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Der letzte Mohikan

James Fenimore Cooper: Der letzte Mohikan - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDer letzte Mohikan
publisherVerlag von S. G. Liesching
translatorDr. Leonhard Tafel
year1841
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
projectid0a57063f
created20070325
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Achtundzwanzigstes Kapitel.

Nur kurz, ich bitte euch: Ihr seht, ich habe viel zu thun.
Viel Lärmen um Nichts.

Der Stamm oder vielmehr Halbstamm der Delawaren, den wir schon so oft erwähnt haben, und dessen Lagerplatz so nahe bei dem jetzigen Wohnorte der Huronen war, konnte ungefähr die gleiche Anzahl Krieger versammeln wie das letztere Volk. Gleich ihren Nachbaren waren sie Montcalm auf das Gebiet der englischen Krone gefolgt und machten ernstliche und drückende Einfälle in die Jagdgründe der Mohawks, obgleich sie mit der bei den Eingebornen so häufigen geheimnißvollen Zurückhaltung für gut fanden, ihren Beistand gerade da zu versagen, wo er am willkommensten gewesen wäre. Die Franzosen hatten sich diesen unerwarteten Abfall eines Theils ihrer Verbündeten auf verschiedene Weise erklärt. Die vorherrschende Meinung war jedoch, daß es aus Ehrfurcht vor einem alten Vertrage geschehen sey, kraft dessen sie einst von den sechs Nationen Schutz im Kriege erhielten, und somit jetzt nicht gerne ihren früheren Herren feindlich gegenüber getreten wären. Der Stamm selbst hatte sich begnügt, Montcalm durch seine Abgesandten mit indianischer Kürze zu verkünden, ihre Streitäxte seyen stumpf; es bedürfe Zeit, sie wieder zu schärfen. Der staatskluge Befehlshaber von Canada hielt es für gerathener, nachzugeben, um einen unthätigen Freund zu erhalten, als ihn durch Maßregeln einer übel angewandten Strenge zum offenen Feinde zu machen.

An dem Morgen, an welchem Magua seinen schweigsamen Trupp auf die vorbeschriebene Weise von der Biberkolonie nach dem Walde führte, beschien die über dem Delawarenlager aufgehende Sonne ein geschäftiges Volk, eifrig in Anspruch genommen von den gewöhnlichen Vorbereitungen für den Mittag. Die Weiber rannten von Hütte zu Hütte, die Einen ihren Morgenimbiß bereitend, Andere eifrig daran, ihren Anzug zu vervollständigen, die meisten aber in hastigem Flüstern mit ihren Freundinnen.

Die Krieger standen unthätig in Gruppen beisammen, mehr nachdenksam, als gesprächig, und wenn je ein Paar Worte fielen, so geschah es im Tone von Männern, die ihre Meinung zuvor gehörig erwogen haben. Die Jagdgeräthe lagen in Menge zwischen den Hütten; aber Niemand schickte sich an, sie zu benützen. Hier und da prüfte ein Krieger seine Waffen mit einer Aufmerksamkeit, wie sie selten vorkommt, wenn man keinem andern Feinde, als dem Thiere des Waldes begegnen will. Gelegentlich hefteten sich die Augen einer ganzen Gruppe auf eine große, stille Hütte mitten im Dorfe, als ob sie den Gegenstand ihrer gemeinsamen Gedanken in sich schlöße.

Während dieser Scene erschien plötzlich an dem äußersten Ende des Felsengrundes, der die Fläche des Dorfes bildete, die Gestalt eines Mannes. Er war unbewaffnet, und seine Bemalung war eher darauf berechnet, den natürlichen Ausdruck seiner strengen Züge zu mildern, als zu erhöhen. Sobald er von den Delawaren gesehen werden konnte, blieb er stehen und machte ein Zeichen der Freundschaft, indem er den Arm gen Himmel emporwarf und dann bedeutungsvoll auf die Brust sinken ließ. Die Bewohner des Dorfes erwiederten seinen Gruß mit einem leisen Gemurmel des Willkomms und munterten ihn durch ähnliche Zeichen freundlicher Gesinnung auf, näher zu kommen. Ermuthigt durch diese Zusicherungen verließ die dunkle Gestalt den Rand der natürlichen Felsenterrasse, wo sie einen Augenblick verweilt hatte, in dunkeln Umrissen gegen den sich röthenden Morgenhimmel gezeichnet, und trat würdevoll mitten in den Umkreis der Hütten. Während der Mann sich näherte, hörte man Nichts, als das Klirren der kleinen silbernen Zierrathen, die Hals und Arm schmückten, und das Klingen der Glöckchen, die seine hirschledernen Moccasins umgaben. Mit aufmerksamer Achtung grüßte er die Männer, an denen er vorüberging, ohne die Weiber zu beachten, als hielte er ihre Gunst in der Angelegenheit, die ihn herführte, für durchaus unwichtig. Als er die Gruppe erreicht hatte, die augenscheinlich, nach der Hoheit der Mienen zu schließen, die angesehensten Häuptlinge vereinigte, hielt der Fremde inne, und die Delawaren erkannten nun in der rüstigen, hohen Gestalt vor ihnen den wohlbekannten Huronenhäuptling Le Renard Subtil.

Der Empfang war ernst, schweigsam, gemessen. Die vorne stehenden Krieger traten bei Seite, ihrem bewährtesten Redner Bahn öffnend, einem Manne, aller Sprachen mächtig, die unter den nördlichen Ureinwohnern gepflegt wurden.

»Der weise Hurone ist willkommen,« begann der Delaware in der Sprache der Maquas; »er ist gekommen, SuccatuschEin Gericht aus gequetschtem Korn und Bohnen, das auch häufig von Weißen gegessen wird. Unter Korn ist Mais zu verstehen. mit seinen Brüdern von den Seen zu essen.«

»Er ist gekommen,« wiederholte Magua, sein Haupt mit der Würde eines morgenländischen Fürsten neigend.

Der Häuptling reckte den Arm aus, nahm den Anderen bei der Hand und neue Freundschaftsbezeigungen wurden gewechselt. Dann lud der Delaware den Gast ein, in seine eigene Hütte zu treten und sein Morgenmahl zu theilen. Die Einladung wurde angenommen, die beiden Krieger, von drei oder vier älteren Männern begleitet, entfernten sich langsam, indeß die übrigen Delawaren vor Begierde brannten, den Grund eines so ungewöhnlichen Besuches kennen zu lernen, und doch weder durch Zeichen, noch durch Worte die geringste Ungeduld verrathen mochten.

Während des kurzen und mäßigen Mahles spann sich die Unterhaltung äußerst umsichtig fort und berührte allein die Ereignisse der Jagd, auf welcher Magua vor Kurzem begriffen gewesen war. Selbst Männer von der feinsten Bildung hätten sich nicht besser denn seine Wirthe, das Ansehen zu geben vermocht, als betrachteten sie Magua's Besuch als etwas ganz Unverfängliches, obgleich jeder Anwesende vollkommen überzeugt war, es liege ihm eine versteckte Absicht zu Grunde, die sicher von Wichtigkeit für sie selbst sey. Nachdem Aller Eßlust befriedigt war, entfernten die Squaws die hölzernen Teller und Kürbisflaschen, und beide Parteien schickten sich an, die Waffen ihres Scharfsinns auf eine Hauptprobe zu stellen.

»Ist das Antlitz meines großen Canadavaters wieder seinen Kindern, den Huronen, zugewendet?« fragte der Sprecher der Delawaren.

»Wann war es anders?« entgegnete Magua. »Er nennt mein Volk vielgeliebt.«

Der Delaware gab mit einer Verbeugung zu, was er als falsch erkennen mußte, und fuhr fort:

»Die Tomahawks Eurer jungen Krieger sind sehr roth geworden?«

»So ist es; aber sie sind jetzt blank und stumpf: denn die Yengeese sind todt, und die Delawaren unsere Nachbarn.«

Der Delaware erwiederte diese friedeverkündende Artigkeit mit einer Bewegung der Hand und schwieg. Magua, als würde er erst durch die Anspielung auf das Blutbad wieder daran erinnert, fragte:

»Macht die Gefangene meinen Brüdern Beschwerde?«

»Sie ist willkommen.«

»Der Pfad zwischen den Huronen und den Delawaren ist kurz und offen; sendet sie an meine Squaws, wenn sie meinem Bruder lästig fällt.«

»Sie ist willkommen,« erwiederte der Häuptling der andern Nation mit größerem Nachdruck.

Magua, in leichter Verwirrung, blieb einige Minuten still, anscheinend in völliger Gleichgültigkeit darüber, daß sein erster Versuch, Cora wieder zu gewinnen, scheiterte.

»Lassen meine jungen Krieger den Delawaren Raum auf den Bergen für ihre Jagden?« fuhr er endlich fort.

»Die Lenapen sind Herren ihrer eigenen Berge!« versetzte der Andere etwas stolz.

»Es ist gut. Gerechtigkeit ist die Lenkerin der Rothhäute! Warum sollten sie gegen einander ihre Tomahawks schärfen und ihre Messer wetzen? Sind nicht der Blaßgesichter mehr als der Schwalben in der Blüthezeit?«

»Gut!« riefen zwei oder drei seiner Zuhörer zu gleicher Zeit.

Magua wartete ein wenig, bis seine Worte die Delawaren etwas milder gestimmt hatten, und fügte dann hinzu:

»Sind nicht fremde Moccasins in den Wäldern gewesen? Haben meine Brüder nicht die Fußtritte weißer Männer getroffen?«

»Möge unser Canadavater kommen,« antwortete der Andere ausweichend, »seine Kinder sind bereit ihn zu sehen.«

»Wenn der große Häuptling kommt, so geschieht es, mit den Indianern in ihren Wigwams zu rauchen. Die Huronen sagen ebenso: er ist willkommen. Aber die Yengeese haben lange Arme und Beine, die nie ermüden! Meinen jungen Männern träumte, sie hätten die Spur der Yengeese nahe an dem Lager der Delawaren gesehen!«

»Sie werden die Lenapen nicht schlafend finden.«

»Es ist gut. Der Krieger, dessen Auge offen ist, kann seinen Feind sehen,« sagte Magua, und suchte einen anderen Boden zu gewinnen, als er sich außer Stande sah, die Vorsicht seines Gegenmanns zu durchdringen.

»Ich habe meinem Bruder Geschenke gebracht. Seine Nation wollte nicht den Kriegspfad gehen, weil sie es nicht für geeignet hielt; aber ihre Freunde haben seiner Wohnungen gedacht!«

Als der schlaue Häuptling auf diese Weise seine freigebige Absicht verkündet hatte, stand er auf und breitete mit würdevollem Ernste vor den geblendeten Augen seiner Wirthe die Geschenke aus. Sie bestanden hauptsächlich in Schmuckwaaren von geringem Werthe, den erschlagenen Frauen von William Henry abgenommen. Die Vertheilung dieser Kleinigkeiten machte der Klugheit des Huronen nicht weniger Ehre, als ihre Auswahl. Während er das Werthvollere den zwei ausgezeichnetsten Häuptlingen übergab, von denen einer sein Wirth war, würzte er seine Gaben an die Geringeren mit so gut angebrachten, treffenden Schmeichelreden, daß auch sie sich nicht beklagen durften. Kurz, bei der ganzen Ceremonie wußte er Freigebigkeit und Schmeichelei so glücklich zu verbinden, daß der Geber in den Augen der Empfänger alsbald die Wirkung einer Großmuth erkannte, die er so geschickt an Lobsprüche geknüpft hatte.

Dieser wohlberechnete Kunstgriff von Seiten Magua's blieb nicht ohne augenblickliche Resultate. Der Ernst der Delawaren ging in einen Ausdruck von Herzlichkeit über; und Magua's Wirth insbesondere wiederholte, seinen reichlichen Antheil an der Beute einige Augenblicke mit besonderem Wohlgefallen betrachtend, mit großem Nachdruck die Worte:

»Mein Bruder ist ein weiser Häuptling. Er ist willkommen!«

»Die Huronen lieben ihre Freunde, die Delawaren,« versetzte Magua. »Warum sollten sie nicht? Dieselbe Sonne hat sie gefärbt, und ihre gerechten Männer werden nach dem Tode in denselben Jagdgründen jagen. Die Rothhäute sollten Freunde seyn und mit offenen Augen auf die weißen Männer schauen. Hat mein Bruder keinen Kundschafter in den Wäldern aufgespürt? –«

Der Delaware, dessen Name Hartherz bedeutete, eine Benennung, welche die Franzosen in Le Coeur dur übersetzt hatten, vergaß seines festen hartnäckigen Sinnes, der ihm wahrscheinlich einen so bezeichnenden Namen verschafft haben mochte. Seine Miene verlor merklich an Ernst und er vermochte es über sich, deutlicher zu antworten.

»Fremde Moccasins sind um mein Lager gewesen; ihre Spur reichte bis an meine Hütten.«

»Hat mein Bruder die Hunde hinausgejagt?« fragte Magua, ohne auf die frühere Zweideutigkeit in der Antwort des Häuptlings zu achten.

»Das ging nicht an. Der Fremde ist den Kindern der Lenapen stets willkommen.«

»Der Fremde, aber nicht der Spion!«

»Schicken die Yengeese ihre Weiber als Spionen? Sagte nicht der Huronenhäuptling, er habe Weiber in der Schlacht zu Gefangenen gemacht?« –

»Er hat keine Lüge gesprochen. Die Yengeese haben ihre Kundschafter ausgesendet. Sie sind in meinen Wigwams gewesen, haben aber seinen Willkomm gefunden: dann flohen sie zu den Delawaren – denn, sagen sie, die Delawaren sind unsre Freunde; ihre Gemüther sind unserem Canadavater entfremdet!«

Diese Wendung, die in das Herz traf, zeigte den Meister und hätte Magua in gebildeteren Kreisen der Gesellschaft den Ruf eines geschickten Diplomaten verdient. Der neuerliche Abfall ihres Stammes hatte den Delawaren, wie sie selbst wohl wußten, viele Vorwürfe von Seiten ihrer französischen Verbündeten zugezogen, und sie mußten jetzt fühlen, daß ihre künftigen Schritte mit Eifersucht und Mißtrauen bewacht werden würden. Es bedurfte keiner tiefen Einsicht in Ursache und Wirkung, um vorauszusehen, daß eine solche Lage der Dinge ihren künftigen Bewegungen höchst nachtheilig werden konnte. Ihre entfernten Dörfer, ihre Jagdreviere und Hunderte von Weibern und Kindern, selbst ein wesentlicher Theil ihrer Streitkräfte, befanden sich augenblicklich innerhalb der Gränzen des französischen Gebiets. So wurde diese beunruhigende Kunde, wie Magua beabsichtigte, mit offenbarer Mißbilligung, wo nicht mit Bestürzung aufgenommen.

»Mein Vater blicke in mein Gesicht,« sprach Le Coeur dur, »er wird keinen Wechsel finden. Es ist wahr, meine jungen Krieger gingen nicht auf dem Kriegspfade; sie hatten Träume, die es ihnen verwehrten. Aber sie lieben und verehren den großen weißen Häuptling.«

»Wird Er so denken, wenn er hört, daß sein größter Feind in dem Lager seiner Kinder genährt wird? – Wenn man ihm erzählt, daß ein blutdürstiger Yengee an eurem Feuer raucht? daß das Blaßgesicht, welches so viele seiner Freunde erschlagen hat, bei den Delawaren aus und eingeht? Geht – mein großer Canadavater ist kein Thor!«

»Wo ist der Yengee, den die Delawaren fürchten?« entgegnete der Andere; »wer hat meine jungen Männer erschlagen? Wer ist der Todfeind meines großen Vaters?«

»La longue Carabine!«

Die Delawarenkrieger schracken bei dem wohlbekannten Namen auf und verriethen durch ihr Erstaunen, wie sie jetzt erst erfuhren, daß ein unter den indianischen Verbündeten Frankreichs so vielgerühmter Krieger sich in ihrer Gewalt befinde.

»Was meint mein Bruder?« fragte Le Coeur dur in einem Tone der Ueberraschung, der weit über die sonstige Gleichgültigkeit seines Volkes ging.

»Ein Hurone lügt nie!« entgegnete Magua kalt, sein Haupt an die Wand der Hütte lehnend und sein leichtes Gewand über die sonngebräunte Brust ziehend. »Wenn die Delawaren ihre Gefangenen zählen, so werden sie Einen finden, dessen Haut weder roth noch blaß ist.«

Eine lange Pause des Nachdenkens folgte. Der Häuptling berieth sich zur Seite mit seinen Gefährten, und Boten wurden ausgesandt, um noch andere ausgezeichnete Männer des Stammes herbeizuholen.

Ein Krieger nach dem andern kam heran und wurde mit der wichtigen Nachricht, welche Magua eben mitgetheilt hatte, bekannt gemacht. Alle nahmen sie mit einem Ausdrucke der Verwunderung und dem gewöhnlichen leisen, tiefen Kehllaute auf. Die Neuigkeit lief von Mund zu Mund, bis das ganze Lager in mächtiger Aufregung war. Die Frauen stellten ihre Arbeiten ein, um die wenigen Sylben, welche den berathenden Kriegern unwillkührlich entfielen, aufzuhaschen. Die Knaben verließen ihre Spiele, gingen furchtlos unter ihren Vätern umher und schauten mit neugieriger Verwunderung auf, wenn sie kurze Ausrufe des Erstaunens über die Tollkühnheit des verhaßten Feindes vernahmen, die sich ohne Scheu hören ließen. Mit einem Worte, jede Beschäftigung wurde verlassen, Alles bei Seite gesetzt, damit der ganze Stamm nach seiner eigenthümlichen Weise sich den neuen Eindrücken ungestört hinzugeben vermöchte.

Als die Aufregung sich ein wenig gelegt hatte, waren die Alten darauf bedacht, ernstlich zu erwägen, was unter so mißlichen und verwickelten Verhältnissen die Ehre und Sicherheit des Stammes verlange. Während aller dieser Vorgänge und mitten in der allgemeinen Bewegung hatte Magua nicht nur seinen Sitz, sondern auch seine ursprüngliche Stellung behauptet: er lehnte sich an eine Wand der Hütte, so regungslos und scheinbar gleichgültig, als ob ihn das Ergebniß der Berathung gar nicht berühre. Gleichwohl entging seinem wachsamen Auge kein Merkmal für die künftigen Absichten seiner Wirthe. Vollkommen vertraut mit dem Charakter des Volkes, mit welchem er zu thun hatte, erkannte er jede Maßregel, die sie beriethen, voraus; ja man konnte beinahe sagen, er durchschaute in manchen Fällen ihre Absicht, ehe sie ihnen selbst deutlich war.

Die Berathung der Delawaren war kurz. Als sie geendet hatten, verkündete eine allgemeine Bewegung, daß ihr unmittelbar eine feierliche und förmliche Versammlung des ganzen Stamme folgen würde. Da eine solche höchst selten und nur in Fällen von der äußersten Wichtigkeit zusammen berufen wurde, so erkannte der schlaue Hurone, der bisher immer noch allein saß, ein finsterer Beobachter des Geschehenden, – daß nun alle seine Plane zu ihrer endlichen Entscheidung kommen müßten. Er verließ daher die Hütte und schritt schweigend dem Platze vor dem Lager zu, wo sich bereits die Krieger zu versammeln begannen.

Es mochte eine halbe Stunde vergangen seyn, bis Alle, Weiber und Kinder mit eingeschlossen, ihre Stelle eingenommen hatten. Dieser Verzug mochte seine Erklärung in den ernsten Vorbereitungen finden, die man für eine so feierliche und ungewöhnliche Berathung nöthig glaubte. Als die Sonne aber über die Gipfel des Berges emporstieg, an dessen Fuße die Delawaren ihr Lager erbaut hatten, saßen die Meisten; und als ihre glänzenden Strahlen durch die Umrisse der die Anhöhe umsäumenden Bäume brachen, fielen sie auf eine von der tiefsten Theilnahme ergriffene Menge, so ernst, so aufmerksam, als nur je eine von ihren Morgenstrahlen beleuchtet wurde. Ihre Zahl betrug etwas über tausend Seelen.

Bei einer Versammlung so ernst gestimmter Wilden trifft es sich nie, daß ein Mitglied in ungeduldigem Streben nach vorzeitiger Auszeichnung die Zuhörer in eine übereilte und vielleicht unbesonnene Erörterung fortreißt, um seinen eigenen Ruhm zum Sieger zu machen. Eine solche anmaßende Voreiligkeit würde ein frühreifes Talent mit einemmal und für immer zu Grunde richten. Den ältesten und erfahrensten Männern des Volkes allein blieb es vorbehalten, den Gegenstand der Berathung dem Stamme vorzulegen. Ehe ein solcher für gut gefunden hatte, eine Anregung zu geben, konnten weder Waffenthaten, noch natürliche Talente, noch Rednerruhm die geringste Unterbrechung entschuldigen. Bei dem nun vorliegenden Falle blieb selbst der betagte Krieger, der das Vorrecht zu sprechen hatte, still, wie bewältigt von der Wichtigkeit des Gegenstandes. Bereits weit länger als gewöhnlich hatte die Pause des Nachdenkens gedauert, die solchen Berathungen voranzugehen pflegt: aber selbst dem jüngsten Knaben entschlüpfte kein Zeichen der Ungeduld oder Verwunderung. Von Zeit zu Zeit schaute ein Auge von der Erde empor, auf welche die Blicke der Meisten geheftet waren, und streifte nach einer einzelnen Hütte, die sich jedoch von den andern um sie her durch Nichts, als durch die Sorgfalt unterschied, mit der man sie gegen die Anfälle der Witterung geschützt hatte.

Endlich ließ sich ein dumpfes Gemurmel vernehmen, wie es so geeignet ist, eine größere Volksmenge aufzuregen, und der ganze Stamm erhob sich wie durch gemeinsamen Antrieb. Alsbald öffnete sich die Thür der fraglichen Hütte, drei Männer traten heraus und nahten sich langsam dem Platze der Berathung. Sie waren alle betagt, sogar älter als die Bejahrtesten der Anwesenden: aber der Eine in ihrer Mitte, der sich auf seine Gefährten stützte, hatte eine Reihe von Jahren erlebt, wie sie dem Menschen nur selten vergönnt wird. Seine Gestalt, einst aufrecht und stolz, gleich der Zeder, wankte jetzt unter der Bürde von mehr als einem Jahrhunderte. Der leichte, elastische Tritt des Indianers war bei ihm verschwunden: mühsam und beschwerlich konnte er nur Zoll für Zoll von seinem Wege zurücklegen. Sein dunkles runzelvolles Gesicht bildete einen seltsamen, wilden Kontrast mit den langen, weißen Locken, die über seine Schultern fielen und in ihrer Fülle verkündeten, daß vielleicht Generationen hingegangen waren, seit sie zum letzten Mal abgeschnitten worden.

Der Anzug dieses Patriarchen – denn so konnte man ihn in Betracht seines hohen Alters, seiner großen Verwandtschaft unter dem Volke, und seines Einflusses mit allem Fug nennen – war reich und Ehrfurcht gebietend, obgleich der einfachen Sitte des Stammes ganz angemessen. Seine Bekleidung bestand aus den schönsten Fellen, die man ihres Pelzes beraubt hatte, um Raum für eine sinnbildliche Darstellung seiner Kriegsthaten in vergangenen Zeiten zu gewinnen. Seine Brust war überdeckt mit Denkmünzen, einige von massivem Silber, wenige sogar von Gold, Geschenke, die er im Laufe seines langen Lebens von verschiedenen christlichen Herrschern empfangen hatte. Er trug ferner Armbänder und Spangen um die Knöcheln der Füße aus demselben Metall. Sein Haupt, auf welchem ringsumher das Haar frei wuchs, da er so lange schon das Kriegsleben verlassen hatte, umschloß eine Art Diadem von Silber, mit minder werthvollen aber blinkenden Zierrathen geschmückt, aus welchen drei glänzende Straußenfedern niederwallten und in ihrem tiefen Schwarz einen auffallenden Contrast mit seinem schneeweißen Lockenhaar bildeten. Sein Tomahawk war mit Silber beinahe überdeckt, und der Griff seines Messers schimmerte wie ein Horn von lauterem Golde.

Sobald sich die erste freudige Aufregung über das unerwartete Erscheinen dieses verehrten Mannes ein wenig gelegt hatte, hörte man den Namen »Tamenund« von Mund zu Mund flüstern. Oft hatte Magua den Ruhm dieses weisen und gerechten Delawarenhäuptlings preisen hören; einen Ruhm, der so weit ging, daß man ihm die seltene Glücksgabe geheimen Umgangs mit dem großen Geiste zuschrieb, eine Meinung, die seinen Namen sogar, mit geringer Veränderung, als den vermeintlichen Schutzheiligen eines großen Reiches bis auf die weißen Usurpatoren seines alten Gebiets gebracht hat.Die Amerikaner nennen ihren Schutzheiligen zuweilen Tamenay, was blos eine Verzerrung des Namens jenes berühmten oben angeführten Häuptlings ist. Viele Sagen erwähnen Tamenund's Macht und Charakter. Der Huronenhäuptling eilte daher hastig aus dem Gedränge hervor, nach einer Stelle, von wo aus er die Züge des Mannes näher ins Auge fassen konnte, dessen entscheidende Stimme einen so wesentlichen Einfluß auf seine eigene Angelegenheit haben sollte.

Die Augen des Greises waren geschlossen, als wären sie müde, das selbstsüchtige Treiben menschlicher Leidenschaft so lange mitangesehen zu haben. Die Farbe seiner Haut war verschieden von dem Aussehen der meisten Indianer um ihn her; sie war tiefer und dunkler, was von den feinen labyrinthischen Umrissen vieler verschlungenen und doch regelmäßigen Figuren herrühren mochte, die durch Tättowiren seinem ganzen Körper eingezeichnet waren. Ungeachtet der in die Augen fallenden Stellung des stumm beobachtenden Huronen ging er an Magua vorüber, ohne ihn zu beachten und schritt, auf seine ehrwürdigen Begleiter gestützt, der erhöhten Stelle zu, wo er sich mit der Würde eines Monarchen und der Miene eines Vaters mitten unter seinem Volke niederließ.

Nichts ging über die Ehrfurcht und Liebe, womit dieser unerwartete Besuch, der eher einer anderen Welt anzugehören schien, von dem Volke aufgenommen ward. Nach einer anstandvollen Pause erhoben sich die angesehensten Häuptlinge, traten vor den Patriarchen und legten ehrerbietig seine Hände auf ihre Häupter, als wollten sie seinen Segen erbitten. Die jüngeren Männer begnügten sich, sein Kleid zu berühren oder sich ihm nur zu nähern, um in derselben Luft mit dem so betagten, gerechten und tapferen Manne zu athmen. Aber nur die ausgezeichnetsten jungen Krieger wagten das Letztere zu thun: die große Masse der Versammelten fühlte sich glücklich genug, auch nur die Erscheinung eines so hochverehrten und innig geliebten Mannes schauen zu dürfen. Sobald dieser Tribut der Zuneigung und Ehrfurcht dargebracht war, traten die Häuptlinge wieder auf ihre Plätze zurück und tiefes Schweigen herrschte in dem ganzen Lager.

Bald aber erhoben sich einige junge Krieger, die von einem der betagten Begleiter Tamenund's in der Stille ihre Weisung erhalten hatten, verließen die Versammlung und begaben sich nach der Hütte, welche den ganzen Morgen her Gegenstand so vieler Aufmerksamkeit gewesen war. In wenigen Minuten erschienen sie wieder, die Fremden nach dem Sitze des Gerichts geleitend, welche Ursache aller dieser feierlichen Vorbereitungen waren. Die Menge öffnete eine Gasse und als der Zug eingetreten war, schloßen sich die Reihen wieder, in weitem Halbrunde einen dichten Gürtel menschlicher Leiber bildend.

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