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Der Lootse oder Abenteuer an Englands Küste. Erster Theil

James Fenimore Cooper: Der Lootse oder Abenteuer an Englands Küste. Erster Theil - Kapitel 10
Quellenangabe
authorJames Fenimore Cooper
titleDer Lootse oder Abenteuer an Englands Küste. Erster Theil
senderHerbert Niephaus
correctorohne
publisherAdolf Wienbrack
year1824
created20171117
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VIII.

 

– – Vorwärts segelte das Schiff.
Gleichwie der Windhund auf den Haasen stößt,
und seine Beut' ergreift.

W. Scott.

 

 

Zwar blieb der Gegenstand der Berathung als ein Geheimniß blos unter denen, welche zur Theilnahme eingeladen waren. Allein unter den untergeordneten Offizieren ward doch immer genug davon geplaudert, um die ganze Besatzung in größere Thätigkeit zu bringen. Auf dem ganzen Verdeck der Fregatte ging die Rede schnell wie ein Lärmfeuer, es sey eine Landung vom Congreß selbst angeordnet, um einen geheimen Zweck zu verfolgen. Der Vermuthungen über die zu verwendenden Kräfte und ihre Bestimmung, waren mancherlei. Wie viel Antheil dabei unter Allen Statt fand, kann man sich denken. Es mußten ja Alle ihr Leben, ihre Freiheit daran setzen. Indessen ein kühner, unbesorgter Muth, der Wunsch nach etwas Neuem, war die vorherrschende Empfindung unter Allen. Sie würden mit Freuden erfahren haben, ihr Schiff sey bestimmt, einen Weg mitten durch Britanniens Flotten zu suchen. Manche alte und erfahrnere Matrosen machten freilich gegen so unbesonnene Keckheit ihre Einwürfe. Einer oder zwei, worunter auch der Beischiffsführer von der Schaluppe sich besonders bedächtig äußerte, wagten sogar, jede Art von Landdienst in Zweifel zu ziehn und zu meinen, er müsse Seeleuten nie zugemuthet werden.

Kapitain Munson hatte seine Leute auf dem Verdeck in Parade gestellt, und hielt eine kurze Rede an sie, um ihren kriegerischen Muth, ihre Vaterlandsliebe zu entflammen. Dann machte er sie damit bekannt, daß er zwanzig Freiwillige zu einem gefährlichen Unternehmen verlange. Es war in der That gerade die Hälfte der ganzen Mannschaft. Nach einigen Augenblicken trat die ganze Compagnie, wie Ein Mann, vorwärts und meldete sich als bereit, ihm bis ans Ende der Welt zu folgen. Der Seesoldatenoffizier drehte sich bei dieser frohen Erklärung um, Barnstable wahrzunehmen. Allein er sah ihn mit Papieren auf einem entfernten Theile des Verdecks beschäftigt, und so machte er denn die möglichst unpartheiische Sonderung unter den Leuten, die nur nach Ruhm trachteten; indem er aber doch dabei Rücksicht nahm, blos die Blüthe der Mannschaft auszuwählen, und den Ausschuß auf dem Schiffe zu lassen.

Während diese Musterung Statt fand, und die Mannschaft von der größten Neugier beherrscht wurde, stieg Griffith aufs Verdeck. Sein Antlitz zeugte von ungewöhnlichem Feuer, und seine Heiterkeit, wie sie ihm lange nicht eigen gewesen war, glänzte in seinem Auge. Er gab die nöthigen Befehle an die, welche er mitnehmen wollte. Dann winkte ihm Barnstable wieder, zu folgen, und führte ihn nochmals in die Kajüte.

»Laß den Wind ausblasen,« sagte der Kommendant vom Ariel, als sie saßen. »Wir können erst landen, wenn das Meer nicht mehr hohl geht. Aber höre, die Käthe ist zur Frau eines Seemannes geschaffen. Sieh einmal Griffith, was sie da für ein Signalbuch gemacht hat, und Alles von ihrem gescheuten Köpfchen erdacht!«

»Ich bin ganz Deiner Meinung und Du wirst ein glücklicher Patron, wann Du sie dein nennen kannst!« versetzte der Andere. »Das Mädchen hat wahrlich in der Art erstaunliche Gewandtheit. Wie hat sie die Sache und das Verfahren dabei so wegbekommen?«

»Bah! Sie hat wohl schwerere Dinge gelernt: Zum Beispiel, ein ungetheiltes Seemanns-Herz zu schätzen, wie sichs gehört. Denkst Du, meine Zunge war im Munde angenagelt, so lange wir am Carolinaflusse zusammen saßen, und wir hätten nichts darüber gesprochen?«

»Also unterhieltest Du dein Mädchen mit Abhandlungen aus der Schiffarthskunde und der Signallehre?« fragte Griffith lächelnd.

»Ich beantwortete ihre Fragen,« bemerkte Jener, »wie ein artiger Mann bei jedem Weibe antworten würde, das er liebt. Das Mädchen war neugierig, wie eine meiner Landsmänninnen, die das Cap von vierzig Jahren umschifft hat, ohne einen Mann zu finden. Ihre Zunge ging wie eine Wetterfahne, die die ganze Windrose durchläuft. Gieb nur zu, Griffith: trotz Deiner Schulweisheit, und Deiner hohen Gedanken, ist ein Weib von Kopf und Gewandtheit, für einen Seemann gar eine treffliche Gefährtinn.«

»Ich habe an dem Verdienste der Miß Plowden nie gezweifelt!« erwiederte der Andere mit komischem Ernste, der sich indessen mit innigem Gefühle paarte. Es sprach sich darin der angeborne Charakter und das Leben des Seemanns aus. – »Doch in der That, das übersteigt alle meine Erwartung. Wirklich, sie hat eine treffliche Wahl getroffen: – ›Nr. 168.***‹ ›nicht zu vertilgen;‹ ›169.***‹ endigt blos mit ›dem Leben‹; ›170.***‹ ›ich fürchte ihr täuscht mich‹; ›171.‹« –

»Ach!« rief Barnstable, und nahm dem lachenden Griffith das Buch weg. »Das wäre ja Thorheit, unsere Zeit jetzt so zu vergeuden. – Sage, was denkst Du von der Landung?«

»Daß sie nicht etwa gemacht wird, die Mädchen zu entführen, wenn wir selbst die Leutchen nicht bekämen, auf die wir Jagd machen.«

»Aber der Lootse! Weißt Du wie er uns beim Nacken hält, und daß er uns alle den Raaen Um aufgeknüpft zu werden. d. Ueb. der Engländer überliefern kann, wenn er bedroht oder bestochen gegen sie den Mund aufthut?«

»Er hätte ja dabei leichteres Spiel gehabt, wenn er das Schiff in der Nacht scheitern ließ, als er uns in die Klippen geleitet hatte. Wir würden dann zu allerletzt daran gedacht haben, daß wir ihn als Verräther betrachten müßten. Ich folge ihm mit Vertrauen, und muß glauben, mit ihm sind wir so sicher, als ohne ihn.«

»Nun so laß ihn uns zu dem Landhause der fuchsjagenden Staatsminister bringen!« rief Barnstable, und steckte das Signalbuch in den Busen. »Hier ist eine Karte. Sie wird uns den Weg nach dem gewünschten Hafen zeigen. Laß mich nur erst die Terra Firma betreten, und dann nenne mich einen Hundsfott, wenn die lustige Hexe mir wieder entschlüpft, und im Augenblicke verschwindet; wie ein fliegender Fisch, den ein Delphin jagt. – Höre Griffith, den Kaplan müssen wir mit ans Land nehmen!«

»Deine thörichte Liebe läßt Dich den Dienst vergessen. Willst Du Predigten halten lassen, wo es einem Streifzuge gilt?«

»O nicht doch! Wir dürfen freilich nicht müssig an den Küsten liegen. Aber es giebt bei so einer Sache doch manche müssige Augenblicke wo man einmal verschnaufen, und es uns dann wohl angenehm seyn kann, das Männchen bei uns zu haben, um mit einander verheirathet zu werden. Er weiß gut mit der Agende umzugehn, und kann manche Knoten zusammenknüpfen, so gut, wie ein Bischof. Ich möchte doch gern, daß die naseweisen Namen, die unter dem Briefe hier stehen, in Zukunft nicht mehr in Compagnie zusammensegelten.«

»Unmöglich!« sagte Griffith kopfschüttelnd, und bemühte sich, ein Lächeln zu erheucheln, dem sein Gefühl widerstrebte. »Nicht möglich, Richard; wir müssen unsrer Neigung dem Dienste für das Vaterland opfern. Auch ist der Lootse nicht der Mann, der sich von seinem Vorhaben abbringen läßt.«

»Ei, so laß ihn seinen Plan verfolgen!« rief Barnstable. »Die Macht soll noch gefunden werden, wenn ich meinen Kommendanten ausnehme, welche mich verhindert, die kleinen Signale aufzustecken, und mit meiner schwarzäugigen Käthe zu sprechen. Aber mit Deinem albernen Lootsen! Er mag mit dem Winde segeln oder anhalten, wie er will, mich zieht die alte Ruine, wie sich eine Magnetnadel nach dem Nordpol richtet. Da kann mein Auge auf den romantischen Flügel und seine drei rauchrichten Fahnen schauen. Meine Schuldigkeit vergesse ich darum doch nicht. Ich helfe auch die Engländerchen wegfangen. Ist dies aber geschehen, dann gilt es Katharinen Plowden und meiner treuen Liebe!«

»Ei so schwatze! Die Wände haben lange Ohren und die Wände auf unserm Schiffe sind obendrein sehr dünn! Ich muß Dich und mich hübsch auf unsere Pflicht verweisen. Wir spielen wahrlich kein Kinderspiel. Es scheint, als ob die Bevollmächtigten in Paris für die Sache eine Fregatte bestimmt hätten.«

Barnstable's Heiterkeit wurde durch das ernste Benehmen seines Waffenbruders ein wenig herabgestimmt. Er sann einen Augenblick nach. Dann sprang er auf, und wollte fort.

»Wohin?« fragte Griffith, und hielt den Ungeduldigen sanft zurück.

»In dem alten Bedachtsamem. Ich will ihm einen Vorschlag thun, der alle Schwierigkeiten beseitigen soll.«

»Theile mir ihn mit. Ich bin seine rechte Hand. Du ersparst Dir die Mühe, und darfst keine abschlägliche Antwort fürchten.«

»Wie viel Leutchen will er denn in seine Kajüte einstellen?«

»Der Lootse hat mir nicht weniger als sechs genannt; Alles Männer von Rang und Bedeutung bei dem Feinde. Zwei von ihnen sind Pairs, zwei von ihnen gehören in das Haus der Gemeinen, einer ist General und der Sechste wie wir, ein Seemann, der Kapitainsrang hat. Sie treffen auf einem Jagdschlosse zusammen, das an der Küste liegt, und der Plan, sie aufzuheben, hat, glaube mir, viel Wahrscheinliches für sich.«

»Nun gut, da kommen zwei Stück auf den Mann. Du gehst mit dem Lootsen, wenn's Dir recht ist. Mich aber laß nach dem Sitze des Obersten Howard eilen. Meinen ersten Bootsmann und die Mannschaft vom Boote nehme ich mit. Das Haus wird überfallen. Die Mädchen mach' ich frei, und auf dem Rückwege packe ich die zwei ersten, besten Lords an. Ich denke, für unsern Zweck ist Einer so gut, als der Andere.«

Griffith konnte sich des Lachens nicht erwehren.

»Es heißt freilich Jeder Pair,« unterbrach er den Kameraden. »Aber ein Unterschied ist doch zwischen den Herren. England möchte es uns Dank wissen, wenn wir den einen und den andern mit wegnähmen. Uebrigens liegen sie doch nicht auch hinter jedem Strauche, wie die Bettelleute. Nein, Freund, die Männer, welche wir suchen, haben noch etwas Besseres, als ihren Adel, um uns willkommen zu seyn. Aber laß uns doch einmal den Plan und die Zeichnungen von Miß Plowden näher nachsehen. Vielleicht stoßen wir auf etwas, das den Platz in unsere Operationslinie bringt, und bei unserm Kreuzzuge eine Zugabe anbietet.«

Barnstable verzichtete nicht ohne Mißmuth auf seinen Anschlag, um den nüchternen Ansichten des Freundes zu huldigen. Sie brachten noch ein Stündchen mit einander zu, und berathschlagten über die Möglichkeit, über die Mittel, den Dienst mit ihrer Liebe in Einklang zu bringen.

Der Wind blies noch immer den ganzen Morgen über. Mittags indessen zeigten sich Vorboten des bessern Wetters. Während die Fregatte diese wenigen Stunden über vor Anker lag, tobten die Soldaten, die zur Landung bestimmt waren, geschäftig und eilig hin und her. Es schien, als nähmen Alle an der Gefahr und der Ehre Antheil, die der, von ihrem Anführer entworfene Feldzugsplan im Hintergrunde zeigte. – Die wenigen, zu ihrer Begleitung bestimmten Matrosen, gingen ruhig auf dem Verdecke ab und auf, die Hand in die saubern, blauen Jacken gesteckt, oder einmal nach den Himmel schauend, um den minder erfahrnen Kameraden die Zeichen des bald nachlassenden Sturmes aus den dahin treibenden Wolken zu deuten. Der letzte Ankömmling von den Soldaten war jetzt ebenfalls mit seinem Tornister auf dem Verdeck erschienen. Alle standen in Reihe und Glied, bewafnet, und bereit zum Kampfe, als Kapitain Munson mit dem Fremden und seinem ersten Lieutnant auf dem Hinterdecke erschien. Ein Wort, von Griffith leise dem Kadeten gesagt, ließ diesen schnell längs der Gallerie hinlaufen, und fast im nämlichen Augenblick rief eine rauhe Stimme, der Pfeife folgend:<7p>

»Die Tiger herbei! die Tiger!«

Die Trommel wirbelte im nämlichen Augenblicke. Die Seesoldaten paradirten. Die sechs Matrosen, welche zu dem Fahrzeuge gehörten, das den furchtbaren Namen des Tigers führte, trafen alle Vorbereitungen, das kleine Fahrzeug vom Verdeck der Fregatte in die unruhige See herabzulassen. Alles ging in der genauesten Ordnung zu, mit einer Ruhe, einer Gewandtheit, vor sich; die das stürmische Element zum Kampfe aufzufordern schien. Glücklich wurden die Soldaten von der Fregatte an Bord des Schooners gebracht, obschon das Boot manchmal in den Wellen vergraben zu werden, und dann wieder nach den Wolken zu eilen schien, während es von einem Schiffe zum andern trieb.

Endlich ward gemeldet, die Schaluppe sey bereit, die Offiziere aufzunehmen. Der Lootse ging seitwärts. Er sprach im Stillen einige Worte mit dem Kommendanten, der seinen Bemerkungen mit ausgezeichneter, ganz besonderer Aufmerksamkeit folgte. Als ihr Gespräch zu Ende war, entblößte der Greis sein graues Haupt, trotz des Windes, und reichte ihm mit der Biederkeit eines Seemanns, mit dem schuldigen Ausdruck der Ehrfurcht eines Untergeordneten, die Rechte. Ohne Umstände ward der Beweis der Höflichkeit vom Lootsen erwiedert. Schnell drehte sich der Letztere um, und leitete die Aufmerksamkeit derer, die ihn erwarteten, durch eine ausdrucksvolle Bewegung, auf die Treppe.

»Kommt, Ihr Herren!« rief Griffith, wie aus einem Traum erwachend, und sich gegen seine Waffenbrüder schnell verbeugend.

Als es schien, daß die Obern zum Einsteigen bereit seyen, sprang der Kadet, Merry, der Befehl hatte, die Expedition mitzumachen, schnell in das Fahrzeug hinab; der Kapitain der Seesoldaten stand an, und warf einen fragenden Blick auf den Lootsen, der nun hätte herabsteigen sollen, aber dieser lehnte sich an die Gallerie und musterte den Himmel. Er schien von den Blicken des Kapitains gar keine Kenntniß zu nehmen. Jener gab endlich seiner Ungeduld nach.

»Wir warten nur auf Euch! Herr Gray!« rief er.

Aufgeweckt durch den Ton seines Namens, sah sich der Lootse schnell nach dem Rufenden um; aber anstatt vorzugehn, verbeugte er sich blos ein wenig, und zeigte mit der Hand nach der Schiffstreppe. Zum Erstaunen des Seesoldatenkapitains und Aller, die diesen Punkt der Schiffsetikette kannten, verbeugte sich Griffith tief, und stieg eben so schnell hinab, als gelt' es, einen Admiral vorauszugehn. Mochte der Fremde fühlen, er sey unhöflich, oder war er zu gleichgültig für Alles, was ihn umgab, genug er folgte unmittelbar, und ließ dem Seesoldatenkapitain die Ehre des Nachfolgens. Der Letztere that sich auf seine Erfahrung in Allem, was für Marienetikette gehörte, gewaltig viel zu Gute, und machte sich darum auf Griffith's Kosten späterhin nicht wenig lustig, wenn er auf den Umstand zu sprechen kam, daß er die Anmaaßung des stolzen Lootsen so glücklich zurückgewiesen habe.

Barnstable war schon vor einigen Stunden am Bord seines Schooners gegangen, wo man alles in den Stand gesetzt hatte, sie aufzunehmen. Kaum stand die schwere Schaluppe der Fregatte wieder auf dem Verdeck, als Barnstable meldete, der Schooner sey bereit.

Wir wissen schon, wie der Ariel zu den kleinsten Kriegsschiffen gehörte, und da seine Bauart selbst diese Größe in der äußern Gestalt versteckte, so war er ganz besonders zu dem Dienste geeignet, den man jetzt vor Augen hatte. Trotz dem, daß sein leichter Bau ihn wie ein Stück Kork hinschwimmen ließ, und er bisweilen nur auf dem Schaume zu fliegen schien, wurde sein Unterdeck doch immer von den schweren Wogen bespült, die gegen seinen niedrigen Bord ankämpften, und zwischen ihnen schwankte er oft auf eine Art dahin, die selbst die geübte Mannschaft, welche auf seinem Verdeck hausete, anhielt mit Vorsicht zu wandeln. Dabei war er aber so nett und richtig berechnet gebaut, daß er in allen Verhältnissen den möglichst größten Raum darbot. Ob er zwar nur ein Miniaturbild von Kriegsschiff zu seyn schien, immer trug er doch seine Feuerschlünde so stolz, als ob das Metall, woraus sie gegossen waren, ungleich schrecklicher und gefährlicher sey. Die Erfindung der mörderischen Kanonen, die seit jener Zeit auf allen Kriegsschiffen untern Ranges angebracht werden, war damals noch in der Kindheit; der Amerikanische Seemann kannte sie nur dem Rufe nach unter dem furchtbaren Namen des »Donnerwetters«. Bei ihrem weiten, kurzen Rohre und der Leichtigkeit, mit der man sie bewegen kann, wurden ihre Vorzüge eben erst bekannt. Aber die größten Schiffe schienen mit den Angriffsmitteln ungewöhnlich ausgerüstet, wenn sie zwei oder drei Kanonen der schrecklichen Art an Bord hatten. Später ist dieses Geschütz verbessert, verändert worden. Man hat es auf allen Schiffen von gewissem Range eingeführt. Jedermann kennt es als Karronade, vom Karronflusse so genannt, an dessen Ufern es gegossen wird. Es werden jährlich gegen 5000 Stück daselbst gegossen. d. Ueb. Statt ihrer waren auf den Batterien des Ariels sechs kleine eherne Kanonen festgemacht. Die See hatte ihre Schlünde schwarz gebeizt; so oft ging sie über die zerstörenden Maschinen hin. Im Mittelpunkte des Schiffes, zwischen den zwei Masten stand eine Kanone von gleichem Metalle, aber fast zweimal so groß auf einer Lavette von neuer und eigenthümlicher Bauart. Sie konnte nach jeder Linie gerichtet werden und so bei den dringendsten Fällen, die in Seetreffen vorkamen, Dienste thun.

Der Lootse untersuchte genau die ganze Ausrüstung und musterte dann das wohlgeordnete Verdeck, das zierliche, nette Takelwerk, die junge schöne Mannschaft, mit offenbarer Zufriedenheit. Ganz im Gegensatze mit seinem Benehmen, das er bis diesen Augenblick beobachtet hatte, äußerte er seine Freude laut und gerade zu.

»Ein nettes Schiff habt Ihr, Herr Barnstable,« sagte er, »und ein kühnes Häuflein an seinem Bord! In der Stunde der Noth scheint Ihr viel zu versprechen, und diese Stunde ist wohl nicht fern.«

»Je eher, je besser!« war des unerschrocknen Seemanns Antwort. »Ich habe, seitdem wir von Brest weg sind, keine Gelegenheit gehabt, meine Kanonen loszubrennen, ob wir schon auf mehrere feindliche Cutter stießen, als wir durch den Kanal segelten. Meine Lärmhunde hätten gern mit ihnen eine Unterhaltung angeknüpft. Nun, Griffith wird Euch sagen, Meister Lootse, daß meine Sechspfünder bei Gelegenheit auch so laut reden können, wie die Achtzehnpfünder auf der Fregatte.«

»Ja, nur nicht mit solcher Beredsamkeit!« bemerkte Griffith. ›Vox et praeterea nihil!‹ wie wir in den Schulen sagten.«

»Ach, ich verstehe nichts von Eurem Griechisch und Lateinisch!« entgegnete der Kommendant des Ariels. »Wenn Du aber damit meinst, die sieben metallenen Spielwerke tragen ihre Kugel nicht soweit übers Wasser, wie jede andere Kanone von ihrem Kaliber, und werfen ihren Hagel und ihre Kartätschen nicht so gut, wie jeder andere Doppelhaken auf Eurem Schiffe, nun so kann sich vielleicht Gelegenheit finden, Euch vom Gegentheil zu überzeugen, ehe wir noch auseinandergehen.«

»Sie machen gute Miene!« fiel der Lootse ein, der mit dem guten Vernehmen zwischen den beiden Offizieren ganz unbekannt war, und sie gern in Frieden zu erhalten wünschte. »Ich denke, sie werden bei allen streitigen Punkten den Beweis mit größtem Scharfsinne führen. – Wie ich sehe, habt Ihr sie auch getauft. Ich denke doch, nach Verschiedenheit ihrer Verdienste. In der That recht bezeichnende Namen!«

»Einfall eines müßigen Augenblickes!« entgegnete Barnstable lachend, als der Lootse die Kanonen besah, auf welchen die wunderlichen verschiedenen Namen eines »Boxers,« eines »Schreiers,« eines »Brummers,« eines »Hatzhundes,« eines »Todtmachers« und »Bleihackers« standen.

»Nun, warum habt Ihr denn aber die Mittelkanone nicht zur Taufe gebracht?« fragte der Lootse. »Oder gebt Ihr ihr den gewöhnlichen Namen: die alte Frau?«

»Nein, nein, mit einem solchen Unterrocksnamen hab' ich hier am Bord nichts zu thun. Geht nur näher an Steuerbord. Da werdet Ihr deren Ehrentitel auf den Laffettenläuften sehn, und sie braucht sich deshalb gar nicht zu schämen.«

»Eine sonderbare Bezeichnung, obschon nicht ohne Bedeutung!«

»Von mehr Bedeutung, als Ihr Euch einfallen laßt, Männchen. Der brave Seemann, den Ihr da am Vordermast gelehnt seht, und der im Nothfall selbst statt Reservemast dienen könnte, besorgt diese Kanone, und hat gar manchen warmen Streit mit John Bull durch die Art entschieden, wie er sie gehandhabt hat. Kein Seesoldat kann seine Muskete leichter richten, als mein Beischiffsführer seinen Neunpfünder stellt. Weil sie nun in so genauer Berührung mit einander stehen und übrigens auch in der Länge zwischen beiden einige Aehnlichkeit obwaltet, so hat sie den Namen, den Ihr darauf leset: ›der lange Tom‹!«

Der Lootse lächelte, als er dies hörte. Dann aber wandte er sich um. Die düstere Wolke, die über seine Stirn zog, zeigte zu deutlich, er scherze nur in einzelnen Augenblicken. Griffith machte Barnstable bemerklich, der Wind habe bedeutend nachgelassen und sie könnten nun das vorgesteckte Ziel verfolgen.

So, auf seine Pflicht verwiesen, dachte der Kommendant des Schooners nicht mehr an die Freude, die ihm die Darstellung aller Verdienste seines Schiffes gewährte. Gleich wurden die nöthigen Befehle gegeben, um jede Bewegung zu leiten. Der kleine Schooner gehorchte jedem Winke, den ihm sein Steuerruder gab. Er ging mit vollem Winde, als das große Segel, obschon klüglich unten noch eingerollt, der Kraft desselben Preis gegeben war, und schoß vor der Fregatte dahin, wie ein Meteor, das über die Wogen schwebt. Bald trat der schwarze Bau der Fregatte in der Ferne zurück. Ehe noch die Sonne hinter Englands Hügeln untersank, erkannte man ihre schlanken Masten kaum noch an dem kleinen Gewölk, das die Segel bildeten, die das Schiff in Ruhe hielten. Als dies letztere ganz unsichtbar war, schien das Land aus der Tiefe heraufzutauchen, und der Schooner flog so geschwind vorbei, daß die Wohnungen der Großen, die Hütten der Armen und selbst die kaum bemerkbaren Hecken dem Auge der kühnen Seefahrer immer mehr und mehr kennbar wurden. Endlich aber lagerte sich das Dunkel des Abends auf Alles. Die ganze Landschaft schwand in der Finsterniß, und war nur an einem schwachen Streifen, der die Küste bezeichnete, zu erkennen, während auf der andern Seite die Wogen des Ozeans noch immer drohend an Bord schlugen.

Der kleine Ariel durchlief aber immer noch seine Bahn, wie ein Wasservogel, der seine nächtliche Ruhestätte sucht, und eilte so furchtlos nach dem Lande, als sey er der in der vorigen Nacht überstandenen Gefahren ganz uneingedenk.

Keine Klippe, kein Felsen schien seine Bahn zu durchkreuzen. Wir müssen ihn schon in eine enge Bucht einlaufen lassen, die von hohen, steilen Felsenklippen gebildet war. Sie umkränzten den gefährlichen Eingang eines Busens, worin der Seemann den Gefahren des deutschen Meeres oft zu entgehen suchte und entgangen war.

 

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