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Der letzte Bombardier

Friedrich Wilhelm Hackländer: Der letzte Bombardier - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Wilhelm Hackländer
titleDer letzte Bombardier
publisherGlobus Verlag G. m. b. H.
illustratorR. Haug
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid5575c784
created20070212
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20. Kapitel

Während Bombardier Schmoller seinen gesellschaftlichen Verpflichtungen nachkommt, besucht Erich die schöne Kolma.

»Das macht die wilde, zigeunerhafte Vergangenheit dieser – Dame,« sagte der Premierlieutenant Graf Barring, achselzuckend zu dem Husarenoffizier, während beide thaten, als habe sie nur das wirklich schöne Pferd veranlaßt, hier einen Augenblick stehen zu bleiben.

»Ist aber bei alledem sehr rücksichtslos,« meinte der junge blasse Mann mit dem gelinden Zungenanstoße im Sprechen, wobei er vermittelst einer prächtigen Grimasse das Stück Glas aus seinen Augenwinkeln herausfallen ließ; »die da sollte sich eine Ehre daraus machen, wenn Leute unseres Schlages ihr ein Wort der Anerkennung zollen! Werde aber nicht ermangeln, nach Hause an ein paar Bekannte darüber zu schreiben, sollen sich allen Enthusiasmus ersparen, wenn sie in der Residenz auftritt – ist ohnedies alles nur höllisch Blendwerk mit ihrer Kunst!«

»Das kann man ansehen, wie man will, aber die in der Residenz werden toller mit ihr sein als wir hier, darauf können Sie sich verlassen, mein lieber Regierungsassessor. Weiß ich doch ganz genau, daß ihr Renz für diesen Herbst schon fabelhafte Summen bot und daß er bei ihrem Auftreten dreifache Preise ansetzen darf!«

»'s ist allerdings viel Schwindel dabei, aber ein nervenaufregender Schwindel. Man muß doch, um einen Gaul mit dem Lasso zu fangen, gehörig im Sattel sitzen bleiben können und mit fest angelegten Schenkeln und Waden; während die da oben steht mit ihren feinen, spannenlangen Füßchen und so thut, als führe sie ein Lamm an einem seidenen Bande.«

»Man muß aber auch nicht die Dressur der Pferde vergessen, welche eingefangen worden,« meinte der Regierungsassessor.

»Hat sich was von Dressur, wenn die Bestien ohne Sattel und Zeug in den Cirkus gejagt werden, und die Schlinge um den Hals wird ihnen auch nicht besonders schmecken. Beim zweiten Pferde sah ich deutlich, wie es einen Riß that, der einen ordentlichen Reiter bügellos gemacht hätte, und da ließ sie einfach ihren Lasso durch die Hände gleiten, um ihn darauf anzuziehen mit einem zweiten Rucke, für den ich meine Kehle nicht hergeliehen hätte. Nein, es ist schon eine fabelhafte Gewandtheit.«

»Und ein Körper wie aus Stahlfedern zusammengesetzt,« sagte der Husar.

»Und ein so schöner Körper!« seufzte der Regierungsassessor.

»Ihr Vetter Seefeld ist wahrlich zu beneiden!«

»Ich glaube kaum, daß er zu beneiden ist,« versetzte Graf Barring achselzuckend, »denn soviel ich erfahren, kam er noch nicht besonders weit mit ihr – was ich auch in der That begreiflich finde; Seefeld ist gerade kein Adonis, und aus Gold macht sie sich gar nichts.«

»Aber Sie wissen doch so gut wie ich,« lächelte der Regierungsassessor, »daß sie schon vor geraumer Zeit mit ihm liiert war, als die Ticzka noch mit einer obskuren Bande herumzog. Sie sahen sie ja selbst damals bei dem Manöver.«

»Ganz richtig, und auch auf dem Schlosse meines Vetters,« erwiderte Graf Barring.

»Nun, und da soll er sie genau kennen gelernt haben.«

»Allerdings ließ Dagobert darüber einige Aeußerungen fallen, doch wir kennen uns; ich weiß ziemlich genau, was er an jenem Abend getrieben, natürlich nur so viel mit Sicherheit, daß er von einer gewissen Expedition nicht mit dem Aussehen eines Siegers zurückkam. Und noch in derselben Nacht brach die Truppe auf, bei der sich die schöne Kolma damals befand, mit Ausnahme einer kranken Frau und eines kleinen schwächlichen Mädchens, die, glaube ich, noch ein paar Tage auf der Waldburg blieben.«

»Ich hoffte, deinen Vetter hier zu finden,« sagte der Husarenoffizier.

»Auch ich wundere mich, daß er noch nicht da ist. Er hat auf der Waldburg wie jeden Herbst die großen Jagden abgehalten, und sein Weg zur Residenz führt ihn ohne Umweg über hier; auch den würde er nicht scheuen, da er weiß, daß die Ticzka hier ist. Es muß ihn sonst was zurückgehalten haben, denn er hätte wahrscheinlich keine Vorstellung versäumt.«

»Richtig, und so oft ich einen Postvierspänner heranrasseln höre, was die Pferde laufen können, meine ich immer, er müßte drin sitzen. Es wäre doch ein verfluchter Spaß, wenn er gerade heute abend hier gewesen wäre, um zu sehen, wie angelegentlich sich die spröde Ticzka in militärische Angelegenheiten einläßt!«

»Im Grunde halte ich die Geschichte nicht wichtig genug, um die Hand darüber umzudrehen; sieht mir doch die Ticzka nicht aus, als wenn sie mit so etwas anbandeln könnte!« sagte der Regierungsassessor.

»Aber eine frühere Anbandelei fortsetzen!« »Für eine frühere Geschichte sah der Bursche verflucht jung aus!«

»Pah, die Weiber haben seltsame Launen, besonders die Künstlerinnen!« meinte der Husar. »Wer mag dieser glückliche Vogel sein?«

»Den Federn nach ein Gemeiner von der Artillerie; doch können wir das genau erfahren, wenn es uns interessiert. Da steht ein anderer von derselben Farbe. – He, Bombardier,« rief ihn der Dragoneroffizier an, »bitte, kommen Sie einen Augenblick daher!«

Herr Schmoller näherte sich eiligst, worauf der andere fortfuhr:

»Wer ist hier der andere von der Artillerie?«

Nun wußte aber der Gefragte nicht, ob es bei den obwaltenden mißlichen Verhältnissen klugerweise geschehen konnte, Erichs Namen anzugeben, weshalb er sich eines Bessern besann und den ersten besten Namen nannte, der ihm gerade einfiel: »Kanonier Flattich vom Brigadebureau.«

»Flattich, Flattich,« wiederholte der Regierungsassessor in geringschätzendem Tone, während er sein Glas etwas fester einklemmte, um den Bombardier zu betrachten; »ein eigentümlicher Name, der so gar nichts verspricht und gar nichts bedeutet. Nun, mir kann's gleichgültig sein.«

»Mir auch,« bemerkte der Dragoneroffizier; »es ist höchstens eine Handhabe, um diesen teuren Dagobert vorkommenden Falles ein wenig zu schrauben. Kommt, sehen wir den Schluß der Vorstellung, Kavalleriemanöver von zehn sehr hübschen Mädchen, die Kerls nicht gerechnet, angeführt von der schönen Leonie!«

»Das ist doch noch eine Person, die zu leben versteht und sich und ihre Bekanntschaften achtet!«

Damit gingen sie zusammen durch die Stallgasse nach dem Cirkus, worauf, weil sich alles, was hier unbeschäftigt war, ebenfalls am Eingange zusammengedrängt hatte, die Vorhalle ziemlich leer verblieb. Nur Marechal befand sich mit ein paar Stallknechten in den Ständen und ließ die ungeduldigen Pferde der Ticzka tüchtig abreiben, ehe sie, in ihre wollenen Decken eingehüllt, nach dem Stalle abgeführt wurden.

Jetzt trat der Alte an den Bombardier heran und sagte, auf die Garderobe der Ungarin deutend, deren Thür indessen

nicht fest verschlossen war, sondern eine Spalte von etwa einem halben Fuß Weite zeigte: »Ich habe es doch gescheit gemacht, den jungen Herrn da in die Halle einzulassen. Scheint mir ein Bekannter der Demoiselle Ticzka?«

»Ich glaube so, ein sehr genauer Bekannter!«

»Freut mich in der That, hat ein offenes, ehrliches, angenehmes Gesicht und wäre mir schon lieber als die ganze Bande miteinander. Ich versichere Ihnen, wenn man dieses Scherwenzeln und Schönthun so jeden Abend mit ansehen und das Sporengeklirr und Säbelgerassel und die abgedroschenen Redensarten hören muß: ›Superbe, auf Ehre, magnifique, wunderbar, unvergleichlich!‹ – da kriegt man es schon satt bis hierher und möchte ihnen gern einmal sagen, daß sie doch alle tausendfältig zum Narren gehalten werden. Nun, was die Ticzta anlangt, so bin ich überzeugt, daß keiner Ursache hat, sich besondere Illusionen zu machen, am allerwenigsten der, von dem vorhin die Rede war, dieser Graf Seefeld mit seinem häßlichen, unangenehmen Gesicht.«

Die letzten Worte sprach der Alte mehr zu sich selber, während er wieder zu den Pferden hinging. Vielleicht hatte er auch gesehen, daß sich die gewisse Garderobenthür nun ganz geöffnet hatte, der junge Artillerist heraustrat, um zu seinem Freunde zu eilen, der, mit gespreizten Beinen dastehend, seinen Säbel an dem weißen Bandelier zwischen die Kniee genommen hatte, beide Hände darauf stützte und nun kopfnickend sagte: »Du bist in der That ein netter Kerl, das muß dir selbst der Neid lassen! Machst im flotten Leben und in aller Unschuld die riesenhaftesten Fortschritte – ja, in aller Unschuld, wiederhole ich, denn ich halte dich bei alledem nicht für duckmäuserisch genug, daß du mit Absicht hierher gingst, um zu finden, was du gefunden – oder war vielleicht alles abgekartet, und hast mir am Ende gar deinen eigenen Arrestzettel gestohlen! Ist dies aber in der That der Fall, so gib ihn schleunigst wieder, denn es ist notwendig, dich so bald als möglich hinter Schloß und Riegel zu bringen, junger Don Juan!«

»Laß es gut sein, Schmoller,« erwiderte Erich begütigend, »und wenn es dir recht ist, so gehen wir.«

»Und wohin, wenn ich fragen darf? Du hast mich da in eine schöne Brühe hineingebracht!«

»Vorderhand in den stillen Winkel irgend eines heimlichen Wirtshauses. Da will ich dir auch erzählen, was ich dir über die Geschichte von vorhin sagen kann.« »Wahrscheinlich Dichtung und Wahrheit – o, du bist in der That ein abgeschlagener junger Mensch! Doch was will ich Aermster machen – komm nur, damit es kein größeres Aufsehen gibt und wir nicht neben der Kavallerie auch noch Artillerie auf den Hals kriegen. Ich habe dich hier eben schön herauslügen müssen und dich für einen sicheren Flattich ausgegeben, was übrigens diesem verliebten Zuckerwasser nicht schaden kann. Aber komm jetzt.«

Ein heimliches Wirtshaus war in kurzer Zeit in der Nähe gefunden und dort auch ein heimlicher Winkel, wie ihn sich die beiden nur wünschen konnten, in einer Ecke am Fenster, an einem Tischchen zu zweien, wo sie obendrein noch durch eine dicht belaubte Epheuwand von den übrigen Gästen abgesondert saßen.

Schmoller speiste mit großem Appetit seinen Sauerbraten und seine Kartoffeln, während Erich so wenig Hunger hatte, daß er sich nur eine halbe Portion geben ließ und auch diese kaum berührte. Mit dem Getränke war es ebenso, und Schmoller meinte achselzuckend, wenn es das schlechte Gewissen Erichs sei, was ihm seinen sonst so guten Appetit geraubt, so habe er nichts dagegen einzuwenden. »Denn ich versichere dir, Junge,« sprach er nach dem dritten Seidel Bier, »ich fürchte in der That, wir haben uns da eine wunderbare Suppe eingebrockt! Sage mir nur um Himmels willen, was ich heute nacht mit dir anfangen soll?«

»Nun, das ist doch sehr einfach,« versetzte Erich, allerdings nach einer Pause, welche länger war, als zu einer einfachen Sache nötig schien; »ich gehe mit auf dein Zimmer, du gibst mir ein Drittel von deinem Bette, die Hälfte will ich nicht einmal in Anspruch nehmen, und morgen früh suchst du den verfluchten Zettel und bringst mich in Arrest, wobei ich nun allerdings eine Nacht profitiert habe, denn du wirst es veranlassen können, daß ich dem Zettel nach zu meiner richtigen Zeit wieder abgeholt werde.«

»Du weißt, ich bin aufopfernd bis zum Exceß für meine Freunde,« erwiderte Schmoller kopfschüttelnd, »doch kann ich dich wahrhaftig nicht mit auf unsere Stube nehmen! Du weißt wohl, bei mir wohnt der Block, der Schmitz und der Flattich, und wenn die beiden Erstgenannten auch fest zu schlafen pflegen, so ist dagegen der verliebte Flattich ein Nachtwandler und ein Mondkalb und kann auch sein Maul nicht halten. Dann habe ich aber auch noch einen anderen Grund, der es mir unmöglich macht, deinen Wunsch zu erfüllen, nämlich den, daß ich selbst vorderhand nicht nach Hause gehe. Du wirst einsehen, junger Mensch, daß man gesellschaftliche Verpflichtungen hat, die allerdings aufgeschoben, aber nicht aufgehoben werden können. Verstehst du mich?«

»Ich glaube dich so genau zu verstehen,« erwiderte Erich mit großer Entschiedenheit, »daß also weiter keine Rede davon ist. Abgemacht – und ich habe meinen Entschluß gefaßt. Ich gehe auf die Kasernenwache, der Bombardier Hellwig ist dort, ein guter Kerl und braver Kamerad, mit dem ich ohne Gefahr eine Nacht verplaudern kann.«

»Das ist eine gesunde Idee, und wenn es dir recht ist,« sagte der Bombardier Schmoller, »so brechen wir jetzt auf; es ist gleich zehn Uhr, und man darf weder die Arbeit noch das Vergnügen übertreiben.«

An der Straßenecke trennten sie sich, und nachdem jeder vielleicht hundert Schritte gemacht, blieben beide noch einen Augenblick stehen, um zu horchen, ob sich die Schritte des anderen in der Ferne verlören oder ob vielleicht dieser andere geneigt sei, jenen anderen zu belauschen; da aber alles ruhig blieb, so ging jeder mit großer Sicherheit seines Weges.

Zu wissen, wohin Herr Schmoller seine Schritte wandte, wird leider für die Nachwelt verloren gehen, da es nicht zum Laufe unserer wahrhaften Geschichte gehört; doch sind wir überzeugt, daß er seinen gesellschaftlichen Verpflichtungen nachkam und seine Zeit aufs beste verwandte.

Erich aber schien durch ein paar Straßen in der That den Weg zu verfolgen, der ihn zur Kaserne führte, wo er auf der Wachtstube die Nacht zubringen wollte, und obgleich er auf diesem Wege nicht nur einigemal nachdenkend stehen blieb, sondern auch hier und da ein paar Schritte that, um durch eine Seitenstraße eine ganz entgegengesetzte Richtung zu verfolgen, so setzte er doch jedesmal wieder, wenn auch mit zögerndem Gange, seinen Weg weiter fort; ja, er kämpfte offenbar einen schweren Kampf mit sich selber, ob er sich nach der Wachtstube begeben solle, um dort in dem räucherigen Lokale auf der harten Pritsche die ganze Nacht zuzubringen, oder ob er, wie versprochen, der Einladung der Esmeralda folgen sollte, die ihn freundlich und liebevoll gebeten, heute abend doch einige Stunden mit ihr zu verplaudern.

Allerdings fühlte er sich mächtig angezogen, dieser Einladung Folge zu leisten, um so mehr, als sie ihm zugesagt hatte, einiges aus ihrem Leben mitzuteilen, sowie zu erzählen, wie es ihr ergangen seit jener Nacht im Parke des Schlosses Waldburg. Anderenteils blieb er jedesmal wieder unentschlossen stehen, so oft er sich von seinem Wege abgewandt, und zögerte, jenem Rufe Folge zu leisten, der doch stets so hübsch und einladend in ihm erklang. Doch hatte die Ticzka in der That gar nichts gethan, um Befürchtungen in ihm rege zu machen, über die er sich selbst keine Rechenschaft zu geben vermochte und die ihm nur in unbestimmter Gestalt vorschwebten, wenn er das schöne Mädchen vor sich sah, wie sie in der kleinen Garderobe des Cirkus, nachdem er mit ihr eingetreten, seine beiden Hände genommen hatte, sie sanft gedrückt, ihn mit ihren leuchtenden Blicken betrachtet und ihm froh gesagt, sie freue sich unendlich, mit ihm ein paar Stunden verplaudern zu können. Dabei war ihm dann unwillkürlich jene Scene eingefallen, wo er mit der hochblonden Selma

im Pfarrhause auf dem Sofa gesessen und wo – wer weiß, wenn nicht gerade der Herr Vikar eingetreten wäre – das erregte junge Mädchen noch mehr seltsames Zeug an ihn hingesprochen hätte. Wenn die Esmeralda vielleicht auch ... Doch hatte er im nächsten Augenblicke gute Lust, sich für diese höchst dummen Gedanken selbst einen tüchtigen Puff zu versetzen. Die Esmeralda, diese gefeierte Künstlerin, für welche Barone und Grafen schwärmten und die sich aus der Höhe ihrer Kunst herab aus keinem was zu machen schien!

Ja, wie stellte er es sich jetzt so behaglich vor, ihr gegenüber zu sitzen und sich von ihr erzählen zu lassen! Welcher Kontrast, wenn er an das Kloster des heiligen Augustin dachte, wo er sich von Rechts wegen jetzt von einem hölzernen Käfig eingeschlossen befinden sollte! – »Und gerade deshalb,« rief er trotzig, nachdem er nicht nur in Sicht der Dominikanerkaserne gekommen war, sondern auch die trüb erhellten Fenster des Nachtlokals durch die Nacht schimmern sah, »gerade deshalb! Bin ich doch für heute nacht mehr oder minder vogelfrei erklärt!« Damit machte er eine so entschiedene Wendung nach rechts und eilte so rasch von dannen, daß noch nicht alle Uhren der Stadt die zehnte Stunde ausgeschlagen hatten, als er schon wieder in der Nähe des großen Platzes vorüberkam, wo sich der Cirkus befand, in welchem aber jetzt, nach geschlossener Vorstellung, die Lichter zu erlöschen anfingen und von wo noch eine Menge Zuschauer ihm entgegenströmte.

Doch beeilte er sich, hier vorüberzukommen, denn er hörte Säbel klirren und sah weiße Federbüsche durch die Nacht leuchten. War doch zehn Uhr vorüber, und wenn er zufällig hier von einem bekannten Offizier angehalten worden wäre, so hätte ja seine ganze Missethat augenblicklich entdeckt werden müssen. Er, der sich im Arrest befinden sollte, hier auf der Straße umherflankierend, lange nach dem Zapfenstreich, und obendrein ohne Erlaubniskarte – eine ganze Kette von Verbrechen! Rasch schlüpfte er deshalb an einem Wagen vorüber, blieb aber hinter demselben einen Augenblick stehen, um die vier im Schritte dahinschleichenden Pferde zu betrachten, welche müde die Köpfe hängen ließen und von denen der Dunst infolge ihres raschen Laufes sichtbar emporstieg und wie ein dünner Schleier an der benachbarten Gaslaterne vorüberzog. Dann eilte er rasch weiter.

In der zurückgeschlagenen Kalesche saß ein einzelner Mann, der mit einem der von Erich bemerkten Offiziere sprach, welch letzterer die Hand auf den Drücker der einen Wagenthür gelegt hatte.

»Hol' der Henker ein solches Pech,« sagte der im Wagen, »wenn man mit im voraus bestellten Postpferden reist und dann dennoch warten muß, weil eine Extrapost vor uns so gütig war, uns unsere Pferde wegzunehmen! Also war es eine brillante Vorstellung?«

»Die Ticzka war brillant; alles übrige schon oft dagewesen.«

»Und wie es mich gefreut hätte, aus dem tollen Dahinjagen in der finsteren, kalten Nacht so auf einmal in den hell erleuchteten Raum zu treten und sie zu sehen; es gibt wahrhaftig kein vollkommenes Glück auf Erden!«

»Nun, man muß dem Zufalle für jede noch so kleine Gunst dankbar sein,« sagte der andere, »und du bist der Mann des glücklichen Zufalls.« Durch diese letzten Worte klang etwas wie leichte Ironie.

»Gut denn, überlassen wir uns dem Glücke und dem Zufalle, aber vorderhand soupieren wir miteinander. Ich habe meine Zimmer und ein gutes Nachtessen, schon im voraus auf euch rechnend, im Hotel du Nord bestellt. Wollt ihr mitfahren?«

»Danke, danke,« riefen ein paar Stimmen von rückwärts; »eile nur voraus, wir kommen schon nach, bis du fertig bist!«

Auf ein Zeichen des Herrn im Wagen hob der Postillon seine Peitsche, und die vierspännige Kalesche rollte davon.

Erich konnte nicht fehlen; sie hatte ihm das kleine Haus, in welchem sie allein mit ihren Leuten wohnte, zu genau beschrieben, und als er jetzt gegen dasselbe trat, sah er sogleich, daß er am rechten Ort war, denn unter der trüb erleuchteten Thür stand der alte Marechal, welcher dem jungen Manne, sobald er ihn bei der nächsten Gaslaterne erkannte, entgegenging und ihn ins Haus führte.

Hier unten blickte er in eine offen stehende Küche hinein, auf deren Herd ein helles Feuer loderte, und es war ihm gerade, als habe er beim Scheine desselben eines jener Gesichter wiedergesehen, die er damals an dem Feuer auf der Wiese bei Zwingenberg erblickt. Sein Begleiter führte ihn die Treppe hinauf über einen Vorplatz, wo sich auf Tischen und Stühlen eine Menge Sattelzeug, Geschirre und dergleichen befanden und wo er leise, aber scharf den Ruf eines durch die Dämmerung flatternden Raubvogels erschallen ließ, welcher gleich darauf in einem anstoßenden Gemache durch einen hellklingenden Wachtelschlag erwidert wurde; dann öffnete Marechal eine Thür und ließ den jungen Mann eintreten.

Er befand sich in einem behaglich erwärmten, angenehm erleuchteten Zimmer, dessen Meublement allerdings von einem zweifelhaften Komfort war, denn es paßte hier von den verschiedenen Tischen, sofaähnlichen Sitzen, Fauteuils und dergleichen nichts zusammen, als vielleicht eine große Anzahl seiner persischer Decken und Teppiche, womit die meisten der eben genannten Mobilien, besonders aber die Dielen des Fußbodens wahrhaft verschwenderisch bedeckt waren.

Die Esmeralda, er konnte sich dieses Namens, den man damals bei den Manövern dem jungen Mädchen und gewiß fälschlich beigelegt hatte, trotz alledem nicht entschlagen, denn mit diesem Namen stand sie in seiner Erinnerung, und sein erster Ausruf, in Gedanken nämlich, war »Die Esmeralda« gewesen – sie reichte ihm beide Hände entgegen, sie hatte eine unbeschreibliche Freude, daß er Wort gehalten und zu ihr gekommen sei, sie führte ihn zu einem der Sofas und ließ ihn dort niedersitzen, worauf sie bedauernd seine Uniform befühlte, sowie sein krauses blondes Haar, welches vom Regen und vom Staubnebel naß geworden war und welches sie sich nicht nehmen ließ, mit einem feinen weißen Tuche zu trocknen und dann mit einem Kamme, den sie aus ihren Haaren zog, zu glätten und zierlich zu ordnen. Dabei war sie lose und durchsichtig angezogen, kam ihm auch bei ihren freundlichen Bemühungen recht nahe, schien sich durchaus nichts daraus zu machen, wenn ihr leicht bekleideter Busen an seine Brust oder an seine Schulter stieß, und schaute ihn dabei so natürlich, mit einem so gutmütig heiteren, kindlich offenen Blicke an, daß ein befremdendes Gefühl, welches ihn anfänglich zu überschleichen gedroht, von selbst und rasch wich und einem Wohlbehagen Platz machte, wie man es nur dann empfindet, wenn man sich bei langjährigen und ganz vertraulichen Freunden weiß. Und das war ihm die Esmeralda geworden und er ihr durch eine gewiß seltsame Verkettung der Umstände, obgleich sie bis jetzt noch nicht manches Dutzend Worte miteinander gewechselt.

»In jener Nacht,« sagte das junge Mädchen, als es nun seine Toilette so gut wie möglich beendet und ihn ein wenig aus der Entfernung betrachtete, »stand ich im tiefen Schatten des Schlosses auf der Lauer, um zu sehen, ob jener es wagen würde, die Hand gegen Sie zu erheben. So stand ich da,« sagte sie mit blitzenden Augen und die weißen zusammengebissenen Zähne zeigend, während ihre rechte Hand an den Gürtel fuhr, als faßte sie dort den Griff eines Dolches, »und wenn ich nicht gleich darauf gesehen hätte, wie Sie durch den Mondschein dem Walde zugingen, sichtbar unverletzt, hätte es ein großes Unglück geben können.«

»Und woher nahmen Sie die Teilnahme an mir, einem jungen, unbedeutenden Menschen, und nehmen Sie heute noch, wo Ihnen doch, wie ich weiß, so viele enthusiastisch zu Füßen liegen möchten?«

»Thäten sie das nur in Wirklichkeit, damit ich sie so mit dem Fuße von mir stoßen könnte! Woher ich die Teilnahme für Sie nehme? Ich weiß es eigentlich nicht; sie war da, gleich an jenem Abende, wo Sie sich unser annahmen, und auch die kleine Blanda, die eigentlich gar nichts gern hatte, dachte und sprach oft von Ihnen.«

»Ach ja, das kleine blasse Mädchen, nach ihm wollte ich schon vorhin fragen. Wo ist es geblieben? Ueberhaupt, wo sind alle die Leute hingekommen, mit denen Sie damals waren?«

»Sie ziehen in der Welt umher, rast- und ruhelos, wie sie es ihr ganzes Leben gethan und auch wohl thun werden, bis sie ihre Augen schließen unter irgend einem flimmernden Sterne; nur Blanda ist nicht mehr bei ihnen, und als sie uns der Krankheit ihrer Mutter wegen verließ...«

»Sie blieb, wie ich hörte, damals auf dem Schlosse des Grafen Seefeld zurück.«

»Ja – weil die Mutter zu krank, zu schwach war, um uns folgen zu können – so sagte sie wenigstens – wogegen ich überzeugt bin, daß sie mit Freuden die Gelegenheit ergriff, um sich von uns zu trennen. Auch die kleine Blanda,« fuhr die Esmeralda nach einer Pause des Nachsinnens fort, »paßte so gar nicht zu uns, wenigstens nicht zu den meisten, schloß sie sich doch an niemand an als an mich.« »Was ich begreiflich finde,« sagte Erich lächelnd, »denn sie wußte es ja wohl, daß Sie sie lieb hatten.«

»Findest du das wirklich begreiflich, meine kleine Puppe?« rief die Esmeralda mit einem herzlichen Lachen. »Nun, so wirst du dich auch zu mir hingezogen fühlen, denn du weißt ja, daß ich dich auch gut leiden mag – verstehe mich recht – gut leiden mag – vielleicht gerade so wie die Blanda, wenn auch ein klein bißchen anders – und nun frage weiter, denn du wolltest etwas fragen, ich sah das in deinem Schelmenauge – da, mache dir's bequem und lehne dich nur in die Kissen zurück So ist's recht, meine Puppe! Soll ich den Teppich über dich decken, wie ich es bei Blanda that, wenn es sie fror?«

»Mich friert aber durchaus gar nicht; es ist hier so behaglich warm, und wie angenehm das Feuer dort im Kamine lodert!«

»Ja, ich habe das gern,« erwiderte sie, ihre leuchtenden Blicke in die Glut versenkend; »es erinnert mich an so manches, weshalb ich auch die Fensterläden dort nicht schließe. Könnte man nicht glauben,« fuhr sie, die Augen erhebend, fort, »wenn man da droben, wie jetzt eben, Sterne flimmern sieht und drunten das lodernde Feuer, man befände sich auf weiter Heide – wo es auch zuweilen sehr, sehr schön war? Was wollten Sie vorhin fragen? Ah, nach der Blanda, für welche Sie sich denn noch mehr interessieren wie für mich. Ich las das damals in Ihren Blicken und auch noch manches andere. Was sagte ich doch vorhin? Ja richtig, sie gehörte nicht zu uns, und das sah jeder auf den ersten Anblick. Man brauchte nur ihr prächtiges blondes Haar zu betrachten, von einem Glanze, wie Silber und Gold gemischt. Das war es auch hauptsächlich, sowie ihr vornehm verschlossenes Wesen, was den Szandor bewog, sie bei uns aufzunehmen. Wir trafen sie in einem kleinen Städtchen, gerade als ihr Vater, wenigstens schien er der Mann jener kranken Frau zu sein, in einer Scheune gestorben war. Er reiste und machte seine Kunststücke mit sechs vorzüglichen weißen Pudeln; doch wußte nach seinem Tode niemand mehr etwas mit diesen Tieren anzufangen; sie schienen alle Dressur verlernt zu haben, weshalb sie Szandor mit Einwilligung der Frau verkaufte, und dann zogen die beiden mit uns. Die Kleine machte gute Einnahmen und war gern gesehen; ich glaube aber, mehr ihrer eigentümlichen Erscheinung als ihrer Kunststücke wegen. – Nicht wahr,« wandte sie sich rasch mit der Frage an Erich, »man vergißt sie nicht leicht, wenn man sie einmal gesehen, die Kleine? Ja, man erinnert sich ihrer gern, und es war ein seltsames, stolzes, verschlossenes und doch wieder so anhängliches Herz in dem kleinen Mädchen – anhänglich an mich, ja, an alle, auch an Szandor, der den klugen Einfall hatte, später einmal aus ihr eine Herzogin des Stammes zu machen – später, ja später,« fuhr sie fort, nachdem sie ein paar Sekunden lang mit düsteren Blicken vor sich niedergeschaut, »später – später, nachdem ich beseitigt war.«

»Und wer konnte wohl daran denken, Sie, die Esmeralda, zu beseitigen,« sagte Erich, indem er seine Hand auf die ihrige legte, um sie aus dem finsteren Dahinstarren aufzuwecken.

Doch zog sie ihre Hand heftig zurück, während sie ausrief: »Nennen Sie diesen Namen nicht, er ist mir verhaßt wie der, welcher ihn zum erstenmal gegen mich gebrauchte, jener häßliche Mensch mit dem bösen Blicke, der sich unterstand, mich damals mit seinem kalten Golde zu beschmutzen, damals, als ich wehrlos, schutzlos vor ihm stand – ich hasse diesen Menschen, der es nicht unterläßt, mich zu verfolgen; ja, ich hasse ihn,« wiederholte sie mit einem dämonischen Aufblitzen ihrer Augen, »und zuweilen, wenn ich im Cirkus im Begriffe bin, meinen Lasso zu schleudern, und ihn dastehen sehe mit vorgestrecktem Halse und den heißen, widerlichen Augen, da hat schon öfter in meinen Fingern die Begierde gezuckt, den Strick um seinen Hals zu schleudern und ihn zuzuziehen, fest, fest, recht fest– so!«

Sie machte eine zuckende Bewegung mit den Händen, und dann schnellte sie vom Sofa empor, machte ein paar rasche Schritte durch das Zimmer, worauf sie an den Kamin hintrat, dort die lodernden Holzstücke mit dem Schüreisen zusammenstieß, um alsdann wieder auf ihren vorigen Sitz zurückzukehren. »Meine Puppe,« sagte sie alsdann schmeichelnd, »kehre dich nicht daran, wenn ich zuweilen einmal heftig aufspringe, das liegt

im Blute; ich bin kein Wolf, ich beiße auch nicht, wenn ich auch scharfe Zähne habe. Apropos! wenn du mich morgen besuchst – ah, du kannst mich doch morgen und jeden Tag, solange wir hier sind, besuchen?« fragte sie mit einem Ernste, als ob es sich um etwas ganz absonderlich Wichtiges handle.

Erich lächelte eigentümlich, was ganz seiner Lage angemessen, wie jemand mit der Aussicht auf drei Tage bei dem heiligen Augustin lächeln muß; auch nickte er mit dem Kopfe und warf eine Frage ein, um dadurch die Wiederholung der ihrigen abzuschneiden.

»Sie sagten vorhin, man hätte die kleine Blanda zur Herzogin des Stammes machen wollen, nachdem Sie beseitigt gewesen; wie war das zu verstehen?«

»Das ist sehr einfach. Man wollte mich verheiraten, und das wollte ich nun gerade nicht. Dann verließ uns die Blanda, wie schon gesagt, und das alles gab eine solche Leere und ein solches Gefühl der Mißstimmung in meinem Herzen, daß ich mich auf ein paar Jahre von Szandor beurlaubte.«

»Und man ließ Sie ziehen? Das wundert mich.«

»Man kann eine Herzogin des Stammes nicht halten,« sagte das schöne Mädchen mit Hoheit und Würde; »ich hatte das Recht, von ihnen mitzunehmen, was mir gefiel, und ich nahm nichts als den alten Marechal, den Sie drunten gesehen, und mein eigenes Pferd, das ich aufgezogen und gelehrt. Es war auch etwas Hochmut und Stolz dabei,« fuhr sie lächelnd fort; »denn ich sah jene Mädchen und Weiber des Reitercirkus in ihren unechten und flitterhaften Kleidern, ich, hörte, wie sie mit Beifall überschüttet wurden und wie sich manche von ihnen Künstlerinnen nennen liehen, die mit Aufbietung aller ihrer Kraft und Gewandtheit nicht den hundertsten Teil von dem zu leisten imstande sind, was ich spielend betrieb. War es mir doch von Kindheit auf ein Leichtes, auf einem ungesattelten Pferde stehend über die Fläche dahinzujagen, und Spielerei, das auf einer wohlgeebneten runden Bahn zu thun. Sie sagten freilich, ich könne nur das einzige, allerdings Schwierige, das Werfen des Lassos; nachdem ich ihnen aber gezeigt, daß ich alle ihre Kunststücke nachmachen könne, wenn ich nur wolle, die gewandtesten Männer unter ihnen aber nicht imstande waren, auf dem Pferde stehend auch nur einen Hund mit dem Lasso zu fangen, da hatte ich gewonnenes Spiel und bin überall, wo ich mich sehen lasse, die Erste, die Gefeierte. Schön bin ich auch, das weiß ich, und hier so gestählt und fest verschlossen,« lachte sie, indem sie ihre Hand auf das Herz drückte, »daß ich mit der gleichen Sicherheit und ohne alle Gefahr meinen Lasso ebensogut, wie nach Pferdeköpfen, nach Männerherzen werfen könnte, wenn ich wollte – aber ich will nicht. So, meine kleine Puppe, jetzt weißt du alles, und jetzt höre auch noch, daß es mir ein unbeschreibliches Vergnügen macht, mit dir so zu plaudern, wie ich's früher mit meiner lieben Blanda gethan, die mich aber häufig dabei mit ihren großen schönen Augen recht unverständlich anblickte. Du scheinst mich aber schon ein bißchen besser zu verstehen – halt –darauf will ich keine Antwort, will vielmehr von dir wissen, wie du eigentlich in dieses Kleid der Knechtschaft hineinkamst; sage mir das langsam und ausführlich.«

Darauf erzählte nun Erich von seiner Kindheit, von seinem Vater, der ebenfalls Soldat gewesen, dann von seinem Aufenthalte in Zwingenberg; auch verschwieg er ihr in einem kleinen Anfluge von Eitelkeit die Geschichte mit Selma nicht, worüber sie kopfnickend sagte:

»Es sind das arme Geschöpfe, diese Mädchen mit heißen Herzen und ohne die glückliche Gabe der Zurückhaltung. Nimm dich vor dieser Selma in acht, wenn du ihr wieder begegnen solltest.«

Als er nun weiter erzählte von jenem Manövertage und seiner ersten Begegnung mit dem jungen Grafen Seefeld, wie dieser ihn einen Spion geheißen und mit Schlägen bedroht, da glänzte ihr Auge und sie sagte, tief aufatmend:

»So hat er auch Sie beschimpft, wie er mir gethan, und damals schon stand es in den Sternen geschrieben, daß wir, die beiden Wehrlosen, uns zusammenfinden würden zu gegenseitigem Schutze. Darauf gib mir die Hand, meine kleine Puppe!«

Alsdann berichtete Erich weiter, wie er mit großer Begeisterung in die Brigadeschule getreten, daß aber diese Begeisterung nicht mehr ganz die gleiche sei wie vor fast zwei Jahren, als er eintrat, daß er jedoch alles hoffe vom wirklichen aktiven Dienste, wenn er nach beendigter Zeit hier, vielleicht später im Kriege, mit seinem Geschütze gegen den Feind wirken könne.

Begreiflicherweise kam er dann auch auf die Erlebnisse der letzten Tage zu sprechen, auf seinen dreitägigen Arrest, sowie auf den glücklichen Zufall, der ihn sowohl von seiner Stube als auch von dem Kloster des heiligen Augustin ausgeschlossen und ihn am Eingange so freundlich in die Hände des alten Marechal geführt.

Darüber lachte nun das schöne Mädchen laut und fröhlich und konnte nicht aufhören, sich den Unterschied auszumalen, der zwischen ihrem doch ganz behaglichen Gemache mit dem wärmenden Kaminfeuer und jenem finsteren, kalten Raume bestand, wie Erich ihn ihr beschrieben; auch malte sie sich das Erstaunen des Obersten ganz natürlich aus, wenn er erführe, daß ein Zögling der Brigadeschule, statt beim heiligen Augustin zu beten, bei der Ticzka zu Nacht speise – »denn das wollen wir sogleich thun,« setzte sie hinzu – »Bassa – würde er sagen und sich so seinen Schnurrbart streichen. Aber was geschieht nun weiter heute nacht mit Ihnen?« fragte sie nach einer kleinen Pause. »Ich thue, was ich schon früher thun wollte, und bleibe bei meinen Kameraden auf der Kasernenwachtstube bis morgen früh, wo mich mein Freund, der Bombardier Schmoller, abholt und ohne weiteres in Arrest führt; vielleicht daß sich der Aufseher doch bewegen läßt, diese Nacht mit einzurechnen.«

»Pah!« erwiderte sie, den Kopf aufwerfend, »und warum auf der garstigen Wachtstube die Nacht zubringen? Sie bleiben hier bei mir, oder vielmehr bei Marechal, wenn Sie wollen; ich habe Platz genug da, zwei bis drei leere Zimmer, und möchte nicht gern,« setzte sie schmeichelnd hinzu, »meine arme kleine Puppe auf einer trübseligen Wachtstube wissen.«

»Ich danke bestens für Ihre Güte, aber morgen nacht bin ich sicher in einem noch unangenehmeren Aufenthalte.«

»Ich werde den Gefangenenwärter bestechen oder mich mit einer Bitte an Ihren Obersten wenden.«

»Beides gleich unausführbar – nein, nein, lassen Sie mich mit dem für mich recht angenehmen Gedanken, Sie wiedergesehen zu haben, auf meine Wachtstube gehen!«

»Heute nacht unter keiner Bedingung! Wozu auch, da Sie hier so gut aufgehoben sind? Was morgen nacht geschieht, das kann ich vielleicht nicht ändern; aber jetzt lasse ich Sie nicht, es wäre mir schmerzlich, wenn Sie gingen!«

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