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Detlev Freiherr von Liliencron: Der letzte Gruß - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
authorDetlev von Liliencron
booktitleMeisterwerke neuerer Novellistik ? Vierter Band
titleDer letzte Gruß
publisherMax Hesses Verlag
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081014
projectid0f85220c
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Detlev von Liliencron

Der letzte Gruß

Lieber Doktor!

Meine Frau ist so abscheulich gewesen, auf acht Tage meine Schwiegermutter mir vorzuziehen; ich bin Strohwitwer. Kommen Sie, wenn irgend möglich, heute abend zu mir zum Essen. Keine Widerrede. Ich muß außerdem mir eine Geschichte vom Herzen wälzen, an die ich seit Jahren nicht dachte, und die heute durch ein paar Hebbelsche Strophen mir dermaßen wieder vor die Seele gerückt ist, daß ich mich durch ihre Erzählung frei machen muß. Sie kennen mich ja.

Übrigens sind auch die ersten Metzer Spargel angekommen.

Ihr ergebenster
Fehrs.

War das wieder ein Schlußunsinn. Hebbel und Spargel. Trotz unserer jahrelangen Bekanntschaft blieb mir mein Freund, der Kommerzienrat Fehrs, ein Rätsel.


Das Diner war, wie immer, vortrefflich gewesen. Bald hatten wir uns ins Rauchzimmer zurückgezogen.

Kennen Sie von Hebbel ein Gedicht, begann der Kommerzienrat: Letzter Gruß? Ich hatte es bisher nicht beachtet. Die beiden letzten Strophen lauten:

Immer lächelnd, immer freundlich,
Und erst in dem letzten Schmerz
Preßte sie, zusammensinkend,
Ihre Hand aufs arme Herz.

Ach, ihr Herz war wie ein Siegel:
Erst, als es gebrochen war,
Wurde mir sein schaurig-süßes,
Himmlisches Geheimnis klar.

Sie erschütterten mich so, daß ich das Buch aus der Hand legen mußte. Die Erinnerung an ein Ereignis in meinen jungen Jahren zog wie eine dunkle Wolke mit großer Schnelle zu mir her. Und nun hören Sie:

Mein Vater, ein wohlhabender Kaufmann in Kiel, peinlich genau und herrschsüchtig, hatte mich, den einzigen Sohn, zu seinem Nachfolger bestimmt. Ich hatte nicht die geringste Neigung zum Handelsfach. Meine flehentlichen Bitten, mich einen anderen Beruf wählen zu lassen, halfen nichts. Nur das ertrotzte ich nach meiner Abgangsprüfung, ein Jahr in Heidelberg mich aufhalten zu dürfen. Das frische Studentenleben war mir wohltuend nach der väterlichen Zucht, ich war fleißig in meinen Arbeiten. Da traf nach Ablauf des Jahres der Befehl meines Vaters ein, unverzüglich mich nach Hamburg zu begeben, um dort im Bankhaus von C. F. Möller eine Gehilfenstelle anzutreten. Mit erregtem Herzen reiste ich ab, meldete mich in Hamburg bei meinem Chef, und versuchte, mich in das ganz neue Geschäft zu fügen. Wie schwer es mir wurde, brauche ich kaum zu erwähnen. Die Buchhalter, die Kommis, die Lehrlinge waren mir zuwider. Aber allmählich gewöhnte ich mich an meine neue Stellung. Ich fand hier und da unter meinen Mitarbeitern einen feinen, gebildeten Menschen. Besonders einer wurde mein Freund: Gustav hatte wie ich eine Universität besucht. Das war an sich schon ein Bindemittel. Nicht gerade zu meinem Vorteil hatte ich mich ihm angeschlossen: wild, zügellos, gierig nach Genuß, suchte er in mir die Moral zum Wachsen zu bringen: Wir sind nur einmal jung, deshalb wollen wir genießen.

Fast täglich, in den Abendstunden, machte er Entdeckungsreisen, wie er es nannte; er zog dann in kleinen das Tageslicht scheuenden Kneipen umher. Es ist überraschend, sagte er mir, was für gutes Ale, welche hübschen Mädchen ich zuweilen finde. Besonders der Hafen war seine Gegend, wo er auf »Entdeckungen« ausging.

Eines Morgens trat er hastig auf mich zu: »Alle Wetter, Fritz, gestern habe ich etwas gefunden; heute abend mußt du mit.«

»Was denn, Gustav, eine gute Bierquelle?«

»Nein, ein Mädchen; nein, zwei Mädchen; nein doch, Mutter und Tochter. Beide sehen gleich jung aus. Die Mutter kann nicht älter als fünfunddreißig sein, die Tochter noch nicht siebzehn Jahre.«

»Wo denn, Gustav?«

»In irgend einer der verdammten kleinen Straßen am Hafen, Enkholz, glaube ich. Himmel, saß da eine Gesellschaft zusammen. Kapitäne, Steuerleute, verkappte Polizisten, mancher auch mit anständigem Gesicht. Junges Mädchenvolk ging aus und ein. Eine alte Kupplerin war auch dazwischen, ein wahres Scheusal. Sie unterhandelte fast den ganzen Abend mit einem blassen, gutgekleideten jungen Herrn... Und ein Gelächter, Gesinge, Gesaufe. Aber guter Stoff. Revolver brauchen wir nicht mitzubringen. Kommst du also mit, heute abend?«

»Ja.«

»Gut, um sieben hole ich dich ab.«

Und abends um sieben Uhr waren wir auf dem Wege nach der Kneipe. Es war Mitte April. Eine wunderbare, weiche Regenstimmung lag im Westen. Wir knöpften unsere Sommerüberzieher auf, weil es zu warm wurde. Vom Michaelisplatz bogen wir südlich ab und verloren uns bald in engen, schmutzigen Straßen.

»Wie lange denn noch, Gustav?«

»In zwei, drei Minuten sind wir da. Laß dich nicht durch dieses Schmierviertel abschrecken, es wird wieder besser.«

Und es wurde auch bald »besser«. Breitere Straßen, Plätze, und – »Hier,« sagte Gustav rasch, »folge mir.« Es schien mir nicht außergewöhnlich, daß wir einen gut erhaltenen Torweg durchgingen. Plötzlich standen wir auf einem engen Hofe. Aus den Fenstern zu ebener Erde links drang Kreischen und Lachen zu uns.

»Hast du Angst, Fritz?«

»Dummes Zeug, vorwärts.«

Und dann waren wir mitten in der wüsten Gesellschaft, die, ohne auf uns zu achten, weiter lärmte und trank. Es war der Wirtin Geburtstag, und wir wurden von dieser, einer noch auffallend schönen, jungen Frau, eingeladen, ihn mit zu feiern. Als Gustav und ich eine Bowle bestellt hatten, setzten wir uns, wo wir Platz fanden. Allerdings, Gustav hatte recht gehabt, es war eine merkwürdige Zusammensetzung: Ein einäugiger, hagerer Greis sang Lieder zur Zither; oft sang er allein, oft, namentlich im Kehrreim, begleiteten ihn alle. Er saß zwischen zwei Mädchen, die ihn am Barte zupften; er verteidigte sich, indem er die linke Hand plötzlich von den Saiten riß und ihre Finger schlug; dadurch entstanden schreckliche Mißtöne; der Greis aber ließ sich nicht irre machen: mit großer Sicherheit fiel er jedesmal wieder ein. Mir gegenüber, im Sofa, saß kerzengerade ein bildhübscher, junger Mensch, der ab und zu mit finsterem Blick auf eine neben ihm sitzende »Dame«, die ihn zärtlich beobachtete, hinunter sah; er war völlig betrunken. Plötzlich fing er an mich anzustieren, dann, mit einem Ruck sich erhebend, daß die Gläser klangen, sprang er auf, machte mir eine tiefe Verbeugung und sagte: »Gestatten Sie, daß ich mich Ihnen vorstelle: Graf Henneberg.« In das Sofa zurückfallend, stierte er wieder, in kerzengerader Haltung, vor sich hin. Die alte Vettel war auch da; sie sprach eifrig einem blutjungen, schwarzäugigen Mädchen, das den Kopf gesenkt hatte, zu. Dann waren anwesend Kapitäne und junge Kaufleute, Gott weiß, wer alles, zwischendurch immer, in bunter Reihe, kauerten und lachten und schrien und tranken die Weiber; manches junge Gesicht unter ihnen, aber auch alte, verschminkte, oft traurig und elend aussehende.

Ich sah mich nach meinem Freunde um; ja, wo war denn Gustav? Ich suchte ihn vergebens im Kreise. Da drang ein furchtbarer Schrei aus den hinteren Zimmern zu uns, wie von einem Tier, das einen plötzlichen Schmerz empfand. Und in demselben Augenblick zeigte sich auch in der Tür aus der Nebenstube ein wildes Mädchenangesicht. Die kurzen, schwarzen Indianerhaare lagen wie dunkle Blumen um die Stirn, grüne Augen blitzten zu uns hinüber; an den sinnlich feuchten Lippen saß Blut. Ich stand wie gelähmt.

»Wat war dor los? Wat is?« rief die Wirtin.

»Nix, Mudder; ich hev em man blots den Finger afbieten; he wull mi ni loslaten.«

Mutter und Tochter, auffallend sich ähnlich, standen sich gegenüber.

»Wat, du verdammte Dirn, wat hast du dahn? De Gäst wist du mi herutsmiten. Keen Wien, keen Beer ward mehr drunken« – und hageldicht fielen die Hiebe der Mutter auf ihre Tochter, die ihren Nacken willig bog.

»Genug, genug,« rief ich und riß das Mädchen weg zu mir, »noch ein Schlag, Madame, und ich hole die Polizei.«

Ein sinnbetäubendes Bravo erschallte. Und die Mutter? Nun, die Mutter lachte laut, nahm ein Glas und schrie: »Der junge Herr soll leben!«

Das Mädchen stand noch hinter mir, ich hatte mit meiner linken Hand ihre Rechte umkrampft. Sie sah mich mit großen, entsetzten Augen an. Die Brust hob und senkte sich stürmisch.

»Wische dir das Blut vom Munde, Mädchen.« sagte ich rauh. Sie tat es mit der Linken, zuckend, zitternd, mich immer scheu ansehend, starr, finster, trostlos.

Ein tiefes Mitleid regte sich in mir. Aber, zum Kuckuck, ich hatte vergessen, nach meinem Freunde zu suchen. War er es gewesen, der eben so markerschütternd geschrien? Ich stürzte ins Nebengemach. Da lag er, ohnmächtig. Die linke Hand war blutüberströmt. Ich untersuchte sofort. Der Zeigefinger war nicht abgebissen; aber bis auf den Knochen frei, hing er nur eben an der Hand.

Es hat lange Zeit gedauert, bis mein Freund geheilt war. Eine Lehre ist es ihm denn doch gewesen.

Als ich die Wirtschaft mit meinem schwerverwundeten Begleiter verließ, um in einer Droschke zum nächsten Arzt zu fahren, huschte die junge Tochter mit den Eidechsenaugen zu mir in die Haustür: »Kommen Sie morgen abend wieder.«


Ich schlief die Nacht schlecht. Die wüstesten Bilder und Träume schreckten mich aus den Kissen. »Kommen Sie morgen abend wieder.« Wer hatte denn das gesagt? Und ich schlief wieder ein. »Kommen Sie morgen abend wieder« – ich wachte; flüsterte, raunte es mir eben wieder ins Ohr? Hastig, ängstlich, gepreßt, wie eine Rettung suchend? fühlte ich wieder in nur sekundenlanger Berührung eine junge Mädchenbrust an meiner Schulter?

»Kommen Sie morgen abend wieder.« Ich sprang aus dem Bett: Den Teufel werde ich tun. Ich konnte nicht länger schlafen. Wie widerwärtig, wie ekelhaft war das Blut an den jungen, vollen Lippen gewesen. Aber den ganzen Tag mußte ich an das Mädchen denken. Ein starkes Mitleid für das arme Ding lagerte sich breit in meinem Herzen, und – am Abend war ich in der Kneipe.

Es saßen nur zwei ältere Herren im Sofa, die, soviel ich mich erinnern konnte, gestern nicht in unserer Gesellschaft gewesen waren. Die Wirtin mußte mein Eintreten gehört haben. Sie erschien bald, mit herunterhängenden Haaren, gut angezogen, flink, jugendlich aussehend. Lachend trat sie zu mir, ohne Verwunderung, mich wieder in ihrem Restaurant zu sehen. Sie renommierte wie ein Mann: »Haben Sie keinen Kater, junger Herr? Ich habe solche Kopfweh heute; wir saßen noch bis fünf Uhr morgens auf, wir waren alle tüchtig betrunken. Hanne schläft noch.« Aber Hanne schlief nicht, denn die Tür öffnete sich, und in der Öffnung zeigte sich das Mädel, in einem schwarzwollenen, bis zum Halse reichenden Kleide. Als sie mich sah, floß eine Purpurwelle über ihr Gesicht; sie stieß einen kreischenden Schrei aus, wie ihn der Falke in wilder Lust ausstößt, wenn er hoch überm Walde steht im Sonnenlicht. Und dann war sie wieder verschwunden. »De dumme Dirn,« sagte die Mutter, und dann rief sie laut: »Hanne, Hanne, komm doch rin.« Aber Johanne erschien nicht. Als ich nach einer halben Stunde aufbrach, merkte ich auf dem Flur an einer Türspalte Hanne. Ich ging sofort drauf los und öffnete sie ganz. Das Mädchen war in eine Ecke geflohen und weinte, die Augen mit den Händen bedeckend, leise vor sich hin. Ich trat zu ihr. Da ließ sie die Hand fallen, sah mich an und – lachte aus vollem Halse, roh, kreischend. Sie merkte, wie unangenehm mich ihr Gebaren berührte, und wie von einem plötzlichen Entschluß gefaßt, riß sie meine Hände an ihren Mund und küßte sie.

»Hanne, Hanne, laß das; das mag ich nicht.«

»Ach Unsinn!« rief sie übermütig, und dann sagte sie leise: »Wie gut Sie sind und daß Sie kamen.«

»Ja, aber wenn Sie weglaufen, dann kehre ich nicht wieder.«

»Ach, bitte, bitte.« –

Und am folgenden Abend war ich wieder im Enkholz.

Liebte ich denn das hübsche Mädchen? Nein. Und doch las ich Eichendorff mit dem hellsten Entzücken. Aber auch wilde, lüsterne Gedanken wurden in mir rege. Das Mädchen wäre mit mir in alle Welt gegangen.

Und auch in den folgenden Tagen war ich in dieser Kneipe.

Hanne setzte sich dann sofort zu mir, ungeniert; legte den Arm um meinen Hals, was mir unangenehm war – aber ich ließ es geschehen. Ob Gäste da waren oder nicht, das war ihr gleich; sie wich nicht von meiner Seite. Ich galt bei der ganzen dort verkehrenden erlauchten Gesellschaft als ihr »Liebster«. Es schwankte in mir auf und ab. Das Verhältnis mußte gelöst werden. Bald fand sich eine Gelegenheit: Als ich eines Abends, später als gewöhnlich, bei Mutter und Tochter eintrat, waren sämtliche Anwesende, auch die Wirtin und Johanna, betrunken. Ein furchtbares Jauchzen und Kreischen übertönte Gespräch und Gelächter. Das Mädchen erkannte mich; sie lief, schwankend, auf mich zu, – aber ich stieß sie hart zurück und ging schaudernd nach Hause. Am anderen Tage schrieb ich ihr, daß ich nicht wieder in die Wirtschaft kommen und sie nicht mehr sehen würde; nach dem gestern abend Erlebten danke ich ein für allemal, sie je wieder vor Augen zu haben.

Und in der Tat war ich froh, so die mir lästig werdende Fessel abgestreift zu haben; auch hätte ich nicht mehr in der mir höchst widerwärtigen Gesellschaft verkehren können.

Zwei Tage waren dahingegangen. Es war im Anfang des Mai. Der Schlehdorn blühte. Die Buchfinken schmetterten. Ich hatte »Don Carlos« gesehen und schlenderte in der schönen Nacht, nachdem ich in Wilkens Keller zu Abend gespeist, nach meiner Wohnung in Sankt Georg. Es mochte nach Mitternacht sein, als ich meine Wohnung erreichte. Die Straße war leer. Als ich den Schlüssel in die Tür stecken wollte, kam aus dem Dunkel des Rundbogens ein Weib rasch auf mich zu; es war Johanna.

»Du hier? Mein Gott, was soll das, was willst du hier?«

»Ich will mit dir gehen; ich will nicht wieder nach Hause. Ich kann da nicht mehr sein. Nimm mich zu dir.«

»Das geht nicht, Johanna. Ich mag kein Mädchen in meine Wohnung nehmen. Du mußt nach Hause gehen. Wir sind überhaupt quitt: Du weißt, weshalb.«

»Ich gehe doch mit dir jetzt, Fritz,« sagte sie trotzig.

»Du wirst nicht mitgehen,« erwiderte ich barsch, und wandte mich ab, als ob sie Luft sei.

»Schlage mich tot, dann ist es aus.« Sie weinte heftig.

»Geh nun,« fuhr ich sie an, »die Polizei wird kommen und dich mit auf die Wache nehmen, wenn du nicht nach Hause eilst.«

Sie wurde wieder trotzig.

»Gut, die Polizei soll mich holen; hier, von deiner Tür weg.«

Ich schloß die Tür auf. Sie sah finster meinem Gebaren zu, rührte sich aber nicht vom Fleck. Ich hörte sie stöhnen vor Schmerz, als ich von innen wieder verriegelt hatte.

Bald war ich fest eingeschlafen. Aber schon nach einer Viertelstunde erwachte ich. Ich hörte meine Stutzuhr zwei schlagen.

Ob sie noch unten steht? Ob sie weggegangen ist? Ich kleidete mich rasch an und ging an ein vorspringendes Fenster in meiner Wohnstube, von wo aus ich die Haustür sehen konnte. Es war hellster Vollmondschein. Ich trat vorsichtig an die Gardine und sah gespannt hinunter.

Bei Gott! da war sie noch. Sie kauerte auf den Stufen; das Haupt ruhte auf den Knien. Sie war eingeschlafen. Nein, sie schlief nicht, denn sie drehte, in der hockenden Stellung bleibend, ihren Kopf nach meinen Fenstern. Wie der Mond sein ruhiges, sanftes Licht in ihren grünen Augen strahlen ließ!

Doch was ist das? Auf der toten Straße kamen langsam zwei Schutzleute heran; die Helme blitzten. Das Mädchen hatte sie gehört, und im Husch sprang sie auf und preßte sich hart an die Tür. Sie stand im Schatten. Die beiden Männer gingen im ruhigen Gespräch vorüber.

Das ist zu viel für dich, armes Tier.

Ich holte den Hausschlüssel und schloß auf. Wie sie gehorcht haben mag, als sie das Geräusch hörte. Die Tür ging auf.

»Hanne,« sagte ich leise. Sie stand vor mir. Nie habe ich einen so seligen Ausdruck im Gesicht eines Weibes gesehen. Nur einmal flog's über die Augen, über Stirn und Lippen wie ein Triumph; eine siegreiche Königin schaut so.

Ich nahm sie mit auf mein Zimmer und von Stund' an blühte die schöne Menschenblume fröhlich und lustig an meinem Herzen – aber nicht in meinem Herzen.


Ja, was nun? Da fiel mir ein, daß ich Geld hatte. Ich mietete für sie ein hübsches Gartenhaus in Hamm, damit sie Schutz fände vor ihrer Mutter. Es machte mir kein geringes Vergnügen, sie in den neuen Verhältnissen zu beobachten: Welchen Geschmack entwickelte sie, wie gut sie sich kleidete, wie sie bald wußte, wie der Handschuh angezogen werden muß; wie hübsch sie das Stellen der Möbel verstand.

Sie hing mit sklavischer Liebe an mir. Das aber hinderte sie leider nicht, ihre alten Mädchenbekanntschaften aufzugeben. Zuweilen waren die Zimmer ganz voll von fragwürdigen Frauenzimmern. Diese dann mußten alles bewundern. Die weibliche Eitelkeit und die mit Eva allen Frauen angeborene Sucht, den Neid ihrer Mitschwestern zu erregen, war ihr, ich muß es gestehen, in hohem Grade gegeben. Selbst die alten Lokale suchte sie auf. Bei ihrer Mutter erschien sie wieder: immer aufs höchste beneidet wegen ihrer Kleider, Lackstiefel, Hüte, Spitzen und was weiß ich! Ich selbst mußte in der ersten Zeit ab und zu mitgehen als ihr angebundener Bär. Ich war in sie verliebt, aber ich liebte sie nicht. Bald hörte meine Begleitung auf, und ich verbat mir auch jeglichen Besuch ihrer Freundinnen. Das konnte sie gar nicht begreifen, aber sie gehorchte – ob sie heimlich, und wann wüßte nicht das Weib Mittel und Wege, ihre Kameradinnen empfing, ich glaube es.

An einem Herbstabend erzählte sie mir ihre Geschichte. Mein Mitleid steigerte sich. Aus dem Mitleid wächst oft die Liebe. Bei mir trat der Fall nicht ein.

Sie erzählte: Als ich fünfzehn Jahre alt war, war ich fast so kräftig entwickelt wie jetzt. An einem Winterabend saßen viele laut lachende, betrunkene Herren bei meiner Mutter, die selbst viel Wein genossen hatte. Die Herren tuschelten viel miteinander, dann schrien sie plötzlich nach den Würfeln und spielten eifrig, mit größerem Interesse als sonst. Das Spiel war bald beendet: Ein großer, starkknochiger Steuermann hatte gewonnen. Er stand auf, und unter dem furchtbarsten Gelächter aller Anwesenden und meiner Mutter kam er auf mich zu und – ich war leichenblaß geworden, als er auf mich zutrat – riß mich mit sich weg. Ich stieß ihn vor die Brust, ich raufte ihm das Barthaar, ich biß ihm die Hände ... ich wußte nicht mehr, ob ich lebe ... Bald darauf lag ich in unserer Küche im Blute: ich hatte mir ein großes Brotmesser mit aller Macht in die Brust gestoßen ... Ich starb nicht... Meiner Mutter mußte ich nun Folge leisten: Gab einer von den Herren zwei Flaschen aus, so hatte er das Recht, im hinteren Zimmer mit mir zu trinken. Meine Mutter zwang mich dazu mit furchtbaren Schlägen ... Da lief ich weg. Die Polizei nahm sich meiner an: Ich kam in eine Besserungsanstalt. Aber was hatte ich denn getan? Ich entfloh dort bald und ging an das erste beste Theater, wo mich der Direktor sofort annahm, aber unter Bedingungen! Gab es denn auf der ganzen Welt keinen guten Menschen? Ich wollte, ehe ich mich ins Wasser stürzte, noch einen Versuch bei meiner Mutter machen. Ich ging zu ihr und bat um Aufnahme. Meine Mutter, mein hübsches Gesicht betrachtend, ging darauf ein. Ich versuchte ein braves Mädchen zu sein. Und so trafst du mich. Du warst der erste auf Erden, der für mich eintrat: Eine grenzenlose Liebe und Dankbarkeit will ich dir dafür bis zum Tode bewahren.


Aber diese Liebe und »Dankbarkeit« wurde mir lästig. Ich schmiedete im stillen Pläne, mich von ihr zu trennen. Endlich fiel es mir ein: Ich schrieb meinem Vater, daß ich krank sei und mich in Kiel ein halbes Jahr erholen müsse. Meine Eltern willigten ein, und am nächsten Tage saß ich, ohne von ihr Abschied genommen zu haben, auf der Bahn. Von Kiel aus schrieb ich ihr, daß ich nicht mehr zurückkäme; sie möchte die Wohnung behalten und Geld fordern, wann und wieviel sie immer gebrauche. Am dritten Tage erhielt ich den einzigen Brief, den sie je an mich geschrieben hat. Er lautete:

Innigst geliebter Fritz!

Lebe ich denn noch? Daß Du von mir gegangen bist was That ich Dir und hast Deine Hanne nun zu todt gemacht will ich wie ein jung Kätzgen ein Stein Nehmen und mir ins Wasser werfen. Gestern war die schlanke Mile bei mich die sagte die feinen Herrns sind immer so und lassen die Mädchens sitzen. Ich glaube es war ein Spaß von Dich innigst geliebter Fritz. Ich warte noch 8 Tage in meine Wohnung. Du kommst ja dann zurück. Das kann ich nicht glauben, daß Du Deine Hanne tödten willst.

Deine Dich Innigst liebende und küssende
Hanne.

Ach was, Frauenzimmerpossen. Die wird schon bald auf meine Vorschläge eingehen, dachte ich – und warf den Brief auf den Tisch. Nach fünf Tagen erhielt ich ein Schreiben aus Hamburg mit dem Siegel: Allgemeines Krankenhaus. Ich öffnete ahnungslos und las die Unterschrift:

Prof. Dr. Bertuch,
Chefarzt.

Und nun las ich ihn ganz:

Geehrter Herr Fehrs!

Auf die Gefahr hin, indiskret zu sein, kann ich nicht umhin, Ihnen die folgende Angelegenheit ans Herz zu legen, um so dringlicher ans Herz zu legen, als vielleicht von ihrem Kommen oder Nichtkommen ein Menschenleben abhängt.

Vor drei Tagen wurde uns ein junges Mädchen im schwersten Nervenfieber gebracht, das sich bis heute so gesteigert hat, daß ich das Äußerste befürchte.

Euer Wohlgeboren haben, wie ich es an dieser Stelle und unter den gegenwärtigen Umständen aussprechen darf, in näherem Verhältnis zu dem jungen Mädchen gestanden.

Die mit dem Tode ringende Kranke ruft in den Delirien unaufhörlich Ihren Namen, und klagt in ihren Phantasien, daß Sie sie verlassen hätten.

Eine Möglichkeit der Rettung wäre, wenn Sie sich persönlich hier einstellen würden.

Ich stelle daher ergebenst anheim, sich nach der einen oder anderen Seite schleunigst entschließen zu wollen.

Hochachtungsvoll
p. p.

Mit dem nächsten Zuge schon fuhr ich nach Hamburg. Welche qualvollen drei Stunden. Hatte sie mich denn wirklich geliebt? War nicht alles nur »Dankbarkeit«? War es denn nicht alles nur befriedigte Eitelkeit gewesen? Nicht nur das köstliche Gefühl, einmal aus den schrecklichen Verhältnissen, in denen sie bisher gelebt hatte, erlöst zu sein?

Am Klostertorbahnhof nahm ich eine Droschke. Dem Kutscher ein Goldstück reichend, war ich in sechs Minuten am Mitteltor des großen Krankenhauses. Ich sandte dem Chefarzt meine Karte; auf der Stelle wurde ich vorgelassen. Ein feiner, blasser, klar und klug schauender Greis streckte mir die Hand entgegen: »Ich wußte, daß Sie kommen würden, Herr Fehrs. Ich werde selbst mit Ihnen auf Nummer 243 gehen. Vor der Tür lassen Sie mich auf einen Augenblick hinein. Ich muß sehen, wie es steht. Vielleicht kann ich Schwester Toni und die Wärterinnen auf einige Minuten entlassen.«

Wir gingen durch endlose Korridore. Endlich blieben wir halten: »Bitte, bleiben Sie hier, bis ich wiederkomme.«

Es war unheimlich still in dem großen Gebäude.

Der Professor öffnete die Tür und winkte: »Sie ist bei Besinnung und wird Sie erkennen. Äußern Sie sich nicht laut und stürmisch. Behalten Sie Ihre Ruhe.«

Und dann waren wir im Krankenzimmer. In einem Bett mit weißen Überzügen lag Hanne. Die Arme lagen bloß auf der Decke. Aus den schwarzen kurzen Haaren funkelten die Brillantohrringe, die ich ihr geschenkt hatte. Das blasse Gesicht lag, etwas zur Seite geneigt, in den Kissen ... Nun wandten sich die grünen Eidechsenaugen langsam – ach so schwer – zu mir. Ich hielt mich nicht länger und brach an ihrem Bette schluchzend nieder...

Und eine schwache Stimme sagte: »Ja, liebest du mich denn?« (Sie sprach merkwürdigerweise lieb»e«st statt liebst.)

Ich konnte nicht antworten, ich mußte bitterlich weinen. Ihre weißen Hände umfaßten die meinigen. Sie zog sie an ihre Lippen und küßte sie. »Hanne, Hanneken, ich bleibe ja bei dir ... Ich gehe nicht wieder weg ...«

Das Mädchen sah mich seltsam, groß, glückselig an; dann fielen die Lider. Der Arzt führte mich sanft aus dem Zimmer.

Es wurde mir erlaubt, die Nacht bei ihr zu wachen. Sie kam nicht wieder zur Besinnung. Am anderen Morgen nahm sie mir der gutmütige alte Knochenmann still aus den Armen...

Und der Herbstmorgen war doch so schön, so frisch, so köstlich. Durch das geöffnete Fenster hörte ich fröhliche Kinderstimmen im Garten. Die Alsterdampfschiffe sandten ihre Pfiffe. Die Straßenbahnschellen klangen leise herüber. In den Linden hatten sich Hunderte von schwatzenden Staren versammelt. .. und in all dieser Herrlichkeit und Fröhlichkeit mußte das schöne Mädchen von der Erde.








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