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Der Liebesteufel

Jacques Cazotte: Der Liebesteufel - Kapitel 3
Quellenangabe
typenovelette
authorJaques Cazotte
titleDer Liebesteufel
publisherGeorg Ed. Sanders Verlag
editorCurt Moreck
year1922
noteBearbeitung der Übersetzung
translatorEduard von Bülow
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071027
projectidf60bbd38
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Zufrieden mit der Zustimmung und in Gesellschaft derjenigen, von der meine Vernunft und meine Sinne befangen waren, nach Spanien unterwegs zu sein, suchte ich eiligst über die Alpen hinweg nach Frankreich zu kommen; es schien jedoch, als ob der Himmel mir entgegen wäre, seitdem ich mich nicht mehr allein befand. Furchtbare Unwetter hielten meine Reise auf und machten die Wege schlecht, die Pässe unzugänglich. Die Pferde ermüden, und mein anscheinend neuer und wohl in Stand gesetzter Wagen wird mit jeder Station zerbrechlicher, so daß es bald an der Achse, bald am Gestelle, bald an den Rädern fehlt. Endlich, nach unendlichen Umwegen, erreiche ich den Engpaß von Tende.

Bei aller Unruhe und Verlegenheit, die mir eine so unangenehme Reise bereiteten, bewunderte ich doch Biondettas Wesen. Sie war nicht mehr das zärtliche, betrübte oder leidenschaftliche Weib, als das ich sie bisher kannte. Es schien, als wollte sie meine Sorgen zerstreuen, indem sie sich der lebhaftesten Munterkeit überließ, um mir glauben zu machen, kein Ungemach schrecke sie. Dies anmutige Getändel war mit allzu verführerischen Liebkosungen untermischt, als daß ich mich ihnen hätte entziehen können: ich überließ mich ihnen, wenn auch mit Zurückhaltung; mein gekränkter Stolz bezähmte die Heftigkeit meiner Begierde. Sie las zu gut in meinen Augen, um nicht meine Verwirrung zu erkennen und noch zu steigern. Ich kam in Gefahr: ich muß es gestehen. In einem Falle besonders weiß ich nicht, was aus dem Vorsatze meines Ehrgefühls geworden wäre, wenn wir nicht ein Rad gebrochen hätten. Das diente mir für die Zukunft einigermaßen als Warnung.

Nach unglaublichen Beschwerlichkeiten langten wir in Lyon an. Ich willigte aus Rücksicht für sie ein, dort einige Tage zu rasten. Sie machte mich auf die ungezwungenen, leichten Sitten der Franzosen aufmerksam. »In Paris, bei Hofe, wünschte ich, daß Sie sich niederließen. Es würden sich Ihnen da alle Möglichkeiten bieten und Sie könnten alles sein und werden, was Ihnen beliebte. Ich habe sichere Mittel und Wege, Sie die größte Rolle spielen zu lassen; die Franzosen sind galant. Wenn ich meine Persönlichkeit nicht überschätze, so würde mir huldigen, was es nur Ausgezeichnetes unter ihnen gibt, und ich wollte alle meinem Alvaro aufopfern. Welch schöner Triumph für die spanische Eitelkeit.«

Ich nahm diesen Vorschlag als Scherz auf. »Nein,« sagte sie, »es ist damit mein voller Ernst ...«

»Also schnell nach Estremadura weiter!« antwortete ich. »Auf der Rückkehr wollen wir dem französischen Hofe die Gemahlin des Don Alvaro Maravillas vorstellen; denn es würde doch nicht eben schicklich für Sie sein, sich ihm als Abenteuerin zu zeigen ...«

»Ich bin auf dem Wege nach Estremadura,« sagte sie, »und muß wohl erwarten, an diesem Ziele mein Glück zu finden; wie sollte ich darum nicht verlangen, bald hinzukommen?«

Ich sah und erkannte wohl ihren Widerwillen; aber ich verfolgte mein Ziel und befand mich bald auf spanischem Boden. Unvorhergesehene Hindernisse, Schluchten, grundlose Straßen, betrunkene Maultiertreiber, scheuende Tiere machten mir hier noch mehr zu schaffen als in Piemont und Savoyen.

Man hat über spanische Wirtshäuser viel und mit Recht geklagt; desungeachtet fühlte ich mich sehr glücklich, wenn das den Tag über erlittene Ungemach mich nicht nötigte, auch noch einen Teil der Nacht auf freiem Felde oder in einer abgelegenen Scheune zuzubringen.

»Was für ein Land suchen wir auf,« sagte sie, »nach dem zu urteilen, was wir zu erdulden haben! Sind wir noch weit davon?«

»Sie befinden sich in Estremadura,« versetzte ich, »und zwar höchstens zehn Stunden noch vom Schlosse Maravillas entfernt ...«

»Wir kommen ganz gewiß nicht hin; der Himmel verwehrt uns den Zugang. Sehen Sie, was für Dunstmassen an ihm aufsteigen!«

Ich sah zum Himmel empor, und er hatte mir noch niemals so drohend geschienen. Ich beruhigte Biondetta damit, daß die Scheuer, bei der wir uns befanden, uns gegen das Wetter schützen könne.

»Wird sie uns auch vor dem Wetterstrahl Schutz verleihen?« fragte sie ...

»Was kümmert Sie der Wetterstrahl, die Sie gewohnt sind, in den Lüften zu leben, die Sie ihn so oft haben entstehen sehen und seine physischen Ursachen so wohl kennen müssen?«

»Ich würde ihn nicht fürchten, wenn ich ihn weniger gut kennte: ich habe mich aus Liebe zu Ihnen den natürlichen Zufällen unterworfen und scheue sie, weil sie töten und eben natürlichen Ursprungs sind.«

Wir saßen auf zwei Haufen Stroh, an den entgegengesetzten Enden der Scheuer. Inzwischen kam das Gewitter, nachdem es von weitem gegrollt hatte, näher und tobte fürchterlich. Der Himmel glich einer ungeheuren Kohlenpfanne, in die aus tausend verschiedenen Richtungen die Winde bliesen. Die von den Höhlen der benachbarten Berge wiederholten Donnerschläge erschollen gewaltig rings um uns her. Sie folgten nicht aufeinander, sie schienen aneinander zu stoßen. Sturm, Hagel, Regen wetteiferten, wer von ihnen das meiste Grausen zu dem erschreckenden Schauspiele fügen möchte, das unsere Sinne betäubte. Ein Blitz fuhr nieder, der unsere Zufluchtsstätte zu treffen schien. Ein entsetzlicher Schlag erfolgte. Mit festgeschlossenen Augen, die Ohren mit den Fingern verstopfend, stürzte Biondetta in meine Arme: »Ach Alvaro! ich bin verloren ...«

Ich will sie beruhigen. »Legen Sie die Hand auf mein Herz,« sagte sie. Sie führt sie an ihre Brust, und wiewohl sie sich irrte und sie auf eine Stelle legte, wo die Schläge nicht am fühlbarsten sein konnten, so unterschied ich doch, daß ihre Erregung außerordentlich war. Sie schloß mich mit aller Kraft und bei jedem Blitzstrahl inniger in ihre Arme. Schließlich erdröhnte ein Schlag noch weit furchtbarer als alle vorherigen. Biondetta schützte sich vor ihm auf eine Weise, daß er, wenn er einschlug, sie nicht treffen konnte, ohne mich vorher selbst getötet zu haben.

Diese Wirkung der Furcht kam mir sonderbar vor und ich begann, mich nicht vor den Schlägen des Donners, sondern vor den Anschlägen ihres Kopfes zu fürchten, die darauf abzielten, den Widerstand zu besiegen, den ich ihren Absichten mit mir entgegensetzte. Obgleich mehr, als ich sagen könnte, von Sinnen, stehe ich doch auf und sage: »Biondetta, Sie wissen nicht, was Sie tun! Beschwichtigen Sie Ihre Furcht. Dies Getöse bedroht weder Sie noch mich.«

Mein Gleichmut mußte sie überraschen; aber sie konnte mir dadurch ihre Gedanken verhehlen, indem sie eine fortwährende Unruhe heuchelte. Glücklicherweise war die Kraft des Gewitters gebrochen. Der Himmel hellte sich auf, und nicht lange, so verkündigte uns der Mondschein, daß wir vom Kampf der Elemente nichts mehr zu befürchten hatten.

Biondetta verblieb auf der Stelle, an der sie sich eben befand. Ich setzte mich neben sie, ohne ein Wort zu sprechen; sie tat, als schliefe sie, und ich verlor mich in so schwermutsvolles Nachdenken, wie noch nie seit dem Beginn meines Abenteuers, über die notwendig übeln Folgen meiner Leidenschaft. Und dies waren, kurz, meine Betrachtungen: Meine Geliebte war reizend; aber ich wollte sie zu meiner Frau machen.

Der Tag überraschte mich noch bei diesen Gedanken, und ich stand auf, um nachzusehen, ob ich wohl meine Reise würde fortsetzen können. Dies war für den Augenblick unmöglich. Der Eseltreiber, der meine Kalesche fuhr, sagte mir, seine Maultiere seien vorderhand untauglich. In dieser Verlegenheit trat Biondetta zu mir.

Ich fing schon an, die Geduld zu verlieren, als ein Mann mit einem unheimlichen Gesicht, aber von kraftvollem Körperbau am Eingang der Meierei sich zeigte, wie er zwei stattliche Maultiere vor sich hertrieb. Ich schlug ihm vor, mich ans Ziel meiner Reise zu bringen; er kannte den Weg und wir wurden über den Lohn einig.

Eben wollte ich wieder in meinen Wagen steigen, als ich eine Bäuerin mit einem Knecht quer über den Weg gehen sah, die mir bekannt vorkam. Ich trat auf sie zu, faßte sie scharf ins Auge: es war Bertha, eine ehrbare Pächterin meines Dorfes, die Schwester meiner Amme. Ich rufe sie an, sie bleibt stehen und sieht mich ihrerseits, wiewohl mit Bestürzung, an. »Ei was! Sind Sie es,« spricht sie, »gnädiger Don Alvaro? Was suchen Sie an einem Orte, wo Ihr Verderben Ihnen zugeschworen ist, wo Sie alles in Trostlosigkeit versetzt haben? ...«

»Ich, meine gute Bertha? Was habe ich verbrochen?« »Ach, Don Alvaro, sagt Ihnen denn Ihr Gewissen nichts über die traurige Lage, in der Ihre würdige Mutter, unsere gute Herrin, sich befindet? Sie liegt im Sterben.« »Sie liegt im Sterben? ...« schrie ich.

»Ja,« fuhr sie fort, »infolge des Kummers, den Sie ihr gemacht haben; in dem Augenblicke, da ich von ihr rede, kann sie schon nicht mehr am Leben sein. Sie hat aus Neapel und Venedig Briefe erhalten. Man hat ihr ganz erschreckende Dinge geschrieben. Unser guter Herr, Ihr Bruder, ist sehr aufgebracht; er sagt, er werde Sie allerwegs verfolgen lassen, Sie anklagen, Sie selbst ausliefern ...«

»Schon gut, Frau Bertha, wenn Ihr wieder nach Maravillas geht und vor mir dahin kommen solltet, so tut nur meinem Bruder zu wissen, er werde mich alsbald vor sich sehen.« Und da die Kalesche angespannt ist, so gebe ich zu gleicher Zeit Biondetta die Hand und verberge die Verwirrung meiner Seele hinter dem äußern Schein von Festigkeit. »Wie?« spricht sie mit Entsetzen, »so wollen wir uns Ihrem Bruder in die Hände geben, durch unsere Gegenwart eine erbitterte Familie, gekränkte Untertanen noch mehr in Empörung versetzen?«

»Ich kann meinen Bruder nicht fürchten, Madame; wirft er mir ein Unrecht vor, das ich nicht begangen habe, so kommt es darauf an, daß ich ihn aufkläre. Habe ich es dagegen begangen, so muß ich mich entschuldigen und habe Ansprüche auf sein Mitleid und seine Nachsicht, da mein Herz davon nichts weiß. Habe ich durch meinen unordentlichen Lebenswandel meine Mutter ins Grab gestürzt, so muß ich das gegebene Ärgernis wieder gut machen, indem ich ihren Verlust so laut beweine, daß die Aufrichtigkeit und Offenkundigkeit meiner Reue angesichts von ganz Spanien den Flecken austilgen, den mein Mangel an kindlichem Gefühl meinem Geblüte aufgedrückt hat.«

»Ach, Don Alvaro! Sie gehen Ihrem und meinem Verderben entgegen. Diese von allerwärts her geschriebenen Briefe, diese so rasch und eifrig verbreitete üble Nachrede sind eine Folge unserer Abenteuer und der Nachstellungen, die ich schon in Venedig erfahren habe. Der treulose Bernadillo, den Sie nicht genügend kennen, treibt sein Wesen mit Ihrem Bruder und wird ihn noch dahin bringen ...«

»Ei, was habe ich von Bernadillo und von allen Schurken auf Erden zu fürchten? Ich bin mein einziger Feind, Madame, den ich zu fürchten habe. Man wird meinen Bruder niemals zu blinder Ungerechtigkeit und zu Handlungen verleiten, die eines verständigen, mutvollen Mannes, eines Edelmannes mit einem Wort, unwürdig sind.«

Auf diese ziemlich lebhafte Unterredung trat ein Stillschweigen ein, das für jeden von uns hätte peinlich werden können; aber Biondetta fing wenige Augenblicke nachher an, schläfrig zu werden, und entschlummerte bald völlig. Konnte ich vermeiden, sie zu betrachten? Konnte ich sie ohne Rührung ansehen? Aller Reichtum der Jugend und Schönheit prangte auf diesem Angesicht, und zu der natürlichen Anmut der Ruhe gesellte der Schlummer noch jene lebhafte liebliche Frische, die alle Züge verklärt. Ein neuer Zauber überkam mich; er verdrängte mein Mißtrauen und hob meine Unruhe auf, oder wenn er deren dennoch ein Teil in mir ließ, so war sie nur noch darum rege, daß der Kopf des Gegenstandes meiner Leidenschaft, der von den Stößen des Wagens hin und her geworfen wurde, nicht leiden möge. Ich beschäftigte mich nur noch damit, sie zu stützen und zu schützen. Aber wir erleiden plötzlich einen so derben Stoß, daß es mir unmöglich ist, seine Wirkung auf Biondetta zu lindern. Sie stößt einen Schrei aus und wir werfen um. Die Achse war zerbrochen; glücklicherweise waren die Maultiere stehen geblieben. Ich mache mich los, ich springe mit den lebhaftesten Besorgnissen Biondetta bei. Sie hatte nur eine leichte Quetschung am Ellbogen davongetragen und wir befinden uns alsbald im freien Felde auf den Füßen, allerdings der vollen Hitze der Mittagssonne ausgesetzt, und zwar noch fünf Stunden weit vom Schlosse meiner Mutter, ohne eine Möglichkeit, dahin zu gelangen, denn es ward unseren Blicken auch nicht eine menschliche Wohnung sichtbar.

Auf wiederholtes angestrengtes Umherspähen glaube ich indessen in der Entfernung einer Stunde Rauch wahrzunehmen, der hinter einem mit einzelnen hohen Bäumen untermischten Gehau aufsteigt. Ich vertraue meinen Wagen der Obhut des Maultiertreibers an und fordere Biondetta auf, mit mir in der Richtung zu gehen, wo sich uns Aussicht auf Hilfe eröffnet

Je weiter wir vorschreiten, desto mehr verstärkt sich unsere Hoffnung. Schon teilt sich das kleine Gebüsch, wie wir erkennen, in zwei Hälften und bildet einen Baumgang, an dessen Ende sich einige bescheidene Gebäude zeigen; ein stattlicher Meierhof wird im Hintergrunde sichtbar.

An diesem abgelegenen Orte scheint alles in Bewegung zu sein. Sobald man uns wahrnimmt, tritt ein Mann aus der Menge uns entgegen. Er begrüßt uns mit Höflichkeit. Sein Aussehen ist ehrbar. Er ist mit einem schwarzatlasnen, an den Einschnitten feuerfarben besetzten Wams bekleidet, das silberne Tressen schmücken. Sein Alter scheint fünfundzwanzig bis dreißig Jahre zu sein; seine Gesichtsfarbe kündigt den Landmann an, durch den Sonnenbrand schimmert Frische und verrät Lebenskraft und Gesundheit.

Ich unterrichte ihn von dem Unfalle, der uns zu ihm führt. »Gnädiger Herr,« versetzt er, »Sie sind mir jederzeit willkommen, und befinden sich unter guten Leuten. Ich habe hier eine Schmiede, darin soll Ihre Achse ausgebessert werden, aber heute könnten Sie mir alles Gold des erlauchten Herzogs von Medina Sidonia, meines Gebieters, geben, und es würde weder ich, noch einer der Meinigen Hand anlegen. Wir kommen aus der Kirche, meine Braut und ich: dies ist der schönste Tag unseres Lebens. Treten Sie ein. Wenn Sie die Neuvermählte, meine Verwandten, Freunde und Nachbarn sehen, die ich bewirten muß, so werden Sie einsehen, daß ich heute unmöglich arbeiten lassen kann. Übrigens, wenn die gnädige Frau und Sie die Gesellschaft von Leuten nicht verschmähen, die ihrer Hände Arbeit ernährt, solange die Monarchie besteht, so steht es nur bei Ihnen, ob Sie an unserm heutigen Glücke und unsern Freuden teilnehmen und sich mit uns zu Tische setzen wollen. Morgen denken wir dann an Ihre Sache! Sofort gibt er Befehl meinen Wagen herbeizuschaffen.

So bin ich denn bei Marcos, dem Pächter des Herzogs, zu Gaste, und wir treten in den zum Hochzeitsschmause hergerichteten Raum, der, an das Hauptwohngebäude stoßend, den ganzen innern Hof einnimmt, und der ein großes Laubgewölbe mit Bogengängen ist, an denen Blumengewinde herabhängen. Der Ausblick darunter hervor wird zunächst von den beiden kleinen Gebüschen begrenzt und verliert sich sodann durch den Baumgang hin in der anmutigen Ferne.

Der Tisch war gedeckt und besetzt. Luise, die Neuvermählte, sitzt zwischen Marcos und mir, Biondetta an Marcos Seite; die Väter und Mütter und andern Verwandten uns gegenüber; das junge Volk an beiden Enden der Tafel.

Die Braut schlug ihre großen schwarzen Augen nieder, die nicht dazu geschaffen waren, verstohlene Blicke zu werfen, und lächelte und errötete über alles, was man ihr sagte, selbst über gleichgültige Dinge.

Zu Anfang des Mahles war ein dem Charakter des Volkes entsprechender Ernst vorherrschend. Doch in dem Maße, in dem die um die Tafel herum aufgestellten vollen Weinschläuche zusammenschrumpften, schwand auch die steife Feierlichkeit von den Gesichtern. Alles belebte sich, als auf einmal die improvisierenden Poeten der Gegend beim Schmause erschienen. Es waren Blinde, die die folgenden Strophen zu ihren Gitarren sangen:

Sprach einst Marcos zu Luisen:
Nimm mein Herz und meine Treu.
Davon weitere Rede sei,
Sprach sie, zu des Altars Füßen.
Dorten dann mit Blick und Mund,
Gaben sie sich beide kund
Ihrer reinen Liebe Schwur; ja,
Wer da sonst begierig ist
Eheglück zu finden, wißt,
Suche in Estremadura.

Marcos hat der Neider viele,
Denn Luis' ist schön und klug,
Aber ohne weitern Trug
Bringt ihn sein Verdienst zum Ziele.
Alle rühmen auf einmal
Dieser beiden weise Wahl
Und so keusche Flamme nur; ja,
Wer da sonst begierig ist
Eheglück zu finden, wißt,
Suche in Estremadura..

Ja, von süßen Banden werden
Beider Herzen jetzt umfaßt,
Und es finden ihre Herden
In demselben Pferch nun Rast.
Ihre Freuden und ihr Bangen,
Leid und Sorgen und Verlangen
Folgen alle einer Spur; ja,
Wer da sonst begierig ist
Eheglück zu finden, wißt,
Suche in Estremadura.

Während man diesem Gesang zuhörte, der nicht minder einfach war, als diejenigen, für die er veranstaltet zu sein schien, machten sich die sämtlichen Knechte des Meierhofs, nachdem sie bei Tische aufgewartet hatten, mit einigen Zigeunern und Zigeunerinnen, die man zur Ergötzung der Gäste herbeigeholt hatte, über die Reste des Mahles her. Sie bildeten unter den Bäumen des breiten Zuganges ebenso belebte als mannigfaltige Gruppen und verschönerten unsere Aussicht.

Biondetta suchte unablässig meine Blicke und nötigte sie, sich diesen Gegenständen, die sie auf das angenehmste zu unterhalten schienen, zuzuwenden, indem sie mir gleichsam vorwarf, daß ich daran kein ebenso großes Vergnügen wie sie selbst empfand.

Indessen hatte der Schmaus den jungen Leuten schon zu lange gewährt, sie erwarteten den Tanz. Ältere Leute müssen nachsichtig und gefällig sein. Die Tafel wird abgedeckt, die Bretter, aus denen sie bestand, die Fässer, worauf diese ruhten, werden beiseite geschafft und dienen den Musikern nunmehr zu Gerüst und Gestelle ... Man spielt den sevillaner Fandango, und die jungen Zigeuner führen ihn mit ihren Castagnetten und baskischen Trommeln auf; die Hochzeitsgäste mischen sich unter sie und ahmen ihnen nach; der Tanz wird allgemein.

Biondetta scheint das Schauspiel mit den Augen zu verschlingen. Ohne von ihrem Platz zu weichen, folgt sie allen Bewegungen, die sie machen sieht. »Ich glaube,« spricht sie, »ich könnte leidenschaftlich tanzen;« und es dauert nicht lange, so ist sie dabei und zwingt mich, ebenfalls teilzunehmen.

Sie zeigt sich anfänglich ein wenig verlegen und sogar ungeschickt, doch bald findet sie sich darein und scheint nunmehr mit Anmut und Kraft ebensoviel Leichtigkeit und Sicherheit zu vereinigen. Sie erhitzt sich, sie braucht ihr Schnupftuch, vielmehr das meine, das ihr zuerst in die Hand kommt: sie pausiert nur so lange, bis sie sich abgetrocknet.

Tanzen war nie meine Leidenschaft und meine Seele empfand zu keiner Zeit Behagen genug, mich diesem Vergnügen hinzugeben. Ich entschlüpfe und entferne mich in einen Winkel des Laubdaches, wo ich einen Ort suche, an dem ich niedersitzen und träumen kann.

Ein ziemlich lautes Geschwätz stört mich und fesselt wider meinen Willen meine Aufmerksamkeit. Zwei Stimmen ertönen hinter mir. »Ja, ja,« sprach die eine, »er ist ein Kind des Planeten. Er wird nach Hause kommen. Sieh, Zoradilla, er ist am dritten März, drei Uhr morgens geboren ...« »Ja, wahrhaftig, Lelagisa,« versetzte die andere, »wehe den Kindern Saturns; der hier ist im Jupiter geboren, als Mars und Merkur in dreifacher Konjunktion mit Venus waren. Oh, der schöne Jüngling! Wie ihn die Natur begünstigt hat! Was für Hoffnungen darf er fassen! Welch ein Glück könnte er machen! aber ...«

Ich kannte die Stunde meiner Geburt und hörte sie hier mit der seltsamsten Genauigkeit angeben. Ich wende mich um und sehe die Schwätzerinnen an.

Ich erblicke zwei alte Zigeunerinnen, die nicht sitzen, sondern auf den Hacken kauern, im Gesicht gelber als Oliven, mit tiefliegenden stechenden Augen, eingekniffenem Munde, dünner unförmlicher Nase, die sich bis zum Kinn herunterkrümmt, wo sie anstößt; ein weiß- und blaugestreiftes Stück Zeug windet sich zwiefach um einen halbkahlen Schädel und fällt als Schärpe die Schultern entlang bis auf die Hüften hernieder, die nur halb bekleidet sind: mit einem Worte, zwei fast ebenso abschreckende als lächerliche Geschöpfe.

Ich trete zu ihnen. »Sprechen Sie von mir, meine Damen?« frage ich, da ich wahrnehme, daß sie mich fortwährend im Auge behalten und sich einander zuwinken ...

»Sie haben uns also gehört, Herr Kavalier?«

»Ganz gewiß,« versetzte ich, »wer hat Sie aber so gut von der Stunde meiner Geburt unterrichtet?«

»Wir hätten Ihnen noch ganz andere Dinge zu sagen, glücklicher junger Mann; aber wir müssen zuvor ein Zeichen in der Hand haben.«

»Wenn es nur darauf ankommt!« erwidere ich und gebe ihnen auf der Stelle eine Dublone.

»Siehst du, Zoradilla,« sprach die älteste, »wie nobel er ist, wie er dazu geschaffen, alle die Schätze, die ihm bestimmt sind, zu genießen? Geschwind, nimm die Gitarre und begleite mich.« Sie singt:

»Hispanien hat dich geboren,
Und Parthenope dich ernährt,
Die Erde bleibt dir zugeschworen,
Vom Himmel, was du nur erkoren,
Wird alles dir als Gunst gewährt.

Es könnte dich dein Glück verlassen,
Es ist so flüchtig, was dir lacht,
Du findest's nicht auf allen Gassen,
Du mußt es unverzagt erfassen,
Wofern du weise bist bedacht.

Was ist das holde Kind der Zweifel,
Das dir zu eigen sich ergab,
Es ist ... .«

Die Alten waren im Zuge und ich war ganz Ohr. Biondetta hat den Tanz verlassen, ist herzugeeilt, zieht mich am Arme, zwingt mich, mich zu entfernen. »Warum haben Sie mich verlassen, Alvaro? Was tun Sie hier?«

»Ich hörte zu,« antwortete ich.

»Wie!« sprach sie, mich fortziehend, »Sie hörten auf diese alten Mißgeburten? ...«

»In der Tat, meine teure Biondetta, diese Kreaturen sind sonderbar; sie wissen mehr als man ihnen zutraut. Sie sagten mir ...«

»Ohne Zweifel«, versetzte sie höhnisch, »trieben sie ihr Handwerk und sagten Ihnen wahr, was Sie eben glaubten. Mit all Ihrem Geiste sind Sie einfältig wie ein Kind. Und so etwas kann Sie abhalten, sich mit mir zu beschäftigen? ...«

»Im Gegenteil, liebste Biondetta, sie sprachen mit mir von Ihnen.«

»Von mir!« fiel sie mir lebhaft mit einer gewissen Unruhe ins Wort, »was wissen sie von mir? Was können sie von mir sagen? Sie faseln. Sie müssen nunmehr den ganzen Abend mit mir tanzen, um mich diese Vernachlässigung vergessen zu machen.«

Ich folge ihr: ich trete neuerdings in den Kreis, aber ohne darauf zu achten, was um mich her vorgeht und was ich selbst beginne. Ich dachte nur daran zu entschlüpfen, um wenn irgend möglich wieder zu meinen Wahrsagerinnen zu gelangen. Schließlich glaube ich den günstigen Augenblick gekommen und ergreife ihn. Schnell eile ich zu meinen Hexen, habe sie wieder gefunden und in eine kleine Laube am Ende des Gemüsegartens der Meierei geführt. Dort beschwöre ich sie, mir in Prosa und ohne Rätsel, kurz und bündig zu eröffnen, was sie irgend Wichtiges über mich wissen können. Meine Beschwörung war zwingend, denn ich hatte die Hände voll Gold. Sie brannten vor Begierde, zu reden, ich, zu hören. Bald konnte ich nicht länger zweifeln, daß sie über die geheimsten Angelegenheiten meiner Familie unterrichtet seien und auch eine dunkle Kenntnis von meiner Verbindung mit Biondetta, von meinen Befürchtungen und Hoffnungen hatten. Ich meinte schon viele Dinge erfahren zu haben und schmeichelte mir, daß ich noch wichtigere erfahren würde; aber mein Argus ist mir auf den Fersen.

Biondetta lief nicht, sie flog herbei. Ich wollte reden. »Keine Entschuldigungen,« sagte sie, »der Rückfall ist unverzeihlich ...«

»Ach, Sie werden ihn mir schon vergeben!« sagte ich, »dessen bin ich sicher. Sie haben mich zwar abgehalten, mich soweit unterrichten zu lassen, als ich es hätte werden können; aber ich weiß nun schon genug ...«

»Um eine Tollheit zu begehen! Ich bin außer mir, aber hier ist keine Zeit dazu, uns zu streiten. Wenn wir auch im Begriff sind, die Rücksichten gegen uns selbst zu verletzen, so sind wir deren doch unsern Wirten schuldig. Man wird sich gleich zu Tische setzen und ich nehme meinen Platz an Ihrer Seite: ich will es nicht mehr dulden, daß Sie mir davonlaufen.«

Bei der neuen Anordnung des Banketts saßen wir dem jungen Ehepaare gegenüber. Sie waren beide von den Freuden des Tages erregt. Marcos Blicke glühten, die Luisens waren minder scheu; die Schamhaftigkeit rächte sich dafür und bedeckte ihre Wangen mit der brennendsten Röte. Der Xereswein kreist um die Tafel und scheint bis zu einem gewissen Grade alle Zurückhaltung davon verbannt zu haben. Die Greise selbst leben beim Andenken ihrer einstigen Freuden wieder auf und reizen die Jugend durch ebenso muntere als derbe Scherze. Ich hatte dies Gemälde vor Augen; aber ein noch weit ergreifenderes, mannigfaltigeres neben mir.

Biondetta schien sich abwechselnd der Leidenschaft und dem Verdrusse hinzugeben, indem sie, den Mund mit der stolzen Anmut der Verachtung bewaffnet oder von einem süßen Lächeln verschönt, mich bald reizte oder mir grollte, ja, mich aufs Blut kniff und mir am Ende heimlich auf die Füße trat. Mit einem Wort, in dem gleichen Augenblick empfing ich eine Gunst, einen Vorwurf, eine Strafe, eine Liebkosung, so daß ich, solchem Wechsel der Empfindungen preisgegeben, in eine unerhörte Erregung geriet.

Die Brautleute verschwanden; ein Teil der Gäste folgte ihnen aus dieser und jener Ursache nach. Wir stehen vom Tische auf. Eine Frau, es war, wie wir wußten, die Base des Pächters, nimmt eine gelbe Wachskerze, geht uns voran und führt uns zu einem kleinen Zimmer von zwölf Fuß im Geviert, dessen ganzes Gerät aus einem nicht vier Fuß breiten Bette, einem Tisch und zwei Stühlen besteht.

»Meine gnädige Herrschaft,« spricht unsere Führerin zu uns, »das ist die einzige Stube, die wir Ihnen geben können.« Sie stellt ihre Kerze auf den Tisch und läßt uns allein.

Biondetta schlägt die Augen nieder. Ich wende mich an sie mit der Frage: »Sie haben also gesagt, daß wir verheiratet seien?«

»Ja,« entgegnete sie, »ich konnte nur die Wahrheit sagen. Ich habe Ihr Wort, Sie das meine. Das ist die Hauptsache. Ihre Zeremonien sind Vorsichtsmaßregeln, die man gegen die schlimme Nachrede getroffen hat, und ich gebe nichts darauf. Es hing auch gar nicht einmal ganz von mir ab. Wenn Sie übrigens das Bett, das man uns anweist, nicht mit mir teilen wollen, so werden Sie mir die Kränkung zufügen, Sie eine unbequeme Nacht zubringen zu sehen. Ich bedarf der Ruhe, ich bin zu müde, ich bin auf alle Weise erschöpft.« Indem sie diese Worte mit großer Lebhaftigkeit sprach, streckte sie sich, mit dem Gesicht gegen die Wand, auf dem Bette aus.

»Wie!« rief ich, »Biondetta, ich habe Ihnen mißfallen, Sie zürnen mir im Ernste! Wie kann ich meinen Fehler wieder gut machen? Fordern Sie mein Leben!«

»Alvaro!« antwortete sie mir, ohne sich stören zu lassen, »gehen Sie und befragen Sie Ihre Zigeunerinnen, durch welche Mittel Sie meinem und Ihrem Herzen die Ruhe wiedergeben können !«

»Was! Meine Unterredung mit den Weibern ist die Ursache Ihres Zornes? Ach! Sie würden mir verzeihen, Biondetta, wenn Sie wüßten, wie sehr das, was sie mir gesagt, mit Ihren eigenen Ratschlägen übereinstimmt, und daß sie mich endlich bestimmt haben, nicht nach dem Schlosse Maravillas zurückzukehren. Ja, es ist entschieden, wir reisen morgen nach Rom, Venedig, Paris, überallhin, wo Sie mit mir leben wollen. Wir erwarten dort die Einwilligung meiner Familie ...«

Auf diese Worte hin wandte sich Biondetta um. Ihr Gesicht war ernst, sogar streng. »Erinnern Sie sich, Alvaro, was ich bin, was ich von Ihnen erwartete, was ich Ihnen zu tun anriet? Was! Nachdem ich mit aller Erleuchtung, die mir innewohnt und die ich mit aller Überlegung aufgeboten, Sie nicht habe bewegen können, der Klugheit gemäß zu handeln, soll mein und Ihr Tun und Lassen von den Äußerungen zweier Wesen geleitet werden, die für Sie und mich die allergefährlichsten, wo nicht die allerverächtlichsten sind? Ja, ja!« rief sie mit einem Ausbruch des Schmerzes aus, »ich habe die Männer immer gefürchtet; ich habe Jahrhundertelang gezaudert, eine Wahl zu treffen; es ist geschehen, sie ist unwiderruflich. Oh, ich bin sehr unglücklich!« Und sie brach in Tränen aus, deren Anblick sie mir zu entziehen suchte.

Von den heftigsten Leidenschaften ergriffen, sinke ich ihr zu Füßen. »Oh, Biondetta!« rief ich aus. »Sie sehen mein Herz nicht! Sie würden sonst aufhören, es zu zerreißen.«

»Sie kennen mich nicht, Alvaro, und werden mich unendlich leiden lassen, bevor Sie mich kennen lernen. Ich muß mit einer letzten Anstrengung Ihnen meine Aussichten enthüllen und Ihre Achtung und Ihr Vertrauen mir gewaltsam erringen, damit ich nicht fernerhin dem ausgesetzt bleibe, es auf eine ebenso demütigende wie gefährliche Weise mit andern teilen zu müssen. Ihre Hexen sind allzusehr mit mir einverstanden, um mir nicht gerechte Besorgnisse einzuflößen. Wer bürgt mir dafür, daß nicht Soberano, Bernadillo, Ihre und meine Feinde, hinter diesen Larven verborgen seien? Denken Sie an Venedig! Lassen Sie uns ihren Listen mit Wundern begegnen, die sie von mir nicht erwarten werden. Morgen komme ich nach Maravillas, wovon mich ihre Politik zu entfernen sucht; die erniedrigendsten, kränkendsten Zweifel werden mich da empfangen; aber Donna Mencia ist eine gerechte, schätzbare Frau; Ihr Bruder hat ein edles Herz; ich werde mich ihnen anvertrauen. Ich werde ein Muster von Sanftmut, Gefälligkeit, Gehorsam, Geduld sein und allen Prüfungen zuvorkommen.« Sie hielt einen Augenblick inne. »Wirst du dich so genugsam demütigen, unglückselige Sylphide?« ruft sie schmerzlich aus; sie will weiterreden, aber die Überfülle ihrer Tränen hindert sie daran.

Was wird aus mir bei diesen Ausbrüchen ihrer Leidenschaft, diesen Beweisen von Schmerz, diesen von der Weisheit selbst eingegebenen Entschlüssen, diesen Aufwallungen eines Mutes, den ich für heldenhaft ansah! Ich setzte mich neben sie: ich versuchte, sie durch meine Liebkosungen zu beruhigen, wiewohl ich anfänglich zurückgestoßen werde; bald darauf finde ich zwar keinen Widerstand mehr, aber ich habe keinen Grund, mich dessen zu erfreuen. Sie atmet schwer, ihre Augen sind halb geschlossen, ihr Körper ist nur noch krampfhaften Bewegungen unterworfen, eine bedenkliche Kälte hat sich über ihre Haut verbreitet, der Puls schlägt nicht mehr fühlbar, und der Körper würde völlig leblos scheinen, wenn ihre Tränen nicht noch immer reichlich weiterströmten.

Oh, Allgewalt der Tränen! Sie sind ohne Zweifel das wirksamste Geschoß der Liebe! Mein Mißtrauen, meine Entschlüsse, meine Gelübde, alles ist vergessen. Indem ich den Quell dieses köstlichen Taues austrocknen wollte, war ich diesem Munde, auf dem sich die Frische und der süße Duft der Rose vereinigen, allzunah gekommen; und sobald ich mich wieder davon entfernen will, werden mir zwei Arme, deren Weiße, Weichheit und Wohlgestalt sich nicht beschreiben lassen, zu Banden, denen mich zu entwinden mir unmöglich ist ...

»Oh, mein Alvaro!« ruft Biondetta, »ich habe gesiegt: ich bin das glücklichste aller Geschöpfe!«

Ich hatte nicht die Kraft zu sprechen; ich fühlte mich in einer außerordentlichen Verwirrung; noch mehr: ich war beschämt, war regungslos. Sie warf sich vor mir nieder und entkleidete mir die Füße. »Was, liebe Biondetta!« rufe ich aus, »was! du läßt dich herab ...?«

»Ach!« erwiderte sie, »Undankbarer, ich diente dir, als du mein Gebieter warst; laß mich meinen Geliebten nun bedienen.«

Ich bin im Augenblick entkleidet; meine sorgfältig zusammengefaßten Haare werden in ein Netz geborgen, das sie in ihrer Tasche gefunden hat. Ihre Kraft, ihre Tätigkeit, ihre Gewandtheit haben alle Hindernisse überwunden, die ich ihr entgegenstellen wollte. Sie vollendet mit derselben Geschwindigkeit ihre kleine Nachttoilette, löscht die Kerze aus, die uns leuchtete, und die Vorhänge fallen zu.

Nunmehr spricht sie mit einer Stimme, deren Wohllaut auch die lieblichste Musik nicht zu vergleichen ist: »Habe ich meinen Alvaro so glücklich gemacht wie er mich? Nein! noch bin ich allein die Glückliche, aber er wird es werden, ich will es, ich will ihn mit Wonne berauschen; ich will ihn mit Kenntnissen erfüllen, ich will ihn auf den Gipfel aller Größe erheben. Willst du, mein Herz, willst du die zumeist bevorrechtete Kreatur werden, willst du dir mit mir die Menschen, die Elemente, die ganze Natur unterwerfen?«

»Oh, meine teure Biondetta!« sage ich, wie wohl ich mir dabei ein wenig Gewalt antue, »du genügst mir: du befriedigst alle Wünsche meines Herzens ...«

»Nein, nein,« versetzte sie lebhaft, »Biondetta soll dir nicht genügen, dies ist nicht mein Name; du hattest ihn mir beigelegt, er schmeichelte mir, ich führte ihn mit Freuden; aber du mußt wissen, wer ich bin ... Ich bin der Teufel, mein bester Alvaro. ich bin der Teufel ...«

Indem sie dieses Wort mit bezaubernd süßem Tone aussprach, verschloß sie auch sogleich meinen Mund für jede Antwort, die ich ihr hätte geben mögen. Sobald ich das Stillschweigen brechen konnte, sagte ich: »Höre auf, meine hebe Biondetta, oder wer du auch seist, diesen unseligen Namen auszusprechen und mich an einen Irrtum zu mahnen, den ich schon so lange abgeschworen habe.«

»Nein, mein lieber Alvaro, nein, es war kein Irrtum; ich habe nur gescherzt, mein lieber kleiner Mann. Ich mußte dich wohl betrügen, um dich endlich zur Vernunft zu bringen. Euresgleichen verträgt die Wahrheit nicht; man kann euch nicht anders glücklich machen, als wenn man euch verblendet. Ach! Du sollst höchst glücklich sein, wenn du es nur willst! Ich will dich mit Freuden überschütten. Du gestehst schon, daß ich nicht so abschreckend schwarz bin, als man mich malt.«

Dieser Scherz brachte mich vollends außer Fassung. Ich ging nicht darauf ein, und die Trunkenheit meiner Sinne unterstützte meine freiwillige Zerstreutheit.

»Aber so antworte mir doch«, sprach sie.

»Was soll ich antworten? – ...«

»Undankbarer, lege die Hand auf dies Herz, das dich anbetet, auf daß das deine womöglich, wenn auch nur von der leisesten der Empfindungen bewegt werde, die das meine erfüllen. Laß durch deine Adern nur ein wenig von jenem Feuer strömen, das in den meinigen glüht. Mildere, wenn du es kannst, den Ton dieser Stimme, die so geeignet ist, Liebe einzuflößen, und der du dich nur zu sehr bedienst, meine schüchterne Seele zu erschrecken: sage endlich zu mir, wenn es dir möglich ist, aber ebenso zärtlich, als ich für dich fühle: Mein lieber Beelzebub, ich bete dich an ...«

Bei diesem verhängnisschweren, wiewohl so zärtlich ausgesprochenen Namen ergreift mich tödliches Entsetzen. Staunen und Bestürzung erdrücken meine Seele; ich würde sie für vernichtet gehalten haben, wenn ich nicht im innersten Herzen den dumpfen Schrei der Reue vernommen hätte. Indessen besteht der Ruf meiner Sinne desto gebieterischer fort, als er von der Vernunft nicht übertönt werden kann. Sie gaben mich wehrlos meinem Feinde preis, und er mißbraucht sie, indem er seinen leichten Sieg über mich ausnützt.

Er läßt mir nicht Zeit, zu mir selbst zu kommen und über das Vergehen nachzudenken, zu dem er viel mehr der Anstifter als Mitschuldige ist. »Unser Handel ist geschlossen« sagt er, ohne merklich den Ton der Stimme zu ändern, an den er mich gewöhnt hatte. »Du hast mich aufgesucht; ich bin dir gefolgt, habe dir gedient, dich begünstigt, kurz, habe getan, was du gewollt. Ich wünschte deinen Besitz, und um ihn zu erlangen, mußtest du dich mir freiwillig übergeben. Sicherlich verdanke ich deine erste Gefälligkeit einigen Kunstgriffen; was aber die zweite anlangt, so hatte ich mich genannt: du wußtest, wem du dich ergabst, und kannst deine Unwissenheit nicht vorschützen. Fortan, Alvaro, ist unser Bund unauflöslich; aber um unsere Gemeinschaft desto inniger zu schließen, ist es von Wichtigkeit, daß wir uns besser kennen lernen. Ich kenne dich zwar schon von innen und außen; also muß ich mich dir auch zeigen, wie ich bin, damit wir gleich zu gleich stehen.«

Man ließ mir keine Zeit, über diese seltsame Anrede nachzudenken; ich höre neben mir durchdringend pfeifen. Augenblicklich zerteilt sich die Finsternis, die mich umgibt, der Sims über dem Getäfel des Zimmers ist ganz voll großer Schneckenhäuser, aus denen die Schnecken ihre Hörner rasch im Schwünge hin und her bewegen und damit phosphorische Lichtstrahlen aussenden, die durch das Ausstrecken und Schaukeln ihren Glanz und ihre Wirkung verdoppeln.

Durch diese plötzliche Erleuchtung fast geblendet, richte ich meine Augen seitwärts, und was sehe ich, statt jenes entzückenden Angesichts? Oh, Himmel! den abscheulichen Kamelkopf! Er spricht mit Donnerstimme deutlich jenes düstere »Che vuoi!« das mich in der Grotte schon so sehr entsetzt hatte, bricht in ein menschliches, noch weit furchtbareres Gelächter aus, streckt eine unmäßig große Zunge von sich ...

Ich stürze aus dem Bette, verberge mich darunter mit festgeschlossenen Augen, das Gesicht zu Boden gedrückt. Ich fühlte, wie mein Herz mit fürchterlicher Stärke schlug. Mich überfiel eine Angst, als ob ich den Atem verlieren sollte.

Ich vermochte die Zeit nicht zu bestimmen, die ich etwa in dieser peinlichen Lage zugebracht hatte, als ich mit erhöhtem Schrecken fühlte, daß ich am Arme gezogen ward. Gezwungen, die Augen aufzuschlagen, erblinde ich fast an einer gewaltigen Helle.

Sie kam nicht von den Schnecken, deren es keine mehr auf dem Gesimse gab; vielmehr strahlte mir die Sonne senkrecht ins Gesicht. Ich werde abermals am Arme gezogen, wiederholt und stärker; ich erkenne Marcos.

»Ei! Herr Kavalier,« sagt er, »wann gedenken Sie denn abzureisen? Wenn Sie heute noch nach Maravillas kommen wollen, haben Sie keine Zeit mehr zu verlieren. Es ist fast Mittag.«

Ich antwortete nicht; er betrachtet mich: »Wie? Sie haben sich vollständig angekleidet auf das Bett gelegt. Sie haben so vierzehn Stunden zugebracht, ohne zu erwachen? Da müssen Sie ja gewaltig müde gewesen sein! Ihre Frau Gemahlin war wohl auch der Meinung und hat darum die Nacht bei einer meiner Basen zugebracht, um Ihnen nicht beschwerlich zu fallen; aber sie hat sich besser dazu gehalten, als Sie; auf ihr Geheiß ist schon am frühen Morgen an Ihrem Wagen alles instand gesetzt worden, und Sie können ungesäumt einsteigen. Was die gnädige Frau betrifft, so finden Sie sie nicht mehr hier. Wir haben ihr ein gutes Maultier geliehen und sie hat den frischen Morgen genießen wollen. Sie ist bereits vorausgeritten und erwartet Sie im ersten Dorfe, das Sie auf Ihrem Wege berühren.«

Marcos geht hinaus. Ich reibe mir unwillkürlich die Augen und greife mit der Hand nach meinem Kopfe, um das Netz zu suchen, in das meine Haare gesteckt worden waren. Er ist unbedeckt, das Haar ist in Unordnung, mein Zopf noch so, wie am Abend vorher, die Bandschleife fest daran.

Schlafe ich noch? Habe ich geschlafen? Sollte ich so glücklich sein, daß alles nur ein Traum gewesen? Ich habe sie das Licht auslöschen sehen ... Sie hat es ausgelöscht ... Da ist es ...

Marcos kehrt wieder. »Wenn Sie einen Imbiß zu sich nehmen wollen, Herr Kavalier, er ist bereit. Ihr Wagen wird eben angespannt.« Ich steige aus dem Bette; kaum vermag ich mich aufrecht zu halten, meine Knie knicken mit mir zusammen. Ich möchte etwas zu mir nehmen, aber ich kann es nicht. Darauf will ich dem Pächter danken und ihn für die Unkosten entschädigen, die ich ihm verursacht habe; er weigert sich, etwas anzunehmen.

»Die gnädige Frau«, entgegnet er, »hat uns bezahlt und mehr als großmütig; wir beide, gnädiger Herr, haben zwei brave Frauen.« Nach dieser Äußerung steige ich, ohne zu antworten, in meine Chaise und sie fährt ab.

Ich vermöchte nicht, die Verwirrung meiner Gedanken zu beschreiben; sie war so groß, daß die Vorstellung der Gefahr, in der ich meine Mutter antreffen würde, sich darin nur schwach geltend machte. Mit stieren Augen, offenem Munde glich ich mehr einem Automaten, als einem Menschen.

Mein Führer weckt mich. »Herr Kavalier, in dem Dorfe hier sollen wir die gnädige Frau antreffen.« Ich antwortete nichts. Wir fahren durch eine Art Marktflecken. In jedem Hause erkundigt er sich, ob man nicht eine junge Dame in dem und dem Aufzuge hat vorbeikommen sehen. Man gibt ihm zur Antwort, sie habe sich nicht aufgehalten. Er wendet sich um, als wollte er in meinem Antlitz meine Ungeduld darüber lesen, und wenn er nicht mehr davon wußte als ich, so mußte ich ihm unruhig genug vorkommen. Wir hatten das Dorf hinter uns und ich begann mir zu schmeicheln, der Gegenstand meiner Angst werde wenigstens auf einige Zeit von mir abgelassen haben. »Ach! wenn ich zu Donna Mencia gelangen, ihr zu Füßen fallen kann,« sprach ich zu mir selbst, »wenn ich mich in den Schutz meiner verehrungswürdigen Mutter begeben darf, so sollt ihr Phantome und Ungeheuer, die ihr mich so erbittert verfolgt, mir diese Zufluchtsstätte nicht verletzen. Ich werde mit den natürlichen Gefühlen die heilbringenden gesunden Grundsätze wiederfinden, von denen ich mich entfernt hatte, und mir daraus ein Bollwerk gegen euch aufrichten. Aber wenn der Gram über meine Ausschweifungen mich dieses Schutzengels beraubt haben sollte ... Ach! dann will ich nur darum weiterleben, ihn an mir selbst zu rächen. Ich will mich in einem Kloster begraben ... Und wer wird mich dort vor meinen eigenen Hirngespinsten schützen? Ich will mich dem geistlichen Stande widmen. Du reizendes Geschlecht, ich muß auf dich verzichten, eine höllische Larve hat sich mit all der Anmut bekleidet, die ich vergötterte. Das Rührendste, was ich in dir erblicken könnte, würde mir das Erinnern ...‹

Über diesen Betrachtungen, die meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen, ist der Wagen in den großen Schloßhof eingefahren. Ich vernehme eine Stimme: ›Das ist Alvaro, das ist mein Sohn!‹ Ich erhebe den Blick und erkenne meine Mutter auf der Altane ihres Zimmers.

Nichts ist der Süßigkeit und Lebhaftigkeit dessen zu vergleichen, was ich jetzt empfinde. Meine Seele scheint neu geboren zu werden, meine Kräfte kehren mit einem Male alle wieder. Ich springe aus dem Wagen, fliege in die Arme, die meiner warten. Ich werfe mich vor ihr nieder. ›Ach!‹ rufe ich, die Augen in Tränen gebadet, die Stimme von Schluchzen unterbrochen, aus: ›ach, meine Mutter! meine Mutter! Ich bin also doch nicht Ihr Mörder? Erkennen Sie mich noch als Ihren Sohn an? Ach, meine Mutter! Sie umarmen mich ...‹

Die Leidenschaft, die mich hinreißt, die Heftigkeit meines Wesens haben meine Züge und den Ton meiner Stimme dermaßen verstört, daß Donna Mencia darüber beunruhigt wird. Sie hebt mich gütig empor, umarmt mich von neuem, nötigt mich, niederzusitzen. Ich wollte reden, es war mir unmöglich, ich warf mich über ihre Hände, die ich in Tränen badete und mit den innigsten Liebkosungen überschüttete.

Donna Mencia sieht mich mit Verwunderung an: sie vermutet, es müsse mir etwas Außerordentliches begegnet sein, sie befürchtet sogar eine Störung meiner Vernunft. Während ihre Unruhe, ihre Neugierde, ihr Wohlwollen, ihre Zärtlichkeit in ihren Gebärden und Blicken sich aussprachen, hat ihre Vorsicht alles zur Hand schaffen lassen, was man nur, von einer langen mühsamen Reise erschöpft und müde, bedürfen kann.

Die Dienerschaft beeifert sich, mir aufzuwarten. Ich führe aus Gefälligkeit etwas zu meinen Lippen; meine unstäten Blicke suchen meinen Bruder; bestürzt, ihn nicht zu sehen, frage ich: »Mutter, wo ist Juan? ...«

»Er wird sich freuen, wenn er hört, daß du hier bist, da er dir geschrieben hat, du möchtest herkommen. Da aber seine Briefe aus Madrid nur erst seit einigen Tagen unterwegs sein können, erwarteten wir dich nicht so bald. Du bist Oberst seines Regiments, und der König hat ihm kürzlich ein Vizekönigtum in Indien zuerteilt.«

»Himmel!« rief ich aus. »Also wäre alles in dem gräßlichen Traume falsch, der mich gequält hat? Aber es ist unmöglich ...«

»Von welchem Traume sprichst du, Alvaro? ...«

»Von dem allerlängsten, erstaunenswertesten, entsetzlichsten, den man träumen kann.« Und hierauf überwinde ich meinen Stolz und meine Scham, und erzähle ihr genau alles, was mir von meinem Eintritt in die Grotte von Portici an bis zu dem beglückenden Augenblicke begegnet war, wo ich ihre Kniee hatte umfassen dürfen.

Die ehrwürdige Frau hört mir mit einer ungemeinen Aufmerksamkeit, Geduld und Güte zu. Da ich den ganzen Umfang meines Vergehens kannte, so sah sie wohl, daß es unnötig war, es etwa noch gegen mich zu vergrößern.

»Mein lieber Sohn! Du bist den Lügen nachgerannt und bist bis zu dieser Stunde von ihnen umgarnt gewesen. Das entnimm aus jener Nachricht von meiner Krankheit und von dem Zorne deines älteren Bruders. Bertha, mit der du meinst gesprochen zu haben, ist seit einiger Zeit bettlägerig. Ich dachte nicht daran, dir zweihundert Zechinen über deinen Zuschuß zu senden. Ich würde gefürchtet haben, entweder deinen Ausschweifungen Vorschub zu leisten, oder dich durch eine übel angebrachte Freigebigkeit nur zu neuen zu veranlassen. Der würdige Escudero Pimientos ist seit acht Monaten tot. Und von den achtzehnhundert Kirchspielen etwa, die der Herzog von Medina Sidonia in Spanien besitzt, liegt kein Fingerbreit Erde an dem Orte, den du bezeichnest: ich kenne die Gegend ganz genau, und du hast die Meierei und ihre Bewohner sicherlich nur erträumt.‹

»Aber gnädige Frau Mutter!« versetzte ich, »der Maultiertreiber, der mich hergebracht, hat alles so gut wie ich gesehen. Er hat mit auf der Hochzeit getanzt.«

Meine Mutter befiehlt, man solle den Maultiertreiber herbeiholen; aber er hatte gleich bei seiner Ankunft ausgespannt, ohne Lohn zu fordern.

Diese eilige, spurlose Flucht kam meiner Mutter verdächtig vor. »Nunes«, sprach sie zu einem Pagen, der durch das Zimmer ging, »geht zu dem ehrwürdigen Don Quebracuernos und sagt ihm, mein Sohn Alvaro und ich erwarteten ihn hier.«

»Das ist ein Doktor aus Salamanca,« fuhr sie fort, »dessen Verdienste ihm mein Vertrauen erworben haben; du kannst ihm auch das deinige schenken. Es ist am Ende deines Traumes ein Umstand, der mich in Verlegenheit setzt. Don Quebracuernos versteht sich auf solche Dinge und wird besser als ich wissen, was davon zu halten ist.«

Seine Ehrwürden ließ nicht lange auf sich warten. Er imponierte, noch bevor er sprach, schon durch seine ernste Würde. Meine Mutter ließ mich in seiner Gegenwart das aufrichtige Geständnis meiner Unbesonnenheit und ihrer Folgen wiederholen. Er hörte mir aufmerksam und verwundert zu, ohne mich zu unterbrechen. Als ich geendet und er sich ein wenig gesammelt hatte, nahm er folgendermaßen das Wort:

»Es ist außer Zweifel, gnädiger Herr Don Alvaro, daß Sie einer so großen Gefahr entgangen sind, als ein Mensch nur irgend durch seine Schuld bestehen kann. Sie haben den bösen Geist herausgefordert und ihm durch eine Folge von Unklugheiten all die Kunstgriffe selbst an die Hand gegeben, deren er bedurfte, um Sie mit Erfolg zu betören und Sie zu verderben. Ihr Abenteuer ist sehr ungewöhnlich. Ich habe nichts dem Ähnliches weder in der ›Dämonomanie‹ von Bodin, noch in der ›Bezauberten Welt‹ von Becker gelesen, und man muß gestehen, daß, seitdem diese großen Männer geschrieben haben, unser Feind unendlich schlauer in seiner Art und Weise geworden ist, seine Angriffe zu bewerkstelligen und von den Schlingen Nutzen zu ziehen, die die Weltmenschen einander legen, um sich zu Fall zu bringen. Er ahmt der Natur getreulich und mit Überlegung nach, er bedient sich der Vorteile geselliger Talente, gibt geschmackvolle Feste, weiß die Leidenschaften ihre verlockendste Sprache reden zu lassen, er äfft sogar bis zu einem gewissen Grade die Tugend nach. Dadurch werden mir über vielerlei Dinge, die vorgehen, die Augen geöffnet; ich erblicke von hier aus viele Grotten, die gefährlicher sind als jene von Portici, und eine Menge Besessener, die unglücklicherweise gar nicht ahnen, daß sie es sind. Was Sie betrifft, so glaube ich, daß, wenn Sie für die Gegenwart und Zukunft weise Vorkehrungen treffen, Sie von ihm gänzlich befreit sind. Ihr Feind hat sich zurückgezogen, das ist offenbar. Er hat Sie verführt, es ist wahr, aber es ist ihm nicht gelungen, Sie zu verderben. Ihr Wille und Ihr Gewissen haben Sie unter dem außerordentlichen Beistande, der Ihnen zuteil wurde, davor behütet. Also war sein vermeintlicher Sieg und Ihre Niederlage für Sie und ihn nur eine Illusion, von der Ihre Reue Sie vollends reinigen wird. Er hat nichts davongetragen, als einen gezwungenen Rückzug. Aber bewundern Sie, wie er ihn hat zu verdecken und noch fliehend in Ihrem Geiste Verwirrung, in Ihrem Herzen ein Einverständnis zurückzulassen gewußt, vermöge dessen er seinen Angriff erneuern kann, sobald Sie ihm die Gelegenheit dazu bieten. Nachdem er Sie betört, so sehr Sie es nur haben sein wollen, und sich gezwungen gesehen hat, sich in seiner ganzen Ungestalt zu zeigen, unterwirft er sich als Sklave, der Empörung sinnt. Er will Ihnen keinen einzigen vernünftigen und bestimmten Gedanken lassen und vermengt das Groteske mit dem Schrecklichen, das Kindische seiner leuchtenden Schnecken mit der scheußlichen Erscheinung seines mißgeschaffenen Kopfes, kurz, die Lüge mit der Wahrheit, Wachen mit Schlaf. Dergestalt, daß Ihr verwirrter Geist nichts klar unterscheidet und daß Sie glauben könnten, die Vision, die Sie betroffen, sei weniger die Wirkung seiner Tücke, als ein von den Dünsten Ihres Hirns erzeugter Traum gewesen. So hat er auch sorgfältig die Vorstellung des holdseligen Gespinstes, dessen er sich lange bedient, Sie zu verirren, isoliert, und wird sie Ihnen wieder näher bringen, sobald Sie es ihm möglich machen. Ich glaube indessen nicht, daß die Schranken des Klosters oder unseres Standes diejenigen seien, hinter welchen Sie sich vor ihm zu bergen haben. Ihr Beruf dazu ist durchaus nicht genugsam entschieden und durch eigene Erfahrung gewitzigte Leute sind in der Welt vonnöten. Glauben Sie mir, gehen Sie eine gesetzliche Verbindung mit einer Person des andern Geschlechts ein und lassen Sie Ihre diesbezügliche Wahl von Ihrer ehrwürdigen Mutter leiten, und wenn jene irgend himmlische Eigenschaften und Reize besitzt, so werden Sie niemals in Versuchung kommen, sie für den Teufel zu halten.

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