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Der Leiermann

Johann Gabriel Seidl: Der Leiermann - Kapitel 1
Quellenangabe
titleDer Leiermann
typenarrative
authorSeidl
booktitleÖsterreichische Erzählungen des 19. Jahrhunderts
publisherAlois Brandstetter
year1986
senderharald_aichmayr@netway.at
copyright(c) 1986 Residenz Verlag, Salzburg und Wien
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Johann Gabriel Seidl

Der Leiermann

Es pflegt sich nun einmal manches schon
So seltsam zu gestalten;
Und wären wir nicht so prosaisch kalt,
Wir müßten’s für Märchen halten.

Wer die sogenannte Trinkkuranstalt auf dem Wasserglacis in Wien gleich bei ihrem Entstehen besucht hat, dürfte sich wohl eines Leiermannes erinnern, welcher da, wo sich die Alleen kreuzen, seinen Leierkasten aufgestellt hatte und in den Nachmittagsstunden nicht ohne Zuspruch blieb. Um diese Zeit nämlich, wo sich ein großer Teil der Kinder Wiens mit ihren Ammen, Kindsweibern, Gouvernanten, Hofmeistern und Eltern einfindet, um bei sinkendem Abend der vornehmen Welt den Platz zu räumen, pflegte sich auch damals ein ziemlich belebter Kreis um den Spielmann zu bilden, der dem stillen Beobachter keine uninteressante Gruppe darbot.

In der Mitte stand der Spielmann, ein bärtiger Invalide mit buschigen Augenbrauen, unter welchen ein widerlich lächelndes Auge hervorblitzte; mit einem dichten Schnurrbarte, der halb schwarz, halb grau über die aufgeworfenen Lippen hing; in grauer Jacke, dunkelfarbiger Reithose mit weißen Seitenknöpfen und mit einem Stelzbeine, das er gewöhnlich weggeschnallt und dem Stumpfe seines Schenkels nur leicht als Stütze untergeschoben hatte. Neben ihm auf einem kleinen Feldsessel saß ein Junge mit halbverbundenem Gesichte, in einer Hand ein Tamburin, worauf er mit der andern, ebenfalls verbundenen Hand, ganz dumpf und taktlos die Melodie der Drehorgel begleitete. Diese Melodie selbst bestand aus einem alten, mühseligen Deutschen, welche das Ohr um so mehr beleidigte, da einige Pfeifchen ganz fehlten, andere verstimmt waren, andere aber nachpfiffen, und der Baß durchgehends um einen so unbedeutenden Teil eines Tones zu hoch war, daß man glaubte, man müsse ihn eine Haarbreite hinabdrücken. -»Hollah! meine großen und kleinen Herrchen und Frauchen! Belieben Sie meine kleine Tanzgesellschaft zu beachten. Der Eintritt kostet einen kleinen Kupferkreuzer, auf einem Groschen liegt keine Strafe.« - Mit dieser Einladung pflegte er das Kinderpublikum, in dessen Seele noch jeder Mißton zur Harmonie wird, herbeizulocken und zur Betrachtung seines mechanischen Theaterchens, welches den obern Teil seiner Drehorgel einnahm, aufzumuntern. Scharenweise liefen dann die Kleinen hinzu; und so kam es dann auch, daß ich selber mehr als einmal, wenn ich mit den Kindern meiner Freunde spazieren ging, was ich nicht ungern tat, hinzutrat und die verwunschene Tanzgesellschaft, wie er es nannte, mit ansah. Meine größere Lust fand ich da wohl an dem Kindergetümmel, welches rings umher lebte und webte. Hier sah ein blondlockiger Knabe mit ernsteren Mienen dem kleinen Schauspiele zu, als mancher Hochgebildete, der ein Shakespearesches Stück eben langweilig genug findet, um die Hälfte des Dialogs zu überhören. Dort spiegelte ein kleines Pärchen, das gerade seine erste Bekanntschaft angeknüpft hatte, eine hochromantische Szene seiner künftigen Lebenszeit im kleinen; dort äußerte sich der Trieb der Ehrsucht in einem Kinde, das am Stelzfuße des Leiermannes der Orgel noch nicht nahe genug zu sein wähnte; dort spielte ein kleiner Phlegmatiker mit einem Hunde, der den kleinen krüppelhaften Tamburinschläger beschnupperte, -kurz, wohin mein Auge fiel, sah es eine belebte Mosaik; sah es, wie durch ein verkehrtes Perspektiv, das Menschenleben in seinen schärfsten Umrissen, wenngleich winzig und zwerghaft.

Dessenungeachtet hielt mich die Beobachtung dieser großen kleinen Gesellschaft nicht ab, auch manchmal der kleinem kleinen Gesellschaft meine Aufmerksamkeit zu schenken, welche sich im Oberteile des Leierkastens selbst, nach dem Takte der taktlosen Melodie bewegte. Dieser Oberteil stellte nämlich das Innere einer Schenke dar, die eben nicht nach dem Originale eines Gasthofes erster Größe entworfen schien.

Knapp an der Türe war ein kleiner Verschlag, in welchem der Wirt stand, das Getränk ausschenkend, und den Gästen auflauernd, umjeden neuen Trunk mit einem Kreidestrich zu bezeichnen. In der andern Ecke hing ein altes Bild, mit grellem Rot und Blau auf Silbergrund gemalt. Darunter stand ein eichener Schiebtisch, über welchem, mit Blumen bekränzt, das Zeichen einer Handwerkszunft hing. Seitwärts in der Vertiefung des hoch oben angebrachten Fensters saßen zwei Musikanten, der eine die Klarinette, der andere den Brummbaß spielend. Im Vordergrunde aber drehten sich nach dem Takte der Orgelmelodie, welche für eine rege Kinderphantasie deutlich genug von den beiden Musikanten auszugehen schien, zwei Tänzerpaare ziemlich langsam. Erst in der Wendung, wo der Draht sich an der Fuge des Bodens fing, kamen sie durch einen gewaltsamen Riß in regere Bewegung. Das eine dieser Tänzerpaare bestand aus einer wohlbeleibten Frau, der Wirtin, und einem winddürren Grundwächter, welcher selbst im Tanze sich nicht herabließ, die Insignien seiner Würde, den Stock und den Tressenhut, abzulegen. Das andere Paar bildeten ein junger Bursche ohne Rock, das Halstuch ganz symbolisch locker um den Hals geschlungen, und eine alte Krämerin mit spitzem Kinn und behaglich zugedrückten Augen. Unter den Musikanten aber stand eine erhitzte Dirne, wahrscheinlich ausruhend vom Tanze, jedoch so aufgeregt, daß sie mit offenem Munde die Tanzweise mitzulallen schien. Ein Holzkreuz, welches mit zwei Kerzen besteckt über die Tanzenden herabhing, erleuchtete die Szene.

Sämtliche Figuren waren so charakteristisch und bis in die feinsten Nüancen ausgearbeitet, daß man sie wirklich Meisterstücke nennen und sich des Gedankens nicht erwehren konnte, wirkliche Wesen in der Vogelperspektive zu erblicken. Wenn dann noch die Stimme des Spielmannes:

»Sehen Sie meine verwunschene Tanzgesellschaft!« darein-klang, so glaubte man, die belebte Darstellung eines Hoffmannschen Märchens zu sehen und potenzierte den Eindruck sich selber zum Humor.

Längst hatte ich des Spielmannes schon vergessen. Die Veränderung eines einzigen Verhältnisses bewirkt oft in einer großen Stadt, daß man Plätze, worauf man sich durch geraume Zeit täglich, ja stündlich herumtummelte, durch Monate wieder gar nicht berührt; so ging es auch mir. Ein Lichtpunkt meines Lebens, der mich sonst aufs Wasserglacis in Begleitung einiger Kinder heraustrieb, hatte nun seinen Stand verändert und mich in die Notwendigkeit versetzt, fast allabendlich den Weg nach einer weiten Vorstadt und allnächtlich ihn von dort zurückzunehmen.

So geschah es, daß ich oft, wenn ich mich länger verhielt, um den Weg abzukürzen, durch eine etwas abgelegene Gasse, die eine Diagonale bildete, der Stadt zuschritt, unbekümmert um die Warnungen, die man mir in Betreif einer dort befindlichen Schenke wiederholte. Nicht nur verdächtiges Gesindel sollte sich in jener Schenke umhertreiben, sondern man sprach eine Zeitlang auch sogar von der Notwendigkeit, einen eigenen Wachtposten der Türe des Wirtshauses geradeüber aufzustellen, indem allnächtlich fast bei entstandenen Schlägereien der besiegte Teil auf die Straße hinausfiöge und dann leicht durch Karambolage mit einem Vorübergehenden eine Fortsetzung des Tumultes entstände. Jedoch das alles schreckte mich nicht. Teils dachte ich nicht daran, teils hatte ich auf meine Gewandtheit und Gefaßtheit zu viel Vertrauen, um mich nicht nur zur Gegenwehr oder Flucht gleich gerüstet zu fühlen.

Später als je vorher (es mochte gegen Mitternacht sein) schritt ich einmal im Spätherbste wieder durch jene Straße. Musik in jenem Wirtshause zu hören, war ich gewohnt, aber diesmal fiel mir die Melodie so unwillkürlich auf, daß ich stehen blieb und horchte. Lange konnte ich mich, so bekannt mir auch die Töne waren, nicht deutlich entsinnen. Endlich fiel mir der Leiermann am Wasserglacis ein, und jeder Takt gab mir mehr Überzeugung. Derselbe alte mühselige Deutsche klang recht ohrenzerreißend mir entgegen, indem die Klarinette einzelne Töne fallen ließ, der Baß ganz taktwidrig pizzikierte und eine quiekende Stimme, um Haarbreite zu hoch, die Tanzweise nachsang. Seltsam überrascht näherte ich mich der Schenke und blickte auf gestreckten Zehen durch einen Spalt des Fensterladens in das schwach erleuchtete Innere. Wie unheimlich ward mir aber zumute, als folgendes Bild wie eine lebhaftere Erinnerung, gleichsam durch ein Seelenmikroskop vergrößert, vor meinen Augen sich zeigte. Ein Holzkreuz, welches mit zwei dampfenden Unschlittkerzen besteckt war, verbreitete ein unheimliches Halbdunkel. Hart an der Türe stand innerhalb eines räucherigen Gegitters der schlaftrunkene Wirt und summierte mit versagender Kreide uneinbringliche Schulden. In der Ecke, unter einem grellen Bilde, saß am Eichentische der wohlbekannte Leiermann mit seinem schlafenden Krüppel, vor sich ein Deckelglas mit schillern-dem Wein und dem geschlossenen Orgelkasten. Seitwärts aber in der Fensterhöhlung saßen die beiden Musikanten, der Klarinettist und der Brummbaßspieler und zu ihren Füßen stand eine mattgetanzte Dirne, nachsingend die Melodie des Tanzes. Im Vordergrunde walzten taktlos wohlbekannte Gestalten, die beleibte kugelförmige Wirtin mit dem winddürren Grundwächter und der junge Bursche mit dem strickartigen Halstuch am Arme des Mütterchens, das, um nicht Schwindel zu bekommen, die Augen behaglich geschlossen hatte. Kurzum, die sämtlichen Figuren, die ich im Spielkasten des Leiermannes so oft betrachtet hatte, bewegten sich, als ob sie der Drehorgel entschlüpft und in das Leben zurückgekehrt wären, vor mir; und glaubt' ich damals wirkliche Wesen in der Vogelperspektive zu sehen, so kam es mir jetzt vor, als ob sich die Gestalten eines grandiösen Orgelkastens vor meinen Augen umhertummelten. Lange stand ich wie angewurzelt, nie empfand ich das Wunderbare, Mystische des Lebens so lebhaft, nie, kann ich sagen, hatte ich ein Märchen so ganz selber durchlebt. Da schlug vom nahen Turme der Pfarr-kirche ein mächtiger Hammerstreich; eins tönte wie ein Geisterruf ins stille Meer der Nacht; ich sprang zurück, zog den Mantel straffer übers Ohr; die Musik war verstummt, und fröstelnd eilt' ich, von Bildern meiner erhitzten Phantasie verfolgt, der Stadt zu.

Als ich am nächsten Nachmittage zufällig über das Wasserglacis schritt und der Leiermann nicht mehr auf seinem gewöhnlichen Platze stand, da rundete sich erst das Märchen, das ich durchlebt hatte, zum Ganzen und ich dachte mir: wie wär' es, wenn jene verwunschene Tanzgesellschaft, wie sie der Leiermann selbst nannte, wirklich das gewesen wäre; wenn er die armen Gestalten in seinen Kasten gebannt hätte; wenn um Mitternacht der Zauber immer aufhörte, die Gesellschaft wieder ins Leben träte, der Kasten sich schlösse, die Figuren, wie eine Uhr ab-schnarrt, sich noch eine Weile forttummelten und beim Schlage eins zur Ruhe legten, um am nächsten Tage ihr gespenstiges Treiben im Orgelkasten gestärkt zu beginnen! Mit der Zeit würden dann die braven Wesen, wie alles abnimmt, abnehmen an Kraft und Beweglichkeit, immer mehr Orgelpfeifchen würden ausbleiben, der Tanz immer langsamer, immer taktloser werden, die Lichter am Holzkreuze würden erlöschen, die Schenke in der abgelegenen Gasse würde aussterben und der Leierkasten für immer sich schließen.

Zwei Jahre nach dieser seltsamen Szene sprach mich ein Mann mit einem Stelzbeine um ein Almosen an. Ich erkannte den alten Leiermaun und fragte ihn: »Ihr bettelt jetzt so? Was macht denn Eure verwunschene Tanzgesellschaft?«

»Sie ist vom Atem gekommen«, antwortete er mit grinsender Miene und humpelte ohne Dank für meine Gabe weiter.








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