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Gutenberg > Eduard Bauernfeld >

Der literarische Salon

Eduard Bauernfeld: Der literarische Salon - Kapitel 4
Quellenangabe
typecomedy
booktitleGesammelte Schriften Band 3
authorEduard v. Bauernfeld
firstpub1836
year1871
publisherWilhelm Braumüller
addressWien
titleDer literarische Salon
pages241-242
created20060801
sendergerd.bouillon
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Dritter Act.

Zimmer bei Lampe, wie zu Anfange des ersten Acts.

Erste Scene.

Lampe. Emilie. Luise.

Emilie. Aber lieber Vater –

Lampe. Liebes Kind! Thu mir den einzigen Gefallen: heirathe den Doctor.

Emilie. Wollen Sie mich unglücklich machen?

Lampe. Willst Du mich nicht glücklich machen? – Sieh, wir führen Ein Haus. Du, eine berühmte Dichterin, Genialin eines der ersten kritischen Köpfe, machst die Honneurs. Unser Salon vergrößert sich von Tag zu Tag. Alle reisenden literarischen Notabilitäten sprechen bei uns zu. Was wirst Du sagen, wenn Victor Hugo mit seiner ganzen Romantik dereinst auf einem dieser Stühle sitzt? Oder wenn der allbeliebte Bulwer, der dem gesammten Deutschland in Uebersetzungen, wie Butter auf Brot aufgestrichen wird, wenn Bulwer, als ein eßkundiger Engländer, die Beafsteaks und Puddings unserer Luise lobt? Ja, vielleicht beehrt uns sogar der vornehme Semilasso aus seinem Weltgang mit einem Besuche, und redet in seinen Reiseskizzen, wo er von Allem redet, auch von mir. – O Kinder! Ich sage Euch, wir bekommen noch einen europäischen, einen welthistorischen Ruf!

Emilie. Ich kann in Ihre Plane nicht mehr eingehen, lieber Vater. Warum soll ich es verhehlen? Ich habe Doctor Wendemann einen Brief geschrieben, worin ich auf das Bestimmteste seine Bewerbung zurückweise.

Lampe. Da haben wir's! – Du denkst wol gar daran, den ungebildeten Capitän Haudegen wieder in Gnaden aufzunehmen?

Emilie. Besorgen Sie nichts. Jenes Verhältniß ist zerstört, durch meine Schuld auf immer zerstört. – Sie nennen Mannsfeld ungebildet? Ich fürchte, die Bildung, die ich mir aneignen wollte, war nicht die rechte. Ich erkenne meinen Irrthum. Ich will ihn nicht länger verfolgen. (Ab zur Seite links.)

Zweite Scene.

Lampe. Luise.

Lampe. Jetzt spricht sie wieder ganz albern.

Luise. Mir kommt es ziemlich vernünftig vor.

Lampe. Luischen! – Hör' einmal: Du bist auch kein Kind mehr.

Luise. Bald sechzehn, Papa.

Lampe. Du kannst schon an's Heirathen denken.

Luise. Ich denke auch!

Lampe. So? Nun, was hältst Du von dem Doctor?

Luise. Der gefällt mir gar nicht.

Lampe. Aber der Dichter Morgenroth –

Luise. Ist mir vollends unausstehlich.

Lampe. Ihr seid Beide Närrinnen. Aber ich werde Euch zwingen –

Luise. Zwingen? Nein, Papa, das thun Sie nicht.

Lampe. Warum nicht?

Luise. Weil Sie nicht können.

Lampe. Was? Nicht können? Bin ich nicht der Vater?

Luise. Eben darum. Ein guter Vater. Und wir sind Ihre guten Töchter. Wollen Sie uns wirklich zwingen? Haben Sie den Muth? – Nein, Sie haben ihn nicht. (Ab zur Mitte.)

Dritte Scene.

Lampe, dann ein Handlungs-Commis.

Lampe (allein). Das kommt heraus, wenn man zu nachgiebig ist! Sogar die Kinder wachsen Einem über den Kopf.

Handlungs-Commis (auftretend). Herr Lampe, unser Haus ist so frei, Ihnen den Wechsel zu präsentiren.

Lampe. Einen Wechsel?

Handlungs-Commis. Auf fünfhundert Thaler.

Lampe. Fünfhundert Thaler?

Handlungs-Commis. Von Herrn Doctor Wendemann auf Sie trassirt.

Lampe. Doctor Wendemann? Fünfhundert Thaler?

Handlungs-Commis. Sie haben dem Herrn Doctor bei uns einen Credit eröffnet. Der Wechsel ist heute zahlbar.

Lampe. Heute zahlbar! Der Credit ist für die Zukunft geschlossen. Hören Sie?

Handlungs-Commis. Sehr wohl, Herr Lampe.

Lampe. Adieu!

Handlungs-Commis. Ich bitte –

Lampe. Was wollen Sie noch?

Handlungs-Commis. Das Geld.

Lampe. Ja so! – Fünfhundert Thaler – (Betrachtet den Wechsel, öffnet den Schreibtisch). Hier zweihundert – dreihundert – fünfhundert.

Handlungs-Commis. Danke gehorsamst. Empfehle mich. (Ab.)

Lampe (ruft ihm nach). Vergessen Sie nicht: der Credit ist geschlossen.

Lampe (allein). Fünfhundert Thaler! – Das ist nun schon der dritte Wechsel – das muß anders werden. Ich will ein ernstes Wort mit ihm sprechen. (Ruft.) Niklas! – Fünfhundert Thaler! – Es bleibt doch immer gefährlich, einem Genie Credit zu eröffnen. Zwar – die Zeitschrift geht gut. Die Bildung wird befördert, das Fortschreiten der Menschheit – aber wo bleiben die versprochenen Percente? Soll ich mich für das Fortschreiten der Menschheit zu Grunde richten? Da mag die Menschheit selbst zusehen, wie sie weiterkommt. – He, Niklas! Niklas!

Vierte Scene.

Lampe. Niklas.

Lampe. Doctor Wendemann soll kommen.

Niklas. Der Herr Doctor sind schon seit frühestem Morgen außer Hause.

Lampe. So? Gut. Geh' nur.

Niklas (geht, kehrt um). Herr Lampe –

Lampe. Was gibt's?

Niklas. Ich habe mit Ihnen zu sprechen, Herr Lampe.

Lampe. So sprich.

Niklas. Ich bitte um meinen Abschied.

Lampe. Du, Niklas?

Niklas. Sie müssen nicht böse werden. Ich diene nun schon im zehnten Jahre bei Ihnen. Sie waren immer mit mir zufrieden, nicht wahr?

Lampe. Allerdings.

Niklas. Ich war bisher auch mit Ihnen zufrieden –

Lampe. Viel Ehre für mich.

Niklas. Mir war nie eine Arbeit zu viel. Sie hatten immer Ihre Liebhabereien, Herr Lampe. Zum Beispiel die Seidenwürmer; dann die Käfer und Schmetterlinge. Ich pflegte die Würmer, ich fing Käfer. Später kam die Musik bei uns in die Mode. Was that ich da? Ich lernte Flöte blasen, ohne alle Lust. Kann man mehr thun?

Lampe. Du bliesest auch ganz abscheulich falsch, mein lieber Niklas.

Niklas. Auf das Wie kommt es nicht an. Genug, ich habe geblasen, ohne alles Talent geblasen, nur für Sie, zu Ihrem Vergnügen geblasen. Ein Schelm bläst besser als er kann. Nun, das ist jetzt auch vorüber. Nebenbei gesagt, Herr Lampe: bei Ihnen hält nichts lange vor. – Ich komme nun auf Ihre letzte Liebhaberei, Herr Lampe, die sogenannte Literatur und Bildung. Ich soll mich bilden. Ich soll lesen. Aber ich kann mich nicht bilden. Es wäre mein Tod. Ich seh' es wol ein: ich bin Ihnen zu dumm. Ich bin ein unbrauchbares Möbel im Hause geworden. Das hab' ich dem Herrn Doctor zu danken. Auch der gemeine Mensch hat seine Leidenschaften, Herr Lampe. Ich kann einmal den Herrn Doctor nicht ausstehen. Es ist gar nichts Generöses in ihm. Ich schwieg bis jetzt. Ich dachte: wenn unser Bräutigam, der Herr Capitän, zurückkommt, holla! da geht's anders. Aber es geht nicht anders. Auch der Herr Capitän ist uns nicht gebildet genug. Der Herr Doctor soll unser Fräulein bekommen. Ich weiß Alles. Ein treuer Diener wächst mit seinem Herrnhause zusammen, Herr Lampe; aber wenn so eine Schmarotzer-Pflanze dazu wächst, da stirbt der ganze Baum ab. Ich tauge nicht in die neue Wirthschaft; darum, Herr Lampe, ich bitte um meinen Abschied.

Lampe. Hast Du ausgesprochen?

Niklas. Ja.

Lampe. Du bist ein Narr.

Niklas. Kann sein.

Lampe. Ein Dummkopf.

Niklas. Weiß doch Keiner so recht, was er ist.

Lampe. Du kannst gehen.

Niklas. Ich muß wol.

Lampe. Jetzt. Gleich. Im Augenblick.

Niklas. Leben Sie wohl, Herr Lampe! – Sie waren immer ein so guter Herr – Mensch bleibt Mensch, Fehler haben wir Alle, wer wirft den ersten Stein? Keine Rose ohne Dornen, auch der Mond hat Flecken, das beste Pferd glitscht zuweilen aus – wie gesagt, Herr Lampe, ich wäre für Sie durch's Feuer gegangen – aber offen herausgesagt – denn ich rede gern von der Leber weg, ich behalte nichts auf dem Herzen, ich schenke klaren Wein, ich halte nicht hinter dem Berge, schlecht und recht ist mein Wahlspruch – das war's, was ich Ihnen sagen wollte. Das sind so meine Gedanken. Und nun – leben Sie wohl, Herr Lampe. (Küßt ihm die Hand.) Ich werde immer an Sie denken – (schluchzt) an das ganze Haus – an Fräulein Emilien – Fräulein Luischen – an die Köchin – an Alle. – Leben Sie wohl! (Geht.)

Lampe. Niklas!

Niklas. Herr Lampe?

Lampe. Du willst mich verlassen, Niklas? Sieh, ich habe mich so an Dich gewöhnt.

Niklas. Wie ich mich an Sie –

Lampe. Du bist ein närrischer Mensch, aber ein ehrlicher Mensch. Drum bleib' bei mir, Du ehrlicher Narr.

Niklas. Bei Ihnen? Herzlich gern. Aber wenn der Herr Doctor unser Schwiegersohn, und folglich Herr im Hause wird –

Lampe. So weit ist es noch nicht.

Niklas. Nicht?

Lampe. Sei ruhig! Der Doctor soll Dir nichts befehlen dürfen.

Niklas. So brauch' ich also keine Bücher zu lesen? Brauche mich nicht zu bilden?

Lampe. Bleibe dumm, mein Sohn! Das kostet nichts.

Niklas. Tausend Dank, Herr Lampe. Unter der Bedingung bleib' ich. – Darf ich Ihnen rathen, Herr Lampe? Sie hatten Langeweile. Drum verfielen Sie auf die Bildung. Fangen wir wieder Käfer, oder blasen Flöte. Glauben Sie mir: es kommt auf Eins hinaus. Die Zeit vergeht – so oder so. (Ab.)

Fünfte Scene.

Lampe, dann Morgenroth.

Lampe (allein). Langeweile? Er hat nicht Unrecht. Auch in meinem Salon herrschte bisweilen Langeweile. Aber welche noble, welche ästhetische Langeweile! Das ist mit einem gewöhnlichen Ennui gar nicht zu vergleichen.

Morgenroth (tritt auf). Herr Lampe –

Lampe. Morgenroth! Wo ist ihr Freund?

Morgenroth. In Redaktionsgeschäften.

Lampe. O weh! Da stellt er wohl neue Wechsel aus?

Morgenroth. Sehr möglich!

Lampe. Hören Sie! Ich bin gar nicht mit ihm zufrieden.

Morgenroth. Warum? Weil Sie einige Bagatellen für ihn zahlen mußten?

Lampe. Bagatellen? Fünfhundert Thaler!

Morgenroth. Eine wahre Lumperei! Ich bringe die Redactions-Rechnungen.

Lampe. Das ist ein Anderes.

Morgenroth. Setzen wir uns.

Lampe. Wie viel Percent?

Morgenroth. Vor der Hand –

Lampe. Zwanzig?

Morgenroth. Keineswegs.

Lampe. Zehn?

Morgenroth. Weit gefehlt.

Lampe. Fünf Percent?

Morgenroth. Noch nicht. Vor der Hand haben wir ein Deficit.

Lampe. Ein Deficit?

Morgenroth. Das Blatt hebt sich.

Lampe. Aber ein Deficit! Redigir' ich für ein Deficit?

Morgenroth. Es ist nicht groß. Werfen Sie einen Blick auf diese Papiere; der ganze Bettel beträgt kaum zehntausend Thaler.

Lampe. Zehntausend Thaler? Die ich zahlen soll?

Morgenroth. Allerdings.

Lampe (springt auf). Ich lege die Redaction nieder.

Morgenroth. Was fällt Ihnen ein? Wir wirken auf die öffentliche Meinung.

Lampe. Ich mag nicht wirken. Zehntausend Thaler! So viel ist die öffentliche Meinung nicht werth. Meine Jeder, was er will! Ich meine, daß ich nicht zahle.

Morgenroth. Wo bleiben Ihre großen Ideen?

Lampe. Hole der Henker diese kostspieligen Ideen! Eine ordentliche Idee muß Geld tragen.

Morgenroth. Geld! Geld! Was ist Geld? Geld ist das Nicht-Ich.

Lampe. Aber das Ich braucht Geld. Ich bin ich.

Morgenroth. Bester Mann! Sie sind ausgewechselt. Wechseln Sie lieber ein.

Lampe. Was helfen Ihre Wortspiele?

Morgenroth. Wortspiele helfen Alles. Sie gewinnen das Publicum.

Lampe. Aber ich verliere dabei mein Geld.

Morgenroth. Nehmen Sie nur Vernunft an. Hörten Sie niemals von einem Felde der Literatur sprechen? Nun, ein jedes Feld hat bisweilen ein Mißjahr. Das nächste Mal trägt es vielleicht doppelte Ernte.

Lampe. Ernten Sie, so viel Sie wollen! Ich mag nicht säen.

Sechste Scene.

Vorige. Mannsfeld.

Mannsfeld. Vergeben Sie, Herr Lampe. Ich suche Doctor Wendemann.

Lampe (auf die Papiere deutend). Ich hab' ihn leider gefunden.

Morgenroth. Herr Capitän, mein Freund wird sehr bald von sich hören lassen. – Nun, Herr Lampe! Haben Sie sich besonnen? Werden Sie die bewußten zehntausend Nicht-Ichs ausliefern?

Lampe. Eher sterben!

Morgenroth. Ist das Ihr letztes Wort?

Lampe. Mein letztes.

Morgenroth. So sterben Sie! Vielmehr Sie sind schon todt,
Poetisch, geistig todt. Ich dachte früher,
Es gingen die Diners und die Soupers
In Ihrem Haus hervor aus einer einz'gen, großen,
Aus einer unerschöpflichen Idee;
Symbole schienen mir die Aalpasteten,
Der Caviar, die Lachse, der Champagner,
Sichtbare Zeichen, gleichsam Anhaltspunkte,
Um zu versammeln die Gebildeten
Der Nation; ja Bildung und Champagner,
Verbanden sich in meiner Phantasie,
Beiläufig wie bei den Franzosen Deutschland
Und Sauerkraut. – Der Einfall
War kindisch, aber göttlich schön! Vorbei
Sind diese Träume. –
Adieu, Herr Lampe! Ich verlasse Sie –
Es flieht aus Ihrem Haus die junge Poesie.
Sie wollen nicht, daß man auf Sie die Wechsel zieht?
's ist klar: Sie haben kein poetisches Gemüth.
So mag die Prosa denn sich Ihrer ganz bemeistern;
Verlassen sei Ihr Haus von allen schönen Geistern,
Die Musen fliehen weit, die Grazien davon;
Ich – zittern Sie! – ich werd' in Zukunft redigiren,
Und Ihren literarischen Salon
In meinem nächsten Blatt – versteh'n Sie? – recensiren.

(Ab.)

Siebente Scene.

Lampe. Mannsfeld. Dann Luise. Emilie.

Lampe. Mein Salon!

Mannsfeld. Der Windbeutel!

Lampe. Er war grob, sehr grob, aber genial.

Luise (mit Emilien eintretend). Da ist unser guter Freund! Komm' nur –

Mannsfeld. Herr Lampe, Emilie, ich bin Ihnen Aufklärung über jenen Brief schuldig. Er war im Vertrauen an eine Verwandte und Freundin geschrieben, gegen die man sich manche freiere Aeußerung erlaubt. Der Brief verschwand zugleich mit – Betty's Stubenmädchen. Man weiß, daß dieses Mädchen mit einem Herrn bekannt ist, der in Ihrem Hause für ein Orakel gilt, Herr Lampe. – Der Verdacht, daß ich mit meiner Schwägerin in einem Verhältniß stehe, hebt sich am besten dadurch, daß Betty so eben als die Braut eines der angesehensten und geachtetsten Männer unserer Stadt erklärt wird.

Luise (zu Emilien). Da hörst Du's?

Mannsfeld. Herr Lampe, ich hoffe, ich bin in Ihren Augen gerechtfertigt. Mehr wollt' ich nicht. Leben Sie wohl!

Lampe. Herr Capitän, ich bin nicht in der Stimmung, Sie um Vergebung zu bitten. Alles stürmt auf mich ein. Die Bildung wirft keine Percente ab. Die Redaction gibt ein Deficit. Wer hätte das gedacht? Und was soll ich nun anfangen? Wie kann ich auf mein Jahrhundert wirken? Was bleibt mir übrig? Nichts als mein Museum –

Luise. Wissen Sie's denn, Papa? So eben ist Doctor Wendemann mit Extrapost abgefahren –

Mannsfeld (rasch). Er ist fort?

Lampe. Fort? Und der Andere kündigt mir die Freundschaft auf –

Luise. Desto besser! Wozu brauchen wir das ganze junge Deutschland?

Lampe. Fort? Hm! So – (Rasch an).

Achte Scene.

Luise. Mannsfeld. Emilie.

Luise. Was hat der Papa?

Mannsfeld. Wohin ist der Doctor?

Luise. Weiß ich's? In die weite Welt –

Emilie (tritt hinzu). Sie wollten ihn fordern?

Luise. Thun Sie's nicht! Emilie hat ihm ja längst den Laufpaß gegeben – gelt?

Mannsfeld. Sie hatte mich aber vergessen – um seinetwillen!

Luise. Weil er ihr vorgeschwindelt! Das hat man von der Aesthetik –

Emilie. Ich habe Sie gekränkt, verletzt – Sie können mir nicht verzeihen – ich bin auch Ihrer Liebe nicht mehr würdig. – Ludwig – (ergreift Luisen's Hand). Das ist jetzt Emilie! So sagten Sie gestern selbst –

Luise. Oho!

Mannsfeld. Heftiges Mädchen! Versteh' ich Sie recht?

Emilie. Sie ist lieb und gut – weit besser als ich –

Mannsfeld. Nun, Luise? Soll ich Sie heiraten?

Luise. Gott bewahre! Sie sind mir viel zu kostbar –

Mannsfeld. Andern Leuten bin ich zu einfach –

Luise. Das ist vorüber! Sie schämt sich auch. Sehen Sie's nicht, Herr Schwager?

Neunte Scene.

Vorige. Niklas. Dann Lampe.

Niklas (kommt eilig). Helfen Sie, Fräulein Luise –

Luise. Was gibt's denn schon wieder?

Niklas. Der Herr Papa ist außer sich! Er war in sein Mausoleum geloffen, schrie Einmal um's Andere: Meine Bildung! Mein Geld! Darauf zerriß er eine Menge Papiere –

Luise. Vermuthlich die Briefe von Homer, Shakespeare und Calderon –

Niklas. Ja, in seinem Aerger schmiß er auch den häßlichen und theuern Indianer zur Erde, daß die Stücke herumkollerten. Da kommt er schon –

Lampe (tritt ein). Kinder! Was haltet Ihr von mir?

Emilie (die inzwischen mit Mannsfeld gesprochen). Bester Vater –

Mannsfeld (ergreift Emilien's Hand). Vater! Darf ich Sie so nennen?

Luise. Papa! Merken Sie was?

Lampe (reicht Mannsfeld die Hand). Ich war ein Narr, Herr Schwiegersohn –

Luise. Nun werden doch die Kuchen gebacken!

Niklas. Keine Bildung mehr! Victoria!

 


 

Anmerkung zu »Der literarische Salon«.

Eine Art polemisches Lustspiel, vorzugsweise gegen Saphir und Bäuerle gerichtet, mit einigen Nebenhieben auf das sogenannte, »junge Deutschland«, welches inzwischen längst uralt und ziemlich philisterhaft geworden. – Das Stück kam an dem ominösen 24. März (wie »Fortunat« ein Jahr vorher) auf die Bretter. In einem Prolog (von Anschütz vorgetragen) wurde die Tendenz des Lustspiels ausgesprochen: die Lüge und Heuchelei im Leben wie in der Literatur zu bekämpfen. – Beifallssturm. Eben so ungeheurer Jubel im ersten und zweiten Act, zumeist über jedes Wort, welches sich auf Saphir (der im Parterre wie auf dem Pranger saß) und sein schamloses journalistisches Treiben beziehen ließ. – Merkwürdig, und was ich hinterher selber nicht begreife, ist: daß ich eine lange Tirade gegen die falsche Bildung einem – Marineoffizier in den Mund lege! Fichtner trug übrigens seine Phrasen prächtig vor und das verehrte Publicum entzückte sich immer mehr. –

Der dritte Act fiel bedeutend ab, besonders in den gemüthlichen Scenen – man war nur gekommen, um Satyre anzuhören, und wäre gern Zeuge gewesen, daß dem Dichter »Morgenroth« noch zum Schluß irgend ein auffallender »Tort« angethan worden wäre. – Nach beendigter Comödie rasender Lärm, natürlich nicht ohne Opposition der gegnerischen Partei, die aber bei meinem Erscheinen auf der Bühne vollständig zum Schweigen gebracht wurde.

Es war einer der stürmischesten Abende auf den, sonst so anständig-nüchternen Bretern des Burgtheaters. Das Stück durfte zahllosen Wiederholungen entgegen sehen. Unglücklicher Weise war der darauf folgende Tag ein Norma-Tag, folglich das Theater geschlossen. Saphir und Bäuerle benützten den Umstand, liefen zu Sedlnitzky, auch zu einigen »Erzherzogen«, und bewirkten das Verbot des Lustspiels für die Aufführung – sogar für den Druck, was mich aber nicht abhielt, es ohne Censur in Leipzig bei Brockhaus (»Taschenbuch dramatischer Originalien«) erscheinen zu lassen. Der Herausgeber, mein Freund Gustav Franck, hatte auch ein Paar wohlgetroffene Porträts der beiden Haupt-Angegriffenen beigegeben. Wir wurden Beide, ich von der Polizei, Franck (als Offizier) vom Platz-Commando zur Rechenschaft gezogen; unsere schriftliche Vertheidigung, in welcher wir weder die »Theater-Zeitung«, noch ihren Redacteur und seinen Mitarbeiter schonten, lautete aber so energisch und ungeschminkt, und trug die Farbe der Wahrheit so sehr auf der Stirne, daß es die Behörden vorzogen, die Sache auf sich beruhen zu lassen.

Saphir brauchte sich übrigens über sein Einmaliges Spießruthenlaufen auf der Bühne kaum zu beklagen, denn er erhielt bald darauf mit Beihilfe seiner hohen Gönner die Bewilligung zur Herausgabe des »Humorist«. – Ich hätte ihm eigentlich das Blatt verschafft, versicherte mich Graf Sedlnitzky. Die ertheilte Concession sollte nämlich als eine Art Schmerzensgeld für meine theatralischen Angriffe gelten! – Daß der Mensch früher, außer mir, auch Grillparzer und alle honeten Leute angegriffen, davon hatte Niemand Notiz genommen. So ging es in der guten alten Zeit!

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