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Der letzte Mohikan

James Fenimore Cooper: Der letzte Mohikan - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDer letzte Mohikan
publisherVerlag von S. G. Liesching
translatorDr. Leonhard Tafel
year1841
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
projectid0a57063f
created20070325
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Zwanzigstes Kapitel.

Albanien, mein Auge weil' auf dir,
Du rauhe Amme wilder Männer! –
Childe Harold.

Der Himmel war noch mit Sternen besäet, als Hawk-eye kam, die Schläfer zu wecken. Ihre Mäntel bei Seite werfend, waren Munro und Heyward schon auf den Beinen, während der Waldmann am Eingang des kunstlosen Obdaches, unter dem sie die Nacht zugebracht hatten, noch mit gedämpfter Stimme ihre Namen rief. Als sie aus ihrem Verstecke traten, fanden sie Hawk-eye nahebei ihrer wartend. Ihr einziger Gruß war das bedeutungsvolle Zeichen des Stillschweigens, das ihr scharfblickender Führer wiederholte.

»Betet in Gedanken!« flüsterte er, auf sie zutretend, »denn Er, zu dem Ihr betet, versteht alle Sprachen, die des Herzens sowohl, als des Mundes. Aber sprecht keine Sylbe; selten trifft eines Weißen Stimme in diesen Wäldern den rechten Ton, wie wir an dem Beispiel des armen Teufels, des Sängers, gesehen haben. Kommt,« fuhr er fort, nach einem Walle des Forts sich wendend, »wir wollen in den Graben hinabsteigen und beim Gehen sorgfältig auf die Steine und Holzstücke treten.«

Seine Begleiter willfahrten, obgleich für zwei unter ihnen die Gründe dieser außerordentlichen Vorsichtsmaßregeln noch ein Geheimniß waren. Als sie sich in der niedern Höhlung befanden, welche die Erdwälle des Forts von drei Seiten umgab, trafen sie den Weg beinahe ganz durch Trümmer versperrt. Vorsicht und Geduld machten es jedoch möglich, dem Kundschafter nachzuklettern, bis sie das sandige Ufer des Horican erreichten.

»Das ist 'ne Fährte, die man nur mit der Nase verfolgen kann,« sagte der Kundschafter, auf den schwierigen Weg zurückblickend; »Gras ist ein verrätherischer Teppich für Fliehende; aber Holz und Stein nehmen keine Spur eines Moccasin an. Hättet Ihr Eure bespornten Stiefel angehabt, so wäre immerhin noch etwas zu fürchten gewesen; aber mit einer passend zugerichteten Hirschhaut unter den Füßen darf sich Einer gemeinhin den Felsen ganz sicher anvertrauen. Ein wenig näher ans Land mit dem Canoe, Uncas; in den Sand drückt sich ein Fuß so leicht ein, als auf die Butter der DeutschenJarmans im Text steht wohl für Germans, und Deutsche hier für Holländer; so in Amerika in der Conversation häufig Dutch für Deutsche, obgleich es sonst Holländer bedeutet. A. d. Uebers. am Mohawk. Gemach, Junge, gemach! Es darf das Ufer nicht berühren, sonst merken die Schelme, wo wir den Ort verlassen haben.«

Der junge Mann beobachtete diese Vorsicht: der Kundschafter legte ein Brett, das er aus den Trümmern mitgenommen hatte, auf den Kahn, und winkte den beiden Officieren, einzusteigen. Sobald dies geschehen war, wurde Alles wieder sorgsam in den früheren Zustand gebracht und Hawk-eye gelang es, sein kleines Birkenfahrzeug zu gewinnen, ohne eine jener Spuren zu hinterlassen, die sie so sehr zu fürchten schienen. Heyward schwieg, bis die Indianer das Canoe vorsichtig eine Strecke von dem Fort weggerudert hatten, in den Schutz der breiten, dunkeln Schatten, die von den östlichen Bergen auf den Wasserspiegel des Sees fielen; dann fragte er:

»Warum mußten wir so verstohlen und eilig abziehen?«

»Wenn das Blut eines Oneida eine so reine Wasserfläche, wie die, auf der wir fahren, färben könnte,« versetzte der Kundschafter, »so würden eure zwei Augen diese Frage selbst beantworten. Habt Ihr den schleichenden Wurm vergessen, den Uncas erschlagen hat?«

»Keineswegs. Aber es hieß ja, er sey allein, und Todte sind nicht mehr zu fürchten.«

»Ja bei seiner Teufelei war er allein! Aber ein Indianer, dessen Stamm so viele Krieger zählt, darf nicht leicht fürchten, sein Blut fließen zu sehen, ohne daß dafür einigen Feinden der Todesschrei entrissen wird.«

»Aber unsre Gegenwart – das Ansehen Obrist Munro's würde hinlänglicher Schutz gegen den Unwillen unsrer Verbündeten seyn, besonders in einem Fall, wo der Elende sein Schicksal nur zu wohl verdient hat. Ich hoffe zum Himmel, daß ein so wenig triftiger Grund euch nicht einen Schritt von der geraden Richtung unsers Weges abzuweichen vermocht habe.«

»Glaubt Ihr, die Kugel des Spitzbuben wäre ausgewichen, wenn Seine Majestät der König ihr in dem Wege gestanden hätte?« entgegnete der unbeugsame Kundschafter. »Warum ließ der große Franzose, der Generalkapitän von Canada ist, nicht die Tomahawks der Huronen begraben, wenn das Wort eines Weißen so großen Einfluß auf die Natur eines Indianers übt?«

Heyward's Antwort wurde durch einen Seufzer Munro's unterbrochen; er schwieg deshalb aus Achtung vor dem Kummer seines betagten Freundes einen Augenblick, fuhr aber dann fort:

»Der Marquis von Montcalm kann diese Schuld allein mit seinem Gott abmachen,« sprach der junge Mann in feierlichem Tone.

»Ja, ja, nun ist Vernunft in euern Worten; denn sie stützen sich auf Religion und Ehre. Es ist ein großer Unterschied, ein Regiment Weißröcke zwischen Wilde und Gefangene werfen, oder einem wüthenden Wilden mit Worten, die stets ›mein Sohn‹ beginnen müssen, aus dem Gedächtnisse zu bringen, daß er ein Messer und eine Büchse trägt. Nein, nein,« fuhr der Kundschafter fort, indem er nach dem verschwindenden Ufer von William Henry zurückblickte, das immer weiter zurückwich – und dabei, wie er pflegte, still und herzlich lachte: »sie müssen unsere Spur auf dem Wasser suchen, und wenn die Satane nicht mit den Fischen Freundschaft schließen und von ihnen hören, wer an diesem schönen Morgen über ihren See gerudert hat, so kriegen wir den ganzen Horican hinter uns, ehe sie mit sich im Reinen sind, welchen Weg sie einschlagen wollen.«

»Feinde vor und hinter uns, kann es unserer Reise nicht an Gefahren fehlen.«

»Gefahren!« wiederholte Hawk-eye ruhig; »nein, nicht eben Gefahren: mit wachsamen Ohren und scharfen Augen können wir den Schelmen immer ein Paar Stunden vorausbleiben; und wenn wir zu den Büchsen greifen müssen, so verstehen drei von uns sie so gut zu gebrauchen, wie nur irgend Einer auf der weiten Gränze. Nein, von Gefahr ist gerade keine Rede; nicht daß ich behaupten wollte, wir würden ganz frei ausgehen, dies ist unwahrscheinlich: 's kann zu einem kleinen Strauß, einem Scharmützel oder anderer Kurzweil kommen; aber wir können uns immer decken und haben reichlichen Schießbedarf.«

Wahrscheinlich hatte Heyward, wenn er von Gefahr sprach, einen andern Maßstab, als der Kundschafter: denn statt etwas zu erwiedern, schwieg er jetzt, während das Canoe mehrere Meilen lang auf dem Wasser dahinglitt. Gerade als der Tag anbrach, kamen sie in die Engen des SeesDie Naturschönheiten des Georgsees sind allen amerikanischen Reisenden bekannt. In der Höhe der ihn umgebenden Berge, ebenso nach den Verschönerungen der Kunst, steht er den herrlichsten Seen der Schweiz und Italiens nahe, während er ihnen in seinen Umrissen und der Reinheit des Wassers völlig gleich kommt, und sie alle in der Zahl und der malerischen Lage seiner Inseln und Inselchen bei weitem übertrifft. Auf einer Strecke von weniger als zwölf Stunden sollen Hunderte von Eilanden über seinen Wasserspiegel ragen. Die Engen, welche ihn in zwei Becken theilen, sind mit Inseln so sehr umlagert, daß häufig nur Durchfahrten von einigen Fuß Breite übrig sind. Der See selbst hat eine Breite von einer bis drei (englischen) Meilen.
Der Staat New-York zeichnet sich durch die Menge und Schönheit seiner Seen aus. Eine seiner Gränzen stößt an die weite Wasserfläche des Ontario, während der Champlain ihn auf einer andern Seite beinahe vierzig Stunden weit begränzt. Der Oneida, der Cayuga, der Canandaigua, der Seneca und der Georgsee sind alle ihre zwölf Stunden lang, während der kleineren Gewässer eine zahllose Menge ist. Auf den meisten dieser Seen liegen jetzt reizende Wohnsitze, und viele werden von Dampfbooten befahren.
und stahlen sich schnell und vorsichtig durch die zahllosen kleinen Eilande. Auf diesem Wege hatte sich Montcalm mit seinem Heere zurückgezogen und unsere Abenteurer mußten für möglich halten, er habe einige Indianer als Hinterhalt zurückgelassen, um den Nachtrab zu decken und die Streifzügler zu sammeln. Sie nahten sich also der Durchfahrt in tiefstem Stillschweigen und mit ihrer gewöhnlichen Vorsicht.

Chingachgook legte sein Ruder bei Seite, während Uncas und der Kundschafter das leichte Fahrzeug durch die Schlangenwindungen der Kanäle trieben, wo sie mit jedem Fuße, den sie vordrangen, auf ein plötzliches Hemmniß gefaßt seyn mußten. Die Augen des Sagamoren rollten, während das Canoe sich leicht fortbewegte, behutsam von Insel zu Insel, von Busch zu Busch: und sein scharfer Blick schweifte, sobald die Weite des Spiegels es erlaubte, längs der fahlen Felsen und der darüber hängenden Waldungen, welche die enge Wasserstraße begränzten.

Heyward, den die Schönheit der Natur auf der einen Seite, auf der andern die in seiner Lage natürlichen Besorgnisse zu einem doppelt aufmerksamen Zuschauer machte, glaubte schon, daß für die letztern kein genügender Grund vorhanden gewesen, als die Ruder auf ein von Chingachgook gegebenes Zeichen plötzlich stille hielten.

»Hugh!« rief Uncas beinah in demselben Augenblick, wo sein Vater durch einen leichten Schlag auf den Rand des Canoes auf eine nahe Gefahr aufmerksam gemacht hatte.

»Was gibt es?« fragte der Kundschafter, »der See ist so glatt, als ob nie ein Wind darüber geweht hätte, und ich kann ihn meilenweit überblicken: nicht einmal der schwarze Kopf einer Wasserente ragt über seine Oberfläche hervor.«

Der Indianer hob ernsthaft sein Ruder auf und deutete auf einen Punkt, dem sich seine Augen unverrückt zuwandten. Duncans Augen folgten der Bewegung. Wenige Ruthen vor ihnen lag eine niedere, bewaldete Insel, schien aber so still und friedlich, als ob ihre Einsamkeit nie durch den Tritt eines Menschen gestört worden wäre.

»Ich sehe Nichts,« sprach er, »als Land und Wasser; und entzückend ist der Anblick!«

»St!« unterbrach ihn der Kundschafter. »Ja, Sagamore, du thust nie etwas ohne Grund, 's ist blos ein Schatten; aber doch ist er nicht natürlich. Ihr seht den Nebel, Major, der sich über die Insel erhebt; Ihr könnt es keinen eigentlichen Nebel nennen: es ist mehr wie der Streif eines dünnen Gewölks.«

»Es sind Dünste, die aus dem Wasser kommen!«

»Das sieht ein Kind. Was ist aber der Rand eines schwärzern Dunstes, der sich weiter unten hinzieht und den Ihr bis in das Dickicht von Haselstauden verfolgen könnet? 's ist von einem Feuer, das man aber, wie mir vorkommt, hat abbrennen lassen.«

»So wollen wir denn anlegen, und unsere Zweifel lösen,« sprach der ungeduldige Duncan: »der Trupp muß klein seyn, der auf einem so kleinen Fleckchen Land liegen kann.«

»Wenn Ihr die List der Indianer nach den Regeln, die Ihr in euern Büchern findet, oder mit dem Scharfsinn eines Weißen beurtheilen wollt, so führt's euch in die Irre, wo nicht dem Tode entgegen,« erwiederte Hawk-eye, indem er diese Merkmale mit seinem eigenthümlichen Scharfblick betrachtete. »Wenn ich meine Meinung sagen darf, so haben wir nur Zweierlei zu wählen: das Eine ist, wir kehren um, und geben alle Gedanken an die Verfolgung der Huronen auf –«

»Nimmermehr!« rief Heyward, mit viel lauterer Stimme als die Umstände räthlich machten.

»Gut! Gut!« fuhr Hawk-eye fort, indem er ihn hastig bedeutete, seine Ungeduld zu unterdrücken; »ich bin auch eurer Meinung, aber ich glaubte meiner Erfahrung schuldig zu seyn, Alles zu sagen. So müssen wir denn voran! Und wenn die Indianer oder die Franzosen in diesen Engen sind, so müssen wir durch die hohen Berge hin Spießruthen laufen. Ist Vernunft in meinen Worten, Sagamore?«

Der Indianer antwortete nur damit, daß er das Ruder in das Wasser senkte und das Canoe weiter trieb. Da ihm die Lenkung des Laufes oblag, so war sein Entschluß durch diese Bewegung genugsam ausgesprochen. Auch die Uebrigen ruderten jetzt kräftig zu, und in wenigen Minuten hatten sie einen Punkt erreicht, von wo aus sie das ganze, bisher verborgen gewesene nördliche Ufer der Insel mit einem Blick beherrschen konnten.

»Da sind sie! wenn nicht alle Kennzeichen täuschen!« flüsterte der Kundschafter! – »zwei Canoe und ein Rauch! Die Augen der Schelme sind noch in dem Nebel gefangen, sonst hätten wir schon ihr verdammtes Kriegsgeschrei hören müssen. Zugerudert, Freunde! Wir entfernen uns von ihnen und sind schon beinahe aus der Schußweite einer Kugel.«

Der wohlbekannte Knall einer Büchse, deren Kugel auf der ruhigen Wasserfläche daherhüpfte und ein schrilles Geheul von der Insel unterbrach seine Rede, und verkündete, daß sie entdeckt seyen. Einen Augenblick darauf sah man mehrere Wilde in die Canoe stürzen, die bald in eiliger Verfolgung auf dem Wasser dahertanzten. Diese furchtbaren Vorläufer eines nahenden Kampfes brachten, so weit Duncan entdecken konnte, in den Gesichtszügen und den Bewegungen seiner drei Führer keine Veränderung hervor, außer daß ihre Ruderschläge stärker und übereinstimmender wurden: und die kleine Barke schien nun wie mit belebtem Flügelschlage dahinzueilen.

»Bleibe in dieser Richtung, Sagamore,« sagte Hawk-eye, kaltblütig über seine linke Schulter blickend, während er immer noch fortruderte; »halte das Fahrzeug gerade so! Die Huronen haben nie Gewehre, die so weit reichen; aber mein Wildtödter hat ein Rohr, auf welches ein Mann bauen kann.«

Als der Kundschafter sich überzeugt hatte, daß die Mohikaner allein vermögend waren, das Canoe in der erforderlichen Entfernung zu halten, legte er ruhig sein Ruder bei Seite und erhob die verhängnißvolle Büchse. Dreimal legte er sein Gewehr an die Schulter, die Gefährten erwarteten den Schuß, und dreimal senkte er es wieder, um die Indianer zu bitten, ihre Feinde ein wenig näher herankommen zu lassen. Endlich schien sein genaues, scharfes Auge befriedigt, er brachte seine linke Hand unter den Lauf und hob eben die Mündung langsam empor, als ein Ruf aus Uncas' Munde, der am Buge saß, seinen Schuß abermals verhinderte.

»Was gibt es, Junge?« fragte Hawk-eye: »du hast einen Huronen vom Todesschrei errettet! Hast du Grund dazu gehabt?« –

Uncas wies nach dem Felsenufer, wo ein anderes Kriegscanoe ihren Weg gerade zu durchschneiden im Begriffe war. Offenbar war jetzt ihre Lage so äußerst mißlich, daß es keiner Worte darüber bedurfte. Der Kundschafter legte seine Büchse weg und ergriff das Ruder wieder, während Chingachgook den Bug des Canoe ein wenig gegen das Westufer richtete, um die Entfernung zwischen ihnen und dem neuen Feind möglichst zu vergrößern. Zugleich drang sich ihnen die Gegenwart der Feinde wieder auf, die in ihrem Rucken waren und nun ein wildes und frohlockendes Geschrei ausstießen. Eine so bedenkliche Scene weckte selbst Munro aus seiner Theilnahmlosigkeit.

»Laßt uns den Felsen dort am Lande zu,« sprach er mit der Miene eines erfahrnen Soldaten: »und mit den Wilden kämpfen! Gott möge mich und alle, die mit mir und den Meinigen verbunden sind, davor bewahren, je einem Diener dieser Ludwige wieder zu trauen!«

»Wer im Indianerkrieg gut fahren will,« entgegnete der Kundschafter, »darf nicht zu stolz seyn, von der Erfahrung der Eingebornen zu lernen. Mehr an's Land, Sagamore: wir umsegeln die Schelme, und vielleicht werden sie versuchen weiter auszuholen.«

Hawk-eye hatte sich nicht geirrt: sobald die Huronen sahen, daß der Weg, den sie genommen, den Verfolgten einen Vorsprung ließ, steuerten sie allmählig weniger geradeaus und nahmen immer mehr eine schiefe Richtung, so daß die beiden Canoes bald in gleichlaufenden Linien etwa zweihundert Ruthen von einander fuhren. Jetzt galt es, wer am schnellsten ruderte. Die Bewegung der leichten Fahrzeuge war so schnell, daß der See vor ihnen kleine Wellen warf und sie durch ihre eigene Schnelligkeit in eine wogende Bewegung kamen. Dieser Umstand und die Nothwendigkeit, alle Hände beim Rudern zu beschäftigen, war vielleicht Ursache, daß die Huronen nicht sogleich Feuer gaben. Die Anstrengungen der Fliehenden waren jedoch zu groß, um lange andauern zu können, und die Verfolger hatten den Vortheil der Ueberzahl. Duncan bemerkte nicht ohne Bangigkeit, daß der Kundschafter verlegen um sich zu blicken begann, als suche er nach neuen Hülfsmitteln, ihre Flucht zu beschleunigen.

»Fahr' ein wenig mehr aus der Sonne, Sagamore,« sprach der unverzagte Waidmann, »ich sehe, einer von den Schelmen denkt an seine Büchse. Ein einziges verwundetes Glied könnte uns unsere Skalpe kosten. Fahr' etwas aus der Sonne, so haben wir bald die Insel zwischen uns und ihnen.«

Das Auskunftsmittel war nicht ohne Erfolg. Ein langgedehntes, niedriges Eiland lag in geringer Entfernung vor ihnen und als sie an dasselbe herankamen, war das verfolgende Canoe genöthigt, sich auf der andern Seite zu halten. Der Kundschafter und seine Gefährten ließen diesen Vortheil nicht unbenützt; sobald sie durch die Gebüsche jeder Beobachtung entzogen waren, verdoppelten sie ihre Anstrengungen, die schon vorher an's Wunderbare gränzten. Die beiden Canoes kamen um die letzte niedrige Spitze, wie zwei Renner am Ziele ihres Laufes: die Fliehenden aber voran. Diese Veränderung brachte sie jedoch einander näher, während sie auf der andern Seite ihre beiderseitige Lage änderte.

»Du hast gezeigt, daß Du Dich auf die birkenen Fahrzeuge verstehst, Uncas, als Du dieses unter den Canoes der Huronen auswähltest,« bemerkte lächelnd der Kundschafter, mehr befriedigt durch ihren Vorsprung im Rudern, als durch die schwache Aussicht, endlich zu entrinnen, die sich nun öffnete. »Die Schelme haben sich wieder ganz auf's Rudern gelegt, und wir müssen mit Stücken glatten Holzes, statt mit dem dunklen Rohr und scharfen Augen um unsere Skalpe kämpfen. Holt weiter mit dem Ruder aus, Freunde, und schlagt zumal!«

»Sie schicken sich zum Schießen an,« sagte Heyward, »und da wir in einer Linie mit ihnen sind, so werden sie kaum fehlen.«

»So legt Euch auf den Boden des Fahrzeugs,« erwiederte der Kundschafter, »Ihr und der Obrist; es sind dann schon ein Paar Zielpunkte weniger.«

Heyward antwortete lächelnd:

»Das wäre ein gutes Beispiel, wenn die Höchsten am Rang sich ducken würden, während die Krieger im Feuer stehen.«

»Gott und Herr!« rief der Kundschafter, »das ist wieder einmal eines Weißen Muth und eine Ansicht, die vor der Vernunft ganz zusammenfällt! Meint Ihr, der Sagamore, oder Uncas, oder selbst ich, dem kein unächter Tropfen Blutes in den Adern rinnt, würden sich bei einem Scharmützel bedenken, ein Versteck zu suchen, wenn es nichts nützte, sich blos zu stellen? Wozu haben sich die Franzmänner in Quebek verschanzt, wenn man immer im freien Felde fechten muß?«

»Alles dies ist sehr wahr, mein Freund,« erwiederte Heyward, »und doch verbietet unsere Sitte uns, Euren Wunsch zu erfüllen.«

Eine Salve der Huronen unterbrach das Gespräch, und als die Kugeln um ihre Ohren pfiffen, sah Duncan, wie Uncas sich umwandte, um nach ihm und Munro zu sehen. Ungeachtet der Nähe des Feindes und der eigenen großen Gefahr, drückte die Miene des jungen Kriegers, wie Heyward glauben musste, keine andere Empfindung, als Erstaunen darüber aus, dass Leute sich so nutzlos einer Gefahr aussetzen wollten. Chingachgook war wahrscheinlich mit den Begriffen der Weißen mehr bekannt: denn er blieb, ohne einen Seitenblick zu thun, einzig mit dem Werkzeuge der Lenkung des Kahns beschäftigt. Gleich darauf schlug eine Kugel dem Häuptling das leichte und geglättete Ruder aus den Händen und schleuderte es weit vor sie in die Luft. Die Huronen stießen einen Jubelschrei aus und ergriffen die Gelegenheit, eine zweite Salve zu geben, Uncas beschrieb mit seinem Ruder einen Bogen in dem Wasser, und während das Canoe pfeilschnell vorschoß, erhaschte Chingachgook sein Ruder wieder, schwang es hoch empor, das Schlachtgeschrei der Mohikaner erhebend, und wandte dann wieder alle seine Stärke und Geschicklichkeit der wichtigsten Aufgabe des Ruderns zu.

Der weittönende Ruf: Le gros Serpent! La longue Carabine! Le Cerf agile! erscholl mit einem Male aus den Canoes hinter ihnen und schien die Verfolger mit neuem Eifer zu beleben. Der Kundschafter ergriff seinen Wildtödter mit der Linken und schwang ihn triumphirend über seinem Haupte den Feinden entgegen. Die Wilden beantworteten diesen Hohn mit einem Geheul, und unmittelbar darauf folgte eine weitere Salve. Die Kugeln sausten auf dem See daher und eine schlug sogar durch die Rinde ihres kleinen Kahns. Keine merkliche Aufregung war während dieses kritischen Augenblicks an den Mohikanern zu entdecken, ihre Gesichtszüge drückten weder Hoffnung noch Furcht aus; aber der Kundschafter sah nach Heyward um und sagte still vor sich hin lachend:

»Die Schufte hören sich gerne schießen: aber kein Auge findet sich unter den Mingos, welches in einem auf den Wellen tanzenden Canoe die Schußweite bemessen könnte. Ihr seht, die dummen Teufel nahmen einen Mann zum Laden weg, und auf's Geringste angeschlagen machen wir drei Schuh vorwärts, wenn sie zwei!«

Duncan, welcher sich während dieser gemüthlichen Schätzung der Entfernungen nicht ganz so behaglich fühlte, als seine Gefährten, war froh, als er sah, wie sie durch ihre überlegene Gewandtheit und die Ausweichung der Feinde einen merklichen Vortheil gewannen. Die Huronen feuerten wieder, und eine Kugel schlug in die Schaufel von Hawk-eye's Ruder, doch ohne ihn zu verletzen.

»Nicht übel!« sprach der Kundschafter, die leichte Zersplitterung an seinem Ruder untersuchend; »es hätte einem Kinde nicht die Haut geritzt, viel weniger Männern, die, gleich uns, schon aller Ungunst des Himmels in Wind und Wetter getrotzt haben. Nun, Major, wenn Ihr's etwas mit dem Stücke flachen Holzes versuchen wollt, so will ich meinen Wildtödter an der Unterhaltung Theil nehmen lassen.«

Heyward ergriff das Ruder und machte sich mit einem Eifer an's Werk, der sein geringes Geschick ersetzte, während Hawk-eye das Zündkraut seiner Büchse untersuchte. Er zielte schnell und feuerte. Der Hurone im Bug des vordern Canoe hatte sich in gleicher Absicht erhoben, sank aber zurück und ließ seine Büchse in's Wasser fallen. Doch raffte er sich in einem Augenblick wieder auf, aber seine Geberden waren wild und verstört. Zugleich hörten seine Begleiter auf zu rudern, die verfolgenden Canoes stießen zusammen und blieben stille stehen, Chingachgook und Uncas benützten die augenblickliche Pause um Athem zu schöpfen; Duncan aber fuhr fort, mit ausdauerndem Eifer zu arbeiten. Vater und Sohn warfen jetzt ruhige, aber forschende Blicke auf einander, um zu sehen, ob keiner durch das Feuer der Feinde verletzt worden sey: denn beide wußten wohl, daß kein Schrei oder Ausruf in einem solchen Augenblick der Noth, den Unfall hätte verrathen dürfen. Einige große Tropfen Blutes rannen über die Schulter des Sagamoren herab, und als er sah, daß Uncas Blicke zu lange darauf verweilten, schöpfte er etwas Wasser in der hohlen Hand, um den Fleck damit zu waschen, und begnügte sich, den Sohn auf diese einfache Weise von der geringen Bedeutung der Wunde zu überzeugen.

»Gemach, gemach, Major!« sagte der Kundschafter, welcher indessen seine Büchse wieder geladen hatte. »Wir sind schon ein wenig zu weit entfernt, als daß eine Büchse ihre Vorzüge entfalten könnte, und Ihr seht, die Schelme berathen sich so eben. Laßt sie auf Schußweite herankommen; ich darf mich wohl auf mein Auge verlassen! Sie sollen den ganzen Horican hinab gelockt werden, und ich will dafür stehen, daß keiner ihrer Schüsse im schlimmsten Falle mehr als die Haut streifen soll, während mein Wildtödter zweimal in drei Tempos ihnen an's Leben gehen soll.«

»Wir vergessen den Zweck unserer Reise,« entgegnete der besorgte Duncan, »Um Gottes Willen laßt uns diesen Vortheil benützen, um uns immer weiter von den Feinden zu entfernen.«

»Gebt mir meine Kinder!« rief Munro mit unterdrückter Stimme, »treibt kein Spiel mit der Angst eines Vaters, gebt mir meine Kinder wieder!«

Seit langer Zeit geübte Achtung gegen die Befehle seiner Obern hatte den Kundschafter die Tugend des Gehorsams gelehrt. Einen letzten, zaudernden Blick auf die entfernten Canoes werfend, legte er seine Büchse bei Seite und ergriff, den ermüdeten Duncan ablösend, wieder das Ruder, das er mit Sehnen, die keine Erschöpfung kannten, regierte. Seine Anstrengungen wurden durch die Mohikaner unterstützt, und in wenigen Minuten war eine solche Wasserfläche zwischen ihnen und den Feinden, daß Heyward wieder freier athmete.

Der See dehnte sich jetzt weiter aus und ihr Weg ging über weite Wasserräume, die, wie bisher, von hohen, rauhen Felsen eingefaßt waren. Die wenigen Inseln waren leicht zu vermeiden. Die Ruderschläge wurden abgemessener und regelmäßiger, während die Ruderer nach der hitzigen, gefahrvollen Verfolgung, von der sie sich kaum etwas erholten, ihre Anstrengungen mit einer Kaltblütigkeit fortsetzten, als ob ihre bisherige Eile nur ein Spiel, nicht das Gebot dringender, ja verzweifelter Umstände gewesen wäre.

Statt dem westlichen Ufer zu folgen, wohin ihr Weg führte, steuerte der schlaue Mohikaner mehr auf die Berge zu, hinter welche, wie man wußte, Montcalm sein Heer nach der furchtbaren Festung Ticonderoga geführt hatte. Da die Huronen allem Ansehen nach die Verfolgung aufgegeben hatten, so war scheinbar kein Grund für eine so übermäßige Vorsicht vorhanden. Dennoch dauerte sie Stunden lang, bis sie in eine Bucht am nördlichen Ufer des Sees gelangten. Hier wurde das Canoe an's Ufer getrieben und Alle stiegen an's Land. Hawk-eye und Heyward bestiegen eine nahe Anhöhe, und jener, die weite Wasserfläche unter ihnen überschauend, machte diesen auf einen kleinen schwarzen Fleck aufmerksam, der in der Entfernung von mehreren Meilen unter einer Landspitze sichtbar war.

»Seht Ihr ihn?« fragte der Kundschafter. »Für was würdet Ihr nun diesen Fleck halten, wenn Ihr mit Eurer Erfahrung als Weißer allein den Weg durch diese Wasserwildniß machen müßtet?«

»Nach der Entfernung und der Größe würd' ich es für einen Vogel halten. Kann es etwas Lebendiges seyn?«

»Es ist ein Canoe von guter Birkenrinde und wird von wilden, listigen Mingos gerudert. Obgleich die Vorsehung den Bewohnern der Wälder Augen verliehen hat, die in den Niederlassungen nutzlos wären, wo es künstliche Mittel gibt, die Sehkraft zu heben, so sind doch menschliche Organe außer Stande, alle die Gefahren zu bemerken, von denen wir in diesem Augenblicke umgeben sind. Die Schelme thun, als dächten sie nur an das Abendmahl; sobald es aber finster ist, sind sie, Spürhunden gleich, uns auf der Fährte. Wir müssen sie los werden, oder auf Renard Subtil's Verfolgung verzichten. Diese Seen sind manchmal zu etwas gut, besonders wenn das Wild ins Wasser stürzt,« fuhr der Kundschafter fort, mit etwas besorglicher Miene um sich blickend; »aber sie geben Niemand Schutz, wenn nicht den Fischen. Gott weiß, was aus dem Land werden würde, wenn die Weißen je ihre Niederlassungen weit über die zwei Flüsse ausdehnen wollten. Jagd und Krieg würden alle ihre Schönheit einbüßen.«

»Laßt uns keinen Augenblick verlieren, ohne gute und dringende Gründe.«

»Der Rauch will mir gar nicht gefallen, den Ihr dort an dem Felsen über dem Canoe aufsteigen sehet,« unterbrach ihn der zerstreute Kundschafter. »Ich setze mein Leben daran, andre Augen, als die unseren sehen ihn und wissen, was er zu bedeuten hat. Nun, Worte machen nichts besser, und es ist Zeit, daß wir handeln.«

Hawk-eye stieg tief nachdenklich von seinem Späheort an das Ufer hinab. Hier theilte er den Erfolg seiner Beobachtungen seinen Gefährten in delawarischer Sprache mit, und eine kurze, ernstlichte Berathung folgte. Als sie zu Ende war, schritten alle Drei sogleich zur Ausführung ihrer Beschlüsse.

Sie hoben das Canoe aus dem Wasser und trugen es auf den Schultern nach dem Walde, indem sie möglichst breite, in die Augen fallende Spuren hinterließen. In kurzem erreichten sie ein Gewässer, welches sie überschritten und sich bald an einem nackten Felsen von bedeutendem Umfange fanden. Von hier aus, wo ihre Fußtapfen nicht weiter sichtbar seyn konnten, wandten sie ihren Weg zurück nach dem Bache, indem sie mit der äußersten Vorsicht rückwärts gingen. Jetzt folgten sie dem Bett des kleinen Flusses bis nach dem See, und ließen ihr Canoe alsbald wieder ins Wasser. Ein niedriger Felsenvorsprung verbarg sie hier vor der Landspitze, und der Rand des Sees war eine Strecke weit mit dichten, herabhängenden Büschen bewachsen. Unter dem Schutze dieser von der Natur gebotenen Vortheile, verfolgten sie ihren Weg mit ausdauerndem Eifer, bis der Kundschafter für angemessen hielt, wieder zu landen.

Hier blieben sie liegen, bis der Abend die Gegenstände dem Auge unkenntlich und ungewiß machte. Dann nahmen sie ihren Weg wieder auf und ruderten, von der Finsterniß begünstigt, in aller Stille rüstig auf das westliche Ufer zu. Obgleich die rauhen Umrisse der Berge, auf die sie Iossteuerten, Duncan's Auge keine unterscheidenden Merkzeichen boten, so lief der Mohikaner doch in den kleinen Hafen, den er gewählt hatte, mit der Sicherheit und Umsicht eines erfahrenen Lotsen ein.

Das Boot wurde wieder aufgehoben und in die Wälder getragen, wo sie es sorgfältig unter einem Haufen Strauchwerk verbargen. Die Reisenden nahmen jetzt ihre Waffen und ihr Gepäck zu sich, und der Kundschafter kündigte Munro und Heyward an, daß er mit den Indianern endlich bereit sey, ihre Wanderung anzutreten.

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