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Der Letzte vom »Admiral«

Franz Treller: Der Letzte vom »Admiral« - Kapitel 9
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typefiction
authorFranz Treller
titleDer Letzte vom »Admiral«
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
printrun49. Tausend
illustratorJan Blisch
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectidfc23d30c
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Der Waldmensch

Schon stand die Sonne am Himmel, als die beiden erwachten. Da nichts anderes übrig blieb, stillten sie ihren Hunger mit Kokosmilch und Zwieback. Henrik erklärte seine Absicht, die Insel zu umsegeln.

»Det würde ick nich tun«, meinte Fritz.

»Warum nicht?«

»Na, siehst de, jede richtige Insel hat doch ooch 'n Berg, da haben wir et doch billiger, wenn wir 'ne Kletterpartie ruff machen, wir können uns doch von da weiter in die Welt umsehn.«

Dieses letzte Argument leuchtete Henrik ein und er beschloß, den höchsten Punkt der Insel zu ersteigen, um Umschau zu halten.

»Und dann kannst du mit deiner Donnerbüchse ooch wat Eßbares schießen, denn mit die Kokosbrüh und den ollen Zwieback is det man mau.«

»Ei, ich habe ja noch die beiden Enten in der Ducht der Jolle. Fritze, wir wollen gleich Braten frühstücken. Mach Feuer an.«

Er lief nach dem Boot und kehrte gleich darauf mit der Jagdbeute zurück, die Papageien waren in der Not des Augenblicks achtlos weggeschleudert worden.

Sie brieten an dem hellbrennenden Feuer eine der Enten, so gut es gehen wollte, und sie mundete Henrik herrlich. Fritz aber, der überhaupt bleich und angegriffen aussah, gewann dem Frühstück wenig Geschmack ab.

Etwas Zwieback und den Rest der gebratenen Ente mitnehmend, gingen sie in den Wald hinein, nach dem höchsten Punkt der Insel suchend.

Nach einem beschwerlichen Aufstieg durch dichtverschlungenen Wald fanden sie ihn endlich in einer Felskuppe, welche einen Überblick über die ganze Insel und weithin über das Meer erlaubte.

Henrik führte noch sein altes Taschenteleskop bei sich und durchforschte nun eifrig den Horizont. Zuerst nach Westen, von wo der »Roland« ansegeln mußte. Doch nichts war zu gewahren. Henrik hatte auch nichts zu sehen erwartet, da der Wind immer noch aus Ost kam. Nach Norden hin aber glaubte er, Land zu erkennen, obgleich es sich nur wie ein dünner Nebelstreif zeigte. Die Insel, auf welcher sie gejagt hatten, war unter dem Horizont. Nachdem sie sich einige Zeit oben aufgehalten, stiegen sie wieder hinab, sich den Weg sorgfältig einprägend, um ihn leicht wieder finden zu können. Fritz klagte unterwegs über Schwere im Kopf, über Frost und legte sich matt danieder, als sie ihren Zufluchtsort wieder erreichten. Henrik holte ihm Kokosnüsse, die ihn auch erquickten.

Er sagte sich nun, daß noch Tage vergehen konnten, ehe der »Roland« zurückkam und der wenige Zwieback bald aufgebraucht sein würde, er also für Nahrungsmittel sorgen müsse; so beschloß er, da er außer den Kokosnüssen die Früchte von Baum und Strauch nicht kannte, zu jagen. Er war ein guter Schütze und verstand, den flüchtigen Bock wie die Bekassine zu treffen. Doch mit der Fauna dieser Gebiete war er nicht bekannt; Papageien, Kakadus hätten sich leicht schießen lassen, ob sie aber eßbar waren, wenn nicht Heißhunger das Gericht würzte, war eine zweite Frage. Außerdem mußte er sparsam mit der Munition umgehen. Ihm stiegen auch allerlei Erinnerungen aus den unzähligen Robinsons, welche die deutsche Literatur aufweist, empor; in diesen hatten die Schiffbrüchigen immer das Glück, das zu finden, was sie gerade brauchten, aber die Wirklichkeit mochte wohl nicht den phantastischen Gemälden der Verfasser der Robinsonaden entsprechen.

Der Tag wurde heiß, und Henrik zog sich, um sich vor der Sonnenglut zu schützen, in die Höhle zurück, in welcher Fritze fiebernd daniederlag. Er gab ihm wiederholt Wasser und deckte ihn mit den Segeln und trockenem Moos zu, um ihn in Schweiß zu bringen, mehr konnte er nicht für ihn tun. Er selbst aß Zwieback und trank Kokosmilch. Da nichts versäumt werden durfte, um die Annäherung des »Roland« zu gewahren, stieg er, als die Hitze nachgelassen hatte, noch einmal auf den Berg, um Umschau zu halten, doch zeigte sich dem Blick nichts, was einem Segel ähnlich war; seine Vermutung aber, daß sie nordwärts Land in Sicht hatten, wurde durch wiederholte Beobachtungen vermittelst des Glases zur Gewißheit. Zeitig vom Gipfel aufbrechend, um nicht von der Nacht im Wald überrascht zu werden, schoß er unterwegs auf ein durch die Büsche schlüpfendes, einem Stück Rehwild ähnliches Tier, welches auch im Feuer zusammenbrach. Als er es näher betrachtete, fand er, daß es ein seltsames Gemisch zwischen Hirsch und Wildschwein darstellte. Es trug die Spieße eines jungen Stückes Rotwild und führte im Gebiß starke Fangzähne. Ohne sich auf naturwissenschaftliche Untersuchungen einzulassen, und da er glaubte, daß es kein übles Stück Wildbret sein dürfte, nahm er es weidgerecht aus und warf es auf die Schultern, das Tier wog wohl dreißig Pfund. Dies hatte seinen Heimweg etwas verzögert und er kam an der Küste an, als die Sonne eben sinken wollte. Auf der Oberfläche der Bucht sah er etwas auf das Land zuschwimmen, und da er vermutete, es möchte eine Ente sein, genau vermochte er es der Waldesschatten wegen, welche auf dem Wasser lagen, nicht zu erkennen, so ließ er seine Beute, deren Verwendbarkeit für die Küche ihm nicht ganz zweifellos war, sinken, um die Ente zu schießen. Mit maßlosem Erstaunen sah er einen Tiger aus dem Wasser auf das Ufer steigen und sich die Nässe aus dem Fell schütteln. Das, was er für eine Ente gehalten, war der Kopf des Tieres gewesen. Auch wußte er nicht, daß die Tiger der Sundainseln oft große Strecken schwimmend zurücklegen. Das Tier war kaum dreißig Schritt von ihm entfernt. Der Tiger windete in geduckter Stellung und mußte wohl Witterung von ihm bekommen haben, denn er kauerte sich nieder und sog hastig die Luft ein. Henrik sah sich um.

Der einzig denkbare Zufluchtsort war die Höhle, aber da sie zu weit entfernt und der Weg dahin ohne Deckung war, mußte ihn die Bestie in zwei Sprüngen erreichen, wenn er dorthin fliehen wollte. Henrik war entschlossen, sich zu wehren, wenn das Tier ihn angreifen sollte. Dies schien der Fall zu sein, denn der Tiger wand sich auf dem Bauch den Bäumen, hinter welchen Henrik stand, näher. Der bedrohte Jüngling hatte zwei Schüsse in der Flinte, der rechte Lauf war mit Dunst geladen, der linke mit Hühnerschrot. Schwache Waffen gegen einen Tiger. Aber Henrik behielt kaltes Blut.

Das Tier war auf fünfzehn Schritt an ihn herangeschlichen und seine grünen Lichter glänzten in wilder Gier herüber. Töten kann ich ihn mit Dunst nicht, sagte sich Henrik, aber vielleicht blenden, und den zweiten Lauf feuere ich erst ab, wenn ich ihn dem Tier in den Nacken setzen kann. Wiederum kroch das Tier vorwärts – es legte sich zum Sprung nieder – kaum zwölf Schritt entfernt. Da hob der Jüngling langsam die Flinte, hielt fest auf die Mitte zwischen die beiden Lichter und gab Feuer.

Gleich einem aufspringenden Gummiball schnellte der Tiger unter furchtbarem Gebrüll hoch in die Luft und fiel fast auf derselben Stelle, von wo er aufgesprungen war, nieder, zitternd und sich wild die Flanken peitschend.

Atemlos stand Henrik da.

Von neuem brüllte der Tiger furchtbar auf und flog in wildem Sprung wohl zwanzig Fuß weit vor, aber nach einer andern Richtung als der, in welcher Henrik weilte. Dort stand er wieder gebeugten Kopfes und windete nach dem Wald hin.

Das benutzte Henrik, um nach der Höhle zu laufen. An seine Jagdbeute dachte er nicht. Noch war Glut vorhanden, er warf rasch von dem gesammelten Holzvorrat darauf, und da das Feuer, des Rauchabzugs wegen, nahe dem Eingang angelegt war, durfte er sich in einiger Sicherheit wähnen. Er glaubte zwar, aus dem Gebaren des Tigers schließen zu dürfen, daß sein Schuß ihm die Sehkraft zerstört habe, doch war er dessen nicht gewiß.

Die Nacht war mit der diesen Breiten eigenen Schnelligkeit hereingebrochen. Endlich floß Henriks Blut ruhiger durch die Adern und er hörte das Stöhnen Fritz Fischers zu seinem Ohr dringen. Von neuem erschütterte ein Wutgebrüll des Tigers die Luft, doch klang es aus weiterer Entfernung.

»Hamburger«, sagte der Schneider schwach, »wat is denn das? Det is ja wie in die Menagerie!«

»Ja, und ich bin zufrieden, wenn wir nicht noch nachträglich das Eintrittsgeld bezahlen müssen.«

»Na, mir ejal. Hamburger, komm een bisken bei mir.«

Henrik ging zu dem von heftigem Fieber durchschüttelten Gefährten.

»Ick jloobe«, sagte der Schneider mit schwachem Ton, öfter unterbrochen von Stöhnen und Zähneklappern – »ick jloobe, ick mache et nich lange mehr – mir is janz miserabel.«

»Da sei Gott vor, Fritze. Du hast dich stark erkältet, und das geht auch wieder vorüber.«

»Oder ooch nich. Na, Hamburger, mir is et nur um die alte Frau leid, weeste, sie hat et schwer, un ick hätte ihr jerne een bisken uff de Beene jeholfen.« Er machte eine Pause und fuhr dann fort: »Tu mir die eenzigste Liebe – wann mir der Sensemann abjeholt hat, un schreib een Brief an de Alte, Reezenjasse 17 in't zweete Hinterhaus – und schreib ihr – ick hätte ihr immer lieb jehabt und ick könnte nicht vor, daß ick hier so als Robinson uff eene wüste Insel abjeschrammt wär – ick hätt et nich besser machen können.«

Das Groteske, das in diesen Äußerungen des Berliners lag, verschwand durchaus vor dem Ton herzlicher Liebe zu seiner Mutter und der ruhigen Ergebung in sein Geschick. Henrik war auf das tiefste gerührt.

»Irüße ooch die Line, et is 'n Prachtmächen, spielt uffs Klavier Walzer un ›Lang, lang is et her‹, und jrüße den August und den Jule, un se sollen man von de Inseln wegbleiben und von de Menschenfresser – et kommt nischt bei raus, et jeht mir so im Kobb rum – et –«

Ein furchtbares Gebrüll des Tigers ließ sich von neuem hören.

»Hurra!« schrie Fritze, »Hurra! Vier Jroschen Entree –« Seine Gedanken verwirrten sich augenscheinlich, denn es folgten sinnlose Redewendungen oftmals von heiterm Lachen unterbrochen. Unaufhörlich beschäftigte sich der Kranke mit seiner Familie und den Erinnerungen an seine ärmliche und doch in dieser Erinnerung so freudevolle Vergangenheit. Hie und da ertönten noch von fernher zornige Laute des Tigers dazwischen.

Doch die Natur war stärker als die Schrecken draußen und die der nahen Umgebung, Henriks Augenlider sanken nieder – und bald lag er in tiefem Schlaf.

Als er erwachte, hörte er den im Delirium liegenden Fritze singen. Zu seinem tiefen Schrecken fand er, daß sein Zustand sich verschlimmert hatte. Er holte ihm Wasser und versuchte, ihm Kokosmilch einzuflößen, aber der bewußtlose Kranke verweigerte beides anzunehmen. Fritz war in einem Zustand, der Henrik das Schlimmste befürchten ließ. Er war in Verzweiflung, daß er kein Mittel besaß, ihm zu helfen. Es war noch ein Rest Zwieback vorhanden und Henrik kaute an einem der harten Stücke herum, es von Zeit zu Zeit mit Kokosmilch, die ihm übrigens schon herzlich widerstand, anfeuchtend. Dann fiel ihm seine Beute von gestern ein, welche unweit lag. Er spähte vorsichtig zur Felsöffnung hinaus, ohne etwas Verdächtiges zu gewahren; er nahm die Flinte und, sie schußfertig in der Hand tragend, ging er nach dem Baum, wo er das Tier fallen ließ. Er fand es unversehrt vor und trug es rasch zur Höhle zurück, fachte das Feuer an und briet ein Lendenstück, es noch halb roh verzehrend. Es schmeckte nicht übel. Unruhe trieb ihn dann, den Berg zu ersteigen, um nach dem ›Roland‹ auszuschauen. Er vermehrte das Holz auf dem Feuer, um Fritz, während er ihn allein lassen mußte, vor unliebsamen Besuchen wilder Tiere zu schützen, und schritt dann vorsichtig, die Flinte fertig zum Feuern, in den Wald hinauf. Er erreichte jetzt, da er den Weg kannte, den Gipfel in drei Viertelstunden. So aufmerksam er mit Augen und Glas den Horizont und das Meer absuchte, nichts, nichts gewahrte sein Blick. Niedergeschlagen stieg er langsam wieder hinab, doch des Tigers eingedenk, überall umherspähend. Ein Geräusch zu seiner Rechten machte ihn stutzen – er schaute hin – auf einer kleinen Waldblöße lag das Raubtier – heftig die Luft einziehend. Trotz des Schreckens, der ihn bei diesem Anblick überkam, gewahrte er doch, daß die Augen des Tieres blutig gefärbt waren. Der Schuß schien die beabsichtigte Wirkung voll getan zu haben.

Der Tiger schnellte in langem Sprung empor, um, an einem Baum anprallend, mit einem Wutgebrüll zurückzusinken. Das Tier war blind. Ehe Henrik noch einen Gedanken zu fassen vermochte, huschte eine dunkle seltsame Gestalt, einem riesigen Affen ähnlich, aus den Büschen, und ein mit einem keulenartigen Instrument geführter Schlag fiel so wuchtig auf des Tieres Schädel, daß die Knochen krachten. Die Bestie lag auf dem Rücken und streckte die im Todeskampf zitternden Pranken in die Luft. Ebenso rasch, wie der unbekannte Bundesgenosse aufgetaucht war, war er auch wieder im Wald verschwunden.

Staunend über das, was er gesehen, stand Henrik regungslos und starrte auf den Tiger. Das Tier hatte sich gestreckt und lag tot auf der Seite. »Was war das? Wer war das? Ein Mensch? Ein menschenähnlicher Affe?« Die Gestalt war so rasch an seinen Blicken vorübergezogen, daß er nur einen allgemeinen Eindruck von ihm bekam – aber soviel hatte sein Auge doch festgehalten, daß langes wirres Haar das Haupt dieses Wesens umgab und ein langer Bart davon herniederfiel. Seltsam, seltsam!

Er sah sich forschend nach allen Seiten um, brauchte auch sein Glas, nichts war zu erspähen. Er lauschte – nur die gewöhnlichen Stimmen des Waldes ließen sich vernehmen. Er fühlte starke Neigung, sich einer so seltenen Trophäe wie die des Tigerfelles zu bemächtigen, aber dieser dunkle Waldgeselle, der mit einem Schlag einem Tiger das Haupt zerschmetterte, kam ihm so unheimlich vor, daß er davon abstand. Rasch und nicht ohne Furcht, die gespenstische Gestalt wieder auftauchen zu sehen, eilte er hinab zu seinem Zufluchtsort.

Der arme Jüngling aus der »Reezenjasse« lag in heftigem Fieber. Schauerlich war es Henrik, wenn der Kranke seine Lieder sang. »Ich bin ein Preuße, kennt ihr meine Farben«, »Es zogen drei Burschen wohl über den Rhein« – brachte er mit heiserer Stimme hervor. In tiefer Niedergeschlagenheit ging Henrik an den Eingang der Höhle, nachdem er, so gut es anging, Fritzens Lager geordnet hatte, um sich dort niederzulassen. Zu seiner nicht geringen Überraschung lag unweit der tote Tiger. Er schaute sich um nach dem, der das gewaltige Tier hierhergeschleppt hatte – er sah niemand.

Der Tiger war ein Prachtexemplar, und da er ihn jetzt zweifellos als seine Beute betrachten durfte, zog er sein Matrosenmesser, um das Tier des Felles zu entkleiden. Er zog den Kadaver in den dichten Baumschatten und begann seine mühevolle Arbeit. Als er einmal aufschaute, sah er mit tiefem Schrecken unweit die seltsame unheimliche Gestalt aus dem Wald vor sich. Da saß ein Wesen – was war es – Tier oder Mensch? Es war ein Mensch – denn aus diesem braunen, schmutzigen Gesicht, umgeben von wildem, verworrenem Haar von unbestimmter Farbe, blickten zwei blaue Augen zu ihm her – das waren Menschenaugen, freundliche Menschenaugen. Ja, es war ein Mensch – da war kein Zweifel.

Der Wilde war nackend bis auf ein Fell, welches er um die Lenden gebunden trug. Die gebräunte Gestalt war auffallend mager – fest lag die Haut auf den Knochen, und Arme und Beine schienen nur Bündel von Muskeln und Sehnen zu sein – ihre Formen deuteten aber auf die Kraft hin, welche den Tiger niederstreckte. Nachdem Henrik sein schreckenvolles Staunen überwunden, fragte er die regungslos vor ihm hockende Gestalt, und zwar ohne daran zu denken, daß ihn diese vielleicht nicht verstehen werde, in seiner Muttersprache: »Hast du mir das Tier hierhergebracht?«

Der Mann schien dem Klang zu lauschen und saß noch horchend da, als die Laute längst verhallt waren. Trotz der braunen Hautfarbe des fremden Wesens schien es Henrik doch, als ob er einen Weißen vor sich habe.

Jetzt fiel ihm ein, daß der Mann wohl schwerlich Deutsch verstehen werde, und er wiederholte seine Frage Englisch.

Der Fremde schüttelte das Haupt, nicht als Antwort, sondern als ob er nicht verstanden habe, während seine hellen Augen fortwährend mit offenbarem Vergnügen auf Henriks jugendliches Gesicht gerichtet waren. Und wieder fragte Henrik in deutscher Sprache: »Bist du auf dieser Insel heimisch?«

Und wieder lauschte hiernach der Fremde, das Haupt neigend und wohlgefällig vor sich hinblickend, als ob Töne aus weiter Ferne angenehm sein Ohr umschmeichelten. Dann erhob er sich und schritt auf den jungen Mann zu, ganz nahe blieb er vor ihm stehen und blickte ihm ins Gesicht. Henrik konnte ein Gefühl der Furcht und des Widerwillens nicht bemeistern, als er des wunderlichen Wesens Antlitz so nahe vor sich sah, und doch versöhnten die guten, blauen Augen mit dem wenig erfreulichen Anblick.

Der fremde Mann – Henrik erkannte jetzt deutlich, daß er einen Europäer vor sich hatte, den die Tropensonne, Wind und Wetter gebräunt hatten – hob langsam die Hand und streichelte zärtlich des Jünglings Schulter, so wie man ein kleines Kind zu streicheln pflegt.

Plötzlich horchte er auf, Fritz sang wieder in seinen Fieberphantasien. Der Wilde, in dessen Augen etwas auf geistige Störung zu deuten schien, schlich geräuschlos wie ein Waldtier zur Höhle, schaute hinein und trat dann ein. Beim Lager des Kranken blieb er stehen. Henrik war ihm gefolgt und stand neben ihm. Zum Erstaunen des Jünglings faßte der Mann, dessen Gesicht und nackter Körper, wie sich bei näherer Betrachtung zeigte, manche Narbe aufwies, nach Fritzens Hand und fühlte nach dem Puls. Ebenso befühlte er seine Stirn. Hierauf ging er hinaus und lief mit einer unbeschreiblichen Schnelligkeit nach dem Wald, in welchem er verschwand. Ehe Henrik noch eine Erklärung dieses Gebarens finden konnte, kehrte jener schon wieder zurück, ein Bündel Pflanzen in der Hand und den Mund mit deren Blättern gefüllt, die er eifrig kaute. Er trat wieder zu dem Lager und schob, ehe Henrik es verhindern konnte, das, was er kaute, dem Berliner in den Mund.

Das Bündel Pflanzen, welches er in der Hand führte, legte er sorgfältig neben das Mooslager nieder. Der bewußtlose Schneider ließ sich das Tun des Mannes ruhig gefallen. Dieser ging wieder hinaus, trat an den Bach und betrachtete lange, und wie es schien nachdenklich, die dort liegende Jolle.

Dann sah er wieder Henrik an und stets lag, so oft er das tat, derselbe Schimmer von Freundlichkeit in seinem Auge, der den Jüngling mit seinem abschreckenden Äußern versöhnte. Er nahm hierauf seinen keulenartigen Stock auf und ging in den Wald.

»Was war das«, fragte sich Henrik, »ein verwilderter, zum Urzustand zurückgekehrter Mensch? Ein Wahnsinniger, der hier einem Tier gleich sein Leben fristet?« Trotzdem viel Güte in des Geschöpfes Tun ihm gegenüber lag, war es doch ein höchst unheimliches, widerwärtiges Wesen. Ein Laut war nicht über seine Lippen gekommen.

Henrik streifte dann den Tiger ab und trug das Fell zur Höhle, um es dort an der Sonne trocknen zu lassen, nachdem er es fest ausgespannt hatte. Nach Fritz sehend, fand er diesen ruhig schlummernd vor. Der Tag schlich hin und der Abend brachte durch den Umblick vom Berg keine Hoffnung auf baldige Erlösung von dieser Insel durch den »Roland«. Da ganz augenscheinlich durch die von dem wilden Mann gebrachten Kräuter der Zustand Fritzens gebessert worden war, zögerte Henrik nicht, ihm eine Anzahl von deren Blätter in den Mund zu stecken, die der Kranke mechanisch kaute.

Am andern Morgen fand Henrik vor der Höhle zwei erlegte hühnerartige Vögel, eine Anzahl Eier und ein Dutzend der Orange ähnliche Früchte vor, dazu, wiederum frisch gepflückt, Kraut von der Art, wie es gestern der Wilde geholt hatte. Diese Geschenke machten Henrik an und für sich Freude, er freute sich auch über die fürsorgende Gesinnung des Mannes, der sie gespendet.

Fritz befand sich entschieden viel wohler. Das Fieber hatte nachgelassen und ein leichter Schweiß perlte auf seiner Stirn; er schlief immer noch fest, atmete aber ruhig.

Henrik setzte die Kur mit den heilenden Kräutern fort.

Traurig kam er von seiner Umschau über das Meer zurück, nichts vom »Roland« war zu sehen.

Spät am Tag erschien der wilde Mann, kauerte sich in der Nähe Henriks nieder und blickte ihn unverwandt an.

»Dir, mein Freund, verdanken wir die uns so wertvollen Geschenke, du bist so gut mit uns armen, an diese Insel verschlagenen Menschen. Gott lohne es dir.«

Als der Fremde, der mit Wohlbehagen den Worten zu lauschen schien, schwieg, fuhr er fort: »Die Kräuter, die du gebracht hast, haben Wunder gewirkt, mein Freund befindet sich bereits viel wohler.«

Nach einiger Zeit ging der Wilde in die Höhle, betrachtete Fritze, befühlte seine Stirn und ließ dann rauhe Laute hören, welche wohl seine Befriedigung ausdrücken sollten.

Er schritt dann wieder hinaus, und zwar zu der Jolle, die er, wie gestern, lange nachdenklich betrachtete. Hiernach entfernte er sich. Drei Tage vergingen, nichts zeigte sich vom »Roland«. Aber jeden Morgen fand Henrik Wild und Früchte vor der Höhle, täglich erschien der verwilderte Mann, sah lange und freundlich Henrik an, lauschte mit unverkennbarem Wohlgefallen dessen Worten, betrachtete die Jolle und entfernte sich schweigend, wie er gekommen war. Dem Kranken war das Bewußtsein zurückgekehrt, er hatte Nahrung zu sich genommen und befand sich entschieden im Zustand der Genesung. Doch war er sehr schwach. »Wenn ick jetzt eene Tasse Mokka von Muttern hier hätte un eene Schrippe, denn wär ick janz zufrieden«, hatte er erklärt.

Auf seine Erkundigung, wie denn nu die »Aktien stünden«, hatte ihm Henrik mitteilen müssen, daß die Hoffnung auf das Erscheinen des »Roland« sich bis jetzt noch nicht verwirklicht habe.

»Det der nich wiederkommt, wußte ich ja, den wird et ooch wie den ›Goliath‹ jejangen sind. Ick sage dir, Hamburger, wir können hier unsere Jahre absitzen, det is immer so in alle Jeschichten.«

Henrik, den der Gedanke, daß der »Roland« untergegangen sein könne, sehr erschreckte, faßte sich endlich und erwiderte ihm, daß, wenn das Schiff in gemessener Zeit nicht erschiene, er nach Norden segeln wolle, wo sich Land zeige. Von dort würde es nicht schwierig sein, einen Hafen der Sundainseln zu erreichen. Sehr erstaunt war Fritze, als ihm Kunde von dem Erscheinen des sonderbaren Mannes ward, der auf der Insel heimisch zu sein schien.

Als der Genesende spät am Tag von einem Schlaf erwachte, fiel sein Auge auf die wilde, fremdartige Gestalt, welche unweit seines Lagers saß. Er rieb sich die Augen und starrte von neuem verwundert darauf hin.

»Na nu?« wandte er sich dann an Henrik. »Wat is denn det vorn Jebilde?«

Henrik sagte ihm, es sei ihr geheimnisvoller Freund.

»Na, so wat – ach Jotte doch, det is ooch 'n Menschenbruder? Na, der is aber scheene runterjekommen, von die zivilisierte Politur is nich mehr ville da.«

»Der Mann hat dir jedenfalls das Leben gerettet, Fritze.«

Der Schneider sah den Wilden hiernach freundlicher an und sagte: »Det war scheene von Ihnen, wertester, wilder Menschenbruder, un ick bedanke mir ooch bei Ihnen.«

Er streckte dem Mann trotz des Widerwillens, welches ihm sein Äußeres einflößte, die Hand hin, und dieser ergriff sie, schüttelte sie, und nickte mehrmals mit einem Ausdruck in den rauhen Zügen, der eine schwache Freude ausdrückte.

»Wat vorn Landsmann sin Sie denn?«

Wiederum nickte der Mann.

»Na, Hamburger, vor 't ville Reden scheint unser unfrisierter Freund mit de Pelzmantille um de Taille nich zu sind.«

»Er hat bis jetzt noch kein Wort gesprochen.«

»Also eener von de Stillen? Ooch jut. Von de Schneiderkunst scheint er nich ville zu halten, seinem Negligé nach zu schließen.«

Henrik freute sich, daß der Jüngling aus der Reezengasse seine gute Laune wieder gefunden hatte, und nickte ihm lächelnd zu.

»Ick, Verehrtester Herr«, fuhr Fritze fort, »bin Fritze Fischer, Berlin 0, Pantinenviertel; mit wem habe ick die Ehre?«

Der Fremde nickte freundlich wie vorher.

»Et scheint ein juter Mensch zu sind, aber 'n bißchen dusemang, un von richtige Bildung hat er keene Ahnung. Un du meenst wirklich, daß det een Mann aus unsre europäische Jegend is?«

»Europäischer Abkunft ist er jedenfalls. Sieh dir nur Haar und Bart an. Die ursprüngliche Farbe ist blond, Sonne und Regen haben beiden diese unbestimmte Farbe gegeben, und die Augen sind blau.«

»Mir erinnert er stark an den Orang-Utang in'n Zoo, obgleich ick den Mann nich beleidigen will.«

Nach einiger Zeit erhob sich der Wilde, streichelte, als er beim Verlassen der Höhle an ihm vorüberging, Henriks Schulter, wie er stets zu tun pflegte, wenn er sich verabschiedete.

Als er fort war, sagte Fritz wehmütig: »Du, Hamburger, ick jloobe, wenn wir een paar Jahre hier rumgeloofen sind, werden wir jerade so aussehen wie dieser verschwiegene Herr mit det Paradieskostüm. Jib acht, det is nu endlich der richtige Robinson.«

»Sei ruhig, Fritze, wir sind hier nicht auf einer einsam im Weltmeer liegenden Insel. Unweit von uns befinden sich dichtbevölkerte Gebiete, die wir, wenn wider Erwarten der ›Roland‹ nicht zurückkehren sollte, in unserer Jolle erreichen können.«

»Der liebe Jott mag et jeben, ick will lieber solche Jeschichten lesen, als sie selbst erleben.«

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