkreuzen.«

»Es sind unsere Landsleute, Christoph, wenn sie auch Rebellen sind!« rief der Oberst. »Sie sind ein tapferes, kühnes Volk. Kaum zwanzig Jahre vergingen, und ich fand damals mein Glück darin, wenn ich dem Feinde meines Königs bei einer kleinen Gelegenheit die Spitze bieten konnte. So z. B. bei der Belagerung von Quebek; dem Kampfe vor dessen Thoren; der Lumperei zu Ticonderoga; der unglücklichen Begebenheit mit dem General Braddock und noch so ein Paar andern. Ich muß den Kolonisten zum Ruhme nachsagen, daß sie sich in allen solchen Fällen herrlich auszeichneten und der Mann, der jetzt die Rebellen anführt, erwarb sich bei jener unglücklichen Begebenheit einen wichtigen Namen. Es war damals ein umsichtiger wohlgebildeter junger Mann. Immer hab' ich gehört, Washington sey ein trefflicher Mann!«

»Ja,« sagte der Soldat gähnend, »er war unter dem Heere Sr. Majestät gebildet, und da konnte es nicht anders kommen. Aber ich bin ganz trostlos über das unglückliche Ertrinken, Oberst Howard. Mein Aufenthalt hier ist nun zu Ende, denk' ich, und doch leugne ich gar nicht, daß mir eure Gastfreundschaft diese Quartiere sehr angenehm gemacht hat.«

»Ei, wir haben einander gegenseitige Verpflichtung!« erinnerte der Obrist und machte eine höfliche Verbeugung. »Indessen Leute, die im Felde aufgewachsen sind, haben nicht nöthig, über solche Kleinigkeiten Aufhebens zu machen. Wenn es meinem Vetter Dillon gälte, dessen Kopf mehr mit Coke's Kommentar über Littleton, Zwei berühmte englische Rechtsgelehrte. D. Ueb. als mit den Freuden einer gesellschaftlichen Tafel beschäftigt ist: nun da möchte der freilich denken, solche Formalitäten seien so nöthig, als seine barbarischen Worte in einem Contracte. Kommt her, Borroughcliffe, mein alter Kamerad; auf das Wohl von allen Gliedern der königlichen Familie haben wir ja wohl schon Alle angestoßen. Gott segne sie Alle! Jetzt laßt uns einen Becher dem Andenken des Generals Wolf zu Ehren trinken!«

»Ein guter Vorschlag, edler Wirth, wie ihn ein Soldat nie zurückweisen darf!« entgegnete der Kapitain, der bei der Gelegenheit neues Leben bekam. »Gott segne sie Alle! wiederhole ich, und wenn unsere gnädigste Königinn so endet, wie sie angefangen hat, so wird sie uns eine Familie von Prinzen geben, wie keine Armee in Europa an ihrem Feldtische aufweisen kann.«

»Ja, ja, so ein Gedanke giebt mir, bei der schrecklichen Rebellion meiner Landsleute, noch einigen Trost. Doch ich will mich mit der unangenehmen Erinnerung nicht mehr plagen. Die Waffen meines Herrn werden das unglückliche Land von seinen faulen Flecken bald reinigen.«

»Daran ist kein Zweifel!« sagte Borroughcliffe, dessen Gedanken immer vom funkelnden Madera, welcher unter Carolina's heißer Sonne gelagert hatte, ein wenig verdüstert waren. »Diese Yankees fliehen vor den regulären Truppen Sr. Majestät, wie der schmuzige Pöbel in einem Londoner Auflaufe, bei einem Angriff der reitenden Garde.«

»Bitte um Entschuldigung, Kapitain,« fiel der Wirth ein, und richtete sich höher als gewöhnlich. »Sie mögen irregeführt, betrogen, hintergangen seyn; aber der Vergleich paßt nicht. Gebt ihnen Waffen, gebt ihnen Kriegszucht, und wer ihnen einen Zoll ihres fruchtbaren Landes abnimmt, muß es gewiß mit einem blutigen Tage bezahlen.«

»Der feigste Christenmensch würde ja in einem Lande kämpfen, wo ein Wein zu einem Herz-Labsal umgebraut wird, wie dieses!« erwiederte der Kapitain gelassen. – »Ich bin ein lebendes Beispiel, wie Ihr meine Meinung mißverstanden habt. Haben denn nicht die luftigen Bauern von Vermont und Hampshire – Gott gebe ihnen seinen Segen dafür! – von meiner Compagnie zwei Drittheile zusammengehauen? Ich würde jetzt warlich nicht unter Eurem Dache seyn. Statt zu rekrutiren, würde ich marschiren lassen. Und in eine Kapitulation, die wie das Gesetz von Moses ist, wäre ich auch nicht eingeschlossen, hätte nur Bourgoyne gegen die langbeinigen Hin- und Hermärsche der Bauern etwas ausrichten können. Auf ihre Gesundheit von ganzem Herzen! Mit einer Flasche solchen Sonnenscheins vor mir, will ich lieber durch ihre ganze Armee, Regiment durch Regiment marschiren, als so einen guten Freund beleidigen. Wenn es seyn muß, mag es auch durch alle Kompagnieen und meinetwegen Mann vor Mann vorbeigehn!«

»Ei, so viel würde ich Eurer Höflichkeit nicht zumuthen,« versetzte der Oberst, den diese große Nachgiebigkeit vollkommen besänftigt hatte. »Ich bin ja Euer großer Schuldner, Kapitain, weil ihr mein Haus so gern gegen jeden Angriff meiner räuberischen, rebellischen Bauern und irre geleiteten Landsleute vertheidigt, und denke also an solche Nachgiebigkeit am wenigsten.«

»Da müssen wir wohl schwerere Dienste thun, und ärndten weniger Lohn dafür, mein verehrter Herr Wirth!« rief der Soldat. »Quartiere auf dem Lande sind langweilige Dinge, und das Getränk ist in der Regel abscheulich. Aber hier in dem Hause – o da kann ja der Mensch sich in einen wahren Freudenrausch wiegen. Eines wäre hier noch etwa zu bedauern, und wenn ich es nicht sagte, könnte es mein Regiment übel nehmen: denn es ist meine Pflicht, als Mann und als Soldat, nicht länger zu schweigen.«

»Sprecht,« rief der Oberst etwas bestürzt. »Redet frei heraus! Die Sache soll gleich abgeändert werden!«

»Hier sitzen wir alle drei von früh bis in die Nacht!« fuhr der Andere fort, »wir Junggesellen; delikate Gerichte, Wein noch besser, vor uns: aber wir sind wie wahre Einsiedler auf der Mast. Und zwei der hübschesten Mädchen, die es auf der ganzen Insel giebt, schmachten hundert Fuß von uns in der Einsamkeit, ohne unsere Seufzer zu hören. Das schickt sich für Euch, als einen alten Soldaten, so wenig, wie für mich, einen jungen Kriegsmann. Denn was unsern lebendigen Kommentar von Littleton hier anbetrifft; so mag er alle Chikanen versuchen, seine Sache hierbei selbst auszufechten.«

Der Wirth runzelte hierbei ein wenig die Stirn. Dillon's gelbe Gesichtsfarbe schien ins Blaue überzugehen. Er hatte bis jetzt immer stillgeschwiegen. Indessen, während der Oberst allmählig wieder seine Stirnfalten glättete, fügten sich die schlaffen Lippen des Andern zu einem Jesuitischen Lächeln, das der Kapitain gänzlich übersah. Es war dieser nur mit seinem Gläschen beschäftigt, und indessen er eine Antwort erwartete, prüfte er jeden Tropfen, der über seine Zunge schlüpfte.

Nach einer kleinen Pause, wo Verlegenheit vorwaltete, brach Oberst Howard das Schweigen.

»Borroughcliffe hat nicht Unrecht;« sagte er. »Er giebt uns einen Wink hier.« –

»Keinen Wink!« fiel der Kapitain ein; »es ist eine Klage in optima forma

»Und eine gerechte Klage!« fuhr der Oberst fort. »Wirklich Christoph, wir thun Unrecht, daß wir die Mädchen, wegen ihrer Furcht vor unsern seeräuberischen Landsleuten, so ganz aus unserer Gesellschaft gesondert lassen. Mag es immer die Vorsicht heischen, daß sie hübsch in ihren Zimmern bleiben. Wir sind es der Achtung für unsern Freund schuldig, ihn zum Wenigsten zum Thee bei ihnen einzuladen.«

»Nun das ist meine Meinung; gerade so!« sagte der Kapitain. »Denn mit ihnen zu essen? Ach warum? Ich bin ja da gut versorgt! Aber heißes Wasser auf den Thee zu giessen, versteht Niemand so gut, wie ein Frauenzimmerchen. Also vorwärts, mein theurer Herr Wirth! Empfehlt Euch bei ihnen, daß sie mich und den Herrn Coke über Littleton zum Handkuß vorlassen, und was sonst dahin gehört.«

Dillon zog seine häßliche Miene in Etwas zusammen, das einem satirischen Lächeln glich.

»Ja,« meinte er dann, »der wackere Veteran, Oberst Howard, und der tapfere Kapitain Borroughcliffe, dürften nur leichteres Spiel haben, die Feinde Seiner Majestät zu überwinden, als die Launen der Frauenzimmer zu besiegen. Seit drei Wochen ist kein Tag vergangen, wo ich nicht Erkundigung bei Miß Howard eingezogen hätte. Nun für ihren Vetter gehört sich das. Ich wünschte immer ihre Furcht vor den Seeräubern zu überwältigen. Aber mehr, als gerade ihr Geschlecht und die Höflichkeit gebieten, habe ich nicht von ihr zur Antwort bekommen.«

»Da seyd Ihr so weit gekommen, wie ich, und ich sehe auch nicht ein, warum Ihr besser daran seyn solltet!« bemerkte der Kapitain und warf einen etwas verächtlichen Blick auf den Andern. »Furcht macht die Wangen blaß, und die Weiber sehen, wenn sie sich zeigen wollen, auf den ihrigen lieber Rosen, als Lilien blühen.«

»Ein Weib zieht am Meisten an, Kapitain,« fiel der Oberst ein, »wenn sie des Mannes Kraft in Anspruch nehmen zu müssen scheint. Wer sich nicht selbst durch dies Vertrauen geehrt fühlt, ist eine Schande für die Menschheit.«

»Bravo, bravo, mein Verehrter!« rief Jener. – »Gesprochen und gedacht, wie es einem guten Soldaten gebührt! Ja ich habe Vieles von den liebenswürdigen Mädchen in der Abtei gehört, seitdem ich hier in Quartier liege, und möchte gar zu gern die Schönheit sehn, die mit einer Loyalität gegen den König im Bunde ist, daß sich die Guten bestimmen ließen, lieber ihr Vaterland zu fliehen, als ihre Reize dem rohen Uebermuthe der Rebellen Preis zu geben.«

Der Oberst ward deshalb einen Augenblick ernsthaft und selbst verdrießlich. Bald kam jedoch, statt dessen, ein gezwungenes Lächeln zum Vorschein.

»Nun, Ihr sollt noch diesen Abend, gleich im Augenblick zugelassen werden, Kapitain;« sagte er freundlich und stand auf. »Wir sind dies Euern Diensten hier und im Felde schuldig, und die eigensinnigen Märchen dürfen nicht länger auf ihren Köpfen bestehen. Wahrhaftig, seit zwei Wochen schon hab' ich selbst meine Mündel nicht gesehn, und meine Nichte ist mir kaum zweimal vor die Augen gekommen. – Christoph, ich lasse den Kapitain unter Deiner Obhut, und suche um Einlaß im Kloster an. Wir nennen unter uns, den Theil des Gebäudes das Kloster, weil unsere Nonnen darin wohnen. Nun, verzeiht, daß ich so früh vom Tische aufbreche, Kapitain!« –

»Bitte nicht davon zu sprechen! Ihr laßt einen trefflichen Stellvertreter zurück!« antwortete der Andere, und warf einen flüchtigen Blick auf die hagere Gestalt des Herrn Dillon, während er dann nur die Flasche fest im Auge behielt. »Macht meinen Empfehl an die Einsiedlerinnen, Oberst, und sagt ihnen alles, was Euch Euer trefflicher Kopf eingeben kann, meine Ungeduld zu vertheidigen. – Herr Dillon, ein Glas auf ihre Gesundheit, und ihnen zur Ehre!«

Die Aufforderung ward kühl angenommen, und indeß beide den Becher noch an den Lippen hatten, verließ der Oberst das Zimmer mit tausend Verbeugungen und Entschuldigungen.

»Fürchtet Ihr Euch denn aber in den alten Mauern, so sehr?« fragte der Kapitain, als die Thüre hinter dem Wirthe zuging, »daß Eure Mädchen glauben, im Zimmer bleiben zu müssen, ehe man nur weiß, es sey ein Feind gelandet?« –

»Der Name Paul Jones ist Allen, denk' ich, an der Küste hier schrecklich!« bemerkte Dillon kalt. »Die Frauen in der Abtei St. Ruth sind nicht die einzigen, welche sich fürchten.«

»Ja, seit der Affaire bei Flamborough Head hat sich dieser Seeräuber einen großen Namen gemacht. Aber er soll nur noch ein Mal daran denken, so eine Expedition von Whitehaven zu unternehmen, während ein Detaschement von meinem Regimente da ist, obschon die Leute blos Recruten sind!«

»Unsern letzten Nachrichten zufolge war er ruhig am Hofe Ludwig's;« entgegnete der Tischgenosse. »Allein es giebt Leute, so verzweifelt, wie er, die unter der Flagge der Rebellen den Ozean durchkreuzen, und von Einem oder Zweien haben wir Rache zu fürchten, weil sie getäuscht worden sind. Gerade von ihnen hoffen wir, sie sollen im Sturme umgekommen seyn.«

»Hm, ich denke, es sind Windbeutel: denn sonst sind Eure Hoffnungen eben nicht christlich!«

Er hätte noch mehr gesprochen; aber die Thüre ging auf, und sein Korporal trat ein, um mit subordinationsmäßigem Anstande zu melden, wie die Schildwache drei Männer angehalten habe. Sie seien auf dem Wege längs der Abtei gekommen, und scheinen der Kleidung nach Seeleute.

»Nun, so laß sie doch gehn!« rief der Kapitain. »Haben wir denn nichts Besseres zu thun, als die Wanderer anzuhalten? Sind wir denn die Wegelagerer auf des Königs Straße? Gieb ihnen ein Mal aus der Feldflasche zu trinken, und dann laß die Bursche laufen. Dein Befehl lautet, Lärm zu machen, wenn eine feindliche Parthei an der Küste landet, aber nicht, friedliche Unterthanen in ihrem rechtlichen Thun und Lassen anzuhalten.«

»Ich bitte zu verzeihen, Herr Kapitain,« war des Sergeanten Antwort. »Aber die drei Männer schienen herum zu spüren und nichts Gutes im Schilde zu führen. Sie hielten sich immer sorgfältig von dem Platze entfernt, wo die Schildwache stand, bis es Abend wurde, und darum kam Downing das Ding verdächtig vor. Er ließ sie also arretiren.«

»Downing ist ein Narr, und es kann ihm sein Diensteifer schlecht bekommen. Was habt Ihr denn mit den Leuten gemacht?«

»Ich brachte sie in die Wachstube im östlichen Flügel, Herr Hauptmann!«

»Nun, so gebt ihnen zu essen, und, höre, Bursche, tüchtig zu trinken, daß wir keine Klage deshalb hören. Dann laß sie fort!«

»Gut, Herr Kapitain, Euer Befehl soll vollzogen werden. Aber da ist ein schlanker Bursche unter ihnen, der wie ein Soldat aussieht. Ich sollte meinen, den könnte man, behielten wir ihn bis morgen früh da, bereden, Handgeld zu nehmen. Ich vermuthe nach seinem Gange, er hat schon gedient.«

»Hu! was sagst Du?« rief der Kapitain und spitzte die Ohren, wie ein Hund, der den Hasen wittert. »Gedient, denkst Du, schon?«

»Ja, es sind so manche Spuren davon da. Ein alter Soldat irrt sich in solchen Dingen selten. Ich wollte wetten, er sey verkleidet. Dies und der Ort, wo wir ihn aufgegriffen haben, läßt von der Habeas-Corpus-Akte uns eben nichts fürchten, bis wir ihn dahin haben, daß er gesetzmäßig angeworben ist.«

»Still, Bursche« sagte Borroughcliffe, und stand auf, in einer krummen Linie nach der Thüre zu wandern. »Da sprichst hier in Gegenwart der künftigen ersten Magistratsperson, und darfst also von den Gesetzen nicht so obenhin reden. Uebrigens sprichst Du wie ein gescheidter Mann. Gieb mir Deinen Arm, Sergeant, und führe mich in den Flügel. Mein Gesicht taugt nichts, wenn es so pechfinster ist. Ein Soldat muß immer noch ein Mal seine Wache visitiren, ehe er den Zapfenstreich schlagen läßt.«

Indem er, gleich seinem Wirthe, sich höflichst empfahl, ging er nun dem patriotischen Dienste nach, mit seinem Korporal in der vertraulichsten Art hinwandernd.

Dillon blieb an der Tafel, und bemühte sich, den Unmuth, der ihn verzehrte, durch ein verächtliches Lächeln auszudrücken, das natürlich für Alle, nur nicht für ihn, verloren ging: denn ein großer Spiegel warf ihm das Bild seiner häßlichen, widrigen Züge zurück.

Indessen, wir müssen nun schon dem alten Obersten auf seinem Besuch im Kloster folgen.

 

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