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Der letzte Mohikan

James Fenimore Cooper: Der letzte Mohikan - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDer letzte Mohikan
publisherVerlag von S. G. Liesching
translatorDr. Leonhard Tafel
year1841
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
projectid0a57063f
created20070325
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Siebenundzwanzigstes Kapitel

Antonius.   .   .   .   .   .   . Ich will mir's merken:
Wenn Cäsar sagt: thu dies, so ist's gethan.
Julius Cäsar.

Die Ungeduld der Wilden, welche um Uncas' Gefängnißhütte schlenderten, hatte, wie wir gesehen haben, ihre Furcht vor dem Hauche des Beschwörers überwunden. Vorsichtig und mit klopfendem Herzen stahlen sie sich an eine Spalte heran, durch welche der schwache Schein des Feuers flimmerte. Mehrere Minuten hielten sie Davids Gestalt für die ihres Gefangenen, bis es kam, wie Hawk-eye vorausgesehen hatte. Müde, die Enden seiner langen Person so nahe beisammen zu halten, ließ der Sänger seinen untern Gliedmaßen Freiheit, bis einer der unförmlichen Füße mit der Glutasche in Berührung kam und sie bei Seite schob. Zuerst glaubten die Huronen, der Delaware sey durch Zauberkraft so entstellt worden. Als aber David, der nicht an Beobachtung dachte, seinen Kopf umwandte und sein mildes, ehrliches Antlitz statt der stolzen Züge ihres Gefangenen sehen ließ, da hätte es mehr denn der Leichtgläubigkeit eines Eingebornen bedurft, um längere Zweifel zu hegen. Sie stürzten alle in die Hütte, legten ohne viel Umstände ihre Hände auf den Gefangenen und entdeckten alsbald den Betrug. Jetzt erhob sich das erste Geschrei, das die Flüchtlinge vernommen hatten: ihm folgten die grimmigsten und rachedrohendsten Geberden, so daß David, obwohl fest entschlossen, den Rückzug seiner Freunde zu decken, glauben mußte, sein eigenes Stündlein sey gekommen. Seines Buchs und seiner Pfeife beraubt, mußte er wohl sein Gedächtniß in Anspruch nehmen, das ihn auch in solchen Dingen selten im Stiche ließ; und in einer lauten, leidenschaftlichen Weise seine Stimme erhebend, suchte er sich den Uebergang in die andre Welt durch das Absingen eines Leichengesanges zu versüßen. Die Indianer wurden noch zu rechter Zeit an seine Geistesschwäche erinnert, stürzten an die freie Luft und brachten in der vorbeschriebenen Weise das ganze Dorf auf die Beine.

Der eingeborne Krieger ficht, wie er schläft, ohne durch besondere Schutzmittel gedeckt zu seyn. Kaum war daher das Lärmgeschrei ausgestoßen, als schon zweihundert Huronen auf den Beinen waren, zum Kampf oder zur Jagd bereit, wie es der Augenblick erheischte. Die Entweichung des Gefangenen war bald bekannt, und der ganze Stamm schaarte sich in Masse um die Versammlungshütte, ungeduldig der Befehle seiner Häuptlinge wartend. Bei einem so unerwarteten Anruf an ihre Weisheit, mußte die Abwesenheit des schlauen Magua tief empfunden werden. Sein Name ward genannt und verwundert schauten alle um sich, als er nicht erscheinen wollte. Boten wurden nach seiner Wohnung entsendet, ihn herbeizurufen.

Mittlerweile erhielten einige der schnellsten und besonnensten jungen Krieger die Weisung, unter dem Schutze des Waldes die Lichtung ringsum zu durchsuchen, ob nicht ihre verdächtigen Nachbarn, die Delawaren, Schlimmes im Schilde führten. Weiber und Kinder rannten hin und her; kurz das ganze Lager bot abermals den Anblick wilder Verwirrung. Allmählig jedoch schwanden die Merkmale der Unordnung und in wenigen Minuten waren die ältesten und ausgezeichnetsten Häuptlinge in der Hütte zu ernstlicher Berathung versammelt.

Ein Geschrei vieler Stimmen verkündete bald die Ankunft einer Streifparthie, von der man einigen Aufschluß über diese räthselhafte Ueberraschung erwarten durfte.

Die Menge draußen machte Platz und mehrere Krieger traten ein, den unglücklichen Beschwörer mit sich führend, den der Kundschafter in solche Noth gebracht hatte.

Obgleich der Mann bei den Huronen sehr verschieden angesehen war, – die Einen glaubten unbedingt an seine Macht, die Andern hielten ihn für einen Betrüger – fand er doch jetzt bei Allen die gespannteste Aufmerksamkeit. Als seine kurze Geschichte zu Ende war, trat der Vater der kranken Frau vor und erzählte dagegen, was er wußte. Diese beiden Berichte bildeten die beste Grundlage für die folgenden Nachforschungen, welche alsbald mit der den Wilden eigenthümlichen Schlauheit begonnen wurden.

Statt in einem verworrenen, unordentlichen Haufen nach der Höhle zu stürzen, wurden zehn der weisesten und entschlossensten Häuptlinge für den Verfolg der Untersuchung ausersehen. Da keine Zeit zu verlieren war, erhoben sich diese nach beendeter Wahl sogleich und verließen die Hütte ohne ein Wort zu sprechen. Am Eingange angelangt, machten die jüngeren Männer den älteren Platz und Alle betraten den niederen, finsteren Felsengang mit dem festen Muthe von Kriegern, die entschlossen sind, sich dem öffentlichen Besten zu opfern, wie wohl sie zugleich geheime Zweifel über das Wesen der Macht hegten, mit der sie streiten sollten.

In dem düstern Vorgemach der Höhle herrschte Stillschweigen. Die Frau lag noch an demselben Orte und in ihrer früheren Stellung, obgleich mehrere Anwesende gesehen haben wollten, wie sie der vermeintliche Arzt der weißen Männer in die Wälder getragen habe. Ein so offenbarer und auffallender Widerspruch mit der Erzählung des Vaters richtete Aller Augen auf ihn. Verletzt von dem stillen Vorwurf und von einem so unerklärlichen Umstand innerlich beunruhigt, trat der Häuptling an die Seite des Lagers und warf einen ungläubigen Blick auf die Züge seiner Tochter, als ob er ihr wirkliches Daseyn bezweifle. Sie war todt.

Die mächtigen Gefühle der Natur gewannen für einen Augenblick die Oberhand: der alte Krieger bedeckte sich in seinem Kummer die Augen. Bald aber faßte er sich wieder, schaute seine Begleiter an und sagte, auf die Leiche deutend, in der Sprache seines Volkes:

»Das Weib meines jungen Mannes hat uns verlassen! Der große Geist zürnt mit seinen Kindern.«

Die traurige Kunde wurde in feierlicher Stille aufgenommen. Nach einer kurzen Pause schickte sich einer der älteren Indianer zum Sprechen an, als ein dunkel aussehender Körper aus dem anstoßenden Gemache mitten in das Zimmer, in welchem sie standen, hereinrollte. Unbekannt mit der Natur der Wesen, denen sie hier begegnen sollten, wichen alle ein wenig zurück, verwundert dareinschauend, bis der Gegenstand mehr an's Licht kam, sich aufrichtete, und die verzerrten, aber immer noch wilden und grimmigen Züge Magua's sichtbar wurden. Dieser Entdeckung folgte ein allgemeiner Ausruf des Erstaunens.

Sobald jedoch der wahre Zustand des Häuptlings entdeckt war, setzten sich mehrere Messer in Bewegung und bald waren Maguas Glieder und Zunge in Freiheit. Der Hurone erhob sich und schüttelte sich wie ein Löwe, der sein Lager verläßt. Nicht ein Wort entschlüpfte ihm. Seine Hand spielte krampfhaft mit dem Griff seines Messers, während seine dunklen Augen über die Anwesenden hinliefen, als suchten sie einen Gegenstand für den ersten Ausbruch seiner Rache.

Es war ein Glück für Uncas, den Kundschafter und selbst David, daß sie alle in diesem Augenblick außer dem Bereiche seines Armes waren: denn sicher nicht die raffinirteste Grausamkeit hätte jetzt ihren Tod verzögert, dem Ausbruche wilder Leidenschaft gegenüber, der dem Wilden beinahe die Stimme erstickte. Da Magua aber überall nur Gesichter traf, die er als Freunde kannte, knirschte er mit den Zähnen, wie mit eisernen Raspeln und schlang seine Wuth in sich, in Ermanglung eines Opfers, an dem er sie hätte auslassen können. Diese Zorneswuth entging keinem Anwesenden, und mehrere Minuten verflossen, ohne daß ein Wort gesprochen wurde, weil Jeder fürchten mußte, eine jetzt schon an Wahnsinn gränzende Leidenschaft noch zu steigern. Endlich aber nahm der älteste Häuptling das Wort:

»Mein Freund hat einen Feind gefunden,« sprach er. »Ist er in der Nähe, daß die Huronen Rache nehmen können?«

»Laßt den Delawaren sterben!« rief Magua mit einer Donnerstimme.

Eine abermalige, lange und bedeutungsvolle Pause erfolgte und ward wie zuvor mit gebührender Vorsicht von demselben Häuptling unterbrochen.

»Der Mohikaner ist schnellfüßig und springt weit!« sprach er, »aber meine jungen Männer sind auf seiner Fährte.«

»So ist er fort?« fragte Magua in tiefen Kehltönen, die aus dem Innersten seiner Brust zu kommen schienen.

»Ein böser Geist ist unter uns gewesen, und der Delaware hat unsere Augen geblendet.«

»Ein böser Geist!« wiederholte der Andere spottend, »es ist der Geist, der schon so vielen Huronen das Leben geraubt hat. Der Geist, der meine jungen Männer an dem herabstürzenden Flusse erschlug; der ihre Skalpe an der Heilquelle nahm und jetzt die Arme Le Renard Subtil's gebunden hat!«

»Von wem spricht mein Freund?«

»Von dem Hunde, der unter einer blassen Haut das Herz und die List eines Indianers hat, von la longue Carabine!«

Dieser furchtbare Name übte den gewöhnlichen Eindruck auf seine Zuhörer. Als sie aber Zeit zum Nachdenken gewannen und die Krieger daran gedachten, daß ihr kühner und furchtbarer Feind mitten in ihrem Lager gewesen war, Unheil stiftend: trat furchtbare Wuth an die Stelle der Verwunderung, und alle jenen wilden Leidenschaften, die eben noch in Magua's Brust gekämpft hatten, gingen plötzlich auf seine Gefährten über. Die Einen knirschten vor Grimm mit den Zähnen, Andere machten ihren Gefühlen in einem Geheul Luft, während noch Andere wie wahnsinnig in das Leere schlugen, als ob der Gegenstand ihrer Rache wirklich diese Streiche empfände. Allein dieser plötzliche Ausbruch der Leidenschaft verwandelte sich alsbald in jene stille, finstere Zurückhaltung, deren Miene sie in Augenblicken der Unthätigkeit immer annahmen.

Magua, welcher seinerseits Zeit zum Nachsinnen gewonnen hatte, veränderte jetzt sein Benehmen und gab sich mit einer Würde, die der Wichtigkeit der Sache entsprach, das Ansehen eines Mannes, der weiß, was er zu thun und zu bedenken hat.

»Laßt uns zu meinem Volke gehen,« sprach er, »sie warten auf uns.«

Seine Gefährten willigten schweigend ein: der ganze Haufe verließ die Höhle und kehrte nach der Rathshütte zurück. Als sie sich niedergelassen hatten, wandten sich aller Augen auf Magua, der aus diesem Zeichen abnahm, daß sie ihm einstimmig die Pflicht der Erzählung des Geschehenen übertragen wollten. Er stand auf und gab seinen Bericht ohne Zweideutigkeit oder Rückhalt. Die ganze Täuschung, die Duncan und Hawk-eye unternommen, lag jetzt offen vor Augen; und selbst die Abergläubigsten in dem Stamme konnten über den Charakter der Begebenheiten nicht länger im Zweifel seyn. Es war zu offenkundig, daß sie empörend, schimpflich getäuscht worden waren. Als er geendet und seinen Sitz wieder eingenommen hatte, sahen sich die versammelten Stammgenossen – seine Zuhörer schlossen die ganze Zahl der streitbaren Männer ein – gegenseitig an, so verwundert über die Keckheit, als über den Erfolg ihrer Feinde. Der erste Gegenstand der Ueberlegung waren Mittel und Gelegenheit zur Rache.

Eine weitere Schaar Krieger wurde den Flüchtlingen nachgesendet, und die Häuptlinge schickten sich zu der ernstlichsten Berathung an. Verschiedene Auskunftsmittel wurden nacheinander von den älteren Kriegern vorgebracht, und Magua hörte sie alle mit ehrfurchtsvollem Stillschweigen an. Der verschlagene Wilde hatte seine ganze Umsicht und Selbstbeherrschung wieder gewonnen, und ging jetzt mit gewohnter Vorsicht und List auf sein Ziel los. Erst als Alle, die reden wollten, sich geäußert hatten, sprach auch er seine Ansicht aus. Besonderes Gewicht erhielt sie durch den Umstand, daß indessen einige der Läufer zurückgekehrt waren und berichteten, ihre Feinde hätten nach den Merkzeichen der Spur ohne allen Zweifel in dem benachbarten Lager ihrer verdächtigen Verbündeten, der Delawaren, Schutz gesucht. Im Besitze dieser wichtigen Kunde, legte der schlaue Häuptling den Genossen seine Plane vor, und sie wurden, wie sich von seiner schlauen Beredsamkeit erwarten ließ, ohne Widerrede angenommen. Seine Meinungen und Gründe waren kurz folgende.

Es wurde bereits erwähnt, daß die Schwestern einer Politik zu Folge, von welcher die Wilden nur selten abgehen, getrennt wurden, so bald sie das Huronendorf erreicht hatten.

Magua hatte bald entdeckt, daß er, so lange Alice in seiner Gewalt sey, auf Cora den entschiedensten Einfluß besitze. Er behielt daher die Erstere im Bereiche seiner Hand, und vertraute die Letztere, auf welche er am meisten Werth legte, der Haft seiner Verbündeten an.

Diese Anordnung, die übrigens nur für den Augenblick getroffen war, sollte einestheils seinen Nachbarn schmeicheln, andern Theils einer unumgänglichen Regel indianischer Politik huldigen.

Während der Häuptling unaufhörlich von den Rachegefühlen gestachelt wurde, die in einem Wilden selten schlummern, behielt er seine bleibenderen, persönlichen Interessen nichtsdestoweniger im Auge. Die Thorheiten und Treulosigkeiten seiner Jugendzeit mußten durch eine lange und peinvolle Buße gesühnt werden, ehe er auf den vollen Wiedergenuß des alten Vertrauens hoffen durfte, und ohne Vertrauen war bei einem Indianerstamme an kein Ansehen zu denken. In dieser schwierigen und mißlichen Lage hatte der listige Eingeborne kein Mittel versäumt, seinen Einfluß zu vergrößern; und eines seiner glücklichsten Mittel war der Erfolg gewesen, mit welchem er die Gunst ihrer mächtigen und gefährlichen Nachbarn gewonnen hatte. Das Ergebniß seiner Mühen hatte allen Erwartungen seiner Politik entsprochen: denn die Huronen waren keineswegs frei von dem mächtigen Hange der menschlichen Natur, jeder Gabe nur in dem Grade Werth beizumessen, als sie von Anderen geschätzt wird.

Während aber Magua den Rücksichten für das Gemeinwohl dieses vorgebliche Opfer brachte, ließ er seine persönlichen Beweggründe nie außer Acht. Die unvorhergesehenen Ereignisse, die alle Gefangenen seiner Gewalt entzogen hatten, waren ihm sehr in den Weg getreten; und er sah sich jetzt in die Notwendigkeit versetzt, diejenigen um eine Gunst anzugehen, denen er noch vor so kurzer Zeit Verbindlichkeiten aufzuerlegen sich bemüht hatte.

Mehrere Häuptlinge hatten tief angelegte, verrätherische Plane zu einem Ueberfall der Delawaren vorgelegt, um durch Eroberung ihres Lagers mit einem Schlage auch die Gefangenen wieder zu gewinnen: denn Alle waren darüber einig, die Ehre und das Interesse ihrer Nation, der Friede und die Glückseligkeit ihrer gefallenen Landsleute erheischen gebieterisch einige Opfer für ihre Rache. Aber es wurde Magua nicht schwer, Pläne verwerfen zu machen, deren Ausführung so gefahrvoll und deren Erfolg so zweifelhaft war. Er setzte die damit verbundenen Wagnisse und die möglichen Täuschungen mit gewohntem Geschick auseinander, und erst nachdem jedes Hinderniß, das ihm andere Meinungen brachten, beseitigt war, wagte er es, mit seinen eigenen Vorschlägen herauszutreten.

Er fing damit an, der Eigenliebe seiner Zuhörer zu schmeicheln, ein untrügliches Mittel, sich Aufmerksamkeit zu sichern. Nachdem er die vielen Anlässe aufgezählt, bei denen die Huronen, Beleidigungen rächend, ihren Muth und ihre Tapferkeit gezeigt hätten, schweifte er in ein beredtes und hohes Lob der Weisheit ab. Er zeichnete ihnen, wie diese Tugend den großen Unterschied zwischen den Bibern und andern Thieren, zwischen diesen und den Menschen und endlich insbesondere zwischen den Huronen und den übrigen Geschlechtern der Menschen bilde. Nachdem er das Gewicht der Besonnenheit gehörig hervorgehoben hatte, ging er darauf über zu zeigen, wie sie in der jetzigen Lage des Stammes in Anwendung zu bringen sey. Auf der einen Seite, sprach er, blicke ihr großer blasser Vater, der Statthalter von Canada, mit unmuthigem Auge auf seine Kinder, seit ihre Tomahawks so geröthet seyen; auf der andern Seite würde ein Volk, so zahlreich als sie selbst, eine andere Sprache redend, und mit ganz verschiedenen Interessen, welches sie nicht liebe, jeden Vorwand willkommen heißen, die Huronen bei ihren großen weißen Häuptlingen in Ungnade zu bringen. Er sprach sodann von ihren Bedürfnissen, von den Belohnungen, welche sie für ihre früheren Dienste anzusprechen hätten, berührte die Entfernung von ihren eigenen Jagdgebieten und Stammdörfern, – die Notwendigkeit endlich, unter so mißlichen Umständen mehr die Klugheit, als die Neigung um Rath zu fragen. Als er gewahrte, daß zwar die älteren Männer seiner Mäßigung Beifall zollten, viele der wildesten und ausgezeichnetsten Krieger aber mit finsteren Blicken seine listigen Plane anhörten, so führte er sie schlau auf einen Gegenstand zurück, den sie am meisten liebten: er redete offen von den Früchten ihrer Weisheit, die, wie er kühn aussprach, ein vollständiger, endlicher Triumph über ihre Feinde seyn würden. Ja er deutete an, daß bei gehöriger Vorsicht ihr Erfolg sich auf die Vernichtung aller derer, die sie zu hassen Grund hätten, werde ausdehnen lassen. Kurz er wußte das kriegerische Element mit der Politik, das Klare mit dem Dunkeln so zu vermischen, daß er der Vorliebe beider Parteien schmeichelte und Jeder Hoffnungen übrig ließ, während keine sagen konnte, daß sie seine Absichten vollkommen verstehe.

Der Redner oder Staatsmann, der einen solchen Stand der Dinge herbeizuführen weiß, ist gemeiniglich bei seinen Zeitgenossen beliebt, wie ihn auch die Nachwelt ansehen mag. Alle merkten, daß mehr zu Grunde lag, als ausgesprochen wurde, und Jeder glaubte, die verborgene Meinung voraussetzen zu dürfen, die seine Fassungskraft oder seine Wünsche ihm an die Hand gab.

Bei dieser günstigen Stimmung der Gemüther war es kein Wunder, das Magua die Oberhand behielt. Der Stamm erklärte sich bereit, mit Besonnenheit zu Werke zu gehen, und die Leitung des ganzen Unternehmens wurde einstimmig einem Häuptling übertragen, der zu so weisen und verständlichen Hülfsmitteln geführt habe.

Magua hatte ein großes Ziel seiner verschmitzten und unternehmenden Politik erreicht. Er hatte nicht nur den Grund wieder gewonnen, den er in der Gunst seiner Landsleute verloren gehabt, sondern sah sich selbst an die Spitze der Angelegenheiten gestellt. Er war in Wahrheit ihr Herrscher, und so lange er seine Popularität behaupten konnte, war kein Monarch der Erde unumschränkter, besonders so lange sein Stamm sich im Feindeslande befand. Er warf daher das Ansehen eines Berathers ab und nahm den Ernst und die Würde an, die ihm nöthig schienen, um ein so wichtiges Amt zu stützen.

Läufer wurden nach verschiedenen Richtungen abgeordnet, um sich zu unterrichten; Kundschafter mußten sich dem Lager der Delawaren nähern und es ausspähen; die Krieger wurden nach ihren Wohnungen entlassen, mit dem Bedeuten, daß man ihrer Dienste bald benöthigt seyn werde; die Weiber und Kinder erhielten den Befehl, sich zurückzuziehen, mit der Weisung, daß Stillschweigen ihre Sache sey. Als diese verschiedenen Anordnungen getroffen waren, durchschritt Magua das Dorf, und trat hier und dort in eine Hütte, wo er mit seinem Besuche dem Bewohner zu schmeicheln glauben konnte. Er bestärkte seine Freunde in ihrem Vertrauen, ermuthigte die Wankenden und befriedigte Alle. Jetzt suchte er seine eigene Wohnung auf. Das Weib, das der Huronenhäuptling verlassen hatte, als er von seinem Volke verjagt wurde, war todt. Kinder besaß er nicht; und er hatte jetzt seine Hütte allein inne, ohne irgend einen Gefährten. Es war die halbverfallene, einsame Wohnung, in welcher David entdeckt worden war; diesen hatte Magua bei den wenigen Gelegenheiten, wo sie sich trafen, mit der gleichgültigen Verachtung stolzer Ueberlegenheit um sich geduldet.

Hieher zog sich Magua zurück, nachdem seine politische Thätigkeit beendigt war. Aber während Andere schliefen, kannte und suchte er keine Ruhe. Wäre einer neugierig genug gewesen, die Bewegungen des neuerwählten Häuptlings zu belauschen, so würde er ihn in einem Winkel seiner Hütte sitzend gefunden haben, von der Stunde an, da er sich zurückzog, bis zu der Zeit, die er den Kriegern zur Versammlung bestimmt hatte, in stillem Brüten über seine Pläne. Gelegentlich strich der Wind durch die Spalten der Hütte und das schwache Feuer, das hin und wieder über die Kohlenglut lief, warf ein flüchtiges Licht auf den Bewohner der düsteren Klause. In solchen Augenblicken wäre es der Einbildungskraft leicht geworden, den grimmigen Wilden in den Fürsten der Finsterniß umzuschaffen wie er über vermeintlich erlittenes Unrecht brütet und auf Verderben sinnt.

Lange ehe der Tag graute, trat ein Krieger nach dem andern in Magua's einsame Hütte, bis ihrer zwanzig versammelt waren. Jeder trug seine Büchse und das übrige Zubehör des Kriegs, obgleich ihre Malerei durchaus einen friedlichen Charakter zeigte. Unbeachtet war der Eintritt dieser wildaussehenden Wesen geblieben; die Einen setzten sich in dem Düster des Ortes nieder, Andere standen gleich Bildsäulen regungslos da, bis die ganze beabsichtigte Zahl erschienen war.

Jetzt erhob sich Magua, gab ein Zeichen zum Aufbruch und trat selbst an die Spitze. Sie folgten ihrem Führer je Einer nach dem Andern in der wohlbekannten Ordnung, die man bezeichnender Weise den »Indianerzug« genannt hat. Gänzlich verschieden von der Weise, in welcher das unruhevolle Kriegshandwerk sonst betrieben wird, schlichen sie still und unbeachtet aus ihrem Lager, mehr vorüberhuschenden Gespenstern gleich, als Kriegern, welche eiteln Ruhm durch tollkühne und verzweifelte Wagstücke gewinnen wollen.

Statt den Weg einzuschlagen, der unmittelbar nach dem Lager der Delawaren führte, folgte Magua mit seinen Leuten eine Strecke weit den Windungen des Stromes, an dem kleinen, künstlichen Biberteich dahin. Der Tag brach eben an, als sie die von den fleißigen, kunstfertigen, verständigen Thieren geschaffene Lichtung betraten. Magua hatte sein altes Kostüm wieder angenommen und trug auf der zubereiteten Thierhaut, die seine Bekleidung bildete, die Umrisse eines Fuchses; ein anderer Häuptling in dem Trupp führte den Biber als sein Abzeichen oder »Totem.« Dieser hätte gewissermaßen eine heilige Pflicht versäumt, wäre er an einer so mächtigen Gemeinschaft vermeintlicher Verwandten ohne ein Zeichen der Achtung vorübergegangen. Er hielt daher inne und redete die Thiere so freundlich und liebreich an, als ob er zu vernünftigen Wesen spräche. Er nannte sie seine Vettern, bedeutete ihnen, daß sie nur seinem schützenden Einflusse ihre ungestörte Ruhe zu verdanken hätten, während so manche habsüchtige Handelsleute die Indianer reizen wollten, ihnen das Leben zu nehmen. Er versprach ihnen auch für die Zukunft seine Gunst und ermahnte sie, dankbar hiefür zu seyn. Er sprach sodann von der Unternehmung, in der er begriffen sey, und gab ihnen, wiewohl auf eine sehr zarte Weise und durch Umschweife zu verstehen, wie gut es seyn möchte, wenn sie ihrem Verwandten einen Theil der Klugheit zukommen ließen, durch die sie selbst so berühmt seyen.Diese Anreden an Thiere sind bei den Indianern häufig. So reden sie oft ihre Schlachtopfer an, schelten sie ob ihrer Feigheit oder rühmen ihre Entschlossenheit, je nachdem sie unter ihren Martern Seelenstärke oder das Gegentheil zeigen.

Während dieses merkwürdigen Vortrags blieben die Begleiter des Sprechers so ernst und aufmerksam auf das, was er sagte, als ob auch sie von dessen Schicklichkeit vollkommen überzeugt wären. Ein oder zwei Mal erhoben sich schwarze Gegenstände über die Oberfläche des Wassers, und der Hurone bezeigte Freude darüber, wie wenn seine Worte nicht vergeblich gewesen wären. Als er eben seine Rede beendigt hatte, streckte ein großer Biber den Kopf aus der Thüre einer Wohnung hervor, deren Erdwände sehr gelitten hatten und welche die Indianer ihrer Lage nach für unbewohnt halten mochten. Ein so außerordentliches Zeichen von Vertrauen wurde von dem Redner als ein höchst günstiges Omen aufgenommen, und obgleich sich das Thier etwas eilig zurückzog, so verschwendete der Häuptling dennoch Lobsprüche und Worte des Dankes.

Magua dachte, es sey nun genug Zeit damit verloren worden, der verwandtschaftlichen Neigung des Kriegers ihre Ehre anzuthun, und gab ein Zeichen, weiter zu gehen. Während die Indianer mit so leisen Tritten weiter zogen, daß sie kein gewöhnliches Ohr gehört haben würde, wagte derselbe ehrwürdig aussehende Biber noch ein Mal den Kopf aus seinem Verstecke hervor. Hätte einer der Huronen sich umgewandt, so müßte er bemerkt haben, daß das Thier ihren Bewegungen mit einem Interesse und einem Scharfblick folgte, die man leicht für Vernunft hätte nehmen können. Wirklich waren die Bewegungen des Vierfüßlers so ausdrucksvoll und verständlich, daß selbst der erfahrenste Beobachter sie nur schwer hätte zu enträthseln vermögen, ehe der Trupp Wilder in den Wald getreten war und Alles sich damit aufklärte, daß das ganze Thier aus der Hütte kroch und zugleich die ernsten Züge Chingachgook's aus der Pelzmaske hervortraten.

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