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Der letzte Mohikan

James Fenimore Cooper: Der letzte Mohikan - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDer letzte Mohikan
publisherVerlag von S. G. Liesching
translatorDr. Leonhard Tafel
year1841
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
projectid0a57063f
created20070325
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Zweiunddreißigstes Kapitel.

Es mehren Seuchen sich und Leichenfeuer,
Bis ohne Lösegeld der große König
Nach Chrysa schickt das Mädchen, schwarz von Augen.
Pope.

Während Uncas seine Streitkräfte auf diese Weise vertheilte, waren die Wälder so still und mit Ausnahme derer, die sich so eben berathen hatten, scheinbar so unbewohnt, als ob sie eben erst aus den Händen des Schöpfers gekommen wären. Das Auge konnte nach allen Richtungen hin durch die langen und schattigen Wölbungen der Bäume blicken, aber nirgends war ein Gegenstand zu sehen, der nicht zu der friedlichen und schlummernden Scene rings umher gestimmt hätte. Hier und da hörte man einen Vogel zwischen den Aesten der Bäume flattern, oder ließ ein Eichhörnchen eine Nuß fallen, deren Geräusch den aufgeschreckten Trupp einen Augenblick nach der Stelle hinblicken ließ. Sobald aber die zufällige Unterbrechung vorüber war, hörte man die Luft wieder leise über die wogende grüne Waldfläche dahinsäuseln, die sich, nur hin und wieder von einem Fluß oder See unterbrochen, über eine so endlose Strecke Landes verbreitete. Der Strich der Wildniß zwischen den Delawaren und dem Dorfe ihrer Feinde schien noch von keinem Fuße eines Menschen betreten, so tief und athemlos war die Stille, die auf ihm ruhte. Aber Hawk-eye, dessen Amt es war, am weitesten vorzudringen, kannte den Charakter seiner Gegner zu gut, um dieser verrätherischen Ruhe zu trauen.

Als der Kundschafter seine kleine Schaar um sich gesammelt sah, warf er den Wildtödter in den Bug des Armes und gab ihr schweigend ein Zeichen, daß sie ihm folgen sollten. Er führte sie einige Ruthen weit rückwärts nach dem Bett eines kleinen Baches, den sie beim Vorrücken überschritten hatten. Hier machte er Halt, bis sich die ernsten und aufmerksamen Krieger alle dicht an ihn angeschlossen hatten, und fragte dann in delawarischer Sprache:

»Weiß einer meiner jungen Männer, wohin dieser Bach uns führt?«

Ein Delaware streckte die Hand aus, hielt zwei Finger auseinander, auf die Stelle deutend, wo sie sich unten wieder vereinigten, und antwortete:

»Ehe die Sonne ihre Bahn durchläuft, wird das kleine Wasser in dem großen seyn. Dann,« setzte er hinzu, nach der Richtung des erwähnten Ortes weisend, »werden die zwei groß genug für die Biber.«

»So dacht' ich auch,« versetzte der Kundschafter, sein Auge nach den Oeffnungen der Baumgipfel erhebend, »seinem Laufe nach und der Lage der Berge gemäß. Genossen, wir wollen uns unter dem Schutze seiner Ufer halten, bis wir die Huronen wittern.«

Seine Begleiter ließen den gewohnten kurzen Ausruf des Beifalls hören: als sie aber sahen, daß ihr Anführer sich nun an ihre Spitze stellen wollte, bedeuteten einige durch Zeichen, daß nicht Alles so sey, wie es seyn solle. Hawk-eye verstand ihre Blicke, wandte sich um und gewahrte, daß der Singmeister ihnen bis dahin gefolgt war.

»Wißt Ihr, Freund,« fragte der Kundschafter ernst und vielleicht mit einigem Stolz auf die Anerkenntniß seines Verdienstes, – »daß ihr unter einer Bande von Streitern seyd, zu dem verzweifeltsten Dienste erlesen, und unter den Befehlen eines Mannes, der, wenn auch ein anderer so etwas mit besserer Stirne sagen dürfte, sie nicht müßig gehen lassen wird? Sicher in den nächsten dreißig, vielleicht schon in fünf Minuten, schreiten wir über den Leib eines lebendigen oder todten Huronen weg.«

»Obgleich nicht mit Worten von eurer Absicht unterrichtet,« versetzte David, dessen Gesicht etwas geröthet war, während sein sonst ruhiges, wenig sagendes Auge von ungewöhnlichem Feuer erglänzte, »so haben mich doch Eure Männer an die Kinder Jacobs erinnert, wie sie gegen die Sichemiten zu Felde zogen, weil die ruchloserweise eine Dirne von dem auserwählten Volke des Herrn in die Ehe begehrten. Nun bin ich mit dem Mädchen, das Ihr suchet, weit gewandert, in Freud und Leid mit ihr zusammen gewesen, und obgleich ich kein Kriegsmann bin, der seine Lenden gegürtet und das scharfe Schwert in Bereitschaft hat, so wollte ich für sie doch gerne einen Streich führen.«

Der Kundschafter zögerte, als erwäge er die möglichen Folgen einer so seltsamen Genossenschaft und antwortete dann:

»Ihr wißt ja keine Waffe zu gebrauchen. Ihr habt keine Büchse, und glaubt mir, was die Mingos einnehmen, geben sie auch reichlich wieder heim.«

»Obgleich ich kein prahlerischer, blutdürstiger Goliath bin,« erwiederte David, eine Schleuder unter seiner formlosen, vielfarbigen Kleidung hervorziehend, »so habe ich doch das Beispiel des jüdischen Knaben nicht vergessen. Mit diesem alten Kriegswerkzeug bin ich in meiner Jugend viel umgegangen, und vielleicht hat mich mein Geschick noch nicht ganz verlassen.«

»Nun,« sprach Hawk-eye, den hirschledernen Riemen und das Schurzfell mit kaltem, entmuthigendem Auge betrachtend; »das Ding möchte gegen Bogen und selbst gegen Messer seine Stelle ausfüllen, diese Mengwe's aber sind von den Franzmännern Mann für Mann mit gutgezogenen Röhren versehen worden. Doch da es Euch einmal gegeben scheint, unversehrt im Feuer zu bleiben, und Ihr bisher so begünstigt waret – Major, Ihr habt den Hahn gespannt gelassen, ein einziger Schuß vor der Zeit könnte unnützer Weise gerade zwanzig Skalpe kosten – Sänger, Ihr mögt uns begleiten, wir können Euch beim Kriegsgeschrei brauchen.«

»Ich dank' Euch, Freund,« entgegnete David, indem er sich gleich seinem königlichen Namensvetter an dem Bache mit Kieselsteinen versah: »obgleich mein Sinn nicht aufs Tödten gerichtet ist, so hätte es doch meinen Geist betrübt, wenn Ihr mich weggeschickt hättet.«

»Merkt's Euch aber,« setzte der Kundschafter hinzu, an dem eigenen Haupte bedeutungsvoll auf die Stelle deutend, wo Gamut seine Wunde gehabt, »es geht zum Kampfe, nicht zum Musiciren. Ehe das allgemeine Kriegsgeschrei ertönt, darf hier nur die Büchse sprechen.«

David nickte, um seine Zustimmung zu diesen Bedingungen anzudeuten; dann warf Hawk-eye noch einen beobachtenden Blick auf seine Gefährten und gab alsbald das Zeichen weiter zu ziehen. Ihr Marsch ging eine Meile weit dem Bette des Gewässers entlang. Obgleich vor der Gefahr einer Entdeckung durch die steilen Ufer und das dichte Gestrüpp geschützt, das den Bach umgab, versäumten sie dennoch keine Vorsichtsmaßregel eines indianischen Kriegszuges. An jeder Seite ging oder kroch vielmehr ein Krieger, um hie und da verstohlene Blicke in den Wald umher zu werfen. Jede paar Minuten machte der Trupp Halt und horchte nach feindlichen Lauten mit einer Schärfe der Organe, unbegreiflich für Menschen, die dem Naturstande ferne stehen. Ihr Zug blieb jedoch ungestört, und sie erreichten den Punkt, wo sich der kleinere Bach in den größeren verlor, ohne das geringste Zeugniß, daß sie beobachtet worden wären. Hier machte der Kundschafter wieder Halt, um die Zeichen des Waldes zu Rathe zu ziehen.

»Wir werden Allem nach einen guten Tag zum Gefecht haben,« bemerkte der Kundschafter in englischer Sprache gegen Heyward, indem er nach den Wolken aufschaute, welche in breiten Schichten am Firmamente dahinzogen; »'ne glänzende Sonne und ein blinkendes Rohr sind keine Freunde eines richtigen Zielens. Alles begünstigt uns: sie haben den Wind, der uns den Schall von ihnen herweht und den Rauch dazu, was schon an sich von Bedeutung ist, da wir nach jedem Schuß wieder freie Aussicht vor uns haben. Aber hier ist's am Ende mit unserem Versteck: seit Jahrhunderten haben die Biber hier das Wasser innegehabt, und zwischen ihren Nahrungsplätzen und den Dämmen, wie Ihr sehet, sind wohl manche todte Stämme, aber nur wenig grünende Bäume zu erblicken.«

Hawk-eye hatte wirklich mit diesen wenigen Worten keine üble Beschreibung der Aussicht gegeben, welche jetzt vor ihren Augen lag. Die Breite des Baches war hier sehr ungleich: bald schoß er durch enge Felsenspalten, bald verbreitete er sich über Strecken flachen Landes, kleine Becken oder Teiche bildend. Ueberall an seinen Ufern hin schwammen zerbröckelte Ueberreste abgestorbener Bäume in allen Stufen des Dahinwelkens: solche, welche auf ihren wankenden Stämmen dröhnten, und wieder andere, kaum erst jener rauhen Hülle beraubt, welche auf eine so geheimnißvolle Weise ihre Lebenskraft eingeschlossen hält. Einige lange, niedere, moosbedeckte Holzstücke lagen zerstreut umher, gleich Denkmälern früherer, längst vergangener Geschlechter.

Alle diese kleinen Einzelheiten beachtete der Kundschafter mit einem Ernst und einem Interesse, das ihnen wahrscheinlich noch nie zu Theil geworden war. Er wußte, daß das Huronenlager nur eine kurze halbe Meile an dem Bache hinauf lag, und mit jener charakteristischen Aengstlichkeit, die eine verborgene Gefahr fürchtet, fühlte er große Unruhe darüber, daß er nicht die geringste Spur der Nähe des Feindes finden konnte. Ein paar Male war er versucht, den Befehl zu einem plötzlichen Hervorbrechen zu geben und einen Ueberfall des Dorfes zu wagen; aber seine Erfahrung rief ihm schnell die Gefahr eines so nutzlosen Versuches in's Gedächtniß. Dann lauschte er angestrengt und mit peinlicher Ungewißheit nach feindseligen Lauten aus der Gegend, wo er Uncas verlassen hatte; aber Nichts ließ sich hören, als das Pfeifen des Windes, welcher in sturmdrohenden Stößen durch das Innere des Waldes daherrauschte. Endlich beschloß er, mehr seiner dringenden Ungeduld folgend, als dem Rathe der Erfahrung, die Sache zu einer Entscheidung zu führen, mit seinen Leuten hervorzutreten und vorsichtigen, aber festen Schrittes an dem Flusse hinaufzuziehen.

Der Kundschafter hatte während dieser Beobachtungen hinter dem Schutze eines Gebüsches gestanden und seine Gefährten befanden sich tief unten noch in der Schlucht, durch welche der kleinere Bach floß. Auf sein leises, aber verständliches Signal schlich dagegen der ganze Trupp an dem Ufer, gleich dunkeln Gespenstern herauf und sammelte sich stillschweigend um ihn. Nach der Richtung, die er gewählt hatte, weisend, ging Hawk-eye voran, der Trupp löste sich in eine Reihe von Einzelnen auf, und Jeder folgte so genau des Führers Fußstapfen, daß es, etwa Heyward und David ausgenommen, nur die Fährte eines einzigen Mannes zu seyn schien. Kaum aber hatten sie sich blosgestellt, als sich in ihrem Rücken eine Salve von einem Dutzend Büchsen hören ließ. Ein Delaware sprang wie ein verwundeter Hirsch hoch in die Luft und stürzte der Länge nach augenblicklich todt zu Boden.

»Ach! Eine solche Teufelei hab' ich gefürchtet!« rief der Kundschafter englisch, und fuhr mit Blitzesschnelle in seiner eben erst angenommenen Sprache fort: »ins Versteck, Freunde, gebt Feuer!«

Der Trupp zerstreute sich auf sein Wort, und ehe Heyward sich von seiner Ueberraschung hinlänglich erholt hatte, fand er sich mit David alleinstehend. Zum Glück waren die Huronen bereits zurückgewichen und er hatte von ihrem Feuer Nichts zu befürchten. Aber so konnte es offenbar nicht lange bleiben: denn der Kundschafter gab das Beispiel, die Feinde zum Rückzuge zu treiben, indem er seine Büchse losschoß und von Baum zu Baum sprang, dem Feinde nach, der langsam zurückwich.

Der Angriff wurde, wie es schien, nur von einer sehr kleinen Abtheilung der Huronen gemacht: ihre Zahl nahm aber zu, so wie sie sich auf ihre Freunde zurückzogen, bis ihr Feuer beinahe, wo nicht ganz so stark wurde, als das, welches die vordringenden Delawaren unterhielten. Heyward warf sich mitten unter die Kämpfenden und feuerte, die nothwendige Vorsicht seiner Gefährten beobachtend, immer wieder schnell seine Büchse ab. Der Kampf wurde hitzig und blieb auf Einer Stelle. Nur Wenige wurden verwundet, da beide Parteien sich so viel als möglich durch die Bäume gedeckt hielten, und nie, als während des Zielens, irgend einen Theil ihrer Person blosstellten, Hawk-eye kam jedoch mit seinen Leuten allmählig immer mehr in Nachtheil. Der scharfblickende Kundschafter erkannte die Gefahr, kam aber auf kein Hülfsmittel. Er sah größere Gefahr im Rückzuge, als im Bleiben, während er doch bemerken mußte, daß der Feind sie zu überflügeln begann, was den Delawaren sehr schwierig machte, sich gedeckt zu halten und ihr Feuer beinahe verstummen ließ. In dieser Verlegenheit, wo sie bald von dem ganzen feindlichen Stamme eingeschlossen zu werden fürchten mußten, hörten sie mit einem Mal Schlachtgeschrei und das Echo von Waffenklang durch den Wald von der Gegend her erschallen, wo Uncas sich aufgestellt hatte. Dies war eine Niederung, gewissermaßen unter der Fläche gelegen, auf welcher der Kundschafter und seine Genossen kämpften. Dieser Angriff wirkte augenblicklich und erleichterte Hawk-eye und seine Freunde sehr. Es schien, als sey sein eigener Ueberfall vorausgesehen worden und habe deshalb fehlgeschlagen; dagegen mochte der Feind aber in dem Plane desselben und der Zahl der Streitenden sich getäuscht und zu wenig Streitkräfte zurückgelassen haben, um dem ungestümen Anfall des jungen Mohikaners zu widerstehen. Dies war um so klarer durch die Raschheit, mit welcher sich der Kampf aus dem Walde heraus nach dem Dorfe zog, wie durch die augenblickliche Trennung der feindlichen Streitkräfte, von welchen ein Theil zur Behauptung der Fronte eilte. Hier war, wie sich jetzt zeigte, der Hauptpunkt der Vertheidigung.

Mit seiner Stimme und durch eigenes Beispiel die Mannschaft ermunternd, gab jetzt Hawk-eye die Weisung, auf den Feind loszustürzen. Der Angriff bestand bei einer so kunstlosen Weise, Krieg zu führen, allein darin, von Versteck zu Versteck zu springen, näher und näher an den Feind: dies geschah alsbald und mit Glück. Die Huronen mußten sich zurückziehen, und die Scene des Kampfes zog sich reißend schnell von dem offenen Waldgrunde, auf dem sie Anfangs gewesen war, nach einem Dickichte, wo die Angegriffenen sich wieder halten konnten. Hier spann sich der Streit hartnäckig fort: wie es schien, mit zweifelhaftem Ausgang. Von den Delawaren war zwar noch Niemand gefallen, aber ihr Blut floß reichlich, in Folge ihrer unvortheilhaften Stellung.

In diesem bedenklichen Augenblick gelang es Hawk-eye hinter denselben Baum zu schlüpfen, der auch Heyward deckte; die meisten seiner Krieger waren im Bereiche seiner Stimme, etwas zur Rechten, wo sie ein rasches, aber wirkungsloses Feuer auf ihre geschützten Feinde unterhielten.

»Ihr seyd noch ein junger Mann, Major!« sprach der Kundschafter, indem er des Wildtödters Kolben auf die Erde senkte und, von seinen Mühen etwas erschöpft, sich auf das Rohr stützte; »und es kann Euch einmal beschieden werden, Truppen gegen diese Schelme, die Mingos, zu führen. Hier habt Ihr die ganze Philosophie eines Indianerkampfes! Sie besteht hauptsächlich in einer flinken Hand, einem scharfen Auge und einer guten Deckung. Nun, wenn Ihr eine Compagnie königlicher Amerikaner hier hättet, was würdet Ihr sie unter diesen Umständen thun lassen?« –

»Das Bajonett müßte eine Bahn brechen!«

»Ja, als Weißer sprecht Ihr da ganz vernünftig: aber in diesen Wildnissen muß man sich fragen, wie viel Menschenleben man schonen kann. Nein – das Pferd,«In den amerikanischen Wäldern läßt sich die Reiterei wohl verwenden, da sie nur ganz kleines Unterholz und wenig verschlungene Gesträuche haben. Hawk-eye's Plan ist der, welcher in den Kämpfen zwischen den Weißen und den Indianern immer vom besten Erfolge war: Mayne hielt auf seinem berühmten Feldzug am Miami das Feuer seiner Feinde in Reihe und Glied aus, ließ dann seine Dragoner um die Flanken schwenken, und die Indianer wurden aus ihren Verstecken vertrieben, ehe sie Zeit hatten, wieder zu laden. Einer der ausgezeichnetsten Häuptlinge, welche in der Schlacht am Miami mitkämpften, versicherte den Verfasser, daß die rothen Männer die Krieger mit den langen Messern und den Lederstrümpfen (er meinte die Dragoner mit ihren Säbeln und Stiefeln) nicht bekämpfen könnten. fuhr der Kundschafter, wie nachdenklich den Kopf schüttelnd, fort, »das Pferd, fast schäm' ich mich's zu sagen, das Pferd muß früher oder später in diesen Scharmützeln entscheiden. Das Vieh ist da besser als der Mensch, und ans Pferd müssen wir uns am Ende halten. Setzt einen beschlagenen Huf auf den Moccasin einer Rothhaut, und wenn seine Büchse einmal leer ist, wird er nicht mehr inne halten, sie wieder zu laden.«

»Das ist ein Gegenstand, den wir besser ein anderes Mal erörtern,« versetzte Heyward; »wollen wir angreifen?«

»Es widerspricht der Aufgabe eines Mannes nicht, wenn er in Augenblicken der Erholung und frischen Athemschöpfens nützliche Betrachtungen anstellt,« entgegnete der Kundschafter. »Was aber ein Hervorbrechen anlangt: ein solcher Versuch kostet immer ein paar Skalpe. Und doch,« setzte er bei, indem er den Kopf bei Seite neigte, um den Tönen des fernen Kampfes zu horchen, »und doch müssen wir die Schelme vor uns los werden, wenn wir Uncas etwas nützen wollen!«

Hierauf wandte er sich schnell und mit entschlossener Miene ab und rief laut seinen Indianern in ihrer Sprache zu. Seine Worte wurden von einem Geschrei erwiedert, und auf ein gegebenes Zeichen glitt jeder Krieger schnell um den Baum, hinter welchem er stand. Der Anblick so vieler dunkeln Gestalten, die zu gleicher Zeit vor ihren Augen erschienen, veranlaßte die Huronen zu schnellem und deshalb unwirksamem Feuern. Ohne einen Augenblick zu verlieren, sprangen die Delawaren in langen Sätzen dem Walde zu, wie Panther, die sich auf ihre Beute stürzen. Hawk-eye war voran, seine furchtbare Büchse schwingend und die Gefährten durch sein Beispiel ermunternd. Einige der älteren und erfahrenern Huronen hatten sich durch die List, die sie zum Feuern hatte verleiten sollen, nicht bethören lassen und gaben jetzt eine geschlossene und tödtliche Salve. Die Besorgnis des Kundschafters ging in Erfüllung, denn drei seiner vordersten Krieger fielen. Allein dieser Schlag konnte das Ungestüm der Angreifenden nicht aufhalten. Die Delawaren brachen mit gewohnter Wildheit in das Versteck, und die Wuth ihres Anlaufs machte jeden Widerstand unmöglich.

Der Kampf dauerte nur einen Augenblick, Mann gegen Mann, und die Angegriffenen wichen schnell zurück, bis sie den entgegengesetzten Rand des Dickichts erreichten, unter dessen Schuß sie mit einer Hartnäckigkeit sich wieder festsetzten, wie man sie bei gehetztem Wilde so oft findet. In diesem entscheidenden Augenblick, wo der Erfolg des Kampfes wieder zweifelhaft wurde, ließ sich ein Flintenknall im Rücken der Huronen vernehmen, eine Kugel pfiff von einigen Biberhütten her, die an der Lichtung im Hintergrunde standen, und gleich darauf ertönte das wilde, Schrecken erregende Schlachtgeheul.

»Hier spricht der Sagamore!« rief Hawk-eye freudig, das Geschrei mit seiner Stentorstimme erwiedernd; »wir haben sie jetzt von vorn und von hinten!«

Der Eindruck auf die Huronen zeigte sich augenblicklich. Entmuthigt durch Angriffe von einer Seite her, die ihnen auch das letzte Versteck abschnitt, stießen sie sämmtlich ein Geschrei der Verzweiflung aus, stoben aus einander und eilten zerstreut über die Lichtung hin, auf nichts als auf die Flucht bedacht. Manche fielen unter diesem Versuche unter den Kugeln und den Streichen der verfolgenden Delawaren.

Wir halten uns nicht dabei auf, das Zusammentreffen des Kundschafters mit Chingachgook, oder das noch rührendere Wiedersehen Duncan's und Munro's zu beschreiben. Wenige eilige Worte reichten hin, beide Theile mit dem Stand der Dinge bekannt zu machen: Hawk-eye stellte den Sagamoren seinen Gefährten vor und legte den Oberbefehl in die Hände des Mohikanerhänptlings nieder. Chingachgook übernahm diese Stellung, für welche ihn Geburt und Erfahrung so besonders berechtigten, mit der Würde und dem Ernste, welche den Befehlen des eingebornen Kriegers stets Ansehen verleihen. Den Fußstapfen des Kundschafters folgend, führte er den Zug durch das Dickicht zurück: seine Krieger skalpirten die gefallenen Huronen und verbargen die Leichen ihrer eigenen Todten, bis ein Punkt erreicht war, wo der Erstere für gut fand, Halt zu machen.

Die Krieger, welche sich nach dem vorangegangenen Kampfe wieder etwas erholt hatten, wurden jetzt auf einer kleinen Fläche aufgestellt, die genugsam mit Bäumen bedeckt war, um ihnen Schutz zu gewähren. Das Land fiel jäh vor ihnen ab, und unterhalb breitete sich ein enges, dunkles Waldthal mehrere Meilen weit aus. In diesem dichten, finsteren Walde war Uncas mit der Hauptmacht der Huronen immer noch im Kampfe begriffen.

Der Mohikaner und seine Freunde traten an den Rand des Hügels vor und horchten mit geübtem Ohr auf das Getöse des Kampfes. Einige Vögel, von ihren einsamen Nestern aufgescheucht, schwebten über dem Blätterteppich des Thales, und hier und da stieg eine leichte Rauchwolke über den Bäumen empor, die sich bereits mit der Atmosphäre zu vermischen schien, und deutete einen Platz an, wo der Kampf hitzig und hartnäckig gewesen seyn mochte.

»Das Gefecht kommt den Abhang herauf,« sagte Duncan, nach einer Richtung deutend, wo sich eben wieder Feuerwaffen hören ließen. »Wir sind zu sehr im Mittelpunkt ihrer Linie, um mit Nachdruck wirken zu können.«

»Sie werden sich nach dem Hohlwege ziehen, wo sie besser geschützt sind,« sagte der Kundschafter; »und dann können wir sie gerade in der Flanke nehmen. Geh', Sagamore, es wird Zeit seyn, daß du dein Kriegsgeschrei erschallen lässest und die jungen Krieger voranführst. Ich will in diesem Scharmützel neben Kriegern von meiner eigenen Farbe fechten. Du kennst mich, Mohikaner; kein Hurone von ihnen allen soll über die Anhöhe dir in den Rücken kommen, ohne daß mein Wildtödter dazwischen tritt.«

Der indianische Häuptling zögerte noch einen Augenblick, um die Zeichen des Kampfes zu beobachten, der sich nun schnell den Abhang heraufzog, ein sicherer Beweis, daß die Delawaren triumphirten. Er verließ den Platz nicht früher, als bis er von der Nähe seiner Freunde sowohl als der Feinde durch einige Kugeln überzeugt wurde, welche, von den Ersteren herrührend, in die dürren Blätter auf dem Boden niederschlugen, Hagelkörnern gleich, die dem Ausbruch eines Sturmes vorangehen. Hawk-eye und seine drei Begleiter zogen sich einige Schritte in ein Dickicht zurück und erwarteten den Ausgang mit einer Ruhe, wie sie bei einer solchen Scene nur lange Erfahrung geben konnte. Bald darauf verloren die Flintenschüsse das Echo der Wälder und klangen, als würden sie in die freie Luft gethan. Jetzt wurde hier und da ein Krieger an den Saum des Waldes getrieben, um hier an der Lichtung, als an dem Orte, wo zum letzten Male Stand gehalten werden sollte, wieder Fuß zu fassen. Immer Mehrere sammelten sich, bis sich endlich eine lange Linie schwarzer Gestalten mit der Hartnäckigkeit der Verzweiflung zu diesem letzten Schutzorte drängten. Heyward wurde ungeduldig und wandte sein Auge ängstlich nach Chingachgook. Der Häuptling, von welchem nichts als sein ruhiges Antlitz sichtbar war, saß auf einem Felsen und betrachtete das Schauspiel so bedächtlich, als ob er hier nur um des Zuschauens willen seine Stellung genommen hätte.

»Es ist Zeit für den Delawaren, loszuschlagen,« sagte Duncan.

»Nicht doch, nicht doch!« entgegnete der Kundschafter; »wenn er seine Freunde wittert, wird er sie schon wissen lassen, daß er da ist. Seht! seht! die Schelme schließen sich dort in jene Fichten zusammen, wie Bienen nach dem Schwärmen. Bei Gott, eine Squaw könnte eine Kugel in die Mitte eines solchen Knäuels von dunkeln Häuten jagen!«

In diesem Augenblick erscholl ein Kriegsgeschrei, und ein Dutzend Huronen fielen auf Chingachgooks und seiner Leute Feuer. Das Geschrei, das nun folgte, ward von einem einzelnen Kriegsruf aus dem Walde beantwortet, und ein Geheul erfüllte die Luft, als ob tausend Kehlen sich dazu vereinigt hätten. Die Huronen stutzten, verließen das Centrum ihrer Linie und Uncas brach an der Spitze von hundert Kriegern aus dem Walde in die entstandene Oeffnung hervor.

Mit den Händen rechts und links winkend zeigte der junge Häuptling seinen Gefährten den Feind, und sie trennten sich sofort in der Verfolgung. Der Kampf war jetzt getheilt, beide Flügel der durchbrochenen Huronen-Reihen suchten wieder Schutz in den Wäldern, hart gedrängt von den siegreichen Kriegern der Lenapen. Kaum war eine Minute vergangen, als sich das Getöse schon nach verschiedenen Richtungen hin entfernte, und unter dem Wiederhall der Waldgewölbe allmählig seine Deutlichkeit verlor. Eine kleine Schaar Huronen hatte jedoch verschmäht irgend einen Schutz zu suchen, und zog sich gleich bedrängten Löwen langsam und düster die Anhöhe hinan, welche Chingachgook mit seinem Truppe eben verlassen hatte, um dem Kampfe näher zu rücken. Magua ragte unter diesen durch sein wildes, trotziges Aussehen und die stolze Herrschermiene, die er noch immer behauptete, deutlich hervor.

In seiner Hast, die Verfolgung zu beschleunigen, war Uncas fast allein geblieben; sobald aber sein Auge die Gestalt Le Subtil's traf, war jede andere Rücksicht vergessen. Er erhob sein Schlachtgeschrei, das sechs oder sieben Krieger an seine Seite rief, und stürzte auf den Feind, der Ungleichheit der Zahl uneingedenk. Le Renard, der diese Bewegungen bemerkt hatte, hielt mit heimlicher Freude. um ihn zu erwarten. In dem Augenblick aber, da er den jungen Gegner durch ein so tollkühnes Ungestüm in seine Hände gegeben glaubte, ertönte ein neues Geschrei, und La longue Carabine eilte, von allen seinen weißen Gefährten begleitet, zur Hülfe herbei. Der Hurone wandte sich alsbald und begann seinen eiligen Rückzug die Anhöhe hinan.

Zu Grüßen oder Glückwünschen war keine Zeit, Uncas sezte mit Windesschnelle die Verfolgung fort, als bemerkte er die Gegenwart seiner Freunde nicht. Umsonst ermahnte ihn Hawk-eye, sich gedeckt zu halten: der junge Mohikaner trotzte dem gefährlichen Feuer seiner Feinde und zwang sie bald zu einer Flucht, die seiner Eile an Schnelligkeit gleich kam. Zum Glück war ihr Rennen von kurzer Dauer und die Weißen wurden durch ihre Stellung sehr begünstigt, sonst hätte der Delaware alle seine Begleiter überholt und wäre ein Opfer seiner Verwegenheit geworden. Aber ehe ein solches Unglück eintreten konnte, hatten Verfolger und Verfolgte das Dorf der Wyandots erreicht, einander so nahe; daß sie handgemein werden konnten. Durch den Anblick ihrer Wohnungen aufgeregt und ermüdet von der Flucht, machten die Huronen Halt und fochten mit der Wuth der Verzweiflung um ihre Versammlungshütte. Anfang und Ende des Kampfes glichen einem zerstörenden Sturmwinde. Uncas' Tomahawk, Hawk-eye's Streiche und selbst Munro's immer noch kräftiger Arm waren in dem flüchtigen Augenblick gleich thätig, und bald bedeckte sich der Boden mit Feinden. Immer aber entging Magua, obgleich er sich unerschrocken preisgab, allen Angriffen auf sein Leben, als stünde auch er unter jenem Schutze, mit welchem die Sage des Alterthums ihre Lieblingshelden überwacht seyn ließ. Ein Geheul ausstoßend, das seine Wuth und seine Täuschung tausendfach zu erkennen gab, stürzte der arglistige Häuptling, als er seine Genossen gefallen sah, nur von zwei Freunden begleitet, die allein noch am Leben waren, von dem Kampfplatz, und überließ es den Delawaren, die Köpfe der Todten des blutigen Siegeszeichens zu berauben.

Uncas, der ihn vergeblich in dem Gewühle gesucht hatte, stürzte fort, ihn zu verfolgen; Hawk-eye, Heyward und David zogen ihm nach. Alles aber, was der Kundschafter thun konnte, war, daß er die Mündung seiner Büchse seinem Freunde vorhielt, dem sie übrigens alle Dienste eines Zauberschildes leistete. Einmal war es, als wollte Magua eine zweite und letzte Anstrengung machen, seine Verluste zu rächen; allein er gab den kaum gefaßten Vorsatz wieder auf, sprang in ein Dickicht von Gebüschen, gefolgt von seinen Feinden, und schlüpfte plötzlich in die Höhle, die unsere Leser bereits kennen. Hawk-eye, welcher bisher nur aus Zärtlichkeit für Uncas nicht gefeuert hatte, erhob jetzt ein Siegsgeschrei und erklärte laut, daß ihr Opfer ihnen jetzt gewiß sey. Die Verfolger stürzten in den langen und engen Gang, noch zeitig genug, um einen flüchtigen Schein von den forteilenden Huronen zu erhaschen. Während sie durch die natürlichen Gänge und unterirdischen Gemächer der Höhle stürmten, flohen unter Geschrei und Geheul Hunderte von Weibern und Kindern vor ihnen her. Der Ort glich in dem ungewissen Dämmerlichte den Schatten-Regionen der Unterwelt, durch welche Schaaren unseliger Geister und wilder Dämonen durcheinander jagten.

Immer aber hielt Uncas, als ob das Leben für ihn nur noch eine Aufgabe hätte, sein Auge auf Magua gerichtet, Heyward und der Kundschafter blieben ihm auf der Ferse, von demselben Gefühle, wenn auch vielleicht nicht in gleich hohem Grade beseelt. Der Weg aber wurde in den düsteren, finsteren Gängen sehr mühevoll seltener und minder deutlich zeigten sich ihnen die fliehenden Krieger und für einen Augenblick glaubten sie sogar die Spur derselben verloren, als an dem fernen Ende eines Ganges, der auf den Berg zu führen schien, ein weißes flatterndes Kleid sichtbar wurde.

»Es ist Cora!« rief Heyward in einem Tone, in welchem sich Entsetzen und Freude seltsam mischten.

»Cora! Cora!« wiederholte Uncas, indem er gleich dem Hirsche des Waldes vorwärts stürzte.

»Es ist das Mädchen!« schrie der Kundschafter; »Muth, Lady; wir kommen! wir kommen!«

Die Verfolgung erneuerte sich mit einem Eifer, den der ermuthigende Anblick der Gefangenen verzehnfachte: der Weg aber wurde rauh, unterbrochen, an einigen Stellen beinahe ungangbar. Uncas warf seine Büchse weg und sprang mit Sturmeseile vorwärts, Heyward folgte rasch seinem Beispiel. Beide wurden aber augenblicklich daran erinnert, daß ihr Beginnen Thorheit war: denn sie hörten den Knall einer Flinte, welche die Huronen in den Felsenweg herab losfeuerten, und die Kugel brachte sogar dem jungen Mohikaner eine leichte Wunde bei.

»Wir müssen ihnen auf den Leib!« sprach der Kundschafter, indem er mit einem verzweifelten Sprung seine Freunde hinter sich zurückließ: »in dieser Entfernung schießen uns die Schufte alle weg; und seht, sie halten das Mädchen als einen Schild vor sich!«

Ohne auf diese Worte zu achten, oder vielmehr, ohne sie zu hören, folgten die Begleiter seinem Beispiel und kamen durch unglaubliche Anstrengungen den Fliehenden so nahe, daß sie sehen konnten, wie Cora von zwei Kriegern fortgetragen wurde, während Magua Richtung und Weise ihrer Flucht vorschrieb. In diesem Augenblicke zeichneten sich die vier Gestalten deutlich gegen eine lichte Oeffnung, die in's Freie ging, und verschwanden dann gänzlich. Fast wahnsinnig über diese Täuschung machten Uncas und Heyward Anstrengungen, die übermenschlich zu nennen waren, und stürzten aus der Höhle an der Seite des Berges, noch zeitig genug, um die Richtung der Verfolgten zu erkennen. Der Weg ging jetzt die Anhöhe hinan und war noch immer mühsam und gefährlich.

Durch seine Büchse gehindert, oder vielleicht nicht von dem tiefen Interesse für die Gefangene getrieben, wie seine Begleiter, ließ der Kundschafter Letztere ein Wenig voraus, und Uncas ließ seinerseits Heyward hinter sich. So kamen sie in unglaublich kurzer Zeit über Felsen und Abstürze weg, und siegten über Gefahren, die zu anderer Zeit und unter anderen Umständen für unübersteiglich gehalten worden wären. Aber das Ungestüm der jungen Männer wurde belohnt: sie fanden, daß die Huronen, durch Cora gehindert, in der Flucht zurückblieben.

»Halte, Hund von Wyandot!« rief Uncas aus, seinen blinkenden Tomahawk gegen Magua schwingend; »ein Delawaren-Mädchen gebietet dir Halt!«

»Ich geh' nicht weiter!« rief Cora, indem sie unerwartet an einer Felsenspitze stehen blieb, die über einem tiefen Abgrund nahe dem Gipfel des Berges hing. »Tödte mich, wenn du willst, abscheulicher Hurone: ich geh' nicht weiter!«

Die Wilden, welche das Mädchen trugen, erhoben bereitwillig ihre Tomahawks mit jener ruchlosen, teuflischen Freude, die man bösen Geistern zuschreibt, wenn sie Unheil stiften können; aber Magua wehrte ihrem Arme. Der Huronenhäuptling rang seinen Begleitern die Waffen aus der Hand, warf sie über den Felsen hinab, zog sein Messer und wandte sich mit einem Blicke an die Gefangene, in dem sich die widerstrebendsten Leidenschaften malten.

»Weib,« sprach er, »wähle: Le Subtil's Wigwam oder sein Messer!«

Cora achtete nicht auf ihn: sie warf sich auf die Kniee und erhob Augen und Arme zum Himmel und sprach mit sanfter, aber vertrauensvoller Stimme:

»Dein bin ich! Thu' mit mir nach deinem Rathschluß!«

»Weib!« wiederholte Magua mit barscher Stimme, indem er vergeblich einen Blick aus ihrem heiteren, strahlenden Auge zu erhaschen suchte, »wähle!«

Aber Cora hörte oder beachtete nicht, was er sprach. Jede Fiber zitterte an dem Huronen; er hob seinen Arm, ließ ihn aber mit einem Ausdruck der Verwirrung wieder sinken, wie Einer, der noch zweifelhaft ist. Noch einmal kämpfte er mit sich und hob die scharfe Waffe empor – da hörte man aus der Höhe herab ein durchdringendes Geschrei, Uncas erschien und sprang in wahsinnigem Drange von einer furchtbaren Höhe auf die Felsenspitze herab. Magua fuhr einen Schritt zurück und Einer seiner Begleiter benützte diese Gunst, sein Messer Cora in das Herz zu stoßen.

Der Hurone sprang wie ein Tiger auf seinen verwegenen Landsmann, der bereits zurückwich; der herabstürzende Uncas aber trennte die unnatürlichen Gegner. Durch diese Unterbrechung gestört und durch den Mord, dessen Zeuge er eben gewesen war, in Raserei versetzt, stieß Magua dem auf dem Boden liegenden Delawaren das Messer in den Rücken, ein teuflisches Frohlocken über diese feige That ausstoßend. Aber Uncas erhob sich von dem Stoße, wie ein verwundeter Panther auf den Feind stürzt, und streckte mit der letzten Anstrengung seiner sinkenden Kraft Cora's Mörder zu seinen Füßen nieder. Dann wandte er einen finstern, festen Blick auf Le Subtil, und sein Auge verrieth, was er gethan haben würde, hätten ihn nicht seine Kräfte gänzlich verlassen. Magua ergriff den kraftlosen Arm, des zu jedem Widerstande unfähigen Delawaren und stieß ihm dreimal sein Messer in den Busen; dann erst fiel das Schlachtopfer, den Blick immer noch mit einem Ausdruck der tiefsten Verachtung auf den Feind geheftet, todt zu seinen Füßen nieder.

»Erbarmen! Erbarmen, Hurone!« rief Heyward von oben, in Tönen, die vor Entsetzen beinahe erstickten, »hab' Erbarmen, und du sollst Erbarmen finden!«

Das blutige Messer nach dem stehenden Jünglinge schleudernd, stieß der siegreiche Magua ein so grimmiges, wildes, und zugleich frohlockendes Geschrei aus, daß der Ruf wilden Triumphes sogar bis zu den Ohren der Krieger drang, welche tausend Fuß unter ihm im Thale fochten. Ein Schrei aus dem Munde des Kundschafters antwortete, und seine hohe Gestalt über die gefahrvollen Felsenklippen mit so kühnem, rastlosem Schritte auf Le Subtil zueilte, als ob er die Gabe, in der Luft zu wandeln, besäße. Als aber der Jäger die Scene eines so grausenhaften Mordes erreicht hatte, waren die Todten allein auf der Felsenspitze.

Sein kühnes Auge warf einen einzigen Blick auf die Schlachtopfer und überschaute dann die Schwierigkeiten der vor ihm ansteigenden Felsenhöhe. Auf der Höhe des Berges stand, gerade am Rande des schwindlichen Absturzes, in furchtbar drohender Stellung eine Gestalt mit hoch emporgehobenen Armen. Ohne die Person näher zu betrachten, erhob Hawk-eye seine Büchse; aber ein Felsstück, das einem der Flüchtlinge unten auf den Kopf geworfen ward, zeigte das vor Entrüstung glühende Antlitz des ehrlichen Gamut. Jetzt kam Magua aus einer Felsenspalte hervor, schritt mit gleichgültiger Ruhe über die Leiche seines letzten Gefährten, übersprang einen weiten Felsenriß und klomm an einer Stelle, wo Davids Arm ihn nicht erreichen konnte, den Berg hinan. Noch ein einziger Sprung hätte ihn über den Abgrund gebracht und er wäre in Sicherheit gewesen. Ehe er jedoch den Anlauf nahm, hielt er inne, schüttelte die Hand gegen den Kundschafter und schrie:

»Die Blaßgesichter sind Hunde! Die Delawaren sind Weiber! Magua läßt sie auf den Felsen den Krähen zur Speise!«

Unter heiserem Gelächter that er einen verzweifelten Sprung, erreichte aber das Ziel nicht, obwohl seine Hände im Fallen noch ein Gestrüpp an dem Rande der Höhe zu erreichen wußten. Hawk-eye drückte sich zusammen, wie ein wildes Thier, das im Begriff ist, einen Sprung zu machen, seine ganze Gestalt zitterte so gewaltig vor Hast, daß die Mündung der halberhobenen Büchse wie ein Blatt im Winde spielte. Ohne sich mit fruchtlosen Anstrengungen zu erschöpfen, ließ der kluge Magua seinen Leib der Länge nach herunter gleiten, und fand ein Felsstück, auf dem seine Füße ruhen konnten. Dann bot er alle seine Kräfte zu einem neuen Versuche auf, der ihm auch so weit gelang, daß er sich mit den Knieen auf den Rand des Berges zu schwingen vermochte. Jetzt, da der Leib des Feindes am meisten zusammengekauert war, zog sich die bewegliche Büchse des Kundschafters an die Schulter. Die Felsen rund umher konnten nicht steter seyn, als es die Flinte in dem Augenblick wurde, da sie ihren Inhalt entlud. Die Arme des Huronen verließen ihren Halt, sein Leib fiel ein wenig zurück, während seine Kniee noch in ihrer Lage blieben. Einen unversöhnlichen Blick auf den Feind wendend, schüttelte er in grimmigem Trotze die Hand. Aber sein letzter Halt schwand und einen Augenblick sah man die dunkle Gestalt kopfüber die Luft durchschneiden, bis sie hinter dem Saume von Gesträuch, das den Felsen umgab, verschwand, ein unwiederbringlicher Raub des Todes.

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