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Gutenberg > Eduard Bauernfeld >

Der literarische Salon

Eduard Bauernfeld: Der literarische Salon - Kapitel 2
Quellenangabe
typecomedy
booktitleGesammelte Schriften Band 3
authorEduard v. Bauernfeld
firstpub1836
year1871
publisherWilhelm Braumüller
addressWien
titleDer literarische Salon
pages241-242
created20060801
sendergerd.bouillon
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Erster Act.

(Zimmer bei Lampe. Schreibtisch mit Büchern, Schriften u. s. w.)

Erste Scene.

Lampe. Niklas (der eine Figur trägt).

Lampe. Langsam, Niklas, langsam! Stelle das herrliche Kunstwerk hieher auf den Schreibtisch. So. – Nun, was sagst Du?

Niklas (betrachtet die Figur). Pfui! Ein abscheuliches Ungethüm. Hat keinen Kopf.

Lampe. Es ist ein Torso.

Niklas. Eine wahre Vogelscheuche! Mit vier Händen.

Lampe. Laune des Künstlers, Ueberfluß der Phantasie. Es stellt vermuthlich eine indische Gottheit vor.

Niklas. Curiose Gottheit!

Lampe. Ich werde das kostbare Werk in meinem Museum aufstellen.

Niklas. Ich würde es auf die Gasse schmeissen.

Lampe (immer mit der Figur beschäftigt). Es drückt vielleicht die Idee des Häßlichen aus.

Niklas. Da wäre was gewonnen! Es gibt Scheusale genug in der Welt; man braucht sie nicht erst in Stein zu hauen.

Lampe. Mein Sohn, das verstehst Du nicht. Wisse, daß ich den Eigenthümer mit Mühe bereden konnte, mir diese Statue um fünfzig Dukaten zu überlassen.

Niklas. Was? Den Indianer? Die häßliche Idee? – Ei, ei, Herr Lampe, Herr Lampe! Als Sie noch Kaufmann waren, da kauften Sie keinen andern Kaffee als echten Mokka, und keinen Thee als wirklichen Chineser, und nun –

Lampe. Still! Erinnere mich nicht an jene Zeit, als mir das Leben der Kunst und Wissenschaft noch nicht aufgegangen war, als ich noch in der Materie herumwühlte –

Niklas. Ja, unsere Material-Handlung war brav. Sie sollten sich darüber nicht lustig machen, Herr Lampe; Sie haben ein hübsches Stück Geld dabei verdient.

Lampe. Schon gut, lieber Niklas! Du meinst es gut. Du bist ein ehrlicher, redlicher Mensch, wenn Du nur mehr Bildung hättest! Du mußt lesen, Niklas, lesen! – Aber geh' jetzt. Ich will studiren.

Niklas. Studiren? Was studiren Sie denn, Herr Lampe?

Lampe. Philosophie, Niklas. Kunst-Philosophie, Natur-Philosophie.

Niklas. Sie und Philosophie! Glauben Sie mir, das geht nicht mehr. Was Hänschen nicht lernt –

Lampe. Albernes Sprichwort! Die neue Philosophie ist gar nicht für die Hänschen, sondern nur für die Hanse.

Niklas. Mir ist's recht, wenn Sie durchaus in Ihren alten Tagen ein so gewaltiger Na – Naturphilosoph werden wollen.

Lampe. Sieh, Niklas, dann muß ich redigiren.

Niklas. Redigiren? Was ist denn das?

Lampe. Du weißt, Doctor Wendemann gibt eine Zeitschrift heraus.

Niklas. Ja, es sollen sehr viele Lügen darin stehen.

Lampe. Verleumdung! – Nun sieh! Die Aufsätze, die der Doctor und andere Gelehrte schreiben, die bekomm' ich zur Hand –

Niklas. Die bekommen Sie –

Lampe. Die les' ich durch –

Niklas. Die lesen Sie –

Lampe. Die schreib' ich manchmal ab –

Niklas. Schreiben Sie ab –

Lampe. Schick' ich in die Druckerei, dann corrigir' ich die Druckfehler.

Niklas. Und das ist redigirt?

Lampe. Das ist redigirt.

Niklas. Und das ist auch redigirt, daß der Doctor den ganzen zweiten Stock unseres Hauses bewohnt, und daß er den Zins dafür schuldig bleibt?

Lampe. Wer sagt das?

Niklas. Fräulein Luischen. Die weiß Alles.

Lampe. Das naseweise Ding! – Störe mich nicht länger. Geh' fort!

Niklas. Der schöne zweite Stock! Den wird uns der Herr Doctor bald weg redigiren. (Ab.)

Lampe (allein). Er hat gewissermaßen Recht. Der Doctor braucht viel Geld. Mußte schon ein Paar Wechsel für ihn zahlen. Freilich nur Redactionskosten. Das trägt seine Procente. Die Leute bekommen unsere Bildung, wir bekommen ihr Geld. (Er setzt sich zum Schreibtisch.) Darum nur Bildung! Allseitige Bildung! Nur fortschreiten mit der Zeit! Ich kann nichts weniger leiden, als wenn Einer hinter dem Jahrhundert zurückbleibt. Ich bin wirklich binnen Jahr und Tag ein ganz anderer Mensch geworden. Ich redigire, ich halte einen literarischen Salon, ich besitze ein Museum, ich trage zur Bildung bei. Sonst lebte ich ohne Idee, ohne Princip. Wie anders fühl' ich und denk' ich jetzt! Ich bin eigentlich durch und durch ein reiner Gedanke. Ich denke mich, ich setze mich, ich bin weder das Nicht-Ich, noch das Ich-Nicht, sondern ich bin ich. Welch eine Welt liegt in dieser Betrachtung! – Und wem hab' ich alle diese Gedanken zu danken? Ihm, dem tiefen Denker, dem großen Doctor Wendemann. Der große Mann! Wenn nur die Wechsel nicht wären! – Aber auch die Ideen haben ihren Cours. Sie sind im Steigen. Man kann jetzt kühn damit à la hausse speculiren.

Zweite Scene.

Lampe. Emilie. Luise.

Emilie. Vater –

Lampe. Was gibt's?

Luise. Lieber Vater –

Lampe. Ach, Ihr seid es, meine Kinder?

Luise (umarmt ihn). Liebster, bester Papa!

Lampe (steht auf). Was ist's? Was soll das?

Luise. Wissen Sie denn nicht –? Heute ist ja –

Emilie. Ihr Geburtstag.

Lampe. Mein Geburtstag? An derlei denken wir Gelehrte gar nicht.

Luise. Aber wir Ungelehrten desto mehr.

Emilie. Wir bringen ein kleines Angebinde. Hier ist das meine. (Gibt ihm ein Buch.)

Luise. Und hier das meinige. (Gibt ihm ein Päckchen.)

Lampe. Ein Buch? – »Novellen von Emilien.« – Wie? Novellen – von Emilien? – Du lächelst? Ist es wirklich? Die Novellen sind –?

Emilie. Von mir.

Lampe. Von Dir? Von Dir? – Umarme mich, mein Kind! – Novellen? Wie hast Du mich gerührt! Nun schmeck' ich erst das Süße der Vaterfreude, da ich eine Tochter besitze, die Novellen schreibt. Gedruckte Novellen! Meine liebe, gedruckte Tochter! Aber wie war es möglich? Ich ahnte gar nicht – Du machtest bisher nur Gedichte.

Emilie. Ich schrieb insgeheim. Nur Doctor Wendemann wußte darum. Er veranlaßte den Druck in Hamburg.

Lampe. Der Edle! – Novellen von Emilien! – Doch warum nur Emilie? Warum nicht Emilie Lampe?

Emilie. Der Name Lampe klingt ein Bischen prosaisch. Und dann – wir Schriftstellerinnen nennen uns meistens nur mit dem Vornamen. Denken Sie an Rahel, an Bettina.

Lampe. In welchem Genre sind die Novellen?

Emilie. Sie enthalten Bilder meiner innern Welt.

Lampe. Innere Welt! Das ist gut. Aber die ganze äußere Welt soll sie kennen lernen.

Luise. Papa! Sie vergessen ganz mein Geschenk.

Lampe. Dein Geschenk! Laß sehen, Luischen! (nimmt und öffnet das weggelegte Päckchen.) Eine gestickte Kappe. Nun, es ist doch auch eine Art von Kunstwerk.

Luise. Es hält den Kopf warm.

Lampe. Ich danke Dir, mein Kind. Ich werde Dein Käppchen aufsetzen und so Deine Novellen lesen.

Luise. Ach, wenn doch heute unser lieber Capitän Mannsfeld hier wäre!

Lampe. Wie kommst Du auf den?

Luise. Heute sind es eben zwei Jahre – es war kurz vor seiner Abreise – da speiste er bei uns. Wir hatten Pastete und Wildpret. Wär' er hier, heute sollt' er sehen, daß ich seitdem die Kochkunst studirt habe.

Lampe. Kochkunst! Kochkunst! Leider studirst Du keine andern Künste. – Apropos, Kinder! Habt Ihr das neue Buch gelesen, das ich euch gestern gab?

Luise. Ja, Papa; aber ich versteh' es nicht.

Lampe. Wie ist das möglich? Es ist klar wie die Sonne.

Luise. Der Verfasser behauptet darin, daß es Hexen gebe.

Lampe. Warum soll es keine geben?

Luise. Es läuft meinem Verstand entgegen.

Lampe. Mein Kind, die Hexen muß man mit dem Gemüth fassen, nicht mit dem Verstand. Man muß ein gläubiges Hexengemüth haben, wie Justinus Kerner in Weinsberg.

Luise. Mein Gemüth weiß nichts von solchen Dingen!

Lampe. Das ist eben das Unglück! Du hast keinen Sinn für Ahnungen, für das Geisterreich.

Luise. Papa, darf ich nun zur Küche sehen? Wir haben einen Gast geladen.

Lampe. Gewiß den Doctor?

Luise. Ich darf nichts ausplaudern. Es gibt Leute, die in der Geisterwelt besser zu Hause sind als ich, die aber ein gutes leibliches Mittagessen mit Champagner gleichfalls zu schätzen wissen. Ich wette, unser Gast wird die Novellen von Emilie Lampe bis zum Himmel erheben, ohne die irdischen Braten von Luise Lampe zu verschmähen. (Ab.)

Dritte Scene.

Lampe. Emilie.

Lampe. Ein kindisches Mädchen, die Luise!

Emilie. Heiter und froh. So war ich einmal –

Lampe. Wenn sie nur einen Funken Poesie besäße! Aber sie ist die pure, klare Prosa. Erst neulich, als Wendemann den neuen Roman des berühmten Morgenroth vorlas, lachte sie ihm in's Gesicht.

Emilie. Der geniale Mann! Auch ihn vermag Luise nicht zu fassen.

Lampe. Das ist ein Mann! Nicht wahr, Du hast große Achtung vor dem Doctor?

Emilie. Die höchste, ob ich mir gleich in seiner Nähe oft so albern, so kindisch vorkomme.

Lampe. Faust und Gretchen! Faust und Gretchen! – Verliebe Dich nur nicht in ihn. – Wie? Oder ist vielleicht etwas dergleichen geschehen?

Emilie. Wie können Sie glauben –? Bin ich nicht so gut als verlobt?

Lampe. Leider, leider!

Emilie. Wir erwarten täglich die Rückkehr meines Bräutigams –

Lampe. Hm! Aufrichtig gestanden, Emilie! Mannsfeld gefällt mir gar nicht mehr.

Emilie. Er ist gutmüthig, verständig; er gilt für einen ausgezeichneten Offizier –

Lampe. Offizier! Was ist ein Offizier!

Emilie. Er hat den besten Ruf in der Armee –

Lampe. Aber gar keinen in der Literatur.

Emilie. Wir sind ihm Dankbarkeit schuldig. Er rettete mir das Leben.

Lampe. Ich wollte, ein Anderer hätt' es gethan.

Emilie. Sie trugen ihm meine Hand an –

Lampe. Es war ein dummer Streich!

Emilie. Ich war damals ein halbes Kind –

Lampe. Und ich war ein ganzes!

Emilie. Nun ist Mannsfeld bereits seit zwei Jahren in Amerika –

Lampe. Seine Briefe werden immer seltener –

Emilie. Und kälter.

Lampe. Seit er wieder in Hamburg ist, schrieb er nur ein einziges Mal.

Emilie. Und zwar sehr bitter.

Lampe. Er tadelt mein Streben für Kunst und Wissenschaft –

Emilie. Er macht sich über mein poetisches Talent lustig –

Lampe. Er versteht so wenig von Poesie als Luise. Er ist mit der Zeit nicht fortgeschritten. Ich glaube, er liest noch immer mit Erbauung das Gedicht: »Um das Rhinoceros zu sehen« –

Emilie. So viel ist gewiß: Ludwig ist mir fremder, ist mir ein Anderer geworden, seit ich selbst so sehr verändert bin. Wendemann nahm sich meiner Bildung an. Wie erweiterten sich da meine Ansichten! Wie reifte mein Verstand! Aber ach – mein Herz ward irre an sich selbst. Das Bild des Geliebten steht nicht mehr lebendig vor meiner Seele, ich muß an seiner, meiner Liebe zweifeln, ich habe ihn, mich selbst, mein früheres Glück verloren; ein unaussprechliches Etwas schwebt mir vor der Seele, ein Hoffen, ein Ahnen, ein Sehnen –

Lampe. Halt, meine Tochter! Nun begreif' ich Deinen ganzen Zustand. Es ist der Dualismus der Empfindung. Deine Geschichte ist ein ganz klarer Paragraph aus der Psychologie. Du bist in dem Zustande, welchen Goethe beschreibt, indem er das Erlöschen einer früheren Neigung und das Erwachen einer neuen mit Mond und Sonne vergleicht, die zugleich am Himmel stehen. Mannsfeld ist der Mond, der Mond im Abnehmen, im letzten Viertel; Wendemann ist die Sonne, die strahlende, die erwärmende. Darum wende Dich der Sonne zu, laß den Mond laufen, er ist Deiner nicht würdig.

Emilie. Nein, mein Vater! Wenn Ludwig zurückkommt, wenn ich fühle, daß sich mein Herz getäuscht hat, wenn es sein erträumtes Ideal nicht in dem Geliebten findet, dann –

Lampe. Dann wirst Du einen Andern heirathen?

Emilie. Nie!

Lampe. Wie?

Emilie. Dann will ich mich ganz der Kunst ergeben.

Lampe. Aber Du wirst doch nicht ledig bleiben wollen?

Emilie. In dem benannten Fall: allerdings.

Lampe. Mein Kind, sprich keine so entsetzlichen Worte aus. Derlei hört ein Vater höchst ungern. Glaube mir, das Heirathen schadet der Poesie nicht im geringsten. Sieh, fast alle Dichterinnen waren oder sind verheirathet. Die Ehe schlug ihnen freilich nicht immer zum besten an, noch weniger ihren Männern. Aber lieber die unfriedlichste Ehe, als ledig bleiben. Noch bist Du hübsch und jung, aber –

Emilie. Ein Dichter bleibt immer jung.

Lampe. Ein Dichter? Nun ja! Aber eine Dichterin muß sich bemühen, ihr Ideal noch vor dem zurückgelegten vierundzwanzigsten Jahre zu finden, sonst findet sie es nicht mehr.

Vierte Scene.

Vorige. Niklas.

Niklas. Herr Lampe –

Lampe. Was gibt's?

Niklas. Draußen steht ein Herr – (lacht).

Lampe. Nun?

Niklas (das Lachen unterdrückend). Ein sehr spaßiger Herr –

Lampe. Wer ist es denn?

Niklas. Er sagt, er sei ein Dichter.

Lampe. Ein Dichter! Laß ihn herein.

Niklas. (Oeffnet die Thüre.) Kommen Sie, Herr Dichter! (Ab.)

Fünfte Scene.

Lampe. Emilie. Morgenroth.

Morgenroth. Ich bin Morgenroth –

Lampe. Wär's möglich? Der geniale Dichter? Die Stütze der jungen Poesie?

Morgenroth. Derselbe.

Lampe. Den mein Freund, Doctor Wendemann, schon so lange sehnlich erwartet?

Morgenroth. Derselbe.

Lampe. Seien Sie mir vielmals willkommen. Umarmen wir uns!

Morgenroth. Mit Vergnügen. (Will Emilien umarmen.) Mein Fräulein – (Da Emilie sich zurückzieht.) Ja so! Ich vergaß mich. Ich glaube immer zu leben in einer idealen Welt; aber die Vorurtheile der wirklichen sind noch nicht besiegt.

Emilie. Vorurtheile?

Morgenroth. Was anders? Sie schätzen mich, Sie achten mich, Sie lesen meine Gedichte, Sie lieben also, Sie umfassen meinen Geist, mein besseres Ich; warum wollen Sie nicht umarmen mein schlechteres Ich, meinen Körper?

Lampe. Einzig! Genial! Höchst geistreich!

Morgenroth. Ich fühle mich. Ich bin gekommen, aufzuklären die Welt, zu ecrasiren die Vorurtheile, anzuzünden die Leuchte der Wahrheit. Il ôte aux nations le bandeau de l'erreur, das ist mein Wahlspruch. Ich bin kein Individuum, kein einzelnes Wesen, ich bin eine Gattung, ein Prototyp, ich repräsentire das Volk, die Nation, das gesammte Deutschland; ich bin das junge Deutschland selbst!

Lampe. Außerordentlich! Ungeheuer!

Morgenroth. Ein Mittel, die Nation zu bilden, ist die Literatur, die Journalistik. Ich erwähle diese Stadt zu meinem Wohnort – das heißt, ich erhebe sie zum literarischen und geselligen Mittelpunkt von Deutschland; ich verbinde mich mit meinem gleichgesinnten Freund Wendemann zu einem großen gemeinschaftlichen Wirken. Darum hab' ich Hamburg verlassen. Meine Freunde und Neider werden vermuthlich in den Blättern aussprengen, ich sei Schulden halber fortgegangen. Lächerlich! Schulden haben mich niemals genirt, und werden mich niemals geniren. Mich zog ein innerer Trieb, eine Nothwendigkeit hieher. Meine Reise war, um mit einer untergegangenen Schule zu sprechen, ein Postulat der praktischen Vernunft.

Lampe. Wofür wir Ihnen und der Vernunft danken müssen.

Emilie. Sie kommen aus Hamburg, mein Herr? Sie sind wohl dort sehr bekannt?

Morgenroth. Ich durfte nicht über die Straße gehen. Man wies mit Fingern auf mich. Aber – »dulce est, digito monstrari et dicier: hic est,« wie der sonst alberne Horaz ziemlich gut sagt.

Lampe. Ich weiß, was Du fragen willst, Emilie. Deine Novellen –

Emilie. Nicht doch, Papa!

Morgenroth. Novellen? Sie sind eine Dichterin, mein Fräulein?

Lampe. So ist es. Belieben Sie nur – (Gibt ihm das Buch.)

Morgenroth. »Novellen von Emilien.« Sie sind jene Emilie?

Lampe. Kennen Sie das Buch?

Morgenroth. Zum Theil – nicht so eigentlich – – Was wollten Sie von Hamburg fragen, Fräulein?

Emilie. Es hält sich dort Jemand auf – mein Vater weiß – (Leise zu Lampe). Mannsfeld.

Lampe. Richtig! (Zu Morgenroth.) Ist Ihnen unter den Fremden in Hamburg ein junger Marine-Offizier bekannt worden, Namens Mannsfeld?

Morgenroth. Mannsfeld? Ja, ja! ich erinnere mich des Namens. Ich kam einmal mit ihm in Berührung auf dem Kaffeehause –

Lampe. In welchem Rufe steht der junge Mann?

Morgenroth. Nicht im besten. Es ist ein beschränkter Kopf. Uebrigens ein Bramarbas, ein Haudegen.

Lampe. (Zu Emilien.) Hörst Du?

Emilie. Dieser Schilderung gleicht Mannsfeld nicht.

Morgenroth. Freilich, die Damen nehmen sich seiner an. Er gilt für einen schönen Mann. Doch was ist ein schöner Mann? Ein geistreicher Mann ist ein schöner Mann.

Lampe. Wieder herrlich bemerkt! Aber erlauben Sie nun, Vortrefflichster, daß ich Sie zu unserm Freunde Wendemann führe.

Morgenroth. Ich war schon bei ihm. Er wollte mich Ihnen aufführen; aber ich pflege mich selbst aufzuführen. Ich werde bei Wendemann logiren.

Lampe. Der große Morgenroth mein Miethsmann! Welche Ehre! – Ich habe eine Bitte.

Morgenroth. Was wünschen Sie!

Lampe. Darf ich die Einrichtung ihrer Zimmer besorgen?

Morgenroth. Wenn Sie durchaus wollen –

Lampe. Ich werde Luisen sogleich Befehl ertheilen –

Morgenroth. Wer ist diese Luise? Ein Stubenmädchen?

Lampe. Nein, meine jüngere Tochter. Sie versieht die häuslichen Geschäfte. Ich will sie Ihnen vorstellen. (Ruft) Luise!

Sechste Scene.

Vorige. Luise.

Luise (in der Schürze). Papa?

Lampe. Luise, dies ist der berühmte Dichter Morgenroth, dessen Roman uns Alle so sehr entzückte.

Luise (rasch). Papa, mich nicht.

Lampe. Dummes Ding! Dich auch. (Zu Morgenroth.) Vergeben Sie –

Morgenroth. Ich liebe diese naive Einfalt. (Zu Luise.) Meine Werke gefallen Ihnen also nicht?

Luise. Es darf Sie nicht verdrießen. Ich bin jung, ich habe kein Urtheil.

Morgenroth. Gut gesprochen, kleine Luise.

Luise. (Piquirt.) Sie thun sehr bekannt.

Morgenroth. Wir werden bald noch bekannter werden, kleines Trotzköpfchen.

Luise. Das hoff' ich nicht.

Lampe. Luise, Du bist unartig.

Morgenroth. Nicht doch! Das ist Natur, Ursprünglichkeit, seltene Lebensfrische, naiver Charakter. Er erquickt mich. Bewahren Sie diese Richtung, mein Engel.

Luise. O mit solchen Erfrischungen und Erquickungen kann ich noch öfter aufwarten.

Morgenroth. Immer besser! Lassen Sie Ihre Natur frei schalten; wie sie sich rein ausspricht, werd' ich sie rein aufnehmen. Am Ende wird doch das urkräftige Princip in mir Ihr weiches und flüchtiges bezwingen und in sich verschmelzen. Aber das verstehen Sie nicht.

Luise. Doch! Sie wollen mich verschmelzen? Da müßten Sie mir erst warm machen. (Zu Lampe halblaut.) Papa, der Dichter ist ein unverschämter Mensch.

Lampe. St! St! Luise, Herr Morgenroth wird die blauen Zimmer im zweiten Stock bewohnen. Besorge die Einrichtung. (Zu Morgenroth.) Sie sind doch heute mein Gast? – Luise, noch ein Gedeck!

Luise. Schon gut, Papa! (Im Abgehen.) Da haben wir wieder einen Narren mehr zu füttern. (Ab.)

Siebente Scene.

Lampe. Emilie. Morgenroth.

Morgenroth (sieht ihr nach). Das kleine Ding ist allerliebst.

Lampe. Verehrter Mann, darf ich Sie nun in mein Museum führen? Die Sammlung ist freilich erst im Entstehen.

Morgenroth. Worauf sammeln Sie?

Lampe. Auf Alles.

Morgenroth. Das ist viel.

Lampe. Ich besitze Kupferstiche und Gemälde, alte Bücher und alte Musikalien, alte Waffen und alte Autographen; zumeist aber alte Münzen: lederne, eiserne, silberne, goldene –

Morgenroth. Münzen? Ich bin auch ein Sammler. Haben Sie Doubletten? Vielleicht machen wir einen Tauschhandel.

Lampe. Einverstanden. Mein Museum soll eigentlich die Geschichte des Menschengeschlechtes in seinem Urzustande darstellen. Kunst und Schönheit sind dabei Nebenzweck. Das Charakteristische ist die Hauptsache. Wo spricht sich der Charakter besser aus, als in der Urzeit? Meine urzeitliche Sammlung ist daher die reichste. Dem ersten Lallen der Menschheit kann ich mit Entzücken zuhören. So ist mir denn dieser altindische Götze hier lieber als der Apoll von Belvedere. Ach, wenn ich die Partitur jener Ur-Musik besitzen könnte, womit die Mauern Jericho's umgeblasen wurden, ich verlangte gar nicht, daß die Iphigenia oder Don Juan geschrieben wären.

Morgenroth. Ihre Ansicht ist originell – (bei Seite) aber albern.

Lampe. Sehr verbunden. – Trefflicher Mann, wie entzückt mich Ihre Bekanntschaft! Heute versammelt sich mein literarischer Salon. Sie lesen uns vielleicht ein neues Product Ihrer Feder vor, nicht wahr? – Welchen Glanz werden Sie unserer Zeitschrift verleihen, deren geheimer Mit-Redacteur ich bin, wie Sie vielleicht wissen werden.

Morgenroth. Ja, ich will mich erbarmen der deutschen Literatur, ich will ihr eine Richtung geben. Meine Ansichten von Kunst und Leben sind ungeheuer. Der Himmel verlieh mir Geist, Witz, Humor, Ironie, Tiefe. Ich erkenne meinen Beruf. Ich will zermalmen alles Bestehende. Ich will gründen eine große Schöpfung, eine neue Welt. Ich will neu gestalten die Kunst, die Wissenschaft, den Staat, die geselligen Verhältnisse. – Auch die Frauen sollen nicht vergessen werden. Ihre Emancipation ist ein Bedürfniß der fortschreitenden Cultur. Ich schreibe mit nächstem eine Revision der Liebe, eine Critik der Ehe. Das Motto sei: Freiheit und Gleichheit zwischen Mann und Weib. Schöne Lippen sollen mich dafür belohnen. (Zu Lampe.) Nun in das Museum.

Lampe. Einziger Mann! Perle! Krone! Halbgott! (Beide rechts ab.)

Emilie (allein). Ehrlich gestanden, dieser Dichter gefällt mir nicht. Da ist Wendemann anders! – Anders? – Wie? Aeußerte er nicht ähnliche Ansichten wie dieser junge Mann? Nur daß er sie sanfter und milder aussprach. Er scherzt über die Liebe, die Ehe. Auch mein Verhältniß mit Ludwig entging seinem Spotte nicht. Gewöhnte er mich nicht fast daran, über Dinge zu scherzen und zu lachen, die mir sonst zu zart schienen, um darüber zu sprechen? Ich lache, aber ich bin nicht froh; ich bin unzufrieden mit mir selbst. Ludwigs Briefe vermehren diesen Zwiespalt, diesen Unmuth. Wer trägt die Schuld: er oder ich?

Achte Scene.

Emilie. Doctor Wendemann.

Wendemann. Emilie –

Emilie. Doctor –

Wendemann. Was machen Sie, Fräulein?

Emilie. Ich philosophire.

Wendemann. Das ist zu früh.

Emilie. Oder zu spät.

Wendemann. Zu spät? Wieso?

Emilie. Ich meine, wenn wir erst anfangen, nachzudenken, haben wir meist schon eine Albernheit begangen.

Wendemann. Bei Einigen fängt das Alberne erst mit dem Denken an. – Wollen wir unsere Stunde beginnen?

Emilie. Sogleich. (Sie setzen sich.)

Wendemann (nimmt ein Buch). Wo blieben wir in der Aesthetik?

Emilie. Beim Erhabenen.

Wendemann. Gut. Das Erhabene –

Emilie. Ach, lieber Doctor –

Wendemann. Nun, mein Fräulein?

Emilie. Ueberschlagen wir das Erhabene.

Wendemann (schlägt das Buch zu). Recht gern. (Ergreift ihre Hand.) Lassen Sie uns zum Anmuthigen übergehen. Ihre Hand zittert –

Emilie (indem sie ihm ihre Hand entzieht). Es ist das Echo meines Herzens . . .

Wendemann. Und was beunruhigt diese zarte Brust? Suchen Sie es in Worte zu fassen, vertrauen Sie sich ihrem Lehrer, ihrem Freunde.

Emilie. Ich fürchte seinen Spott.

Wendemann. Spott? Wie, Emilie? Sie halten mich für kalt, für gefühllos? Ich bin es nicht. Aber darf ich mich zeigen, wie ich bin? Muß ich nicht so manchen heißen Wunsch unterdrücken, da Sie ihn nicht zu ahnen scheinen?

Emilie. Ich? Ihren Wunsch? Was soll das?

Wendemann. Nichts, wenn Sie mich einer leidenschaftlichen Empfindung für unfähig halten.

Emilie. Ihre Leidenschaft wäre mindestens eine neue Erscheinung.

Wendemann. Das ist sie, da sie sich bis jetzt verbergen mußte. Ich wollte Ihr Herz nicht beunruhigen, da ich wußte, für wen es schlug. Aber seit Kurzem scheint es bei einem gewissen Namen minder heftig zu klopfen.

Emilie. Mein Herr! – Wir wollen doch lieber über's Erhabene lesen.

Wendemann. Nein, Emilie! Ich kann nicht länger schweigen. Sie scheinen bewegter als ich Sie jemals sah. Ihr Auge flammt – ich kann diese Gluth nicht für Zorn halten. Erfahren Sie denn, was so lange in meiner Seele verborgen lag –

Emilie. Genug! Halten Sie ein! (Steht auf.)

Wendemann (ergreift ihre Hand). Erfahren Sie – daß ich Sie liebe.

Emilie. Hinweg!

Wendemann (folgt ihr). Hören Sie mich, Emilie. Ich weiß, Sie sind einem wackern, verständigen, etwas trockenen Manne verlobt. Die Verbindung ward in Ihrer zarten Jugend geschlossen. Seitdem ist erst Ihr Geist, Ihr Gemüth völlig erwacht. Täuscht mich nicht Alles, so lieben Sie jenen Mann nicht mehr. Auch Ihr Vater wünscht das voreilige Bündniß zu lösen. Er ist mir nicht abgeneigt – ich werde um Ihre Hand anhalten. Ich schwieg bis jetzt; aber dieser Augenblick macht mich kühn: ich faßte Ihre Hand, und glaubte den Druck erwiedert zu fühlen. Hab' ich mich vielleicht getäuscht?

Neunte Scene.

Vorige. Luise.

Luise. Schwester, ich brauche Butter. Du hast den Schlüssel zur Speisekammer.

Emilie (will sich mit einer Verbeugung gegen den Doctor entfernen).

Wendemann. Emilie! Nur ein Wort!

Luise. Wir werden auch noch Eier nöthig haben.

Wendemann (für sich). Butter! Eier! Das stört mein ganzes Concept –

Emilie (gibt Luisen den Schlüssel und deutet ihr zu gehen).

Luise (für sich im Abgehen). Was haben die Beiden? Was ist da vorgefallen? (Ab.)

Wendemann. Sie schweigen, Emilie? – Wie? war jener sanfte Druck der Hand nur Verstellung?

Emilie (heftig bewegt). Ich bin schuldlos an Ihrem Wahn. Gott ist mein Zeuge, ich bin schuldlos. Ich liebe Sie nicht. – (in Thränen) ich hasse Sie. (Ab zur Seite links.)

Wendemann (allein.) Wie schön ist ihr Zorn! Wie himmlisch muß ihre Liebe sein! – Der erste Wurf ist gethan. Ich lasse alle Minen springen. Sie muß meine Frau werden. (Ab durch die Mittelthüre.)

Zehnte Scene.

Lampe. Morgenroth.

Morgenroth (den Hut unterm Arme, beide Hände voll Münzen). Recht hübsche Exemplare!

Lampe. Unbedeutend! Nur Gold und Silber. Die seltenen Ledermünzen bekommen Sie nicht, Freundchen.

Morgenroth. (Schüttet die Münzen in den Hut.) Thut nichts. Ich habe Leder genug.

Lampe. Wann erhalt' ich die Autographen?

Morgenroth. Sobald mein Koffer anlangt. Und welche Seltenheiten!

Lampe. (Reibt die Hände.) Was denn, zum Exempel?

Morgenroth. Was sagen Sie zu einem Briefwechsel zwischen Calderon und Shakespeare über das Romantische?

Lampe. Mir wässert der Mund darnach.

Morgenroth. Es ist nichts im Vergleich mit der zweiten Seltenheit, die ich Ihnen zugedacht.

Lampe. Was ist es denn?

Morgenroth. Er ist ein eigenhändiger Brief Homer's.

Lampe. Nicht möglich!

Morgenroth. Verstehen Sie Griechisch?

Lampe. Nein.

Morgenroth. Der Brief ist im dorischen Dialekt. Ich will Ihnen die Uebersetzung geben. Homer bittet darin seinen Hausherrn Onokephalos um Nachlaß der Miethe. Man erkennt im Styl ganz den Verfasser der Odyssee. Dieses unschätzbare Document gewährt bedeutende Blicke in das Privatleben der alten Griechen. So erfährt man daraus zum Beispiel, daß die Dichter damals nicht, wie bei uns in Deutschland, in Dachstübchen, sondern unter der Erde wohnten, woraus sich vielleicht der Unterschied zwischen antiker und moderner Poesie herleiten läßt.

Lampe. Der Homer hatte übrigens leicht im Keller wohnen, denn er war blind.

Morgenroth. Richtig bemerkt.

Lampe. Und der Schatz soll mir gehören?

Morgenroth. Ja. Doch Sie müssen versprechen, den Besitz ein Jahr lang geheim zu halten.

Lampe. Ich verspreche –

Morgenroth. Schwören Sie!

Lampe. Ich schwöre!

Morgenroth (umarmt ihn). Homer, Chalderon und Shakespeare gehören Ihnen.

Eilfte Scene.

Vorige. Niklas (mit einem großen Pack Zeitungen).

Niklas. Die neuen Journale. (Legt das Packet ab.) Ein Brief an Sie, Herr Lampe.

Lampe. Warte (liest). »Die Beilage, die durch Zufall in meine Hände kam, ist Ihnen vielleicht von Wichtigkeit. Ihr unbekannter Freund.« (Liest still.) Ha! – Niklas! – Sieh, ob Doctor Wendemann zu Hause ist. Ich lasse ihn ersuchen, sogleich herunter zu kommen.

Niklas (im Abgehen). Nun werden sie wieder redigiren. (Ab).

Lampe. Dieser Brief ist fast so wichtig, wie der von Homer. – Mein Freund, ich kenne Sie erst seit heute; aber vor Männern wie Sie, vor Geistesverwandten, hat man keine Geheimnisse. Sie sollen sogleich in unsere Familienverhältnisse eingeweiht werden. (Oeffnet die Seitenthüre links.) Emilie! Bist Du da? Komm' heraus!

Zwölfte Scene.

Vorige. Doctor Wendemann (durch die Mittel-), Emilie (durch die Seitenthüre).

Lampe. Meine Tochter! Meine Freunde! Ich habe euch versammelt, um über eine Sache von höchster Wichtigkeit zu entscheiden. Meinem Hause, vor Allen Dir, Emilie, ist der größte Schimpf widerfahren.

Emilie. Mir?

Lampe. Nimm dieses Blatt. Kennst Du die Schrift?

Emilie. Das ist Mannsfelds Hand –

Lampe. Es ist ein Brief, den er an die Witwe seines Bruders schreibt. Du kennst die Frau, die in der ganzen Welt herum zigeunert. Ihr Ruf ist nicht der beste. Jetzt ist sie wieder hier, schmiedet Complotte gegen uns. Aber lies selbst, und sprich dann sein Urtheil.

Emilie (liest). »Hamburg, den dreizehnten – Liebe Betty! Ihr Brief mit der angenehmen Neuigkeit hat mich wahrhaft entzückt. Ich freue mich auf unser Zusammenleben und auf die Erneuerung unserer Verhältnisse. Ihre Unruhe wegen Emilien theile ich nicht ganz. Sie ist gut; ihre Verkehrtheiten wurzeln gewiß nicht in ihrem Herzen. Sie schreibt schlechte« – (bricht ab). Das ist unleserlich.

Lampe (sieht in den Brief, und liest). »Sie schreibt schlechte Gedichte und Novellen.« Es ist ganz deutlich.

Emilie. Nur zu deutlich! (liest.) »Das Schreiben ist eine Krankheit der Zeit. Ich hoffe Emilien davon zu heilen.« (Spricht.) Hoffen Sie das nicht! (Liest.) »Das wunderliche Wesen des Alten –« (stockt.)

Lampe. Das bin ich. Gib her! (Nimmt den Brief, liest.) »Das wunderliche Wesen des Alten spiegelt sich zum Theil in ihr wieder ab. Ich denke durch meine Gegenwart seinen Thorheiten ein Ziel zu setzen.« (Spricht.) Merken Sie wohl auf die Thorheiten! Er will meinen Thorheiten ein Ziel setzen. Das wollen wir sehen. Ich lasse mir kein Ziel setzen. (Liest.) »Sie werden Geld brauchen, Beste. Nehmen Sie die beiliegende Anweisung. Verdrießliche Geschäfte halten mich hier noch zurück. Aber bald eilt in Ihre Arme Ihr treuer Freund, Ludwig Mannsfeld.« (Gibt Ihr den Brief.) Nun, was sagst Du? Sie ist seine liebe Betti, und ich bin ein Thor, Du eine Thörin. Er schickt ihr Geld. Erinnere Dich, Emilie! Er hatte ein Verhältniß mit seiner Schwägerin. Die ganze Welt sprach davon. – Wie, meine Freunde? Kann ein solcher Mensch jemals mein Schwiegersohn werden? Reden Sie, Doctor!

Wendemann. Vergeben Sie, Herr Lampe – ich wünsche hier keine Stimme zu haben.

Lampe. Ist solch ein Betragen nicht unwürdig? Unsittlich? (Zu Morgenroth.) Was sagen Sie?

Morgenroth. Unsittlich? Es gibt an sich keine Unsittlichkeit. Bei einer großen Welt-Ansicht ist Alles erlaubt. Die sogenannte Moral gehört auch zu den Vorurtheilen, die ich ecrasiren will. Poesie ist Tugend. Ein poetischer Mensch kann sehr wohl ein Mädchen heirathen, eine Zweite lieben und einer Dritten Geld senden.

Lampe. Wa –?

Morgenroth. Wohl verstanden: ein poetischer Mensch. Aber Mannsfeld ist nur ein gewöhnlicher, ein prosaischer Alltagsmensch, der sich keine solchen poetischen Licenzen herausnehmen darf. Er unterliegt dem Forum der gemeinen bürgerlichen Moralität. Ich stimme daher, daß über ihn der Stab gebrochen werde.

Lampe. Vortrefflich! Ein wenig paradox, aber die praktische Anwendung ist gut. – Emilie, ich hoffe, Du denkst nicht mehr an den Unwürdigen.

Emilie (die sich indessen mit dem Brief beschäftigte). Ich schreibe schlechte Gedichte und Novellen –

Lampe. Er will meinen Thorheiten ein Ziel setzen!

Emilie. Schlechte Gedichte! – Er hat mich nie geliebt. (Sie setzt sich an den Tisch zu den Zeitungen.)

Lampe (zu Wendemann, leise). Bester Freund, ich hoffe, Alles wird gut enden.

Wendemann. Versteh' ich Sie recht? Sie regen Hoffnungen in mir –

Lampe. Die ich zu erfüllen gedenke.

Morgenroth (schnuppernd. für sich). Ein feiner Speisegeruch dampft mir in die Nase. Ich hoffe, es geht bald zu Tisch.

Emilie (die mechanisch ein Blatt ergriffen). Was ist das? (Sie steht auf.)

Morgenroth. Das ist die Hamburger Börsenhalle.

Emilie. Sehen Sie nur, Vater – meine Novellen – recensirt –

Morgenroth. O weh!

Lampe. Ist das Urtheil günstig?

Emilie. Herunter gemacht – in den Staub getreten – meine schönsten Empfindungen und Gedanken – in's Lächerliche gezogen, was mir aus bewegtem Gemüth entquoll – – übrigens die alte Leier! Ich soll beim Strickstrumpf, bei der Nadel bleiben. Als ob man nicht stricken und dichten könnte zugleich.

Wendemann. Beruhigen Sie sich, Fräulein –

Lampe. Verliere den Muth nicht, liebes Kind. Schreibe nur zu! Der Eine lobt's, der Andere tadelt's: das ist nothwendig, um das literarische Gleichgewicht zu erhalten.

Emilie. Aber diese boshaften, diese hämischen Ausfälle!

Morgenroth. Ich will eine Antikritik schreiben –

Wendemann. Wer mag nur die Recension –? (Will das Blatt nehmen.) Erlauben Sie –

Morgenroth (ergreift das Blatt). Laß mich sehen, lieber Freund! – Hm! – Die Schreibart ist mir unbekannt. Als Namens-Chiffer ein M.

Wendemann. M. in Hamburg? Wer mag dieser M. sein? (Leise zu Morgenroth.) Du wirst doch nicht –?

Morgenroth (leise). Schweige still! (Laut.) Ja, wer mag dieser M. sein? – Holla! Ich hab's.

Emilie. Nun?

Lampe. Ich bin begierig.

Morgenroth. Der M. ist – Mannsfeld.

Emilie. Mannsfeld?

Lampe. Wär's möglich?

Morgenroth. Hören Sie nur! – Ich sah den saubern Herrn Capitän auf dem Kaffeehause, die Novellen in der Hand.

Emilie. Meine Novellen?

Morgenroth. Satyrisch lächelnd –

Emilie. Satyrisch –?

Morgenroth. Wie er eben mit einer Bleifeder Bemerkungen schrieb. (Für sich.) Bis hieher ist's richtig.

Lampe. Das beweist noch nichts.

Emilie (ergreift das Journal). Geben Sie her!

Morgenroth. Vernehmen Sie nur die weiteren Umstände, die fast keinen Zweifel lassen.

Emilie. Was braucht's Beweise? Es ist sein Styl.

Morgenroth. Nicht wahr?

Emilie. Er ahnte, ja er wußte, daß ich die Verfasserin bin – jener Brief zeigt es. Sein Haß gegen weibliches Schriftstellern – die Ausfälle, der Strickstrumpf – weh mir! Es ist nur zu gewiß: Mannsfeld – hat – die Recension geschrieben – (Sie läßt das Blatt fallen.)

Dreizehnte Scene.

Vorige. Luise.

Luise. Es ist aufgetragen.

Morgenroth. Endlich!

Wendemann (der Emilien unterstützt). Dem Fräulein ist nicht wohl –

Lampe. Emilie! Sie wird ohnmächtig –

Morgenroth. Jetzt, da die Suppe kommt!

Emilie. Luise!

Luise (eilt herbei). Schwester!

Emilie (schwach, mit halbgeschlossenen Augen). Auf mein Zimmer! Ich überleb' es nicht –

Luise. Sind's Krämpfe?

Emilie. Die Recension! Die Recension!

Luise. Wasser! Wasser!

Emilie. Die Recension! – Komm', Schwester! (Sie schließt die Augen.) Die Außenwelt schwindet – ich sehe klar in mein Inneres – die Novellen sind gut. Fort! fort! (Seitwärts ab mit Luise.)

Vierzehnte Scene.

Lampe. Doctor Wendemann. Morgenroth.

Lampe. Das arme Kind! Sie phantasirt.

Morgenroth. Das kommt vom leeren Magen. Ein tüchtiges Mittagmahl macht Alles wieder gut.

Lampe. Es ist sonderbar! (Zu Wendemann). Bemerkten Sie, wie sie die Augen schloß?

Wendemann. Meine Ahnung bestätigt sich.

Lampe. Welche Ahnung?

Wendemann. Es scheint, sie hat Anlage zum Somnambulismus.

Lampe (faßt ihn). Somnam –? Herr, ist das wirklich?

Wendemann. Ich zweifle gar nicht –

Lampe. Wenn ich das erlebe! Meine Tochter somnambul? Vielleicht clairvoyante?

Wendemann. Sehr vermuthlich. Sie ist vor der Hand im ersten Stadium.

Lampe (umarmt Beide). Das Glück – die Freude – lieber Doctor! Sie sind Magnetiseur. Setzen Sie sich mit meiner Tochter in Rapport. Schreiben Sie Alles auf, was sie spricht und nicht spricht, sieht und nicht sieht. Wir geben ein Buch heraus, eine zweite Seherin von Prevorst –

Fünfzehnte Scene.

Vorige. Luise (kommt zurück). Dann Niklas.

Lampe. Was macht Emilie?

Luise. Sie schloß die Augen –

Lampe. Das ist gut –

Luise. War einer Ohnmacht nahe –

Lampe. Vortrefflich!

Luise. Ich gab ihr Tropfen. Nun ist sie wieder erwacht.

Lampe. Unglückliche! Sie soll nicht erwachen. Das war kein gewöhnlicher Schlaf, es war Somnambulismus!

Niklas (tritt ein). Die Suppe wird kalt.

Lampe. Niklas! Meine Tochter Emilie ist somnambul. – Komm', Luise! Kommt, meine Freunde! Zu ihr! Wir wollen sogleich experimentiren.

Morgenroth. Aber die Suppe – es hat Zeit bis nach Tische.

Lampe. Kommen Sie! Kommen Sie! – Das wird in meinem Salon Aufsehen machen – somnambul! somnambul! Kommen Sie! (Alle ab bis auf Niklas.)

Niklas (allein). Was? Somnambul? La somnambula? Die Nachtwandlerin? – Unser Fräulein wird also, wie in der Oper, im Nacht-Negligé auf die Dächer steigen? – Was man nicht Alles erlebt! Wohin die Bildung führt! Bis aufs Dach. Wenn sie nur nicht herunterfällt. (Ab.)

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