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Der Liebesteufel

Jacques Cazotte: Der Liebesteufel - Kapitel 4
Quellenangabe
typenovelette
authorJaques Cazotte
titleDer Liebesteufel
publisherGeorg Ed. Sanders Verlag
editorCurt Moreck
year1922
noteBearbeitung der Übersetzung
translatorEduard von Bülow
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071027
projectidf60bbd38
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Jacques Cazotte

Nicht auf dem Fundament eines voluminösen Lebenswerkes erhebt sich die Unsterblichkeit dieses Schriftstellers. Sein Miniaturruhm steht auf zierlichem Podest. Ein paar Dutzend Seiten Prosa, voll Geist und voll Anmut, von seltenem Schliff und wohltuender Prägnanz, verleihen seinem Namen jene Unvergänglichkeit, die sonst nur ein Opus von ganz anderem Format zu erwerben vermag. Dies kleine Meisterwerk, ›Le diable amoureux‹, entsprang aus der von der tropischen Sonne der Antillen forcierten Phantasie des Romanen Cazotte. Frei von den Exzessen der Graphomanie, von der seine Zeitgenossen mehr oder minder ergriffen waren, ließ dieser 1720 in Dijon geborene und bei den Jesuiten erzogene Kanzleischreiberssohn, den 1747 das Amt eines Kontrolleurs nach der Insel Martinique führte, seine schöpferische Laune spielen, ohne sie in die modischen Formen zu zwängen, die die Literaten der Welthauptstadt erfunden hatten. Ohne die bahnbrechende Kraft eines Neuerers, wozu es ihm an Absicht und Beruf auch fehlte, sind seine Vorzüge die einer unbefangenen Natürlichkeit und einer temperamentvollen Frische. Wo viele seiner kleinen Zeitgenossen ihre gekünstelten Marionetten in eine Atmosphäre von Puder und Parfüm stellen, dies als Wirklichkeit ausgebend, läßt er Blut durch die Adern seiner Menschen fließen und ihre Seele in Wonnen zittern und in Gewissensbissen sich winden. Mag der Dichter auch der Zeit, die ihm ihren Stempel gab, verpflichtet sein, sein kleines Meisterwerk, im Raritätenschatz der Weltliteratur als köstliche Filigranarbeit bewahrt, wird nie zu einer Antiquität des Dixhuitième herabsinken, sondern als lebendiges Zeugnis künstlerischer Phantasie fortdauern. Le diable amoureux sowohl als Le lord impromptu waren wohl ohne Gedanken an eine Veröffentlichung in den Mußestunden auf Martinique entstanden, wo Cazotte sich mit Elisabeth Roignon, der Tochter des Oberrichters, vermählt hatte. Die Ruhe des Koloniallebens störten 1759 Englands kriegerische Unternehmungen; Cazottes Eifer und Umsicht vereitelten einen englischen Angriff auf das Fort St. Pierre. Seine durch die klimatischen Verhältnisse angegriffene Gesundheit zwang ihn bald darauf zur Rückkehr nach Frankreich, wo er durch den Tod seines Bruders Erbe eines ansehnlichen Vermögens geworden war. Sein eigenes auf Martinique erworbenes Vermögen, das er den Jesuiten anvertraut hatte, verlor er durch deren Untreue. Ein Prozeß, den er gegen die unredlichen Verwalter anstrengte, blieb erfolglos; doch gab er der Partei der Jesuitenfeinde, an deren Spitze die Pompadour und Choiseul standen, willkommene Gelegenheit, weitere eingehende Untersuchungen gegen diesen Orden durchzuführen, deren Ergebnis die Auflösung des Ordens in Frankreich war. In aller Bescheidenheit verlief Cazottes Leben ohne äußeren Glanz, in familiärer Intimität; Paris und sein ererbter Landsitz in Pierry bei Epernay waren dessen Schauplatz. Vom ernsten Studium der Wissenschaften erholte er sich in geselligem Verkehr; er war ein ebenso graziöser, pikanter Causeur als ernster Forscher. Von jenem literarischen Ehrgeiz, der nach dem Ruhm der Menge strebt, war Cazotte frei; ihm genügte der Beifall eines kleinen Freundeskreises, in dem er seine poetischen Versuche zum Vortrag brachte. Nicht er, sondern seine Freunde waren es, die 1763 seine heroische Dichtung in Prosa › Ollivier‹ drucken ließen. Der Erfolg dieses Werkchens bestimmte Cazotte, die gleichfalls bereits auf Martinique entstandenen Novellen Le diable amoureux und Le lord impromptu zu veröffentlichen. Aber das ›illustrierte‹ Buch war die große Mode der Zeit und kein Autor hätte es wagen dürfen, sein Werk ohne jenen reichen Schmuck an Titelkupfern, Blumenstücken, Zierleisten, Vignetten und gestochenen Bildern dem Publikum darzubieten. Nicht das Werk sprach für sich, nicht das dichterische Gebilde besaß primäre Geltung, den Erfolg entschied allein die Fülle und Schönheit der Illustrationen, ›die die künstlerische Grazie der Zeit den weitesten Kreisen vermitteln und sie sozusagen in die Lektüre fließen lassen‹ (de Goncourt). Bei der Veröffentlichung seines Diable amoureux schreibt Cazotte mit leichter Übertreibung: ›Trotz der jedermann bekannten, unumgänglichen Notwendigkeit, alle Werke, die man die Ehre hat, dem Publikum zu übergeben, mit Stichen zu schmücken, fehlte doch wenig, daß dieses Buch gezwungen worden wäre, ohne solche Beigabe auszukommen. Alle unsere großen Künstler werden von Aufträgen fast erdrückt, alle unsere Stecher verbringen die Nächte mit arbeiten und können kaum rechtzeitig fertig werden; der Verfasser war verzweifelt und konnte weder für Geld noch für gute Worte eine Zeichnung oder einen Stich bekommen. Sein Werk aber ohne solche herauszugeben, würde ihm von vornherein jeden Erfolg geraubt haben ...‹ In letzter Stunde gelang es ihm, zwei Großmeister der Kupferplatte für sein Werkchen zu gewinnen: Moreau le jeune und Marillier, und so konnte die ursprüngliche, erste Fassung von Le diable amoureux erscheinen. Das Titelblatt dieses heute ungemein seltenen Buches nennt als Erscheinungsort und -jahr ›Naples 1772‹ (es erschien bei le Jay in Paris), doch fehlt der Name des Verfassers und die sechs Kupfer sind von den Künstlern weder signiert, noch bezeichnet eine Notiz sie als Urheber. In unserer vorliegenden Neuausgabe, die sich auf die treffliche Übertragung Eduard von Bülows stützt, welche von dem Herausgeber mit dem Original verglichen und nach ihm überarbeitet wurde, mußte das letzte Kupfer, das ohnedies künstlerisch recht unbedeutend ist, fortbleiben, da es zu dem von Cazotte für die späteren Ausgaben veränderten Schlusse nicht mehr paßt. Der Dichter begründet seine Umarbeitung des Novellenschlusses damit, daß die Leser die Lösung zu wenig vorbereitet gefunden und doch gern gewünscht hätten, den Helden in einen wenigstens mit Blumen bestreuten Abgrund fallen zu sehen, um ihn der Unannehmlichkeit des Falles selbst zu entheben. ›Auch um dem Vorwurf zu begegnen, noch vor Beendigung seiner kleinen Flugbahn sei ihm die Phantasie erlahmt, sah er sich zu einer befriedigenderen Lösung und Abrundung des Schlusses gedrängt, der zugleich dem Ganzen eine knappere Form gab; denn die ursprüngliche Fassung war nur als erster Teil der Dichtung gedacht; der zweite Teil sollte die Folgen des Abenteuers unseres Alvaro mit dem allzureizend verkörperten Teufel schildern und den bisher nur vom Teufel geplagten Helden nun als von ihm besessen und als willenloses Werkzeug in seiner Hand zeigen, dessen er sich bedient, um allüberall Verwirrung anzustiften. In diesem zweiten Teil hoffte der Verfasser den weitesten Spielraum für seine Phantasie und künstlerische Laune zu finden. Doch er fürchtete dann selbst, daß dieser zweite Teil seinem Publikum wohl zu schwer und zu ernst geraten wäre, und versuchte in einer neuen Fassung, auf die kritischen Ansichten seiner Freunde einzugehen. Alvaro ist danach bis zu einem gewissen Grade allerdings verführt, aber doch nicht das Opfer des Bösen; um ihn zu berücken, muß sein Gegner sogar ehrbar und spröde tun, und er zerstört dadurch die Wirkung seines eigenen Verfahrens und macht es erfolglos. Mit einem Worte, es geschieht seinem Schlachtopfer nur, was jedwedem Ehrenmanne geschehen kann, den der unverdächtige Schein trügt; er dürfte ganz gewiß dem ausgesetzt sein, gewisse Verluste zu erleiden; allein es würde ihn doch nicht entehren, wenn das Nähere über sein Abenteuer bekannt würde.‹

Man sieht, wie sehr besorgt Cazotte um die Moral seiner Geschichte ist, zu der er die Anregung beim Lesen eines ›ehrwürdigen Autors‹ empfing, wo an einer Stelle von den Schlingen gesprochen wird, die dem Teufel zu Gebote stehen, um zu gefallen und zu verlocken. Dem Zögling des Jesuitenkollegs zu Dijon wäre eine moralische Geschichte schon zuzutrauen; aber der Aufgeklärte des Dixhuitième scheut das Pathos des Moralisten. Er balanciert den frommen Eifer mit graziöser Spötterlaune, er negiert das Moralische mit feiner Ironie; er lächelt insgeheim über den ungefährlichen Popanz Beelzebub und erteilt das Schlußwort dem leicht karikierten Seelsorger der guten Donna Mencia. Le diable amoureux – eine moralische Geschichte? – eine galante Geschichte? – Sagen wir: eine galante moralische Geschichte.

Der Mann, der mit den Worten: ›Ich sterbe, wie ich gelebt habe, Gott und meinem Könige treu!‹ dem Henker sein Haupt darbot, besaß weder die Kenntnis der übersinnlichen Geheimnisse, die nach dem Erscheinen des Diable amoureux Okkultisten bei ihm vermuteten, noch fand er Geschmack an den atheistischen Lehren der modischen Philosophen. Er blieb sich selbst und den traditionellen Grundsätzen treu. Aufsehen erregte Cazottes merkwürdige Vision aus dem Anfang des Jahres 1788 wo er bei einem Gastmahl der Herzogin von Gramont, an dem außer Chamfort eine Reihe namhafter Zeitgenossen teilnahm, den Anwesenden nicht allein den Ausbruch der Revolution, sondern auch die Todesart eines jeden voraussagte. Ihn selbst entriß die Revolution seinem der Wissenschaft und der Kunst gewidmeten Dasein. Briefe an Freunde, in denen er aus seiner rechtlichen Gesinnung keinen Hehl machte, wurden ihm zum Verräter und Ankläger. Den vor das Tribunal geschleppten Weißkopf von siebzig Jahren rettete der Verzweiflungsmut seiner siebzehnjährigen Tochter Elisabeth, die mit den Worten: ›Ihr sollt das Herz meines Vaters nicht treffen, bevor Ihr meines durchbohrt!‹ in heroischem Furor seinen Körper bedeckte. Doch ein zweites Mal machte man ihm den Prozeß, der mit seiner Verurteilung zur Guillotine, die er am 25. September 1792 bestieg, endete. Seinen Mitgefangenen war er, ungebrochen und aufrecht bis zuletzt, mit seiner Heiterkeit und Seelenruhe ein großer Tröster gewesen, aber auch ein entflammter Prediger gegen ihren Unglauben und ihre Gottlosigkeit.

1817-1819 erschien die erste vollständige Ausgabe seiner Werke in vier Oktavbänden unter dem Titel ›Oeuvres badines et morales, historiques et philosophiques‹, der unsere Ausgabe den Porträtstich des Dichters entlehnt.

München 1922.

Curt Moreck.

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