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Der Lootse oder Abenteuer an Englands Küste. Dritter Theil

James Fenimore Cooper: Der Lootse oder Abenteuer an Englands Küste. Dritter Theil - Kapitel 3
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authorJames Fenimore Cooper
titleDer Lootse oder Abenteuer an Englands Küste. Dritter Theil
senderHerbert Niephaus
publisherAdolf Wienbrack
year1824
created20171117
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I.

 

O denk an sie, die, in dem Schooß des Meeres,
Viel Faden tief des Todes Nacht verschlafen!

Campbell.

 

 

Langsam und traurig schlichen die Stunden unserm Barnstable dahin, bevor die völlig eingetretene Ebbe den Sand soweit entblößt hatte, daß er die Leichname seiner verlornen Mannschaft aufsuchen konnte. Mehrere derselben waren von den wilden Fluthen selbst hoch hinauf getrieben, und so wie man die düstere Ueberzeugung bekam, daß ihr Leben dahin sey, wurden sie am Rande der Küste begraben, wo sie das Leben eingebüßt hatten. Doch die gekannteste, von ihm geliebteste Gestalt fehlte noch. Auf dem breiten Raume, der jetzt zwischen dem Felsenriffe und dem Ozean lag, ging der Lieutnant mit großen Schritten auf und ab, und sah mit unruhigem Blicke auf alle Trümmern, die das Meer vom Ariel immerfort heranspülte. Von Allen, die auf diesem gewesen waren, fehlten, Lebende und Todte zusammengezählt, nur Zwei. Der Lebenden konnte er, sich und Merry ungerechnet, Zwölfe zählen. Mehr als die Hälfte der übrigen Todten war bereits eingescharrt. Sie hatten Alle zu denen gehört, die ihr Leben dem schwachen Gehäuse der Barke anvertrauten.

»Sag' mir nicht, Merry,« rief Barnstable äußerst unruhig, »es sey unmöglich, daß er sich gerettet habe!« – Er wollte dem besorgten Blicke des Kadeten so gern den Kampf in seiner Brust verbergen. Umsonst! Dieser bewachte jeden Schritt, jede Miene seines Obern.

»Wie oft,« fuhr er fort, sich selbst zu bereden bemüht, »sah man Menschen Tage lang nach dem Schiffbruche auf einer Planke schwimmen? Du kannst ja mit eignen Augen sehen, daß die Wellen so manche Trümmer hergeführt haben, und doch lag der Ariel wohl eine halbe Meile davon. – Macht die Wache auf jenem Felsen noch kein Signal, daß sie ihn sieht?«

»Nein, nein! Wir werden ihn nicht wieder sehen! Unsere Leute sagen, er habe es immer für sündlich gehalten, ein Wrack zu verlassen, und habe gesagt, wenn es einmal zum Scheitern käme, würde er das nicht thun; ob er gleich eine Stunde lang schwimmen konnte, als einmal ein Wallfisch seine Barke umwarf. Gott weiß es,« rief der Jüngling noch aus, und wischte sich verstohlen eine Thräne ab, daß man nicht an seine Jugend denken sollte, »ich habe Tom Coffin lieber gehabt, als irgend einen Matrosen auf beiden Schiffen! Ihr kamt selten an Bord der Fregatte, ohne daß wir ihn gleich in den Stern mitnahmen, und dann mußte er uns seine Geschichten erzählen, und mit uns essen! Wir waren ihm Alle so gut. Ach, Herr Barnstable, Liebe bringt die Todten nicht in's Leben zurück!«

»Das weiß ich! das weiß ich!« sagte dieser in einem gepreßten Tone, der seine tiefe Rührung verrieth. »Ach, ich bin nicht so thöricht, daß ich an das Unmögliche glaube. Aber so lange Hoffnung da ist, er lebe, will ich nicht denken, Tom Coffin sey einem so traurigen Geschicke verfallen. – Glaube mir, Knabe, in diesem Augenblicke schaut er vielleicht auf uns herab, und bittet den Schöpfer, sein Auge auf uns zu wenden; ja, er bittet ihn! Tom betete oft; ob er schon es immer auf der Wache, schweigend, unter der Arbeit that!«

»Hätte er so fest am Leben gehangen; so würde er mehr für seine Rettung gekämpft haben!« setzte Merry hinzu.

Barnstable hielt in seinem raschen Auf- und Niedergehen ein. Er sah seinen jungen Gefährten mit einem Blicke an, der wohl zeigte, daß er dessen Ueberzeugung theilte. Doch in dem Augenblick, wo er sprechen wollte, hörte er den verwirrten Ruf der Matrosen. – Er drehte sich um. Alles stürzte längs der Küste hin, und zeigte mit heftiger Geberde auf einen Punkt im Meere. Der Lieutnant und Merry eilten ebenfalls hinzu, und sahen eine menschliche Gestalt bald von den Wogen getragen, bald von ihnen bedeckt, bereits aber diesseits der letzten Linie von der Brandung. Kaum hatten sie so viel erforscht, als eine größere Welle den leblosen Körper hoch auf dem Sande absetzte, wo ihn das zurückkehrende Wasser liegen ließ.

»Das ist mein alter Tom!« rief Barnstable, hinspringend.

Doch plötzlich stand er still. Er sah nun die Züge des Todten, und es bedurfte einiger Minuten, ehe er seine Fassung genug beisammen hatte, um mit allen Zeichen des Abscheus sagen zu können: »Wer ist der Unglückliche? Seine Gestalt ist nicht verstümmelt! Sieh seine Augen an, Merry! Beide scheinen nicht Raum in ihren Hölen zu haben, und blicken wild, als hätte dieser Todte noch Leben! Die Hände sind offen und ausgespreitzt, als wollten sie noch mit den Fluthen kämpfen!«

»Das ist der Jonas, der Jonas!« schrie mit wildem Jubel die Mannschaft, wie sie nun den Todten näher sah. »Werft das Aas wieder in's Meer! Gebt ihn den Hayfischen! Laßt ihn seine Lügen den Seekrebsen erzählen!«

Barnstable wandte sich mißmuthig vom empörenden Anblick zurück. Doch als er diese Ausbrüche von wilder Rachsucht hörte, sagte er in einer Art, die Allen Achtung und Gehorsam einflößte:

»Weg damit, weg damit, Bursche! Wollt Ihr Seemannspflicht und Menschenpflicht entehren, indem Ihr Euch an dem rächt, den Gott bereits gezüchtigt hat?«

Ein schweigender, aber bedeutungsvoller Wink nach der Erde folgte diesen Worten. Er ging langsam fort.

»Verscharrt ihn in den Sand, Bursche!« sagte noch Merry leise, als der Lieutnant etwas entfernt war. »Die nächste Fluth wird ihn schon wieder ausspülen!«

Die Matrosen gehorchten, während der Kadet wieder zu seinem Kommendanten flog. Dieser ging immer auf und ab. Manchmal machte er Halt, und warf einen forschenden, traurigen Blick hinaus auf's Meer. Dann eilte er wieder, daß der junge Begleiter alle Kraft aufbieten mußte, gleichen Schritt zu halten. Indessen jede Anstrengung, etwas vom alten Tom gewahr zu werden, zeigte sich nach zwei Stunden als fruchtlos. Die See schien nicht den Todten wiedergeben zu wollen, der ihr mehr als ein Anderer gehörte.

»Die Sonne geht bereits hinter die Klippen hinab!« sagte Barnstable und setzte sich auf ein Felsenstück. »Bald ist die Stunde da, wo die Abendwache auszusetzen ist. Aber wir haben nichts mehr zu bewachen. Nicht eine Planke haben uns Brandung und Felsen gelassen, diese Nacht unser Haupt darauf zu legen!«

»Die Matrosen haben manche Dinge auf eine Felsenbank zusammengebracht!« bemerkte tröstend der Kadet. »Sie haben Waffen gefunden, daß wir uns vertheidigen können, und Nahrungsmittel, um uns zu ihrem Gebrauch zu stärken!«

»Und wo sollen denn unsere Feinde seyn?« fragte Barnstable bitter lachend. »Sollen wir unser Dutzend Piken in die Faust nehmen und England angreifen?«

»Wir werden nicht die ganze Insel in Contribution setzen!« sagte jener wieder beruhigend; und jeden Blick seines Obern beachtend. »Aber etwas zu thun könnten wir doch bekommen, bis der Cutter von der Fregatte anlangt. Ich hoffe doch, Ihr haltet unsere Lage nicht für so verzweiflungsvoll, daß Ihr Euch wollt gefangen nehmen lassen?«

»Gefangen?« rief der Lieutnant. »Nein, nein Knabe, so weit ist es noch nicht! England konnte mein Schiff zertrümmern! Das ist wahr! Aber einen andern Vortheil hat es über uns nicht gewonnen! O es war ein herrliches Gebäude, Merry! Der schnellste und beste Segler, den je die Axt und Menschenhand zu Stande brachte! Weißt Du noch, Junker, wie ich der Fregatte meine Topsegel lieh, um aus der Chesapeake-Bai herauszukommen? Ich konnte bei gutem Wasser immer ohne dieselben den Weg finden. Aber freilich ein schwaches Fahrzeug blieb der Ariel! Er konnte nicht viel aushalten!«

»Ein Bombardierschiff wäre da zertrümmert worden, wo er lag!« entgegnete Merry.

»Ja, es war zu viel von ihm verlangt, daß er auf so einem Felsenbette zusammenhalten sollte! Merry, – ich liebte ihn! Zärtlich liebte ich ihn! Es war mein erstes Kommando! Ich kannte jede Rippe, jeden Nagel in dem schönen Bau!«

»Ich glaube es gern, daß der Seemann das Holz und Eisen liebt, worauf er so manchen Tag, so manche Nacht über die Tiefen des Ozeans gefahren ist!« sagte jener. »Es ist – wie wenn ein Vater die Kinder seines Hauses liebt!«

»Gerade, gerade so, und noch mehr!« rief Barnstable fast weinend.

Merry fühlte den krampfhaften Druck desselben auf seinem schwachen Arm. Mit mächtiger Stimme fuhr der Lieutnant fort:

»Und doch, Knabe, kann der Mensch die Arbeit seiner Hände nicht so lieben, wie die Geschöpfe seines Gottes: Das Schiff kann ein Mensch nicht so achten, wie die Matrosen! Ich segelte mit Tom, wo mir, wie in Deinen Jahren, jedes Ding hell und glänzend erschien, wo, wie Tom oft sagte, ich nichts wußte und nichts fürchtete. Ich hatte damals einen alten Vater und eine gute Mutter verlassen, und Er that für mich, was keine Eltern in solcher Lage thun konnten. Er war mir Vater und Mutter auf der Tiefe des Meeres! Stunden, Tage, selbst Monate brachte er zu, als er mich in seiner Kunst unterrichtete. Jetzt folgte er mir von Schiff zu Schiff, von Meer zu Meer, und hat mich nun verlassen, um zu sterben, wo ich hätte sterben sollen; als schäme er sich, den armen Ariel seinem Schicksal hinzugeben!«

»Nein! nein! das war Aberglaube und Stolz!« fiel Merry ihm ins Wort. Aber er sah, daß Barnstable mit beiden Händen das Gesicht bedeckte, als wollte er seine Bewegung verbergen, und so sagte er nichts mehr, ehrfurchtvoll den Schmerz schonend, den sein Offizier umsonst zu beherrschen strebte. Auch er fühlte sich von den Gefühlen ergriffen, die Barnstable's Herz erschütterten. Heiße Thränen befeuchteten die Wangen des letztern, und fielen auf dem Sand zu seinen Füßen. Aber sie machten dem Schmerze Luft. Merry's Brust ward auf gleiche Weise leichter.

So oft hatte er seinen Befehlshaber in Augenblicken der Gefahr bewundert, und seinen Ernst mit hoher Achtung kennen gelernt. So oft hatte ihn die Güte und Theilnahme in Stunden der Fröhlichkeit und Gesellschaft gefesselt. Jetzt saß der Jüngling schweigend da, und betrachtete seinen Obern mit einer Art Ehrfurcht. Lange und heftig tobte in Barnstable's Brust der Kampf. Doch am Ende beschwichtigte sich bei diesem der Sturm der Gefühle. Größere Ruhe kehrte wieder. Er stand vom Felsen auf. Das Auge blickte, als die, sein Antlitz verhüllenden Hände herabfielen, stolz und kühn. Die Braunen waren ein wenig zusammengezogen, und sein Gefährte staunte über den barschen Ton, mit dem er jetzt befahl:

»Komm Kadet; warum sind wir hier und so müßig? Erwarten jene armen Schiffbrüchigen nicht von uns Rath und Vorschriften, wie sie in diesem Jammer sich benehmen sollen? Marsch, Marsch! Jetzt ist nicht Zeit, mit dem Pallasch in den Sand Figuren zu zeichnen. Bald kommt die Fluth zurück, und wir müssen dann froh seyn, wenn wir unser Haupt in einer Höhle unter diesen Felsen bergen können. Laßt uns thätig seyn. Noch ist die Sonne am Himmel. Sehen wir nach, ob Nahrungsmittel und Waffen genug vorhanden sind, zu leben und den Feind vom Leibe abzuhalten, bis wir wieder flott werden können!«

Der Kadet hatte noch nicht gelernt, wie Leidenschaften einander bekämpfen, und war über diesen Befehl verwundert. Aber er folgte Barnstable nach dem Häuflein der entfernter stehenden Matrosen. Barnstable fühlte, das Unglück habe ihn rauh gemacht. Er mäßigte den raschen Schritt, sprach sanfter, und war bald wieder in dem freundschaftlichen Tone, welchen nur etwas düstere Schwermuth bezeichnete.

»Ja, Merry,« sagte er, »wir sind unglücklich gewesen. Aber verzweifeln dürfen wir noch nicht. Die Burschen haben dort eine Menge Vorräthe zusammengefischt, wie ich sehe. Unsere Arme können uns leicht zum Herrn eines kleinen feindlichen Fahrzeuges machen, und dann wollen wir schon, wenn der Sturm ausgeblasen hat, den Weg zur Fregatte finden. Wir müssen nur hübsch verborgen bleiben, sonst haben wir die Rothröcke auf dem Halse, wie ein Wrack die Haifische. Der arme Ariel! Man sieht doch auch auf der ganzen Küste nicht zwei Planken von ihm, die an einander hängen.«

Der Kadet achtete nicht dieser unerwarteten Anspielung auf ihr Schiff. Er ging im Gegentheil klüglich in der angesponnenen Vorstellung fort.

»Nicht weit von hier, etwas südlich, mündet sich ein Bach in's Meer. Da finden wir gewiß eine Höhle, oder es ist solche in dem Walde, den Ihr da oben seht. Von da haben wir die Küste vor uns liegen, und können bestimmt ein Fahrzeug wegnehmen.«

»Lieber wäre es mir, wenn wir bis zur Morgenwache warteten, und dann die Batterie wegnähmen, die dem Ariel das beste Bein wegschoß;« entgegnete Barnstable. »Das Ding ließe sich machen, Bursche! Wir können uns darin halten, bis die Alacrity und die Fregatte an die Küste kommt.«

»Wenn Ihr lieber ein Fort stürmen, als ein Fahrzeug kapern wollt; so liegt dorten gerade vor dem Boogspriet ein steinernes Gebäude!« bemerkte der Kadet. »Ich habe es durch den Nebel gesehn, als ich die Wache aussetzte.«

»Nun weiter? Sprich ohne Furcht, Knabe! Jetzt können wir ohne Umstände reden!«

»Nun weiter! – Die Besatzung würde nicht aus lauter Feinden bestehen. Wir könnten Griffith und den Kapitain von der Marine befreien. Außerdem –«

»Außerdem? – Was?«

»Hätte ich vielleicht Gelegenheit, meine Base Cecilia und mein gutes Mühmchen Katharine zu sehn!«

Barnstable's Züge wurden bei jedem Worte lebhafter. In seiner lustigen Weise beinahe antwortete er:

»Ja, wahrlich; das wäre eine Sache, die sich hören ließe! Unsere Leute und die Seesoldaten zu befreien, würde ein Wagstück seyn, das uns Ehre machte! – Höre, Bursche, das Uebrige ergäbe sich Alles von selbst, wie man eine Kauffartheiflotte nimmt, wenn das Convoy die Segel gestrichen hat!«

»Ich dächte, wenn die Abtei genommen würde, müßte sich der Oberst Howard zum Kriegsgefangenen ergeben?«

»Und die Mündel des Obersten! Sieh, Merry, Dein Plan ist herrlich. Ich will weiter darüber nachdenken! – Aber hier sind wir bei der Mannschaft! Sprich freundlich mit den armen Burschen, daß wir sie in guter Laune erhalten, wenn es zum Abmarsch geht!«

Barnstable und der Kadet gesellten sich zu den Schiffbrüchigen mit dem Gewicht, das der Obere gegen den Untern auf dem Schiffe selten fehlen läßt; aber doch in Blick und Rede so zutraulich, daß die jetzige bedenkliche Lage dabei ihr Recht behauptete. Es wurde gegessen, indem an der Küste, eine Stunde längs hin, viel angeschwommen war; dann befahl der Lieutnant, sich zu bewaffnen, so gut es geschehen konnte, und aus den gesammelten Vorräthen für vier und zwanzig Stunden mitzunehmen. Bald war das in Ordnung. Die ganze Mannschaft unter Barnstable's und Merry's Anführung zog längs dem Fuße der Klippen hin, die Einmündung jenes Baches zu suchen, der aus den Felsen in's Meer ging. Das winterliche Wetter, wie die Abgeschiedenheit dieser Gegend, verhinderten jede Entdeckung der kleinen Partei, die übrigens ihr Ziel mit einer Arglosigkeit verfolgte, welche unter andern Umständen leicht hätte gefährlich werden können.

Als sie in das Thal vom Bache kamen, ließ Barnstable Halt machen, und stieg bis fast auf die jähe Felsenwand hinauf, die eine seiner Seiten bildete. Er wollte noch einmal die Lage der Küste und die See in's Auge fassen. Doch seiner Miene nach schien er, als er langsam den Horizont von Süden nach Norden verfolgte, alle Hoffnung aufzugeben, und er beschloß, obschon ungern, den Bach hinauf zu gehen, als der Kadet, der an seinen Arm sich schmiegte, ausrief:

»Ein Segel! Das muß die Fregatte seyn!«

»Ein Segel?« wiederholte sein Oberer. »Wie kannst Du in dem Sturme ein Segel sehn! Sollte noch ein Schiff so keck und unglücklich seyn, wie wir?«

»Seht doch nur Steuerbord von jener Felsenspitze unter dem Winde gelegen!« rief Merry. – »Seht Ihr's noch nicht? – Ach, jetzt fallen die Sonnenstralen darauf! Es ist ein Segel, so gewiß, als daß in solchem Sturme Segel aufgesetzt werden können!«

»Ich sehe, was Du meinst;« gab der Andere zu. »Man sollte aber denken, es sey eine Möwe, die über's Meer hineilt. Ja, jetzt kommt es heraus! Wahrhaftig! Es führt, wie es scheint, das Topsegel! Gieb einmal das Glas her! Der Bursche im Meere kann es mit uns gut meinen!«

Merry erwartete mit jugendlicher Ungeduld, was seines Lieutnants Auge erspähen würde.

Gleich fragte er: »Nun, könnt Ihr es wegbekommen? Ist es die Fregatte oder der Kutter?«

»Komm! Hier scheint einige Hoffnung für uns aufzugehn!« sagte Barnstable, und schob das Sehrohr zusammen. »Es ist ein Schiff, das mit dem großen Schönfahrsegel vor dem Winde hingeht. Wenn sich Einer auf diese Felsenspitze wagen dürfte; so könnte man die Gestalt besser wegbekommen, und sehen, welche Flagge es führt. Aber ich denke, ich kenne die Raaen. Es verschwindet freilich manchmal das Hauptsegel hinter den Wogen, daß man nichts sehen kann, als die bloßen Mastenspitzen, und von diesen sind obendrein die Bramstangen abgenommen.«

»Man sollte schwören,« sagte Merry lachend, da ihn diese Nachricht freudig ergriff, »Kapitain Munson wolle nie Holz aufsetzen, wenn er nicht auch Segel aufsetzen kann Um die Masten zu verlängern, werden noch besonders Stangen aufgesetzt, (Bramstangen) an denen man Segel befestigt (Bramsegel). Beide waren hier abgenommen. D. Ueb.. Ich weiß noch, daß eines Abends Herr Griffith ein wenig übler Laune war, und an der Spille sagte: ›Nun der nächste Befehl wird wohl lauten, den Boogspriet einzunehmen, und die Untermasten umzulegen.‹«

»Ja, Griffith ist ein Sorgenlos! Manchmal aber läßt er Alles, wie im Traume gehn!« sagte Barnstable. »Vermuthlich hat der alte Herr Bedachtsam frischen Wind. Nun fürwahr – das scheint doch Ernst zu werden. Er muß im offenen Meere gekreuzt haben: denn wo er jetzt ist, hätte er nicht bleiben können. Ich glaube wirklich, der alte Ehrenmann erinnert sich, daß er ein Paar von seinen Offizieren und Soldaten auf der verfluchten Insel hat. Das ist gut, Merry. Denn sollten wir die Abtei nehmen; so haben wir doch gleich ein Plätzchen, wo wir unsere Gefangenen hinbringen!«

»Bis Morgen früh müssen wir Geduld haben!« bemerkte der Kadet. »Bei solchem Hohlgehen der See könnte sich kein Boot an's Land wagen!«

»Keines könnte es wagen! Ach das beste Schiff, das je flott war, ist in diesen Klippen gesunken! – Doch der Sturm läßt nach. Bevor es tagt, wird die See ruhig werden! Laß nur fortgehn und ein Plätzchen für unsere armen Jungen suchen, wo sie sich erholen können!«

Beide stiegen von der Höhe herab, und gingen im tiefen engen Thal dahin, bis sie allmälig höher kamen und sich in einem dichten Gehölze befanden, das mit der ganzen Gegend herum in gleicher Höhe lag.

»Hier muß eine Ruine in der Nähe seyn, wenn ich richtig gerechnet und den Curs und alle Entfernungen im Kopfe behalten habe!« sagte Barnstable. »Ich habe eine Karte bei mir, die von so einem Situationspunkte spricht!«

Der Lieutnant drehte sich etwas seitwärts: denn er sah, daß der Kadet lächelte.

»Ist die Karte von Jemandem gezeichnet, der die Küste gut kennt?« fragte er spitzig, »oder hat sie ein Schüler nach einem Muster entworfen, wie die Mädchen nach einem Muster sticken?«

»Komm, Junker, sey kein Muster von Dreistigkeit! – Sieh Dich einmal um! Kannst Du irgendwo eine verlassene Wohnung wahrnehmen?«

»Ei ja, da liegt ein Gemäuer vor uns, das sieht schwarz und verfallen aus, wie eine Kaserne. Sucht Ihr das vielleicht?«

»Weiß Gott, das war einmal ein ganzer Marktflecken! In Amerika nennten wir's eine Stadt, und setzten einen Friedensrichter, Alderman und Syndikus hin!«

So sorglos scherzend, zum Theil, um seinen Leuten keinen Anlaß zu Vermuthungen zu geben, näherten sie sich den zerfallenen Mauern, die Griffith's Mannschaft so wenig Schutz gewährt hatten.

Einige Zeit ward zur Untersuchung des Gebäudes verwendet. Die erschöpften Seeleute quartierten sich in einem der verfallenen Gemächer ein, und suchten die Ruhe, welche ihnen die Ereignisse der jüngsten Nacht geraubt hatten.

Barnstable wartete, bis ihr lautes Schnarchen ihm sagte, sie schliefen; dann weckte er auch den Kadet, der ebenfalls eingenickt war, und bedeutete ihn, zu folgen. Merry stand auf. Sie gingen leise aus dem Gemach und verloren sich tiefer im Innern des Gebäudes.

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