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Der Lindenbaum

Heinrich Seidel: Der Lindenbaum - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleHeinrich Seidel's erzählende Schriften Band II
authorHeinrich Seidel
year1899
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleDer Lindenbaum
pages339-354
created20030524
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1899
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Heinrich Seidel

Der Lindenbaum

Vor längerer Zeit hielt ich mich einige Jahre hindurch in einer kleinen Stadt auf und war dort an einen alten Herrn empfohlen, der ein Studiengenosse meines Vaters gewesen war. In dem Hause dieses Mannes ging ich aus und ein und genoß dort viel Freundlichkeit. Herr Doktor Lindow war ein stattlicher und jovialer Sechziger und ein großer Natur- und Gartenfreund, der herrliche Blumen und köstliches Obst zog, und sein Garten, der sich in glücklicher südlicher Lage in Terrassen zu einem kleinen See hinabsenkte, war im Sommer und Herbst ein wahres Füllhorn köstlicher Dinge. Als ein Wunder erschien es mir immer, was durch kluge Ausnutzung des Raumes aus einem verhältnismäßig kleinen Fleck Erde alles erzeugt werden kann. Am Ende des Gartens befand sich auf einer kleinen Erhöhung eine mächtige Lindenlaube, die auf den stillen, von Schilf und Weiden umkränzten See sich öffnete, und dort saß ich eines schönen Abends im August in heiterem Gespräche mit dem alten Herrn, der an jenem Tage besonders aufgeräumt war. Vor uns auf dem Tische stand eine mächtige Schale mit köstlichen Pfirsichen, Reineclauden und Aprikosen, in den Gläsern schimmerte eine vorzügliche Sorte von Rheinwein, und ringsum ertönte in den stillen Abend hinein das fröhliche Getöse spielender Kinder, der Enkel und Enkelinnen meines Gastfreundes. Unter diesen war ein zwölfjähriger Junge, der sich durch große körperliche Gewandtheit auszeichnete. Plötzlich hörten wir dessen Stimme aus dem Wipfel eines Baumes, der seine Zweige wagerecht nach dem Ufer des Sees hinausstreckte. »Großvater!« rief der Junge, »nun passe mal auf, wie ich es jetzt schon gut kann!«

Damit war er auf einen der wagerechten Zweige hinausgerutscht und hing plötzlich an den Knieen daran, mit dem Kopfe nach unten. Zu meinem Schreck ließ er sich dann los, griff aber geschickt in das Laub des unteren Zweiges, daß sein Körper sich wendete und der Kopf wieder nach oben kam, und so von Ast zu Ast rutschend und stürzend, gelangte er, indem er rechtzeitig seinen Fall durch wiederholtes Eingreifen in die Zweige milderte, glücklich unten an.

»Gut, mein Sohn,« rief Herr Lindow, »kannst mal herkommen!« Nachdem er den Knaben für seine Leistung reichlich mit Obst belohnt hatte, wandte er sich zu mir und sagte: »Eine alte Familienkunst, die ich schon von meinem Vater gelernt habe und die hoch in Ehren gehalten wird, seitdem sie mir einmal einen so großen Dienst geleistet hat.«

»Welcher Art war dieser Dienst?« fragte ich etwas verwundert.

Der Doktor lehnte sich in seinen Gartenstuhl zurück und sah sinnend vor sich hin, wie einer, der sich eine Geschichte im Geist zurechtlegt, und sagte dann: »Sie wissen doch, daß ich als Student zu zehnjähriger Festungshaft verurteilt worden bin?«

»Ja gewiß!« antwortete ich, »damals, als auch Fritz Reuter zu dieser Strafe verdammt wurde, und aus denselben Gründen.«

»Gewiß,« fuhr Lindow fort, »allein ich hatte es in einer Hinsicht besser als Reuter, da ich meine Zeit in der einzigen kleinen Festung meines engeren Vaterlandes absitzen durfte, wo ich es verhältnismäßig gut hatte. Diese war nun eigentlich gar keine Festung mehr, denn die Außenwerke hatte man längst geschleift, und nur ein auf einem steilen Felsen gelegenes Kastell war übrig geblieben, das zu Gefängniszwecken diente. Dort hatte ich ein ganz wohnliches Zimmer, allerdings mit schwerer, eisenbeschlagener Thür und einem tief in die dicke Mauer eingeschnittenen, stark vergitterten Fenster. Ich war der einzige Festungsgefangene dort, denn mehr dergleichen politische Verbrecher hatte das kleine Fürstentum nicht hervorgebracht, und man ließ mir am Tage ziemlich viel Freiheit, nachts allerdings wurde ich sorglich eingeschlossen. Wohin sollte ich auch entkommen, da dieser Felsen an drei Seiten wohl an die hundert Fuß steil abfiel, während er an der vierten, wo der gewundene Weg hinaufführte, durch Mauern und mächtige Thore mit Schildwachen davor genügend versperrt war. – Ueber Mangel an Aussicht konnte ich mich an diesem Orte nicht beklagen, denn der Felsen war ein letzter Ausläufer des am Horizonte dämmernden Gebirges und lag als einzige wesentliche Erhöhung in einer sanft gewellten Ebene. Aber nichts ist wohl geeigneter, die Sehnsucht nach der Freiheit zu verschärfen, als ihr steter ungehinderter Anblick. Zum körperlichen Schmerze fast wurde diese Sehnsucht, wenn an schönen Sommersonntagen die Menschen aus dem Städtchen wie aus einem Ameisenhaufen auf allen Wegen herauskribbelten in die freie Natur, wenn aus der Straße nach dem blau dämmernden Gebirge zu die Wagen rollten und leichtfüßige Wanderer munter dahinschritten, wenn aus den Gasthäusern vor dem Thore die Fahnen wehten, während farbige Mädchenkleider und helle Strohhüte aus dem Grün hervorschimmerten, und bald von hier, bald von dort ein dumpfes Paukenschlagen oder ein anderes musikalisches Getöse oder ein unablässiges Rollen von Kegelkugeln zu mir hinausschallte. Dann kamen wohl auch leichtgeflügelte Schmetterlinge aus der Tiefe flatternd emporgetaucht, glätteten ihre Flügel ein wenig auf dem durchsonnten Rasen des Walles und taumelten dann sorglos weiter in die Freiheit. Die Schwalben, die sich um das alte Gemäuer des Kastells jagten, schossen dicht über mich hin und riefen wie zum Hohne: ›Komm mit, komm mit,‹ und als dies alles wieder einmal an einem Sommersonntag geschah, ward es mir zu viel und ich begab mich auf die andere Seite, wo mir der Anblick auf die Stadt und das fröhliche Getümmel um sie her entzogen war. Hier wurde die eine Wand des Felsens vom Flusse bespült, und hinter diesem dehnte sich eine weite Heidefläche aus. Zu meinen Füßen aber in den Winkel, den der herannahende Fluß mit dem Felsen machte, lief ein großer Garten aus, der zu dem Landhause eines wohlhabenden Fabrikanten gehörte. Wie eine Karte lag er mit seinen sauberen Steigen, Rasenflächen und Gebüschgruppen unter mir, aber auch so öde wie eine Landkarte war er meist, denn außer einem alten Gärtner, der sich dort zu thun machte, und seiner ebenso alten Frau hatte ich dort noch niemals einen Menschen gesehen. – Als ich dort nun saß, meine Beine über den Rand des Felsens baumeln ließ und abwechselnd in die saubere grüne Einsamkeit zu meinen Füßen und dann über den Fluß hinweg auf die eintönige Heide schaute, da überkam mich mit einemmal ein Gedanke, der mein Gehirn mit einem solchen Rausche erfüllte, daß ich mich zurücklehnte und meine Hände in das Gras klammerte in der Furcht, von einem Schwindel ergriffen, plötzlich hinabzustürzen. In dem letzten Winkel des Gartens stand nämlich ein uralter Lindenbaum, so nahe am Felsen, daß seine Zweige ihn fast berührten. Seine ungeheure grüne Kuppel war gerade unter mir, die Entfernung konnte nicht mehr als etwa zwanzig Fuß betragen. Daß mir das sonst noch nie so aufgefallen war! Wenn ich dort hineinsprang, war ich ja so gut wie unten. Es hatte auch gar keine Gefahr, denn die dichtbelaubten, elastischen Zweige würden mich sanft aufnehmen und den Sturz mildern, und dann: wie oft hatte ich mich nicht als Knabe so von Zweig zu Zweig absichtlich aus Bäumen fallen lassen. Das war eine Kunst, die gefährlicher aussah, als sie war, und mir schon oftmals den Beifall erstaunter Zuschauer eingebracht hatte. Wenn ich das hier ausführte, konnte ich ja in ein paar Sekunden unten sein. Und dann war ich frei. – Aber wie lange? Ich war ohne Mittel, denn genügendes Geld bekam ich als Gefangener natürlich nicht in die Hände, und obwohl die Grenze nicht allzuweit entfernt war, so wäre mir doch wohl nur in einem bereitstehenden Wagen mit schnellen Pferden die Flucht gelungen. Auch fehlten mir Legitimationspapiere, und diese waren höchst nötig, um sich an der Grenze auszuweisen. Woher dies alles nehmen? Doch diese Gedanken kamen mir alle erst später bei ruhiger Ueberlegung; zunächst berauschte mich der Gedanke, wie leicht ich entkommen konnte, wenn ich wollte, so, daß ich in ihm förmlich schwelgte. Im Falle ich dort hinabsprang und mich von Zweig zu Zweig stürzen ließ, war Gefahr nur dann vorhanden, wenn sich zu große Lücken zwischen den Aesten fanden oder diese in bedeutender Höhe vom Boden aufhörten. Ich suchte mir einen anderen Ort auf dem Felsen, legte mich dort auf den Bauch und betrachtete die Linde aus größerer Entfernung von der Seite. Sie war so normal gewachsen, wie dies für einen Musterbaum ihrer Art nur möglich ist, die grüne Kuppel zeigte keinerlei Unterbrechung und die untersten Zweige hingen bis auf den Boden hinab.

»Plötzlich ertönten stramme, taktmäßige Tritte und riefen mich aus meinen Gedanken zurück. Der Posten, der in dieser Gegend stand, ward abgelöst, und es erschien mir klug, mich zu zeigen, da man sonst wohl nach mir geforscht hätte. Ich ging schnell hinter den Wällen herum und kam an einer anderen Stelle scheinbar gelangweilt wieder zum Vorschein, setzte mich auf eine alte Kanone und schaute wieder auf die Stadt und das fröhliche Treiben der Landstraßen hin. Im Geiste aber war ich bei meinem alten Lindenbaum. Ich stand am Rande des Felsens und suchte mit dem Fuße nach einem sicheren Absprung. Nun war es so weit. Los! Mich schauderte zwar ein wenig, aber es mußte sein. Wie mir das grüne Laubwerk um die Ohren sauste. Ich war gerade richtig gesprungen, der Ast gab mächtig nach, aber er brach nicht. Ich ließ ihn nicht los, bis er sich tief auf den nächsten gebeugt hatte, und dann rauschte und rutschte ich durch die knickenden kleineren Zweige tiefer und tiefer, von einem Aste zum anderen und schnell war ich unten. Jetzt hinab an den Fluß und durch die seichten Sommergewässer an das andere Ufer. Hier das kleine Kieferngehölz verbarg mich einstweilen. Aber ich mußte weiter – weiter über freie Räume, wo ich fernhin sichtbar war. Nur immer vorwärts der Grenze zu. Vielleicht bemerkte mich doch niemand. Ein Flüchtling muß Glück haben. Da: ›Bum!‹ Was war das? Ein Alarmschuß von der Festung. Nun ging die Hetzjagd an.

»Ich hatte mich so in diese Gedanken vertieft, daß es mich wie eine Erleichterung überkam, als ich mir plötzlich klar machte, daß ich noch kein gehetztes Wild sei, sondern ganz gemächlich am Sonntag nachmittag auf einer alten Kanone säße und spintisierte.

»Von nun ab ließ mich der Fluchtgedanke nicht mehr los, und so oft ich es nur ohne Aufsehen zu thun vermochte, studierte ich meinen alten Lindenbaum, so daß ich ihn zuletzt fast auswendig konnte. Den verhängnisvollen Sprung habe ich im Geiste so oft gemacht, daß es nicht zu zählen ist. Dabei zermarterte ich mich mit Grübeleien, wie ich mir Geld und alles sonst zur Flucht Nötige verschaffen möchte, verwarf einen Plan nach dem anderen und kam zu keinem Ende damit. Denn alles hing davon ab, daß ich Briefe sicher aus der Festung beförderte, und ich fand niemand, dem ich mich hätte anvertrauen mögen.

»Indes war die Zeit der Sommerferien herbeigekommen, und als ich eines Tages wieder in den sonst so verlassenen Garten des Landhauses hinabschaute, bemerkte ich dort eine wundervolle Veränderung. Was mir an weiblichen Wesen aus der Festung zu Gesicht kam, war nicht dazu angethan, mich zu verwöhnen, denn es gehörte zu der Gattung der Regimentsmegären und Scheuerdrachen; deshalb erschien mir wohl das junge, etwa siebzehnjährige Mädchen dort unten wie ein Wunder von Schönheit und lieblicher Bildung, und es überkam mich etwas wie Dankbarkeit gegen den Schöpfer, der solche wohlgerundete Anmut mit leichter Meisterhand in die Welt gestellt hatte. Während das junge Mädchen, langsam alles betrachtend, durch den Garten ging, wurde sie umschwärmt von einem ungefähr vierzehnjährigen Knaben, der mit einem Bogen von Eschenholz leichte Rohrpfeile in die Luft schoß und sich an ihrem hohen Fluge vergnügte. Durch einen Zufall stieg der eine dieser Pfeile bis zu mir empor und fiel neben mir nieder. Dadurch wurde der Knabe meiner gewahr und machte seine Schwester auf mich aufmerksam. Ich nahm meinen Hut ab und warf, indem ich grüßte, den Pfeil wieder hinunter. Mein Schicksal und meine Anwesenheit auf der Festung waren in der ganzen Stadt bekannt, und so mochten diese jungen Leute auch wohl gleich wissen, wen sie vor sich hatten. Denn sie sprachen miteinander und sahen zu mir empor, der Knabe unverhohlen und voll Neugier, das Mädchen flüchtiger, aber, wie es mir schien, mit einem Ausdruck von Mitleid in den schönen Zügen.

»Da ich nun fortwährend mit Fluchtgedanken beschäftigt war und alles gleich mit diesen mich ganz beherrschenden Ideen in Verbindung brachte, so fiel es mir gleich auf die Seele, daß ich hier eine Verbindung mit der Außenwelt zu gewinnen vermöchte. Wenn das schöne Mädchen mir vielleicht auch nicht helfen konnte, so würde sie doch gewiß nicht einen armen Gefangenen verraten, der sich vertrauensvoll in ihre Hand gab. Aber ein Zweifel fing sofort an mich zu plagen, ob ich das Mädchen wiedersehen würde. Vielleicht war sie nur zu einem kurzen Besuch in diesem Landhause und kam nie wieder. Aber dennoch arbeitete ich im Geiste schon an einem ausführlichen Briefe, in dem ich meine Lage und alles, was zu meiner Befreiung nötig war, gründlich auseinandersetzte. Als ich gegen Abend wieder in meine Zelle eingeschlossen wurde, schrieb ich alles sorgfältig auf und setzte die Mittagsstunde von zwölf bis ein Uhr zu einer Antwort von ihrer Seite fest. Dann befand sich alles aus der Festung beim Essen und ich war am wenigsten beobachtet, zumal auch die Schildwache in meiner Nähe um diese Zeit sich einer stillen, innerlichen Beschaulichkeit hinzugeben pflegte. Ihre Antwort sollte das Mädchen auf ein Zettelchen schreiben, diesen mit ein wenig Wachs oder Pech an einen Rohrpfeil kleben und durch ihren Bruder zu mir hinaufschießen lassen.

»Mit fieberhafter Spannung wartete ich am anderen Tage darauf, daß die Schöne wieder im Garten erschiene, doch vergebens, alles blieb leer. Nur der Knabe tollte eine Weile dort herum und übte sich mit langen, schlanken Gerten, die er als Wurfspieße benutzte. Endlich am Nachmittage sah ich das helle Kleid aus dem Grün leuchten. Das Mädchen ging langsam durch den Garten und verschwand unter dem alten Lindenbaume. Es dauerte eine Ewigkeit, bis sie wieder zum Vorschein kam, nun aber wandelte sie auf dem Steige unter mir hin. Jetzt galt es. Ich räusperte mich, so laut ich konnte, und sobald sie aufblickte, zeigte ich meinen mit einem Steine beschwerten Brief. Als sie verwundert und etwas verwirrt wegsah, warf ich ihn hinab. Er fiel ihr gerade vor die Füße, und ich bemerkte, wie sie erschrack und im ersten Augenblicke weiterging, ohne ihn aufzunehmen. Dann besann sie sich, kehrte um, hob das Papier auf und ging damit unter den Lindenbaum zurück. Nach einer Weile kam sie wieder hervor und schritt, mir den Rücken wendend, langsam auf das Haus zu. Wie im Krampfe zog sich mein Herz zusammen, als sie so, ohne ein Zeichen zu geben, davonging. Doch da, plötzlich stand sie und ließ flüchtig den Blick zu mir heraufgleiten. Dann wendete sie sich wieder ab, nickte dreimal eindringlich mit dem Kopfe und lief eilig auf das Haus zu.

»Beinahe hätte ich laut aufgejauchzt, als ich dies bemerkte, und den ganzen Abend hatte ich die größte Not, die außerordentliche Heiterkeit zu unterdrücken, die mich erfüllte.

»Am anderen Tage ging alles gut. Der Knabe kam und schoß mit seinen Rohrpfeilen wie zur Uebung an dem Felsen in die Höhe. Dann nahm er einen anderen Pfeil, zielte sorgfältig und schoß ihn zu mir empor. Es war zu kurz; ich sah den leichten Boten bis dicht an meine Hand steigen und dann wieder zurücksinken. Das zweite Mal gelang es; ich löste schnell den kleinen, schmalen Zettel ab und warf den Pfeil wieder hinunter.

»Sie schrieb: ›Ich will alles thun, was ich kann. Mein Onkel will mir dabei helfen. Sie dürfen ihm vertrauen, wie auch meinem Bruder Paul, der alles weiß und stolz auf dies Geheimnis ist. Haben Sie guten Mut; in vierzehn Tagen kann alles bereit sein.‹

»Diesen kleinen Zettel drückte ich an meine Lippen, las ihn wohl hundertmal und bewahrte ihn als meinen größten Schatz. Ueber die nächsten vierzehn Tage will ich kurz hinweggehen. Genug, die Stunde war da, wo alles bereit war, und zwar sollte die Flucht am hellen Mittage stattfinden. Das Glück begünstigte mich in jeder Hinsicht. Am Vormittage stieg ein Gewitter auf; über der Heide stand eine blauschwarze Wolkenwand, in der die Blitze zuckten, und der Donner lauter und lauter rollte. Einige Minuten nach Zwölf stand ich an dem Rande des Felsens und wartete auf den nächsten Donner, der das Geräusch meines Sturzes übertäuben sollte. Da zuckte ein greller Blitz auf: ›Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht . . .‹ zählte ich unwillkürlich, und dann knatterte und rollte es mächtig in den Wolken. ›In Gottes Namen!‹ sagte ich innerlich und sprang zu. Wie ich hinunter gekommen bin, weiß ich noch heute nicht. Es donnerte, rauschte und sauste mir um die Ohren, Zweige schlugen mir ins Gesicht, und mit einemmal hatte ich Boden unter den Füßen. Ich eilte schnell durch Laubengänge, die mich den Blicken verbargen, dem Ausgange zu. Wie oft hatte ich diesen Weg schon im Geiste gemacht! Da, in der Nähe des geöffneten Gartenthores stand, von Buschwerk gedeckt, eine helle Gestalt. Sie war es. In überschwellender Dankbarkeit reichte ich ihr beide Hände entgegen, und da Worte unsere Empfindungen nicht ausdrücken konnten, so küßten wir uns, als könne es gar nicht anders sein. Aber sie drängte mich bald von sich. ›Schnell, schnell,‹ rief sie, ›und reisen Sie glücklich!‹ O Wonne und Qual, in der Nußschale eines kurzen Augenblickes vereinigt. Aber ich mußte weiter. Auf der Straße sah ich den Knaben Paul, dem ich in einiger Entfernung folgen sollte. Er führte mich zu einem kleinen Gehölz in der Nähe, wo eine Kutsche mit zwei schönen Pferden hielt. Ein ältlicher Mann, der dabei stand, schob mich hinein und rief mir zu: ›Im Wagenkasten ist ein neuer Anzug und was Sie sonst noch brauchen, in der Seitentasche Geld und Papiere. Reisen Sie mit Gott!‹

»Ich wollte ihm danken, allein die Pferde zogen an, und fort ging's in Sturm und Regen und rollendem Donner, was die Gäule laufen konnten. Nun, ich kam nach allerlei kleinen Abenteuern über die Grenze und weiter und war frei. Frei und doch wieder gefangen, denn den Kuß am Gartenzaun vergaß ich mein Leben lang nicht.«

Frau Lindow, die sich schon eine Weile in der Nähe bei einigen Gemüsebeeten beschäftigt hatte, kam jetzt näher und fragte: »Nun, was erzählst du da wieder für eine lange Geschichte?«

»Es ist die Geschichte von dem berühmten Kusse am Gartenthor!« antwortete Herr Lindow.

»Ach du!« sagte Frau Lindow, »ja, das kommt davon, wenn man sich mit Verbrechern einläßt.«

Mir ging plötzlich ein Licht auf, entzündet an dem schimmernden Glanze der Augen, mit dem die beiden alten Leute einander ansahen.

»Alte,« rief der Doktor, »denkst du daran, daß es jetzt gerade vierzig Jahre sind seit jenem verhängnisvollen Kusse? Komm, laß uns anstoßen auf ein glückliches Alter!«

Wir erhoben uns, und die Gläser klangen aneinander. Dann küßten die beiden Alten sich, und ein Abglanz wie von ewiger Jugend verklärte ihre glücklichen Gesichter.








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