Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > James Fenimore Cooper >

Der letzte Mohikaner - Gekürzte Jugendbuchversion

James Fenimore Cooper: Der letzte Mohikaner - Gekürzte Jugendbuchversion - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
authorJ. F. Cooper
titleDer letzte Mohikaner - Gekürzte Jugendbuchversion
publisherHoch-Verlag
printrun23.-27. Tausend
year1951
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060219
modified20170411
projectidfc49ad04
Schließen

Navigation:

26. Kapitel

Nach wenigen Minuten wurde Unkas von einigen Kriegern in den Kreis der Versammelten geführt. Der junge Mohikaner warf einen ruhigen Blick auf die Anwesenden. Dann blieben seine Augen auf der Gestalt Tamenunds haften. Mit leisem Schritt trat er vor den Stuhl des Patriarchen.

»In welcher Sprache redet der Gefangene mit Manitu?« fragte Tamenund, ohne die Augen aufzuschlagen.

»In der Spracher der Delawaren«, antwortete Unkas.

Diese Äußerung rief ein drohendes Murren unter der Menge, hervor. Auch Tamenund schien von dieser kühnen Antwort überrascht zu sein.

»Ein Delaware! Ich habe erlebt, daß die Stämme der Lenapen von ihren Beratungsfeuern vertrieben wurden. Ich habe gesehen, wie die Äxte eines fremden Volkes die Wälder fällten. Ich habe gesehen, wie das Wild und die Vögel in den Wigwams der Menschen leben. Aber noch nie habe ich erlebt, daß ein Delaware so niederträchtig war, wie eine giftige Schlange in das Lager seiner Nation zurückzukriechen.«

Tiefe Stille folgte den Worten des delawarischen Propheten. Nach einer langen Pause wagte einer der alten Männer, Tamenund an den Gefangenen zu erinnern.

»Der falsche Delaware zittert bei den Worten Tamenunds«, sprach er. »Er ist ein Spürhund, der heult, wenn ihm die Engländer eine Fährte zeigen.«

»Und ihr«, rief Unkas, »seid Hunde, die winseln, wenn euch der Franzose den Abfall seines Wildes vorwirft.«

Bei diesen kühnen Worten blitzten zwanzig Messer in der Luft und ebenso viele Krieger stürzten sich auf Unkas. Mitten in dem Rachegeschrei ertönte die Stimme eines Häuptlings, der laut verkündete, daß der Gefangene die schreckliche Marter der Feuerprobe zu bestehen hätte. Ruhig und gefaßt blickte Unkas auf die Vorbereitungen, die für seine Marter getroffen wurden. Da ergriff ihn einer der Krieger und zerrte mit einem Griffe sein Jagdhemd vom Leibe. Unter dem Jubelgeschrei der Versammelten führte er Unkas nach dem Marterpfahle, um ihn daran festzubinden. Doch plötzlich ließ der Krieger Unkas los. Die Augen des Delawaren schienen aus ihren Höhlen zu treten. Sein Mund öffnete sieh und seine Gestalt war vor Erstaunen erstarrt. Langsam erhob er seine Hand und zeigte mit dem Finger auf die Brust des Gefangenen. Seine Begleiter drängten sich um ihn und alle Augen betrachteten das Zeichen einer kleinen Schildkröte, die in blauer Farbe auf die Brust des Gefangenen tätowiert war.

Lächelnd genoß Unkas einen Augenblick seinen Triumph. Dann machte er mit dem Arm eine stolze Bewegung und trat neben Tamenund auf das Podium.

»Männer der Lenapen! Mein Geschlecht trägt die Erde. Euer schwacher Stamm steht auf meiner Schale. Welches Feuer, von einem Delawaren angezündet, würde das Kind meiner Väter verbrennen? Mein Blut würde eure Flammen ersticken. Mein Geschlecht ist der Großvater von Nationen.«

»Wer bist du?« fragte Tamenund und erhob sich.

»Unkas, der Sohn Chingachgooks!« antwortete bescheiden der Gefangene. »Ein Sohn der ›Großen Schildkröte‹!«

»Tamenunds Stunde ist nahe!« rief erschüttert der Weise. »Der Tag hat sich zur Nacht gewendet. Ich danke dem großen Manitu! Unkas, das Kind des großen Unkas ist gefunden! Laßt die Augen des sterbenden Adlers in die Sonne blicken.«

Der junge Mohikaner trat noch näher auf den Weisen zu, Tamenund faßte ihn an seinen Arm und blickte ihm unverwandt in die Augen.

»Ich habe von so manchem Winter geträumt«, rief der Patriarch. »Tamenunds Pfeil trifft nicht mehr den Hirsch. Sein Arm ist welk, wie der Ast einer abgestorbenen Eiche. Die Schnecke würde schneller im Wettlauf sein. Doch jetzt steht Unkas wieder vor ihm, wie damals, als sie zum Kampfe gegen die Bleichgesichter zogen. Unkas, der Panther seines Stammes, der älteste Sohn der Lenapen, der weiseste Häuptling der Mohikaner. Sagt mir, ihr Delawaren, hat Tamenund hundert Winter lang geschlafen?«

Niemand wagte zu antworten. Alle starrten in atemloser Erwartung, was folgen werde. Unkas aber erwiderte:

»Vier Krieger seines Geschlechtes haben gelebt und sind gestorben, seit Tamenunds Freund sein Volk in die Schlacht führte. Das Blut der Schildkröte rann in den Adern vieler Häuptlinge. Sie sind alle in die Erde zurückgekehrt, aus der sie kamen, außer Chingachgook und seinem Sohne.«

»Es ist wahr«, erwiderte Tamenund. »Unsere weisen Männer haben oft gesagt, daß zwei Krieger aus dem alten Geschlecht noch in den Bergen der Engländer weilen. Warum sind ihre Sitze bei den Beratungsfeuern der Delawaren so lange leer geblieben?«

Bei diesen Worten richtete der junge Mohikaner sein Haupt empor, erhob seine Stimme, um vor der ganzen Menge das Schicksal seiner Familie zu erläutern.

»Es gab eine Zeit, da wir im Schlafe den Salzsee sprechen hörten. Damals waren wir Herrscher und Häuptlinge über das Land. Als sich aber an jedem Bache ein Bleichgesicht zeigte, folgten wir dem Wilde zurück nach dem Flusse unserer Nation. Wenige Krieger blieben zurück, um aus dem Strom zu trinken, den sie liebten. Da sprachen meine Väter: ›Hier wollen wir jagen. Die Wasser des Flusses strömen in den Salzsee. Wenn Manitu uns ruft, so folgt dem Strome nach dem Meere und nehmt wieder, was uns einst gehörte.‹ Dies, Delawaren, ist der Glaube der Kinder der Schildkröte. Unsere Augen blicken nach der aufgehenden und nicht nach der untergehenden Sonne. Wir wissen, woher sie kommt, ahnen aber nicht, wohin sie geht.«

Die Männer der Lenapen hörten voller Achtung seine Worte. Unkas beobachtete den Eindruck der kurzen Erläuterung und bemerkte, daß seine Zuhörer befriedigt waren. Sein Blick schweifte über die Menge und traf Falkenauge. Rasch drängte er sich zu seinem Freund und durchschnitt die Fessel. Dann führte er den Kundschafter zu dem Patriarchen.

»Vater!« sprach er, »dieses Bleichgesicht ist ein gerechter Mann und ein Freund der Delawaren.«

»Wie heißt er?«

»Wir nennen ihn ›Falkenauge‹«, erwiderte Unkas, »denn sein Blick fehlt nie. Die Mingos nennen ihn ›Lange Büchse‹.«

»Die ›Lange Büchse‹!« rief Tamenund und sah den Kundschafter streng an.

»Mein Sohn hat sich einen schlechten Freund erwählt.«

»Er ist mein Freund!« entgegnete der junge Häuptling ruhig. »Wenn Unkas unter den Delawaren willkommen ist, so befindet sich auch Falkenauge bei Freunden.«

»Das Blaßgesicht hat meine jungen Männer erschlagen.«

»Wenn das ein Mingo in das Ohr der Delawaren geflüstert hat, dann hat er nur bewiesen, daß er ein Lügner ist«, sprach der Kundschafter. »Noch nie hat meine Hand einem Delawaren etwas zuleide getan.«

»Wo ist der Hurone?« fragte Tamenund.

Magua trat erneut vor den Patriarchen.

»Der große Tamenund«, sprach er, »wird nicht behalten, was ein Hurone ihm geliehen hat.«

»Sprich, Sohn meines Bruders«, erwiderte der Weise und sah Unkas an. »Hat der Hurone das Recht des Siegers über dich?«

»Er hat keines. Der Panther kann in Schlingen geraten, aber er ist stark und weiß sie zu zersprengen.«

»Und über die ›Lange Büchse‹?«

»Er lacht über die Mingos.«

»Und über den Fremden und das weiße Mädchen, die zusammen in mein Lager kamen?«

»Sie sollen ihres Weges ziehen.«

»Und über das Weib, das der Hurone bei meinen Kriegern zurückließ?«

Unkas erwiderte nichts.

»Sie ist mein!« schrie Magua. »Mohikaner, du weißt, daß sie mir gehört.«

»Mein Sohn bleibt stumm?« sprach Tamenund und versuchte in dem Antlitz von Unkas zu lesen.

»Es ist so«, war die leise Antwort des Mohikaners. Eine bedrückte Stille entstand. Endlich sprach der Weise, von dem allein die Entscheidung abhing.

»Hurone, entferne dich!«

»Der Wigwam Le Renard Subtils ist leer. Fülle ihn mit dem, was ihm gehört.«

Nochmals überlegte der Patriarch. Dann wandte er das Haupt gegen einen seiner Begleiter und fragte:

»Ist dieser Mingo ein Häuptling?«

»Der Erste in seiner Nation.«

»Mädchen, was willst du?« sprach Tamenund zu Kora. »Ein großer Krieger nimmt dich zum Weibe. Dein Geschlecht wird niemals enden.«

»Tausendmal besser, wenn es endet«, rief Kora, »als solche Schmach zu ertragen!«

»Hurone, das Mädchen bringt Unglück in deinen Wigwam!«

»Le Renard Subtil will nur das mit sich nehmen, was ihm gehört.«

»So entferne dich mit dem, was dein ist«, sprach Tamenund bestimmt. »Der große Manitu verbietet dem Delawaren ungerecht zu sein.«

Stolz trat Magua vor und faßte seine Gefangene am Arm. Die Delawaren wichen schweigend zurück. Kora sah ein, daß jedes weitere Bemühen nutzlos sei, und ergab sich in ihr Schicksal.

»Halt«, rief Duncan, »habt Erbarmen, Hurone! Ein Lösegeld soll dich reicher machen. Gold, Silber, Pulver, Blei, alles sollst du haben.«

»Le Subtil ist stark! Seine Rache ist erfüllt!«

Falkenauge winkte Duncan zu schweigen.

»Höre, Hurone«, sprach der Kundschafter, »willst du lieber eine Gefangene wie dieses Mädchen in dein Lager nehmen oder einen Mann wie mich?«

»Will die ›Lange Büchse‹ ihr Leben für ein Weib hingeben?« fragte zögernd Magua.

»Nein, das habe ich nicht gesagt«, erwiderte Falkenauge. »Ich könnte mich aber entschließen, für mehrere Wochen mit Euch zu gehen und Euch beizustehen. Doch unter der Bedingung, daß du das Mädchen freiläßt.«

Magua schüttelte trotzig den Kopf.

»Gut!« fuhr der Kundschafter fort. »Ich gebe dir den ›Wildtöter‹. Das Gewehr findet nicht seinesgleichen in der ganzen Umgebung.«

Magua verschmähte zu antworten.

»Hurone«, rief der Kundschafter, als er sah, daß sich Magua mit Kora entfernen wollte, »Hurone, nimm mich! Laß das Mädchen los, ich bin dein Gefangener!«

Ein beifälliges Murmeln der Menge zeigte, daß sie diesen edelmütigen Entschluß des Jägers würdigte, Magua zögerte einen Augenblick, dann schüttelte er auch zu diesem Angebot den Kopf.

»Le Renard Subtil ist ein großer Häuptling! Komm«, fügte er hinzu und zog seine Gefangene mit sich fort. »Ein Hurone ist kein Schwätzer, wir müssen gehen.«

Kora warf einen Blick der Verachtung auf Magua und sprach:

»Ich bin deine Gefangene und muß dir folgen, auch wenn es sein muß in den Tod.«

Dann verabschiedete sie sich von ihren Gefährten, küßte ihre Schwester und schritt gefaßt dem Wilden voran.

»Hurone!« rief jetzt Unkas, der bisher ruhig, aber aufmerksam zugehört hatte. »Sieh nach der Sonne. Noch ist ist sie in den obersten Ästen jener Tannen zu sehen. Dein Pfad wird nur kurz sein. Wenn sie über den Bäumen steht, werden meine Männer deiner Spur folgen.«

»Ich höre eine Krähe krächzen«, rief spöttisch Magua. »Geht«, fuhr er fort, »wo sind die Weiberröcke der Delawaren? Sie mögen ihre Pfeile und Büchsen den Huronen schicken. Ich verachte euch!«

Mit düsterem Schweigen hörten die Delawaren die höhnischen Worte des Huronen an. Die Gesetze indianischer Gastfreundschaft verboten es ihnen, Hand an Magua zu legen.

 << Kapitel 26  Kapitel 28 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.