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Der letzte Mohikan

James Fenimore Cooper: Der letzte Mohikan - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDer letzte Mohikan
publisherVerlag von S. G. Liesching
translatorDr. Leonhard Tafel
year1841
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
projectid0a57063f
created20070325
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Fünfzehntes Kapitel.

So tretet ein, zu hören seine Botschaft,
Die alsbald ich errathen wollt' und deuten,
Eh' noch der Franzmann spräch' ein Wort davon.
König Heinrich V.

Die nächsten Tage verflossen unter den Entbehrungen, der Verwirrung und den Gefahren der Belagerung, welche ein Feind, dessen Macht Munro nicht den gehörigen Widerstand leisten konnte, aufs Lebhafteste betrieb. Es war, als ob Webb mit seinem Heer, das unthätig an den Ufern des Hudson lag, die bedrängte Lage seiner Landsleute gänzlich vergessen hätte. Montcalm hatte die Wälder mit seinen Wilden angefüllt, deren Geschrei und Geheul durch das brittische Lager scholl und die Soldaten entmuthigte, welche bereits nur zu geneigt waren, die Gefahr zu vergrößern. Nicht ebenso war es mit den in dem Fort Eingeschlossenen. Durch die Worte und das gute Beispiel ihrer Führer angefeuert, hatten sie Muth gefaßt und ihren alten Ruf mit einem Eifer behauptet, welcher der Strenge ihres Anführers Ehre machte. Der französische General hatte seinerseits, als begnügte er sich mit großer Anstrengung durch die Wildniß gezogen zu seyn, um vor den Feind zu kommen, bei all' seinem Geschick dennoch verabsäumt, die benachbarten Höhen zu besetzen, von denen aus er die Belagerten ungestraft vernichten konnte, ein Vortheil, den die neuere Kriegskunst keinen Augenblick zu benützen unterlassen hätte. Diese Geringschätzung der Anhöhen, oder vielmehr diese Scheu vor der Anstrengung des Erklimmens, kann als die Hauptschwäche der damaligen Kriegführung betrachtet werden. Sie schrieb sich von der einfachen Weise der Indianerkriege her, wo bei der Art der Kämpfe und den dichten Wäldern Festungen selten waren und das Geschütz beinahe alle Bedeutung verlor. Die Nachläßigkeit, welche solchergestalt überhand genommen hatte, reichte bis in die Zeit der Revolutionskämpfe herab und verlor den Amerikanern die wichtige Festung Ticonderoga, ein Verlust, der Bourgoyne's Heer den Weg in das Herz des Landes öffnete. Erstaunt blicken wir auf diese Unwissenheit oder Bethörung, wie man es nennen darf, zurück: denn man weiß, daß das uebersehen der Vortheile einer solchen Anhöhe – wenn auch die Schwierigkeit, sich auf ihr festzusetzen, wie bei Mont Destance, sehr übertrieben worden ist – einen Ingenieur, der in unserer Zeit die Anlegung der Werke an ihrem Fuße zu leiten, oder einen General, der sie zu vertheidigen gehabt hätte, um ihren Ruf bringen würde.

Der Reisende, der Siechling, oder der Freund von Naturschönheiten, welcher jetzt in seinem Viergespann durch die Schauplätze, die wir zu beschreiben versucht, dahinrollt, um Belehrung, Gesundheit oder Vergnügen zu finden, oder gemächlich seinem Ziele entgegen auf jenen künstlichen Wasserstraßen getragen wird, die unter der Verwaltung eines StaatsmannsOffenbar De Witt Clinton, der im Jahr 1828 als Gouverneur von New York starb. entstanden sind, welcher für das Gelingen des gewagten Unternehmens seinen politischen Ruf einsetzte, darf nicht glauben, daß seine Vorfahren mit gleicher Leichtigkeit über diese Berge gegangen sind und die Strömungen überwunden haben. Die gelungene Herbeischaffung einer einzigen schweren Kanone wurde oft einem Siege gleichgeschätzt, wenn anders glücklicher Weise die Schwierigkeiten des Bodens sie nicht zu weit von ihrer nothwendigen Begleiterin, der Munition, entfernten, ohne welche sie nichts als eine schwerfällige, nutzlose eiserne Röhre ist.

Die Nebel, welche aus einer solchen Lage entspringen mußten, machten sich dem entschlossenen Schottländer, der jetzt William Henry vertheidigte, sehr fühlbar. Obgleich sein Gegner die Berge nicht benutzte, hatte er doch seine Batterien mit Einsicht in der Ebene aufgepflanzt und sie wurden mit Geschick und Nachdruck bedient. Diesem Angriff konnten die Belagerten nur die unvollkommenen und in Eile angeordneten Vertheidigungsmittel einer Festung der Wildniß entgegenstellen.

Es war am fünften Tage der Belagerung und dem vierten seines eigenen Dienstes in dem Fort, daß Major Heyward Nachmittags eine eben angekündigte Parlamentirung benützte, um sich auf die Brustwehr einer Wasserbastion zu begeben, wo er die frische Seeluft athmen und die Fortschritte der Belagerer beobachten konnte. Er war allein, wenn man die einsame Schildwache, die auf dem Erdwall auf- und niederging, nicht rechnen will: denn die Artilleristen hatten sich entfernt, um die zeitige Unterbrechung ihres gefahrvollen Dienstes zu benützen. Der Abend war äußerst still und das Lüftchen, welches von dem klaren See her wehte, sanft und erfrischend. Es schien, als ob auch die Natur den Augenblick, wo der Donner des Geschützes und das Pfeifen der Kugeln verstummte, gewählt hätte, in ihrer mildesten und entzückendsten Gestalt zu erscheinen. Die Sonne goß ihre scheidende Glorie über die Landschaft, ohne jener stolzen Strahlen zu entbehren, die dem Klima und der Jahreszeit eigenthümlich sind. Das frische, liebliche Grün der Berge wurde bald durch das sanftere Licht der Sonne gemildert, bald durch die leichten Wölkchen verdunkelt, welche zwischen ihnen und der Sonne schwammen. Zahlreiche Eilande ruhten im Schooße des Horican, so niedrig und tief, als wären sie in die Wasser gebettet, andere über den Fluthen schwebend, gleich leichten Hüllen grünen Sammtes. Zwischen diesen ruderten die Fischer des Belagerungsheeres friedlich ihre Nachen umher, oder gaben sich auf dem klaren Wasserspiegel ruhig dem Vergnügen des Fischfanges hin.

Die Scene war belebt und doch still; und Alles, was der Natur angehörte, lieblich und einfach groß, während, was von dem Willen und den Bewegungen der Menschen abhing, lebhaft und muthwillig erschien.

Zwei kleine weiße Flaggen wehten, die eine auf einem hervorspringenden Winkel des Forts, die andere auf der vorgeschobenen Batterie der Belagerer, – Sinnbilder der Ruhe, nicht blos für die Feindseligkeiten, sondern selbst für die Erbitterung der Kämpfenden. Hinter ihnen wehten, in schweren, seidenen Falten sich ausbreitend und schließend, die nebenbuhlerischen Standarten Englands und Frankreichs, Hunderte junger Franzosen, munter und sorglos, zogen Netze an den kieselreichen Strand, in der gefährlichen Nähe der düstern, aber schweigsamen Geschütze des Forts, während die östlichen Berge den lärmenden Jubel der Fischenden wiedertönten. Die Einen kamen eilig herbei, um die Belustigungen auf dem Wasser mitzumachen, während Andere mit der unruhigen Neugierde ihrer Nation bereits die benachbarten Hügel erklommen. Von all' diesem Treiben, dieser Lust waren diejenigen, welche die Belagerten zu beobachten hatten, und die Belagerten selbst müßige, wenn schon nicht gleichgültige Zuschauer. Hier und da stimmte auch ein Piquer einen Sang an, oder begann einen Tanz, der die düsteren Indianer aus ihren Hinterhalten in dem Walde um sie versammelte. Kurz Alles hatte mehr den Anschein eines Freudentages, denn einer den Gefahren und Anstrengungen eines blutigen, erbitterten Krieges gestohlenen Stunde.

Duncan hatte, diese Scene betrachtend, eine Weile in nachdenklicher Stellung dagestanden, als seine Augen durch den Laut nahender Fußtritte sich auf das Glacis vor dem schon erwähnten Ausfallthore richteten. Er trat in den Winkel einer Bastion und sah, wie der Kundschafter unter der Bewachung eines französischen Offiziers auf das Fort herzukam, Hawk-eye's Züge waren eingefallen und bekümmert, seine Miene niedergeschlagen, als fühlte er sich tief entehrt, daß er den Feinden in die Hände gerathen war. Er trug seine Lieblingswaffe nicht und die Hände waren ihm mit Riemen aus Hirschhäuten auf den Rücken gebunden. Das Herannahen von Fahnen, zum Schutze der Parlamentirer bestimmt, war in letzter Zeit so häufig geworden, daß Heyward bei dem ersten nachläßigen Blick auf die Gruppe wieder einen Offizier in gleichem Auftrag zu sehen erwartete. Sobald er aber den hohen Wuchs und die immer noch trotzigen, wenn gleich niedergeschlagenen Züge seines Freundes, des Waidmanns, erkannte, fuhr er erstaunt zurück, und eilte von der Bastion in das Innere der Festung herab.

Töne anderer Stimmen zogen jedoch seine Aufmerksamkeit auf sich und ließen ihn einen Augenblick seinen Vorsatz vergessen. In einem innern Winkel des Erdwalls traf er auf die beiden Schwestern, welche längs der Brustwehr umherwandelten, um, wie er, die frische Abendluft zu genießen. Er hatte sie seit dem peinlichen Augenblick, wo er sie nur verließ, um für ihre Sicherheit zu sorgen, nicht wieder gesehen. Von Sorge gebeugt und durch Anstrengungen erschöpft hatte er sie verlassen und fand sie jetzt frisch und blühend, obgleich sie immer noch einige Schüchternheit und Unruhe verriethen. Unter solchen Umständen dürfen wir uns nicht wundern, wenn der junge Mann eine Zeit lang alles Andere vergaß, um sie anzureden. Die arglose, jugendliche Alice kam ihm jedoch zuvor.

»Ha, des läßigen, pflichtvergessenen Ritters, der seine Damen mitten in den Schranken verläßt!« rief sie, »Tage, Jahrhunderte warteten wir darauf, daß Sie zu unsern Füßen um Gnade und Verzeihung bitten würden für Ihr feiges Entweichen, Ihre Flucht – denn wirklich flohen Sie mit einer Eile, daß sein angeschossenes Wild, wie unser würdiger Freund, der Kundschafter, sich ausdrücken würde, Ihnen hätte gleichkommen können!«

»Alice spricht, wie Sie wissen werden, von unserm Danke und unsern Segnungen,« setzte die ernstere, besonnenere Cora hinzu. »Wirklich haben wir uns ein wenig gewundert, daß Sie sich so streng von einem Orte entfernt hielten, wo die Dankbarkeit der Töchter in der des Vaters Unterstützung gefunden hätte.«

»Ihr Vater selbst konnte Ihnen sagen, daß ich, obgleich von Ihnen entfernt, um Ihre Sicherheit stets bekümmert war;« erwiederte der junge Mann. »Um den Besitz des Dorfs von Hütten dort,« – er wies auf das benachbarte verschanzte Lager, »ist indessen lebhaft gestritten worden. Wer dieses besitzt, ist bald auch im Besitze des Forts und alles dessen, was sich darin befindet. Meine Tage und Nächte sind seit unsrer Trennung dort vergangen, weil ich glaubte, daß meine Pflicht mich dahin riefe. Aber,« fuhr er mit einer Miene des Unmuths fort, den er vergeblich zu verbergen suchte, »aber hätte ich geglaubt, daß Soldatenpflicht so ausgelegt werden könnte, so wäre Scham noch zu der Zahl meiner Gründe gekommen!«

»Heyward! – Duncan!« rief Alice, sich vorwärts beugend, um in sein halb angewandtes Antlitz zu sehen, bis eine Locke ihres goldenen Haars auf ihrer Wange ruhen blieb und die Thräne verbarg, die ihrem Auge entquoll: »könnte ich glauben, daß diese geschwätzige Zunge Ihnen wehe gethan, so wollte ich sie zu ewigem Stillschweigen verdammen. Cora mag sagen, wenn sie will, wie hoch wir Ihre Dienste geschätzt haben, und wie innig, wie inbrünstig unsere Dankbarkeit ist.«

»Und wird Cora die Wahrheit davon bezeugen?« rief Duncan, indeß ein Lächeln innigen Vergnügens die Wolken des Mißmuths von seiner Stirne trieb. »Was sagt unsre ernste Schwester? Wird sie für die Vernachläßigung des Ritters eine Entschuldigung in der Pflicht des Soldaten finden?«

Cora antwortete nicht sogleich, sondern wandte ihr Gesicht auf das Wasser, als ob sie beobachtete, was auf dem Horican vorgehe. Als sie ihr dunkles Auge auf den jungen Mann richtete, lag ein solcher Ausdruck von Bangigkeit darin, daß er jeden andern Gedanken, als den herzlicher Besorgniß, aus seinem Gemüthe verdrängte.

»Sie sind nicht wohl, theuerste Miß Munro?« rief er; »wir konnten scherzen, während Sie leiden!«

»Es ist Nichts,« antwortete sie, indem sie seinen angebotenen Arm mit weiblicher Zurückhaltung ablehnte. »Daß ich das Leben nicht von seiner Sonnenseite betrachten kann, wie diese harmlose, glühende Schwärmerin,« fuhr sie fort, indem sie ihre Hand leicht, aber zärtlich auf den Arm ihrer Schwester legte, »ist die Schuld der Erfahrung und vielleicht ein unglücklicher Zug meines Wesens. Sehen Sie,« fügte sie hinzu, als wollte sie aus Pflichtgefühl sich aller Schwäche entschlagen, »blicken Sie um sich, Major Heyward, und sagen Sie mir, welche Aussicht dies ist für die Tochter eines Soldaten, dessen größtes Glück seine Ehre und sein Kriegsruf ist.«

»Beide sollen und können nicht befleckt werden durch Umstände, denen er nicht gebieten kann,« erwiederte Duncan mit Wärme. »Aber Ihre Worte rufen mich zu meiner eigenen Pflicht zurück. Ich gehe jetzt zu Ihrem ritterlichen Vater, um seinen Entschluß in Dingen von höchster Wichtigkeit, unsere Vertheidigung betreffend, zu vernehmen, Gott segne Sie in jeglichem Geschick, edle Cora, – denn so kann und muß ich Sie nennen.« Sie reichte ihm frei die Hand, obgleich ihre Lippe bebte, und ihre Wangen allmälig eine Todtenblässe überschlich. »In jeglichem Geschick werden Sie, ich bin's gewiß, eine ehrenreiche Zierde Ihres Geschlechtes seyn. – Alice, adieu!« – sein Ton ging von Bewunderung in Zärtlichkeit über – »Adieu, Alice: wir werden uns bald wiedersehen, als Sieger hoffe ich, und unter Freudenbezeugungen!«

Ohne die Antwort einer der Schwestern zu erwarten, eilte der junge Mann die Rasenstufen der Bastion hinab, mit raschen Schritten über den Paradeplatz und stand nach kurzer Weile vor ihrem Vater. Munro ging, als Duncan eintrat, mit unruhiger Miene und Riesenschritten in dem engen Zimmer auf und nieder.

»Sie sind meinen Wünschen zuvorgekommen, Major Heyward,« sagte er, »ich wollte Sie eben um die Ehre Ihres Besuches bitten lassen.«

»Mit Bedauern sah ich den Boten, den ich so warm empfohlen, unter dem Gewahrsam der Franzosen zurückkehren! Ich hoffe, Sie haben keinen Grund, in seine Treue Zweifel zu setzen.«

»Die Treue der ›langen Büchse‹ ist mir wohl bekannt,« versetzte Munro, »und über allen Zweifel erhaben: aber sein gutes Glück scheint ihn endlich verlassen zu haben, Montcalm hat ihn gefaßt und mit der verdammten Artigkeit seines Volkes ihn mir wieder zugesandt unter der demüthigenden Erklärung: da er wisse, wie große Stücke ich auf den Burschen halte, so wolle er mir ihn nicht vorenthalten. Eine jesuitische Manier, Major Heyward, einem Manne zu sagen, daß er im Unglück ist!«

»Aber der General und seine Hilfe?«

»Sahen Sie nach dem Süden, als Sie hereinkamen, und konnten Sie noch Nichts von ihnen erblicken?« fragte der alte Soldat, bitter lachend: »gehen Sie! gehen Sie, Sie sind ein ungeduldiger Knabe, Sir, und wollen den Herren keine Zeit zum Marschiren lassen!«

»So kommen sie denn! Hat der Kundschafter davon gesagt?«

»Wann? und auf welchem Wege? Das hat der Dummkopf mir nicht gesagt. Es war ein Brief vorhanden, und das ist das einzige Erfreuliche bei der Sache. Was die gewohnten Aufmerksamkeiten Ihres Marquis von Montcalm betrifft – ich stehe dafür, Duncan, Der von Lothian konnte ein Dutzend solcher Marquisate kaufen – wenn die Nachrichten in dem Briefe schlimm lauteten, so würde diesem französischen Herrn die Artigkeit gewiß nicht erlauben, sie uns zu verschweigen.«

»Er behält also den Brief und läßt den Boten frei?«

»Ja, und das Alles aus sogenannter Bonhommie. Ich wollte wetten, wenn man die Wahrheit wüßte, so würde sich finden, daß des Burschen Großvater in der edeln Kunst des Tanzens unterrichtet hat.«

»Aber was sagt denn der Kundschafter? Er hat Augen und Ohren und eine Zunge: wie lautet sein mündlicher Bericht?«

»Oh! Sir, an den natürlichen Organen fehlt's ihm nicht, und er bedenkt sich auch nicht, zu sagen, was er gehört und gesehen hat. Alles aber läuft darauf hinaus: an den Ufern des Hudson befindet sich ein Fort Sr. Majestät, zu Ehren Sr. königlichen Hoheit des Prinzen von York, Edward genannt, wie Sie wissen, und ist wohl gefüllt mit Bewaffneten, wie es einem solchen Werke ziemt.«

»Bemerkte er keine Bewegung, keine Zeichen, daß man uns zu Hülfe kommen wolle?« –

»'s gab Morgen- und Abendparaden, und wenn einer von den Lümmeln aus den Provinzen – Sie wissen's ja, Duncan, sind selbst ein halber Schottländer – wenn Einer sein Pulver auf seinen Kochtopf fallen ließ und es traf die Kohlen, so gab's Feuer!« Plötzlich aber ging er von seiner bittern Ironie in einen ernstern, bedächtlichern Ton über und fuhr fort: »und doch müßte und muß in dem Brief etwas stehen, das zu wissen für uns gut wäre.«

»Unser Entschluß sollte schnell geschehen,« sagte Duncan, welcher gern diese veränderte Stimmung benützte, um die Unterredung auf wichtigere Gegenstände zu lenken: »ich kann Ihnen nicht verhehlen, Sir, daß sich das Lager nicht mehr lange halten läßt, und es thut mir leid, hinzufügen zu müssen, daß es mit dem Fourt selber nicht besser zu stehen scheint: mehr als die Hälfte unsers Geschützes ist zersprungen.«

»Und wie sollte es anders seyn? Die Einen wurden aus dem See aufgefischt: andere rosteten seit der Entdeckung des Landes in den Wäldern, und wieder andere sind gar keine Kanonen, nur Spielzeug für Korsaren, Glauben Sie, Sir, man könnte dreitausend Meilen von Großbrittannien, mitten in einer Wildniß, Woolwicher Waare bekommen?«

»Die Mauern stürzen uns über dem Kopfe zusammen, und der Mundvorrath fängt an zu fehlen,« fuhr Heyward fort, ohne diesen neuen Ausbruch seines Unmuths zu beachten; »selbst die Mannschaft zeigt Spuren von Unzufriedenheit und Unruhe.«

»Major Heyward,« sprach Munro, mit der vollen Würde des Alters und eines höheren Ranges zu dem jungen Manne sich wendend, »umsonst hätte ich Sr. Majestät ein halbes Jahrhundert gedient und meine Haare im Feld ergrauen sehen, wenn ich das, was Sie sagen, und die Dringlichkeit der Umstände nicht selbst begreifen würde; und doch sind wir der Ehre der königlichen Waffen und unsrer eigenen Alles zu opfern verpflichtet. So lange noch Hoffnung auf Unterstützung vorhanden ist, werde ich diese Feste vertheidigen, und sollt' ich dazu die Kiesel vom Seeufer auflesen. Alles kommt darauf an, den Brief zu Gesicht zu bekommen, damit wir die Absichten des Mannes kennen lernen, den uns der Earl von London als seinen Stellvertreter hinterlassen hat.«

»Und kann ich hiebei von Nutzen seyn?«

»Ja, das können Sie, Sir: der Marquis von Montcalm hat mich neben seinen übrigen Artigkeiten auch zu einer persönlichen Unterredung zwischen den Festungswerken und dem Lager eingeladen, um mir, wie er sagt, weitere Aufschlüsse zu geben. Nun denke ich, würd' es nicht sehr weise seyn, wenn ich ein zu großes Verlangen zeigte, ihn zu sprechen, und ich könnte Sie, einen Offizier von Rang, zu meinem Stellvertreter nehmen: denn es würde Schottland keine Ehre bringen, wenn es hieße, eines seiner Kinder habe sich von dem Eingebornen eines andern Landes an Höflichkeit übertreffen lassen.«

Ohne sich in eine überflüßige Erörterung oder Vergleichung bei Höflichkeitsverdienste dieser oder jener Nation einzulassen, verstand sich Duncan mit Freuden dazu, bei der bevorstehenden Unterredung die Stelle des Veteranen zu vertreten. Ehe er sich verabschiedete, folgte eine lange, vertrauliche Mittheilung, in welcher der junge Mann von dem, was ihm oblag, noch genau unterrichtet wurde, wie es eben die Erfahrung und der eigenthümliche Scharfsinn seines Obern eingeben mochte. Da Duncan nur als der Stellvertreter des Befehlshabers auftrat, so fielen natürlich die Förmlichkeiten, welche eine Unterredung der Häupter beider feindlichen Streitkräfte begleitet hätten, weg. Der Waffenstillstand dauerte noch fort, und unter dem Wirbeln der Trommeln trat Duncan, von einer kleinen weißen Fahne begleitet, zehen Minuten nach dem Empfang seiner Verhaltungsbefehle aus dem Ausfallthor. Er wurde von dem Offizier, der die Vorposten befehligte, mit den gewöhnlichen Förmlichkeiten empfangen und sogleich zu dem entfernten Zelte des berühmten Kriegsmanns geführt, der an der Spitze des französischen Heeres stand.

Der feindliche General empfing den jugendlichen Abgesandten, umgeben von seinen hohen Offizieren und einer dunkeln Schaar indianischer Häuptlinge, welche ihn mit den Kriegern ihrer verschiedenen Stämme in das Feld begleitet hatten. Heyward stand einen Augenblick stille, als seine Augen mit einem flüchtigen Blicke über die dunkle Gruppe der letztern schweiften und den boshaften Zügen Magua's begegneten, welcher ihn mit der diesem Wilden eigenen, ruhigen, aber düstern Aufmerksamkeit betrachtete. Ein Ausruf des Erstaunens wollte den Lippen des jungen Mannes entschlüpfen; schnell erinnerte er sich aber seines Auftrags und seiner Umgebung, und jeden Schein von Aufregung unterdrückend, wandte er sich gegen den feindlichen Anführer, der ihm bereits einen Schritt entgegen getreten war.

Der Marquis von Montcalm stand in der Zeit, von welcher wir schreiben, in der Blüthe seiner Jahre und, könnte man hinzusetzen, im Zenith seines Glückes. Aber selbst in dieser beneidenswerthen Lage war er leutselig und zeichnete sich eben so wohl durch seine Aufmerksamkeit gegen die Gesetze der Höflichkeit, als durch jenen ritterlichen Muth aus, der ihn schon zwei Jahre später auf den Ebenen von Abraham das Leben verlieren ließ. Duncan's Auge wandte sich von der boshaften Miene Magua's ab und heftete sich mit Vergnügen auf die lächelnden, feinen Züge und den edeln kriegerischen Anstand des französischen Anführers.

»Mein Herr,« sprach Letzterer, »es macht mir viel Vergnügen, daß – aber wo ist der Dolmetscher?«

»Ich glaube, er wird uns entbehrlich seyn,« erwiederte Heyward bescheiden, »ich spreche ein wenig Französisch.«

»Ah! das ist mir lieb,« sprach Montcalm, indem er Duncan vertraulich unter dem Arme nahm und ihn in die Tiefe des Zeltes führte, wo sie sich eher besprechen konnten, ohne gehört zu werden. »Ich hasse diese Schelme, man weiß nicht recht, wie man mit ihnen daran ist.« –

»Nun, mein Herr,« fuhr er fort, immer noch französisch sprechend, »obgleich ich stolz darauf gewesen wäre, Ihren Chef bei mir zu empfangen, so schätze ich mich dennoch glücklich, daß er es geeignet fand, einen so ausgezeichneten und sicher eben so liebenswürdigen Offizier an mich abzuordnen.«

Duncan verbeugte sich tief, denn er nahm die Schmeichelei gerne hin, obgleich er den heroischen Entschluß gefaßt hatte, sich durch keinen Kunstgriff bethören zu lassen, die Interessen seines Fürsten außer Acht zu setzen. Montcalm fuhr, nachdem er einen Augenblick geschwiegen hatte, als ob er seine Gedanken sammeln wollte, fort:

»Ihr Kommandant ist ein wackerer Mann und wohl versteht er, meine Angriffe abzuschlagen. Aber ist es nicht Zeit, der Menschlichkeit mehr, als dem Muthe Gehör zu geben? Jene ziert den Helden ebenso, wie diese.«

»Wir halten diese Eigenschaften für unzertrennlich,« versetzte Duncan lächelnd, »während wir aber in der Energie Eurer Excellenz alle Aufforderung finden, diesen zu beleben, so sehen wir doch noch keine Veranlassung, jene in Anwendung zu bringen.«

Montcalm verbeugte sich seinerseits leicht, aber mit der Miene eines Mannes, der zu erfahren ist, um auf die Sprache der Schmeichelei zu hören. Nach kurzem Nachsinnen fuhr er fort:

»Möglich, daß meine Gläser mich täuschten, und daß Ihre Werke unserm Geschütze besser widerstehen, als ich geglaubt hatte. Sie kennen unsere Stärke?«

»Unsere Berichte lauten verschieden,« antwortete Duncan nachläßig, »aber die höchsten schätzen Ihre Macht auf nicht mehr, als zwanzigtausend Mann.«

Der Franzmann biß sich in die Lippen, und faßte den Andern scharf in's Auge, als ob er in seinen Gedanken lesen wollte; dann fuhr er mit der ihm eigenthümlichen Gewandtheit fort, als ob er die Richtigkeit einer Angabe, welche die Stärke seines Heeres verdoppelte, anerkenne.

»Es ist ein schlechtes Kompliment für uns Soldaten, mein Herr, daß wir, was wir auch angewandt, unsere Zahl nicht haben verbergen können. Wenn es irgendwo möglich wäre, so glaubte ich, es müßte in diesen Wäldern geschehen können. Wenn Sie es aber auch für zu früh halten, auf die Stimme der Menschlichkeit zu hören,« fuhr er arglistig lächelnd fort, »so darf ich doch glauben, daß die Galanterie bei einem jungen Manne, wie Sie, ihr Recht finden wird. Die Töchter des Kommandanten sind, wie ich höre, in das Fort gekommen, seit es eingeschlossen ist.«

»Es ist wahr, Monsieur: aber weit entfernt, unsern Muth zu schwächen, geben sie uns in ihrer eigenen Seelenstärke ein Beispiel des Muthes! Bedürfte es nur der Entschlossenheit, um einen so vollendeten Kriegsmann, wie Monsieur de Montcalm, zurückzuschlagen, so würde ich der älteren dieser Damen mit Vergnügen die Vertheidigung von William Henry anvertrauen.«

»Es ist eine weise Verordnung in unserem salischen Gesetz, ›die Krone von Frankreich soll nie von der Lanze an den Rocken übergehen,‹« versetzte Montcalm trocken und mit einer gewissen Hoheit, ging aber sogleich wieder in einen Ton leichter Höflichkeit über: »da alle edleren Eigenschaften sich vererben lassen, so will ich Ihnen gerne glauben; aber, wie ich schon sagte, auch der Muth hat seine Gränzen und auch die Menschlichkeit spricht ihr Recht an. Ich hoffe, mein Herr, Sie sind bevollmächtigt, über die Bedingungen der Uebergabe des Forts zu unterhandeln?«

»Haben Euer Excellenz unsere Vertheidigung so schwach gefunden, daß Sie diese Maßregel nothwendig glauben?« –-

»Es sollte mir leid thun, wenn sich die Vertheidigung so lange hinauszöge, daß meine rothen Freunde dort noch mehr gereizt würden,« fuhr Montcalm fort, indem er seine Augen auf die Gruppe aufmerksamer und finsterer Indianer richtete, ohne auf die Frage des Andern zu achten: »ich finde es schon jetzt schwierig, sie in den Gränzen unsrer Kriegsgebräuche zu halten.«

Heyward schwieg: denn eine peinliche Erinnerung an die Gefahren, denen er eben erst entronnen war, und an die Leiden, welche jene wehrlosen Geschöpfe mit ihm getheilt hatten, drang sich seinem Geiste auf.

»Diese Herren da,« fuhr Montcalm fort, indem er seinen vermeintlichen Vortheil verfolgte, »sind äußerst furchtbar, wenn sie sich in ihrer Hoffnung getäuscht sehen, und ich brauche Ihnen nicht zu sagen, wie schwer es mir fällt, ihren Unmuth in Schranken zu halten. Nun, mein Herr, wollen wir von den Bedingungen sprechen?«

»Ich fürchte, Euer Excellenz sind über die Stärke von William Henry und die Hülfsquellen der Besatzung getäuscht worden!«

»Ich belagere nicht Quebec, sondern eine Erdschanze, die von zweitausend dreihundert wackern Soldaten vertheidigt wird,« war seine kurze, aber lakonische Antwort.

»Unsere Wälle sind Erdschanzen, es ist wahr, und ruhen auf keinem Diamantfelsen, aber sie stehen an einem Ufer, das Dieskau und seinem Heer verderblich geworden ist. Nur wenige Stunden ist eine beträchtliche Macht von uns entfernt, die wir als einen Theil unsrer Vertheidigungsmittel betrachten.«

»Ja, sechs bis achttausend Mann,« erwiederte Montcalm, wie es schien, mit großer Gleichgültigkeit, »und ihr Chef hält sich hinter seinen Schanzen für sicherer, als in offnem Felde.«

Jetzt war es an Heyward, sich vor Aerger in die Lippe zu beißen, da der Andere so kaltblütig von Truppen sprach, deren Stärke, wie der junge Mann wohl wußte, so sehr übertrieben worden war. Beide schwiegen eine kleine Weile; endlich nahm Montcalm wieder das Wort und gab zu verstehen, daß er bei dem Besuche des Offiziers keinen andern Zweck voraussetze, als Bedingungen zur Uebergabe vorzuschlagen. Auf der andern Seite suchte Heyward dem französischen General Aeußerungen zu entlocken, aus denen sich auf die in dem aufgefangenen Briefe enthaltenen Entdeckungen hätte schließen lassen. Keiner von Beiden erreichte jedoch seinen Zweck; und nach einer längern und fruchtlosen Besprechung entfernte sich Duncan mit einer vortheilhaften Meinung von der Artigkeit und den Talenten des feindlichen Anführers, aber ohne Aufschlüsse über den eigentlichen Zweck seiner Sendung erhalten zu haben. Montcalm begleitete ihn bis an die Thüre seines Zeltes und wiederholte seine Einladung an den Kommandanten des Forts, mit ihm auf einem offenen Platze zwischen beiden Heeren zu einer unmittelbaren Besprechung zusammen zu treffen.

Sie trennten sich und Duncan kehrte unter gleicher Begleitung, wie zuvor, an die Vorposten der Franzosen zurück, von wo er sich sogleich in das Fort und in das Quartier seines Befehlshabers begab.

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