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Der letzte Mohikan

James Fenimore Cooper: Der letzte Mohikan - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDer letzte Mohikan
publisherVerlag von S. G. Liesching
translatorDr. Leonhard Tafel
year1841
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
projectid0a57063f
created20070325
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Siebenzehntes Kapitel.

Laßt weben uns. Den Faden dreht geschwind.
Webt das Geweb. Das Werk ist schon zu End'.
Gray.

Die feindlichen Heere, welche in den Wildnissen des Horican gelagert waren, brachten die Nacht des neunten Augusts 1757 ungefähr auf dieselbe Weise zu, wie wenn sie auf dem schönsten Schlachtfelde Europas zusammengetroffen wären. Während die Besiegten still, verdrossen und niedergeschlagen waren, triumphirten die Sieger. Aber Trauer wie Freude haben ihre Gränzen: und lange vor der Morgenwache wurde die Stille der endlosen Wälder nur noch durch den Jubelruf eines lustigen jungen Franzosen bei einem entfernten Piquet, oder durch ein drohendes Anrufen aus dem Fort unterbrochen, das jede Annäherung von feindlichen Fußtritten vor der festgesetzten Zeit verbot. Selbst diese gelegentlich laut werdenden drohenden Töne verstummten in der unheimlichen Stunde, die dem Anbruch des Tages vorangeht, und auch ein Lauscher hätte vergeblich auf irgend ein Zeichen gehorcht, daß die Anwesenheit der an den Ufern des »heiligen Sees« schlummernden Streitkräfte verkündigt hätte.

Während dieser Augenblicke tiefer Stille wurde der Vorhang vor dem Eingange eines geräumigen Zeltes in dem französischen Lager bei Seite geschoben, und ein Mann schlüpfte unter demselben in die freie Luft hervor. Er war in einen Mantel gehüllt, der ihn gegen die kalten Dünste der Wälder schützen, aber auch seine ganze Gestalt verbergen sollte. Ungehindert ließ ihn der Grenadier, welcher den schlummernden französischen Befehlshaber zu bewachen hatte, vorüber, und die Schildwache machte nur das gewöhnliche Zeichen militärischer Ehrerbietung, als er flüchtigen Schritts durch die kleine Zeltstadt in der Richtung von William Henry forteilte. So oft der Unbekannte auf eine der zahlreichen Schildwachen auf seinem Wege stieß, war seine Antwort kurz und, wie es schien, befriedigend, denn man ließ ihn überall ohne weitere Ausforschung vorüber. Mit Ausnahme solcher oft wiederholten aber kurzen Unterbrechungen störte ihn auf seiner stillen Wanderung von der Mitte des Lagers bis zu den äußersten Vorposten nichts. Als er sich dem Soldaten näherte, der zunächst an den feindlichen Festungswerken Wache hielt, ward er mit dem gewöhnlichen Rufe empfangen:

»Wer da?«

»Frankreich,« war die Antwort.

»Die Losung?« –

»Der Sieg!« sprach der Andere, ihm so nahe tretend, daß er ihm seine Antwort zuflüstern konnte.

»Gut,« versetzte die Schildwache, die Muskete wieder auf die Schulter nehmend, »Ihr geht frühe spazieren, Herr!«

»Man muß wachsam seyn, mein Kind,« bemerkte der Andere, indem er eine Falte seines Mantels fallen ließ und beim Vorübergehen den Soldaten scharf in's Gesicht faßte, indem er seinen Weg nach den brittischen Bastionen verfolgte. Der Soldat fuhr auf, seine Waffen erklirrten stark, als er sie zum ehrerbietigsten militärischen Gruße vorwarf, und ging dann, seine Flinte wieder aufnehmend und zwischen den Zähnen murmelnd, auf und nieder.

»Gewiß muß man wachsam seyn! Ich glaube, wir haben da einen Korporal, der nie ein Auge schließt!«

Der Offizier that nicht, als hätte er die Worte, welche der überraschten Schildwache entschlüpften, gehört, und ging weiter, bis er das niedrige Ufer des Sees in der etwas gefährlichen Nähe der westlichen Wasserbastion des Forts erreichte. Das Licht des überwölkten Mondes reichte eben hin, die Umrisse der Gegenstände schwach unterscheiden zu lassen. Er gebrauchte daher die Vorsicht, sich an den Stamm eines Baumes zu stellen, wo er sich eine Weile anlehnte, und die dunkeln, stillen Erddämme der englischen Festungswerke mit gespannter Aufmerksamkeit zu betrachten schien. Sein Blick nach den Bollwerken war nicht der eines neugierigen oder müßigen Gaffers, sondern wanderte von einem Punkt zum andern und bewies militärische Kenntniß, verrieth aber auch, daß seine Untersuchung nicht ganz frei von Mißtrauen war. Endlich schien er befriedigt, er warf die Augen ungeduldig auf das östliche Gebirge, als könnte er den Anbruch des Morgens nicht erwarten, und war im Begriff, wieder zurückzukehren, als ein leises Geräusch auf der nächsten Ecke der Bastion sein Ohr erreichte und ihn zu bleiben bewog.

Eben näherte sich eine Gestalt dem Rande der Brustwehr, wo sie stehen blieb und die entfernten Zelte des französischen Lagers zu betrachten schien. Ihr Haupt wandte sich nach Osten, als sehe sie dem nahenden Tage mit Bangigkeit entgegen, und schien dann, an den Erdwall gelehnt, die klare Fläche der Wasser zu überblicken, die wie ein zweites Firmament das Bild von tausend Sternen wiederstrahlte. Das melancholische Aussehen, die Stunde und der hohe Wuchs des Mannes, welcher sich sinnend an die englische Brustwehr gelehnt hatte, ließ den aufmerksamen Beobachter über die Person nicht im Zweifel. Zartgefühl nicht minder als Klugheit geboten ihm nun, sich zurückzuziehen, und vorsichtig hatte er sich um den Baumstamm gedreht, um nicht bemerkt zu werden, da zog ein anderer Laut seine Aufmerksamkeit auf sich und ließ ihn abermal stille stehen. Leise, kaum hörbar bewegte sich das Wasser, dann war es, als ob Kieselsteine sich aneinander rieben. In einem Nu erhob sich eine dunkle Gestalt, wie aus dem See, und schlich geräuschlos an das Land, einige Schritte von der Stelle, wo er stand. Nächstdem erhob sich zwischen seinen Augen und dem Wasserspiegel eine Büchse, aber ehe sie noch losgeschossen werden konnte, war schon seine Hand auf dem Schloß.

»Hugh!« rief der Wilde, dessen verrätherische Absicht so seltsam und unerwartet unterbrochen worden war.

Ohne ein Wort zu sprechen, legte der französische Offizier seine Hand auf die Schulter des Indianers und führte ihn in tiefem Stillschweigen von der Stelle weg, wo ihr folgendes Zwiegespräch hätte gefährlich werden können, und wo wenigstens einer von ihnen ein Schlachtopfer zu suchen schien. Den Mantel zurückschlagend, um seine Uniform und das Ludwigskreuz an seiner Brust zu zeigen, fragte jetzt Montcalm in strengem Tone:

»Was soll das? Weiß mein Sohn nicht, daß die Kriegsaxt begraben ist zwischen dem Engländer und seinem canadischen Vater?«

»Was sollen die Huronen beginnen?« entgegnete der Wilde, ebenfalls französisch, aber nur unvollkommen sprechend. »Kein Krieger hat einen Skalp und die Blaßgesichter werden Freunde.«

»Ha! Le Renard Subtil! Mich dünkt, ein übertriebener Eifer für einen Freund, der jüngst noch ein Feind war! Wie viele Sonnen gingen unter, seitdem le Renard den Kriegspfahl der Engländer berührt hat!«

»Wo ist jene Sonne?« fragte der trotzige Wilde. »Hinter den Bergen, und sie ist schwarz und kalt. Aber wenn sie wieder kommt, wird sie glänzen und warm seyn. Le Subtil ist die Sonne seines Stamms, Wolken und viele Berge waren zwischen ihm und seiner Nation; aber jetzt scheint er hell und es ist klarer Himmel!«

»Daß le Renard Macht über die Männer seines Volkes hat, weiß ich wohl,« sprach Montcalm, »denn gestern jagte er noch nach ihren Skalpen, und heute hören sie ihn bei dem Versammlungsfeuer.«

»Magua ist ein großer Häuptling.«

»Er zeig' es dadurch, daß er sein Volk lehrt, wie es sich gegen unsere neuen Freunde zu betragen hat.«

»Warum führte der Häuptling von Canada seine jungen Krieger in die Wälder und feuerte sein Geschütz nach dem Haus von Erde ab?« fragte der schlaue Indianer.

»Um es in Besitz zu nehmen. Meinem Herrn gehört das Land und Euer Vater bekam den Befehl, diese englischen Eindringlinge daraus zu vertreiben. Sie willigen ein, zu gehen, und jetzt heißt er sie nicht mehr Feinde.«

»Das ist gut. Aber Magua nahm die Kriegsaxt, um sie mit Blut zu färben. Jetzt glänzt sie; wenn sie roth ist, soll sie wieder begraben werden.«

»Aber Magua ist verpflichtet, Frankreichs Lilien nicht zu beflecken. Die Feinde des großen Königs über dem Salzsee sind seine Feinde; seine Freunde die Freunde der Huronen.«

»Freunde!« wiederholte der Indianer verächtlich, »Der Vater Magua's lasse ihn seine Hand nehmen.«

Montcalm, welcher wußte, daß er seinen Einfluß auf die kriegerischen Stämme, die er versammelt hatte, mehr durch Nachgiebigkeit, als durch Gewalt behaupten könne, willfahrte ihm widerstrebend. Der Wilde legte den Finger des französischen Befehlshabers in eine tiefe Narbe auf seiner Brust und fragte dann frohlockend:

»Weiß mein Vater, was dies ist?«

»Welcher Krieger sollte das nicht wissen? Es ist von einer bleiernen Kugel.«

»Und das?« fuhr der Indianer fort, dem Andern den nackten Rücken zukehrend, denn er trug gerade seinen Calicomantel nicht.

»Dieß! mein Sohn ist hier schwer mißhandelt worden. Wer hat es gethan?«

»Magua schlief hart in den englischen Wigwams, und Streiche haben ihre Spur zurückgelassen,« antwortete der Wilde mit dumpfem Gelächter, das gleichwohl seinen wilden Trotz nicht zu verbergen vermochte, der ihn beinahe überwältigte. Bald aber faßte er sich und fuhr mit seiner angebornen und schnell wieder gewonnenen Würde fort: »Geh', sag' Deinen jungen Kriegern, es ist Friede, Le Renard Subtil weiß, wie er mit dem Huronenkrieger sprechen muß.«

Ohne weitere Worte für der Mühe werth zu halten oder eine Antwort zu erwarten, nahm der Wilde seine Büchse in den Arm und schritt langsam durch das Lager auf die Wälder zu, wo sein Stamm sich gelagert hatte. Jede paar Schritte wurde er von den Schildwachen unterbrochen, ging aber trotzig weiter, ohne den Ruf der Soldaten zu beachten, die sein Leben nur schonten, weil sie das Aussehen und den Tritt nicht weniger als die Tollkühnheit des Indianers kannten.

Montcalm verweilte noch lange und trübsinnig an dem Ufer, wo ihn der Wilde verlassen hatte, und verfiel in tiefes Nachsinnen über die Stimmung, die sein unbändiger Verbündeter an den Tag gelegt hatte. Bereits war sein Ruf einmal durch eine Gräuelscene befleckt worden, und unter Umständen, die mit den jetzigen eine furchtbare Aehnlichkeit hatten. Je weiter er nachsann, desto lebhafter drang sich ihm das Gefühl auf, welche Verantwortlichkeit derjenige auf sich lade, welcher die Mittel, die ihm für seinen Zweck zu Gebote stehen, nicht gehörig bedenke, und eben so wenig die Gefahr, Kräfte in Thätigkeit zu setzen, deren Leitung über den Bereich menschlichen Vermögens geht. Er entschlug sich aber dieser Gedanken, die er im Augenblick des Sieges für Schwäche hielt, kehrte in sein Zelt zurück und gab im Vorbeigehen Befehl, das Heer aus seinem Schlummer zu erwecken.

Der erste Schlag der französischen Trommeln fand ein Echo im Innern der Festung, und augenblicklich füllte sich das Thal mit den anhaltenden und durchdringenden Klängen einer Kriegsmusik, die ihre lärmende Begleitung noch übertönte. Die Hörner der Sieger bliesen heitere und fröhliche Weisen, bis der letzte Mann im Lager unter den Waffen war; sobald aber die brittischen Pfeifen im Fort ihr schrilles Signal gaben, verstummten sie wieder. Unterdessen war der Tag angebrochen, und als das französische Heer zum Empfange seines Generals in Reihe und Glied bereit stand, erblitzten die Waffen der Krieger von den Strahlen einer glänzenden Sonne. Der gewonnene Vortheil, schon so wohl bekannt, wurde nun öffentlich verkündigt, und die begünstigte Schaar, welcher die Auszeichnung zu Theil wurde, die Thore des Forts zu besehen, zog vor ihrem Chef vorüber: das Zeichen zum Aufbruch ward gegeben, und alle üblichen Vorbereitungen eines Wechsels der Herrschaft wurden unter den Kanonen der bestrittenen Festungswerke getroffen und sogleich ausgeführt.

Einen ganz verschiedenen Anblick gewährten die Reihen des englisch-amerikanischen Heers. Sobald das Abzugssignal gegeben war, gewahrte man alle Zeichen eines übereilten, gezwungenen Abmarsches. Finstern Blickes warfen die Soldaten ihre ungeladenen Feuerrohre auf die Schulter, und als sie in ihre Reihen traten, sah man wohl, daß ihr Blut durch den so lange geleisteten Widerstand erhitzt war, und sie blos nach einer Gelegenheit verlangten, einen Schimpf zu rächen, der ihren Stolz immer noch verletzte, so sehr er auch unter den gewöhnlichen Formen militärischer Etiquette verdeckt worden war. Weiber und Kinder liefen hin und her, theils die spärlichen Reste des Gepäckes tragend, theils in den Reihen der Soldaten die Gesichter derjenigen suchend, von denen sie Schutz und Schirm erwarteten.

Munro erschien festen Antlitzes, aber niedergeschlagen, in der Mitte seiner schweigenden Truppen. Offenbar hatte dieser unerwartete Schlag sein Herz hart getroffen, obgleich er sich anstrengte, sein Unglück als Mann zu tragen.

Duncan war tief bewegt von dem ruhigen und doch so eindringlichen Gram, der aus seiner Miene sprach. Er hatte seine eigene Pflicht erfüllt und eilte jetzt an die Seite des alten Mannes, um ihm seine Dienste anzubieten.

»Meine Töchter!« war der kurze, aber bedeutungsvolle Bescheid.

»Gott des Himmels! Sind noch keine Vorkehrungen für sie getroffen?«

»Heute bin ich blos Soldat, Major Heyward!« sprach der Veteran, »Alle, die Sie hier sehen, wollen ebenso meine Kinder seyn!«

Duncan hatte genug gehört. Ohne einen Augenblick der jetzt so kostbaren Zeit zu verlieren, eilte er nach der Wohnung des Kommandanten, um die Schwestern aufzusuchen. Er fand sie auf der Schwelle des niedern Gebäudes zur Abreise bereit und umgeben von einem Haufen weinender und jammernder Weiber, welche sich gleichsam instinktmäßig hier versammelt hatten, wo sie am ehesten Schutz erwarten durften. Cora hatte nichts von ihrer Festigkeit verloren, obgleich ihre Wange blaß und ihre Miene unruhig war. Alicens Augen aber waren entzündet und verriethen, daß sie lange und bitterlich geweint hatte. Beide empfingen den jungen Mann mit unverhohlener Freude, die Erstere gegen ihre Gewohnheit das Gespräch beginnend.

»Das Fort ist verloren,« sprach sie mit melancholischem Lächeln, »aber unser guter Name ist, darauf traue ich, unverloren!«

»Er steht glänzender da, als je! Aber theuerste Miß Munro, es ist Zeit, weniger an Andere zu denken, und für sich selbst zu sorgen. Militärische Sitte – Stolz – der Stolz, den Sie selbst so hoch schätzen, verlangt, daß Ihr Vater und ich, eine kleine Weile an der Spitze der Truppen ziehen. Aber wo einen geeigneten Beschützer für Sie gegen die Verwirrung und die Wechselfälle eines solchen Abmarsches finden?«

»Es ist keiner nöthig,« versetzte Cora, »wer wird es wagen, die Töchter eines solchen Vaters zu einer Zeit, wie diese, zu beleidigen oder zu beschimpfen?«

»Ich möchte Sie nicht für das Kommando des besten Regiments in königlichem Solde allein lassen,« entgegnete der Jüngling, flüchtig um sich blickend. »Bedenken Sie, unsere Alice besitzt nicht Ihre Seelenstärke; und Gott weiß, welche Schrecken sie könnte auszustehen haben!«

»Sie mögen Recht haben,« sagte Cora, wieder lächelnd, aber viel ernster, als zuvor. »Hören Sie, der Zufall hat uns bereits einen Freund gesandt, da wir ihn am nöthigsten haben.«

Duncan horchte und verstand sogleich, was sie meinte. Die langsamen, ernsten Töne des heiligen Gesangs, so wohl bekannt in den östlichen Provinzen, trafen sein Ohr und führten ihn in das Zimmer eines nahen Gebäudes, das bereits von seinen bisherigen Bewohnern verlassen war. Hier fand er David, der seine frommen Gefühle in der einzigen ihm eignen Weise aussprach. Duncan wartete, bis er aus dem Aufhören seiner Handbewegung schließen durfte, daß der Gesang zu Ende sey, klopfte ihm dann auf die Schulter, um seine Aufmerksamkeit rege zu machen, und sprach ihm in wenigen Worten seine Wünsche aus.

»Recht gerne,« sprach der schlichte Jünger des Königs von Israel, als der junge Mann ausgeredet hatte, »ich habe viel Anmuth und viel melodische Anlagen bei diesen Mädchen gefunden, und es will sich ziemen, daß wir, die wir so viele Gefahren getheilt haben, auch ferner in Frieden zusammenreisen. Ich will sie begleiten, wenn ich mein Morgenlied beendigt habe, wozu blos noch die Lobpreisung fehlt. Wollen Sie mit anstehen, Freund? Das Sylbenmaß ist bekannt und die Weise ‹Southwell›.«

Dann schlug David sein Büchlein auf, gab mit wohlüberlegter Achtsamkeit den Ton an, begann und endigte seinen Gesang mit jener Bestimmtheit, die nicht leicht eine Unterbrechung sich gefallen ließ. Heyward konnte kaum erwarten, bis die Verse zu Ende waren, und fuhr, sobald er sah, daß David seine Brille in das Futteral und das Buch in die Tasche steckte, fort:

»Eure Pflicht wird seyn, dafür zu sorgen, daß Niemand den Ladies in einer rohen Absicht sich nahe, oder das Unglück ihres tapfern Vaters schmähe oder verhöhne. Die Diener ihres Haushalts werden euch hierin behülflich seyn.«

»Ganz gut.«

»Es ist möglich, daß euch Indianer oder Streifzüge der Feinde etwas anhaben wollen. Ihr verweiset sie dann nur auf die Bedingungen der Uebergabe, und drohet ihnen, die Sache Montcalm zu berichten. Ein Wort wird genügen.«

»Wo nicht, so hab' ich hier etwas, das seine Wirkung thut,« versetzte David, mit einer Miene frommer Zuversicht nach seinem Buche greifend. »Hier stehen Worte, welche mit gehörigem Nachdruck und im richtigen Zeitmaße gesprochen oder vielmehr gedonnert, den unbändigsten Sinn zähmen müßen!«

»Warum toben die Heiden so wüthend?«

»Genug!« sprach Heyward, seine musikalische Standrede unterbrechend; »wir verstehen einander; es ist Zeit, daß jeder von uns seiner Pflicht nachgehe.«

Gamut stimmte ein und sie suchten die beiden Schwestern auf. Cora empfing ihren neuen, etwas sonderbaren Beschützer wenigstens mit Artigkeit; und selbst Alicens blasse Gesichtszüge überschlich wieder ein Zug ihrer angebornen Schalkhaftigkeit, als sie Heyward für seine Fürsorge dankte. Duncan versicherte ihnen, er habe so viel gethan als die Umstände erlaubten, und, wie er glaube, genug für ihre Sicherheit, da keine wirkliche Gefahr vorhanden sei. Er sprach dann heiter von seinem Plane, einige Meilen vom Hudson wieder mit ihnen zusammenzutreffen, sobald er die Vorhut bis an den Fluß geführt, und nahm alsbald Abschied.

Das Zeichen zum Abmarsch war indessen gegeben worden, und die englische Kolonne bereits in Bewegung. Die Schwestern erschracken bei dem Trommelschlag, und um sich blickend wurden sie die weißen Uniformen der französischen Grenadiere gewahr, welche die Thore des Forts bereits in Besitz genommen hatten. In diesem Augenblicke schien plötzlich eine ungeheure Wolke an ihren Häuptern vorüberzuziehen, und emporschauend erblickten sie über sich die weiten Falten der Standarte von Frankreich.

»Laßt uns gehen!« sprach Cora; »dies ist kein schicklicher Aufenthalt mehr für die Kinder eines englischen Offiziers.«

Alice hing sich an den Arm ihrer Schwester und zusammen verließen sie den Paradeplatz, umringt von der sich langsam fortbewegenden Menge. Als sie durch den Thorweg gingen, verbeugten sich die französischen Offiziere, welche ihren Rang erfahren hatten, oft und tief, enthielten sich aber weiterer Aufmerksamkeiten, die, wie ein feiner Takt ihnen sagte, nicht an der Stelle seyn konnten. Da alle Wagen und Lastthiere für Kranke und Verwundete in Anspruch genommen waren, so hatte Cora beschlossen, mit ihrer Schwester lieber die Beschwerden eines Fußmarsches zu theilen, als Jener Bequemlichkeit zu verkürzen. Wirklich mußte mancher verstümmelte und schwache Soldat, weil es in diesen Wildnissen an den nöthigen Beförderungsmitteln fehlte, seine erschöpften Glieder hinter den Kolonnen herschleppen. Alles war jedoch in Bewegung: die schwachen und Verwundeten stöhnend und leidend, ihre Kameraden still und verdrießlich, und die Weiber und Kinder von Schrecken ergriffen, ohne zu wissen warum.

Als der verworrene, schüchterne Haufe die schützenden Wälle des Forts verließ und auf die offene Ebene gelangte, stellte sich mit einem Mal die ganze Scene vor Augen. In einiger Entfernung zur Rechten und etwas nach hinten stand das französische Heer unter den Waffen, da Montcalm alle seine Truppen zusammengezogen hatte, so bald seine Wachen Besitz von den Festungswerken genommen. Sie waren aufmerksame, aber schweigende Beobachter der Bewegungen der Besiegten, keine der stipulirten militärischen Ehren versäumend, und im Bewußtseyn ihres Sieges ohne allen Hohn oder Spott gegen ihre minder glücklichen Feinde. Kriegerische Schaaren der Engländer, im Ganzen beinahe dreitausend Mann stark, zogen langsam über die Ebene zu dem gemeinschaftlichen Centrum heran und näherten sich einander allmälich, der Richtung ihres Marsches zueilend, einem durch den hohen Wald gehauenen Wege, der die Straße nach dem Hudson bildete. Um den gedehnten Saum der Wälder hing eine finstere Wolke von Wilden, welche den Marsch ihrer Feinde beobachteten und Geiern ähnlich in einiger Entfernung lauerten, während sie nur die Gegenwart und der Zwang eines überlegenen Heers abhielt, über ihre Beute herzustürzen. Einige hatten sich sogar unter die Kolonnen der Besiegten gemischt, wo sie in finsterem Unmuth, als aufmerksame, für jetzt noch unthätige Beobachter der sich bewegenden Menge mitwanderten. Der Vortrab, von Heyward angeführt, hatte bereits das Defilé erreicht und verschwand allmälig, als Cora's Aufmerksamkeit sich durch ein lautes Gezänk auf einen Trupp von Nachzüglern richtete. Ein Soldat von den Provinzialen büßte seinen Ungehorsam, indem er eben der Effekten beraubt wurde, die ihn vermocht hatten, seinen Platz in den Reihen zu verlassen. Der Mann war von starkem Körperbau und zu eigennützig, um sich seine Habe ohne Widerstand entreißen zu lassen. Von beiden Seiten mischte man sich in den Streit, die Einen, den Raub zu verhindern, die Andern, um ihn zu unterstützen. Die Stimmen wurden immer lauter und ungestümer, und Hunderte von Wilden erschienen wie mit einem Zauberschlag, wo man vor einem Augenblick kaum ein Duzend zählen konnte. Jetzt erblickte Cora die Gestalt Magua's, unter seinen Landsleuten umherschleichend, mit seiner arglistigen und verderblichen Beredsamkeit zu ihnen redend. Die Masse der Weiber und Kinder blieb stehen und drängte sich gleich einer verscheuchten, hin- und herflatternden Taubenschaar an einander. Doch die Raubsucht des Indianers war bald befriedigt und der Zug ging wieder langsam vorwärts.

Die Wilden zogen sich jetzt zurück, und schienen ihre Feinde ohne fernere Störung weiter ziehen lassen zu wollen. Als aber der Weiberhaufen herannahte, zog die bunte Farbe eines Shawls die Augen eines wilden und unbewachten Huronen auf sich. Er kam herbei, um sich desselben ohne Weiteres zu bemächtigen. Die Frau hüllte, mehr aus Schrecken, denn aus Liebe zu dem Kleidungsstück, ihr Kind in den gefährdeten Schmuck und drückte beide fester an ihre Brust. Cora wollte eben sprechen und dem Weibe rathen, die Kleinigkeit dem Wilden zu überlassen, als dieser den Shawl fahren ließ und das schreiende Kind aus ihren Armen riß. Alles den gierigen Griffen der Wilden um sie her überlassend, stürzte die Mutter verzweiflungsvoll auf ihn, um ihr Kind zurückzufordern. Der Indianer lächelte grimmig und reckte eine Hand aus, seine Bereitwilligkeit zu einem Tausche anzudeuten, während er mit der andern das Kind an den Füßen um den Kopf schwang, als wollte er dadurch das Lösegeld steigern.

»Hier – hier – da – Alles – Alles!« rief die unglückliche Mutter mit zitternden, ungeschickten Fingern die leichtern Kleidungsstücke sich vom Leibe reißend, »nimm Alles, nur gib mir mein Kind wieder!«

Der Wilde verschmähte die werthlosen Lappen und sobald er gewahrte, daß der Shawl bereits die Beute eines Andern geworden war, ging sein spöttisches, aber tückisches Lächeln in einen Ausdruck der Wuth über; er zerschmetterte dem Kinde den Kopf an einem Felsen und warf die noch zuckenden Glieder der Mutter vor die Füße. Einen Augenblick stand die Arme regungslos, ein Bild der Verzweiflung da und blickte wild auf das entstellte Wesen, das sich erst noch an ihren Busen geschmiegt und ihr zugelächelt hatte; dann erhob sie Augen und Gesicht gen Himmel, als flehte sie Gott an, den ruchlosen Verbrecher zu verderben. Die Sünde eines solchen Gebetes blieb ihr erspart; wüthend über die getäuschte Hoffnung, und durch den Anblick des Blutes aufgeregt, spaltete ihr der Hurone mit seinem Tomahawk den Schädel. Die Mutter sank unter dem Streich und stürzte zu Boden, nach ihrem Kinde mit derselben überwältigenden Liebe greifend, mit der sie es im Leben umfaßt hatte.

In diesem gefahrvollen Augenblick brachte Magua beide Hände an den Mund und ließ das verhängnißvolle, furchtbare Kriegsgeschrei ertönen. Die zerstreuten Indianer fuhren bei dem wohlbekannten Rufe auf, wie Rosse, ungeduldig, die Schranken des Ziels zu durchbrechen, und plötzlich erscholl durch die Ebene und die Baumgewölbe des Waldes ein so schreckliches Geheul, wie es selten aus Menschenlippen vernommen ward. Denen, welche es hörten, gerann das Herzblut in einem Entsetzen, wohl nicht viel geringer, als wenn die Posaune des jüngsten Tags ertönt hätte.

Mehr als zweitausend Wilde brachen auf dieses Signal wüthend aus dem Walde und zogen mit instinktmäßiger Eile auf die verhängnißvolle Ebene. Wir verweilen nicht bei den empörenden Gräuelscenen, die jetzt erfolgten. Ueberall war der Tod, und zwar in seinen schrecklichsten, abscheulichsten Gestalten. Widerstand diente nur dazu, die Wuth der Mörder noch mehr zu entflammen. Sie führten noch ihre wüthenden Streiche, wenn ihre Opfer sie schon lange nicht mehr fühlen konnten. Die Ströme von Blut glichen den Wogen eines Gießbachs, und sein Anblick machte die Eingebornen so hitzig und wüthend, daß manche unter ihnen niederknieten, um unter höllischem Jauchzen die dunkelrothe Fluth aufzutrinken.

Die regelmäßigen Truppen warfen sich schnell in gedrängte Massen zusammen, um den Angreifern durch eine geschlossene Schlachtordnung zu imponiren. Der Versuch gelang zum Theil, aber nur zu viele Soldaten ließen sich, in der eiteln Hoffnung, die Wilden zu beschwichtigen, die ungeladenen Flinten aus den Händen reißen.

Während einer solchen Scene vermochte niemand die vorübereilenden Augenblicke zu zählen. Zehn Minuten, für sie ebenso viele Jahrhunderte, mochten die Schwestern erstarrt vor Entsetzen und beinahe rettungslos gestanden seyn. Als der erste Streich gefallen war, hatten sich ihre Begleiterinnen laut kreischend um sie zusammengedrängt, jede Flucht verhindernd, und nun, da Furcht oder Tod die Meisten, wo nicht Alle, zerstreut hatte, sahen sie nirgend einen Ausweg, der nicht unter die Tomahawks der Feinde geführt hätte. Von allen Seiten hörte man Geschrei, Gestöhn, Ermahnungen und Flüche. In diesem Augenblick war es Alicen als erblickte sie die hohe Gestalt ihres Vaters unaufhaltsam über die Ebene in der Richtung des französischen Lagers dahin eilend. Er war allerdings, keine Gefahr achtend, auf dem Wege zu Montcalm, um die nur zu späte Begleitung, die er ausbedungen hatte, zu verlangen. Fünfzig blitzende Streitäxte, Speere mit Widerhaken drohten seinem Leben, aber selbst noch in ihrer Wuth achteten die Wilden seinen Rang und seine unerschütterliche Ruhe. Die verderblichen Waffen wichen der immer noch nervigen Hand des Veteranen, oder senkten sie sich, als hätte Keiner den Muth, den lange gedrohten Streich zu vollführen. Zum Glück suchte der rachesüchtige Magua sein Opfer gerade unter der Abtheilung, welche der Veteran so eben verlassen hatte.

»Vater! – Vater! – wir sind hier!« schrie Alice, als er in geringer Entfernung, wie es schien, ohne auf sie zu achten, an ihnen vorübereilte. »Komm zu uns, Vater, oder wir sterben!« Der Hülferuf ward wiederholt und in Worten und Tönen, die ein Felsenherz gerührt haben würden, aber er blieb unbeantwortet. Einmal wohl schien der alte Mann wirklich die Töne vernommen zu haben, denn er hielt inne und horchte; aber Alice war besinnungslos zu Boden gesunken und Cora kniete ihr zur Seite, mit unermüdlicher Zärtlichkeit über der leblosen Gestalt weilend. Munro ging getäuscht und kopfschüttelnd weiter, nichts als die hohen Pflichten seiner Stellung im Auge.

»Lady,« sprach Gamut, der, so hülf- und nutzlos er auch war, nicht davon träumte, seine Schutzbefohlenen zu verlassen, »das ist ein Jubelfest der Teufel, und kein Ort, wo Christen verweilen können. Auf! laßt uns fliehen!«

»Geh,« sprach Cora, immer noch ihre besinnungslose Schwester anstarrend; »rette dich. Mir kannst du nichts mehr helfen!«

David begriff die Festigkeit ihres Entschlusses vermöge der einfachen, aber ausdrucksvollen Geberde, welche ihre Worte begleitete. Einen Augenblick schaute er noch auf die dunkeln Gestalten, welche rings um ihn her ihr Höllenwerk vollbrachten, und seine hagere Gestalt ward noch höher, während seine Brust sich hob, jeder seiner Züge schwoll und die Gewalt der Gefühle, die ihn beherrschten, hervorströmen zu wollen schien.

»Wenn der jüdische Hirtenknabe durch den Klang seiner Harfe und die Worte heiligen Gesanges Saul's bösen Geist bezwingen konnte, so wird es nicht am unrechten Orte seyn,« sprach er, »wenn ich hier die Macht der heiligen Musik versuche.«

Seine Stimme zur höchsten Höhe erhebend, begann er einen so mächtigen Gesang, daß er selbst in dem Getümmel des blutigen Schlachtfeldes hörbar wurde. Einige Wilde stürzten eben heran, um die unbeschützten Schwestern ihres Schmucks zu berauben, und ihnen die Skalpe abzuziehen, als sie aber diese seltsame und unbewegliche Gestalt fest an ihre Stelle gefesselt erblickten, blieben sie horchend stehen. Ihr Staunen ging bald in Bewunderung über, und offen ihren Beifall über die Standhaftigkeit ausdrückend, womit der weiße Krieger sein Todtenlied sang, wandten sie sich ab, um andere, weniger muthige Schlachtopfer zu suchen. Erhoben und zugleich getäuscht durch diesen ersten Erfolg verdoppelte David seine Anstrengung, um die Kraft dieses, wie er glaubte, heiligen Einflusses zu erhöhen. Diese ungewohnten Laute drangen in das Ohr eines entfernten Wilden, welcher wüthend von Gruppe zu Gruppe eilte, gleich einem, der, den gemeinen Haufen anzurühren verschmähend, nach einem Opfer jagte, würdiger seines Rufes. Es war Magua, der einen Freudenschrei ausstieß, als er seine alten Gefangenen wieder in seiner Gewalt erblickte.

»Komm!« rief er, seine befleckte Hand auf Coras Kleid legend, »der Wigwam des Huronen ist noch leer. Ist er nicht besser als dieser Ort?«

»Hinweg!« rief Cora, ihre Augen vor seinem empörenden Anblick verhüllend.

Der Indianer lachte höhnisch und antwortete, seine rauchende Hand emporhaltend: »sie ist roth, aber das Blut kommt von weißen Adern!«

»Ungeheuer! Blut, Ströme von Blut lasten auf deiner Seele: – dein Geist hat diese Scene herbeigeführt!«

»Magua ist ein großer Häuptling!« erwiederte der frohlockende Wilde: – »will das schwarze Haar zu seinem Stamme gehen?«

»Nimmermehr! führe deinen Streich, wenn du willst, und vollende deine Rache!«

Der schlaue Indianer zögerte einen Augenblick; dann aber faßte er rasch die leichte und anscheinend leblose Gestalt Alicens in seine Arme und enteilte über die Ebene dem Wald zu.

»Halt!« schrie Cora, und eilte ihm mit wildem Ungestüme nach. »Laß das Kind! Elender! was willst du mit ihr?«

Aber Magua war taub für ihre Stimme; oder vielmehr er kannte seine Macht und war entschlossen, von ihr Gebrauch zu machen.

»Haltet – Lady – haltet!« rief Gamut der besinnungslosen Cora nach, »Der heilige Zauber beginnt zu wirken und bald werdet Ihr diesen schrecklichen Aufruhr gestillt sehen!«

Da er sah, daß man nicht auf ihn hörte, folgte der treue David der trostlosen Schwester, seine Stimme wieder zu einem heiligen Gesang erhebend, mit seinen langen Armen in steter Begleitung die Luft durchfurchend, das Zeitmaß anzugeben. So eilten sie über die Ebene hin, mitten durch Fliehende, Verwundete und Todte. Der wilde Hurone war Schutz genug für sich selbst, wie für das Schlachtopfer, das er trug; aber Cora wäre mehr denn einmal unter den Streichen ihrer wilden Feinde gefallen, hätten nicht die erstaunten Eingebornen das außerordentliche Wesen, das ihr auf dem Fuße folgte, mit dem schützenden Geiste der Verrücktheit begabt geglaubt.

Magua, welcher den dringendsten Gefahren zu entgehen wußte, trat, um alle Verfolgung zu vereiteln, durch eine kleine Schlucht in den Wald, wo er bereits die Narragansets seiner wartend fand, welche die Reisenden so kurz zuvor verlassen hatten. Hier bewachte sie ein Hurone, dessen Züge eben so wild und boshaft waren als die seinigen. Er setzte Alice auf eines der Pferde und winkte Cora, das andere zu besteigen.

Trotz des Abscheus, den die Gegenwart Magua's in ihr erregte, fühlte sie sich doch für den Augenblick erleichtert, daß sie dem gräßlichen Schauspiele auf der Ebene entronnen war. Sie nahm ihren Sitz ein, und streckte ihrer Schwester die Arme entgegen, mit einem bittenden Ausdruck der Liebe, dessen Gewalt sich sogar der Hurone nicht entziehen konnte. Er brachte Alice auf dasselbe Pferd, auf welchem Cora saß, ergriff den Zügel und drang, seinen Weg fortsetzend, in die Tiefe des Waldes. Als David merkte, daß man ihn allein ließ, als einen, den es nicht einmal verlohne zu verderben, warf er eines seiner langen Beine über den Sattel des zurückgelassenen Pferdes und kam so schnell vorwärts, als es die Schwierigkeiten des Pfades erlauben wollten.

Bald begannen sie zu steigen; da aber diese Bewegung die schlummernde Lebenskraft Alicens wieder zu erwecken schien, so war Cora's Aufmerksamkeit zu sehr zwischen der zärtlichen Sorgfalt für die Schwester, und dem Geschrei, das sich immer noch laut genug von der Ebene her vernehmen ließ, getheilt, um darauf achten zu können, nach welcher Richtung hin sie reisten. Als sie jedoch auf die ebene Fläche eines Berggipfels gelangt waren, und dem östlichen Absturze nahten, erkannten sie den Platz wieder, zu welchem sie vor einigen Tagen unter der freundlicheren Leitung des Kundschafters geführt worden waren. Hier ließ sie Magua absteigen, und trotz ihrer eigenen Gefangenschaft, trieb sie doch die Neugierde, die vom Schauder unzertrennlich scheint, einen Blick auf das entsetzenvolle Schauspiel unter ihnen zu werfen.

Das grausame Werk war noch nicht zu Ende. Auf allen Seiten flohen die Besiegten vor ihren erbarmungslosen Verfolgern, während die bewaffneten Kolonnen des allerchristlichsten Königs mit einer Gefühllosigkeit stehen blieben, die sich nicht erklären läßt und die auf den sonst so hohen Ruf ihres Anführers einen unauslöschlichen Flecken wirft. Das Schwert des Todes ruhte nicht eher, als bis die Raubgier der Wilden über ihren Blutdurst die Oberhand gewann. Endlich wurde das Gewinsel der Verwundeten und das Schlachtgeheul der Mörder allmählig schwächer, und die Schreckensrufe verstummten oder wurden von dem lauten, langen, durchdringenden Triumphgeschrei der Wilden übertönt. –

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