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Der letzte Mohikan

James Fenimore Cooper: Der letzte Mohikan - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDer letzte Mohikan
publisherVerlag von S. G. Liesching
translatorDr. Leonhard Tafel
year1841
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
projectid0a57063f
created20070325
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Sechsundzwanzigstes Kapitel.

Grund. Laßt mich auch den Löwen spielen!
Sommernachtstraum.

Trotz seines hochsinnigen Entschlusses sah Hawk-eye recht wohl ein, welche Schwierigkeiten und Gefahren vor ihm lägen. Auf dem Rückwege nach dem Lager hatte sein scharfer und geübter Verstand vollauf zu thun, auf Mittel zu sinnen, wie er der mißtrauischen Wachsamkeit seiner Feinde begegnen könnte, die, wie er wohl wußte, der seinigen in Nichts nachstand. Nur die Farbe seiner Haut hatte Magua und jenem Beschwörer das Leben gerettet: sie wären als die ersten Opfer für seine Sicherheit gefallen, hätte nicht der Kundschafter eine solche Handlung, so sehr sie auch mit der Indianernatur zusammenstimmen mochte, für durchaus unwürdig eines Mannes gehalten, der sich seiner unvermischten Abstammung rühmte. Deshalb vertraute er den Weiden und Banden, womit er seine Gefangenen gefesselt hatte, und verfolgte seinen Weg gerade nach dem Mittelpunkte der feindlichen Wohnungen zu.

Als er sich aber den Gebäuden näherte, wurde sein Schritt bedächtlicher und sein wachsames Auge ließ kein Zeichen, ob günstig oder drohend, unbeachtet. Eine verwahrloste Hütte stand den übrigen etwas voran, und schien halb vollendet verlassen worden zu seyn, ohne Zweifel, weil es an einigen wichtigeren Erfordernissen, als da sind Holz oder Wasser, gebrach. Ein schwaches Licht schimmerte durch die Ritzen und verkündete, daß sie dessenungeachtet nicht ohne Bewohner war. Hierher lenkte der Kundschafter seine Schritte, wie ein kluger Heerführer, welcher erst die Außenwerke seines Feindes untersucht, ehe er den Hauptangriff wagt.

Eine Stellung annehmend, die der Weise des nachzuahmenden Thieres entsprach, kroch Hawk-eye nach einer kleinen Oeffnung, durch die er das Innere überblicken konnte. Die Hütte war Davids Zufluchtsort. Hieher hatte sich der getreue Singmeister begeben, mit seinen Sorgen, Befürchtungen und seinem demüthigen Vertrauen in den Schutz des Himmels. In demselben Augenblick, da Gamut's unförmliche Gestalt dem Kundschafter unter die Augen trat, war der Waidmann selbst, obwohl in der täuschenden Bärenhülle, der Gegenstand tiefsten Nachsinnens für den einsamen Sänger.

So unbedingt auch David auf die Wirklichkeit der alten Wunder baute, so mied er doch den Glauben an eine unmittelbare übernatürliche Einwirkung auf den Gang des jetzigen Weltlaufs. Mit andern Worten: während er unbedingt an die Sprechfähigkeit von Bileam's Esel glaubte, war er doch über das Singtalent des Bären noch in einigem Zweifel; und doch hatten ihm für das Letztere seine eigenen vortrefflichen Organe Zeugniß abgelegt. Es lag in seiner Miene und seiner Geberdung etwas, das dem Kundschafter eine völlige Verwirrung des Geistes verrieth. Er saß auf einem Bündel Sträucher, die hie und da einen kleinen Beitrag zur Nährung seines bescheidenen Feuers gaben, das Haupt auf einen Arm gestützt, in einer Stellung melancholischen Nachdenkens. Das Costüm des Jüngers der Musik hatte außer der neulich erwähnten keine weitere Veränderung erlitten; nur hatte er seinen Kahlkopf mit einem dreieckigen Biberhute bedeckt, der nicht anziehend genug gewesen war, die Habgier eines der Sieger zu reizen.

Der scharfsinnige Kundschafter, der Hast eingedenk, mit welcher jener seinen Posten am Bette der kranken Frau verlassen hatte, war nicht ohne Muthmaßungen über den Gegenstand einer so feierlichen Betrachtung geblieben. Nachdem er die Runde um die Hütte gemacht und sich versichert hatte, daß sie ganz vereinzelt dastehe, wagte er, überzeugt bei dem Gemüthszustande des Bewohners vor Besuchern geschützt zu seyn, durch die niedere Thüre einzutreten, gerade vor Gamut hin. Die Stellung des Letzteren ließ das Feuer gerade zwischen ihnen, und als Hawk-eye sich auf seine Hinterbeine gelassen, sahen sie einander nahezu eine Minute lang sprachlos an. Diese plötzliche, so sehr überraschende Erscheinung war beinahe zu viel, ich will nicht sagen für die Philosophie, aber für den Glauben und die Entschlossenheit Davids. Er tappte nach seiner Pfeife und erhob sich in der dunkeln Absicht eine musikalische Beschwörung zu versuchen.

»Finsteres, geheimnißvolles Ungeheuer!« rief er, mit zitternden Händen seine hülfreiche Brille auf der Nase befestigend und nach dem nie fehlenden Helfer in der Noth, der gefeierten Psalmen-Uebersetzung suchend; »ich weiß nicht, wer du bist, noch was du begehrest: verfolgst du aber die Person und die Rechte eines der demüthigsten Diener des Tempels, so höre die begeisterte Sprache des Jünglings in Israel und hebe reuevoll dich von hinnen!«

Der Bär schüttelte seinen zottigen Körper, und eine wohlbekannte Stimme erwiederte:

»Steckt euer Pfeif-Instrument ein und lehrt eure Kehle Bescheidenheit! Fünf Worte einfaches, verständliches Englisch sind jetzt gerade so viel werth, als stundenlanges Schreien!«

»Wer bist du?« fragte David, durchaus unfähig, seine ursprüngliche Absicht auszuführen, und beinahe nach Athem schnappend.

»Ein Mensch, wie ihr, dessen Blut sowenig von einem Bären oder einem Indianer hat, als das eurige. Habt ihr sobald vergessen, von wem das närrische Instrument kommt, das ihr da in der Hand haltet?«

»Ist es möglich?« rief David, freier athmend, als ihm die Wahrheit zu tagen begann. »Gar manches Wunderbare habe ich seit meinem Aufenthalte unter den Heiden gesehen; aber hierüber geht nichts!«

»Kommt, kommt,« versetzte Hawk-eye, sein ehrliches Gesicht enthüllend, um das wankende Vertrauen seines Freundes noch mehr zu befestigen; »da seht ihr eine Haut, die zwar nicht so weiß wie ein Mädchengesicht ist, aber doch nicht mehr Röthe hat. als Wind und Sonne ihr gegeben haben. Aber jetzt an die Arbeit!«

»Zuerst erzählt mir von dem Mädchen und dem jungen Manne, der sie muthig aufgesucht hat,« unterbrach ihn David.

»Ja, die sind glücklich vor den Tomahawks der Schufte gerettet. Könnt ihr mich aber auf Uncas' Fährte bringen?«

»Der junge Mann ist in Banden, und ich fürchte sehr, sein Tod ist beschlossen! Es thut mir sehr weh, daß ein so reich begabter Mensch in Unwissenheit dahinfährt – ich habe eine so schöne Hymne ausgesucht« –

»Könnt ihr mich zu ihm führen?«

»Das wird nicht schwer seyn!« antwortete David zögernd, »obgleich ich sehr fürchte, daß eure Gegenwart sein Unglück eher steigern, als erleichtern wird.«

»Kein Wort mehr! Führt mich zu ihm!« versetzte Hawk-eye, sein Gesicht wieder verbergend, indem er, das beste Beispiel gebend, sogleich die Hütte verließ.

Unterwegs erfuhr der Kundschafter, daß sein Gefährte bereits einmal Zugang zu Uncas gefunden habe, kraft des Vorrechts, das ihm seine vermeintliche Geistesschwäche verlieh, und durch die Gunst eines der Wächter, den er für sich eingenommen und schon früher, weil er etwas englisch verstand, zu einem Gegenstande der Bekehrung ausersehen hatte.

Wie weit der Hurone die Absichten seines neuen Freundes begriff, läßt sich nicht entscheiden; weil aber ausschließliche Aufmerksamkeit einem Wilden ebenso schmeichelhaft ist, als civilisirteren Menschen, so war der schon erwähnte Erfolg leicht erklärlich. Wir wiederholen nicht, mit welcher Gewandtheit der Kundschafter dem schlichten David diese Einzelheiten zu entlocken wußte; auch verweilen wir nicht bei den Anweisungen, die er ihm gab, nachdem er im Besitze der nöthigen Thatsachen war, da das Ganze dem Leser im Verlaufe der Erzählung hinlänglich klar werden wird.

Die Hütte, in welche Uncas eingeschlossen war, stand in der Mitte des Dorfes, und in einer Lage, die jede unbemerkte Entfernung oder Annäherung gleich schwer machte. Hawk-eye's Politik erforderte aber auch nicht den leisesten Schein von Heimlichkeit. Im Vertrauen auf seine Verkleidung und sein Geschick, die übernommene Rolle durchzuführen, schlug er den geradesten und nächsten Weg nach der Wohnung ein. Die nächtliche Stunde gewährte ihm jedoch einigermaßen den Schutz, auf welchen er so wenig Werth zu legen schien. Die Knaben lagen bereits in tiefem Schlafe, und die Weiber so wie die meisten Krieger hatten sich für die Nacht in ihre Hütten begeben. Nur vier oder fünf Wilde hielten sich in der Nähe des Haft-Ortes auf, um das Benehmen ihres Gefangenen behutsam aber streng zu beobachten.

Als sie Gamut mit einem Begleiter in der wohlbekannten Maske eines ihrer angesehensten Beschwörer erblickten, machten sie Beiden ohne Widerrede Platz, hatten aber wie es schien keine Lust, sich zu entfernen. Im Gegentheil fühlten sie sich jetzt offenbar bestimmt, um so eifrigere Wächter zu bleiben, indem sie von einem solchen Besuche das Schauspiel geheimnißvoller Zauberbräuche erwarteten. Da der Kundschafter ganz unfähig war, mit den Huronen in ihrer Sprache zu reden, so mußte er die Unterhaltung allein an David überlassen. Trotz seiner Einfalt machte dieser dem empfangenen Unterricht alle Ehre und erfüllte selbst die kühnsten Hoffnungen seines Lehrers.

»Die Delawaren sind Weiber!« rief er, an den Wilden sich wendend, der ein wenig von der Sprache verstand, welche er redete; »die Yengeese, meine Landsleute, waren thöricht genug, ihnen zu sagen, sie sollten den Tomahawk gegen ihre Väter in Canada ergreifen, ohne ihres Geschlechtes zu gedenken! Wünscht mein Bruder zu hören, wie le Cerf agile um den Weiberrock bittet? – will er ihn am Pfahle vor den Huronen weinen sehen?«

Ein entschieden beifälliges »Hugh,« in scharfem Tone gesprochen, bewies, mit welcher Freude der Wilde Zeuge einer solchen Darlegung von Schwäche an einem lange gehaßten und so sehr gefürchteten Feinde seyn würde. »So laßt ihn bei Seite treten und der weise Mann wird den Hund anblasen! Sag' es meinen Brüdern!«

Der Hurone erklärte seinen Kameraden Davids Absicht, und diese vernahmen sie mit einem Vergnügen, wie man es bei so zuchtlosen Gemüthern über die Aussicht auf eine raffinirte Grausamkeit erwarten durfte. Sie zogen sich ein wenig vom Eingang zurück und winkten dem vermeintlichen Beschwörer einzutreten. Der Bär aber, anstatt zu gehorchen, blieb in seiner sitzenden Stellung und brummte fort.

»Der kundige Mann fürchtet, sein Athem möchte seine Brüder treffen und auch ihnen den Muth nehmen,« fuhr David fort, den ihm gewordenen Wink benutzend, »sie müssen weiter davon stehen.«

Die Huronen, welche ein solches Mißgeschick für den schwersten Schlag hielten, der sie treffen könnte, zogen sich insgesammt zurück, in eine Stellung, wo sie zwar außerhalb Hörweite waren, aber doch den Eingang mit ihren Augen beherrschten. Jetzt verließ der Bär, als wäre er über ihre Sicherheit beruhigt, seinen Platz und schritt langsam hinein. Der Ort war stille und düster, da der Gefangene ganz allein war, und nur die erlöschende Glut eines Feuers, das zum Kochen benutzt worden war, erleuchtete ihn.

Uncas nahm einen entfernten Winkel ein, an die Wand gelehnt, und an Händen und Füßen mit starken, schmerzhaften Banden festgeschnürt. Als der furchtbare Gegenstand dem jungen Mohikaner zuerst unter die Augen trat, warf er nicht einen Blick auf das Thier. Der Kundschafter, welcher David an der Thüre zurückgelassen hatte, um sicher zu bleiben, daß man sie nicht beobachte, hielt es für rathsam, seine Verkleidung beizubehalten, bis er hierüber Gewißheit hatte. Statt zu sprechen, bemühte er sich die Fratzen des Thiers, das er vorstellte, nachzuahmen. Der junge Mohikaner, welcher anfänglich glaubte, seine Feinde hätten, um ihn zu quälen und seine Nerven auf die Probe zu stellen, einen wirklichen Bären hereingetrieben, entdeckte bald in diesen Bewegungen, die Heyward so naturgetreu schienen, gewisse Mängel, die ihm mit einem Mal den Betrug verriethen. Hätte Hawk-eye geahnt, wie niedrig der erfahrnere Uncas seine Kunstleistungen anschlage, so hätte er wahrscheinlich ihm zum Verdruß diese Unterhaltung noch etwas verlängert. Der verächtliche Ausdruck des jungen Mannes erlaubte aber so viele Deutungen, daß dem würdigen Kundschafter das Kränkende einer solchen Entdeckung erspart blieb. Sobald daher David das verabredete Zeichen gab, ließ sich statt des wilden Bärengebrumms ein leiser Zischlaut in der Hütte vernehmen.

Uncas hatte sich gegen die Wand der Hütte herumgeworfen und hielt seine Augen geschlossen, als wollte er den Anblick eines so verächtlichen und widerlichen Gegenstandes meiden; sobald sich aber das Geräusch einer Schlange hören ließ, richtete er sich auf, bückte sein Haupt tief, wandte sich nach allen Seiten und blickte forschend umher, bis sein kühnes Auge auf dem zottigen Unthier ruhen blieb, unverwandt, als wäre es durch Zauberkraft gefesselt. Dieselben Töne wiederholten sich und kamen offenbar aus dem Rachen des Thieres. Noch einmal durchstreiften die Augen des Jünglings das Innere der Hütte, blieben aber auf derselben Stelle haften, und er sprach mit tiefer, gedämpfter Stimme:

»Hawk-eye!«

»Schneide seine Bande entzwei!« gebot Hawk-eye dem eben herantretenden David.

Der Sänger that, wie er angewiesen wurde, und Uncas fand seine Glieder wieder in Freiheit. In demselben Augenblick raschelte die dürre Bärenhaut, und der Kundschafter, in eigener Person, sprang auf seine Füße. Der Mohikaner begriff die Absicht des Freundes und seine Plane ohne Worte: weder ein Laut noch ein Ausdruck seiner Züge verrieth Ueberraschung. Als Hawk-eye sein zottiges Gewand abgeworfen hatte, wozu es nur der Lösung einiger Riemen bedurfte, zog er ein langes, blitzendes Messer hervor und gab es Uncas in die Hand.

»Die rothen Huronen sind draußen,« sprach er, »laßt uns bereit seyn.«

Zu gleicher Zeit legte er seinen Finger bezeichnend auf eine andere ähnliche Waffe, die Frucht seiner Tapferkeit unter den Feinden an dem verflossenen Abend.

»Wir wollen gehen,« sprach Uncas.

»Wohin?«

»Zu den Schildkröten, sie sind die Kinder meiner Großväter.«

»Ja, Junge,« sprach der Kundschafter englisch – eine Sprache, deren er sich gerne bediente, wenn er etwas zerstreut war, »dasselbe Blut rinnt in Euren Adern, ich glaub' es gern, aber Zeit und Entfernung haben seine Farbe etwas verändert. Was fangen wir mit den Mingo's vor der Thüre an? Sie sind ihrer sechs, und der Sänger ist so gut als niemand.«

»Die Huronen sind Prahler,« sagte Uncas verächtlich! »ihr Totem ist das Mußthier, sie laufen wie Schnecken. Die Delawaren sind Kinder der Schildkröte und überholen den Hirsch.«

»Ja, Junge, in Deinen Worten ist Wahrheit, und ich zweifle nicht, daß Du in einem Lauf die ganze Nation hinter Dir ließest, so wie Du auf einer Strecke von zwei Meilen zum Ziele, und wieder zu Athem gekommen wärst, ehe einer dieser Schelme in die Hörweite des andern Dorfes gelangte. Aber die Gaben des weißen Mannes liegen mehr in seinen Armen, als in den Beinen. So gut als einer, will ich jedem Huronen das Hirn einschlagen; wenn's aber einen Wettlauf gilt, kann ich mich nicht messen mit den Schelmen.«

Uncas, der sich bereits dem Eingang genähert hatte, im Begriff vorauszugehen, fuhr wieder zurück und stellte sich noch einmal in die Tiefe der Hütte. Hawk-eye aber, mit seinen eigenen Gedanken zu sehr beschäftigt, um auf diese Bewegung zu achten, fuhr fort, mehr mit sich selbst, als zu seinem Begleiter sprechend:

»Bei alle dem ist es unvernünftig, einen Mann von den Gaben des andern abhängig zu machen. So wirst du besser thun, Uncas, wenn du den Lauf beginnst, indeß ich die Haut wieder anlege, und mich in Ermangelung der Schnelle auf die List verlasse!«

Der junge Mohikaner antwortete nicht, sondern schlug ruhig die Arme über einander und lehnte sich gegen einen der Pfosten, welche das Gebäude trugen.

»Nun,« sprach der Kundschafter, ihn anblickend, »warum zögerst Du? Ich habe Zeit genug vor mir, da die Schelme doch zuerst ihre Jagd auf dich beginnen werden.«

»Uncas bleibt,« war seine ruhige Antwort.

»Wozu?«

»Um mit meines Vaters Bruder zu kämpfen und zu sterben mit dem Freunde der Delawaren.«

»Ja, Junge,« erwiederte Hawk-eye, Uncas' Hand zwischen seinen Eisenfingern drückend, »'s hätte mehr einem Mingo, als einem Mohikaner gleich gesehen, wenn du mich verlassen hättest. Aber ich dachte, ich wollte dir's anbieten, da ich weiß, daß die Jugend gemeiniglich am Leben hängt. Nun, was sich im Krieg nicht durch offnen Muth ausrichten läßt, muß durch Umschweife geschehen. Leg' die Bärenhaut an, ich zweifle nicht, daß du vielleicht so gut als ich den Bären spielen kannst.«

Was auch immer Uncas' geheime Meinung von ihrer beiderseitigen Geschicklichkeit in diesem Punkte seyn mochte, so verrieth doch seine ernste Miene keinen Anspruch auf Überlegenheit. Schweigend, aber rasch steckte er sich mit vielem Geschick in die Bärenhülle, weiterer Schritte gewärtig, die sein älterer Begleiter angeben würde.

»Nun Freund,« sprach Hawk-eye, an David sich wendend, »ein Kleidertausch wird Euch sehr lieb seyn, sintemal Ihr Euch an diese Nothbehelfe der Wildniß doch nicht recht gewöhnen könnet. Da nehmt mein Jagdhemd und meine Mütze, und gebt mir Eure Decke und Euren Hut dafür. Auch Euer Buch, Eure Brille und Euer Tutinstrument müßt Ihr mir anvertrauen, und treffen wir uns je in besseren Zeiten wieder, so sollt Ihr Alles zurückerhalten und meinen besten Dank obendrein.«

David überließ ihm diese verschiedenen Dinge mit einer Bereitwilligkeit, die seinem Edelmuth große Ehre gemacht haben würde, hätte er nicht in mancher Hinsicht bei dem Tausche gewonnen. Hawk-eye bedurfte nur kurzer Zeit, die erborgten Kleider anzulegen, und als seine rastlosen Augen hinter den Gläsern verborgen waren, der dreieckige Castorhut sein Haupt überragte, so konnte er, da beide in ihrer Statur nicht zu verschieden waren, beim Sternenlicht wohl für den Sänger gelten. Sobald diese Vorkehrungen getroffen waren, wandte sich der Kundschafter an David und gab ihm zum Abschiede seine Verhaltungsregeln.

»Seyd Ihr von Natur sehr furchtsam?« fragte er ihn mit derbem Freimuth, um sich erst das ganze Verhältnis angemessen klar zu machen, ehe er eine bestimmte Vorschrift zu geben wagte.

»Meine Bestrebungen sind friedlich und meine Gemüthsart, wie ich in Demuth glaube, neigt sich hauptsächlich zur Milde und Liebe,« versetzte David, etwas verletzt durch diesen unmittelbaren Angriff auf seine Männlichkeit; »aber Keiner kann mir nachsagen, daß ich selbst in den größten Nöthen mein Vertrauen auf den Herrn verloren hätte.«

»Die Hauptgefahr wird Euch in dem Augenblick drohen, wo die Wilden finden werden, daß sie betrogen sind. Schlägt man Euch da nicht auf das Haupt, so schützt Euch Euer Geisteszustand; und Ihr könnt dann mit gutem Grund erwarten, in Eurem Bette zu sterben. Wenn Ihr bleibt, so müßt Ihr Euch hier in den Schatten setzen und Uncas' Rolle übernehmen, bis die schlauen Indianer den Betrug entdecken: dann wird, wie ich schon erwähnt, Euer Prüfungsstündlein kommen. So wählt denn selbst, ob Ihr einen Lauf mitmachen oder hier bleiben wollt.«

»Das letztere!« antwortete David entschlossen; »ich will an der Stelle des Delawaren hier bleiben. Tapfer und edelmüthig hat er für mich gekämpft; soviel und noch mehr will ich für ihn thun.«

»Ihr habt wie ein Mann gesprochen, und wie Einer, der unter weiserer Zucht wohl Größeres geleistet hätte. Drückt Euern Kopf herab und zieht Eure Beine ein; ihre Beschaffenheit möchte sonst die Wahrheit zu früh an den Tag bringen. Schweigt, so lang Ihr könnet; und wenn Ihr sprecht, so wär' es am klügsten, sogleich einen Eurer lauten Gesänge anzustimmen: dies wird die Indianer daran erinnern, daß Ihr nicht so zurechnungsfähig wie andere Menschenkinder seyd. Wenn sie euch aber den Skalp abziehen, wiewohl ich hoffe und glaube, daß sie dies nicht thun werden, so verlaßt Euch darauf, daß Uncas und ich es ihnen gedenken und Euch rächen, wie's ächten Kriegern und treuen Freunden ziemt.«

»Halt!« sprach David, als er merkte, daß sie ihn mit dieser Zusicherung verlassen wollten; »ich bin ein unwürdiger und geringer Nachfolger Dessen, der nie den verdammlichen Grundsatz der Rache predigte. Sollte ich fallen, so bringt meinen Manen kein Opfer; verzeiht vielmehr meinen Verderbern; und wenn Ihr überhaupt an sie denkt, so sey es nur im Gebet um Erleuchtung ihres Geistes und um ihr ewiges Heil.«

Der Kundschafter zögerte und schien in Nachdenken versunken.

»Das ist ein Grundsatz,« sprach er, »nicht wie man ihn in den Wäldern hat, und doch schön und edel, und sehr beherzigenswerth.« Mit einem schweren Sehnsuchtsseufzer, einem der letzten vielleicht nach dem Leben, das er so lange schon verlassen hatte, fuhr er fort: »ich möchte sehr gerne selbst ihm nachleben, als Einer, der keinen unächten Blutstropfen in seinen Adern hat; er ist aber nicht immer so leicht bei einem Indianer zu befolgen, wie bei einem Mitchristen. Nun, Gott segne Euch, Freund; Ihr seyd, glaub' ich, nicht eben auf einer falschen Fährte, betrachtet man die Sache recht, wenn Ihr die Ewigkeit Euch immer vor Augen haltet. Freilich kommt viel auf die Naturgaben an und die Stärke der Versuchung.«

Mit diesen Worten kehrte der Kundschafter um und schüttelte David herzlich die Hand. Nach dieser Freundschaftsbezeigung verließ er, von dem neuen Darsteller des Bären begleitet, die Hütte.

Sobald sich Hawk-eye unter den Augen der Huronen befand, richtete er seine hohe Gestalt nach der unbeholfenen Weise Davids empor, reckte seinen Arm aus, als ob er den Takt angeben wollte und begann eine Art Nachahmung seines Psalmgesangs. Zum Glück für den Erfolg dieses mißlichen Versuchs hatte er es mit Ohren zu thun, die an den süßen Wohlklang harmonischer Töne wenig gewöhnt waren: sonst hätte sich dieses klägliche Beginnen unfehlbar entdeckt. Sie mußten in eine gefährliche Nähe mit der dunkeln Gruppe der Wilden gelangen, und je mehr sie heranschritten, desto lauter ertönte des Kundschafters Stimme. Als sie zunächst an den Feinden waren, streckte der Hurone, welcher englisch sprach, den Arm aus und hielt den vermeintlichen Singmeister an.

»Der Hund von Delawarer –« sprach er, sich vorwärtslehnend, um den Ausdruck des Andern durch das Dämmerlicht zu erkennen: »fürchtet er sich? Werden die Huronen Seufzer von ihm hören?«

Ein so entsetzlich natürliches Brummen aber erscholl in diesem Augenblick aus dem Bärenrachen, daß der junge Indianer seinen Mann losließ und bei Seite fuhr, als wollte er sich erst überzeugen, ob, was vor ihm hertrollte, ein wirklicher Bär oder eine Nachahmung sey. Hawk-eye, in der Furcht, seine Stimme möchte ihn den schlauen Feinden verrathen, benutzte die Unterbrechung mit Freuden zu einer neuen musikalischen Produktion, die in der Sprache der verfeinerten Gesellschaft ohne Zweifel ein Höllenlärm genannt worden wäre. Bei seinen jetzigen Zuhörern aber gab es ihm nur einen Anspruch mehr auf die Achtung, welche sie Solchen, die ihrer Meinung nach geisteswirr sind, nie versagen. Der kleine Indianerhaufe zog sich zumal zurück und ließ den vermeintlichen Beschwörer mit seinem begeisterten Gehülfen weiter ziehen.

Es war keine geringe Aufgabe für Uncas' und des Kundschafters Seelenstärke, den langsamen, gravitätischen Schritt beizubehalten, den sie längs der Wohnhütten angenommen hatten, besonders, als sie gleich darauf gewahrten, daß die Neugierde bei den Wächtern die Oberhand über die Furcht gewonnen hatte, so daß sie sich der Hütte näherten, um Zeugen der Wirksamkeit der Bezauberungen zu seyn. Die geringste unüberlegte oder ungeduldige Bewegung Davids konnte sie verrathen, und für die Sicherheit des Kundschafters bedurfte es nothwendig einiger Zeit. Der laute Gesang, den der Letztere gerathen fand fortzusetzen, zog verschiedene neugierige Gaffer unter die Thüren der Hütten, an denen sie vorübergingen, und ein- oder zweimal führte Aberglaube oder Wachsamkeit einen finsterblickenden Krieger quer über ihren Pfad. Sie wurden jedoch nicht angehalten. Die Dunkelheit der Nacht und die Keckheit des Wagestücks waren ihre besten Verbündeten.

Die Abenteurer hatten das Dorf hinter sich und näherten sich nun rasch dem Schutze der Wälder, da ließ sich aus der Hütte, in welcher Uncas bewacht worden war, ein lautes, anhaltendes Geschrei vernehmen. Der Mohikaner stand auf seine Beine und schüttelte sein zottiges Kleid, als ob das Thier, welches er darstellte, eine verzweifelte Anstrengung machen wollte.

»Halt!« sprach der Kundschafter, seinen Freund an der Schulter greifend, »laß sie noch einmal schreien; es war nichts als ihre Verwunderung!«

Sie hatten keinen Grund zu zögern: im nächsten Augenblick erfüllte ein neues Geschrei die Lüfte und lief durch das ganze Dorf. Uncas warf seine Haut ab und schritt in seinem eigenen schöngeformten Gliederbaue weiter. Hawk-eye schlug ihn leicht auf die Schulter und glitt voran.

»Jetzt mögen die Teufelskinder unsere Fährte finden!« sagte der Kundschafter, indem er zwei Büchsen mit allen nöthigen Erfordernissen unter einem Busch hervorzog, seinen Wildtödter schwang und Uncas die andre Waffe hinhielt; »zwei wenigstens laufen dem Tode in die Arme.«

Gleich Jägern, die des Wildes harren, ihre Gewehre niederhaltend, eilten sie fort und waren bald in der Dunkelheit des Waldes begraben.

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