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Der Liebesteufel

Jacques Cazotte: Der Liebesteufel - Kapitel 1
Quellenangabe
typenovelette
authorJaques Cazotte
titleDer Liebesteufel
publisherGeorg Ed. Sanders Verlag
editorCurt Moreck
year1922
noteBearbeitung der Übersetzung
translatorEduard von Bülow
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071027
projectidf60bbd38
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Der Liebesteufel

Ich war fünfundzwanzig Jahre alt, Hauptmann in der Garde des Königs von Neapel. Wir lebten miteinander als gute Kameraden und wie junge Leute, das heißt mit Weibern und vom Spiel, solange das Geld reichte, und saßen philosophierend in unsern Quartieren, wenn wir nichts Besseres zu tun wußten.

Eines Abends, als wir uns bei einer Flasche Cyperwein und einer Schüssel gerösteten Maronen über mancherlei Dinge müde geschwätzt hatten, kam das Gespräch auf die Kabbala und die Kabbalisten.

Einer behauptete, sie sei eine wohlgegründete Wissenschaft; vier der Jüngsten wandten dagegen ein, sie sei eine Anhäufung von Albernheiten, eine Quelle von Spitzbübereien, und nur dazu da, leichtgläubige Leute zu betören und Kinder zu vergnügen.

Der älteste von uns, ein geborener Flamländer, rauchte seine Pfeife und sprach kein Wort. Seine Gleichgültigkeit und sein zerstreutes Wesen fielen mir mitten in dem Gelärm, das uns betäubte, auf und hielten mich ab, an einer Unterhaltung teilzunehmen, in der zu wenig Sinn war, um mich zu fesseln. Wir befanden uns im Zimmer des Rauchers, die Nacht rückte vor, man ging auseinander; wir beide blieben allein zurück, mein älterer Kamerad und ich.

Er rauchte phlegmatisch weiter, ich blieb stumm, die Ellbogen auf den Tisch gestemmt, sitzen. Schließlich brach mein Gegenüber das Stillschweigen.

›Junger Mann,‹ sagte er, ›Sie haben da viel Geschrei mit angehört. Warum haben Sie an dem Streite nicht teilgenommen?‹

›Ich schweige lieber still,‹antwortete ich, ›als daß ich einer Sache beistimme oder widerspreche, die ich nicht kenne. Ich weiß nicht einmal, was das Wort Kabbala besagen will.‹

›Es hat verschiedene Bedeutungen,‹ sprach er, ›aber darauf kommt es hier nicht an; es handelt sich hier um die Sache selbst. Glauben Sie, daß es eine Wissenschaft gibt, die Metalle verwandeln und Geister befehlen lehrt?‹

›Ich weiß nichts von Geistern, nicht einmal etwas von meinem eigenen, außer daß er da ist. Was die Metalle anbelangt, so weiß ich, wieviel ein Karolin im Spiele, im Wirtshause und anderswo gilt. Aber im übrigen weiß ich weder von diesen noch von jenen etwas.‹

›Mein lieber Waffenbruder! Ihre Unwissenheit ist besser als das Wissen der andern. Sie sind wenigstens in keinem Irrtum befangen, und was Sie noch nicht wissen, das können Sie noch lernen. Ihre Natur und Ihr Freimut gefallen mir. Ich weiß etwas mehr als gewöhnliche Menschen. Geben Sie mir Ihr Ehrenwort, das Geheimnis zu wahren, und versprechen Sie mir, sich klug zu benehmen, so sollen Sie mein Schüler sein.‹

›Was Sie mir da sagen, mein lieber Soberano, ist mir sehr angenehm. Die Neugier ist meine stärkste Leidenschaft. Ich gestehe Ihnen, ich trage kein heftiges Verlangen nach alltäglichen Kenntnissen, die sind mir immer zu beschränkt vorgekommen, und ich ahne etwas von der höheren Sphäre, in die Sie mich einführen wollen. Wie aber erschließt man sich die Wissenschaft, die Sie nannten? Nach dem, was unsere Kameraden sagten, sind es die Geister selbst, die uns belehren: kann man in Verbindung mit ihnen treten?«

»Sie haben es erraten Alvaro! Von sich selbst aus lernt man nichts. Daß eine Verbindung mit ihnen möglich ist, davon will ich Ihnen einen unwiderleglichen Beweis geben.«

Kaum hatte er dies gesprochen und seine Pfeife zu Ende geraucht, so klopft er damit dreimal an, um die Asche auszuschütten, die darin war, legt sie dicht neben mich auf den Tisch und sagt mit erhobener Stimme: »Calderon, hol meine Pfeife; stopfe sie, zünde sie mir an, und bring sie mir dann wieder!«

Er hatte kaum den Befehl gegeben, so sah ich die Pfeife verschwinden, und ehe ich mich besinnen oder fragen konnte, wer jener Calderon sei, dem er seinen Auftrag erteilt, war die brennende Pfeife schon wieder da, und mein Kamerad rauchte von neuem.«

Er tat noch ein paar Züge, weniger um den Tabak zu schmecken, als um sich an dem Erstaunen zu weiden, das er bei mir erregte. Dann stand er auf und sagte: »Ich habe morgen die Wache, ich muß ausruhen. Gehen Sie schlafen. Seien Sie klug, wir werden uns wiedersehen!«

Ich verließ ihn, neugierig und nach den Enthüllungen lüstern, die Soberano mir versprochen und durch die ich mein Wissen zu bereichern hoffte. Ich sah ihn am andern Morgen und die folgenden Tage, ich kannte keine andere Leidenschaft mehr, ich ward sein Schatten.

Ich stellte ihm tausend Fragen; er wich den einen aus und beantwortete die andern wie ein Orakel. Schließlich befragte ich ihn nach seiner Religion. »Es ist die natürliche,« antwortete er. Wir gingen auf Einzelheiten näher ein. Seine Meinungen stimmten mehr mit meinen Neigungen als mit meinen Grundsätzen zusammen; aber ich wollte zum Ziele kommen und durfte ihm keine Schwierigkeiten machen.

»Sie gebieten den Geistern,« sagte ich zu ihm; »auch ich will mit ihnen in Verbindung treten; ja, ich will es in der Tat!«

»Sie sind zu ungestüm, Kamerad, Sie haben ihre Probezeit noch nicht überstanden; Sie haben keine der Bedingungen erfüllt, unter denen man furchtlos sich diesen erhabenen Wesen nähern darf ...«

»Braucht es noch viel Zeit bis dahin?«

»Vielleicht zwei Jahre ...«

»Dann gebe ich es auf,« rief ich, »denn ich würde bis dahin vor Ungeduld sterben. Sie sind grausam, Soberano. Sie können sich von dem lebhaften Verlangen, das Sie in mir erweckt haben, keine Vorstellung machen. Es verzehrt mich ...«

»Junger Mann, ich traute Ihnen mehr Klugheit zu. Sie lassen mich für Sie selbst wie für mich zittern. Was! Sie wollten es wagen, ohne irgendeine Vorbereitung Geister zu beschwören?«

»Nun, was könnte mir wohl dabei zustoßen? ...«

»Es muß nicht unbedingt ein Unglück daraus entstehen. Haben die Geister Gewalt über uns, so ist es unsere Schwäche, unser Kleinmut, der sie ihnen gibt, im Grunde sind wir geboren, sie zu beherrschen.«

»Nun, ich will über sie herrschen!«

»Ja, Sie haben Mut genug; aber wenn Sie den Kopf darüber verlieren? Wenn der Schrecken Sie erfaßt?«

»Kommt es nur darauf an, sie nicht zu fürchten, so fordere ich sie heraus, mich zu schrecken ...«

»Wie aber, wenn Sie nun den Teufel selbst sähen? ...«

»Ich wollte den Teufel selbst bei den Ohren packen!«

»Bravo! Sind Sie Ihrer selbst so sicher, so dürfen Sie sich der Gefahr aussetzen. Ich verspreche Ihnen meinen Beistand. Nächsten Freitag essen Sie mit zwei unserer Eingeweihten bei mir, da wollen wir die Sache ins Werk setzen.‹

Es war erst Dienstag. Keine Schäferstunde wurde je mit solcher Ungeduld erwartet. Endlich kam die Zeit. Ich traf bei meinem Kameraden zwei Männer, deren Gesichter nicht eben vertrauenerweckend waren. Wir speisten. Die Unterhaltung drehte sich um gleichgültige Dinge.

Nach Tisch schlug man einen Spaziergang nach den Ruinen von Portici vor. Wir machten uns auf den Weg und kamen an unser Ziel. Diese Überreste der ehrwürdigsten Denkmäler, eingesunken, zertrümmert, verstreut, von Dornen überwachsen, erregten gewaltig meine Einbildungskraft und erweckten in mir ungewöhnliche Gedanken. ›Siehe da!‹ sagte ich, ›die Gewalt der Zeit über die Werke menschlichen Stolzes und Fleißes.‹ Wir schritten durch die Ruinen und gelangten in halber Finsternis, uns über Trümmer hinwegtastend, an einen düsteren Ort, in den von außen nicht das mindeste Licht dringen konnte.

Mein Kamerad führte mich am Arm. Plötzlich hielt er inne und stand still. Einer von der Gesellschaft schlug Feuer und zündete eine Kerze an. Der Raum, in dem wir uns befanden, erhellte sich schwach und ich entdeckte, daß wir uns in einem ziemlich wohlerhaltenen Gewölbe befanden, das zwanzig Fuß im Umkreis maß und vier Ausgänge besaß. Wir beobachteten das tiefste Stillschweigen. Soberano beschrieb mit dem Rohr, auf das er sich im Gehen gestützt hatte, rings um sich einen Kreis in den Sand, der den Fußboden bedeckte, und trat hinaus, nachdem er seine Charaktere hinzugezeichnet hatte. ›Stellen Sie sich in diesen Kreis, junger Held!‹ sagte er zu mir, ›und verlassen Sie ihn nur bei guten Zeichen!‹

›Erklären Sie sich deutlicher! Welche Zeichen nennen Sie gute?‹

›Wenn alles Ihnen unterworfen ist! Läßt die Furcht Sie vorzeitig einen falschen Schritt tun, so könnten Sie die größte Gefahr laufen.‹

Hierauf gab er mir eine kurze, eindringliche Beschwörungsformel, die einige Worte enthielt, die mir immer unvergeßlich bleiben werden. ›Sprechen Sie diese Beschwörung mit aller Festigkeit,‹ sagte er, ›und rufen Sie alsdann dreimal laut Beelzebub; vergessen Sie aber nicht, was Sie mir versprochen haben zu tun.‹

Ich erinnerte mich, daß ich mich gerühmt hatte, ihn bei den Ohren zu packen. ›Ich werde Wort halten,‹ sagte ich, weil ich mich nicht wollte Lügen strafen lassen. ›Wir wünschen Ihnen den besten Erfolg,‹ sagte er; ›Sie werden uns rufen, wenn Sie fertig sind. Sie finden dort Ihnen gegenüber die Türe, die Sie wieder zu uns führt.‹ Hierauf ließen sie mich allein.

Kein Prahlhans konnte je in einer schlimmeren Lage sein. Ich war nahe daran, sie zurückzurufen; aber die Schande wäre zu groß gewesen. Ich hielt stand und besann mich einen Augenblick. ›Man hat mich einschüchtern wollen,‹ sagte ich mir, ›man will sehen, ob ich kleinmütig bin. Meine Gefährten sind nur zwei Schritte weit von mir, und auf meine Beschwörung hin habe ich zu erwarten, daß sie versuchen werden, mir Furcht einzujagen. Nur Mut, damit der Spott auf die Spaßmacher selbst zurückfällt!‹

Diese Überlegung währte nicht lange, wurde aber dennoch ein wenig durch das Geschrei der Nachteulen und Fledermäuse gestört, die in der Umgebung und im Innern der Höhle selbst hausten.

Etwas kühner geworden, stelle ich mich fest auf die Beine, spreche die Beschwörung mit heller, sicherer Stimme und rufe dreimal rasch nacheinander mit erhobenem Tone: Beelzebub!

Ein Schauder durchrieselte meine Adern, meine Haare sträubten sich. Kaum hatte ich geendigt, so schlugen mir gegenüber in der oberen Wölbung die beiden Flügel eines Fensters weit auseinander. Ein Lichtstrom, blendender als Tageslicht, brach durch die Öffnung herein; ein Kamelkopf, ebenso widerlich in seiner Dicke, als scheußlich in seiner Form, mit übermäßig langen Ohren, erschien am Fenster. Das häßliche Gespenst sperrte den Rachen auf und erwidert mir mit einer seiner sonstigen Erscheinung entsprechenden Stimme: ›Che vuoi?‹

Alle Gewölbe über und unter der Erde und in der Runde wetteiferten, dieses entsetzliche ›Che vuoi?‹ im Nachhall zu wiederholen.

Ich kann meine Lage nicht schildern; ich kann nicht sagen, was mir den Mut erhielt und mich hinderte, beim Anblick dieses Bildes, bei dem noch furchtbareren Getöse, das an mein Ohr schlug, ohnmächtig zu Boden zu stürzen.

Ich empfand die Notwendigkeit, alle meine Kraft zusammenzunehmen. Kalter Angstschweiß drohte sie zu vernichten. Ich tat mein Äußerstes. Unsere Seele muß wohl sehr groß sein und eine ungeheure Schwungkraft haben! Eine Masse von Gefühlen, Gedanken, Betrachtungen wurden in meinem Herzen rege, schossen durch meinen Geist, drangen auf mich ein. Eine Wandlung ging in mir vor, ich bemeisterte mein Entsetzen. Unerschrocken schaue ich das Gespenst an.

›Wie wagst du es, Verwegener, mir in solch abscheulicher Gestalt zu erscheinen?!‹

Das Gespenst zauderte einen Augenblick. ›Du hast mich verlangt‹ sagte es mit gedämpfter Stimme.

›Darf der Sklave sich vermessen,‹ fragte ich, ›seinen Gebieter zu schrecken? Kommst du, meine Befehle zu empfangen, so wähle eine schickliche Gestalt und nimm einen demütigen Ton an!‹

›Meister!‹ sprach das Gespenst, ›in welcher Gestalt soll ich mich dir zeigen, um dir angenehm zu sein?‹

Das nächste, woran ich dachte, war ein Hund, und ich sagte daher: ›Komm als ein Wachtelhündchen!‹ Ich hatte kaum den Befehl erteilt, so reckte das fürchterliche Kamel den Hals bis zu einer Länge von sechzehn Fuß und warf einen kleinen weißen Wachtelhund mit feinen glänzenden Haaren und langhängenden Ohren aus.

Das Fenster hatte sich wieder geschlossen, jede andere Erscheinung war verschwunden, und es blieb in dem notdürftig erleuchteten Gewölbe nur der Hund und ich. Er lief mit dem Schwanze wedelnd rings um den Kreis herum und machte tausend Sprünge. ›Herr,‹ sagte er, ›ich möchte Euch gern die Fußspitzen lecken; aber der furchtbare Zirkel, der Euch umgibt, hält mich zurück.‹

Mein Zutrauen hatte sich bis zur Verwegenheit gesteigert. Ich trete aus dem Kreis, halte den Fuß hin, der Hund leckt ihn; ich mache eine Bewegung, um ihn an den Ohren zu fassen, er legt sich auf den Rücken, als ob er um Gnade bäte. Ich sah, daß es ein Weibchen war. ›Steh auf,‹ sagte ich, ›ich verzeihe dir. Du siehst, ich bin in Gesellschaft. Die Herren warten nicht weit von hier; sie werden müde vom Gehen sein. Ich will Ihnen eine Erfrischung reichen; eingemachte Früchte, Eis, griechischen Wein, alles wohl angeordnet; der Raum muß nicht prunkhaft, aber anständig ausgeschmückt und erleuchtet sein. Gegen Ende des Mahles erscheinst du als Sängerin ersten Ranges mit einer Harfe; ich werde dir ein Zeichen geben, wann du erscheinen sollst. Spiele deine Rolle aber gut, singe mit Ausdruck und zeige dich sittsam und voll Anstand!‹

›Ich werde gehorchen, Meister; aber unter welcher Bedingung?‹

›Unter der Bedingung, gehorsam zu sein, Sklave! Widersprich mir nicht, sonst ...‹

›Ihr kennt mich nicht, Meister, sonst würdet Ihr nicht so schroff mit mir verfahren. Meine Bedingung wird sein, Euch zu besänftigen und Euch zu gefallen.‹

Die Worte waren kaum verklungen, so sah ich auch schon schneller, als in der Oper eine Verwandlung geschieht, meine Befehle vollzogen. Die eben noch schwärzlichen, feuchten, moosbedeckten Mauern des Gewölbes nahmen eine anmutigere Färbung und Form an und es entstand ein Saal von Jaspis, dessen Decke von Säulen getragen wurde. Acht kristallene Armleuchter, jeder mit drei Kerzen, verbreiteten gleichmäßig eine lebhafte Helligkeit.

Im nächsten Augenblick erschienen Tafel und Schenktisch, bedeckt mit allen Erfordernissen unseres Mahles. Früchte und Backwerk waren auf das köstlichste und schmackhafteste zubereitet. Das Geschirr, von dem wir speisten, war japanisches Porzellan. Das Hündchen lief im Saale hin und her, machte tausend Sprünge um mich herum, als wolle es das Werk beschleunigen und mich fragen, ob ich zufrieden sei.

›Sehr gut so, Biondetta,‹ sagte ich zu ihm, ›zieh nun Livree an und melde den Herren, daß ich sie zu einem kleinen Imbiß erwarte.‹

Kaum habe ich einen Augenblick die Augen abgewandt, so sehe ich einen zierlich in meine Farben gekleideten Pagen mit brennender Fackel in der Hand hinausgehen, der bald darauf meinen Kameraden, den Flamländer, und seine beiden Freunde hereinführt.

Durch die Ankunft und Einladung des Pagen zwar schon auf etwas Außerordentliches vorbereitet, erwarteten sie doch nicht eine solche Veränderung des Ortes, an dem sie mich verlassen hatten. Hätte ich nicht den Kopf voll anderer Dinge gehabt, würde mich ihr Erstaunen ergötzt haben; es machte sich in Ausrufen Luft und äußerte sich durch das Spiel ihrer Mienen und durch ihre Gebärden.

›Meine Herren,‹ sagte ich, ›Sie haben meinetwegen einen weiten Weg gemacht, und wir haben noch weit bis nach Neapel zurück. Ich habe daher gedacht, diese kleine Erfrischung dürfte Ihnen nicht unerwünscht sein. Doch bitte ich um Nachsicht dafür, daß die Auswahl nicht sorgfältiger und reicher ist, aber nehmen Sie damit, als mit einer Improvisation, vorlieb!‹

Meine Unbefangenheit verwirrte sie noch mehr, als die Veränderung des Schauplatzes und der Anblick des köstlichen Mahles, zu dem sie sich eingeladen sahen. Ich bemerkte das und beschloß, ein Abenteuer, dem ich innerlich mißtraute, zwar bald zu beendigen, aber doch zuvor seine Reize auszukosten, so gut ich konnte, und ich zwang mich, noch heiterer zu scheinen als ich in Wirklichkeit war.

Ich nötigte sie, an der Tafel Platz zu nehmen, und der Page rückte mit bewundernswürdiger Geschwindigkeit die Stühle zurecht. Wir hatten uns gesetzt; ich hatte die Gläser gefüllt, Früchte herumgereicht. Aber ich allein plaudere und esse; die andern saßen starr da und gafften. Ich munterte sie auf, die Früchte zu kosten. Meine Sicherheit belebte sie endlich wieder. Ich trank auf die Gesundheit des schönsten Mädchens von Neapel und wir stießen an. Ich erzählte von einer neuen Oper, von einer kürzlich aus Rom angekommenen Improvisatorin, deren Talente bei Hofe Aufsehen erregen, ich komme auf die schönen Künste, auf Musik und Bildhauerei zu sprechen, und nehme Gelegenheit, die Schönheit einiger Marmorsäulen, die den Saal schmückten, zu rühmen. Eine Flasche wird leer und durch eine volle bessere ersetzt. Der Page bietet alle Geschicklichkeit auf und vernachlässigt seinen Dienst keinen Augenblick.

Ich warf einen verstohlenen Blick auf ihn. Er erschien mir wie der Gott der Liebe. Auch die Genossen meines Abenteuers streiften ihn mit Blicken, in denen sich Erstaunen, Freude und Unruhe spiegelten. Die Sache drohte eintönig zu werden. Ich fühlte, es sei nun an der Zeit, daß etwas Neues geschehe. – ›Biondetto,‹ rief ich, ›Signora Fiorentina hat versprochen, mir ein paar Augenblicke zu widmen; sieh zu, ob sie noch nicht angekommen ist.‹ Biondetto verließ das Gemach.

Meine Gäste fanden keine Zeit, über diesen seltsamen Auftrag zu erstaunen, denn die Türe des Salons öffnete sich und Fiorentina mit ihrer Harfe trat herein. Sie trug ein elegantes, aber dezentes Negligé, einen Reisehut und einen sehr zarten Schleier über den Augen. Sie stellte ihre Harfe neben sich und verneigte sich mit Leichtigkeit und Anmut. ›Don Alvaro,‹ sagte sie, ›ich war nicht darauf vorbereitet, Gesellschaft bei Ihnen anzutreffen, sonst würde ich nicht in diesem Anzuge erschienen sein. Die Herren werden einer Reisenden gütigst verzeihen.‹

Sie ließ sich nieder und wir boten ihr im Wetteifer miteinander das Beste unseres kleinen Mahles an, von dem sie aus Gefälligkeit einiges nahm. ›Wie, Signora,‹ sagte ich, ›Sie passieren Neapel nur und lassen sich nicht ein wenig festhalten?‹

›Ein älteres Engagement zwingt mich dazu, Signor! Man war beim letzten Karneval in Venedig voller Güte gegen mich und nahm mir das Versprechen ab, zurückzukehren. Wäre dies nicht der Fall, so würde ich weder auf die Vorteile verzichtet haben, die mir hier der Hof bietet, noch auf die Hoffnung, den Beifall des neapolitanischen Adels zu erwerben, der sich durch seinen Geschmack in ganz Italien auszeichnet.«

Die beiden Neapolitaner verbeugten sich für diesen Lobspruch: was sie erlebten, erschien ihnen so traumhaft, daß sie sich die Augen reiben mochten. Ich drang in die Virtuosin, uns eine Probe ihrer Kunst zu geben. Sie war ein wenig indisponiert und ermüdet, und sie fürchtete mit Recht, in unserer Gunst zu sinken. Endlich entschloß sie sich zu einem obligaten Rezitativ und einer pathetischen kleinen Arie, mit der der dritte Akt der Oper schloß, in der sie debütieren sollte.

Sie nahm ihre Harfe und präludierte mit einer kleinen, länglichen, weichen Hand, deren Fingerspitzen sich unmerklich rundeten und in einen zierlichen und wohlgeformten Nagel ausliefen; wir waren alle entzückt und glaubten das herrlichste Konzert zu hören.

Die Dame singt. Man kann keine schönere Stimme haben und nicht mehr Seele und Ausdruck hineinlegen, nicht mehr ergreifen und nicht weniger übertreiben. Ich war im Innersten bewegt und vergaß fast, daß ich der Schöpfer dieses Zaubers war, der mich so hinriß.

Die Sängerin richtete die zärtlichen Worte und Töne ihres Gesanges an mich. Das Feuer ihrer Blicke durchdrang den Schleier; es war von einer unbeschreiblichen Innigkeit und Süße. Ihre Augen kamen mir nicht unbekannt vor. Als ich die Gesichtszüge, soweit sie der Schleier wahrnehmen ließ, genauer betrachtete, erkannte ich in Fiorentina den Schelm Biondetto, dessen zierliche und anmutige Gestalt in den weiblichen Kleidern weit mehr als in der Pagentracht auffiel.

Als die Sängerin ihren Vortrag beendete, ergingen wir uns in verdienten Lobsprüchen. Ich suchte sie zu bewegen, uns noch ein lustiges Liedchen zu singen, um uns Gelegenheit zu geben, die Mannigfaltigkeit ihres Talents zu bewundern. ›Nein,‹ erwiderte sie, ›ich würde in der Gemütsstimmung, in der ich mich befinde, keine Ehre damit einlegen. Überdies werden Sie wohl bemerkt haben, wie sehr es mich anstrengt, Ihren Wünschen nachzukommen. Meine Stimme hat durch die Reise gelitten, sie ist rauh. Sie wissen, daß ich noch in dieser Nacht abreise. Ein Mietkutscher hat mich hierher gebracht, und ich hänge von ihm ab. Ich bitte Sie, mich gütigst entschuldigen zu wollen und mir zu gestatten, daß ich mich entferne.‹ Bei diesen Worten stand sie auf und wollte ihre Harfe nehmen; aber ich nahm sie ihr aus der Hand und brachte sie bis zur Türe, durch die sie hereingetreten war, und kehrte dann wieder zur Gesellschaft zurück.

Ich hatte Fröhlichkeit verbreiten wollen und bemerkte auf den Gesichtern meiner Gäste Zwang und Befangenheit. Ich nahm meine Zuflucht zum Cyperwein. Ich hatte ihn köstlich gefunden, er hatte mir Kräfte und Geistesgegenwart wiedergegeben. Ich verdoppelte das Maß, und als die Stunde drängte, befahl ich meinem Pagen, der seinen Platz hinter meinem Stuhl wieder eingenommen hatte, meinen Wagen vorfahren zu lassen. Biondetto ging hinaus, meine Befehle zu vollziehen.

›Sie haben einen Wagen hier?‹ fragte Soberano.

›Ja,‹ versetzte ich, ›ich habe ihn nachkommen lassen, weil ich mir dachte, es dürfte Ihnen nicht unlieb sein, auf bequeme Weise zurückzukehren, falls unsere Partie sich in die Länge ziehen sollte.‹

Ich hatte noch nicht ausgesprochen, so trat der Page mit zwei großen gewandten Lakaien herein, die auf das prächtigste in meine Farben gekleidet waren. ›Gnädiger Herr!‹ sagte Biondetto, »der Wagen hat nicht näher vorfahren können; aber er hält dicht hinter den Ruinen.«

Wir brechen auf; Biondetto und die Lakaien gehen voran, wir folgen. Da zwischen den zerbrochenen Säulenschäften nicht vier nebeneinander gehen konnten, drückte mir Soberano, der sich allein mir zur Seite befand, die Hand. »Sie geben uns ein schönes Fest, mein Freund, es wird Ihnen teuer zu stehen kommen.«

»Mein Lieber,« entgegnete ich ihm, »ich fühle mich beglückt, wenn es Ihnen gefallen hat. Ich gebe es für das, was es mich kostet.«

Wir erreichten den Wagen, und ich finde dort noch zwei Lakaien, einen Kutscher, einen Vorreiter und die bequemste Equipage, die man sich wünschen kann, zu meiner Verfügung vor. Ich nötige zum Einsteigen, und wir rollen auf der Straße nach Neapel dahin.

Unser langes Stillschweigen wurde endlich durch einen von Soberanos Freunden unterbrochen. »Ich will nicht in Ihr Geheimnis eindringen, Alvaro; aber Sie müssen sonderbare Verbindungen eingegangen sein. Sie werden da hervorragend bedient. Ich bemühe mich schon vierzig Jahre lang und habe noch nicht ein Viertel der Gefälligkeiten erlangen können, die man Ihnen an einem Abend erweist. Durften Sie doch die himmlischste Erscheinung Ihren Gast nennen, während man unsere Augen mehr betrübt, als sie so zu ergötzen. Kurz und gut, Sie wissen, woran Sie sind. Sie sind jung, in Ihrem Alter hat man zu starke Gelüste, als daß man sich Zeit lassen sollte, viel zu überlegen; man übernimmt sich leicht im Genuß.«

Bernadillo, so hieß der Mann, hörte sich gerne reden und ließ mir Zeit, über meine Antwort nachzudenken.

»Ich weiß nicht,« versetzte ich, »womit ich diese ungewöhnliche Gunst erworben habe. Doch ich vermute, sie wird nicht von Dauer sein und es wird mich dann nur trösten, daß ich sie mit guten Freunden geteilt habe.« Man sah, daß ich eine gewisse Zurückhaltung bewahrte und die Unterhaltung stockte. Indessen weckte die Stille mein Nachdenken wieder. Ich hielt mir nochmals vor, was ich getan und gesehen hatte. Ich verglich Soberanos und Bernadillos Rede und erkannte, daß ich mich in die schlimmste Angelegenheit verwickelt hatte, wozu Vorwitz und Vermessenheit meinesgleichen jemals verleiten konnten. Meine Erziehung hatte daran keine Schuld. Ich war bis in mein dreizehntes Jahr unter den Augen meines Vaters, Don Bernardo Maravillas, eines untadeligen Edelmannes, und durch meine Mutter, Donna Mencia, die frommste und achtbarste Frau Estremaduras, aufgewachsen. »Oh, meine Mutter!« sagte ich, »was würdest du von deinem Sohne denken, hättest du ihn gesehen, sähst du ihn noch jetzt? Aber es soll damit zu Ende sein, das verspreche ich mir selbst.«

Unterdessen kam der Wagen in Neapel an. Ich brachte Soberanos Freunde nach Hause und wir beide kehrten in unser Quartier zurück. Die glänzende Equipage überraschte die Wache, an der wir vorüberfuhren, aber die Anmut Biondettos, der auf dem Bocke saß, erregte noch größeres Aufsehen. Der Page schickte Wagen und Dienerschaft fort, nahm einem Lakaien eine Fackel aus der Hand und leuchtete mir auf meinem Gang durch die Kaserne zu meinem Zimmer. Mein Kammerdiener, mehr noch als die andern erstaunt, wollte mich nach dem neuen Gefolge, mit dem ich prunkte, befragen. »Es ist gut, Carlos,« sagte ich, in mein Zimmer tretend, »ich brauche dich nicht; geh schlafen, ich werde morgen mit dir reden.«

Wir sind in meinem Zimmer allein und Biondetto hat die Türe hinter mir verschlossen. Ich hatte mich inmitten der Gesellschaft, die ich soeben verlassen, und in dem lärmenden Leben der Kaserne, durch die ich gekommen war, nicht so verlegen gefühlt als jetzt.

Um dem Abenteuer ein Ende zu machen, dachte ich einen Augenblick nach. Ich blickte auf den Pagen, der seine Augen zu Boden geschlagen, dastand. Röte steigt ihm allmählich zu Gesicht, seine Haltung verrät Verlegenheit und eine nicht geringe Gemütsbewegung. Endlich gewinne ich es über mich, ihn anzureden.

»Biondetta, du hast mich gut bedient, du hast in alles dies sogar Anmut zu legen gewußt; aber da du dich im voraus dafür bezahlt gemacht hast, so denke ich, sind wir quitt ...«

»Don Alvaro denkt zu edel, um zu glauben, daß er sich mit diesem Preise löst ...«

»Hast du etwa mehr getan, als du solltest, so sprich nur, was verlangst du noch? Aber für prompte Bezahlung kann ich nicht einstehen. Mein vierteljährlicher Sold ist verzehrt, ich habe Spielschulden, stehe beim Wirt und beim Schneider in der Kreide ...«

»Sie scherzen zur Unzeit ...«

»Nun, soll ich Ernst machen, so muß ich dich zunächst bitten, dich zu entfernen; es ist spät und ich will zu Bett gehen ...«

«Und Sie könnten unhöflich genug sein, mich zu dieser Stunde fortzuschicken? Solche Behandlung hätte ich von einem spanischen Kavalier nicht erwartet. Ihre Freunde wissen, daß ich hierher gekommen bin. Ihre Soldaten haben mich gesehen und mein Geschlecht erraten. Wäre ich eine gemeine Dirne, Sie würden mehr Rücksichten gegen mich nehmen. Ihr Betragen ist verletzend und erniedrigend für jedes weibliche Wesen.«

»Es gefällt Ihnen also jetzt, für eine Frau zu gelten, um sich Rücksichten zu sichern. Nun denn, so nehmen Sie selbst Rücksicht auf sich und vollziehen Sie Ihren Rückzug durch das Schlüsselloch, um einen Skandal zu vermeiden.«

»Wie! im Ernste, ohne zu wissen, wer ich bin? ...«

»Kann ich darüber im Zweifel sein?«

»Nein, Sie wissen es nicht, sage ich Ihnen. Sie hören nur auf Ihre Vorurteile. Aber wer ich auch immer sei, ich liege mit tränenden Augen zu Ihren Füßen und flehe zu Ihnen, als Ihr Schützling. Eine Unbesonnenheit, noch größer als die Ihrige, verzeihlich vielleicht, weil Sie der Anlaß dazu sind, hat mich heute alles wagen, alles aufopfern lassen, um Ihnen gehorsam zu sein, mich Ihnen hinzugeben und Ihnen zu folgen. Ich habe die grausamsten und unversöhnlichsten Mächte gegen mich erregt. Es bleibt mir kein Schutz als der Ihrige, kein Zufluchtsort als Ihr Zimmer. Werden Sie ihn mir verschließen, Alvaro? Kann ein spanischer Kavalier mit dieser Härte, dieser Unwürdigkeit gegen jemand handeln, der ihm alles aufgeopfert hat, gegen eine fühlende Seele, gegen ein schwaches Wesen, das aller andern Hilfe als der seinen entblößt ist, mit einem Wort: gegen ein Weib?«

Ich wich zurück, soweit ich konnte, um mich aus der Verlegenheit zu ziehen; aber sie umfaßte meine Knie und folgte mir auf den ihrigen nach, bis ich gegen die Mauer gedrängt wurde. »Stehen Sie auf,« sagte ich zu ihr, »Sie haben mich, ohne es zu wissen, an einen Schwur gemahnt. Als meine Mutter mir meinen ersten Degen gab, ließ sie mich auf sein Heft schwören, mein ganzes Leben den Frauen zu dienen und keine zu beleidigen. Wenn dem nun heute so ist, wie ich denke ...«

»Nun denn, Grausamer, so erlauben Sie mir, gleichviel aus welchem Grunde, in Ihrem Zimmer zu schlafen.«

»Mag es, um die Seltsamkeit meines Abenteuers zu krönen, denn also sein. Nur richten Sie es so ein, daß ich von Ihnen weder etwas höre noch sehe. Beim ersten Worte, bei der ersten Bewegung, die mich beunruhigen könnte, lasse ich den Ton meiner Stimme anschwellen, um Sie meinerseits zu fragen: Che vuoi?«

Ich kehrte ihr den Rücken zu und näherte mich meinem Bette, um mich auszuziehen. »Soll ich Ihnen helfen?« fragte sie.

»Nein, ich bin Soldat, und bediene mich selbst.«

Ich lege mich nieder. Durch meine dünnen Bettvorhänge sehe ich den vermeintlichen Pagen in einem Winkel meines Zimmers sich eine alte Decke zurechtlegen, die er in meiner Garderobe gefunden hat. Er setzt sich darauf, entkleidet sich völlig, hüllt sich in einen meiner Mäntel, der auf einem Sessel lag, und löscht das Licht aus. Damit schloß das Schauspiel für den Augenblick. Aber es begann bald wieder in meinem Bette, wo ich den Schlaf nicht finden konnte.

Überall sah ich das Bild des Pagen, an meinem Betthimmel, an den vier Säulen, überall sah ich nichts als ihn. Ich bemühte mich vergebens, mit diesem entzückenden Gegenstande die Vorstellung des abscheulichen Gespenstes, das ich gesehen, zu verbinden, doch die erste Erscheinung erhöhte nur den Reiz der letztern.

Der melodische Gesang, den ich im Gewölbe vernommen, der hinreißende Klang dieser Stimme, diese wie aus einem Herzen hervorquillenden Worte hallten noch in meinem Herzen wider und erregten in ihm wunderbare Schauer.

»Ach! Biondetta,« sprach ich, »wenn du doch kein phantastisches Wesen, nicht dieses abscheuliche Dromedar wärst! Aber von welcher Empfindung lasse ich mich überwältigen? Ich habe mein Entsetzen beherrscht, und so will ich auch diese weit gefährlichere Seelenregung mit der Wurzel ausrotten. Welchen Genuß kann ich von ihr erwarten? Wird er nicht immer seinem Ursprung entsprechen? Die Glut ihrer rührenden, süßen Blicke ist ein verderbliches Gift. Dieser schöne, frische und scheinbar harmlose Mund versteht nur zu lügen. Dieses Herz, wenn sie eins besitzt, ist voll Verrat.«

Während ich mich diesen Betrachtungen überließ, die mich beunruhigten, war der Mond am wolkenlosen Himmel emporgestiegen und warf durch die drei hohen Bogenfenster meines Zimmers seine vollen Strahlen. Ich wälzte mich in meinem Bette hin und her; die Bettstatt war nicht neu, sie brach auseinander und die drei Bretter, auf denen ich lag, krachten zusammen.

Biondetta sprang auf und stürzte mit einem Schrei des Schreckens zu mir. »Don Alvaro, was ist Ihnen zugestoßen?«

Da ich sie trotz meines Falles nicht aus den Augen verloren hatte, sah ich sie aufstehen und mir beispringen. Sie trug ein kurzes Pagenhemd, und das Mondlicht, das auf ihre Schenkel fiel, schien sich im Widerschein strahlend zu verdoppeln.

Der schlimme Zustand meines Lagers berührte mich wenig, denn ich lag nur ein wenig unbequemer; aber wie wurde mir, als ich mich von Biondettas Armen umfangen fühlte.

»Es ist mir nichts geschehen!« sagte ich, »entfernen Sie sich ... Sie stehen ohne Pantoffel auf dem Steinboden, Sie werden sich verkühlen ... Gehen Sie ...«

»Aber es muß Ihnen unbehaglich sein ...«

»Ihre Nähe nur bereitet mir Unbehagen. Lassen Sie mich, oder wenn Sie durchaus in meiner Nähe geborgen sein wollen, so werde ich Ihnen gebieten, in jenem Spinngewebe in der Wandecke dort sich schlafen zu legen.« Sie wartete das Ende der Drohung nicht ab, sondern ließ sich wieder auf ihre Matte nieder und schluchzte leise. Die Nacht ging vorüber, und die Müdigkeit übermannte mich und verschaffte mir einige Augenblicke Schlaf. Ich erwachte erst als es Tag war, und man kann sich denken, wohin sich meine ersten Blicke richteten. Meine Augen suchten meinen Pagen.

Er saß, bis auf sein Wams angekleidet, auf einem kleinen Schemel und hatte seine Haare aufgelöst, die bis zur Erde herabhingen und in natürlichen, wallenden Locken ihm nicht nur Rücken und Schultern, sondern auch das Gesicht bedeckten. Er ordnete sein Haar mit seinen Fingern. Kein Kamm von schönerm Elfenbein irrte je durch einen dichteren Wald rotblonden Haares, dessen Feinheit seinen andern Vorzügen nichts nachgab. Da ein kleines Geräusch mein Erwachen angekündigt hatte, strich sie mit ihren Fingern die Locken weg, die ihr das Gesicht beschatteten. So tritt Aurora im Frühling mit ihrem Tau und ihren Düften aus der Dämmerung des Morgens hervor.

»Biondetta,« sagte ich, »in meiner Schublade finden Sie einen Kamm.« Sie nahm ihn, und alsbald hatte sie mittels eines Bandes, ebenso zierlich als geschickt, ihre Frisur wieder in Ordnung gebracht. Sie zog ihr Wams an und setzte sich schüchtern, verlegen und unruhig auf ihren Stuhl, so daß ich ihr mein Mitleid nicht versagen konnte.

Muß ich, sagte ich zu mir, im Laufe des Tages tausend solcher Bilder sehen, deren eines immer reizender ist als das andere, so werde ich gewiß nicht widerstehen können; ich will eine Entscheidung möglichst beschleunigen.

Ich rede sie an. »Es ist nun Tag, Biondetta, der Anstand ist gewahrt. Sie können nun mein Zimmer verlassen, ohne Besorgnis, lächerlich zu werden.«

Sie antwortete: »Ich habe jetzt diese Besorgnis nicht mehr. Aber eine andere, weit wichtigere für Sie und mich, erlaubt uns nicht, daß wir uns trennen.«

»Sie müssen sich näher erklären,« versetzte ich.

»Sogleich, Alvaro. Ihre Jugend, Ihre Unbesonnenheit lassen Sie nicht die Gefahren erblicken, die wir heraufbeschworen haben. Ihre heldenmütige Haltung beim Anblick der schauderhaftesten Erscheinung in den Ruinen hat meine Neigung gefesselt. Ja, sagte ich zu mir selbst, um das Glück zu erlangen, mich mit einem Sterblichen zu vereinen, muß ich menschliche Gestalt annehmen, und zwar sogleich, denn dieser ist der meiner würdige Held. Mögen die verächtlichen Nebenbuhler, die ich ihm aufopfere, sich immerhin darob entrüsten; mag ich mich auch ihrem Groll und ihrer Rache aussetzen: was kümmerts mich? Von Alvaro geliebt, mit Alvaro vereint, werden sie und die Natur uns unterworfen sein. Sie selbst wissen, was dann geschah; und dies sind die Folgen. Neid, Eifersucht, Verachtung und Wut bereiten mir die grausamste Züchtigung, der nur ein Wesen meiner Art, das sich aus freier Wahl seiner Würde entäußert hat, preisgegeben werden kann. Sie allein vermögen mich dagegen zu beschützen. Kaum tagt es, und schon sind die Ankläger unterwegs, um Sie als Schwarzkünstler bei dem Gericht, das Sie kennen, anzugeben. In einer Stunde ...«

»Halt ein!« rief ich, indem ich die geballten Fäuste auf meine Augen preßte. »Du bist der hinterlistigste Betrüger! Du sprichst von Liebe, du bist ihr Ebenbild, und du vergiftest den Gedanken an sie; ich verbiete dir, noch ein Wort davon zu sprechen. Laß mich ruhig werden, einen Entschluß zu fassen. Muß ich in die Hände des Gerichtes fallen, so schwanke ich zwar keinen Augenblick in der Wahl zwischen dir und ihm; aber wenn du mir beistehst, mir von hier forthilfst, wozu muß ich mich dir dann verpflichten? Kann ich mich von dir trennen, wann ich will? Ich beschwöre dich, mir klar und deutlich zu antworten!« »Um sich von mir zu trennen, Alvaro, brauchen Sie nur zu wollen. Es ist mir schmerzlich, daß meine Unterwerfung erzwungen ist. Verkennen Sie aber künftig meinen Eifer, so sind Sie unklug, undankbar ...«

»Ich glaube nichts sonst, als daß ich fort von hier muß. Ich will meinen Kammerdiener wecken. Er soll mir Geld beschaffen und Postpferde bestellen. Ich werde mich in Venedig an Bentonelli, den Bankier meiner Mutter, wenden ...«

»Sie brauchen Geld? Glücklicherweise habe ich mich damit vorgesehen: es steht Ihnen zu Diensten ...«

»Behalten Sie es. Sind Sie ein Weib, so würde ich mich erniedrigen, wenn ich es annähme.«

»Ich biete es Ihnen nicht als Geschenk, sondern als Darlehen an. Geben Sie mir eine Anweisung auf den Bankier. Lassen Sie auf Ihrem Tisch an Carlo den Befehl zurück, Ihre Schulden zu bezahlen. Entschuldigen Sie sich brieflich bei Ihrem Kommandanten, daß ein wichtiges Geschäft Sie zwinge, sich ohne Urlaub zu entfernen. Ich werde Ihnen Wagen und Pferde besorgen. Aber, Alvaro, da ich mich notwendigerweise von Ihnen entfernen muß, überkommt mich wieder alle meine Furcht. Sagen Sie zuvor: Geist, der du nur um meinetwillen und für mich allein einen Körper angenommen hast, ich nehme deine Unterwerfung an und verspreche dir meinen Schutz.«

Während sie mir diese Formel vorsagte, hatte sie sich mir zu Füßen geworfen und meine Hand erfaßt, die sie drückte und mit ihren Tränen benetzte.

Ich war außer mir und wußte nicht, was ich beginnen sollte. Ich ließ ihr meine Hand, die sie küßte, und stammelte die Worte her, die ihr so wichtig schienen. Kaum ist es geschehen, so steht sie auf. »Ich bin dein,« rief sie mit Entzücken, »und kann das glücklichste aller Geschöpfe werden! Im Augenblick hüllt sie sich in einen langen Mantel, drückt sich einen großen Hut über die Augen und verläßt mein Zimmer.

Ich war wie betäubt. Ich schrieb meine Schulden auf, gab Carlo schriftlich den Auftrag, sie zu bezahlen, zählte das nötige Geld ab und schrieb an den Kommandanten und an einen meiner vertrautesten Freunde Briefe, die sie sehr seltsam finden mußten. Schon hörte ich den Wagen und die Peitsche des Postillons vor dem Tore.

Biondetta, das Gesicht noch immer in ihren Mantel gehüllt, kommt wieder und zieht mich mit sich fort. Carlo wird von dem Lärm geweckt und erscheint im Hemd. »Auf meinem Tische«, sage ich zu ihm, »findest du meine Befehle!« Ich warf mich in den Wagen und fuhr ab.

Biondetta war mit mir eingestiegen und hatte mir gegenüber Platz genommen. Als wir zur Stadt hinaus waren, nahm sie den Hut ab, der ihr Gesicht beschattete. Ihre Haare waren in ein karmoisinrotes Netz geschlossen; man sah nur die Enden, wie Perlen hinter Korallenzweigen. Ihr Gesicht trug keinen andern Schmuck als seine natürlichen Reize. Ihre Haut war wie durchscheinend. Man konnte nicht begreifen, wie Sanftmut, Aufrichtigkeit und Naivität sich mit der Arglist vertrügen, die aus ihren Blicken hervorstach. Ich ertappte mich über diesen unwillkürlich Betrachtungen, und da ich sie als gefährlich für meine Ruhe hielt, schloß ich die Augen und bemühte mich zu schlafen.

Mein Versuch blieb nicht vergeblich. Schlummer umfing meine Sinne und schenkte mir die angenehmsten Träume, geschaffen, meine Seele nach den entsetzlichen und abenteuerlichen Gedanken wieder zu erquicken. Dieser Schlaf währte überaus lange, und als meine Mutter in der Folgezeit einmal über meine Erlebnisse nachsann, erklärte sie ihn für eine übernatürliche Erscheinung. Als ich mich endlich wieder ermunterte, befand ich mich am Ufer des Kanals, auf dem man nach Venedig gelangt.

Es war schon tief in der Nacht; ich fühlte, daß mich jemand am Ärmel zupfte. Es war ein Lastträger, der meine Sachen tragen wollte; aber ich hatte nicht einmal eine Nachtmütze.

Biondetta stand auf der andern Seite des Wagens, um mir zu sagen, daß das Fahrzeug, das mich aufnehmen sollte, bereit sei. Ich steige mechanisch aus, trete in die Felucke und falle in meine Schlafsucht zurück. Was soll ich sagen? Am andern Morgen befand ich mich auf dem Markusplatz im schönsten Zimmer des vornehmsten Gasthauses von Venedig. Ich erkannte es von früher her auf der Stelle wieder. Ich sehe weiße Wäsche und einen kostbaren Schlafrock auf meinem Bette liegen. Ich vermutete, dies könne eine Aufmerksamkeit des Wirtes sein, bei dem ich so von allem entblößt angekommen war.

Ich stehe auf und blicke mich um, ob ich das einzige lebende Wesen im Zimmer bin. Ich suchte Biondetta. Ich schämte mich dieser ersten Regung und dankte meinem Schicksal. Dieser Geist und ich sind also nicht unzertrennlich. Ich bin ihn los und darf mich sehr glücklich schätzen, wenn ich durch meine Unbesonnenheit nicht mehr als meine Offiziersstelle verliere. Mut, Alvaro! Es gibt noch andere Höfe, andere Herrscher als in Neapel. Dies Abenteuer wird dich bessern, wenn du nicht unverbesserlich bist, und du wirst dich in Zukunft klüger zu benehmen wissen. Weist man deine Dienste von sich, so warten deiner eine zärtliche Mutter, Estremadura und ein reiches väterliches Erbteil. Aber was wollte dieser Teufelsgeist von dir, der dich seit vierundzwanzig Stunden nicht verlassen hat? Er hatte eine verführerische Gestalt angenommen. Er hat dir Geld gegeben, das mußt du ihm zurückerstatten.

Ich sprach noch so zu mir selbst, da sehe ich meinen Gläubiger eintreten; er führte mir zwei Bediente und zwei Gondeliere zu. Sie müssen Bedienung haben, sagte er, bis Carlo eintrifft. Man bürgt mir im Gasthause für die Brauchbarkeit und Treue dieser Leute hier, und dieses sind die kühnsten Burschen der Republik.

»Ich billige deine Wahl, Biondetta,« sagte ich, »hast du dich hier einquartiert?«

»Ich habe,« antwortete der Page mit niedergeschlagenen Augen, »in dem Stockwerke Ihrer Exzellenz das entlegenste Zimmer eingenommen, um Ihnen so wenig als möglich beschwerlich zu fallen.«

Ich erkannte Schonung und Zartgefühl in dieser Aufmerksamkeit, zwischen ihr und mir einen Abstand zu wahren, und wußte ihr Dank dafür.

Keinesfalls, dachte ich, kann ich ihr doch den Luftraum verbieten, wenn es ihr gefallen sollte, sich unsichtbar in meiner Nähe zu halten, um mich so zu besitzen. Ist sie aber in einem bestimmten Zimmer, so läßt sich die Entfernung von ihr abmessen. – Durch diese Erwägung befriedigt, gab ich meine Einwilligung zu allem.

Ich wollte den Bankier meiner Mutter aufsuchen. Biondetta half mir bei der Toilette, und sobald ich damit fertig war, begab ich mich an besagten Ort und Stelle. Der Kaufherr empfing mich auf eine Art und Weise, die mich staunen machte. Er kam mir schon von weitem auf das freundlichste entgegen und sagte: »Don Alvaro, ich vermutete Sie nicht hier. Sie kommen eben recht, um einen dummen Streich zu verhindern. Ich wollte Ihnen soeben zwei Briefe und Geld übersenden.«

»Meinen Zuschuß?« fragte ich.

»Ja,« war die Antwort, »und noch etwas mehr. Es sind weitere zweihundert Zechinen diesen Morgen für Sie eingetroffen. Ein alter Herr, dem ich eine Quittung darüber ausstellte, überbrachte sie mir im Auftrag der Donna Mencia. Sie hielt Sie für krank, weil sie seit längerem keine Nachricht von Ihnen empfangen, und hat einen Ihrer spanischen Bekannten gebeten, mir das Geld zuzustellen, damit ich es Ihnen überweisen könne.«

»Hat er Ihnen seinen Namen genannt?«

»Ich habe ihm die Quittung auf seinen Namen ausgestellt; er heißt Don Miguel Pimientos und will Escudero in Ihrem Hause gewesen sein. Da ich von Ihrer Ankunft in Venedig nichts wußte, habe ich ihn nach seiner Wohnung nicht gefragt.«

Ich nahm das Geld und öffnete die Briefe. Meine Mutter klagte über ihre Gesundheit und über meine Nachlässigkeit, erwähnte aber die Zechinen, die sie sandte, nicht; ich war ihr für ihre Güte um so dankbarer.

Da mein Beutel so zu gelegener Zeit gefüllt war, kehrte ich vergnügt in mein Gasthaus zurück. Ich hatte Mühe, Biondetta in dem sogenannten Zimmer, wo sie Wohnung genommen, zu finden. Man gelangte durch einen schmalen finsteren Gang, der von meiner Türe ziemlich entfernt war, dorthin. Durch Zufall geriet ich hinein und sah sie gebückt an einem Fenster stehen, sehr geschäftig, die Trümmer eines Klavizimbels wieder zusammenzuflicken.

»Ich habe Geld,« sagte ich, »und bringe dir zurück, was du mir geliehen hast.«

Sie ward rot, wie immer, bevor sie sprach, suchte meinen Schuldschein und gab ihn mir wieder. Sie steckte die Summe ein und sagte, ich sei allzu pünktlich und sie habe gehofft, längere Zeit das Vergnügen zu haben, in mir ihren Schuldner zu sehen.

»Aber ich bin dir noch mehr schuldig,« sagte ich, »du hast auch die Post bezahlt.« Sie hatte die Rechnung auf dem Tische liegen und ich bezahlte sie. Ich ging scheinbar sehr kühl von ihr. Sie fragte, ob ich noch etwas befehle. Ich sagte Nein und sie ging ruhig wieder an ihre Arbeit. Sie hatte mir den Rücken zugewandt, und ich beobachtete sie eine Zeitlang; sie schien sehr emsig und war ebenso geschickt als eifrig in ihrer Beschäftigung.

Ich versank auf meinem Zimmer wieder in Nachdenken. »Das ist nun,« sagte ich mir, »ein Verwandter jenes Calderon, der Soberanos Pfeife anzündete, und, so vornehm er auch aussieht, doch von keiner besseren Familie. Wird er nicht zudringlich und mir beschwerlich, macht er keine Ansprüche, warum sollte ich ihn da nicht bei mir behalten? Er versichert mir überdies, daß es nur von meinem Willen abhänge, ihn fortzuschicken. Warum soll ich übereilig sein und dies schon jetzt tun, was ich jeden Tag und jeden Augenblick tun kann?« Ich wurde in meinen Betrachtungen durch die Meldung gestört, daß angerichtet sei.

Ich setzte mich zu Tisch. Biondetta stand in großer Livree hinter meinem Stuhl und ließ es sich angelegen sein, alle meine Wünsche zu erraten. Ich brauchte mich nicht umzuwenden, um sie zu sehen: drei Spiegel im Saale wiederholten alle ihre Bewegungen. Die Mahlzeit war vorüber, es wurde abgeräumt. Biondetta entfernte sich.

Der Wirt kam herauf, ein alter Bekannter von mir. Es war Karneval, meine Ankunft hatte also nichts Überraschendes. Er wünschte mir Glück zur scheinbaren Verbesserung meiner Vermögensumstände und erging sich in Lob über meinen Pagen, den er als den schönsten, verständigsten, getreuesten und sanftesten Jüngling, den er je gesehen, pries. Er fragte mich, ob ich an den Vergnügungen des Karnevals teilzunehmen gedächte; es war meine Absicht. Ich nahm eine Verkleidung und stieg in meine Gondel.

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