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Der letzte Bombardier

Friedrich Wilhelm Hackländer: Der letzte Bombardier - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Wilhelm Hackländer
titleDer letzte Bombardier
publisherGlobus Verlag G. m. b. H.
illustratorR. Haug
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid5575c784
created20070212
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Erster Band

1. Kapitel

Welches den geneigten Leser statt eines Vorwortes davon unterrichtet, was er vom Titel dieser Erzählung zu halten hat.

Es gibt Titel, welche man dem geneigten Leser zu erklären schuldig ist, wozu auch der der vorliegenden Geschichte gehört.

Nicht, als ob ich einen Augenblick in Zweifel wäre, daß jeder unter dem letzten Bombardier den letzten in einer Reihe von Bombardieren verstehen wird; aber doch muß ich hinzusetzen, daß es sich hier um den zuletzt erschaffenen sämtlicher Bombardiere der Christenheit handelt, und nicht um jenen anderen letzten, der vielleicht dadurch eine lange, glänzende Reihe schloß, daß er sich als Unteroffizier entpuppte oder vielleicht als wirklich letzter in seiner Eigenschaft als Bombardier von dem kriegerischen Himmelspförtner gern und gastlich aufgenommen wurde. Es handelt sich also um jenen letzten Bombardier, nach welchem kein weiterer mehr erschaffen wurde, sei es, daß man die Bombardiere zu gut für diese Welt hielt oder die Welt zu gut für die Bombardiere, immerhin war es aber der letzte dieser glänzenden Reihe, und welcher Reihe, ah! wenn sie vor meinem inneren Auge vorüberfliegt, diese Reihe von Jugend, Kraft und Schönheit, von Schwäche und Häßlichkeit, von bestem Wissen und von der kläglichsten Dummheit, so faßt mich beinahe ein eben solcher Schwindel, als wenn ich eine Reihe phantastischer Wolkengebilde, vom Sturmwinde gejagt, gepeitscht, nebel- und schattenhaft an mir vorüber gleichfalls in die ewige Vergessenheit ziehen sehe. Auch jene glänzend strahlende Reihe hat sich aufgelöst, und es ist nichts von ihr übrig geblieben als ein Name, ein Begriff. Ja, sie haben aufgehört, jene eigentümlichen Wesen, welche man Bombardiere nannte, nicht Unteroffizier, nicht Gemeiner, nicht Fisch, nicht Fleisch, ein Zwischengeschöpf, und deshalb wohl auch nicht fortpflanzungsfähig. Sie sind ausgestrichen aus den Listen der Armee – die Natur ist um eine Schöpfung ärmer.

Es ist also der letzte dieses zahlreichen, gewaltigen Geschlechtes, um den es sich handelt, und wie wir vorhin schon angedeutet, nicht das letzte Glied einer noch bestehenden Kette, sondern der letzte, der je geschaffen wurde, und hinter dem, was die Bombardierschaft überhaupt anbelangt, ein kalter, trockener Schlußstrich wie ein Grabstein steht. Statt uns aber einer gewiß gerechtfertigten Wehmut hinzugeben, wollen wir es versuchen, dem geneigten Leser den Titel unserer Geschichte einigermaßen zu erklären, indem wir ihm sagen, was denn eigentlich ein Bombardier war.

Mit der wissenschaftlichen Erklärung anzufangen, so besagt der Artillerie-Leitfaden, daß der Bombardier auf der untersten Stufe jener Leiter steht, welche das Unteroffiziercorps bildet, daß ihm bei der Geschützbedienung Nr. 3 zufällt, das Richten vermittelst der Aufsatzstange bei der Kanone und des Quadranten bei der Haubitze und dem Mörser, daß er eine Wache selbständig zu kommandieren hat, daß ihm beim Batteriebaue nach Umständen die Überwachung beim Anfertigen der Faschinen und Schanzkörbe anvertraut werden darf, und daß er beim Appell auf dem linken Flügel der Unteroffiziere vor der Front steht. Für alle diese Obliegenheiten hat er ein paar Pfennige täglicher Löhnung mehr wie der Gemeine, wird statt des traulichen »Du« mit »Sie« angeredet und gehört zu den Avancierten, weshalb er auch berechtigt ist, an dem Aermelaufschlage seines Waffenrockes eine goldene Tresse zu tragen. In den Augen des Brigadekommandanten, wenn er nach vortrefflicher Schießübung gut gelaunt war und vom Pferde herab in irgend einer Batterie oder draußen beim Kugelfange einige passende Worte sprach, war das Bombardiercorps die Pflanzschule der Artilleriewissenschaften. Schöne Keime, durch bessere Erziehung und einiges Wissen getrieben und ausgesät, um auf dem praktischen Boden des Dienstes zu kräftigen Stämmen heranzuwachsen, um das Unteroffiziercorps zu jener Blüte zu bringen, die dringend notwendig ist, um dadurch der ganzen Armee ein solides Fundament zu verleihen.

Und gerade so erschienen die Bombardiere alsdann auch in den Augen des Majors und Abteilungskommandanten, der natürlich das getreue Echo des Herrn Obersten war, und daß jener noch zuletzt mit aufgehobenem Finger hinzusetzte: »Es wäre in der That eine wahre Freude, ein solches Bombardiercorps zu besitzen, wenn nicht in den Freistunden – bei allen Göttern – dies war eine Redensart, welche der Major und Abteilungskommandant stets gebrauchte – mit gewissen Dingen so viel Unfug getrieben würde. Sie werden mich verstehen, ohne daß ich gerade nötig habe, von der Mißachtung des Zapfenstreichs zu reden, vom ungehörigen Anzuge, wozu ich bei allen Göttern besonders Vatermörder rechne, und weiße Westen – pfui Teufel!«

In den Augen des betreffenden Hauptmanns und Batteriechefs erschienen wir aber leider ganz anders, als uns die gute Laune des Brigadekommandanten bezeichnet. Ich sehe ihn alsdann immer noch vor der Front auf und ab rennen, die Hände auf dem Rücken, mit einer heftigen Wendung des Kopfes bald nach rechts, bald nach links, als wollte er etwas Unsichtbares beißen, wobei man deutlich das Klappern seiner falschen Zähne hörte, und sehe ihn alsdann vor uns hintreten, uns kopfnickend von oben bis unten messend, ehe er anfing: »Nun, das muß ich gestehen, ich hoffe nicht, daß einer von euch so vernagelt ist, um das Lob, welches der Herr Oberst in seiner unbegreiflichen Güte über das Bombardiercorps ausgoß, speziell auf euch zu beziehen; ist aber jemand unter euch, der in der That glaubt, eines solch hohen Wohlgefallens würdig zu sein, der trete vor, damit ich ihm sage, daß ich auf Gottes weiter Welt nichts Nichtsnutzigeres kenne, nichts Schlapperes in und außer dem Dienste, nichts Fauleres und Unwissenderes, nichts zu unverzeihlichen Streichen Aufgelegteres, als die Bombardiere, die ich in meiner Batterie zu kommandieren das Glück habe. Herr–r–r–r Bombardier Schmetterer, ich bemerke auf Ihrer Physiognomie ein aufsteigendes Lächeln und will Ihnen nur sagen, daß, wenn dieses Lächeln zum Ausbruch kommt, ich Sie drei Tage aufs Holz schicke, Herr–r–r–r, Ihnen soll das grüne Gewitter auf den Kopf fahren!«

In den Augen des ersten Lieutenants waren wir eine unverbesserliche Schwefelbande.

In den Augen des zweiten Lieutenants, eines dicken, alten, schlagflußfähigen Offiziers, dessen Züge vom Tiefrot ins Bläuliche übergingen, so oft er sein Pferd bestieg oder den Säbel zog, ja, überhaupt bei der geringsten Anstrengung, waren wir ebenso viele Nägel zu seinem Sarge.

In den drei Augen des dritten Lieutenants – er trug nämlich beständig ein eingeklemmtes Glas –, eines jungen Barons, der bei der Garde gedient hatte, existierten wir gar nicht, was uns insofern am meisten verdroß, weil er sich häufig die Miene gab, einen Bombardier vom gewöhnlichen Kanonier nicht unterscheiden zu können.

Für den Oberfeuerwerker, besonders wenn wir im Laboratorium zu arbeiten hatten, waren wir nichts weiter als der einschlagende Blitz oder als vorsätzliche Brandstiftung.

Der Feuerwerker, welcher die Haubitze kommandierte, bei der zuweilen acht Bombardiere die Bedienungsmannschaft bildeten, sprach sich häufig dahin aus, daß es hart sei für einen Unteroffizier wie er, welcher tadellos gedient habe, durch die niederträchtigste Geschützbemannung zur auffallendsten Blamage verurteilt zu sein. »Aber das verspreche ich euch,« setzte er hinzu, »das schwöre ich euch – bei – bei – nun bei irgend etwas, das ich nicht aussprechen mag, weil ihr doch keinen richtigen Begriff davon habt, fällt wieder, wie gewöhnlich, eine Hauptschweinerei vor, so ruhe ich nicht eher, bis der Hauptmann Standrecht verfügt.«

Was nun den Unteroffizier unserer Korporalschaft anbelangte, so war dies ein schon bejahrter Mann, der sehr leise sprach und dabei tief zu seufzen pflegte, wozu er auch einige Ursache hatte. Zum Avancement eingetreten, würde er es vielleicht auch zu den Epauletten gebracht haben, wenn er das Trinken hätte lassen können; so aber verharrte er, trotz sonstiger vortrefflicher Eigenschaften, bei der Wein-, später bei der Schnapsflasche und blieb ewiger Unteroffizier. Statt zu fluchen oder grobe Redensarten anzuwenden, benutzte er seltsame Gleichnisse oder sein sollende Wendungen, um uns seinen Unwillen zu erkennen zu geben, wobei er gewöhnlich bei Erschaffung der Welt anfing und uns bewies, daß jedes Geschöpf Gottes zu etwas nütze und zu gebrauchen sei. Wir hassen die Fliegen, sprach er seufzend, und den gemeinen Mistkäfer; auch die Kröten sind uns widerwärtig, und manchen Menschen die Maulwürfe. Aber alle diese Wesen haben die Berechtigung, da zu sein, ja, alles, was kreucht und fleucht, ist nach reiflicher Ueberlegung geschaffen, ein einziges Wesen ausgenommen – der Bombardier. Wozu nutzt er? Zu gar nichts. Was thut er Gutes? Nicht das Geringste aus eigenem Antriebe. Ist er pünktlich im Dienste? Ja, nur wenn moralisch die Karbatsche über ihm schwebt. Er ist gefräßig, aber ohne Nutzen, wie der Maikäfer, er ist faul, unordentlich, hinterlistig, boshaft, und wenn man sogar mit Wohlwollen irgend eine gute Eigenschaft an ihm sucht, so wird man doch keine finden, ja, man wird auf die gotteslästerliche Idee kommen, daß der Schöpfer bei Erschaffung des Bombardiers einen unverzeihlichen Fehler begangen hat.

Für den Capitaine d'armes, das ist der Unteroffizier, der Monturen und Waffen unter sich hat, waren die Bombardiere schlimmer als Rostflecken und Schaben. Denn die letzteren harmlosen Tiere, wie er sagte, gehen doch nur ihrem Lebensunterhalte nach und ruinieren weder Monturen noch Mäntel aus Mutwillen, sind auch mit einem schmierigen Lappen zufrieden, während die Bombardiere immer geputzt sein wollen wie die Affen und den Paraderock gerade so gut und so schlecht behandeln wie die Montierung Nr. 4.

Der Kanonier allein fühlte einige Sympathie für uns, denn auch er hatte immer noch die Hoffnung, unseresgleichen zu werden, und bewegte sich beim Exerzieren, besonders aber bei Batterie- und Schanzenarbeiten, behaglicher unter dem milden und nachsichtigen Kommando eines jungen, lebenslustigen, ja auch wohl leichtsinnigen Bombardiers, als unter dem strengen Ernste eines griesgrämigen, diensteifrigen Unteroffiziers. Um nun dieser tiefschattierten Schilderung einige gerechte Lichter aufzusetzen, so muß ich hinzufügen, daß, was in derselben von dem Bombardiercorps im allgemeinen gesagt wurde, allerdings für den Wert des Einzelnen nicht maßgebend war, daß aus demselben die bravsten Unteroffiziere, die tüchtigsten Offiziere hervorgegangen sind, brauchbar im Frieden, tapfer im Kriege, und daß ich selbst die Ehre gehabt, demselben anzugehören.

Es war in diesem Corps eine eigene Zusammenstellung; was von Freiwilligen in der Hoffnung eintrat, später Offizier zu werden – und darunter war recht viel leichtes Tuch –, brachte in den meisten Fällen eine genügende Schulbildung mit, um rasch das Bombardierexamen machen zu können, war auch intelligent genug, um mit dem Eifer, den jeder anfänglich besitzt, auf dem Exerzierplatze, beim Unterrichte und im Laboratorium in kurzer Zeit brauchbar zu sein. Meistens waren es auch wohlgewachsene, gesunde, mitunter hübsche junge Leute aus guten Familien, welche Eigenschaften dazu beitrugen, ihnen das erste Avancement, und zwar zum Vizebombardier, so leicht wie möglich zu machen.

Die Bombardiere erleichterten in vielen Beziehungen den Dienst der Unteroffiziere, waren bei den Schießübungen gut zu gebrauchen, und für manche, die zeichnen konnten und mathematische Vorkenntnisse mitbrachten, war es ein Leichtes, Batterien aufzustecken und Schanzen zu bauen; dagegen konnte man sich aber nicht darüber verwundern, daß diese zahlreichen jungen Leute, welche mit der allerdings nicht immer begründeten Hoffnung eintraten, in kurzem die Brigade- und die Kriegsschule besuchen zu dürfen und Fähnrich oder Offizier zu werden, nachdem sie Jahr um Jahr Bombardier blieben und sich die Aussicht auf die Zukunft immer mehr verfinsterte, endlich erlahmten, keine Freude mehr am Dienste, desto mehr aber an möglichst ungebundenem Leben hatten und sonach allerdings das Aergernis ihrer Vorgesetzten wurden.

Hatten wir doch bei unserer Batterie achtzehn Freiwillige, welche nach und nach Bombardiere wurden, ohne daß ein einziger von ihnen zu den Epauletten gelangte! Aber trotz alledem sind bedeutende Männer aus ihnen hervorgegangen: Kaufleute und Fabrikanten, Aerzte und Schriftsteller, abgesehen von dem Erzähler dieser Geschichte, der häufig ein sehr reines Gewissen nur affektierte, wenn der Batteriechef die Absicht kundgab, nächstens unter uns treten zu wollen und fürchterliche Musterung zu halten.

Ja, es sind große Männer aus diesen Bombardieren hervorgegangen, wovon mir glänzende Beispiele bekannt sind, während mir wahrscheinlich noch glänzendere unbekannt geblieben: große Künstler und bedeutende Schriftsteller, Doktoren der Rechten und der Linken, in politischer Hinsicht nämlich, der Medizin und der Philosophie, Konsuln großer Souveräne und mächtiger Republiken. Wie oft schon traf ich auf meinem Lebenswege gediegene Persönlichkeiten, Leute in Amt und Würden, die sich nach kurzem Gespräche durch gewisse geheimnisvolle Zeichen, wie bei der Freimaurerei, als ehemalige Bombardiere entpuppten! So erinnere ich mich speziell eines Falles, wo mir eine ansehnliche und angesehene Persönlichkeit, der Oberingenieur einer deutschen Eisenbahn, mit dem gewissen fuimus Troes entgegentrat und mich lachend daran erinnerte, daß ich ihn, der damals als ein blutjunger Mensch freiwillig eintrat, zum Waschen der Kasernenfenster kommandiert habe. – O, glückliche Vergangenheit dieser ersten Dienstjahre, wo wir nicht nur Stall und Pferde putzten, sondern auch Stubenboden und Kasernenfenster, um das praktisch selbst zu betreiben, wozu wir später in den Fall kamen, andere zu kommandieren!

Wenn auch nun, wie oben des näheren auseinandergesetzt, mancher Batteriechef seine Bombardiere mit scheelem Auge betrachtete und mancher strenge, diensteifrige Unteroffizier im stillen seufzte, wenn ihm ein halbes Dutzend dieser Offizierspflanzen zur Munitionsanfertigung oder vielleicht auch zur Beaufsichtigung des Kugelfanges zugeteilt wurde, so gab es dagegen auch wieder andere Kreise der menschlichen Gesellschaft, wo unser Name einen besseren Klang hatte; so bei der Mutter unserer Batterie, der Frau des ältesten Feuerwerkers, welche in der Kaserne einer besonderen Restauration vorstand und die uns bei kleinen Manövern und besonders bei großen Schießübungen mit Wurst und Brot, sowie mit Rum oder altem Fruchtbranntwein, namentlich aber mit einem längeren Kredit thatkräftig zu Hilfe kam. Wieviel an Verzugszinsen wir ihr für ihre Gefälligkeit zu entrichten hatten, bin ich nicht genau anzugeben imstande, und nahm man diese Abrechnungen gegenseitig nicht so genau, das heißt von ihrer Seite in betreff der längeren Borgfrist und von unserer Seite in betreff der zu entrichtenden Summe. Kam die glückselige Zeit eines mit Geld beschwerten Briefes, so war der erste Gang zu Madame Wendler, worauf sie ihre alte Bibel hervorsuchte und so lange darin blätterte, bis das Conto des Betreffenden herausfiel und man alsdann mit traurigem Gefühle einsah, daß man in Summa um so und so viel Thaler leichter geworden war, dagegen mit der Aussicht auf einen flotten und freien Verzehr während mehrerer Monate. Und daß wir damit nicht kargten, sondern uns meistens das Beste geben ließen, was die Kasernenrestauration zu leisten vermochte, hielt uns in gehörigem Ansehen bei der Frau des Feuerwerkers. Ja, wir waren gewissermaßen ihre liebsten Gäste, und wenn in ihrem beschränkten Lokale sonst kein Platz mehr zu finden war, so räumte sie uns gutwillig ihr Bett ein, um das als Sofa zu benutzen.

Was nun die Einwohnerschaft der Stadt, besonders den weiblichen Teil derselben, anbetraf, so waren wir für diese durchaus nicht das verabscheuungswürdige Corps wie intra muros, sondern galten für eine Gesellschaft lustiger junger Leute von anständigen Familien, jeder mit Anwartschaft, um Offizier zu werden, so bald es ihm gefällig war, voller Talente, welche auch jeder von uns, so gut er konnte, entwickelte. Jener war ein guter Tänzer, dieser wußte auf angeborgtem Pferde seine angenehme Fensterparade zu machen, ein dritter malte kleine Porträte, ein vierter spielte zum Entzücken Guitarre, und was das Bombardiercorps als solches anbelangt, so hatte es stets ein mehr oder minder gutes Gesangquartett, und wenn wir in einer schönen Nacht vor dem Fenster irgend welcher schönen Schlosserstochter mit Brummstimmenbegleitung sangen:

Ich hör' meinen Schatz,
Den Hammer er schwinget,
Das rauschet, das klinget,
Das dringt in die Weite
Wie Glockengeläute
Durch Gassen und Platz!

da konnten wir sicher sein, als würdige Repräsentation des Bombardiercorps erkannt zu werden. Doch brauchten wir auch das Licht des Tages nicht zu scheuen, viel mehr aber das Auge unseres Kapitäns oder des ersten Lieutenants, wenn wir in unseren Freistunden auszogen, in einem so verbotenen Anzuge, als nur möglich: vom Waffenrocke nur den obersten Knopf geschlossen, unten eine weiße Weste sehen lassend, einen weißen Kragen über der schwarzen Halsbinde, um die Hüfte eine lackierte Offizierssäbelkoppel, die feine Mütze so dienstwidrig als möglich ausgeführt und so keck als thunlich auf den Kopf gesetzt; zum Ueberflusse als Verbotenstes noch eine Reitpeitsche in der Hand schwingend, aber gerade durch alles dies das ganze Ideal eines flotten Bombardiers.

Und nach alledem – trotz alledem – es gibt keine Bombardiere mehr. Sie haben geendigt, ihr Name ist für das wirkliche Leben erloschen. Möglicherweise wird noch in einer alten Verrechnungstabelle diese Charge jahrelang fortgeführt, aber mit einem kalten Striche dahinter, zum Zeichen, daß sie aus der Reihe der Lebenden ausgestrichen ist. Vielleicht hängen auch noch hie und da im dunkeln Winkel einer staubigen Montierungskammer die Ueberreste einer Bombardieruniform. Ah, wenn sie erzählen könnte! Sie wäre vielleicht imstande, unser Buch zu bereichern; doch so wird sie still für sich fortträumen, um später zwischen den rohen Fäusten ausklopfender Kanoniere und stillem Mottenfraß in ein besseres Jenseits hinüberzuschlummern.

Es ist also der letzte Bombardier, geneigter Leser, von dem diese Blätter handeln sollen; ja, es hat einen letzten gegeben, doch war es nicht leicht, ihn herauszufinden und genügend festzustellen, daß gerade dieser der letzte war. Nur ein Zusammentreffen eigentümlich günstiger Umstände ließ uns ihn auffinden, wobei wir es als ein Glück betrachten mußten, daß auch sein ferneres Leben interessant genug war, um es in diesen Blättern niederzuschreiben.

Für Leute, die auf Aehnlichkeiten erpicht sind – es gibt solche unglückliche Wesen, die das Gesicht jedes Fremden, der ihnen begegnet, allsogleich lächerlich ähnlich finden mit den Physiognomien ihrer Bekannten, des Herrn Müller oder des Herrn Maier, die jeden Ton in einer neuen Oper schon in einer älteren gehört haben, die ein Buch achselzuckend bei Seite legen, weil sein Titel beinahe gerade so, wie sie ihn irgendwo gelesen haben –, für solche muß ich die feierliche Erklärung abgeben, daß der letzte Mohikaner des großen amerikanischen Schriftstellers mit dem letzten Bombardier auch nicht die entfernteste Aehnlichkeit hat; spielte doch jener auf der damals noch ziemlich jungfräulichen Erde der Neuen Welt, auf der Prärie und dem Urwalde, während wir uns leider mit dem überkultivierten Boden unseres sehr civilisierten Deutschlands begnügen müssen.

Wo die Geschichte spielt, errät nicht einmal der Verleger; wir sind es dem Leser und uns selbst schuldig, dies aufs ängstlichste zu verschweigen, um edeln Charakteren, deren in unserem Buche haufenweise vorkommen werden, nicht die Nöte tugendhafter Scham über zu frühes Erkanntwerden auf die Wangen zu jagen, sowie um das Zartgefühl schlechter Kerle, an denen es auch nicht fehlt, in der Hoffnung auf ihre schließliche Besserung nicht zu sehr zu verletzen.

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