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Der letzte Mohikan

James Fenimore Cooper: Der letzte Mohikan - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDer letzte Mohikan
publisherVerlag von S. G. Liesching
translatorDr. Leonhard Tafel
year1841
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
projectid0a57063f
created20070325
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Zehntes Kapitel.

Ich fürchte, morgen schlafen wir zu lang,
Wie wir in dieser Nacht zu lange wachten.
Sommernachtstraum.

Sobald sich Duncan von dem Schrecken über dies plötzliche Unglück erholt hatte, stellte er über das Aeußere und das Benehmen der Sieger seine Beobachtungen an. Gegen ihre sonstige Sitte hatten sich die Eingeborenen im Uebermuthe des Siegs weder an den zitternden Schwestern, noch an ihm selbst vergriffen. Zwar hatten verschiedene Individuen des Stammes die reichen Verzierungen seiner Uniform zu wiederholten Malen betastet, und ihre gierigen Augen drückten den Wunsch nach dem Besitze dieser Kleinigkeiten aus. Aber ehe sie ihrer gewohnten Heftigkeit den Lauf gelassen, hemmte die gebieterische Stimme des schon erwähnten hohen Kriegers die aufgehobenen Hände und überzeugte Heyward, daß man sie zu irgend einem besondern Zwecke aufbewahre.

Während jedoch die Jüngeren und Prunksüchtigen aus der Bande diese Schwäche zu Tage legten, setzten die erfahrnen Krieger ihre Nachforschungen in den Höhlen mit einem Eifer fort, welcher zeigte, daß sie mit dem bereits Gefundenen noch nicht zufrieden waren. Nicht im Stande, neue Opfer aufzufinden, nahten sich die Rachsüchtigen ihren männlichen Gefangenen, indem sie den Namen la longue Carabine mit einem Ungestüm aussprachen, das nicht mißverstanden werden konnte. Duncan stellte sich, als ob er ihre wiederholten und ungestümen Fragen nicht verstünde, während seinem Begleiter eine völlige Unkenntniß der französischen Sprache den Versuch einer solchen Täuschung ersparte. Ermüdet durch ihre Zudringlichkeiten und befürchtend, durch hartnäckiges Stillschweigen seine Sieger aufzureizen, sah sich Duncan nach Magua um, welcher seine Antworten auf die immer ernstlicher und drohender werdenden Fragen allein verdolmetschen konnte.

Das Benehmen dieses Wilden war von demjenigen seiner Genossen sehr verschieden. Während die andern entweder ihre kindische Leidenschaft für den Putz zu befriedigen suchten und die ärmlichen Geräthschaften des Kundschafters plünderten, oder, blutdürstige Rache in ihren Blicken, nach dem abwesenden Eigenthümer forschten, stand le Renard in einiger Entfernung von den Gefangenen so ruhig und zufrieden da, daß man deutlich erkannte, er habe den Hauptzweck seines Verraths bereits erreicht. Als Heyward den Augen seines früheren Führers zuerst begegnete, wandte er sich ab, voll Abscheu über den boshaften, wenn gleich ruhigen Blick, der ihn traf. Er bezähmte seinen Widerwillen und redete mit abgewandtem Gesicht seinen siegreichen Feind in folgenden Worten an:

»Le Renard Subtil ist ein zu großer Krieger,« sprach der widerstrebende Heyward, »als daß er einem unbewaffneten Manne nicht erklären sollte, was seine Sieger wissen wollen.«

»Sie fragen nach dem Jäger, der die Pfade durch die Wälder kennt,« antwortete Magua in gebrochenem Englisch, indem er zu gleicher Zeit mit wildem Lächeln die Hand auf das Bündel Blätter legte, womit eine Wunde an seiner Schulter umbunden war. »La longue Carabine! Seine Büchse ist gut und sein Auge nie geschlossen; aber gleich dem kurzen Gewehr des weißen Häuptlings vermag sie nichts gegen das Leben le Subtils.«

»Le Renard ist zu tapfer, um der im Kriege erhaltenen Wunden, oder der Hände, die sie schlugen, zu gedenken.«

»War es Krieg, als der ermüdete Indianer am Zuckerahorn ruhte, um sein Korn zu essen? Wer füllte die Gebüsche mit den kriechenden Feinden? Wer zog sein Messer? Wessen Zunge war Frieden, indeß sein Herz die Farbe des Blutes hatte? Sagte Magua, daß das Beil nicht mehr in der Erde sey, und daß seine Hand es ausgegraben habe?«

Duncan schwieg, weil er seinem Ankläger nicht damit antworten wollte, daß er ihn an seinen Verrath erinnerte, und verschmähte es, eine Entschuldigung vorzubringen, um Jenes Unmuth zu besänftigen. Magua schien auch zufrieden, den Streit, so wie jede andere Unterhaltung beruhen zu lassen: denn er lehnte sich wieder an den Baum, von dem ihn nur augenblickliche Aufregung entfernt hatte. Aber der Ruf la longue Carabine! erneuerte sich, sobald die ungeduldigen Wilden bemerkten, daß die kurze Unterhaltung abgebrochen war.

»Ihr hört,« sprach Magua mit verstockter Gleichgültigkeit, »die rothen Huronen rufen nach dem Leben der ›langen Büchse,‹ oder wollen sie das Blut derer, die ihn verborgen halten!«

»Er ist fort – ist entronnen; er ist zu weit fort, als daß sie ihn erreichen könnten.«

Renard lächelte mit stolzer Verachtung, indem er antwortete: »Wenn der Weiße Mann stirbt, so denkt er, er ist im Frieden, aber die rothen Männer wissen selbst die Geister ihrer Feinde zu quälen. Wo ist seine Leiche? Laß die Huronen seinen Skalp sehen!«

»Er ist nicht todt, er ist entronnen.«

Magua schüttelte ungläubig den Kopf.

»Ist er ein Vogel, um seine Schwingen auszubreiten, oder ein Fisch, um ohne Luft zu schwimmen? Der weiße Häuptling liest in seinen Büchern und hält die Huronen für Thoren?«

»Obgleich kein Fisch, kann doch ›die lange Büchse‹ schwimmen. Er schwamm den Strom hinab, als alles Pulver verschossen und die Augen der Huronen hinter einer Wolke waren.«

»Und warum blieb der weiße Häuptling zurück?« fragte der immer noch ungläubige Indianer. »Ist er ein Stein, der zu Boden sinkt, oder brennt der Skalp ihm auf dem Kopfe?«

»Daß ich kein Stein bin, könnte euer Kamerad, der in die Wasserfälle stürzte, Dir sagen, wenn er noch am Leben wäre!« entgegnete der gereizte junge Mann, in seinem Aerger jener ruhmredigen Sprache sich bedienend, die am ehesten die Bewunderung eines Indianers zu erregen pflegt. »Der weiße Mann glaubt, daß nur Memmen ihre Weiber im Stiche lassen.«

Magua murmelte einige unverständliche Worte zwischen den Zähnen und fuhr dann fort:

»Können die Delawaren eben so gut schwimmen, als in den Büschen kriechen? Wo ist le gros Serpent

Duncan sah aus dieser kanadischen Benennung , daß seine letzten Begleiter seinen Feinden bekannter, als ihm selber waren, und antwortete ungern: »auch er ist mit dem Strome hinab.«

»Ist le Cerf agile nicht hier?«

»Ich weiß nicht, wen ihr den flinken Hirsch nennet,« antwortete Duncan, der gern eine Gelegenheit ergriff, um Zeit zu gewinnen.

»Uncas,« antwortete Magua, indem er die delawarischen Namen mit noch mehr Schwierigkeit aussprach, als selbst die englischen Worte.

»Das springende Elenn, sagt der weiße Mann, wenn er den jungen Mohikaner ruft.«

»Es herrscht einige Verwirrung in den Namen unter uns, le Renard,« erwiederte Duncan, indem er eine Erörterung herbeizuführen hoffte, »daim ist das französische Wort für Damhirsch und Cerf für Hirsch; elan ist der richtige Ausdruck, wenn du vom Elennthier sprichst.«

»Ja,« murmelte der Indianer in seiner Muttersprache: »die Blaßgesichter sind geschwätzige Weiber! Sie haben für jedes Ding zwei Wörter, während die Rothhaut den Ton ihrer Stimme für sich sprechen läßt.« Dann wieder in die fremde Sprache übergehend, fuhr er fort, indem er sich der unvollkommenen Ausdrucksweise, die er sich in der Provinz zu eigen gemacht, bediente: »der Damhirsch ist schnell, aber schwach; das Elenn schnell und stark, und der Sohn von le Serpent ist le Cerf agile. Hat er sich in den Fluß gestürzt, den Wäldern zu?«

»Wenn du den jungen Delawaren meinst, auch er ist den Fluß hinab.«

Da der Indianer in der Art ihres Entkommens nichts unwahrscheinlich fand, so nahm er die Wahrheit des Gehörten mit einer Bereitwilligkeit an, die ein weiterer Beweis dafür war, wie wenig Werth er auf so unbedeutende Gefangene lege. Seine Gefährten schienen jedoch die Sache anders anzusehen.

Die Huronen hatten das Ergebnis des kurzen Gesprächs mit der ihnen eigenthümlichen Geduld und einem Stillschweigen abgewartet, das immer mehr zunahm, bis endlich die ganze Bande verstummt war. Als Heyward aufhörte, zu sprechen, wandten sich aller Augen auf Magua, indem sie auf ihre ausdrucksvolle Weise eine Erklärung des Gesagten verlangten. Ihr Dolmetscher wies auf den Fluß und machte sie theils durch Geberden, theils durch wenige Worte, die er ausstieß, mit dem Inhalt des Gesprochenen bekannt. Kaum war dies allgemein bekannt, so erhoben sie ein furchtbares Geschrei, wodurch sie ihre Wuth über das Vorgefallene zu erkennen gaben. Die Einen rannten wie Rasende nach dem Ufer des Flusses und schlugen mit wüthenden Geberden in die Luft; Andere spuckten das Element an, um ihre Entrüstung über den Verrath auszudrücken, den es an ihren anerkannten Siegerrechten begangen hatte. Wieder Andere, und zwar nicht die minder Kräftigen und Furchtbaren der Bande schoßen finstere Blicke, in welchen die wildeste Leidenschaft nur durch ihre gewohnte Selbstbeherrschung gemäßigt wurde, auf die Gefangenen, welche sich in ihrer Gewalt befanden. Einer oder zwei machten ihren boshaften Gefühlen durch die drohendsten Geberden Luft, gegen welche die Schwestern weder Geschlecht noch Schönheit schützen konnte. Der junge Soldat machte einen verzweifelten, wenn gleich fruchtlosen Versuch, Alicen beizuspringen, als er sah, wie ein Wilder seine dunkle Hand mit dem üppigen Haare umwand, das in Locken über ihre Schultern herabfloß, und mit einem Messer um ihr Haupt fuhr, als wollte er bezeichnen, auf welche abscheuliche Weise es seiner schönen Zierde beraubt werden sollte. Aber Heyward's Hände waren gebunden: und auf die erste Bewegung, die er machte, fühlte er den Griff des kräftigen Indianers, der die Rotte befehligte, seine Schulter wie mit einer Zange zusammendrücken. Erkennend, wie ohnmächtig ein Widerstand gegen die überlegene Gewalt erscheinen mußte, ergab er sich in sein Schicksal und ermuthigte seine zarten Begleiterinnen nur durch die leise und freundliche Versicherung, daß die Drohungen der Indianer gewöhnlich schlimmer als ihre Handlungen seyen.

Während aber Duncan durch diese tröstenden Worte die Besorgnisse der Schwestern zu zerstreuen versuchte, war er nicht so schwach, sich selbst zu täuschen. Er wußte sehr wohl, daß das Ansehen eines Indianerhäuptlings auf schwachen Füßen ruhe, und öfter durch physische Kraft, als durch moralische Ueberlegenheit behauptet werde. Die Gefahr war deshalb in dem Maße größer, je bedeutender die Zahl der Wilden war, die sie umgaben. Der ausdrücklichste Befehl dessen, der ihr anerkannter Führer war, konnte jeden Augenblick durch die rasche Hand eines Wilden überschritten werden, dem es einfiel, den Manen eines Freundes oder Verwandten ein Opfer zu bringen. Während er sich daher den äußern Anschein von Ruhe und Seelenstärke gab, schwebte er in tödtlicher Angst, sobald einer der Sieger den hülflosen Schwestern näher trat, oder einen seiner finstern, irrenden Blicke auf jene zarten Gestalten warf, die so wenig im Stande waren, der geringsten Gewaltthätigkeit zu widerstehen.

Seine Besorgnisse wurden jedoch nicht wenig gemildert, als er den Führer seine Krieger zu einer Berathung versammeln sah. Sie war kurz und bei dem Stillschweigen der Meisten wurde, wie es schien, ein einmüthiger Beschluß gefaßt. Da die wenigen Sprecher häufig nach der Gegend von Webbs Lager deuteten, fürchteten sie offenbar von dieser Seite Gefahr. Diese Besorgniß beschleunigte wahrscheinlich ihren Entschluß und beeilte die folgenden Bewegungen.

Während dieser kurzen Ueberlegung, die seine schlimmsten Befürchtungen etwas milderte, hatte Heyward Muße, die vorsichtige Art zu bewundern, wie die Huronen, selbst nach dem Aufhören der Feindseligkeiten, ihre Annäherung an die Insel bewerkstelligt hatten.

Es ist schon erwähnt worden, daß die obere Hälfte der Insel ein nackter Felsen war, der außer einigen zerstreuten Stämmen Treibholz keine Schutzwehr hatte. Diesen Punkt hatten sie zu ihrer Landung gewählt, und zu diesem Behufe das Canoe durch den Wald um den Wasserfall herum getragen. Nachdem sie ihre Waffen in das kleine Fahrzeug gelegt hatten, hängten sich ein Dutzend Männer an die Seiten des Canoes und folgten seiner Richtung, während zwei der erfahrensten Krieger in Stellungen, die sie den gefährlichen Weg überschauen ließen, in ihm ruderten. Begünstigt durch diese Anordnung, gelangten sie an der Spitze der Insel an jenen Punkt, der für die ersten Wagehälse so verderblich geworden war, aber mit dem Vortheil einer größeren Zahl und im Besitze von Feuerwaffen. Daß dies die Art ihrer Landung gewesen, erkannte Duncan jetzt: denn sie brachten die leichte Barke von dem obern Ende des Felsens und ließen sie nahe am Eingang der äußern Höhle in's Wasser. Sobald dies geschehen war, winkte der Führer den Gefangenen, herabzukommen und in das Canoe zu steigen.

Da Widerstand unmöglich und Verstellungen nutzlos waren, so gab Heyward zuerst das Beispiel der Unterwerfung und schritt voran in das Canoe, wo er sich mit den beiden Schwestern und dem stets noch verblüfften David niederließ. Obgleich die Huronen die kleinen Kanäle zwischen den Stromschnellen und Wirbeln nicht kennen konnten, so waren sie doch mit den gewöhnlichen Regeln einer solchen Schifffahrt zu vertraut, um einen bedeutenden Fehler zu machen. Als der Lootse, welcher das Canoe zu leiten hatte, seinen Platz eingenommen, sprang die ganze Rotte in den Fluß: das Schifflein glitt auf der Strömung dahin, und in wenigen Augenblicken befanden sich die Gefangenen auf dem südlichen Ufer des Stromes, beinahe dem Punkte gegenüber, wo sie jenes am vorigen Abend getroffen hatten.

Hier fand eine zweite kurze, aber ernstliche Berathung Statt, während welcher die Pferde, deren panischem Schrecken die Eigenthümer ihr Unglück hauptsächlich zuschrieben, aus dem Dickicht der Wälder und an den verborgenen Ort geführt wurden, wo sie sich befanden. Der Trupp theilte sich jetzt. Der oft erwähnte erste Anführer bestieg Heyward's Roß, zog mit dem größten Theil seiner Leute quer durch den Fluß und verschwand in den Wäldern, indem er die Gefangenen der Obhut von sechs Wilden überließ, an deren Spitze le Renard Subtil stand. Duncan betrachtete alle diese Bewegungen mit erneuter Besorgniß.

Aus der ungewöhnlichen Schonung der Wilden gegen ihn glaubte er schließen zu dürfen, daß er Montcalm als Gefangener ausgeliefert werden sollte. Da die Gedanken der Unglücklichen selten schlummern, und die Einbildungskraft nie lebhafter ist, als wenn sie von der Hoffnung, sey sie auch noch so schwach und entfernt, aufgeregt wird, so hatte er schon daran gedacht, ob nicht die väterlichen Gefühle Munro's benützt werden sollten, ihn seiner Pflicht gegen den König untreu zu machen: denn, obgleich der französische Befehlshaber für einen Mann von Muth und Unternehmungsgeist galt, so sprach man ihn doch nicht von jenen politischen Ränken frei, welche nicht immer den Anforderungen einer strengen Moral Gehör gaben und die europäische Diplomatie jener Zeiten sehr entehrten.

Alle diese geschäftigen und erfinderischen Betrachtungen waren nun durch die Maßregeln seiner Sieger zu Nichte geworden. Derjenige Theil des Trupps, welcher dem riesenhaften Krieger folgte, nahm seine Richtung nach den Quellen des Horican und er und seine Begleiter hatten nichts Geringeres zu gewarten, als daß sie, hülflose Gefangene, in der Gewalt der Sieger bleiben müßten. Um über ihr künftiges Schicksal Gewißheit zu erhalten und je nach Umständen auch die Macht des Goldes zu versuchen, überwand Duncan seinen Widerwillen, mit Magua zu sprechen. Er wandte sich also an seinen früheren Führer, welcher sich das Ansehen und die Miene eines Mannes gegeben hatte, der die künftigen Bewegungen des Trupps zu leiten habe, und sprach in so freundlichem und vertraulichem Tone, als ihm nur immer möglich war:

»Ich wünschte mit Magua Worte zu sprechen, die nur ein so großer Häuptling hören darf.«

Der Indianer wandte seine Augen verächtlich auf den jungen Kriegsmann und antwortete:

»Sprich! die Bäume haben keine Ohren!«

»Aber die rothen Huronen sind nicht taub, und ein Rath, der sich nur für die großen Männer einer Nation eignet, würde die jungen Krieger trunken machen. Wenn Magua nicht hören will, so weiß der Offizier des Königs zu schweigen.«

Der Wilde sprach nachläßig mit seinen Kameraden, welche beschäftigt waren, in ihrer linkischen Weise die Pferde für die beiden Schwestern herzurichten und trat ein wenig auf die Seite, wohin er mit vorsichtiger Geberde Heyward zu folgen winkte.

»Jetzt sprich!« sagte er, »wenn Deine Worte von der Art sind, daß sie Magua hören kann.«

»Le Renard Subtil hat sich des ehrenvollen Namens, den ihm seine canadischen Väter gaben, würdig erwiesen,« fing Heyward an, »ich erkenne seine Weisheit und Alles, was er für uns gethan hat, und werde es ihm gedenken, wenn die Stunde seiner Belohnung kommt. Ja, Renard hat gezeigt, daß er nicht blos ein großer Häuptling im Rathe ist, sondern auch weiß, wie er seine Feinde hintergehen kann.«

»Was hat Renard gethan?« fragte ihn kalt der Indianer.

»Wie? hat er nicht gesehen, daß die Wälder mit lauernden Feindeshaufen angefüllt waren, und daß selbst eine Schlange sich nicht ungesehen durchschleichen konnte? Verlor er da nicht den Pfad, um die Augen der Huronen zu täuschen? Gab er nicht vor, daß er zu seinem Stamme, der ihn so sehr mißhandelt und wie einen Hund von seinen Wigwams vertrieben hatte, zurückkehren wolle? Und als wir seine Absicht erkannten, standen wir ihm nicht bei, indem wir ein falsches Gesicht machen, um die Huronen auf die Meinung zu bringen, der weiße Mann glaube, daß sein Freund sein Feind geworden sey? Ist nicht alles dies wahr? Und als le Subtil durch seine Weisheit die Augen seiner Nation verschlossen und ihre Ohren verstopft hatte, vergaßen sie nicht, daß sie ihm einst Uebles gethan und ihn gezwungen hatten, zu den Mohawks zu fliehen? Ließen sie ihn nicht auf der Südseite des Flusses mit ihren Gefangenen, während sie thörichter Weise nach dem Norden gingen? Gedenkt er jetzt nicht, wie ein Fuchs seine Schritte rückwärts zu wenden, um dem reichen, grauköpfigen Schotten seine Töchter wieder zuzuführen? Ja, Magua, ich sehe jetzt Alles und habe schon darüber nachgedacht, wie so viele Weisheit und Ehrlichkeit zu belohnen seyn wird. Erstlich wird der Befehlshaber von William Henry ihn für einen solchen Dienst belohnen, wie es eines so großen Hauptes würdig ist. Magua's MedailleEs ist lange ein Kunstgriff der Weißen gewesen, wichtige Männer unter den Indianern durch Medaillen zu gewinnen, die diese dann statt ihres rohen Schmuckes zu tragen pflegten. Diejenigen, welche die Engländer gaben, trugen insgemein das Bildniß des regierenden Königs, die der Amerikaner das ihres Präsidenten. wird nicht länger von Zinn, sondern von geschlagenem Golde seyn; sein Horn wird Pulvers die Fülle haben; Dollars wird er so viel in seiner Tasche tragen, als Kiesel am Horican sind, und das Wild des Waldes wird ihm die Hand lecken, denn es wird wissen, daß es vergeblich vor der Büchse flieht, die er führen wird. Was mich betrifft, so weiß ich nicht, wie ich den Schotten an Dankbarkeit übertreffen soll: aber ich – ja ich will –«

»Was will der junge Häuptling, der vom Aufgang der Sonne kommt, geben?« fragte der Hurone, als er bemerkte, daß Heyward gerade da ins Stocken gerieth, wo er bei der Aufzählung seiner Geschenke mit der Gabe enden wollte, die für einen Indianer das Ziel der höchsten Wünsche bilden mochte.

»Er will das Feuerwasser von den Inseln des Salzsees vor Magua's Wigwam schneller fließen lassen, als der brausende Hudson strömt, bis das Herz des Indianers leichter wird, als die Feder eines Kolibri, und sein Athem süßer, als der Geruch des wilden Geisblattes.«

Le Renard hatte Heywards schlauer Rede mit tiefem Stillschweigen zugehört. Als der junge Mann von dem Kunstgriffe sprach, womit der Indianer seine eigene Nation hintergangen haben sollte, nahm die Miene des Zuhörers den Ausdruck vorsichtigen Ernstes an. Bei der Anspielung auf das Unrecht, das, wie Duncan sich den Schein gab anzunehmen, den Huronen aus seinem heimatlichen Stamme vertrieben hatte, leuchtete aus des Andern Auge ein Strahl so unbezähmbarer Wildheit, daß der verwegene Sprecher glaubte, die rechte Saite angeschlagen zu haben. Wie er aber auf die Stelle kam, wo er den Durst nach Rache durch das Motiv der Gewinnsucht so listig zu verdrängen suchte, ward ihm die gespannteste Aufmerksamkeit zu Theil. Le Renard hatte seine Frage ruhig und mit aller Würde eines Indianers gestellt. Aus der nachdenklichen Miene des Zuhörers war ersichtlich, daß die Gegenrede auf das schlaueste angelegt war. Der Hurone besann sich einige Augenblicke, legte dann seine Hand auf den rohen Verband seiner verwundeten Schulter und fragte mit einigem Nachdruck:

»Machen Freunde solche Zeichen?«

»Würde la longue Carabine einen Feind so leicht abfertigen?«

»Kriechen die Delawaren gegen diejenigen, welche sie lieben, gleich Schlangen daher, und winden sich, um sie zu stechen?«

»Würde le gros Serpent sich von Ohren hören lassen, von denen er wünschte, daß sie taub wären?«

»Schießt der weiße Häuptling sein Pulver seinen Brüdern in's Gesicht?«

»Verfehlt er je sein Ziel, wenn er ernstlich gemeint ist zu tödten?« fragte Duncan, mit einem Ausdrucke wohl angenommener Geradheit lächelnd.

Eine wiederholte lange Pause des Nachdenkens folgte diesen klugen Fragen und schnellen Antworten. Duncan sah, daß der Indianer unschlüßig war. Um seinen Sieg zu vollenden, wollte er die Belohnungen wieder aufzählen, als Magua mit einer ausdrucksvollen Geberde sprach:

»Genug, le Renard ist ein weiser Häuptling, und was er thut, wird sich zeigen. Geh und halte den Mund geschlossen. Wenn Magua spricht, wird's Zeit zur Antwort seyn.«

Als Heyward bemerkte, daß sich seine Augen unruhig auf den Rest der Gesellschaft richteten, wich er alsbald zurück, um den Anschein eines verdächtigen Einverständnisses mit ihrem Führer zu vermeiden. Magua trat auf die Pferde zu und that, als ob er mit der Sorgfalt und dem Geschick seiner Kameraden wohl zufrieden wäre. Er winkte jetzt Heyward, den Schwestern in den Sattel zu helfen, denn selten ließ er sich herab, der englischen Sprache sich zu bedienen, wenn nicht eine mehr denn gewöhnliche Veranlassung ihn dazu nöthigte.

Jetzt war kein weiterer Vorwand zum Aufschub abzusehen, und Duncan sah sich genöthigt, wenn auch ungern, zu willfahren. Während seiner Dienstleistung flüsterte er jedoch seine wiedergewonnenen Hoffnungen den zitternden Mädchen zu, welche, aus Furcht den wilden Blicken ihrer Sieger zu begegnen, selten ihre Augen aufschlugen. Da die Stute Davids von den Begleitern des Häuptlings in Beschlag genommen war, so mußte ihr Eigenthümer, wie Duncan, zu Fuße gehen. Letzterer bedauerte jedoch diesen Umstand nicht, da ihm so vielleicht möglich wurde, die Eile der Reise zu vermindern; denn immer noch wandte er sehnsüchtige Blicke nach der Gegend von Fort Edward hin, in der eiteln Erwartung, von diesem Theile des Waldes her in irgend einem Laute ein Zeichen nahender Hülfe zu entdecken.

Als Alles bereit war, gab Magua das Zeichen zum Aufbruch, indem er selbst als Führer an die Spitze des Zuges trat. Nächst ihm folgte David, welcher anfing, sich seiner mißlichen Lage bewußt zu werden, da die Wirkungen seiner Wunde immer mehr verschwanden. Die Schwestern ritten hinter ihm, neben diesen ging Heyward, während die Indianer die Seiten deckten und den Zug in gewohnter unermüdlicher Wachsamkeit schlossen.

So zogen sie in ununterbrochenem Stillschweigen fort; nur hin und wieder richtete Heyward einige Worte des Trostes an die Schwestern, oder machte David seinem Kummer durch fromme Ausrufungen Luft, womit er seine demüthige Ergebung ausdrücken wollte. Ihr Weg ging nach Süden, der Richtung von William Henry beinahe entgegen gesetzt. Obgleich Magua der ursprünglichen Entschließung der Sieger treu zu bleiben schien, so konnte Heyward doch nicht glauben, daß seine lockenden Anerbietungen so bald vergessen worden seyn sollten: er kannte die Krümmungen eines Indianerpfads zu gut, um nicht anzunehmen, daß hier, wo kluge List vor Allem nöthig war, auch diese scheinbar genommene Richtung am Ende doch noch zum Ziele führe. Meile auf Meile wurde in diesen endlosen Wäldern zurückgelegt, und noch war kein Ende ihrer Reise abzusehen. Heyward hatte immer die Sonne im Auge, wie sie ihre Mittagsstrahlen durch die Aeste der Bäume schoß, und sehnte sich nach dem Augenblick, wo Magua's Politik ihrem Zug eine seinen Hoffnungen günstigere Richtung geben würde. Oft bildete er sich ein, der listige Wilde wende, weil er nicht hoffen dürfte, Montcalms Heer zu umgehen, den Zug nach einer wohlbekannten Pflanzung an der Grenze, wo ein ausgezeichneter Offizier der Krone und beliebter Freund der sechs Nationen große Besitzungen hatte und sich gewöhnlich aufhielt. In die Hände Sir William Johnson´s überantwortet zu werden, war freilich einer Reise in die Wildnisse Canadas bei weitem vorzuziehen; aber selbst um das Erstere auszuführen, mußte noch manche ermüdende Meile im Walde zurückgelegt werden, und jeder Schritt entfernte ihn weiter vom Schauplatz des Kriegs, und folglich von einem Posten, auf den ihn Pflicht und Ehre riefen.

Cora allein erinnerte sich an die Weisungen des scheidenden Kundschafters, und so oft sich Gelegenheit bot, reckte sie ihre Hand aus, um Zweige, die ihr in den Weg kamen, zu zerknicken. Aber die Wachsamkeit der Indianer machte diese Vorsichtsmaßregeln nicht nur schwierig, sondern auch gefährlich. Oft wurde sie in ihrem Vorhaben gestört, wenn sie den wachsamen Augen der Wilden begegnete, wo sie dann eine nichtempfundene Unruhe heucheln und der Bewegung ihres Armes einen Grund weiblicher Aengstlichkeit unterzulegen bemüht seyn mußte. Nur einmal war sie ganz glücklich, als sie den Zweig eines großen Sumachbaumes abbrach und ihr plötzlich der Einfall kam, einen ihrer Handschuhe fallen zu lassen. Dieses Zeichen, das den Nachfolgenden einen Wink geben sollte, ward jedoch von einem ihrer Führer belauscht; er gab ihr den Handschuh zurück, zerbrach die übrigen Zweige umher, um den Schein hervorzubringen, als sey ein Wild dort durchgebrochen, und legte dann seine Hand mit einem so bedeutungsvollen Blicke auf den Tomahawk, daß er diesen verhohlenen Merkmalen ihres Zuges für immer ein Ende machte. Da sich überdies bei beiden Banden Pferde befanden, welche ihre Fußtritte dem Boden eindrückten, so vereitelte dieser Umstand alle Hoffnung, daß die zurückgelassenen Spuren ihnen Hülfe und Rettung verschaffen würden.

Heyward hätte vielleicht eine Einrede gewagt, wenn ihm nicht die finstere Zurückhaltung Magua's den Muth dazu benommen hätte. Auf dem ganzen Zuge wandte er sich selten, um nach seinen Begleitern zu sehen und sprach kein Wort. Ohne andere Führer als die Sonne und geleitet von Merkzeichen, welche nur dem Scharfblick des Eingebornen erkennbar sind, verfolgte er seinen Weg durch die öden Fichtenwälder, mitunter über kleine, fruchtbare Thäler, durch Bäche und Flüßchen und wellenförmige Hügel, mit instinktartiger Sicherheit und fast in der geraden Richtung des Vogelflugs. Nie schien er unschlüßig zu sein, der Weg mochte kaum erkennbar werden, ganz verschwinden oder gebahnt und offen vor ihm liegen. Nichts hemmte seine Eile oder machte ihn zweifelhaft. Es schien, als ob Ermüdung ihm völlig unbekannt wäre. So oft sich die Augen der ermatteten Wanderer von dem gefallenen Laube, über das sie schritten, erhoben, schwebte seine dunkle Gestalt durch die vorderen Baumstämme hin, sein Auge blieb unbeweglich vorwärts gerichtet, während die leichte Feder auf seinem Schopfe in einem Luftzuge flatterte, der allein durch seine schnelle Bewegung hervorgebracht wurde.

Aber alle diese Sorgfalt und Eile galt einem bestimmten Ziele. Nachdem sie durch ein tiefes Thal gekommen waren, durch welches ein rauschender Bach in Krümmungen dahinfloß, stieg er plötzlich einen Hügel hinan, der so steil und unwegsam war, daß die Schwestern, um zu folgen, absteigen mußten. Als sie den Gipfel erreicht, befanden sie sich auf einer Fläche, auf der nur wenige Bäume standen. Unter einem derselben hatte sich Magua's dunkle Gestalt hingeworfen, als wollte er jene Ruhe suchen, deren Alle so sehr bedürftig waren.

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