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Der letzte Mohikan

James Fenimore Cooper: Der letzte Mohikan - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDer letzte Mohikan
publisherVerlag von S. G. Liesching
translatorDr. Leonhard Tafel
year1841
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
projectid0a57063f
created20070325
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Einunddreißigstes Kapitel.

Fluellen: Die Kinder und den Troß
erschlagen! 's ist ausdrücklich gegen Kriegs-
gebrauch; 's ist der schändlichste Schurken-
streich, merkt's euch, den es auf Erden geben
kann!
König Heinrich V.

So lange ihr Feind und sein Schlachtopfer noch sichtbar waren, blieb die Menge regungslos, als wäre sie von einer dem Huronen günstigen Macht an die Stelle gebannt; sobald er aber verschwand, erschien Alles von wilder Leidenschaft mächtig aufgeregt. Uncas blieb auf seinem erhöhten Standpunkte, Cora im Auge behaltend, bis sich die Farben ihrer Kleidung in dem Laube des Waldes verloren; dann stieg er herab, schritt schweigend durch das Gedränge und verschwand in der Hütte, welche er vor Kurzem erst verlassen hatte. Einige ernstere und aufmerksamere Krieger bemerkten, wie die Augen des jungen Häuptlings im Vorübergehen Blitze des Zornes schoßen, und folgten ihm nach dem Orte, den er zur stillen Ueberlegung sich ausersehen hatte. Jetzt wurde Tamenund und Alice entfernt, den Weibern und Kindern aber befohlen, sich zu zerstreuen. Während der bedeutsamen Stunde, die nun folgte, glich das Lager einem Schwarm aufgestörter Bienen, welche nur das Erscheinen und den Vorgang der Führerin erwarten, um einen wichtigen Flug in die Ferne zu unternehmen.

Ein junger Krieger trat endlich aus Uncas' Wohnung; er ging mit ernstem, bedächtigem Schritt auf eine Zwergfichte los, die aus den Spalten der Felsenterrasse wuchs, zog ihr die Rinde ab und kehrte, ohne zu sprechen, wieder dahin zurück, woher er gekommen war. Ihm folgte bald ein zweiter, welcher den Baum seiner Aeste beraubte und den Stamm kahl und entblößtEin Baum, welcher theilweise oder ganz seiner Rinde beraubt ist, heißt in der Landessprache blazed (gebläßt). Der Ausdruck ist gut, da ein Pferd mit einem weißen Abzeichen ebenfalls blazed genannt wird. zurückließ. Ein dritter färbte den Pfosten mit einer dunkelrothen Malerei. Alle diese Zeichen von feindlicher Absicht bei den Führern der Nation wurden von den umstehenden Kriegern mit düsterem, bedeutungsvollem Schweigen aufgenommen. Endlich erschien der Mohikaner wieder selbst: er hatte seinen Anzug bis auf den Gürtel und die Beinkleider abgelegt, und die eine Hälfte seiner schönen Gesichtszüge war mit tiefem Schwarz, wie mit einer drohenden Wolke bedeckt.

Langsam und würdevoll näherte sich Uncas dem Pfosten und begann ihn alsbald abgemessenen Schrittes zu umkreisen, nicht unähnlich einem Tanze des Alterthums; während er zugleich seine Stimme zu einem wilden, regellosen Kriegsgesang erhob. Die Töne stiegen zu der äußersten Höhe menschlicher Laute, oft so melancholisch und klagend, daß sie mit dem Gesänge der Vögel wetteiferten; und dann wieder in plötzlichen Uebergängen so tief und kraftvoll, daß die Zuhörer darunter schauerten. Der Worte waren wenige, sie wiederholten sich oft, gingen von einer Art Hymne oder einem Anrufen der Gottheit allmählig darauf über, das Kriegsvorhaben anzukündigen, und schloßen, wie sie begannen, mit der Anerkennung seiner Abhängigkeit von dem großen Geiste. Wenn es möglich wäre, die ausdrucksvolle, melodische Sprache des jungen Kriegers zu übertragen, so möchte die Ode etwa so lauten:

Manitto! Manitto! Manitto!
Du bist groß, du bist gut, du bist weise:
Mannito ! Mannito!
Du bist gerecht!
In den Himmeln, an den Wolken, oh! da gewahr' ich
Viele Flecken – viele schwarz, viele roth:
An den Himmeln, oh! da seh' ich
Viele Wolken.
In den Wäldern, in der Luft, oh! da hör' ich
Kriegsruf, Geschrei und langes Geheul.
In den Wäldern, oh! da hör' ich
Lauten Kriegsruf!
Manitto! Manitto! Manitto!
Ich bin schwach – du bist stark; ich bin langsam –
Manitto! Manitto!
Leih' mir Hülfe!

Am Ende jedes Verses, wie man es nennen konnte, machte er eine Pause, indem er seine Stimme erhob und länger aushielt, wie es den gerade ausgedrückten Gefühlen eben entsprach. Der erste Schluß war feierlich und sollte den Gedanken der Verehrung nahe legen; der zweite beschreibend und an das Aufregende gränzend; und der dritte war das wohlbekannte, schreckliche Kriegsgeschrei, das wie eine Vereinigung all der furchtbaren Klänge einer Schlacht den Lippen des jungen Kriegers entströmte. Der letzte war gleich dem ersten, demüthig, flehend. Dreimal wiederholte er diesen Gesang und ebenso oft umtanzte er den Pfosten.

Am Schluß der ersten Runde folgte ein ernster, hochgeachteter Häuptling der Lenapen seinem Beispiele, selbstgedichtete Worte singend, aber nach einer ähnlichen Weise. Krieger um Krieger schloß sich dem Tanze an, bis Alle, die in einigem Ruf und Ansehen standen, dabei versammelt waren. Das Schauspiel wurde jetzt wild und schreckhaft; die grimmigen, drohenden Gesichter der Häuptlinge erhielten einen noch gewaltigeren Ausdruck durch die grauenerregenden Töne, die sie aus tiefster Kehle ausstießen. Jetzt schlug Uncas seinen Tomahawk tief in den Pfosten und erhob die Stimme zu einem Geheul, das man sein eigenes Schlachtgeschrei nennen konnte. Damit kündigte er an, daß er die oberste Leitung in dem beabsichtigten Kriegszüge übernehme.

Dieses Signal weckte alle schlummernden Leidenschaften des ganzen Stammes. Hundert Jünglinge, die bisher die Scheu der Jugend zurückgehalten hatte, stürzten, Wahnsinnigen gleich, auf das Sinnbild des Feindes, und hieben Splitter um Splitter zusammen, bis von dem Stamme nichts mehr als die Wurzeln in der Erde übrig war. Während dieses Tumults wurden an den einzelnen Ueberresten des Baumes alle Gräuelthaten des Kriegs, wie es schien, mit einer Wuth verübt, als ob sie die lebendigen Opfer ihrer Grausamkeit wären. Die Einen wurden skalpirt, die Andern erhielten Streiche mit der scharfen, blinkenden Axt, wieder Andere erlitten Stöße von dem tödtenden Messer. Kurz, der Eifer und die wilde Freude waren so groß und unzweideutig, daß man wohl erkannte, die Unternehmung werde zu einem Kriege der ganzen Nation werden.

Sobald Uncas den Streich geführt hatte, trat er aus dem Kreise und warf sein Auge nach der Sonne empor, welche eben den Punkt erreichte, wo der Waffenstillstand mit Magua zu Ende ging. Ein entsprechendes Geschrei verkündete den Augenblick, und die ganze tobende Menge verließ unter durchdringenden Freudenrufen ihr mimisches Kampfspiel, um sich für die gefährlichere Wirklichkeit vorzubereiten.

Augenblicklich war das ganze Lager wie umgewandelt. Die Krieger, bereits bewaffnet und bemalt, wurden so stumm, als ob sie keines ungewöhnlichen Ausdrucks ihrer Gemüthsbewegung fähig wären. Dagegen stürzten die Frauen aus ihren Wohnungen, abwechselnd Gesänge der Freude und der Klage erhebend, in so seltsamem Gemisch, daß man schwer sagen konnte, welche Empfindung die Vorherrschende sey. Keine war jedoch müßig. Die Einen trugen ihre kostbarste Habe, Andere ihre Kinder, wieder Andere alte und gebrechliche Personen in den Wald, der wie ein glänzend grüner Teppich die Ansteigung des Berges bedeckte. Hieher begab sich auch Tamenund mit ruhiger Fassung nach einer kurzen und rührenden Unterredung mit Uncas, von welchem sich der Greis mit dem Widerstreben eines Vaters trennte, der ein längst verlorenes, eben wieder gewonnenes Kind verlassen soll.

Mittlerweile hatte Duncan Alice in Sicherheit gebracht und suchte jetzt den Kundschafter auf, mit einem Ausdrucke, welcher deutlich verrieth, wie sehr auch er nach dem nahen Kampfe dürste.

Hawk-eye aber war an den Schlachtgesang und die kriegerischen Bewegungen der Eingebornen zu sehr gewöhnt, um an der Scene um ihn her Theilnahme zu zeigen. Gelegentlich nur warf er einen Blick auf die Zahl und Tüchtigkeit der Krieger, welche von Zeit zu Zeit ihre Bereitwilligkeit, Uncas in den Kampf zu begleiten, kundgaben. Hierin sah er sich bald befriedigt: alle streitbaren Männer der Nation hatten sich, wie wir bereits gesehen haben, schnell um den jungen Häuptling gesammelt. Nachdem er über diesen Hauptpunkt im Reinen war, sandte er einen indianischen Knaben ab, seinen Wildtödter und Uncas' Büchse von der Stelle zu holen, wo sie die Waffen bei ihrer Annäherung an das Lager der Delawaren niedergelegt hatten. Diese Vorsicht war doppelt klug gewählt worden: sie schützte ihre Waffen vor gleichem Schicksal, wenn sie selbst als Gefangene zurückgehalten wurden, und gab ihnen den Vortheil, unter den Fremden mehr als Nothleidende denn als Männer zu erscheinen, die Mittel zur Vertheidigung und zum Unterhalte besäßen. Wenn der Kundschafter einen Andern wählte, um seine hochgeschätzte Waffe wieder zu gewinnen, so hatte er damit nur seine gewöhnliche Behutsamkeit gezeigt. Er wußte, daß Magua nicht unbegleitet gekommen war, und ebenso, daß Spione der Huronen dem ganzen Saume der Wälder entlang die Bewegungen ihrer neuen Feinde belauerten. Hätte er selbst den Versuch gemacht, so konnte er ihm Verderben bringen, wie jedem andern Krieger: Gefahr für einen Knaben war aber erst vorauszusehen, wenn man dessen Absicht entdeckte. Als Heyward zu dem Kundschafter trat, erwartete dieser ruhig den Erfolg dieses Versuches ab.

Dem Knaben, der wohl unterrichtet und schlau genug war, schwoll die Brust vor Stolz über das ihm geschenkte Vertrauen und vor jugendlichem Ehrgeiz; er eilte sorgenlos über die Lichtung hin nach dem Walde und betrat ihn in geringer Entfernung von der Stelle, wo die Gewehre verborgen lagen. Sobald er von den Blättern der Büsche gedeckt war, sah man seine dunkle Gestalt einer Schlange gleich, nach dem gewünschten Schatze hingleiten. Er gewann ihn und flog im nächsten Augenblick, in jeder Hand einen Preis seines Muthes, pfeilschnell über die schmale Lichtung hin, welche die Terrasse des Dorfes begränzte. Schon hatte er die Felsen gewonnen und sprang mit unglaublicher Behendigkeit hinan, da fiel ein Schuß aus dem Walde und bewies, wie wahr der Kundschafter geurtheilt hatte. Der Knabe antwortete mit einem leichten, verächtlichen Schrei; und sogleich ward ihm von einer andern Seite des Verstecks eine zweite Kugel nachgesendet. Jetzt erschien er auf der Fläche oben und eilte, seine Büchsen im Triumphe emporhebend, mit der Miene eines Siegers auf den berühmten Jäger zu, der ihn mit einem so ruhmvollen Auftrag beehrt hatte.

Trotz des lebhaften Antheils, den Hawk-eye an dem Schicksale seines Boten genommen hatte, empfing er doch den Wildtödter mit einer Freude, die für den Augenblick alle anderen Gedanken aus seiner Seele verdrängte. Nachdem er das Gewehr mit scharfem Auge gemustert, die Zündpfanne zehen bis fünfzehen Male geöffnet und geschlossen und verschiedene andere wichtige Versuche mit dem Schloß gemacht hatte, wandte er sich an den Knaben und fragte mit vieler Güte, ob er beschädigt sey. Der junge Held sah ihm stolz ins Gesicht, gab aber keine Antwort.

»Ja, ja! Ich seh's, Junge, die Schufte haben dir den Arm gestreift!« setzte der Kundschafter hinzu, indem er das Glied des standhaften Dulders, welches eine tiefe Fleischwunde von einer der Kugeln erhalten, emporhielt; »aber ein paar gequetschte Erlenblätter werden Wunder darauf thun. Indessen will ich ein Wampum-Stück darauf binden! Frühe hast du das Kriegshandwerk begonnen, wackrer Junge, und wirst ohne Zweifel eine gute Anzahl ehrenvoller Narben mit in dein Grab nehmen. Ich kenne manche junge Männer, die schon Skalpe abzogen und kein solches Zeichen aufzuweisen haben. Geh,« sprach er, nachdem er ihm den Arm verbunden hatte, »aus dir wird dereinst ein Häuptling werden.«

Der Knabe entfernte sich, stolzer auf das Blut, das an ihm herabfloß, als der eitelste Höfling auf sein rothes Band seyn kann, und wandelte unter seinen Gespielen umher, ein Gegenstand des Neides und allgemeiner Bewunderung.

Aber in einem Augenblick, wo so ernste und wichtige Pflichten mahnten, fand dieser einzelne Zug jugendlichen Muthes nicht die Beachtung und das Lob, die ihm in günstigeren Zeiten zu Theil geworden wären. Er hatte jedoch dazu gedient, die Delawaren über die Stellung und die Absichten ihrer Feinde zu unterrichten. Sofort wurde eine Abtheilung von Plänklern, einer solchen Aufgabe besser gewachsen, als der schwache wenn gleich muthvolle Knabe, abgeordnet, um die Laurer zu vertreiben. Dies war bald gethan: denn die meisten Huronen hatten sich von selbst zurückgezogen, sobald sie sich entdeckt sahen. Die Delawaren folgten ihnen eine ziemliche Strecke weit von dem eigenen Lager weg und warteten dann weiterer Befehle, um nicht in einen Hinterhalt geleitet zu werden. Da beide Theile sich verborgen hielten, so wurde der Wald wieder so still und ruhig, als ihn ein milder Sommermorgen und tiefe Einsamkeit nur immer machen konnten.

Der ruhige und doch ungeduldige Uncas versammelte jetzt seine Häuptlinge und vertheilte seine Streitmacht, Er stellte ihnen Hawk-eye als einen oft erprobten Krieger vor, der unbedingtes Vertrauen verdiene. Als er fand, daß sein Freund günstig aufgenommen wurde, stellte er zwanzig Krieger unter seinen Befehl, gleich ihm rüstig, gewandt und entschlossen. Dann erläuterte er den Delawaren Heyward's Rang bei den Truppen der Yengeese, und bot ihm eine eben so wichtige Stelle an, Duncan aber lehnte den Antrag ab und erklärte sich bereit, an der Seite des Kundschafters als Freiwilliger zu kämpfen. Nach diesen Bestimmungen wies Uncas mehreren eingebornen Häuptlingen ihre Obliegenheiten an; und gab, da die Zeit drängte, das Zeichen zum Marsche. Schweigsam, aber mit Freuden gehorchten mehr denn zweihundert Krieger. Ihr Eintritt in den Wald blieb vollkommen unangefochten: sie begegneten keinem lebenden Wesen, das sie hätte beunruhigen oder innen Aufschluß geben können, bis sie an die Verstecke ihrer eigenen Kundschafter gelangten. Hier wurde Halt gemacht, und die Häuptlinge versammelten sich zu flüsternder Berathung. Verschiedene Operationsplane wurden vorgeschlagen, doch keiner von der Art, daß er mit den Wünschen ihres feurigen Anführers zusammenstimmte. Wäre Uncas dem Drange seiner Neigung gefolgt, so hätte er, ohne einen Augenblick zu zögern, seine Gefährten zum Angriff geführt und den Kampf mit einem Male entschieden: ein solcher Gang aber wäre mit der Gewohnheit und Ansicht seiner Landsleute in zu grellem Widerspruch gestanden. Er war daher genöthigt, eine Vorsicht zu beobachten, die er in seiner jetzigen Stimmung verwünschte, und Rathschläge anzuhören, die seinen feurigen Geist in Entrüstung versetzten, wenn er Cora's Gefahr und Magua's Uebermuth lebhaft gedachte.

Nach einer unbefriedigenden Berathung von einigen Minuten sahen sie von feindlicher Seite her einen einzelnen Mann scheinbar so eilig an sie herankommen, daß sie glaubten, er könnte ein Bote mit Friedens-Vorschlägen sehn. Als sich der Fremde aber dem Versteck, hinter welchem die Delawaren der Berathung pflogen, auf etwa hundert und fünf und zwanzig Schritte genähert hatte, zögerte er; wie es schien, ungewiß, welchen Weg er einschlagen solle, und blieb endlich stehen. Aller Augen waren jetzt auf Uncas gerichtet, als erwarteten sie von ihm Verhaltungsregeln.

»Hawk-eye,« sprach der junge Häuptling mit leiser Stimme, »er darf nie wieder mit den Huronen sprechen.«

»Sein Stündlein hat geschlagen,« sprach der Kundschafter lakonisch, indem er das lange Rohr seiner Büchse durch die Blätter steckte und bedächtlich sein verhängnisvolles Ziel suchte. Statt aber abzudrücken, senkte er die Mündung und überließ sich einem Ausbruch der ihm eignen Heiterkeit. »Ich nahm den Schelm für einen Mingo, so wahr ich ein armer Sünder bin!« sprach er: »als mein Auge aber an seinen Rippen hinschweifte, um einen Platz für die Kugel zu suchen, da bekam ich – wirst du es glauben, Uncas – unseres Musikers Blasinstrument zu Gesicht! und so ist es, Allem nach, unser Gamut, dessen Tod Niemand nützen, dessen Leben uns aber, wenn seine Zunge anders etwas mehr als singen kann, für viele Zwecke nützlich zu werden vermag. Wenn Töne nicht alle Kraft verloren haben, so will ich alsbald mit dem ehrlichen Burschen ins Gespräch kommen, und das mit einer Stimme, die er angenehmer finden wird als meinen Wildtödter.«

Mit diesen Worten legte Hawk-eye seine Büchse bei Seite, kroch durch die Büsche, bis ihn David hören konnte, und wiederholte jene musikalischen Versuche, welche ihn mit so viel Sicherheit und Glanz durch das Lager der Huronen geführt hatten. Davids verfeinerte Organe ließen sich nicht leicht täuschen (und wirklich wäre es auch jedem Andern, außer Hawk-eye, schwer gefallen, einen ähnlichen Lärm hervorzubringen), und da er solche Töne schon ein Mal gehört hatte, erkannte er, woher sie rührten. Der arme Schelm schien mit einemmale einer großen Noth enthoben: er folgte der Richtung der Stimme – eine Aufgabe, die für ihn nicht viel weniger schwierig war, als wenn er einer Batterie hätte entgegengehen sollen – und entdeckte bald den verborgenen Sänger.

»Ich möchte wohl wissen, was die Huronen hievon denken!« sprach der Kundschafter lachend, indem er seinen Begleiter am Arme nahm und ihn in den Hintergrund zog. »Wenn die Schelme innerhalb Hörweite liegen, so werden sie sagen, statt eines Narren sind nun zwei da. Aber hier sind wir sicher,« fuhr er fort, indem er auf Uncas und seine Krieger deutete, »Nun erzählt uns in gutem Englisch, was die Mingos alles vorhaben, aber ohne Eure Künsteleien mit der Stimme.«

David gaffte die trotzigen und wild aussehenden Häuptlinge in stummer Verwunderung an: aber durch den Anblick bekannter Gesichter wieder ermuthigt, nahm er sich in soweit zusammen, daß er eine verständliche Antwort geben konnte.

»Die Heiden sind in großer Anzahl ausgezogen,« sprach David; »und ich fürchte, sie haben nichts Gutes im Sinne. Seit einer Stunde war ein Geheul, ein gottloses Jauchzen in Tönen, die auszustoßen Sünde ist, unter ihnen, daß ich davon floh, um bei den Delawaren Frieden zu suchen.«

»Eure Ohren hätten bei dem Wechsel nicht viel gewonnen, wenn Ihr schneller zu Fuß gewesen wäret,« antwortete der Kundschafter etwas trocken. »Doch lassen wir das – wo sind die Huronen?«

»Sie liegen zwischen hier und dem Dorfe zahlreich in dem Walde verborgen, so daß es der Klugheit gemäß wäre, sogleich umzukehren.«

Uncas warf einen Blick längs der Baumreihe hin, die seine Schaar verborgen hielt, und fragte:

»Magua?«

»Ist unter ihnen. Er brachte das Mädchen zurück, welches bei den Delawaren gewesen war, ließ sie in der Höhle zurück und stellte sich dann, einem wüthenden Wolfe gleich, an die Spitze seiner Wilden. Ich weiß nicht, was seinen Geist so gewaltig aufgeregt hat!«

»Er hat sie, sagt Ihr, in der Höhle zurückgelassen?« unterbrach ihn Heyward. »Es ist gut, daß wir deren Lage kennen! Können wir nichts thun, sie sogleich zu befreien?«

Uncas sah den Kundschafter ernsthaft an, und fragte dann:

»Was sagt Hawk-eye?«

»Gib mir meine zwanzig Büchsen, dann wend' ich mich rechts, dem Wasser nach, geh' an den Biberhütten vorbei und nehm' den Sagamoren und den Obrist zu mir. Dann sollst du das Schlachtgeschrei von jener Seite hören; bei diesem Winde dringt es schon eine Meile weit. Dann, Uncas, greifst du sie von vorne an, und wenn sie uns in Schußweite kommen, sollen sie eine Salve haben, daß sich, die Ehre eines alten Gränzjägers zum Pfande, ihre Linie wie ein Bogen von Eschenholz biegen soll. Dann gehen wir auf das Dorf los, befreien das Mädchen aus der Höhle und bringen die Sache mit dem Stamme zu Ende, nach europäischer Kampfweise durch einen siegreichen Schlag, oder auf indianische Manier durch List und Hinterhalt. Dieser Plan ist zwar nicht sehr gelehrt, Major, aber mit Muth und Ausdauer läßt sich Alles zu Stande bringen.«

»Er gefällt mir wohl!« rief Duncan, sobald er sah, daß Cora's Befreiung des Kundschafters Hauptaugenmerk war, »er gefällt mir wohl. Nun sogleich zur Ausführung!«

Nach einer kurzen Besprechung war der Plan zur Reife gelangt und den verschiedenen Partien deutlicher gemacht. Signale wurden verabredet, und die Häuptlinge trennten sich, ein jeder auf den ihm zugetheilten Posten.

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