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Der letzte Mohikaner - Gekürzte Jugendbuchversion

James Fenimore Cooper: Der letzte Mohikaner - Gekürzte Jugendbuchversion - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorJ. F. Cooper
titleDer letzte Mohikaner - Gekürzte Jugendbuchversion
publisherHoch-Verlag
printrun23.-27. Tausend
year1951
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060219
modified20170411
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19. Kapitel

Das Lager schien unbewacht zu sein. Als jedoch Duncan und David näher kamen, wurden sie von einer Anzahl Kinder bemerkt, die sofort ein lautes Geschrei erhoben und verschwanden. David schien mit den Gepflogenheiten der Wilden bereits vertraut zu sein, denn er ging unbekümmert weiter. Dann trat er mit Duncan in eine der größeren Hütten ein, die das Hauptgebäude des Dorfes war.

Innerhalb ihrer Wände hielt der Stamm seine öffentlichen Versammlungen und Beratungen ab. Während Duncan zwischen den dunklen Gestalten der Wilden, die auf dem Boden zusammengedrängt saßen, hindurchschritt, konnte er nur mit Mühe die notwendige Unbefangenheit behaupten. Sein Blut stockte, als er sich von so vielen Feinden umgeben sah. Dem Beispiel Davids folgend, nahm er ein Bündel Buschwerk von einem Haufen in der Ecke der Hütte und ließ sich schweigend darauf nieder.

Eine brennende Fackel sandte ihren rötlichen Schimmer auf die Gesichter der Anwesenden. Duncan benutzte den schwachen Schein, um aus den Mienen der Wilden zu erforschen, welchen Empfang sie ihm bereiten würden. Die Häuptlinge beachteten ihn kaum und blickten zu Boden. Endlich trat ein alter ergrauter Häuptling aus dem Dunkel der Hütte und gab ein Zeichen, daß er zu sprechen wünsche. Da er aber in der Sprache der Huronen redete, waren seine Worte für Heyward unverständlich.

»Spricht keiner meiner Brüder Französisch oder Englisch?« fragte Duncan. Da keiner der Indianer antwortete, fuhr Duncan fort: »Ich würde es bedauern, wenn ich glauben müßte, daß keiner der tapferen Männer die Sprache des großen Montcalm verstünde. Es würde ihn sehr kränken, wenn er erführe, daß seine roten Krieger ihm so wenig Ehrfurcht bezeigen.«

Eine längere Pause erfolgte, dann antwortete derselbe Krieger, der sich vorher an ihn gewandt hatte, in französisch: »Wie wird unser großer Vater zu seinen Kindern sprechen, wenn man ihm die Skalpe zeigt, die vor wenigen Tagen noch auf den Köpfen der Engländer wuchsen?«

»Sie waren seine Feinde!« sprach Duncan gefaßt. »Er wird sagen: ›Meine Huronen sind tapfer‹.«

»Unser Kanadavater denkt aber nicht so. Statt seine Indianer zu belohnen, sind seine Augen rückwärts gewandt. Das Kanu eines toten Kriegers schwimmt nicht mehr auf dem Horikan«, fuhr der Wilde fort. »Seine Ohren sind den Delawaren geöffnet, die nicht unsere Freunde sind.«

»Das stimmt nicht«, erwiderte Heyward. »Er hat mich zu euch geschickt, um die Kranken der Huronen zu heilen.«

Eine neue Pause trat nach diesen Worten ein. Alle Augen hefteten sich auf Heyward, als wollten sie die Wahrheit seiner Worte prüfen.

»Bemalen die klugen Männer aus Kanada ihre Haut?« fragte der schlaue Häuptling. »Sie rühmen sich doch sonst so gern ihres blassen Gesichtes.«

»Wenn ein Häuptling der Indianer zu seinen weißen Vätern kommt«, erwiderte Duncan bestimmt, »so legt er sein Kriegskleid ab, um das Gewand zu tragen, das ihm angeboten wird. Meine Brüder haben mir diese Farben gegeben und ich trage sie.«

Ein beifälliges Gemurmel zeigte, daß diese Geste der Ehrerbietung günstig aufgenommen wurde. Nach kurzem Stillschweigen erhob sich ein anderer Krieger. Schon wollte er zu sprechen beginnen, da erscholl aus der Ferne ein helles grelles Geheul. Im gleichen Augenblick verließen alle Krieger die Hütte und stimmten in das Geschrei ein. Diese Unterbrechung ließ auch Duncan aufstehen und er folgte den Indianern. In dem fahlen Abendlicht erkannte er eine Anzahl Indianer, die aus dem nahen Walde kamen und sich dem Dorfe näherten. Einer trug eine kurze Stange, an der mehrere menschliche Skalpe hingen. Etwa hundert Schritte von den Hütten entfernt, blieben die neuangekommenen Krieger stehen. Das ganze Lager bot einen wilden Anblick. Die Krieger zogen ihre Messer, die Weiber ergriffen Keulen und Stöcke, selbst die Kinder rissen ihren Vätern die Tomahawks aus dem Gürtel und sprangen ihren Eltern in wilden Bewegungen nach. Ein altes Weib zündete mehrere Haufen Gestrüpp an. Die Flammen schlugen empor und erhellten die Umgebung. Bei den neuen Kriegern standen etwas abseits zwei Indianer, deren Züge er nicht erkennen konnte. Während der eine aufrechte Haltung zeigte, senkte der andere sein Haupt. Unbemerkt näherte sich Heyward den Huronen. Die Wilden hatten jetzt vor den beiden abseits stehenden Indianern eine Gasse gebildet. Da ertönte ein Signal, auf das die Gefangenen durch das Spalier ihrer Feinde laufen sollten. Während der eine Indianer mutlos stehenblieb, ließ der andere einen Kriegsruf ertönen und rannte mit größter Geschwindigkeit davon. Eine tolle nächtliche Jagd begann. Einen Augenblick war es, als ob der Fliehende den Wald erreiche, doch die Menge seiner Verfolger trieb ihn in die Mitte des Dorfes zurück. Entschlossen sprang der Indianer über ein hoch aufloderndes Feuer und erschien auf der anderen Seite des Platzes. Doch auch hier traf er auf mehrere Huronen, die ihm den Weg verlegten. Noch einmal warf er sich in das Gedränge. In einer dunklen Masse menschlicher Gestalten schien er zu verschwinden. Doch die Menge setzte sich in Bewegung. Der fliehende Indianer wurde wieder sichtbar. Er schien einen letzten Versuch zu unternehmen, den Wald zu gewinnen, und rannte an Duncan vorbei. Da eilte ihm ein großer Hurone, das Kriegsbeil schwingend, entgegen, um ihm den tödlichen Streich zu versetzen. In diesem Augenblick streckte Duncan seinen Fuß vor und der Hurone fiel zu Boden. Mit Blitzesschnelle benutzte der Verfolger den Vorteil und sprang zu der Beratungshütte und blieb dort, an einen kleinen bemalten Pfosten gelehnt, stehen. Neugierig näherte sich Duncan dem fremden Indianer. Dieser hielt noch immer mit einem Arm den Pfosten umschlungen und atmete tief und schwer. Er war durch eine alte heilige Sitte vor weiteren Angriffen der Wilden geschützt, bis der Stamm über sein Schicksal beraten und entschieden hatte. Die Weiber der Huronen näherten sich und beschimpften den Indianer. Sie verhöhnten sein vergebliches Bemühen, zu entfliehen. Der Gefangene beachtete sie nicht. Voller Ruhe und Würde blickte er mit abgewandtem Gesicht nach dem fernen Wald. Jetzt wandte der Gefangene langsam den Blick seinen Feinden zu, und Duncan erkannte zu seinem größten Schrecken in dem Indianer den jungen Mohikaner.

Die gefährliche Lage seines roten Freundes beängstigte Heyward. Jetzt drängte sich ein Krieger durch die Menge, nahm Unkas beim Arm und führte ihn in das Versammlungshaus. Alle Häuptlinge und die meisten Krieger folgten. Auch Heyward gelang es, in das Innere der Hütte zu kommen. Es währte einige Zeit, bis die anwesenden Huronen nach ihrem Rang und Einfluß Platz genommen hatten. Die älteren Häuptlinge nahmen ihre Sitze in der Mitte des Raumes ein, während sich die jüngeren Krieger im Hintergründe sammelten. Mitten im Kreise stand Unkas, ruhig und gefaßt. Seine Haltung machte einen guten Eindruck auf die Sieger.

Anders benahm sich der andere gefangene Indianer, den Duncan vor dem verzweifelten Fluchtversuch seines Freundes neben Unkas hatte stehen sehen. Statt auch sein Heil in der Flucht zu versuchen, war er stehengeblieben. Obgleich er wohl einem anderen Stamme angehörte, trug er die Kriegsbemalung der Huronen. Nachdem alle Platz genommen hatten und tiefe Stille eingetreten war, begann der alte Häuptling zu sprechen:

»Delaware, du hast dich als Mann bewährt, wenn du auch aus einer Nation von Weibern kommst. Wir gäben dir gern Nahrung. Aber wer mit einem Huronen ißt, muß sein Freund werden. Ruhe in Frieden bis zur Morgensonne, dann soll unser letztes Wort gesprochen werden.«

»Sieben Nächte und sieben Sommertage war ich auf der Fährte der Huronen«, erwiderte kaltblütig Unkas. »Die Kinder der Delawaren verfolgten die Spuren ihrer Feinde ohne sich mit dem Essen aufzuhalten.«

»Zwei meiner jungen Krieger verfolgen deinen Begleiter«, fuhr der Häuptling fort, ohne auf die Ruhmrede seines Gefangenen zu achten. »Wenn sie zurück sind, werden unsere weisen Männer zu dir sagen: ›Leb oder stirb!‹«

»Hat ein Hurone keine Ohren?« rief Unkas. »Zweimal hat der Delaware, seit er euer Gefangener ist, den Knall einer Büchse gehört, deren Ton er genau kennt. Eure jungen Männer werden nicht zurückkehren.«

Eine kurze Pause folgte dieser kühnen Behauptung. Duncan merkte, daß der Mohikaner auf die verhängnisvolle Büchse des Kundschafters anspielte.

»Wenn die Delawaren so geschickt sind, warum ist einer ihrer tapfersten Krieger hier?« fragte der Häuptling weiter.

»Er folgte den Spuren des fliehenden Feiglings, der neben mir steht, und fiel dabei in eine Schlinge. Auch der schlaue Biber kann gefangen werden.«

Während Unkas sprach, zeigte er mit dem Finger auf den feigen Huronen, der sich einem Zweikampf durch Flucht entzogen hatte. Alle Augen wandten sich auf den bezeichneten Indianer. Ein dumpfes drohendes Gemurmel lief durch die Versammlung. Jetzt besprachen sich die älteren Häuptlinge untereinander. Abermals trat eine lange feierliche Stille ein. Sie war der ernste Vorbote eines wichtigen Urteilsspruches. Endlich wurde das Stillschweigen von dem alten Häuptling unterbrochen. Er erhob sich und ging an der unbeweglichen Gestalt des Mohikaners vorbei und stellte sich in würdevoller Haltung vor den abtrünnigen Huronen.

»Schwankendes Rohr«, sprach der Häuptling, »deine Zunge spricht laut im Dorf, aber sie ist stumm in der Schlacht. Keiner meiner Jünglinge schlägt den Tomahawk tiefer in den Kriegspfosten, aber keiner so schwach auf den Kopf seiner Feinde wie du. Unsere Gegner kennen die Gestalt deines Rückens, aber noch nie haben sie die Farbe deiner Augen gesehen. Dreimal haben sie dich zum Kampf gerufen, aber du hast vergessen, zu antworten. Dein Name wird nie wieder in deinem Stamme genannt werden – er ist bereits vergessen.«

Während der Häuptling feierlich diese Worte sprach, erhob sich der Indianer und blickte dem anderen ins Gesicht. Scham, Schrecken und Stolz kämpften in seinen Zügen. Da entblößte er seine Brust und blickte fest auf das scharfe blitzende Messer, das sein unerbittlicher Richter in der Hand hielt. Als die Waffe ihm langsam in das Herz drang, lächelte er sogar, als freue er sich, den Tod nicht so furchtbar zu finden, wie er erwartet hatte. Dann fiel er leblos neben Unkas nieder.

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