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Der Letzte vom »Admiral«

Franz Treller: Der Letzte vom »Admiral« - Kapitel 5
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typefiction
authorFranz Treller
titleDer Letzte vom »Admiral«
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
printrun49. Tausend
illustratorJan Blisch
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Die Wilden

Die Nacht verging durchaus ruhig, nichts Angewöhnliches wurde von der Wache bemerkt, so daß der Kapitän, als er am Morgen Meldung bekam, in seiner Ansicht, Findling sei durch irgend etwas getäuscht worden, nur bestärkt ward.

Die ganze Aufmerksamkeit der Besatzung war jetzt auf die Küste gerichtet, an der sich immer noch nichts Lebendes zeigte. Atura erbot sich eben, an Land zu gehen und die Besitzer der Kopra aufzusuchen, die nach Art dieser Insulaner stets von der Küste entfernt wohnten, als endlich ein Kanu mit zwei Insassen auf dem Wasser erschien und auf das Schiff zuruderte. Bald lag es längsseit des »Roland«. Die beiden Insulaner, ältere Männer, welche in dem kleinen Boot erschienen, waren bis auf einen Lendenschurz unbekleidet; Gesicht, Brust, Arme, Beine hatten sie stark tätowiert.

Atura eröffnete mit ihnen von der Bordwand aus eine Unterhaltung und teilte dann, die Äußerungen der Leute übertragend, dem Kapitän mit, daß die von den Eingeborenen angesammelte Kopra in einer Bucht weiter südlich aufgehäuft sei, und daß der »Roland« dorthin segeln müsse, um sie aufzunehmen.

»Meinetwegen, wenn sie nur recht viel von dem Zeug haben. Laß mal die beiden Burschen an Bord kommen.«

Als ihnen dies verdeutlicht war, kletterten die Wilden gewandt an Deck.

Es waren hochgewachsene muskulöse Männer, deren starkes dunkles Haar kunstvoll in einzelnen Büscheln nach oben stand, was ihnen ein besonders wildes Aussehen verlieh. In Nase, Unterlippe und Ohrläppchen, welche zu diesem Zweck durchbohrt waren, trugen sie Stücke Perlmutter oder weiße Muscheln. Dazu Stirnbänder aus Zypriamuscheln. Der Gesichtsausdruck des ältern der beiden deutete auf Stumpfsinn, während der andere intelligenter aussah.

Der Kapitän musterte sie mit scharfen Blicken und ließ ihnen dann durch Atura vorhalten, daß sie versucht hätten, in der Nacht das Deck zu besteigen, um zu stehlen.

Nicht eine Miene veränderte sich hierbei in den Gesichtern der Leute. Endlich meinte der eine, dessen Züge einigen Verstand verrieten, es schlichen böse Menschen von den benachbarten Inseln bei ihnen herum, welche nach Köpfen ausgingen, vielleicht seien es solche gewesen, welche an Bord kommen wollten.

Da der Kapitän wußte, daß die Bewohner dieser Inseln sich mordlustig untereinander bekriegten, da er ferner auf keinen Fall sein Handelsgeschäft beeinträchtigen wollte, gab er sich mit dieser Erklärung zufrieden.

Da diese Leute auch versicherten, daß der Ort, wo die Kopra lag, in einigen Stunden zu erreichen sei, hißte man ihr Kanu, in welchem sich ihre Waffen, Speere und Bogen befanden, an Deck, lichtete den Anker, und bald darauf steuerte der »Roland« nach Süden die Küste entlang. Findling, der kein Freund von ihm unbekannten Strömungen und noch weniger von Riffen war, hatte einen Jungmann mit scharfen Augen in den Vortopp geschickt, um nach weißem Wasser auszusehen. Der Wind blies leicht aus Ost.

Die beiden Insulaner hatten sich an Deck niedergekauert und rauchten aus ihren selbstgefertigten Pfeifen. Sie nahmen Fritz Fischers ganzes Interesse in Anspruch.

»Nee, so 'ne braune Menschenkinder mit jar nischt an als eene Halsbinde, da is doch det Ende von weg. Ick habe in't Panoptikum un in Zoologischen ooch schon wat von Affenabstammung jesehen, aber die hatten doch alle wat an, un wenn't man een boomwollenes Hemd war. Du, Schiffsjunge«, wandte er sich dann vertraulich an Henrik, zu dessen größtem Vergnügen, »wat sin denn det vor Menschen?«

»Oh, dat sin Menschenfreters.«

»Wat sin se?« schrie der Schneider.

»Ich sage es dir ja.«

»An solche Menschen laßt ihr hier an Bord kommen? Det kann ja det jrößte Unjlück jeben, wenn die Hunger kriegen.«

»Die werden immer nur an Bord gelassen, wenn sie schon gespeist haben.«

Zweifelnd sah Fritze bald die in stoischer Ruhe rauchenden Insulaner, dann wieder Henrik an.

»Hamburger, ick jloobe, du willst dir über mir lustig machen.«

»Wenn du nicht zu belehren bist, dann is dir nicht tau helpen.«

Der ältere der beiden Insulaner starrte Fritze aus seinen ausdruckslosen Augen an und sagte dann etwas zu seinem Gefährten.

»Verstehst du, was er sagt?«

»Er sagt, du gefielst ihm außerordentlich und müßtest gebraten vorzüglich schmecken.«

»So? Na, bei mir is det Jejenteil der Fall, der Bursche sieht aus wie eene Holzfijur, die bei't Schnitzen verunglückt is. Dem werd ick aber noch den Appetit nach mir verderben«, fuhr Fritz erbost auf, »det is ne Frechheit von so nem Menschen, so wat zu sagen.«

»Oh, das ist ein Kompliment für dich.«

»Ick danke vor so Komplimente, da läuft et einem ja über die Haut bei. Aber«, setzte er mißtrauisch hinzu, »verstehst du denn ooch wirklich wat von die kauderwelsche Froschsprache?«

»Natürlich, alle diese polynesischen und mikronesischen Sprachen werden auf dem Realgymnasium zu Hamburg gelehrt.«

»Det ooch noch? Ick bedaure dir, Hamburger.« Trotz seiner Entrüstung über die dem Insulaner zugeschriebenen Gelüste auf seine Person nahm er doch Interesse genug an den Wilden, um weiterzufragen: »Weeßt du, wie die Burschen heeßen?«

»Da, der ältere, der mit dem geistreichen Gesicht, heißt Moppelano, und der andere Cosifantutte.«

Wieder warf ihm Fritz Fischer einen forschenden Blick zu, aber Henrik sah so ernst aus, als ob nie ein Scherzwort über seine Lippen gekommen sei.

»Det is komisch«, sagte er dann. »Na, für't Panoptikum sin die Bengels reif. Nee, wat für 'ne Sorte Menschen uff der Welt rumläuft, et is nich zu sagen.«

Er machte vorsichtig einen Bogen um die Insulaner und begab sich nach dem Vorderdeck. Henrik sah ihm vergnügt nach.

Der »Roland«, der etwa eine Meile von der Küste abgetreten war, machte fünf Knoten Fahrt und kam gut vorwärts.

Als sie nach zwei Stunden eine kleine Landzunge umsegelten, schrie der Matrose im Topp: »Deck ho!«

»Was gibt's?« fragte Findling und sprang nach dem Vorderkastell.

»Weißes Wasser vor uns.«

»Wie weit?«

»Zwei bis drei Meilen.«

Der Steuermann stieg eilig nach oben, und selbst dem unbewaffneten Auge zeigten sich Brandungswellen in großer Ausdehnung in einer Entfernung, die der Schätzung des Marsgastes wohl entsprach.

An Backbord zeigte sich eine tiefe geräumige Bucht mit flachen bewaldeten Ufern. Die Insulaner erhoben sich und deuteten dem Dolmetscher an, dies sei der Ort, wo die Kopra lagere, wiesen auch nach einer bestimmten Stelle des Ufers.

Als der Mann aus Neuhannover dem Kapitän ankündigte, daß hier der Landungsplatz sei, ließ er umlegen und hielt auf die Küste zu, mitten in die Bucht hinein, doch mit gekürzten Segeln. Trotzdem die Insulaner auf Anfrage versicherten, das Wasser sei tief bis an die Küste, ließ der Kapitän doch die Jolle aussetzen und loten. Die Angabe der Wilden bestätigte sich, auch bot sich geeigneter Ankergrund.

Einige hundert Faden vom Ufer wurde dann der »Roland« festgelegt. Hütten der Eingeborenen zeigten sich auch hier nicht, doch lagen eine Anzahl Kähne vor den Augen der Schiffer und, was den Kapitän sehr erfreute, auch Kopra, aufgeschichtet in umfangreichen Haufen.

Etwa zwanzig nackte Wilde standen am Ufer.

Den beiden Insulanern wurde jetzt bedeutet, daß der Handel beginnen könne, doch dürften nie mehr als drei Kähne zugleich am Schiff anlegen, und zwar nur Backbord, wer über Steuerbord käme, würde einfach niedergeschossen.

Der Kapitän und die Mannschaft nahmen die Revolver und stellten die Gewehre dahin, wo sie leicht zu erreichen waren.

Aus dem Raum wurden die Waren hervorgeholt, welche als Tauschmittel dienen sollten: Beile, Äxte, große rote und blaue Glasperlen, farbige und weiße Stickperlen, Armringe aus Porzellan, Tabak, Pfeifen, rotes Zeug, bedruckte Kattune, Streichhölzer, Hobeleisen, Spiegel, Mundtrommeln, Nägel, Hämmer und anderes. Alles dies wurde auf Deck ausgestellt. Die Augen der beiden wilden Insulaner funkelten in heißer Gier, als sie diese Schätze vor sich sahen.

Findling, welcher nach dem versuchten nächtlichen Überfall sehr mißtrauisch geworden war, schärfte den Matrosen die größte Wachsamkeit ein.

Mit großem Erstaunen sah Fritz Fischer diese Vorbereitungen zu einem Tauschgeschäft, welches, wie es schien, nur unter dem Schutz der Feuerwaffen vor sich gehen konnte.

»Det is ja 'n netter Jahrmarkt hier, mit die Pistole in die Hand«, äußerte er gegen Henrik, »is denn det immer so in diese Jejend?«

»Es geschieht dies nur, damit nicht einer von uns weggeschleppt und verzehrt wird.«

»Na, denn bitte ick mir aber ooch so 'ne olle Drehpistole aus, ick werde mir doch nich von so Leute zu det Vesperbrot braten lassen. Det könnte mir noch jerade fehlen.«

»Die Pistole könnte dir in der Tasche losgehen, Schneider; dat sin höll'sche Dinger.«

»Na, egal, mit oder ohne so'n paar Knallbonbons, ick lasse mir nich an die Wimpern klimpern. Det sollte man bloß eener riskieren!«

Damit zog sich Fritz Fischer, fest entschlossen, sich nicht ohne weiteres verzehren zu lassen, vorsichtig hinter einige stämmige Matrosen zurück.

Nun begann alsbald unter Vermittlung Aturas ein eifriger Handel mit den Eingeborenen, die, wie vorausbestimmt war, nur von einer Seite und in geringer Zahl an Bord gelassen wurden.

Die über den Wert der Gegenstände, welche sie für ihre getrockneten Kokosnüsse eintauschen wollten, durchaus ununterrichteten Wilden gaben für Kleinigkeiten ihre wertvolle Ware hin, obgleich dabei heftig gefeilscht wurde.

In zahlreichen Kanus wurde die in Körben aufgehäufte Kopra an das Schiff gebracht und durch einen Teil der Mannschaft aufgehißt und unter Deck verstaut, während der andere Teil der Matrosen, die Waffen stets zur Hand, den Vorgang bewachte. Die beiden früher an Bord gekommenen Insulaner saßen ruhig wie bisher da, ohne sich an dem Geschäft zu beteiligen. Da sie vermutlich Oberhäupter waren, schenkte der Kapitän jedem ein großes Einschlagmesser, was selbst den stumpfsinnigen Gesichtsausdruck des ältern für einen Augenblick in ein Lächeln der Befriedigung verwandelte.

Die Arbeit dauerte bis spät am Nachmittag, und die Handelsgeschäfte schienen zur Befriedigung beider Teile erledigt zu sein, sicher zu der des Kapitäns, welcher an zehn Tonnen Kopra für einen äußerst geringen Preis eingehandelt hatte; für eine Tonne, welche in Hamburg einen Wert von achthundert bis neunhundert Mark repräsentierte, war von ihm vielleicht fünfzehn bis zwanzig Mark an Wert gezahlt worden.

Die Insulaner in den Kanus gingen zurück an Land, und die Mannschaft des »Roland« stärkte sich nach harter Arbeit an Speise und Trank.

Zu seiner freudigen Überraschung wurde dem Kapitän von den noch an Bord gebliebenen beiden Häuptlingen durch Vermittlung Aturas die Mitteilung gemacht, daß am andern Tag noch mehr Kopra zur Stelle sein würde. Dies änderte seine Absicht, noch vor Dunkelwerden in See zu gehen, und er beschloß, an seinem Ankerplatz zu bleiben. Den Vorschlag des Obersteuermanns, wenigstens die Bucht zu verlassen, um weiter draußen zu ankern oder unter gekürztem Tuch zu kreuzen, der mit der Gefahr eines möglichen nächtlichen Überfalls motiviert wurde, lehnte der Kapitän ab, da von den Wilden, welche eine so starke Mannschaft und so zahlreiche Gewehre gesehen hätten, nichts zu befürchten sei. Die beiden Eingeborenen schickten sich an, sich für die Nacht häuslich an Deck niederzulassen. Dies wollte aber der Kapitän denn doch nicht zugeben. Er ließ ihr Kanu aufs Wasser setzen und ihnen bedeuten, sie sollten sich beeilen, zu ihren heimischen Wäldern zurückzukehren. Stumpfsinnig gehorchten die beiden und ruderten der Küste zu. Die auf der Fahrt üblichen Wachen wurden auch diese Nacht beibehalten.

Kapitän Jansen, sehr zufrieden mit seinem Geschäft, zog sich in seine Kajüte zurück, um sich an einer Flasche Wein zu laben.

Ruhig verlief die erste Wache. Die Nacht war dunkel, aber ein milder Lufthauch zog über Meer und Land. Auf Befehl des Kapitäns, der nur kurze Zeit in der Bucht zu weilen gedachte, war, um den Leuten Arbeit zu ersparen, nicht wie gestern die schwere Ankerkette ausgelassen worden. Der Buganker war an einem starken Kabel niedergegangen.

Als um Mitternacht die Mittelwache antrat, zog sich der Obersteuermann in seine Kajüte zurück und Henrik ging nach seiner Koje.

Der Steuermann hatte sich die Wache über still und schweigsam verhalten und war nicht auf seine gestrigen vertrauensvollen Mitteilungen, welche dem jungen Matrosen so innige Teilnahme abgenötigt hatten, zurückgekommen. Selbstverständlich wagte Henrik nicht, das Thema zu berühren. Erwähnt hatte Findling nur, daß in der Bucht eine Strömung vorhanden sei, die aber bei dem guten Ankergrund die Sicherheit des »Roland« nicht beeinträchtigen könne. Freilich sei bei einem etwa ausbrechenden Weststurm Gefahr vorhanden, an die Küste geschleudert zu werden. Auch die Nähe des weitausgedehnten Riffs, welches man freilich von der Bucht aus nicht gewahren konnte, flößte ihm Unbehagen ein.

Dennoch war die Nacht so ruhig, die hohen Berge der Insel bildeten eine so sichere Lee gegen alle Windströmungen von Ost und Nordost, die hier um diese Jahreszeit vorherrschen, daß Findling sich frei von jeder Besorgnis zur Ruhe begeben hatte und bald in einem tiefen Schlaf lag.

Henrik schlief, wie man eben mit achtzehn Jahren schläft, wenn man einen Tag voll Arbeit in frischer Seeluft hinter sich hat.

Zwei Stunden mochten so vergangen sein, als er sich heftig gerüttelt fühlte; die Augen öffnend erblickte er bei dem schwachen Licht der von der Decke herabhängenden Öllampe Fritz Fischer vor sich.

»Komm gleich, Hamburger, komm an Deck, et is nich allens richtig da draußen.«

Im Nu war der so aufgescheuchte Henrik aus der Koje und fuhr, da er nach Matrosenart fast ganz angekleidet schlief, sofort in seine Stiefel. »Was gibt's?«

»Komm nur, et ist etwas nich janz richtig und oben schläft allens.«

Hastig ging Henrik hinauf. Fritze verschwieg, daß sein nach unfreiwilligen Fasttagen noch sehr unregelmäßiger Appetit ihn an Deck geführt hatte, um sich in der Kombüse nach einem »Häppken« umzuschauen. Als Henrik das Deck betrat, erkannte er sofort, daß das Schiff losgetrieben war. Ohne die schlafende Wache zu beachten, sprang er nach hinten, schlug mit der Faust an Findlings Kajüte, schreiend: »App, Stürmann, wi sin affdrewen.«

Augenblicklich hörte man den Steuermann sich regen und seine Stimme »Glik, Jonge!« antworten.

Der »Roland« schaukelte auf langen Wellen und ein unheimliches Geräusch war zu vernehmen. In kürzester Zeit betrat Findling das Deck. Einen Blick warf er nach Himmel und Wasser – das Schwanken des Decks sagte ihm, daß sie außerhalb der Bucht seien – sein Ohr faßte das eigentümliche Rauschen. »Donnerkiel, dat Riff!« entrang es sich seiner Brust. »Wache auf! Hinunter mit dem Buganker! Alle Hände an Deck! Weckt den Kapitän!«

Schlaftrunken sprangen die Leute der Mittelwache auf und stürzten nach vorn, wo der eine Buganker, den Findling so fürsorglich klargehalten hatte, noch draußen hing. Das Schiff trieb, Spiegel voran, in einer scharfen Strömung.

Schon eilten auch, durch das Aufstoßen von Handspeichen auf das Deck geweckt, die Matrosen herauf, welche zur Back gegangen waren. Marholm, der sehr niedergedonnert war, daß man ihn schlafend getroffen hatte, war nach vorn geeilt.

Jetzt kam eilends der Kapitän heraus.

»Was gibt's? Was gibt's?«

»Das Schiff treibt auf das Riff zu.«

Den Kapitän faßte Entsetzen; er vernahm jetzt auch das Rauschen der Brandung und war keines Wortes mächtig.

Der Anker ging nieder, die Kette rollte mit unheimlich klirrendem Geräusch durch die Klüse.

Alle an Deck standen lautlos in der schweigenden Nacht da, das Brechen der Wellen an den scharfen Felskanten sagte ihnen zu deutlich, daß naher Untergang sie bedrohe. Die ganze Kette, hundert Faden, rollte ab, der Anker kirrte nicht. Der schwache Luftzug war östlich.

»Der Anker faßt nicht Grund, Herr Kapitän; soll ich Segel setzen lassen, um nach West abzukommen?«

Kapitän Jansen, sonst ein mutiger und besonnener Schiffsführer, war von dem Unerwarteten so erschüttert, daß er nur sagte: »Lassen Sie Segel setzen!«

Näher klang das unheimliche Rauschen der Brandungswellen. Aber nie zeigt sich der Seemann größer als in der Ruhe, mit der er den todbringenden Gefahren des Meeres zu begegnen weiß.

»Alle Hände zum Segelsetzen!« dröhnte Findlings Stimme über Deck.

Die Leute, eine auserlesene Schar, von der jeder selbst bei dunkelster Nacht jedes Tau fand, standen schon an den Wanten und Brassen.

»Los das Großsegel, den Klüver, die Besangaffel! Steuer hart backbord! Luvbrassen bemannt!« Die Leute wußten, es ging ums Leben, und die Leinwand kam mit großer Schnelligkeit hernieder. Mit ebenso großer Präzision schwenkten sich die Rahen, und kaum waren die Schoten gefestigt, so fühlte auch das Schiff, welches das Riff immer noch spiegelwärts hatte, den Wind und trieb nicht mehr nach hinten.

Doch da in der dunkeln Nacht weder Land noch Meer zu sehen waren, konnte nicht erkannt werden, ob es Fahrt machte.

»Herunter mit Mars- und Bramsegel, Jungens, laßt alle Leinwand fallen!«

Die Matrosen waren oben geblieben und führten die Befehle trotz der tiefen Finsternis mit Sicherheit aus.

Leise sagte Findling zu Henrik, der die Besangaffel bedient hatte und jetzt im schwachen Schein der Decklaterne erkennbar unweit stand: »Geh zum Koch, er ist ein zuverlässiger, mutiger und erfahrener Mann, er soll Wasser, Zwieback, Schweinefleisch ins Langboot bringen, aber vorsichtig, daß die Leute es nicht gewahren. Leg die Flinten und Patronentaschen ins Boot und die Taljen an, damit wir es gleich ausschwenken können.« Eilig entfernte sich Henrik, der die eherne Ruhe seines Befehlshabers aus tiefster Seele bewunderte, um dessen Befehle auszuführen. Schweigend harrte alles an Bord der Wirkung des Luftzuges in der entfalteten Leinwand. Da schlief der Wind ein und die Segel hingen schlaff herab. Immer näher scholl das dumpfe Brausen, schon leuchtete der weiße Schaum durch die Nacht – das Schiff trieb langsam achterwärts seiner Vernichtung entgegen.

»Alles von oben herunter!« donnerte Findling. »Wir müssen das Langboot aussetzen, Kapitän, in fünf Minuten sind wir auf dem Riff. Nehmen Sie Ihre Papiere, Kompaß, Instrumente und Karten, es ist Zeit.«

»Sie haben recht«, sagte der Kapitän niedergeschlagen, »ich bin gleich zurück«, und ging in seine Kajüte.

Die Mannschaft war eilig aus dem Takelwerk an Deck herabgekommen. Mit felsenfestem Vertrauen harrten sie der Befehle Findlings, die so ruhig, so entschlossen gegeben wurden.

»Langboot fertig zum Ausschwenken. Segel und Riemen hinein!«

Obgleich ein solcher Befehl in dieser Lage des Schiffes dessen Untergang ankündigte, gehorchten die Leute schweigend und willig.

Der Koch und Henrik hatten mit fast übermenschlichem Eifer gearbeitet, das Boot war verproviantiert, die Taljen eingehängt. Findling fühlte sich am Rock gezupft, neben ihm stand der Schneider und sagte wehmütig: »Lassen Sie mir nich sitzen, Herr Steuermann.«

»Nein, Junge, bleib bei mir.«

Immer furchtbarer, grausiger tönte das hohle Rauschen der Brandung durch die Nacht. Schon hob sich das schwere Langboot, um über Bord zu gehen, als der helle Ruf von vorn ertönte: »Der Anker hat gefaßt!«

Ein Gefühl der Erlösung, neuen Lebens ging durch alle Herzen. Die Arbeit am Boot stockte, aber Findling, nach vorn gehend, rief den Leuten zu: »Nur hinab damit, kann nie schaden!« und das Boot senkte sich aufs Wasser. »Loten!« befahl Findling. Das Lot fiel, und es erwies sich, daß sie in zwanzig Faden Tiefe ankerten. Das Schiff lag fest.

Findling ließ die Brassen loswerfen, damit das Fahrzeug vor einem sich erhebenden Luftzug tot lag, und dann langsam die Ankerkette anziehen. Der Anker hatte fest gefaßt, und Findling ließ die ausgelaufene Kette auf vierzig Faden verkürzen. Der Kapitän kam eilig herbei; bereit, sein Schiff zu verlassen, sah er es mit tiefer Freude vor Anker und lobte, was Findling getan. Erst jetzt, wo größere Ruhe in allen Gemütern herrschte, belehrte sie das Geräusch, daß sie auf drei Seiten von Brandungen umgeben waren.

Man ließ noch einen weiteren Anker fallen.

Marholm, der zweite Steuermann, hatte sich überzeugt, daß das Tau, welches den »Roland« in der Bucht festlegte, mit scharfen Messern durchschnitten war.

Diese Tatsache, Beweis einer unheimlichen Tätigkeit der Wilden, rief Grimm und Verwunderung hervor.

»Die Strömung hätte uns unweigerlich auf den Felsen geworfen und das müssen die Schelme gewußt haben«, sagte Findling zu dem Kapitän.

»Aber zu welchem Zweck?«

»Sie konnten sich, sobald das Schiff zerschlagen war, allerlei Strandgut auslesen, Herr Kapitän; an dies gut bewaffnete Schiff trauten sie sich nicht und zogen es vor, sich hier im Riff ihren Raub zu holen. Die Kopra wird zu Ende sein, nicht aber die Begierde dieser Menschen, sich in den Besitz wertvoller Dinge zu setzen.«

Der Kapitän ersparte zunächst dem Zweiten Steuermann die Vorwürfe, die er verdiente, und sagte: »Welch ein Glück, Findling, daß Sie die Abtrift bemerkten.«

»Das war Henrik vorbehalten, er rief mich auf.«

»Du, Junge?«

»Nein, Herr Kapitän, hier unser Schneider hat die Gefahr entdeckt.«

»Donnerschlag, wie is dat? Vertell mi dat, min Jong.«

Fritz erzählte nun, daß ihn der Hunger an Deck getrieben hatte und daß ihm hierbei das Schaukeln des Schiffes und das unheimliche Rauschen aufgefallen sei.

Jansen und Findling lachten und der Kapitän sagte: »Na, God segne din Apptit, min Jonge. Awer du hest dat, wat wi an di gewandt hewwen, all riklich wedder gaud makt. Du bist us nix mehr schullig.«

Fritz Fischer war nicht wenig stolz, daß sein nächtlicher Furagierungsgang so erfreuliche Resultate erzielt hatte.

Es blieb nichts übrig, als den Morgen abzuwarten, ehe weitere Schritte geschehen konnten. Jansen befahl, den Leuten Grog zu verabreichen, und bald saßen die braven Jungen seelenvergnügt, trotz der überstandenen und sie noch erwartenden Gefahren, und ließen sich den »Steifen« munden.

Sie legten sich dann mit dem felsenfesten Vertrauen, welches sie ihren Offizieren entgegenbrachten, an Deck zum Schlafen nieder, Jansen aber und die Steuerleute erwarteten unruhig den Aufgang der Sonne, um Gewißheit über ihre Lage zu erhalten.

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