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Der Lootse oder Abenteuer an Englands Küste. Dritter Theil

James Fenimore Cooper: Der Lootse oder Abenteuer an Englands Küste. Dritter Theil - Kapitel 11
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authorJames Fenimore Cooper
titleDer Lootse oder Abenteuer an Englands Küste. Dritter Theil
senderHerbert Niephaus
publisherAdolf Wienbrack
year1824
created20171117
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IX.

 

Ganz wüthend dringt er in die Feinde,
Treibt ihren Angriff bald zurück.
Doch blutend finden ihn die Freunde,
Und bald verläßt ihn falsch das Glück!

Spanisches Lied.

 

 

Wir können unsere Erzählung nicht mit der Schilderung des Staunens aufhalten, welches die glücklichen Matrosen, die mit Ruhm bedeckt von ihrer Expedition zurückgekehrt waren, bei ihren an Bord gebliebenen Kameraden rege machten. Fast eine Stunde war selbst in den entferntesten tiefern Theilen des Schiffes allgemeiner Lärm. Geduldig ließen die Offiziere dem lauten Jubel freien Lauf. Doch als das Frühstück vorbei war, wurde der ungezügelten Freude ein Ende gemacht. Die gewöhnliche Wache zog auf. Der größere Theil derer, die nicht im Dienste nöthig waren, benutzte die Gelegenheit, den Schlaf, dessen sie in der vorigen Nacht entbehrt hatten, nachzuholen.

Doch wurde noch keine Anstalt getroffen, die Schiffe in Gang zu bringen. Die jüngern Offiziere sahen nur, daß zwischen dem Kapitain, dem ersten Lieutnant und dem wunderbaren Lootsen, lange und ernste Berathung Statt fand, die, wie sie meinten, die fernere Bestimmung der Fregatte zum Ziel hatte. Der Lootse sah manchmal unruhig nach Osten hin, und spähte sorglich mit dem Fernrohr. Dann schaute er wiederum geduldig auf den niedrig hinziehenden, dichten Nebel, der längs dem Ozean wie eine Wolkenschicht lag und nach Süden dem Blicke eine undurchdringliche Scheidewand entgegenstellte.

Nach Norden, längs der Küste hin, war der Himmel rein, und auf dem ganzen Meer kein Gegenstand wahrzunehmen. Aber in Osten sah man von Zeit zu Zeit, seitdem es Tag geworden war, ein kleines weißes Segel. Nach und nach tauchte es auf den Fluthen auf und erschien als bedeutendes Fahrzeug. Jeder Offizier auf dem Hinterdeck musterte das ferne Schiff und äußerte seine Meinung über Bestimmung und Art desselben. Selbst Katharine, die mit ihrer Base die freie Luft einathmete, und sich an den neuen Schönheiten des Meeres ergötzte, nahm das Fernrohr vor die Augen, nach dem Fremdling zu spähen.

»Es ist ein Kohlenschiff!« sagte Griffith. »Der jüngste Sturm hat es vom Lande verschlagen. Es sucht nun wieder die Küste zu gewinnen. Wenn der Wind südlich bleibt, wenn es nicht in dem Nebel verschwindet, können wir Jagd darauf machen, und ehe es Acht schlägt, unser Brennmaterial ergänzen!«

»Ich glaube, es steuert nach Norden, und zwar mit dem Winde!« bemerkte der Lootse sinnend. »Wenn es dem Dillon glückte, seinen Boten weit genug nach der Küste hinab zu senden; so ist Lärm gemacht worden, und wir müssen auf unserer Hut seyn. Die Bedeckung der Ostseeflotte ist in der Nordsee. Nachricht von unserm Kreuzen kann sie leicht durch einige Kutter erhalten haben, die an der Küste liegen. Ich wollte, wir könnten die Höhe vom Helder gewinnen!«

»Dann kommen wir aus unserm Striche!« entgegnete der ungeduldige Griffith. »Uebrigens haben wir den Kutter als Wachschiff. Geht das feindliche Schiff dem Nebel zu, vorausgesetzt, daß es feindlich ist; so kommen wir ihm so aus dem Gesicht. Und schickt es sich denn für eine amerikanische Fregatte, vor dem Feinde zu fliehen?«

Der zornige Blick, der im Auge des Lootsen funkelte, ging bald vorüber. Doch stand er mit der Antwort an. Er schien mit seinem innern Gefühl zu kämpfen.

»Wenn die Klugheit, der Vortheil der dreizehn Staaten es erfodert, muß diese stolze Fregatte dem geringsten ihrer Feinde ausweichen und sich entfernen!« rief er endlich. »Mein Rath, Kapitain Munson, ist, Ihr steckt Segel auf, und haltet nach dem Winde zu, ganz Herrn Griffiths Meinung gemäß. Den Kutter laßt voraussegeln und mehr nach der Küste hingehn!«

Der betagte Seemann hatte offenbar mit seinen Befehlen zurückgehalten, um erst die Ansicht des Lootsen zu hören. Jetzt befahl er dem jungen Gefährten sogleich, das Nöthige anzuordnen, diese Maaßregel in Ausführung zu bringen. Die Alacrity, unter dem Befehl des jüngsten Lieutnants, eilte schnell dahin. Sie lavirte einige Mal, kam dann in den Nebel, und war außer dem Gesichte. Während dessen wurden allmählig die Segel losgebunden, ohne daß die schlafende Mannschaft geweckt wurde. Langsam folgte die Fregatte in der Richtung des Kutters, gegen den schwachen Wind hinsegelnd.

Die Segel waren in Ordnung. Die Ruhe des gewöhnlichen Dienstes folgte dem Geräusch, das beim Aufziehen der erstern herrschte. Die entgegen liegende Küste wurde von der Sonne erhellt. Griffith unterhielt sich, indem er hörte, wie Cecilie und Katharine sich vergebliche Mühe gaben, jeden Punkt zu bezeichnen, den sie in der Nähe der verlassenen Abtei von St. Ruth zu sehn glaubten. Barnstable hatte seinen frühern Posten, als zweiter Lieutnant auf der Fregatte, wieder angetreten. Er ging auf der andern Seite des Hinterdecks auf und ab, unter dem Arm das Sprachrohr haltend, den Dienst bei den Manövres zu leiten. Im Stillen verwünschte er den Zwang, der ihn fern von seinem Mädchen zu bleiben nöthigte.

In diesem Augenblick allgemeiner Ruhe, wo das leise Gespräch kaum durch das Geräusch der Wellen unterbrochen war, die mit mäßiger Gewalt an dem Bauche des Schiffes spielten, blitzte auf einmal im Nebel eine Kanone, und über den steigenden und sinkenden Wogen rollte Donner derselben dahin.

»Das ist der Kutter!« rief Griffith, so wie er den Schuß hörte.

»Ganz gewiß!« sagte der Kapitain. »Der Lieutnant Somers auf ihm ist nicht so einfältig, seine Kanonen zu vernageln, wenn er solche Weisung erhalten hat.«

»Unnütze Kanonade kann hier nicht beabsichtigt seyn!« bemerkte der Lootse, und suchte, obschon umsonst, den Nebel zu durchspähen. Verdrießlich, daß ihm dies nicht gelang, setzte er hinzu:

»Die Kanone war geladen, und wurde um schnell ein Signal zu geben, abgefeuert. – Kann man nichts im Mastkorbe sehn, Lieutnant Barnstable?«

Barnstable, welcher die Wache hatte, rief den Mann oben an, und fragte, ob etwas in der Richtung mit dem Winde wahrnehmbar sey. – Die Antwort lautete, der Nebel hindere jede Aussicht nach diesem Punkte hin, dagegen segle das Schiff im Osten mit vollem Winde heran.

Der Lootse schüttelte zweifelnd mit dem Kopfe bei dieser Meldung, und dachte um so weniger daran, die Richtung nach Süden aufzugeben. Er besprach sich, fern von Allen, mit dem Kommendanten, und während Beide noch redeten, fiel ein zweiter Schuß. Es war außer Zweifel, daß die Alacrity die Aufmerksamkeit der Fregatte rege machen wollte.

»Vielleicht,« bemerkte Griffith, »will sie uns sagen, wo sie ist, oder wissen, wo wir sind. Wir stecken, denkt sie, im Nebel, wie sie selbst.«

»Wir haben ja unsern Compaß!« erwiderte der Kapitain zweifelnd. »Lieutnant Somers weiß, was er sagt!«

»Sieh' einmal!« rief Katharine mit kindlicher Freude, »liebe Cecilie; Barnstable, sieh einmal, wie herrlich dort über dem Nebel diese Dunstmasse guirlandenförmig in die Höhe steigt! Sie reicht fast bis in den Himmel, wie eine stolze Pyramide!«

Barnstable sprang flüchtig auf eine Kanone.

»Pyramiden von Nebel und guirlandenförmiges Gewölke!« rief er wiederholend. »Beim Himmel! das ist ein schmuckes Schiff. Alle Segel sind aufgezogen! Eine halbe Stunde von uns steuert es wie ein Wettrenner mit vollem Winde gegen uns herauf! Nun wissen wir, was Somers im Nebel zu sagen hatte!«

»Ach,« schrie Griffith, »da kommt die Alacrity aus dem Nebel heraus und hält nach dem Lande hin!«

»Das ist ein großes Gebäude unter der großen Masse von Segeln!« sagte der Lootse beobachtend, aber ruhig. »Jetzt wird es Zeit, Ihr Herren, den Wind zu gewinnen!«

»Was? Bevor wir wissen, wer uns jagt?« entgegnete Griffith. »Mein Leben setz' ich ein, König Georg hat kein Schiff, das nicht des Spaßes überdrüssig würde, bevor es seine Parthie à la Boule mit uns geendigt hat!«

Der stolze Blick des jungen Mannes ward durch den Ernst in Schranken gehalten, der sich im Auge des Lootsen zeigte. Griffith schwieg plötzlich. Innerlich ärgerte er sich voll ungeduldigen Stolzes.

»Das Auge, welches diese Segelmasse im Nebel entdeckte, hätte auch über der letztern die Vizeadmiralsflagge sehn können!« sagte der besonnene Lootse. »England begehe Fehler, wie es wolle; doch denkt es zu edel, einem Flaggenoffizier in der Zeit des Krieges das Kommando einer Fregatte, oder einem Kapitain das einer Flotte anzuvertrauen. Es kennt den Werth derer, die zu seinem Besten ihr Blut versprützen, und darum wird ihm treu gedient. Glaubt mir, Kapitain Munson, unter diesem Zeichen des Ranges, mit diesen breiten Segeln, haben wir nichts weniger, als ein Schiff von der Linie vor uns!«

»Wir werden 's sehn! Wir werden 's sehn!« antwortete der alte Kapitain ganz kurz: denn so wie die Gefahr größer wurde, nahm auch seine Entschlossenheit zu. –

»Laßt Lärm schlagen, Herr Griffith! An dieser Küste sind überall nur Feinde zu erwarten!«

Kaum war der Befehl gegeben, als Griffith kaltblütiger bemerkte:

»Wenn Herr Gray Recht hat, müssen wir Gott danken, daß wir so flüchtigen Kiel haben!«

Das Geschrei: »ein feindliches Schiff nicht weit von der Fregatte!« war bereits durch jede Lücke gedrungen, und beim ersten Trommelschlage kam Alles in Aufruhr. Die Matrosen sprangen aus ihren Hängematten, und banden sie lang und fest zusammen. Rasch ging es damit auf's Verdeck hin, wo sie mit gewandter Hand unten in's Takelwerk gelegt wurden, um den Bord des Schiffes leichter vertheidigen zu können. Während des unruhigen Auftritts gab Griffith Merry einen geheimen Befehl. Er verschwand, um seine zitternden Basen in dem innersten Raume des Schiffes in Sicherheit zu bringen.

Die Kanonen wurden in den gehörigen Stand gesetzt, und gerichtet, die Verschläge sanken nieder; aus der Kajüte wurden die Möbel herausgeschafft; das große Verdeck zeigte eine ununterbrochene Reihe von Kanonen, die vollkommen zu einer Schiffsbatterie geordnet war, und jeden Augenblick losdonnern konnte. Gewehrkisten standen offen da. Piken, Säbel, Pistolen, und alle verschiedenen Waffen zum Entern schichtete man auf dem Verdecke. – Kurz, jede Vorbereitung war so schnell und gewandt getroffen, daß sie ans Wundervolle gränzte, da Alles den Schein der Unordnung und Verwirrung an sich trug, und das Schiff während dieser Maßregeln ein anderes Babel zu seyn schien. In wenig Augenblicken war jedes Ding vollendet, und selbst Stimmen verhallten, die man bis jetzt, als auf ihren Posten von den Offizieren beim Apell verlesen wurden, ihre Namen beantworten hörte. Allmählig ward es auf dem Schiffe still, wie im Grabe, und selbst wenn Griffith oder sein Kapitain etwas zu sprechen hatte, geschah es in ruhigem, milderem Tone, als gewöhnlich.

Der Lauf des Schiffes war in einer schiefen Linie abgeändert, so daß es sich nicht mehr dem Feinde näherte, obschon jeder Schein der Flucht zum letzten Augenblick vermieden war. Als aber nichts mehr übrig blieb, betrachtete jeder das ungeheure Gebäude mit den schwellenden Segeln, die sich gleich Wolken über Wolken thürmten, und aus dem Nebel heraustraten, und wie ein Gebild desselben schnell nach Norden hinzogen. Die dicken, grauen Dünste, die noch auf dem Wasser lagen, wurden jetzt in großen Massen verjagt. Die langen Raaen, welche vom Boogspriet hinliefen, traten aus der Dunkelheit heraus, und schnell folgte ihnen der ganze große Koloß, wovon dies Alles ein unbedeutendes Nebending war. Einen Augenblick hefteten sich noch gleichsam kämpfend manche Wolken an das schwimmende Gebäude. Aber der schnelle Lauf desselben schüttelte sie bald ab, und das Riesengebäude war nun dem Auge völlig Preis gegeben.

»Eine, zwei, drei Reihen Zähne!« sagte Boltrope, und zählte bedächtig die drei Kanonenreihen, die an beiden Seiten herausguckten. »Ein Dreidecker! Vor dem Burschen riss' ein Anderer aus, und selbst der blutgierige Schotte Paul Jones. Daß er an Bord ist, weiß der ehrliche Boltrope nicht. D. Ueb. würde das Weite suchen!«

»Ganz mit dem Winde, Hochbootsmann!« schrie Kapitain Munson. »Hier ist keine Zeit zum Besinnen. Ein solcher Feind, und kaum eine Viertelstunde auseinander! Laßt alle Hände angreifen, Herr Griffith! Alle Segel, vom größten bis zum kleinsten aufgesetzt! Frisch und munter! Mit vollem Winde! Greift an! Daß Euch der Teufel!«

Das ungewöhnliche Feuer des alten Kapitains wirkte bei der staunenden Mannschaft, wie eine Stimme aus der Tiefe des Meeres. Sie wartete nicht auf das gewöhnliche Signal des Bootsmannes oder Tambours, bevor sie von ihren Kanonen eilte, und in gedrängten Haufen die Leitern hinauf kletterte, alle Segel aufzubinden. Ein Augenblick der ängstlichsten Unruhe schien jetzt gekommen. Das damit nicht bekannte Auge würde die Zerstörung des Schiffes daraus geschlossen haben. Jede Hand, jede Zunge schien Bewegung. Allein es endete damit, daß eine unendliche Menge von kleinen Segeln längs der ganzen Höhe der Masten herabsank, und weit über den Bord des Schiffes hinaus auf beiden Seiten die Fluthen beschattete. Ein Moment der Unthätigkeit folgte. Der Wind, welcher den Dreidecker herbeigeführt hatte, griff auch frischer in die Segel der Fregatte ein. Sie schoß vor dem gefährlichen Feinde mit einer Geschwindigkeit hin, die den Vortheil des Schnellersegelns offenbar darthat.

»Der Nebel steigt!« schrie Griffith. »Wenn wir eine Stunde den Wind haben, sind wir aus dem Bereich ihrer feindlichen Kanonen.«

»Die Neunziger Schiff mit 90 Kanonen. d. Ueb. tragen weit!« entgegnete der Kapitain ganz leise, daß es nur der erste Lieutnant und der Lootse vernahm. »Wir werden wohl zu thun bekommen!«

Der Fremde musterte mit schnellem Ueberblicke die Manoeuvres des Feindes.

»Er merkt es bereits,« sagte der Lootse, »daß wir uns fortmachen, und wenn wir einer vollen Lage entgehn, wollen wir uns glücklich preisen. Laßt die Fregatte ein Wenig wechseln, und das Steuerruder Seitenlage geben. Wenn wir volle Ladung bekommen, sind wir verloren.«

Der Kapitain sprang auf den Bord, kräftig, wie ein Jüngling, und im Augenblick sah er ein, der Fremdling habe recht.

Beide Schiffe schossen einige Minuten lang hin, und beobachteten kühn die gegenseitigen Bewegungen, wie zwei gewandte Kämpfer. Der Engländer bog manchmal ein Wenig aus dem Striche. Kaum aber errieth die Fregatte seine Bewegungen, so nahm er wieder die entgegengesetzte, bis endlich eine entscheidende Wendung den Amerikanern deutlich sagte, von welcher Seite her der Streich treffen sollte.

Kapitain Munson machte mit dem Arme schweigende, aber sprechende Bewegung, gleichsam, als sey der Augenblick zu entscheidend, um zu reden. Der wachsame Griffith ersah daraus, welchen Weg er die Fregatte nehmen lassen sollte, um die drohende Gefahr etwas zu mindern. Doch beide Schiffe flogen pfeilschnell aus dem Winde Landeinwärts hin, und als die schwarze Seitenwand des Dreideckers gegenüber lag, spie er aus seinen Schlünden eine Fluth von Feuer und Rauch unter donnerndem Krachen, als verspotte er das dumpfe Brausen des schlafenden Ozeans. Die Nerven der tapfersten Männer auf der Fregatte fuhren zusammen, als der Donner so brüllte. Jedes Auge schien mit stummen Staunen den Lauf der schnellen Zerstörungsmittel erspähen zu wollen. Doch mitten im Aufruhre ward die Stimme des Kapitain Munson gehört. Er winkte zugleich mit dem Hute in der nämlichen Richtung:

»Gewendet! Gewendet! Geschwind, Herr Griffith, an's Steuerruder!«

Griffith hatte diese Bewegung schon so weit voraus gesehn, daß er bereits das Vordertheil es Schiffes in die frühere Linie gebracht hatte. Da verstummten abgebrochen die letzten Worte seines Kommendanten. Er sah in die Höhe. Der ehrwürdige Seemann flog in der Luft hin. Noch immer schwenkte er den Hut. Sein graues Haar flatterte im Winde. Das Auge brach vom Tode ergriffen.

»Großer Gott!« rief der junge Mann aus, und sprang nach der Seite des Schiffes hin, wo er gerade noch den leblosen Leichnam in den Fluthen, welche sein Blut färbte, verschwinden sah. »Eine Kugel hat ihn getroffen! Setzt ein Boot aus! Die Barke, den Tiger hinab!«

»Es wär' umsonst!« unterbrach ihn der Lootse ruhig. »Er hat den Tod des Kriegers gefunden, und schläft im Grabe eines Seemanns. Das Schiff geht schon wieder mit dem Winde, und der Feind bleibt zurück!«

Der junge Lieutnant ward durch diese Bemerkung zu seiner Pflicht zurückgebracht. Mit Schmerzen wandte er das Auge von der blutigen Spur des dunkeln Gewässers weg. Schon hatte die schnelle Fregatte sie durchschnitten. Er übernahm mit erzwungener Fassung das Kommando derselben aufs Neue.

»Der Feind hat uns ein Bischen Takelwerk zerschossen!« rapportirte der Segelmeister, dessen Auge immer jede Sparre, jedes Tau verfolgt hatte, »und da ist auch ein Splitter vom großen Maste. Er ist dick genug zu einem Splitzholm Ein Werkzeug, zwei Tauwerke zusammen zu flechten. D. Ueb.. Hier in den Segeln, da scheint ein bischen Licht durch. Aber im Ganzen genommen ist der Brodel darüber hingegangen und hat nicht viel Schaden gethan. Ich hörte, dächt' ich, der Kapitain Munson hätte eine Schramme bekommen?«

»Er ist erschossen!« erwiederte Griffith, und sein Ton war Wiederhall des erschütterten Herzens. »Er ist erschossen über Bord geschleudert worden! Um so mehr dürfen wir uns bei dieser schrecklichen Lage nicht vergessen.«

»Todt?« wiederholte Boltrope, und seine Kinnladen, welche tüchtig Tabak kamen, hielten mit der Arbeit inne. »Todt, und in einer nassen Jacke begraben! Nun, es ist nur ein Glück, daß es nicht noch schlimmer gekommen ist. Ich dachte ja, hohl mich der und jener, jede Rippe vom Schiff wär' auseinander getrennt!«

Mit diesen tröstenden Bemerkungen ging der Segelmeister langsam hin, und gab fortwährend seine Befehle, den Schaden auszubessern, mit der Kaltblütigkeit, die ihn, so unvollkommener Freund er dadurch war, doch unschätzbar auf seinem Posten machte.

Noch hatte Griffith nicht wieder die Ruhe erlangen können, die ihm wesentlich zur Erfüllung so plötzlich, so schrecklich zugefallener Pflichten nothwendig war, als der Lootse leise seinen Ellenbogen berührte, und ihn bei Seite zog.

»Der Feind,« sagte er ihm ins Ohr, »scheint sich mit dem Versuche zu begnügen, und da wir schneller segeln; so hat er als guter Seemann, keine Ursache die Lage zu wiederholen.«

»Allein da wir ihm so schnell aus den Augen kommen,« bemerkte Griffith, »muß er doch sehen, daß alle seine Hoffnung nur auf Vernichtung unsers Takelwerks beruht? Ich fürchte, er wird wieder im Augenblick mit dem Winde da seyn, und uns eine Seitenladung geben. Wir müssen eine Viertelstunde haben, um aus der Schußweite zu kommen, und wenn er selbst vor Anker läge!«

»Er spielt ein sicheres Spiel. Seht Ihr nicht das Schiff, welches wir in Osten ansichtig wurden? Es ist eine Fregatte. Ohne Zweifel gehören sie zu einem Geschwader, zu dem, das man unsertwegen aufgeboten hat. Der englische Admiral hat zuerst Jagd gemacht, und da er nun hinter uns bleibt, sieht er, daß sein Plan gelungen ist.«

Griffith's Kopf war zu sehr mit dem nachjagenden Dreidecker beschäftigt gewesen, um auf den Ozean hinaus zu schauen. Allein durch des Lootsen Angabe, der so kaltblütig wie ein Mann sprach, welcher die sich nähernde Gefahr kennt, aufgeregt, nahm er das Glas von ihm, und prüfte mit eignen Augen die verschiedenen Schiffe, die auf dem Meere sichtbar waren. Es war deutlich, daß der erfahrne Offizier, dessen Flagge über den kleinen Ober-Segeln des Dreideckers wehte, die gefährliche Lage der von ihm gejagten Fregatte sehen und also in der Art urtheilen müßte, wie der Lootse meinte: sonst würde das gefährliche Experiment, welches Griffith fürchtete, wiederhohlt worden seyn. Die Klugheit aber sagte ihm, daß er seinem Feinde den Rückzug abschneiden, und sich so dicht hinter ihm drein zu halten suchen müsse, als möglich, um ihn den Weg zwischen seinem Schiffe und der nächsten Fregatte von seinem Geschwader zu verwehren, weil er dann die offene See hätte gewinnen können.

Der mit solchen Verhältnissen nicht vertraute Leser wird das Ganze besser verstehen, wenn er dem forschenden Blick Griffith's folgt, wie dieser von Punkt zu Punkt längs dem ganzen Horizonte hinschweift. Nach Abend lag die Küste. Längs ihr segelte die Alacrity, sorglich bemüht mit der Fregatte gleichen Strich zu halten, und die gefährliche Nähe des gewaltigen Feindes zu meiden. Nach Osten vom Steuerbord der amerikanischen Fregatte war das zuerst gesehene Schiff, das aber jetzt erst sich als feindliches auswies, und gerade zu mit aller Eile heraufsegelte. Nach Nordost dagegen sah man ein anderes, aber kaum wahrnehmbares, nur so konnten auch seine Bewegungen bei einem, der den Seekrieg kannte, nicht falsch gedeutet werden.

»Wir sind wirklich abgeschnitten!« sagte Griffith, und that das Glas weg. »Ich weiß nicht, ob es nicht das Beste wäre, nach der Küste hin zu halten, und auf's Gerathewohl neben der Flanke des Flaggenschiffes vorbei zu gehn?«

»Es ist die Frage, ob uns ein Lappen vom ganzen Segelwerk bliebe!« erwiederte der Lootse. – »Das ist eine thörichte Hoffnung! In zehn Minuten wär' unser Schiff bis auf die Planken entkleidet. Wären wir nicht so glücklich gewesen, die meisten feindlichen Kugeln über uns hinweggehn zu sehn; so dürften wir schon jetzt nicht sagen, daß uns nach der ersten Lage etwas übrig geblieben wäre. Wir müssen fort, und dem Dreidecker so weit ausweichen, als möglich.«

»Aber die Fregatten!« bemerkte Griffith. »Was thun wir mit den Fregatten?«

»Wir greifen sie an!« versetzte der Lootse entschlossen, aber leise. »Wir greifen sie an! Junger Mann, ich habe Amerika's dreizehn Sterne im heftigen Kampfe, und immer mit Ehren aufgepflanzt! Fürchtet nicht, daß mich jetzt mein Glück verlassen wird!«

»Es wird einen verzweifelten Kampf geben!«

»Darauf müssen wir gefaßt seyn! Doch ich habe manchen blutigen Tag durchlebt. Ihr seht einen Mann, der nicht vor dem Feinde zittert!«

»Laßt mich Euern Namen den Leuten nennen! Er wird ihr Blut rascher umtreiben und in diesem Augenblick neue Hülfe gewähren!«

»Dies ist unnöthig!« entgegnete der Lootse, Griffith's Feuereifer durch eine Geberde beschwichtigend. »Ich will nicht bemerkt seyn, bis ich mich zeige, wie sich's für mich gehört! Eure Gefahren theile ich. Den Anspruch auf den Ruhm will ich Euch nicht rauben!« – »Kommen wir zum Handgemenge;« fuhr er lächelnd fort, und es schien, als lagere sich das Bewußtsein des Stolzes auf seinen Zügen, »so will ich meinen Namen zum Kriegsgeschrei geben, und glaubt mir, diese Engländer werden vor ihm zittern!«

Griffith fügte sich in des Fremden Willen. Beide berathschlagten über die noch nöthigen Bewegungen. Dann sah der Erstere auf die Leitung der Fregatte. Als er den Lootsen verließ, stieß er zuerst auf den Oberst Howard, der auf dem Hinterkastelle mit stolzem Blicke und Entschlossenheit auf- und abging, als genösse er schon den Sieg, welcher ihm ganz gewiß schien.

»Ich fürchte,« redete ihn Griffith ehrerbietig an, »Ihr werdet das Verdeck bald gefährlich und bedenklich finden. Eure Mündel sind –«

»Kein solches, mich entehrendes Wort!« unterbrach ihn Howard. »Kann es für mich ein größeres Labsal geben, als die Luft einzuathmen, welche von jenem Bilde der Loyalität herüberweht? Ihr kennt den alten Georg Howard noch zu wenig, junger Mann, wenn Ihr meint, daß er für Tausende den Anblick der Flagge entbehren möchte, welche jetzt, ein Zeichen der Rebellion, vor der Sr. Majestät gestrichen werden muß!«

»Wenn das Euer Wunsch ist;« entgegnete Griffith, und biß sich in die Lippen, indessen die Matrosen erstaunend in Menge herumstanden; »so werdet Ihr lange warten können! – Doch mein Wort darauf! falls der Augenblick kommen sollte; so werde ich es Euch melden, und Eure Hand selbst soll die unwürdige That vollbringen!«

»Eduard Griffith! Warum thust Du es nicht gleich jetzt? Dies ist der Augenblick der Reue! Unterwirf Dich der Gnade des Königs! Antworte Dein Volk seiner Barmherzigkeit aus! Ich werde in dem Falle den Sohn vom Freunde meines Bruders Harry nicht vergessen! Glaube mir, die Minister kennen meinen Namen! – Und Ihr, irregeleitete, unwissende Werkzeuge der Rebellion! Werft die Waffen weg, die Euch nichts nützen, oder bereitet Euch, die Rache jenes mächtigen und siegreichen Dieners von Eurem König zu fühlen!«

»Zurück! Zurück! Ihr Jungens!« rief Griffith zornig den Matrosen zu, welche den Obersten mit wüthenden Blicken umzingelten. »Wer Hand an ihn legt, wird gleich über Bord geworfen!«

Die Matrosen wichen auf diesen Befehl zurück. Der stolze Veteran ging noch einige Minuten auf und ab. Dann zogen Dinge von größerer Wichtigkeit die Augen Aller auf sich.

Obschon das Linienschiff allmählig ganz hinter den Wogen verschwand, und nach einer halben Stunde, seitdem es die Lage gegeben hatte, vom Verdecke der Fregatte aus nur noch eine Reihe seiner Stückpforten zu sehn war, immer machte es doch jeden Rückzug nach Süden hin unmöglich. Auf der andern Seite kam das zuerst gesehene Schiff so nahe herbei, daß nun kein Fernrohr mehr nöthig war, um jedes seiner Manöuvres zu beurtheilen. Es wies sich als eine Fregatte aus, die indessen kleiner als die amerikanische, und deren Eroberung sehr leicht war, wenn nicht die beiden andern Schiffe ebenfalls geeilt hätten, auf dem Kampfplatz einzutreffen.

Während der Jagd, welche die Fregatte aushielt, war sie der St. Ruth gegenüber liegenden Landspitze oder Klippenreihe nahe gekommen, wo unsere Erzählung begann. Kaum traf sie auf diesem Punkte ein, als das kleinste der englischen Schiffe so dicht heran war, daß der Kampf unvermeidlich blieb. Griffith und seine Mannschaft waren in der Zwischenzeit nicht müßig gewesen. Sie hatten alle gewöhnlichen Vorbereitungen zum Streite in gehöriger Art getroffen. Die Trommel rief jeden auf seinen Posten. Mit Umsicht war jedes unnöthige Segel eingezogen, wie ein Kämpfer, der in den Kreis treten will, die Last der Kleider von sich wirft. Im nämlichen Augenblick, wo die Fregatte sich bereit zeigte, auf die Flucht zu verzichten, und es auf den Ausgang des Streites ankommen zu lassen schien, zog auch der Engländer die leichten Segel ein, zum Zeichen, daß er die Ausforderung annahm.

»Das Ding sieht nur aus, wie eine Fregatte!« sagte Griffith zum Lootsen, der, auf den Elbogen gestützt, gleich einem Vater theilnehmend sein Benehmen beobachtete. »Aber der Bursche zeigt Courage!«

»Wir müssen ihn mit Einem Schlage niederwerfen. Nicht ein Schuß muß fallen, bis unsere Raaen mit den seinigen zusammenklappern!« entgegnete der Lootse.

»Ich sehe, er richtet schon seine Zwölfpfünder. Jeden Augenblick können wir auf eine Lage gefaßt seyn!«

»Wer das Feuer von einem Dreidecker mit neunzig Kanonen ausgehalten hat,« bemerkte der Lootse gelassen, »wird sich nicht vor der Seitenlage eines Zweiunddreißigers fürchten!«

»Jeder an die Kanonen!« donnerte Griffith durch's Sprachrohr zu. »Nicht ein Schuß ohne Ordre!«

Kaum war dieser Befehl, der, um die Ungeduld der Mannschaft zu zügeln, wirklich nothwendig wurde, gegeben; als der Feind in einer Wolke von Feuer und Rauch verschwand, indem bei ihm Schuß auf Schuß seine Eisenmassen in schneller Folge zuschleuderte. Zehn Minuten verstrichen so. Mit jedem Knoten vorwärts trafen beide Schiffe dichter auf einander, und Griffith mußte seine Mannschaft nur immer aufmuntern, das Feuer ihres Gegners zu dulden, ohne einen Schuß zu erwiedern. Die kurze Zeit schien der Besatzung eine Ewigkeit, und ward von einem tiefen Stillschweigen bezeichnet. Selbst Verwundete und Sterbende, deren es auf allen Punkten gab, unterdrückten ihre Seufzer, weil es der strenge Zwang des Dienstes verlangte, der jeden Mann, jede Bewegung des Schiffes beherrschte. Alle Offiziere, die zu sprechen hatten, thaten es mit leiser Stimme, und mit so wenig Worten, als möglich. Endlich kam die Fregatte in die Rauchwolken, die den Feind verhüllten, und Griffith hörte den Fremden, der ihm nahe stand, zuraunen:

»Jetzt!«

»Feuer!« hallte nun des Lieutnants Sprachrohr, welches in den fernsten Theilen des Schiffes gehört wurde.

Und ein Geschrei ertönte von der Mannschaft, daß es die Verdecke der Fregatte zu heben, und diese erschrocken wie Espenlaub zu zittern schien, als nun alle ihre schweren Geschütze zurückprallten. Eine einzige Flamme schienen diese auszuspeien. Die Kanoniere hatten in ihrer Ungeduld die gewöhnliche Art des Feuerns vergessen. Die Wirkung, welche aber diese Lage auf dem Feinde hatte, war noch gräßlicher. Ein todtenähnliches Schweigen folgte dem furchtbaren Kanonendonner, und nur das Geschrei, das Fluchen tönte gleich dem Brüllen der Verdammten dazwischen.

Während der wenigen Augenblicke, wo die Amerikaner wieder ladeten, und die Engländer von ihrer Bestürzung zurückkamen, ging langsam die Fregatte neben ihrem Feinde hin, und war eben im Begriff, ihn zu umsegeln, als der letztere plötzlich, und in Betracht der Ungleichheit von den beiderseitigen Kräften in wahrer Verzweiflung, gerade auf die Fregatte lossteuerte. Beide Schiffe hingen aneinander. Der unvermuthete und wüthende Angriff der Engländer, als die Kühnen über den Boogspriet und vom Verdeck heranstürzten, hätte Griffith bald außer Fassung gebracht. Aber Manuel that hier herrliche Dienste. Er ließ erst eine Lage mit dem Geschütz geben, und dann durch seine Leute auf die Angreifenden ein anhaltendes Pelotonfeuer machen; selbst der besorgte Lootse ließ nun jeden andern Feind außer Acht, als die größte Gefahr vorhanden war, und wechselte mit Griffith einen freundlichen Blick, wie sie beide wahrnahmen, die Sache gehe gut.

»Kettet ihre Boogspriet an unsern Besaansmast!« rief der Lieutnant. »Wir wollen ihr Verdeck abkehren mit Allem, was darauf ist!«

Zwanzig Matrosen sprangen hin, den Befehl auszuführen Die ganze Begebenheit ist in der That zur Hälfte historisch begründet. Sie fiel 1779 an Englands Küste vor. Die englische Fregatte ward genommen; aber die Amerikanische sank wenig Stunden darauf, und Alles mußte an Bord der Prise, welche glücklich in Holland einlief. D. Ueb., und Boltrope nebst dem Fremden, waren die Ersten darunter.

»Jetzt ist sie unser!« schrie der geschäftige Segelmeister. »Wir wollen nun thun, als hätten wir sie ausgerüstet, und Alles in Stücke hacken! So wahr Gott –«

»Ruhig! Unbesonnener!« sagte der Lootse mit feierlichem Ernste zu ihm. »Der nächste Augenblick kann Dich vor Gott rufen, und darum treibe keinen Frevel mit seinem furchtbaren Namen!«

Der Segelmeister hatte, ehe er von den Raaen auf's Verdeck sprang, doch noch Zeit, einen Blick des Staunens auf den Lootsen zu werfen. Dieser stand besonnen da. Aber das Feuer des Kriegers brannte in seinem Auge. Er sah den Kampf, der um ihn wüthete, wie ein Mann an, welcher den Erfolg in sein Tagebuch schreiben will.

Mit Geschrei und furchtbaren Drohungen drangen die Engländer herüber. Dies Schauspiel machte das Blut des Oberst Howard warm. Er stand an der Seite der Fregatte, und ermunterte seine Freunde durch Geberden und Worte, herbeizukommen.

»Ei Du alter Unglücksvogel, willst Du fort!« rief der Segelmeister, und ergriff ihn bei dem Kragen. »Willst Du gleich in den Raum hinunter, oder ich lasse Dich vor eine Kanone anbinden!«

»Nieder mit den Waffen, Ihr rebellischen Hunde!« schrie der Oberst, der vom Toben des Kampfes ganz außer sich war. »Nieder in den Staub! und fleht die Gnade eines erzürnten Königs an!«

Von dem Feuer des Augenblickes erstarkt, kämpfte der Alte mit seinem kräftigen Gegner, dem Hochbootsmann; aber der Ausgang des kleinen Faustkampfes war noch nicht entschieden, als die Engländer von Manuel's Pelotonfeuer zurückgetrieben, von Griffith's wüthendem Blicke, der seine Matrosen zum Entern anführte, eingeschüchtert, auf das Vorderkastell ihres Schiffes zurückwichen, und nur die tödtlichen Geschosse zu erwiedern suchten, die Barnstable in den Rumpf ihres Schiffes hinein jagte. Sie vermochten nur ein einziges Geschütz zu richten. Aber es war mit Kartätschen geladen, und bei dieser Nähe schien es die sprühenden Flammen dem Feinde in's Gesicht zu speien. Der Oberst fühlte bereits, daß er dem Arme seines Feindes unterliegen müsse, als dieser mit einem Male seine Gurgel fahren ließ. Beide sanken kraftlos auf die Knie und – sahen einander an.

»Nun, Brüderchen? Wie steht's denn nun!« rief Boltrope mit grimmigem Lächeln. »Hast Du auch ein Säckchen solch' Mehl in Deine Mühle bekommen?«

Ehe noch eine Antwort erfolgte, sanken beide auf's Verdeck hin, und blieben hier hülflos in dem Gewühl des Kampfes, der wilden Verwirrung liegen!

Während sie Zeugen des wüthenden Gefechts waren, hatten die Elemente nicht gerastet. Vom frischen Winde getrieben, von einer Welle gehoben, fuhr die Fregatte vor dem Engländer hin. Die schwachen Banden von Hanf und Eisen, welche beide Schiffe zusammen fesselten, rissen wie Bindfaden, und Griffith sah in demselben Augenblicke sich von seinem Feinde getrennt, als der Boogspriet des letztern vom Besaansmast der Fregatte losriß, und in's Meer stürzte. Stange auf Stange folgte nach. Vom ganzen stolzen Takelwerk blieb nichts, als die wenigen, nutzlosen Raaen am Stumpfe der Untermasten.

Wie aber sein Schiff siegreich aus dem Kreise der Verwirrung forteilte, die es angerichtet hatte, als er aus der dicken Rauchwolke heraus war, in welcher der Gegner hülflos liegen blieb, sah das Auge des jungen Mannes unruhig nach dem Horizont hinaus. Wohl wußte er, daß ihn dort noch neue Feinde erwarteten.

»Den Zweiunddreißiger sind wir glücklich geworden!« sagte er zum Lootsen, der jede seiner Mienen mit Interesse beobachtete. »Aber da kommt ein anderer Bursche heran. Er zeigt so viel Pforten, als wir selbst haben, und scheint einem Gespräch ganz in der Nähe aufgelegt. Auch steigt das Linienschiff dort unten wieder herauf. Ich fürchte, es ist da, ehe wir es uns versehn!«

»Jetzt alle Segel aufgezogen!« entgegnete Lootse. »Um keinen Preis Bord an Bord mit der Fregatte! Wir müssen ein doppeltes Spiel spielen. Der neue Feind muß mit Schnelligkeit und Kanonen zugleich bekämpft werden!«

»Es wird Zeit, zu thun, was Noth ist. Schon zieht er die Segel ein, und er kommt so dicht heran, daß wir ihn jede Minute reden hören können. Was meint Ihr jetzt?«

»Laßt den Feind immer fort einreffen!« erwiederte der Lootse. »Und wenn er glaubt, uns sicher zu packen; so werft ein Hundert Matrosen mit Einem Male auf Eure Segelstangen, und laßt unten und oben Alles aufsetzen, was Wind fassen kann. Dann bekommen wir, ehe er sich von der Ueberraschung erholt, den Vorsprung, und wenn wir ihn einmal im nämlichen Strich haben, trage ich keine Sorge, sie Alle zu täuschen!«

»Eine Jagd im Rücken des Feindes ist eine lange Jagd!« rief Griffith zufrieden. »Das Ding kann gehn.« – »Das Verdeck wird reingemacht! Die Verwundeten kommen in den Raum! Da alle Hände beschäftigt sind, werden die armen Burschen, welche ausgemacht haben, über Bord geworfen!« kommandirte zugleich sein Sprachrohr.

Die traurige Pflicht war augenblicklich vollzogen, und der junge Befehlshaber ging nun wieder an die Erfüllung der seinigen mit der ernsten Miene eines Mannes, der all' seine Verantwortlichkeit fühlt. Indessen Alles, was ihn beschäftigte, hinderte ihn doch nicht, Barnstable's Stimme zu hören. Es sprach dieser mit dem jungen Merry. Griffith beugte sich nach dem Tone hinab. Er beobachtete, wie sein Freund ängstlich durch die große Lücke herauf sah. Sein ganzes Gesicht war von Pulver schwarz gefärbt; der Rock abgeworfen, das Hemde mit Blut besprützt. »Sag' mir einmal, Merry,« rief er ihm leise zu, »ist Griffith unverletzt? Ich hörte, ein Schuß habe auf dem Hinterdeck ein halb Dutzend Menschen weggerafft?«

Ehe noch Merry antworten konnte, begegnete aber Barnstable's Auge, der auch zugleich das Segelwerk schnell überblicken wollte, Griffith's freundlichem Gesichte, und von dem Augenblicke an, war die alte Freundschaft zwischen beiden vollkommen hergestellt.

»Ach, da bist Du ja, Griffith! Und mit ganzer Haut, wie ich sehe!« rief Barnstable freudig. »Den armen Boltrope haben sie heruntergebracht. – Wenn der Boogspriet des Engländers nur noch zehn Minuten länger gehalten hätte, wie hätte ich ihm Gesicht und Augen zeichnen wollen!«

»Es ist vielleicht am besten so!« erwiederte Griffith freundlich. »Aber was hast Du denn mit den Leutchen gemacht, die Du zu beschützen hast?«

Barnstable machte eine bedeutende Geberde. Er zeigte auf die Tiefe des Schiffes.

»Sie sind im untersten Schiffsraume,« sagte er, »so sicher, als es in Holz, Eisen und Wasser seyn kann. Aber Katharine – ja, drei Mal hat sie ihr Köpfchen in die Höhe gesteckt!«

Der Lootse rief Griffith herbei. Die jungen Männer mußten, da die Pflicht des Dienstes drängte, die Gefühle des Herzens vergessen.

Das Schiff, dem die Amerikanische Fregatte jetzt die Spitze bieten sollte, hatte gleiche Größe und Bemannung. Griffith musterte es noch einmal. Er sah, daß Alles bereitet war, den Kampf zum Mindesten mit gleichem Vortheil zu beginnen.

Es hatte seine Segel bereits bis auf die gewöhnliche Art vermindert. Der Lieutnant und sein treuer Gefährte, der Lootse, sahen aus gewissen Bewegungen auf dem feindlichen Verdecke gar wohl, daß man dort nur noch ein Paar hundert Fuss durchsegeln wollte, um dann das Treffen zu eröffnen.

»Jetzt Alles aufgespannt!« raunte der Fremde ihm zu.

Griffith legte das Sprachrohr an. Mit einer Stärke, die selbst zum Feind hinüberdrang, kommandirte er:

»Laßt alle Segel fallen! Was aufgesetzt werden kann, setzt auf!«

Der begeisternde Zuruf ward mit allgemeiner Thätigkeit erwiedert. Funfzig Mann flogen auf die schwindlichten Höhen der vielen Segelstangen, während die breiten Wände der Segel so schnell an den Masten herabsanken, wie ein Vogel seine Fittige ausbreitet. Die Engländer sahen ihren Mißgriff im Augenblick ein, und beantworteten die List mit einer Salve des ganzen Geschützes. Griffith wartete den Erfolg der Lage, sie unruhig beobachtend, ab. Allein die Ladung rauschte über seinem Haupte dahin, und seine Masten sah er nicht getroffen; nur einige unbedeutende Sparren waren abgeschossen, und lautes Jauchzen folgte dem Donner nun unmittelbar. Freilich sah man einige Matrosen in Todeskampf von Tau zu Tau klettern, wie verwundete Vögel auf einem Baume herumflattern, bis sie endlich in den Ozean stürzten. Das Schiff segelte gefühllos über sie hin. Im nächsten Augenblicke aber zeigten Takelwerk und Masten des Feindes ein ähnliches Schauspiel: denn Griffith's Sprachtrompete rief laut:

»Gebt Feuer! Stürzt sie von ihren Segelstangen herab! Behagelt sie mit Kartätschen! macht ihr Verdeck leer!«

Seine Mannschaft bedurfte nur ein Paar solcher Worte, um willig und fröhlichen Herzens den Versuch zu machen. Das letzte Wort verhallte unter dem betäubenden Donner der Kanonen. Der Lootse hatte sich indessen doch in der Kühnheit und Gewandtheit des Feindes verrechnet. Trotz den schlechten Umständen, in welchen das ganze Segelwerk des Engländers gerathen war, ging der Dienst auf seinem Schiffe immer ordentlich und gewandt von Statten.

Beide Schiffe schossen nun in gleicher Linie hinter einander fort. Mit wüthender Gewandtheit schleuderte eines dem andern Tod und Verderben zu. Beide hatten Verlust und Nachtheil, ohne daß eines oder das andere dadurch die Oberhand bekommen hätte. Griffith und der Lootse sahen mit großer Besorgniß, wie sehr ihre Hoffnung getäuscht worden war. Sie konnten es sich nicht verbergen, daß mit jedem Augenblicke die Fregatte langsamer hinschoß: denn das feindliche Feuer nahm aus schrecklicher Weite immer mehr Segel weg, oder zerschmetterte die leichtern Stangen.

»Hier finden wir unsern Mann!« sagte Griffith zum Lootsen. »Der Dreidecker steigt wie ein hoher Berg herauf. Wenn noch einige Segel hin sind, haben wir ihn auf dem Halse!«

»Das ist wahr!« entgegnete der Lootse sinnend. »Der Feind hat Muth und weiß was er thut! Aber –«

Merry unterbrach ihn. Er kam vom Vorderkastell herbeigestürzt. Seine ganze Physiognomie zeigte, wie ängstlich er, wie wichtig seine Meldung war!

»Klippen! Klippen!« rief er, als er nahe genug war, im Lärm verstanden zu werden. »Wir sind von einer Strömung fortgerissen! Zwei hundert Fuß hinaus ist Alles weißer Schaum!«

Der Lootse lagerte sich auf eine Kanone. Er suchte durch den dicken Pulverdampf hindurchzuspähen. Dann rief er mit dem starken, Allen verständlichen Tone, daß es jedem unter dem Donner des Geschützes vernehmlich blieb:

»Haltet Backbord! Wir sind im Teufelskanal! – Gebt mir das Sprachrohr, Griffith! Steuermann, halt Backbord! Macht Feuer, Jungens! Donnert auf die stolzen Hunde Englands!«

Ohne Bedenken warf ihm Griffith das Zeichen seiner Würde zu, und sah den raschen, aber doch ruhigen Blick des Lootsen. Das Vertrauen, das er in jedem seiner Züge las, belebte ihm die Brust. Die Mannschaft war mit dem Geschütze, dem Segelwerk zu sehr beschäftigt, um eine neue Gefahr zu beachten. Die Fregatte ging in die gefährlichen Klippen, während der Kampf am Hitzigsten tobte. Verwundernd sahen die wenigen alten Seeleute die Massen von Schaum, die vor ihnen herflossen, und wußten nicht, ob die wilden Wogen von den Schüssen des Feindes herrührten, als plötzlich statt des Donners vom Geschütz, das dumpfe Brüllen des brausenden Elements vernehmbar war, da das Schiff aus den Wolken von Rauch heraustrat, um kühn mitten in dem engen Fahrwasser hinzueilen. Zehn Minuten lang, während der Lootse ununterbrochen gleiche Aufmerksamkeit zeigte, wagte es fast kein Mensch, Athem zu holen. Das Schiff jagte zwischen Klippen und Schollen, zwischen Schaum und schwarzem Gewässer dahin. Dann setzte der Fremdling das Rohr an den Mund:

»Was uns Verderben drohte,« rief er, »ist zu unserm Heil gediehen! Faßt jenen waldgekrönten Hügel ins Auge; an seinem Fuße steht ein Kirchthurm. Steuert Ost-Nord-Ost! Eine Stunde lang müssen wir durch diese Klippen hin. Dadurch gewinnen wir fünf Seemeilen Vorsprung, wenn der Feind das Riff umsegeln will.«

In dem Augenblick, wo er von der Kanone aufstand, verzichtete er auf den ganzen Herrscherton, der ihn so besonders auszeichnete. Selbst die warme Theilnahme, die er bei den Ereignissen des Tages gezeigt hatte, ging nun in das kalte, zurückhaltende Wesen über, das er gegen seine Umgebungen anzunehmen pflegte.

Jeder Offizier eilte, als der peinliche Augenblick der Ungewißheit vorüber war, auf ein Plätzchen, wo er den Feind wahrnehmen konnte. Der Dreidecker segelte noch kühn herauf. Schon war er bei dem Zweiunddreißiger, der auf der wogenden See wie ein hülfloses Wrack hinging, indessen die Wellen stürmisch dagegen antrieben. Die zuletzt bekämpfte Fregatte lief längs des äußern Randes der Klippen. Zerschossen flatterten ihre Segel in der Luft. Zersplittert hingen die Stangen derselben herab. Alles zeugte von einer Verwirrung, welche die Folge der unvorhergesehenen falschen Rechnung war. Das lärmende Jauchzen der Matrosen, die sich freudig einander Glück wünschten, als sie die Engländer so zugerichtet sahen, ließ indessen bald nach, da sie nun angewiesen wurden, auch ihr Schiff wieder in Stand zu setzen. Die Trommel gab das Zeichen, das Verdeck zu räumen. Die Kanonen wurden gereinigt, die Verwundeten weggeschafft; was Hand anlegen konnte, mußte das Takelwerk ausbessern und die Masten sichern.

In der dazu erforderlichen Stunde war die Fregatte, wie der Lootse versprochen hatte, außer aller Gefahr. Das Licht des Tages hatte diese ohnehin sehr vermindert. Die Sonne sank bereits. Griffith hatte den ganzen Tag über nicht das Verdeck verlassen. Jede Spur vom Treffen war auf seinem Schiffe wieder verschwunden. Es schien bereit, gleich wieder die Spitze zu bieten. In dem nämlichen Augenblick wurde er von Seiten des Schiffs-Kapellans in die Kajüte gerufen. Er übergab Barnstable das Kommando, der während des Kampfes und nach demselben sein treuer Gefährte gewesen war. Schnell warf er Alles ab, was an die blutigen Auftritte erinnern konnte, und eilte der ernsten, wiederholten Aufforderung Genüge zu leisten.

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