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Der letzte Mohikan

James Fenimore Cooper: Der letzte Mohikan - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDer letzte Mohikan
publisherVerlag von S. G. Liesching
translatorDr. Leonhard Tafel
year1841
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
projectid0a57063f
created20070325
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Dreißigstes Kapitel.

Wenn Ihr's mir weigert, pfui auf Eu'r Gesetz
Dann sind Venedigs Urtheil' ohne Kraft:
Ich will mein Recht; antworte, soll ich's haben?
Shakespeare.

Manche ängstliche Minuten dauerte das Stillschweigen und kein Menschenlaut unterbrach es. Dann öffnete sich die wogende Menge, schloß sich wieder und Uncas stand in dem Kreise der Versammelten. Aller Augen, welche bisher in den Gesichtszügen des Weisen, als dem Born ihrer Einsicht, neugierig geforscht hatten, wandten sich jetzt und hafteten in stiller Bewunderung auf der hohen, geschmeidigen, tadellosen Gestalt des Gefangenen. Aber weder die ganze Umgebung, noch die ausschließliche Aufmerksamkeit, die er auf sich zog, störte die Selbstbeherrschung des jungen Mohikaners. Er warf einen bedächtigen, beobachtenden Blick um sich her und begegnete dem entschiedenen feindseligen Ausdruck der Häuptlinge mit derselben Ruhe, wie dem neugierigen Gaffen der Kinder. Als aber sein stolzes und forschendes Auge zuletzt auf Tamenund fiel, blieb es ruhen, als ob alle andere Gegenstände vergessen wären. Dann trat er mit leisem, geräuschlosem Schritt auf dem Platze vor, unmittelbar zu dem erhöhten Stuhle des Weisen. Hier stand er unbeachtet, Jenen scharf ins Auge fassend, bis einer der Häuptlinge Tamenund von seiner Gegenwart in Kenntniß setzte.

»In welcher Sprache spricht der Gefangene mit Manitto?« fragte der Patriarch, ohne die Augen aufzuschlagen.

»In der seiner Väter,« antwortete Uncas; »in der Sprache der Delawaren.«

Auf diese plötzliche, unerwartete Aeußerung lief ein gedämpftes, wildes Murren durch die Menge hin, dem Brummen des Löwen vergleichbar, wenn seine Leidenschaft erwacht: ein furchtbares Vorzeichen künftigen Grimmes. Der Eindruck dieser Worte auf den Weisen war ebenso stark, obgleich er sich auf andere Art zu erkennen gab. Er fuhr mit der Hand über die Augen, als wolle er sie vor einem so schmachvollen Anblick ferne halten, und wiederholte in seinen leisen Kehllauten die so eben gehörten Worte:

»Ein Delaware! Ich habe erlebt, daß die Stämme der Lenapen, von ihren Versammlungsfeuern vertrieben, gleich zersprengten Rudeln Wildes zwischen die Berge der Irokesen zerstreut wurden. Ich habe die Aexte eines fremden Volkes die Wälder in den Thälern fällen sehen, welche die Stürme des Himmels verschont hatten. Ich habe gesehen, wie das Wild, das auf den Bergen geht, und die Vögel, welche über die Bäume stiegen, in den Wigwams der Menschen leben, aber noch nie zuvor hab' ich gefunden, daß ein Delaware so niederträchtig war, einer giftigen Schlange gleich, in die Lager seiner Nation zu kriechen.«

»Die Singvögel haben ihre Schnäbel geöffnet,« entgegnete Uncas in den sanftesten Tönen seiner melodischen Stimme; »und Tamenund hat auf ihren Gesang gehört!«

Der Weise fuhr empor und neigte sein Haupt auf die Seite, als wollte er die fliehenden Töne einer verklungenen Melodie erhaschen.

»Träumt Tamenund?« rief er. »Welche Stimme klingt in seinem Ohr? Sind die Winter rückwärts gegangen? Wird der Sommer wieder zu den Kindern der Lenapen kommen?«

Feierliches, ehrfurchtsvolles Schweigen folgte diesem unzusammenhängenden Ausbruch aus dem Munde des delawarischen Propheten. Sein Volk bildete diese unverständliche Rede gerne zu einer jener geheimnißvollen Unterredungen, die er, wie sie glaubten, öfter mit einem höheren Wesen pflege; und Alle erwarteten mit heiliger Scheu den Schluß der Offenbarung. Nach einer langen Pause jedoch wagte einer der betagten Männer, als er wahrnahm, daß der Weise die Erinnerung an den anwesenden Fremdling ganz verloren habe, ihn an den Gefangenen zu mahnen.

»Der falsche Delaware zittert, Tamenund's Worte zu vernehmen,« sprach er. »Es ist ein Spürhund, welcher heult, wenn ihm die Yengeese eine Fährte zeigen.«

»Und ihr,« entgegnete Uncas, finster um sich blickend, »seyd Hunde, welche winseln, wenn euch der Franzmann den Abfall von seinem Wilde vorwirft!«

Zwanzig Messer blitzten in der Luft und eben so viele Krieger sprangen nach dieser beißenden und vielleicht gerechten Erwiederung auf, aber ein Wink eines der Häuptlinge unterdrückte den Ausbruch ihrer Wuth und stellte scheinbar die Ruhe wieder her. Dies wäre vielleicht schwieriger gewesen, hatte nicht Tamenund durch eine Bewegung angedeutet, daß er wieder sprechen wolle.

»Delaware,« begann der Weise wieder, »wenig verdienst du deinen Namen. Mein Volk hat seit vielen Wintern keinen hellen Sonnenschein gesehen, und der Krieger, welcher seinen Stamm verläßt, wenn Wolken ihn verhüllen, ist ein doppelter Verräther. Manitto's Gesetz ist gerecht. So ist es: so lange die Ströme fließen und die Berge stehen, so lange die Blüthen auf den Bäumen kommen und wieder gehen, muß es so seyn. Er ist euer, meine Kinder, verfahrt mit ihm nach Gerechtigkeit.«

Kein Glied hatte sich bewegt, kein Athemzug hatte sich lauter und länger hören lassen, bis die letzte Silbe dieses Endurtheils Tamenund's Lippen entflohen war. Jetzt aber erscholl mit Einemmal ein Rachegeschrei, wie es schien, aus dem Munde der ganzen Nation, ein schrecklicher Vorbote ihrer barbarischen Absichten. Mitten unter diesem langanhaltenden, wilden Geheul verkündete ein Häuptling mit lauter Stimme, der Gefangene sey verurtheilt, die schreckliche Probe der Feuerqual zu bestehen. Der Kreis löste sich unordentlich auf und frohlockende Rufe mischten sich in den Lärm und Tumult der Zurüstungen. Heyward rang halb wahnsinnig mit seinen Siegern: Hawk-eye begann ängstlich und mit besonderem Ernste um sich zu blicken, und Cora warf sich dem Patriarchen zu Füßen, noch einmal seine Gnade anzuflehen.

In diesen Augenblicken der Prüfung war Uncas allein heiter geblieben. Standhaft blickte er auf die Vorbereitungen, und als die Quäker nahten, um ihn zu ergreifen, erwartete er sie in fester, aufrechter Haltung. Einer unter ihnen, wo möglich noch grimmiger und wilder als die Andern, griff den jungen Krieger bei seinem Jagdhemd und zerrte es ihm mit einem Griff vom Leibe. Dann stürzte er mit wahnsinnigem Jubel auf sein widerstandloses Schlachtopfer, um es an den Pfahl zu führen. In dem Augenblick aber, da der Wille den Gefühlen der Menschlichkeit am meisten entfremdet schien, hielt er so plötzlich inne, als ob eine übernatürliche Macht für Uncas gesprochen hätte. Die Augäpfel des Delawaren schienen aus ihren Höhlen treten zu wollen; sein Mund öffnete sich und seine ganze Gestalt war vor Erstaunen wie erstarrt. Langsam und gemessen erhob er seine Hand und wies mit dem Finger auf die Brust des Gefangenen. Seine Begleiter drängten sich verwundert um ihn, und aller Augen waren, gleich den seinigen, auf die Gestalt einer kleinen Schildkröte geheftet, die in glänzend blauer Farbe auf die Brust des Gefangenen tättowirt war.

Ruhig lächelnd genoß Uncas einen Augenblick seines Triumphes. Dann wies er die Menge mit einer stolzen Bewegung seines Armes zurück, trat mit der Würde eines Königs vor das Volk und sprach mit einer Stimme, welche das laut werdende Gemurmel der Bewunderung übertönte:

»Männer der Lenni-Lenapen! Mein Geschlecht trägt die Erde! Euer schwacher Stamm steht auf meiner Schale! – Welches Feuer, von einem Delawaren angezündet, würde das Kind meiner Väter verbrennen?« fuhr er fort, mit Stolz auf den einfachen Bilderschmuck seiner Haut deutend. »Das Blut aus einem solchen Born müßte eure Flammen ersticken. Mein Geschlecht ist der Großvater von Nationen!«

»Wer bist du?« fragte Tamenund und erhob sich, mehr in Folge der erschütternden Laute, die in sein Ohr drangen, als eines aus den Worten des Gefangenen geschöpften Sinnes.

»Uncas, der Sohn Chingachgook's!« antwortete der Gefangene bescheiden, sich von der Menge wendend und sein Haupt ehrerbietig vor dem Rang und den Jahren des Andern beugend; »ein Sohn des großen Unamis

»Tamenund's Stunde ist nahe!« rief der Weise; »der Tag hat sich endlich zur Nacht gewendet! Ich danke dem Manitto, daß Einer hier ist, meinen Platz an dem Versammlungsfeuer einzunehmen. Uncas, das Kind des Uncas ist gefunden! Laßt die Augen des sterbenden Adlers in die aufgehende Sonne blicken!«

Der Jüngling trat leichten, aber stolzen Schrittes auf die Erhöhung hinan, wo er der ganzen bewegten und verwunderten Menge sichtbar ward. Tamenund hielt ihn lange an seinem Arme gefaßt vor sich, und nahm jeden Zug des schönen Antlitzes in sich auf, mit unverwandtem Auge auf Uncas schauend, wie Einer, der sich glückliche Tage wieder zurückruft.

»Ist Tamenund ein Knabe?« rief der verwirrte Prophet endlich aus. »Habe ich von so manchem Winter geträumt – geträumt, daß mein Volk gleich dem fluthenden Sande zerstreut worden ist – von den Yengeese, zahlreicher als die Blätter auf den Bäumen! Tamenund's Pfeil würde das Hirschkalb nicht mehr schrecken, sein Arm ist welk, wie der Ast einer abgestorbenen Eiche; die Schnecke würde schneller im Wettlauf seyn; und doch steht Uncas vor ihm, wie damals, als sie zum Kampfe mit den Blaßgesichtern zogen! Uncas, der Panther seines Stammes, der älteste Sohn der Lenapen, der weiseste Sagamore der Mohikaner! Sagt mir, ihr Delawaren, hat Tamenund hundert Winter lang geschlafen?«

Die ruhige, tiefe Stille, die diesen Worten folgte, verkündete zur Genüge, mit welch ehrerbietiger Scheu die Mittheilung des Patriarchen von seinem Volke aufgenommen worden war. Niemand wagte zu antworten, und Alle starrten in athemloser Erwartung, was folgen werde. Uncas aber, der ihm mit der Zärtlichkeit und Verehrung eines Lieblingskindes ins Antlitz sah, erwiederte, auf seine hohe, anerkannte Stellung vertrauend:

»Vier Krieger seines Geschlechts haben gelebt und sind gestorben, seit Tamenund's Freund sein Volk in die Schlacht führte. Das Blut der Schildkröte rann in den Adern vieler Häuptlinge; sie sind aber in die Erde zurückgekehrt, aus der sie kamen, außer Chingachgook und seinem Sohn.«

»Es ist wahr – es ist wahr,« versetzte der Weise, dem ein Blitz der Erinnerung alle die lieblichen Bilder zerstörte und ihm mit einemmale das wahre Bewußtseyn von der Geschichte seines Volkes wiedergab. »Unsere weisen Männer haben oft gesagt, daß zwei Krieger aus dem alten, wandellosen Geschlechte noch in den Bergen der Yengeese weilten. Warum sind ihre Sitze bei den Versammlungsfeuern der Delawaren so lange leer geblieben?«

Bei diesen Worten richtete der junge Mann sein Haupt empor, das er seither ehrerbietig gesenkt hielt, erhob seine Stimme, um vor der ganzen Menge mit einem Male die Politik seiner Familie zu erläutern und sprach laut:

»Es war eine Zeit, da wir in unserem Schlafe den Salzsee in seiner Wuth sprechen hören konnten. Damals waren wir Herrscher und Sagamoren über das Land. Als sich aber an jedem Bache ein Blaßgesicht zeigte, folgten wir dem Wilde, zurück nach dem Flusse unserer Nation. Die Delawaren waren fortgezogen. Wenige Krieger nur blieben, um von dem Strome zu trinken, den sie liebten. Dann sagten meine Väter: hier wollen wir jagen. Die Wasser des Flusses gehen in den Salzsee. Gehen wir dem Untergang der Sonne zu, so finden wir Ströme, welche in die großen Seen von süßem Wasser fließen: da würde ein Mohikaner sterben, gleich dem Fische der See, wenn er in das klare Wasser kommt. Wenn Manitto bereit ist und spricht: kommet! so folgen wir dem Flusse nach dem Meere und nehmen wieder was unser ist. Dies, Delawaren, ist der Glaube der Kinder der Schildkröte. Unsere Augen blicken nach der aufgehenden, nicht nach der niedergehenden Sonne. Wir wissen, woher sie kommt, aber nicht, wohin sie geht. Es ist genug!«

Die Männer der Lenapen hörten seinen Worten mit all der Achtung zu, die der Aberglaube zu leihen vermag, und fanden selbst in der bildlichen Sprache, in welcher der junge Sagamore feine Gedanken mittheilte, einen geheimen Reiz. Uncas selbst beobachtete mit kundigem Auge den Eindruck dieser kurzen Erläuterung und stimmte den Ton der Hoheit, welchen er angenommen hatte, allmählig wieder herab, als er bemerkte, daß seine Zuhörer befriedigt waren. Sein Blick, der über die, um Tamenund's erhabenen Sitz versammelte Menge schweifte, traf Hawk-eye in seinen Banden. Ungestüm vorschreitend drängte er sich zu seinem Freunde heran, durchschnitt mit schneller, ungeduldiger Hand die Riemen und winkte der Menge, sich zu theilen. Die Indianer gehorchten schweigend und wieder bildeten sie einen Kreis, gleich dem vor des Jünglings Erscheinen unter ihnen, Uncas nahm den Kundschafter bei der Hand und führte ihn zu den Füßen des Patriarchen.

»Vater,« sprach er, »sieh dieses Blaßgesicht an; er ist ein gerechter Mann und ein Freund der Delawaren.«

»Ist er ein Sohn Miquon's?«

»Nicht doch; ein Krieger, bekannt unter den Yengeese und gefürchtet von den Maquas.«

»Welchen Namen hat er durch seine Thaten gewonnen?«

»Wir nennen ihn Hawk-eye!« versetzte Uncas, des Delawarischen Ausdrucks sich bedienend, »denn sein Blick fehlt nie. Die Mingos kennen ihn noch besser durch den Tod, den er unter ihre Krieger bringt: bei ihnen heißt er die lange Büchse.«

»La longue Carabine!« lief Tamenund, seine Augen öffnend, und den Kundschafter streng ansehend. »Mein Sohn hat nicht wohl gethan, ihn Freund zu nennen.«

»Ich nenne den so, der sich als solchen erweist,« entgegnete der junge Häuptling mit großer Ruhe, aber mit fester Miene. »Wenn Uncas unter den Delawaren willkommen ist, so ist auch Hawk-eye bei Freunden.«

»Das Blaßgesicht hat meine jungen Männer erschlagen; sein Name ist groß durch die Streiche, welche er gegen die Lenapen geführt hat.«

»Wenn ein Mingo dies den Delawaren in das Ohr geflüstert hat, so hat er nur bewiesen, daß er ein Lügen-Vogel ist,« sprach der Kundschafter, der nun die Zeit vorhanden glaubte, sich selbst von so beleidigenden Anschuldigungen zu reinigen. Er bediente sich der Mundart des Mannes, an welchen er sich wandte, bequemte aber die indianische Bildersprache seinen eignen Begriffen an. »Zu läugnen, daß ich die Maquas erschlagen habe, dazu bin ich der Mann nicht, selbst nicht vor ihren eignen Versammlungsfeuern; aber daß wissentlich meine Hand jemals einem Delawaren etwas zu Leide gethan, widerstreitet meiner innersten Natur, die freundlich für sie gesinnt ist.«

Ein leiser Ausruf des Beifalls lief durch die Krieger hin, und sie wechselten Blicke mit einander, wie Menschen, die einen Irrthum inne werden.

»Wo ist der Hurone?« fragte Tamenund. »Hat er meine Ohren verstopft?«

Magua, dessen Gefühle während dieses Auftritts, in welchem Uncas seinen Triumph feierte, leichter zu denken als zu beschreiben sind, antwortete dem Ruf, indem er keck vor den Patriarchen hintrat.

»Der gerechte Tamenund,« sprach er, »wird nicht behalten, was ein Hurone ihm geliehen hat.«

»Sag' mir, Sohn meines Bruders,« war des Weisen Antwort, der das finstere Gesicht Le Subtil's vermied und mit Vergnügen auf Uncas' sinnvollen Zügen verweilte; »hat der Fremde das Recht des Siegers über dich?«

»Er hat keines. Der Panther kann in Schlingen gerathen, die ihm Weiber legten; aber er ist stark und weiß über sie zu springen.«

»La longue Carabine?«

»Er lacht der Mingos. Geh, Hurone, frag' deine Squaws nach der Farbe des Bären!«

»Der Fremde und das weiße Mädchen, die zusammen in mein Lager kamen?«

»Sie sollen auf offenem Pfade reisen.«

»Und das Weib, das der Hurone bei meinen Kriegern zurückließ?«

Uncas erwiederte nichts.

»Und das Weib, das der Mingo in mein Lager brachte?« wiederholte Tamenund mit Würde.

»Sie ist mein!« schrie Magua, seine Hand triumphirend gegen Uncas schwingend. »Mohikaner, du weißt, daß sie mein ist.«

»Mein Sohn ist stumm,« sprach Tamenund und bemühte sich, in dem Antlitz zu lesen, das der Jüngling bekümmert von ihm abwandte.

»Es ist so!« war seine leise Antwort.

Eine kurze, bedeutungsvolle Pause folgte, und es war offenbar, mit welchem Widerwillen die Menge das Recht von Magua's Ansprüchen einräumte. Endlich sprach der Weise, von dem allein die Entscheidung abhing, mit fester Stimme:

»Hurone, entferne dich!«

»Wie ich kam, gerechter Tamenund,« fragte der schlaue Mingo, »oder mit Händen, gefüllt durch die Treue der Delawaren? Der Wigwam Le Renard Subtil's ist leer. Mache ihn stark mit dem, was sein ist!«

Der alte Mann sann einen Augenblick für sich nach; dann wandte er das Haupt gegen einen seiner ehrwürdigen Begleiter und fragte:

»Sind meine Ohren offen?«

»So ist es!«

»Ist dieser Mingo ein Häuptling?«

»Der Erste in seiner Nation!«

»Mädchen, was willst du? Ein großer Krieger nimmt dich zum Weib. Geh, dein Geschlecht wird nimmer enden.«

»Tausendmal eher mag es enden,« rief Cora, vor Entsetzen schaudernd, »als solcher Schmach begegnen!«

»Hurone, ihr Geist ist in den Zelten ihrer Väter. Ein Mädchen, das gegen seinen Willen den Wigwam betritt, bringt Unglück herein.«

»Sie spricht mit der Zunge ihres Volks,« entgegnete Magua, sein Schlachtopfer mit bitterem Spotte betrachtend. »Sie ist aus einem Geschlecht von Krämern, und feilscht mit einem freundlichen Blick. Laßt Tamenund die Worte sprechen!«

»Nimm dir das Wampum und unsere Gunst!«

»Nichts will Magua mit sich nehmen, als was er hierher gebracht.«

»So entferne dich mit dem, was dein ist. Der große Manitto verbietet dem Delawaren, ungerecht zu seyn.«

Magua trat vor und faßte seine Gefangene mit fester Hand am Arme; die Delawaren wichen schweigend zurück, und Cora, als fühlte sie, daß jede weitere Vorstellung nutzlos sey, wollte sich ohne Widerstand in ihr Schicksal ergeben.

»Halt! halt!« rief Duncan, vorstürzend; »Hurone, hab' Erbarmen! Ihr Lösegeld soll dich reicher machen, als je Einer deines Stammes gewesen seyn kann.«

»Magua ist eine Rothhaut, er bedarf des Flitters der Blaßgesichter nicht.«

»Gold, Silber, Pulver, Blei – Alles, was ein Krieger bedarf, soll in deinem Wigwam seyn; Alles, was dem größten Häuptling gebührt.«

»Le Subtil ist sehr stark,« rief Magua, heftig die Hand schüttelnd, mit der er Cora's widerstandlosen Arm gefaßt hielt, »seine Rache ist erfüllt.«

»Allmächtiger Lenker der Schicksale!« rief Heyward, verzweiflungsvoll die Hände in einander ringend, »kann das zugelassen werden? An dich, gerechter Tamenund, wende ich mich, hab' Erbarmen!«

»Die Worte des Delawaren sind gesprochen!« entgegnete der Weise, seine Augen schließend, und erschöpft von geistiger und leiblicher Anstrengung in seinen Sitz zurücksinkend, »Männer sprechen nicht zweimal.«

»Daß ein Häuptling seine Zeit nicht damit verschwendet, was er einmal gesprochen hat, zurückzunehmen, ist weise und vernünftig,« sprach Hawk-eye, Duncan winkend, zu schweigen; »aber es ist auch klug von jedem Krieger, sich vorher wohl zu bedenken, ehe er den TomahawkIst eigentlich mehr ein Beil, als eine Axt, und wird gewöhnlich geworfen. Anm. des Uebers. nach dem Haupte seines Gefangenen wirft. Hurone, ich liebe dich nicht; noch kann ich sagen, daß je ein Mingo meiner Gunst sich erfreut hätte. Es läßt sich wohl annehmen, daß, wenn dieser Kampf nicht bald ein Ende nimmt, noch mancher Krieger von Euch mir in diesen Wäldern begegnet. Betrachte dir einmal, was wolltest du lieber: eine Gefangene wie dieses Mädchen in dein Lager nehmen, oder einen Mann wie ich, den deine Nation mit Freuden empfangen würde, käme er mit nackten Händen?«

»Will ›die lange Büchse‹ sein Leben für ein Weib hingeben?« fragte Magua zögernd: denn er hatte bereits eine Bewegung gemacht, mit seinem Schlachtopfer den Platz zu verlassen.

»Nein, nein, so viel hab' ich nicht gesagt,« erwiederte Hawk-eye, mit angemessener Vorsicht zurücktretend, als er sah, mit welcher Begierde Magua auf seinen Vorschlag hörte. »Es wäre ein ungleicher Tausch, einen Krieger in der Blüthe seiner Jahre und seiner Kraft für das beste Weib in den Gränzprovinzen zu geben. Ich könnte mich dazu entschließen, in die Winterquartiere zu gehen, jetzt – wenigstens sechs Wochen, ehe die Blätter ihre Farbe wechseln – unter der Bedingung, daß du das Mädchen frei ließest.«

Magua schüttelte den Kopf und gab der Menge ungeduldig ein Zeichen, ihn durchzulassen.

»Wohlan denn,« fuhr der Kundschafter fort mit der nachdenklichen Miene eines Mannes, der noch nicht im Reinen mit sich ist, »ich geb' den Wildtödter noch in den Kauf. Nimm das Wort eines erfahrenen Jägers, das Gewehr hat auf der ganzen Gränze seines Gleichen nicht.«

Magua verschmähte zu antworten und bemühte sich fortwährend, durch die Menge zu dringen.

»Vielleicht,« setzte der Kundschafter hinzu, der immer mehr von seiner angenommenen Kälte verlor, je mehr Gleichgültigkeit der Andere gegen den Tausch bezeigte: »vielleicht vergleichen wir uns doch noch, wenn ich verspreche, eure jungen Leute den rechten Gebrauch dieser Waffe zu lehren.«

Le Renard befahl den Delawaren, die, in der Hoffnung, er werde auf diesen Vorschlag achten, immer noch einen undurchdringlichen Gürtel um ihn bildeten, trotzig, ihm einen Weg zu öffnen und sein Blick drohte eine zweite Berufung auf die unfehlbare Gerechtigkeit ihres Propheten.

»Was geschehen soll, muß früher oder später eintreffen,« fuhr Hawk-eye mit einem trauervollen, niedergeschlagenen Blicke auf Uncas fort. »Der Schurke kennt seinen Vortheil und nützt ihn! Gott segne dich, Junge, du hast Freunde unter deinem eigenen Geschlechte gefunden, und ich hoffe, sie werden dir so treu seyn, als die Genossen aus unvermischtem Blute, denen du begegnet bist. Was mich betrifft, so muß ich doch früher oder später sterben; es ist deshalb ein Glück, daß es nur Wenige sind, die Todtenlieder für mich anstimmen können. Wahrscheinlich wäre es den Teufelskindern doch einmal geglückt, mir den Skalp abzuziehen, und ein oder zwei Tage werden in der großen Zeitrechnung der Ewigkeit nicht viel Unterschied machen, Gott segne dich,« fuhr der rauhe Waidmann fort, indem er sein Haupt zur Seite neigte, dann sogleich wieder hob, den Jüngling scharf in's Auge fassend, »ich habe dich und deinen Vater geliebt, Uncas, obgleich unsere Haut nicht von einer Farbe und unsere Gaben etwas verschieden sind. Sag' dem Sagamoren, ich hätte ihn auch im größten Gedränge nie aus dem Auge verloren; und du, gedenke zuweilen meiner, wenn du auf einer glücklichen Fährte bist, und verlaß' dich darauf, Junge, ob es nun einen oder zwei Himmel gibt, ein Pfad in der andern Welt muß seyn, auf dem ehrliche Männer wieder zusammen kommen. Du wirst die Büchse an der Stelle finden, wo wir sie versteckten; nimm sie und behalte sie zum Gedächtniß: und höre. Junge, da deine Farbe dir die Rache nicht verbietet, so laß sie ein wenig frei gegen die Mingo's gewähren. Es wird den Schmerz über meinen Verlust erleichtern und dein Gemüth besänftigen. Hurone, ich nehme dein Anerbieten an. Lass' das Mädchen los. Ich bin dein Gefangener.«

Ein unterdrücktes, aber immer deutliches Murmeln des Beifalls lief durch die Menge hin über diesen edelmüthigen Entschluß: selbst die wildesten unter den Delawaren-Kriegern bezeigten ihre Freude über die Männlichkeit eines solchen Opfers. Magua zögerte, und ängstliche Erwartung begleitete seine Unentschlossenheit; dann warf er seine Augen auf Cora, mit einem Ausdruck, in dem Wildheit und Bewunderung seltsam gemischt war, und sein Entschluß war für immer gefaßt. Mit einer Bewegung des Kopfes deutete er sein Verschmähen des Anerbietens an, und sprach in festem, sicherem Tone:

»Le Renard Subtil ist ein großer Häuptling, er hat nur einen Sinn. Komm,« fügte er hinzu, indem er seine Hand vertraulich auf die Schulter der Gefangenen legte, um sie vorwärts zu drängen, »ein Hurone ist kein Schwätzer; wir wollen gehen.«

Das Mädchen wich mit hoher, weiblicher Würde zurück, und ihr dunkles Auge funkelte, während ihr vor Unmuth das Blut, dem flüchtigen Glanze der Sonne gleich, bis an die Schläfe trat.

»Ich bin deine Gefangene und werde bereit seyn, dir zur Zeit, sey es auch zum Tode, zu folgen. Aber es bedarf keiner Gewalt,« fuhr sie kaltblütig fort, indem sie sich unmittelbar darauf an Hawk-eye wandte: »Edelmüthiger Jäger,« sprach sie, »von Grund meines Herzens dank' ich Euch. Euer Anerbieten ist vergeblich, es war unmöglich es anzunehmen, aber immer könnt Ihr mir noch Dienste leisten, selbst größere, als in Eurem edlen Entschlusse lagen. Seht das Kind an, wie es sich abhärmt, vom Unglück gebeugt! Verlaßt sie nicht, ehe sie in den Wohnungen civilisirter Menschen ist. Ich will nicht sagen,« fuhr sie fort, die harte Hand des Jägers in der ihrigen drückend, »daß ihr Vater Euch belohnen wird: denn Männer wie Ihr stehen über dem Lohn der Menschen; aber er wird Euch danken und Euch segnen. Und glaubt mir, der Segen eines gerechten und alten Mannes findet Gnade in den Augen des Himmels. Wollte Gott, ich könnte ihn in diesem schauerlichen Augenblicke von seinen Lippen vernehmen.« Die Stimme versagte ihr und einen Augenblick schwieg sie. Dann trat sie einen Schritt näher auf Duncan zu, der ihre besinnungslose Schwester unterstützte, und fuhr in leisem Tone fort, in welchem ihr Gefühl mit der Sitte ihres Geschlechtes furchtbar kämpften: »ich darf Ihnen nicht empfehlen, über den Schatz zu wachen, den Sie besitzen sollen. Sie lieben Alice, Heyward, dies würde tausend Fehler bedecken, wenn sie deren hätte. Sie ist so gut, so sanft, so süß, so edel, als eine Sterbliche seyn kann. – Kein Fehl haftet an Geist oder Leib, den der stolzeste Mann tadeln könnte! Sie ist schön – oh! wie über die Maßen schön!« Hier legte sie ihre schöne, wenn gleich minder blendende Hand in melancholischer Zärtlichkeit auf Alicens Alabasterstirne, das goldene Haar, das über die Brauen fiel, mit ihren Fingern theilend, »und gleichwohl ist ihre Seele rein und so makellos, wie ihre Haut. Ich könnte noch viel sagen, mehr vielleicht als die kältere Vernunft gutheißen würde; aber ich will Sie und mich schonen.« Ihre Stimme wurde unhörbar und ihr Gesicht beugte sich über die Schwester. Nach einem langen glühenden Kuß erhob sie sich, und mit der Farbe des Todes auf ihren Zügen, aber ohne eine Thräne in dem fieberhaft glänzenden Auge, sprach sie so würdevoll, als je: »Nun, wenn es dein Wille ist, will ich dir folgen!«

»Ja, geh'!« rief Duncan, indem er Alice den Armen eines Indianermädchens übergab, »geh', Magua, geh'! Diese Delawaren haben ihre Gesetze, welche ihnen verbieten, dich zurückzuhalten; aber mich – mich bindet kein solcher Zwang. Geh', boshaftes Ungeheuer, – warum zögerst du noch?«

Es würde schwer seyn, den Ausdruck zu beschreiben, mit welchem Magua diese Drohung anhörte. Zuerst war es wilde, unverholene Freude, die aber bald in die Miene kaltblütiger Verschmitztheit überging. »Die Wälder sind offen,« antwortete er ruhig, »die ›offene Hand‹ kann kommen.«

»Halt!« rief Hawk-eye, Duncan am Arm ergreifend und mit Gewalt zurückhaltend; »Ihr kennt die List des Schurken nicht. Er würde euch in einen Hinterhalt führen und euer Tod –«

»Hurone,« unterbrach sie Uncas, welcher, der strengen Sitte seines Volkes getreu, ruhig, aber aufmerksam zugehört hatte; »Hurone, die Gerechtigkeit der Delawaren kommt von Manitto. Sieh nach der Sonne; noch ist sie in den obersten Aesten jener Schierlingstannen: dein Pfad ist kurz und offen. Wenn sie über den Bäumen steht, werden Männer auf deiner Fährte seyn!«

»Ich höre eine Krähe!« rief Magua mit höhnischem Gelächter. »Geht!« fuhr er fort, seine Hand gegen die Menge schüttelnd, die ihm nur mit Widerstreben einen Durchzug öffnete – »Wo sind die Weiberröcke der Delawaren? Sie mögen ihre Pfeile und Büchsen den Wyandot's schicken, sie sollen Wildpret zu essen und Korn zu behacken erhalten! Hunde, Kaninchen, Diebe – Ich speie euch an!«

Mit düsterem, Unheil weissagendem Schweigen wurde die Hohnrede des Scheidenden angehört, und mit diesem Spott im Munde trat der triumphirende Magua unangefochten in den Wald, gefolgt von der widerstandlosen Gefangenen und beschützt durch die unverletzlichen Gesetze indianischer Gastfreundschaft.

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