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Der letzte Mohikan

James Fenimore Cooper: Der letzte Mohikan - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDer letzte Mohikan
publisherVerlag von S. G. Liesching
translatorDr. Leonhard Tafel
year1841
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
projectid0a57063f
created20070325
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Siebentes Kapitel.

– – – – Sie schlafen nicht.
Auf jenen Klippen dort seh' ich
Die schauerliche Rotte sitzen.
Gray.

»Es hieße einer zu unserer Rettung gegebenen Warnung nicht folgen,« sprach Hawk-eye, »wenn wir länger in dem Verstecke blieben, während sich solche Töne in dem Walde hören lassen. Die zarten Frauen mögen beisammen bleiben: aber die Mohikaner und ich wollen auf dem Felsen Wache halten, wo uns, wie ich vermuthe, ein Major vom sechzigsten Regiment Gesellschaft zu leisten wünschen wird.«

»Ist denn die Gefahr so dringend?« fragte Cora.

»Er, der so seltsame Laute schafft und sie dem Menschen zur Warnung gibt, kennt allein unsere Gefahr. Gottloses Auflehnen gegen seinen Willen wäre es, wollte ich bei solchen Warnungen in der Luft mich in eine Höhle verkriechen. Selbst die schwache Seele, die ihre Tage versingt, ist durch den Schrei aufgestört worden: der Singmeister sagt, er sey bereit, in die Schlacht zu gehen. Wenn's nur 'ne Schlacht wäre, so verstünden wir uns alle darauf und würden leicht zu Recht kommen; ich ließ mir aber sagen, wenn solche Töne sich zwischen Himmel und Erde vernehmen ließen, so deut' es auf eine andere Art von Krieg.«

»Wenn all' unsere Gründe zur Furcht, mein Freund, sich nur auf Übernatürliches beschränken, so dürfen wir uns darob nicht so sehr beunruhigen,« versetzte die unerschrockene Cora: »seyd ihr gewiß, daß unsere Feinde kein neues, sinnreiches Mittel gefunden haben, uns zu schrecken, um sich den Sieg zu erleichtern?«

»Lady,« sprach der Kundschafter feierlich, »ich habe seit dreißig Jahren auf alle Töne in den Wäldern gehört, als ein Mann, dessen Leben und Tod von der Schärfe seines Ohrs abhängt. Kein Winseln des Panthers, kein Pfeifen der Spottdrossel, keine Erfindung der teuflischen Mingos kann mich berücken! Ich hörte die Wälder wehklagen, wie sterbliche Menschen in großen Nöthen: oft habe ich der Musik des Windes gelauscht, wie er in den verschlungenen Aesten der Bäume sauste: habe den Blitzstrahl durch die Lüfte krachen hören gleich dem brennenden Holzstoß, der Funken und gezackte Flammen spie: nimmer aber hab ich geglaubt, daß ich Anderes hörte, als Ihn, der mit den Werken seiner Hände spielt. Aber weder die Mohikaner noch ich, der ich ein Weißer von reiner Abkunft bin, vermag den so eben vernommenen Ton zu erklären. Wir glauben deshalb, daß es eine Weisung zu unserem Heile ist.«

»Etwas Außerordentliches ist es,« sprach Heyward, seine Pistolen von der Stelle nehmend, wohin er sie bei seinem Eintritt gelegt hatte, »mag es nun ein Zeichen des Friedens oder des Krieges seyn, man muß darauf achten. Geht voran, mein Freund, ich folge euch.«

Aus ihrem Verstecke tretend, fühlten Alle sogleich die wohlthätige Stärkung ihres Geistes, indem sie die eingeschlossene Luft der Höhle mit der kühlen, stählenden Atmosphäre vertauschten, welche um die Wirbel und Spitzen des Wasserfalles säuselte. Ein starker Abendwind schwebte über der Oberfläche des Flusses und schien das Brausen der Wasserfälle in die Winkel ihrer eigenen Höhlen zu treiben, aus denen es schwer und ununterbrochen gleich dem rollenden Donner hinter entfernten Hügeln wiedertönte. Der Mond war aufgegangen und sein Licht schimmerte bereits hie und da auf die Gewässer über ihnen. Der untere Theil des Felsens aber, wo sie standen, lag noch im Schatten. Außer den Tönen, welche die herabstürzenden Wasser hervorbrachten, und einem gelegentlichen Luftstoß, der an ihnen vorüber fuhr, war die Scene noch so ruhig, als Nacht und Finsterniß sie machen konnten. Vergeblich waren Aller Augen auf die entgegengesetzten Ufer gerichtet, um einige Lebenszeichen zu suchen, welche die Ursache der vernommenen Unterbrechung erklären konnten. Aber ihre ängstlich forschenden Blicke täuschte das trügerische Licht, oder fielen sie blos auf nackten Felsen und hohen, unbeweglichen Bäumen.

»Hier ist nichts zu sehen als das Dunkel und die Ruhe einer lieblichen Nacht,« flüsterte Duncan. »Wie sehr würden wir in jedem andern Augenblick eine solche Scene in ihrer athemlosen Einsamkeit bewundern, Cora! Stellen Sie sich vor, Sie wären in Sicherheit und das, was jetzt vielleicht Ihren Schrecken vermehrt, dürfte vielleicht Ihren Genuß erhöhen!« –

»Horcht!« unterbrach Alice.

Die Aufforderung war unnöthig. Noch einmal erscholl derselbe Laut, als ob er aus dem Flußbette käme und aus den engen Klüften der Klippen brechend durch die Wälder in entfernten und dahin sterbenden Cadenzen fortwogte.

»Kann einer,« fragte Hawk-eye, als sich das letzte Echo in den Wäldern verlor, »einem solchen Ton einen Namen geben, so spreche er: ich für meinen Theil glaube, daß er nicht der Erde angehört.«

»Hier ist Jemand, der euch enttäuschen kann,« sprach Duncan: »mir ist der Ton recht wohl bekannt, oft hab ich ihn auf dem Schlachtfeld gehört, und in Lagen, die sich im Soldatenleben nicht selten wiederholen. Es ist der schreckliche Angstschrei eines Pferdes in dem Todeskampf, oft durch Schmerz, zuweilen durch Angst ihm ausgepreßt. Mein Pferd ist entweder in den Krallen der Bestien des Waldes, oder sieht es die Gefahr, ohne ihr entrinnen zu können. Der Ton konnte mich täuschen, so lange ich in der Höhle war, aber hier in freier Luft erkenne ich ihn zu gut, um mich zu irren.«

Der Kundschafter und seine Gefährten hörten dieser einfachen Erklärung mit der Aufmerksamkeit von Leuten zu, die eine neue Idee begierig auffassen, zugleich aber der alten, die ihnen unangenehm wird, sich noch nicht entschlagen können. Die beiden Letztern stießen ihr gewöhnliches, ausdruckvolles »Hugh!« aus, als die Wahrheit des Gesagten ihnen einzuleuchten anfing, während der Erstere nach kurzem Nachdenken antwortete:

»Ich kann euern Worten nicht widersprechen, denn ich verstehe mich wenig auf Pferde, obgleich ich in einem Lande geboren bin, wo man sie in Menge findet. Die Wölfe müssen über ihren Köpfen am Ufer umherschwärmen, und die furchtsamen Geschöpfe rufen den Menschen um Hülfe an, so gut sie können. Uncas« – hier sprach er delawarisch – »fahr' mit dem Canoe hinunter und wirf einen Feuerbrand unter das Pack; sonst thut die Furcht, was die Wölfe nicht thun können, und wir haben morgen keine Pferde, wo wir sie am nöthigsten brauchen, um unsere Reise möglichst zu beschleunigen.«

Der junge Eingeborne war schon an das Wasser hinabgestiegen, um seinem Befehle zu folgen, als ein langes Geheul vom Ufer des Flusses sich hören ließ und sich schnell in die Tiefen des Waldes entfernte, als ob die Raubthiere, von plötzlichem Schrecken ergriffen, ihre Beute freiwillig im Stiche ließen. Uncas kam mit instinktmäßiger Eile zurück, und die drei Waldbewohner hielten wieder leise ihre ernstliche Berathung.

»Es ging uns, wie den Jägern, welche die Richtungspunkte am Himmel verloren, und vor denen sich die Sonne den ganzen Tag verborgen hatte,« sprach Hawk-eye, von seinen Gefährten sich abwendend.

»Jetzt fangen wir wieder an die Kennzeichen unseres Weges zu gewahren, und die Pfade sind von Dornen gereinigt. Setzt euch in den Schatten, welchen der Mond von jenem Ufer her wirft – er ist dunkler als der von den Fichten – und laßt uns erwarten, was dem Herrn gefallen wird, über uns zu verfügen. Wir wollen einander nur noch zuflüstern, und vielleicht wäre es noch besser, wenn jeder eine Weile sich nur mit seinen eigenen Gedanken unterhielte.«

In dem Tone des Kundschafters lag hoher Ernst, aber ohne länger ein Zeichen unmännlicher Furcht zu verrathen. Offenbar war seine augenblickliche Schwäche mit der Erklärung des Wunders, das seine eigene Erfahrung nicht ergründen konnte, verschwunden, und wenn er auch die Gefahr ihrer jetzigen Lage wohl erkannte, so war er doch bereit, ihr mit der ganzen Energie seines entschlossenen Charakters Trotz zu bieten. Dies Gefühl schienen auch die Eingebornen zu theilen: sie setzten sich so, daß sie beide Ufer überschauen konnten, während sie selbst der Beobachtung aus der Ferne entzogen waren. Unter solchen Umständen verlangte die gewöhnliche Klugheit Heywards und seiner Begleiter, eine Vorsicht nachzuahmen, die aus einer so verständigen Quelle floß. Der junge Mann holte aus der Höhle ein Bündel Sassafras, legte es in die Felsenspalte, welche sich zwischen beiden Höhlen befand, und hieß die Schwestern sich darauf niederlassen, die so durch die Felsen vor jederlei Geschoß geschützt waren, während man ihre Besorgnisse durch die Versicherung hob, daß keine Gefahr ohne vorherige Warnung herannahen könne. Heyward selbst stellte sich in ihre Nähe, so daß er mit ihnen sprechen konnte, ohne seine Stimme auf eine gefährliche Höhe zu erheben, während David, dem Beispiele der Waldmänner folgend, seine Person in den Spalten der Felsen auf eine solche Weise unterbrachte, daß seine unförmlichen Gliedmaßen dem Auge nicht länger anstößig waren.

So vergingen mehrere Stunden ohne weitere Unterbrechung. Der Mond erreichte sein Zenith und goß sein mildes Licht auf die lieblichen Gesichter der Schwestern, die einander in den Armen entschlummert waren. Duncan warf den weiten Shawl Cora's über ein Schauspiel, das er so gerne betrachtete, und suchte dann für sein eigenes Haupt ein Kissen auf dem Felsen. David begann Töne hören zu lassen, die während des Wachens seine zarten Organe verletzt haben würden; kurz Alle, außer Hawk-eye und den Mohikanern, versanken, vom Schlafe bewältigt, in einen Zustand der Bewußtlosigkeit. Aber die Wachsamkeit ihrer unermüdeten Beschützer schlummerte nie. Unbeweglich, wie der Fels, von dem sie einen Theil zu bilden schienen, lagen sie da, während ihre Augen unabläßig an dem dunkeln Rande der Bäume umherschweiften, welche die nahen Ufer des engen Stromes begränzten. Kein Laut entschlüpfte ihnen, und die schärfste Beobachtung konnte nicht entdecken, daß sie athmeten. Offenbar stützte sich diese außerordentliche Vorsicht auf eine Erfahrung, die keine List ihrer Feinde berücken konnte, und dauerte so lange ohne scheinbaren Erfolg, bis der Mond untergegangen war, und ein blasser Lichtstreif über den Gipfeln der Bäume an einer Krümmung des Flusses weiter unten den Anbruch des Tages verkündigte. Jetzt rührte sich Hawk-eye zum ersten Mal. Er kroch auf dem Felsen heran und rüttelte Duncan aus seinem tiefen Schlafe auf.

»Jetzt ist es Zeit, daß wir aufbrechen,« flüsterte er, »weckt eure Frauen und haltet euch bereit, in das Canoe zu steigen, wenn ich es an den Landungsplatz bringe!«

»Habt Ihr eine ruhige Nacht gehabt?« fragte Heyward. »Bei mir hatte, glaub' ich, der Schlaf über's Wachen gewonnen.«

»Alles ist still wie die Mitternacht. Schweigt, aber seyd flink bei der Hand.«

Jetzt war Duncan völlig wach und hob sogleich den Shawl über den schlafenden Mädchen weg. Bei dieser Bewegung fuhr Cora mit der Hand empor, als wollte sie ihn zurückstoßen, während Alice mit ihrer sanften, zarten Stimme flüsterte: nein, nein, lieber Vater, wir waren nicht verlassen, Duncan war bei uns!

»Ja, liebliche Unschuld,« flüsterte der Jüngling, »Duncan ist hier, und so lange er lebt, oder Gefahr droht, wird er dich nie verlassen, Cora! Alice! erwachet! die Stunde zum Aufbruch ist da!«

Ein lauter Angstschrei der jüngern Schwester, und der Anblick der ältern, die in wirrem Schrecken aufrecht vor ihm stand, war die unerwartete Folge seines Zurufs. Während die Worte noch auf Heywards Lippen schwebten, erhob sich ein so entsetzlicher Aufruhr gellenden Geheuls, daß er den schnellen Strom seines Bluts von seinem pochenden Laufe zu dem Herzen zurück trieb. Es war, als ob alle Dämonen der Hölle die Luft um sie her erfüllten, und ihre wildeste Laune in diesen barbarischen Tönen austoben wollten. Das Geschrei kam aus keiner besonderen Richtung, sondern erfüllte rings umher die Wälder, und wie sich die bestürzten Horcher leicht einbildeten, selbst die Höhlen der Wasserfälle, die Felsen, das Bett des Flusses und die obere Luft. David erhob inmitten dieses höllischen Lärms seine hagere Gestalt und rief, indem er sich mit beiden Händen die Ohren zuhielt:

»Woher kommen diese Mißtöne? Ist die Hölle los, daß man solche Töne von Menschen vernimmt?«

Helle Blitze und schnellfolgender Knall von einem Dutzend Büchsen auf den entgegengesetzten Ufern des Stroms folgten dieser unvorsichtigen Bloßstellung seiner Person und streckten den armen Singmeister besinnungslos auf den Felsen nieder, auf dem er so lange geschlummert hatte.

Die Mohikaner erwiederten kühn das Entsetzen erregende Geheul ihrer Feinde, welche über Gamuts Fall ein wildes Triumphgeschrei erhoben. Die Blitze der Büchsen folgten sich jetzt schnell und ununterbrochen; aber beide Parteien waren zu erfahren, als daß sie auch nur ein Glied dem feindlichen Ziele bloßgestellt hätten. Duncan glaubte, daß sie jetzt nur noch durch Flucht sich retten könnten, und horchte mit ängstlicher Ungeduld, ob sich nicht Ruderschläge hören ließen. Der Strom erglänzte wie sonst in seinem raschen Lauf, aber das Canoe war auf seinen dunkeln Wassern nirgends zu sehen. Schon fing er an zu glauben, der Kundschafter habe sie im Stich gelassen, als aus dem Felsen unter ihm ein Flammenstrom hervordrang und ein wildes Geheul, mit einem Angstgestöhn vermischt, verkündete, daß der Todesbote, aus der verderblichen Waffe Hawk-eye's entsendet, sein Opfer gefunden habe. Bei diesem leichten Verlust zogen sich die Angreifenden plötzlich zurück, und Alles ward allmählig wieder so still, wie es vor dem plötzlichen Anfall gewesen war.

Duncan benützte den günstigen Augenblick, zu Gamut zu eilen und ihn in den Schutz der schmalen Felsenspalte zu tragen, der die Schwestern beschirmte. In der nächsten Minute war die ganze Truppe auf diesem Punkte theilweiser Sicherheit versammelt.

»Der arme Schelm hat seinen Skalp gerettet,« sprach Hawk-eye, indem er kaltblütig mit der Hand über Davids Kopf fuhr, »aber es ist ein Beweis, daß ein Mensch mit einer zu langen Zunge auf die Welt kommen kann. – Es war eine Tollheit, auf einem nackten Felsen den wüthenden Wilden sechs Fuß Fleisch und Blut zu zeigen. Ich wundere mich nur, daß er mit dem Leben davon gekommen ist.«

»Ist er nicht todt?« fragte Cora mit einer Stimme, deren schwache Töne verriethen, wie mächtig in ihr natürliches Entsetzen mit angenommener Festigkeit kämpften.

»Können wir dem unglücklichen Manne etwas helfen?«

»Nein, nein! es ist noch Leben in ihm, und wenn er eine Weile geschlummert hat, wird er wieder zu sich kommen und in Zukunft desto klüger seyn, bis sein letztes Stündlein einmal wirklich schlägt,« antwortete Hawk-eye, einen zweiten Seitenblick auf den unempfindlichen Körper werfend, während er sein Gewehr mit bewundernswürdiger Gewandtheit wieder lud. »Bring' ihn hinein, Uncas, und leg' ihn auf den Sassafras. Je länger sein Schläfchen dauert, desto besser ist's für ihn: ich zweifle, ob ein Gestell, wie das seinige, auf diesem Felsen Schutz genug finden kann, und Singen thut kein Gut bei diesen Irokesen.«

»Ihr glaubt also, daß der Angriff sich erneuern werde?« fragte Heyward.

»Soll ich erwarten, daß ein hungriger Wolf seine Gier an einem Mundvoll sättige? Sie haben einen Mann verloren, und es ist ihre Art, sich zurückzuziehen, wenn sie Verlust erleiden oder ein Ueberfall mißlingt. Aber wir werden sie bald wieder haben, mit neuen Listen, uns zu berücken und unsrer Schöpfe Herr zu werden. Unsere Hoffnung kann nur seyn,« fuhr er fort, indem er sein rauhes Gesicht erhob, über das ein Schatten von Besorgniß gleich einer dunkeln Wolke zog, »den Felsen so lange zu halten, bis Munro uns Hülfe schickt.«

»Sie hören, Cora, was wir zu erwarten haben,« sprach Duncan, »daß wir Alles von der Besorgniß und der Erfahrung Ihres Vaters zu hoffen haben. So kommen Sie denn mit Alice in die Höhle, wo Sie wenigstens vor den mörderischen Büchsen unsrer Feinde gesichert sind und unsrem unglücklichen Kameraden diejenige Hülfe leisten werden, die weibliches Mitleid Ihnen eingeben mag.«

Die Schwestern folgten ihm in die äußere Höhle, wo David durch Seufzer Zeichen seines zurückkehrenden Bewußtseyns gab, und den Verwundeten ihrer Aufmerksamkeit empfehlend, schickte Heyward sich an, sie sogleich zu verlassen.

»Duncan!« sprach Cora mit zitternder Stimme, als er den Ausgang der Höhle erreichte. Er wandte sich um und blickte auf Cora, deren Farbe einer tödtlichen Blässe gewichen war, während ihre Lippe zitterte, als sie ihm mit einem Ausdruck von Theilnahme nachblickte, der ihn sogleich wieder an ihre Seite rief. »Erinnern Sie sich, Duncan, wie nothwendig Ihre Sicherheit für die unsrige ist, – daß Ihnen ein Vater sein Liebstes anvertraut hat – wie viel von Ihrer Besonnenheit und Sorgfalt abhängt – kurz,« fügte sie hinzu, während das verräterische Blut ihre Züge überschlich und sie bis an die Schläfe mit einem glühenden Roth übergoß, »wie theuer Sie mit Recht Allen sind, die den Namen Munro führen.«

»Könnte etwas meine Liebe zum Leben erhöhen,« sprach Heyward, indem sein Auge unwillkürlich auf die jugendliche Gestalt Alicens sank, »so wäre es eine so gütige Versicherung. Als Major vom sechzigsten Regiment muß ich, wie Ihnen unser ehrlicher Wirth sagen wird, Theil an dem Strauße nehmen; aber unsere Aufgabe wird leicht seyn, wir haben blos diese Bluthunde einige Stunden hinzuhalten.«

Ohne eine Antwort zu erwarten, verließ er die Schwestern und begab sich wieder zu dem Kundschafter und seinen Genossen, welche noch immer in der sichern Felsenspalte zwischen den zwei Höhlen lagen.

»Ich sage Dir, Uncas,« sprach Ersterer, als Heyward zu ihnen trat, »Du nimmst zu viel Pulver, und der Stoß der Büchse verrückt Dir das Ziel! Wenig Pulver, leichtes Blei und ein langer Arm verfehlen selten, dem Mingo den Todesschrei zu entreißen. Das hat mich die Erfahrung bei diesen Burschen gelehrt. Kommt, Freunde, in unsre Verstecke: Niemand kann sagen, wann und wo ein MaquaEs muß bemerkt werden, daß Hawk-eye seinen Feinden verschiedene Namen gibt. Mingo und Maqua sind Ausdrücke der Verachtung und Iroquois wurden sie von den Franzosen genannt. Die Indianer gebrauchen selten denselben Namen, wenn verschiedene Stämme von einander sprechen. Einem zu Leibe geht.«

Stillschweigend begaben sich die Indianer auf ihre Posten in die Felsenspalten, von denen aus sie alle Zugänge zu dem Fuße der Wasserfälle beherrschten. Mitten auf der kleinen Insel hatten ein Paar kurze und verkrüppelte Fichten Wurzel geschlagen und ein Dickicht gebildet, in welches Hawk-eye, von dem rüstigen Duncan begleitet, mit der Schnelligkeit eines Hirsches sprang. Hier versteckten sie sich, so gut es ging, hinter Gestrüpp und Felsblöcken, die zerstreut auf dem Platze umher lagen. Ueber ihnen erhob sich ein kahler, runder Felsen, an dessen beiden Seiten das Wasser, wie schon erwähnt worden, seine lustigen Sprünge machte und dann in die Abgründe stürzte. Als der Tag anbrach, boten die Gegenufer nicht mehr nur verworrene Umrisse: man konnte in die Wälder sehen und unter dem Laubdach der dunkeln Fichten die einzelnen Gegenstände unterscheiden.

Eine lange und ungeduldige Wache folgte, ohne daß ein Umstand auf einen erneuten Angriff schließen ließ, und Duncan gab sich schon der Hoffnung hin, daß ihr Feuer verderblicher gewesen sey, als sie vermuteten, und ihre Feinde wirklich zurückgetrieben habe. Als er diese Meinung gegen seinen Nebenmann äußerte, schüttelte Hawk-eye ungläubig den Kopf.

»Ihr kennet den Magua nicht, wenn Ihr glaubt, daß er sich so leichten Kaufs ohne Skalp zurückschlagen lasse!« antwortete er. »Wenn diesen Morgen auch nur einer dieser Teufel sein Geheul erhob, waren doch ihrer vierzig dabei, und sie kennen unsere Zahl und unsere Lage zu wohl, um die Jagd sobald aufzugeben. St! Seht nach dem Wasser dort oben, gerade wo es sich über den Felsen stürzt! Ich will kein Mensch seyn, wenn die satanischen Wagehälse nicht bis zur Spitze herab schwimmen: und wenn es unser Unstern so haben will, so haben sie die Vorderseite der Insel bereits erreicht! St! ruhig, Freund! oder das Haar ist von eurem Schädel weg, wie man ein Messer rückt!«

Heyward hob den Kopf aus seinem Versteck empor und erschaute, was er mit Recht für ein Wunder von Geschick und Kühnheit halten mußte. Der Fluß hatte die Ecke des weichen Felsen so weit abgespült, daß sein erster Absatz nicht so abschüssig und senkrecht war, als es bei Wasserfällen gewöhnlich ist. Ohne einen andern Führer als die Strömung des Flusses, die nach der Spitze des Eilandes ging, hatte sich ein Theil dieser rachesüchtigen Feinde heran gewagt, und war auf diese Spitze zugeschwommen, von wo aus sie im glücklichen Falle den ausersehenen Schlachtopfern zu Leibe konnten.

Kaum hatte Hawk-eye aufgehört zu sprechen, als sich vier Menschenköpfe über ein Paar Stämmen Treibholz zeigten, die sich an diesen nackten Felsen angelegt und die Wilden wahrscheinlich auf den Gedanken an die Ausführbarkeit des gefahrvollen Unternehmens gebracht hatten. Im nächsten Augenblick erschien noch ein fünfter an dem grünen Rande des Wasserfalls, ein wenig weiter von der Insel entfernt. Der Wilde kämpfte aus allen Kräften, die Sicherheitsspitze zu erreichen, und von den glänzenden Wellen begünstigt, streckte er schon einen Arm nach seinen Gefährten aus, die ihn herbeiziehen wollten, als er, von der wirbelnden Strömung fortgerissen, mit aufgehobenen Armen und starren Augen emporzuschießen schien und mit einem plötzlichen Sturze in den tiefen, gähnenden Abgrund, über dem er geschwebt, hinunterstürzte. Ein einziger wilder Schrei der Verzweiflung erscholl aus dem Schlunde, und alles war wieder so still wie ein Grab.

Im ersten Drange des Edelmuths wollte Duncan zur Rettung des hülflosen Unglücklichen herbeieilen, fühlte sich aber durch den eisernen Griff des unbeweglichen Kundschafters festgehalten. »Wollt Ihr uns einem gewissen Tode entgegenführen, und den Mingos verrathen, wo wir verborgen liegen?« fragte Hawk-eye ernst; »'s ist uns eine Ladung Pulver erspart, und Munition wird uns jetzt so nöthig, als einem gewürgten Wilde der Athem! Schüttet frisches Pulver auf die Zündpfanne eurer Pistolen – der Nebel vom Wasserfall verdirbt gern den Schwefel, und haltet euch zum Handgemeng bereit, während ich feure.«

Mit diesen Worten fuhr er mit einem Finger in den Mund und that einen langen, schrillen Pfiff, der von den Felsen aus, wo die Mohikaner Wache hielten, beantwortet wurde. Duncan erblickte, als dieses Zeichen in der Luft erscholl, auf einen Augenblick über den zerstreuten Treibholzstämmen Köpfe, die aber ebenso plötzlich, als sie sich gezeigt hatten, wieder verschwunden waren. Ein leises Rascheln richtete seine Aufmerksamkeit nach hinten, und seinen Kopf wendend, erblickte er Uncas, der zu ihm herangekrochen kam. Hawk-eye sprach mit ihm in delawarischer Sprache, worauf der junge Häuptling mit besonderer Vorsicht und unerschütterlicher Kaltblütigkeit seine Stellung einnahm. Für Heyward war dies ein Augenblick fieberischer, ungeduldiger Erwartung: der Kundschafter hielt es aber für eine passende Gelegenheit, seinem jüngeren Kampfgenossen eine Vorlesung über den vorsichtigen Gebrauch des Feuergewehrs zu halten.

»Unter allen Waffen« begann er, »ist die Büchse mit langem Lauf, wenn sie gut gebohrt und von weichem Metall ist, in geschickten Händen die gefährlichste, braucht aber einen starken Arm, ein scharfes Auge und viel Geschick beim Laden, um alle ihre Schönheiten zu zeigen. Die Büchsenmacher verstehen sich nur schlecht auf ihr Handwerk, wenn sie ihre Vogelflinten und Carab –«

Er ward unterbrochen durch das leise, aber ausdrucksvolle »Hugh« des Uncas.

»Ich sehe sie, Junge, ich sehe sie!« fuhr Hawk-eye fort: »sie sammeln sich zum Angriff, sonst würden sie ihre braunen Rücken unter dem Treibholze halten. Nun, laßt sie nur,« fuhr er fort, seinen Büchsenstein prüfend, »der Vordermann wenigstens läuft seinem Tod in die Arme, und wenn es Montcalm selbst wäre!«

In diesem Augenblick wurden die Wälder von einem abermaligen Geschrei erfüllt, und auf dieses Zeichen sprangen vier Wilde aus dem Verstecke des Treibholzes hervor. Heyward empfand eine brennende Begierde, ihnen entgegenzustürzen, so mächtig wirkte die Ungeduld des Augenblicks; aber er wurde durch das Beispiel der Besonnenheit von Seiten des Kundschafters und Uncas' zurückgehalten. Als ihre Feinde über die schwarzen Felsen, die sie trennten, in hohen Sprüngen, mit dem wildesten Geheul daherstürzten, und nur noch wenige Ruthen entfernt waren, erhob sich Hawk-eye's Büchse langsam unter dem Gestrüpp und entlud ihren Inhalt. Der vorderste Indianer machte einen Sprung, wie ein angeschossener Hirsch und stürzte häuptlings in die Felsenklüfte der Insel.

»Jetzt, Uncas!« rief der Kundschafter, sein langes Messer ziehend, während seine Augen vor Kampflust erglühten, »nimm den letzten der heulenden Satane; der andern zwei sind wir gewiß!« Uncas that, wie ihm befohlen wurde, und nur noch zwei Feinde blieben übrig. Heyward hatte eine seiner Pistolen Hawk-eye gegeben, und sie stürzten zusammen die kleine Anhöhe hinab, ihren Feinden entgegen. Zu gleicher Zeit gaben sie Feuer, aber Beide ohne Erfolg.

»Das wußt' ich und hab' es vorausgesagt!« murmelte der Kundschafter, indem er die verachtete kleine Waffe mit bitterem Hohn in den Wasserfall hinabwarf. »Kommt, ihr blutgierigen Höllenhunde! Ihr kriegt einen Gegenmann von unverfälschtem Blut!«

Kaum hatte er diese Worte gesprochen, so war er mit einem Wilden von gigantischem Wuchs und wutschnaubender Miene im Kampf. In demselben Augenblick fand sich Duncan von dem zweiten angegriffen und war mit ihm in Handgemeng. Mit gleicher Gewandtheit hatten Hawk-eye und sein Gegner einander die aufgehobene, mit dem tödtlichen Messer bewaffnete Hand aufgefangen. Fast eine Minute standen sie da, einander starr in's Auge blickend und alle Muskelkraft anstrengend, um obzusiegen. Endlich gewannen die zähen Sehnen des Weißen über die Glieder des weniger geübten Eingebornen die Oberhand. Der Arm des Letztern wich allmählig der wachsenden Kraft des Kundschafters, welcher plötzlich die bewaffnete Hand dem Griff des Feindes entriß und die scharfe Waffe ihm durch die nackte Brust in das Herz stieß. Mittler Weile war Heyward in einem noch gefahrvolleren Kampfe begriffen. Sein schwacher Degen war bei dem ersten Angriff zerbrochen. Da er jetzt jedes andern Vertheidigungsmittels beraubt war, so hing seine Rettung ganz von seiner Körperstärke und Entschlossenheit ab. Obgleich es ihm an keiner von beiden fehlte, so hatte er doch einen Feind gefunden, der ihm durchaus gewachsen war. Glücklicher Weise gelang es ihm bald, seinen Gegner zu entwaffnen, dessen Messer auf den Felsen zu ihren Füßen hin fiel. Von diesem Augenblick an entstand ein wildes Ringen, welcher von beiden den Andern von der schwindelnden Höhe in den nahen Abgrund des Wasserfalls hinabzustürzen vermöchte. Jeder Erfolg des Einen oder Andern brachte sie dem Rande näher, wo, wie Duncan wohl einsah, die letzte Anstrengung über den Sieg entscheiden mußte. Jeder der Ringenden bot alle seine Kräfte auf, und jeder neue Versuch brachte sie dem Rande des Absturzes näher. Heyward fühlte den Griff des Andern an seiner Kehle, und las in seinem wilden Lächeln die rachsüchtige Hoffnung, daß der Feind dem gleichen Schicksale entgegen gehe. Da fühlte er, wie sein Körper einer unwiderstehlichen Kraft zu unterliegen begann; und der junge Mann empfand die flüchtige Todesangst eines solchen Augenblicks in ihrer ganzen Furchtbarkeit. In dieser höchsten Gefahr fuhr plötzlich eine dunkle Hand und ein glänzendes Messer zwischen ihn und den Gegner. Der Indianer ließ los, als das Blut in vollen Strömen um die durchschnittenen Sehnen seines Handgelenks floß. Uncas' rettender Arm riß Duncan zurück, während sein entzücktes Auge noch auf den wilden, verzweiflungsvollen Zügen seines Feindes ruhte, der rettungslos in den vernichtenden Abgrund stürzte.

»In's Versteck! in's Versteck!« schrie Hawk-eye, der so eben seinen Gegner abgefertigt hatte; »in's Versteck, wenn euer Leben euch lieb ist! die Arbeit ist nur halb gethan!«

Der junge Mohikaner erhob ein lautes Triumphgeschrei und glitt, von Duncan gefolgt, die Anhöhe hinan, von der sie zum Kampfe herabgekommen waren, nach dem freundlichen Schutze der Felsen und Gesträuche zurück.

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