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Gutenberg > Wilhelm Raabe >

Der Lar

Wilhelm Raabe: Der Lar - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Lar
authorWilhelm Raabe
year1903
publisherVerlag von Otto Janke
addressBerlin
titleDer Lar
pages1-224
created20040726
sendergerd.bouillon
firstpub1889
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»Da in die Ecke mit dem Lar, aber behutsam. Nicht anstoßen, Kohl!« sagte Regimentsarzt sowie Kreisthierarzt a. D. Schnarrwergk und sah dabei seinem Orang-Utang unfraglich ähnlicher als wie Fräulein Müller, seine jetzige Nachbarin.

»Wie als wenn Sie's selber wären,« sprach der höfliche Jüngling. »Sie sehen doch, wie ich mit dem Hausgott umgehe. Keine Motte kommt drin durch mich zu Schaden. Homo simia hominis! Bin ich nicht ganz und gar bei der Sache? Sitze ich nicht vollständig in Ihren Gefühlen?«

Der alte Herr richtete aber seine Bettstatt auf, ohne auf den jungen Laffen hinzuhören. Als er fertig war, meinte er:

»So! Da kannst Du Dich also hinsetzen und den Esel zu Grabe läuten und mir auf die Neigung des Menschen zum Stehlen Achtung geben. Halte mir Den da so lange im Auge, bis ich den Kerl von unten mit dem übrigen Ballast und Verdruß nach oben schicke. Kannst übrigens auch jetzt noch Deinen eigenen Geschäften nachgehen, wenn's Dir besser paßt, mein Sohn. Ich halte Dich nicht.«

»Aber Sie haben mich doch über die Taufe gehalten! Verlassen Sie sich möglichst lange auf meine Dankbarkeit; und einen Affen kaufe ich mir nur, den stehle ich mir nicht. Bitte, haben Sie noch einiges Vertrauen: ich gehe nicht mit dem Ihrigen durch!«

Unverständliches brummte der alte Schnarrwergk im Niedersteigen auf der Treppe.

Statt den Affen im Auge zu behalten, ging der Jüngling natürlich sofort nach drüben, das heißt über den Vorplatz zu Fräulein Müllers Thür, fand sie aber verriegelt und erhielt auf sein Anklopfen nichts weiter als erst die Frage: »Sind Sie's, Herr Kohl?« und dann die Benachrichtigung: »Augenblicklich zu sehr beschäftigt.«

»Lächerlich,« sprach der zierliche Knabe und saß nun wirklich auf dem eisernen Bettgestell, den Pithekus betrachtend: »Kramt Wäsche ein! hängt Röcke und Unterröcke an den Nagel. Na, nun kann sie aber rufen, wenn sie mich braucht!«

Es dauerte eine geraume Weile, ehe der Dienstmann des Pathen Schnarrwergk mit der ersten Ladung der irdischen Besitztümer des alten Thierarztes den obersten Stock der Nummer dreiunddreißig der Hanebuttenstraße erstieg.

Man hörte ihn aber schon weit herauf aus der Tiefe brummen, knurren und fluchen, und als er den Tisch niedersetzte, erkrachte das Haus und that der Stammvater des Menschengeschlechts einen Sprung.

»Ist das ein alter Satan! Hören Sie, junger Herr, und wenn es Ihr nächster Onkel wäre, so können Sie ihm dreist von mir bestellen – na ja, freilich, Unsereiner kann ja auch wohl mit Reden und Anspielungen aufwarten; aber bei Dem da unten hört doch Alles auf selbst für Unsereinen. Da ist ja das Vieh! Sollte man nicht meinen, das Gesichte säße noch einmal drunten auf dem Karren und dirigire wie ein Tyrann? . . . Na, Kollege, wie geht es denn bei Dir da drüben?«

»Na, leichte Arbeit. Die paar Schachteln! und das Kinderbettchen! . . . Was ich dazu thun konnte, so sind wir mit der Einrichtung fertig. Alles hübsch und reinlich an Ort und Stelle; der Bräutigam kann unsertwegen jeden Augenblick kommen. Gu'n Morgen, Kollege.«

»Nimm mich mit die Treppe hinunter. Wir sind noch lange nicht fertig, mein Kliente und ich. Und 'nen Bräutigam brauchste uns auch nicht zu schicken; aber wenn Du 'nem Polizeidiener begegnen solltest, so avisire ihn doch, er möge sich ein bißchen in der Hanebuttenstraße in der Nähe von Numero dreiunddreißig aufhalten. Vielleicht gäbe es noch eine Gelegenheit für ihn, sich nützlich zu machen und Mord und Todtschlag zu verhüten.«

Drüben, oder vielmehr nebenan, wurden zum ersten Mal in der neuen Wohnung einige Akkorde angeschlagen; und der Jüngling stand wieder draußen und ließ den Affen Affen sein und fragte wieder an Fräulein Rosines Thür:

»Darf man denn jetzt den ersten nachbarschaftlichen Besuch abstatten, Fräulein Müller?«

»Nachbarschaftlichen Besuch?« klang es zurück. »Sie gehören doch nicht ins Haus. Nun, warten Sie! Hier haben Sie gar nichts zu suchen; aber in ein paar Minuten werde ich mich drüben einmal bei Ih– bei meinem jetzigen Herrn Nachbar, beim Herrn Thierarzt Schnarrwergk umsehen.«

Der Packträger kam eben wieder mit einer Last Lebensgepäck des alten Schnarrwergk die Treppe herausgestolpert, warf sie ab und bestellte:

»Passirte seinem Apothekikus was –«

»Pithekus.«

»Meinswegen. Passirte seinem Pithekus was, läßt er Ihnen sagen, so wüßte er nicht, was er thäte. Sie möchten vor allen Dingen keine Frauenzimmer dran lassen. Drunten im Hause hätte er schon die ganze Weiberschande um sein Naturalienkabinet,« sagte der Mann. Vertraulich erklärend setzte er hinzu:

»Er hat nämlich seine übrigen Mißgeburten und Gerippe der heutigen veränderlichen Witterung wegen vorerst im Hausflur aufgestellt. Die Scheusäler will er selber herauftragen. Ich bringe nur noch Kleiderstock und Stuhl, die paar Kledagen und was sonst zu so 'nem alten Junggesellen gehört.«

»Darf man jetzt hereinsehen?« fragte Fräulein Rosine, ihr Näschen um den Thürpfosten schiebend. »Jesus, welche Wirtschaft! Gott, welch ein häßliches Thier! Aber nein, eigentlich ist er doch gar so übel nicht. So komisch, wenn man sich erst ein bißchen an ihn gewöhnt hat. Bitte, lassen Sie mich ihn mal streicheln. Du bist ja ein ganz reizendes Thierchen, ein ganz allerliebster Kerl; – und jetzt, Warnefried – Herr Kohl, wenn Sie jetzt so gut sein wollten. Ich habe noch ein paar Nägel einzuschlagen und eine Kommode zu rücken und könnte Sie wirklich für einen Augenblick nützlich verwenden.«

»Für einen Augenblick? Das Leben für den Zaren!« grinste der höfliche Jüngling. »'s ist ja schon ein indogermanisches Sprichwort, Fräulein, daß ein langer Kerl eine halbe Leiter im Hause ist. Verbrauchen Sie ruhig den ganzen Esel, Fräulein Müller. . . . Hier sind wir also – nein, das ist aber wirklich schon recht sauber, recht hübsch hier! Ja, das versteht ihr! Selbst meine selige Mutter, die, wie ich leider glauben muß, wenig davon verstand, wußte in solchem Falle zehntausendmal mehr als ich und mein seliger Vater. Was soll denn da noch weiter einzurichten sein? Für Unsereinen ist's ja schon bis zum Exzeß nett bei Ihnen, Rosinchen!«

»Den Spiegel möchte ich noch etwas anders hängen haben. Und dann vor Allem diesen Haken in die Stubendecke! Ich habe hier so meine hübsche Ampel mit meinem Schlinggewächs. Aber wie komme ich da oben unter die Balken?«

»Kleinigkeit! Wollen wir schon besorgen. Hupp auf!«

»Himmel, Sie treten mir ja mein Mahagonitischchen in Grund und Boden!«

»Ich will Ihnen was sagen, Fräulein, das können Sie eigentlich vom Himmel nicht verlangen, daß er bei mir persönlich Ihretwegen sofort die Schwerkraft aufhebt. Aber in Ordnung sind wir hier oben. Jetzt reichen Sie mal gefälligst den irdenen Topf mit dem Grünkraut, oder was Sie sonst eine Ampel nennen, herauf. Da haben wir die hängenden Gärten der Semiramis!«

»Ich danke Ihnen freundlichst, Herr Kohl. Himmel, was ist denn das? Ist das unser Herr nebenan? Was hat er denn, Ihr alter Herr Pathe?«

Wenn der alte Herr drüben nicht verrückt geworden war, so that er zum wenigsten so. Er mußte jetzt seinen Aussichtsposten drunten in der Gasse aufgegeben haben, um sich oben zu überzeugen, wie es da aussah. Und es hatte sicher nicht so ausgesehen, wie er es erwartet zu haben schien.

Die Hausbewohnerschaft unter ihm hatte in diesem Augenblick unbedingt das Recht, bedenklich nach der Stubendecke hinaufzustarren und zu ächzen: »Na, gnade Gott, haben wir da aber ein Trampelthier über den Kopf gekriegt. Das kann ja recht gemüthlich werden, wenn dieses auch bei Nacht so weiter geht! Darauf dürfte man sich wohl mal seinen Mietkontrakt ansehen.«

Ein Trampelthier? Wie ein Dutzend, wie eine Karawane Trampelthiere trampelte Herr Kreisthierarzt Schnarrwergk in seinem neuen Heim umher, und als die beiden jungen Leutchen von den hängenden Härten der Semiramis aus zu ihm hinüberstürzten, oder vielmehr hinüberstürzen wollten, warf er eben seinen Packträger aus der Thür und verriegelte sie ihnen und ihm und der Welt vor der Nase, nachdem er dem jungen Menschen, dem Kohl, noch einen Blick und den Ziernamen »Winselaffe!« geschenkt hatte.

»Mir das?« fragte der junge Kohl, nicht nur überrascht, sondern in der That gekränkt ob des Wortes.

Der »Halunke« von Dienstmann sagte nur, indem er sein Honorar nochmals nachzählte: »Ich kenne ihn schon lange. Wenn man nichts mit ihm zu thun hat, so kann man schon mit ihm auskommen. Viele von uns kleinen Leuten haben ihn beinah sogar ganz gern. Mir kann er also sagen, was er will. In unserem Geschäfte macht so was aus Unsereinen keinen Eindruck. Was können wir denn dafür, wenn bei einem Umzug nicht Alles ganz glatt abgeht? Weshalb zieht die Menschheit denn, wenn sie keinen Schaden an ihrem Eigenthume sehen kann? Mir ist es ganz einerlei, was für 'ne Kuriosität er ist.«

»Aber mir nicht!« rief Fräulein Rosinchen Müller, die Hände zusammenschlagend. »Gütiger Gott, mit Dem Wand an Wand! Das ist ja ein fürchterlicher Mensch – und ich dachte mich doch diesmal zu verbessern!«

»Verbessern thut man sich niemalen, Fräulein,« sprach der Dienstmann kopfschüttelnd aus dem reichen Schatze seiner Erfahrungen heraus. »Ich wünsche übrigens den jungen Herrschaften einen schönen guten Morgen, und dem Fräulein alles Glück in der neuen Wohnung. Wenn Sie mich übrigens am nächsten Ziehtermin brauchen sollten, so ist meine Adresse Friedrich Jordan, Karrenführerstraße vier, über den Hof rechts eine Treppe hinauf. Ich garantire für gute Behandlung. Daß wir den Apothekus drüben ein bißchen platt gedrückt haben, dafür konnte Keiner was. Und dann sollte ja auch eigentlich der junge Herr hier im Besonderen darauf Acht geben.«

* * *

»Guten Morgen, Herr Jordan,« sagte Fräulein Müller höflichst, und dann standen die beiden jungen Leute allein auf dem Vorplatze in Nummer dreiunddreißig der Hanebuttenstraße und sahen sich an und lachten.

»Was sehen Sie denn so nachdenklich aus, Herr Warnefried?« fragte dabei Rosinchen. »Wenn Einer ein schiefes Gesicht ziehen soll, so meine ich, bin ich das doch bei solcher angenehmen Aussicht auf nachbarschaftlichen Verkehr.«

»Ich gäbe ein Königreich darum, wenn ich da eben eingezogen wäre,« seufzte der junge Mann.

»Sie?« fragte gedehnt das Fräulein. »Nun, da müßt ich mir doch freilich überlegen, ob mir das lieber wäre als der alte Schnarrwergk. Ihre selige Mama hat zwar viel Gutes an mir gethan, und ich bin ihr auch ewig dankbar, aber Sie –«

»Ich bin Ihnen natürlich ganz was Anderes! Selbstverständlich. Da gilt keine Jugendfreundschaft wie zwischen Ihrer Mama und meiner Mama. Da hat Ihr Herr Vater dem meinigen ganz umsonst aus der Patsche geholfen, als Ihren Herrn Vaters Verhältnisse noch gut und die meines Vaters wie immer schlecht waren. Aber Sie haben Recht. Sie haben es in der Welt zu etwas gebracht. Sie haben auf dem Leipziger Konservatorium Ihre Matrikel abverdient. Sie haben gebüffelt und haben sich eingepaukt nach Noten. Ja, Sie können Ihr Leben vom Blatte abspielen, und zehntausend Backfische renommiren schon damit, bei der Müller Klavier zu lernen. Können Sie es mich auch nicht noch lehren? Ne, Sie können es nicht. Wenn Sie statt der Drahtkommode die Orgel schlügen, könnte ich Ihnen vielleicht die Bälge treten. Das ist die einzige musikalische Begabung, die ich in mir habe. Das Kommersbuch rechnen Sie selber wahrscheinlich nicht. Und dann überhaupt Begabungen! In unserer schönen Jugendzeit, als Sie noch in meinem Vaterhause das einzige freundliche Licht waren, haben Sie mich doch ein bißchen gekannt. Haben Sie damals jemals irgend ein anderes Talent, als in die Ecke gestellt oder aus der Stube geschmissen zu werden, an mir entdeckt? Das Kameel möchte ich sehen, das dergleichen möglich machte! Haben Sie einen Hausschlüssel, Fräulein Rosine?«

»Nun natürlich,« sagte die junge Dame halb ärgerlich, halb ängstlich und ganz unfähig, sich in dem Redewust ihres »Jugendfreundes« zurechtzufinden.

»Natürlich! Auch in der Hinsicht kann ich nicht mehr mit Ihnen auf die Mensur gehen. Meinen letzten in dieser Welt hatte ich, ehe ich das Vergnügen hatte, noch einmal mit Ihnen, liebes Fräulein, im Leben zusammenzutreffen, eben abgegeben. Kennen Sie Hölderlin, Fräulein?«

»Großer Gott, nein, bester Herr Warnefried!«

»Etüden hat der verrückte Kerl freilich nicht geschrieben; aber wissen Sie was, Rosinchen? er hat mich ganz genau gekannt –«

»Wie kann der Sie gekannt haben? So viel Litteratur weiß ich doch auch. Der Arme ist ja lange vor Ihnen im Irrenhause gestorben.«

Der Pathe des alten Schnarrwergk drehte sich vor Entzücken über das letzte Wort der erröthenden jungen Dame dreimal im Kreise auf dem rechten Bein. Dann rief er zuerst lachend, darauf aber in das donnerndste Pathos fallend.

»Die Blindesten aber
Sind Göttersöhne; denn es kennet der Mensch
Sein Haus, und dem Thier ward, wo
Es bauen solle, doch jenen ist
Der Fehl, daß sie nicht wissen, wohin?
In die unerfahrene Seele gegeben.

Ja, ja, Rosine, gratuliren Sie sich nur selber, daß Sie nur zu den hübschen Talenten gehören und nicht zu uns Genies! Sie haben Ihren Hausschlüssel; aber ich habe den meinigen, meinen allerletzten vielleicht, vorhin abgeben müssen. Ich versichere Sie, der selige Hölderlin hat mich ganz genau gekannt, als er mich nicht zu den Talenten, sondern zu den Blindesten aller Göttersöhne zählte. Da regnet es wieder in Strömen! Na, aus alter Freundschaft und Jugendbekanntschaft, Fräulein Rosine, wenn Sie heute Abend unter die warme Decke kriechen, dann denken Sie noch ein einziges Mal an mich unter der Dachtraufe –«

»O Gott, das ist ja aber schrecklich!« rief das arme junge Mädchen, trotzdem daß es nie Alles, was ihm der »Jugendbekannte« je mitzutheilen wußte, für »baare Münze« genommen hatte, was übrigens, beiläufig gesagt, auch sehr unvorsichtig gewesen wäre.

»Nicht wahr, es ist schauderhaft? Und um so schauderhafter, als es wahr ist.«

»Aber ist es wahr?« fragte die junge Dame mit einem doch auch jetzt wieder ziemlich zweifelnden Blick auf den vierschrötigen, wohlgenährten, blonden, fröhlichen jungen Germanen, der sie in solche Tiefen des Elends blicken ließ. »Ihre guten Eltern –«

»Waren doch so anständige Leute. Ich danke. Wenn ich einmal einen Jungen haben sollte, dann würde ich mich anständiger gegen ihn aufführen. Nun, es hat gottlob bis zum Letzten gerade gereicht, und der alten Frau ist nichts abgegangen – bis zum Letzten. Sie ist mit einem silbernen Löffel im Munde gestorben, und der Doktor hat für das überflüssige letzte Rezept auch das Seinige gekriegt. Machen Sie doch kein so betrübtes Gesicht, Rosinchen. Sehe ich aus, als ob ich eines schnitte. Der Mensch ist dazu da, daß er das Seinige in der Welt erfährt. Der wüste Pathe Schnarrwergk dort hinter der Thür hat es mir schon angeboten, mich ebenfalls auszustopfen und neben seinen Pithekus auf die Kommode zu stellen; aber so weit sind wir noch lange nicht. Wenn Sie erlauben, Rosine, frage ich demnächst einmal wieder vor und erkundige mich, wie es Ihnen in der neuen Wohnung gefällt und wie Sie mit dem Papa Schnarrwergk und seinem Stammvater Nachbarschaft halten. Behalten Sie mich lieb, darf ich leider wohl nicht sagen; aber behalten Sie mich in einem möglichst guten Angedenken: diese Wendung darf ich mir erlauben. Also: behalten Sie mich in einem möglichst guten Angedenken, Sie – – lieber Schatz. Guten Morgen, Rosine! und wir waren doch einmal gute Freunde in unserer – Jugendzeit!«

* * *

Fräulein Müller war im Stande, war im Begriff, dem »unzurechnungsfähigen Menschen« ein: »Aber Warnefried, Herr Kohl, ich bitte Sie! wo wollen Sie denn hin?« nachzurufen, doch die neue Nachbarschaft in der ungewohnten Umgebung litt es nicht.

Kreisthierarzt Schnarrwergk öffnete seine Thür und blickte heraus, wie als wenn er fragen wolle: ob denn das Geschwätz auf dem Vorplatz nie zu Ende kommen werde.

»Guter Gott! Gerade so, wie wenn er bei der Frau Professorin vom Whist sich nach mir umsah!« hauchte die junge Dame zusammenschreckend und in ihr Nestchen zurückfahrend, und wie's Eichhörnchen in Hey-Spekters Fabeln das Schlupfloch nach der Windseite verstopfend. Sie schlug ihre Thür zu. Thierarzt Schnarrwergk, sein Haupt zurückziehend, schloß die seinige ganz geräuschlos: man hörte fürs Erste gar nichts mehr aus dem dritten Stock der Nummer dreiunddreißig der Hanebuttenstraße. Es war, als ob nicht nur die Weltgeschichte (was nicht viel besagen will), sondern auch diese Geschichte sehr bequem ohne ihn auskommen könne, und mögliches Geräusch aus ihm her durchaus nicht mit in Rechnung nehme.

* * *

Der heimatlose Genius, der junge Mann ohne Hausschlüssel, ging fest auftretend die Treppe hinunter. Daß in dem Augenblick, als er die Gasse wieder erreichte, die Sonne schien, durfte ihm willkommen sein; denn wer keinen Hausschlüssel mehr besitzt, der besitzt nur sehr selten noch einen Regenschirm. Es war ihm aber höchst gleichgültig; unser Herrgott sorgt nicht nur für das geschorene Lamm, sondern auch für den haarigen Bock. Unserem armen Teufel von Waisenknaben hatte er das gehörige rauhe Fell für gutes wie für schlechtes Wetter gegeben.

»Jetzt soll es mich doch wundern!« sagte er vor der Thür der Nummer dreiunddreißig der Hanebuttenstraße zum blauen Oster-Frühlingshimmel voll hastig treibenden Gewölks emporblickend. »Wundern soll's mich, was das lächerliche Institut mit mir vorhat.«

Es ist kaum glaublich, aber er meinte mit dem »lächerlichen Institut« das schreckliche Fatum, das unvermeidliche Schicksal, welches man sonst wenigstens doch noch verschieden benennt und es kennzeichnet als das vernünftige, das spinozistische, das astrologische, das türkische, das stoische. Ihn kümmerte es nicht, ob andere die Nothwendigkeit als eine absolute oder eine nur hypothetische auffaßten. Ob er im Grunde viel darüber nachgedacht hatte, können wir nicht sagen; aber wenn je Einer »die alte Dame machen« ließ, so war es in diesem Augenblick unser junger Freund und mittelloser Held.

»Nachher komme sie mir mit der Verantwortlichkeit!« brummte er.

Jedenfalls gingen die Leute rund um ihn her alle zum Essen, und auch er spürte, daß es Zeit dazu sei. Er hatte Hunger; aber alle die Orte, von denen er wußte, daß man denselben da befriedigen konnte, die wußten auch von ihm und seinen Verhältnissen, die kannten ihn nur allzu gut.

Das Schicksal hatte nicht nur für alles Gute, sondern sogar für alles Notwendigste, was es dem armen Schlucker zugedacht hatte, dermaßen freies Feld, solche tabula rasa vor sich, daß es fast zum Erbarmen war. Man hat noch nicht herausgebracht, ob es im Stande ist, zu grinsen; aber wenn dies die Möglichkeit sein sollte, so hatte es auch in diesem Falle eben die beste Gelegenheit dazu.

»Es ist beinahe, um nochmals zum alten Schnarrwergk hinauf zu stiefeln,« sagte die verlassene Waise. »Wenn ich den Versuch machte, ihn von dem Gipfel der Unverfrorenheit zu überwältigen? Bei guter Laune pumpt er nicht; wenn ich ihm in seiner jetzigen Stimmung den Vorschlag machte, sich eine Güte anzuthun und mit mir im Römischen Kaiser zu speisen? Oder wenn ich ihn zur Feier des fröhlichen Aufenthaltswechsels auf diesem wechselvollen Erdball einlüde, mir mit fünfzig Mark unter die Arme zu greifen? Ja, wenn ich mich ihm doch jetzt zum Ausstopfen anböte? Den leeren Magen garantire ich ihm, und den leeren Kopf hat er mir, seit er mich aus der Taufe zog, verbürgt! Ne, ne, es geht nicht, es geht nicht. Rosinchen kommt doch mit ihm auf einen nachbarschaftlichen guten Fuß, und die Idee, das gute Kind aus Glasaugen anzuglotzen, und vielleicht aus der vierten Dimension heraus von ihr die Frage zu hören: Herrgott, ist denn das Warnefriedchen Kohl da in der Ecke? ist zu wenig verlockend. Es geht nicht, es geht nicht. Gesegnete Mahlzeit – lieber Heu fressen als damit ausgestopft sich vor der kleinen Müllerin blamiren. Gehen wir um die Ecke, das Stehenbleiben hilft zu gar nichts. ›Soll ich Dich etwa holen, Flegel?‹ fragte meine selige Mutter, wenn sie mir eine Ohrfeige von ihrem Lehnstuhl aus verabreichen wollte. ›Geh den Weibern zart entgegen,‹ sagte Goethe. ›Zaudere nie zu lange an einer Ecke,‹ sprach mein seliger Vater. ›Du erfährst es für Deine Ataraxia, Deine Gemütsruhe nie rasch genug, ob Dir die Moira aus der nächsten Gasse an den Hals springen oder um den Hals fallen will.‹«

Er ging oder, wie er sich ausdrückte, er schob weiter und traf hinter der nächsten Ecke, in der nächsten Gasse auf Jemand, der ihm den Weg vertrat und die erstaunlichen Worte zu ihm sprach:

»Ich habe sechs Mark für Sie, Herr Kohl.«

»Donnerwetter! Halten Sie mich, ich falle!« lallte der Jüngling. »Nein, zum Donner, geben Sie her, Briefträger! Woher? Von wem? Für was?«

»Das ist ja aber eine wahre Kunst, Sie aufzufinden, Herr Kohl. Ich habe Sie natürlich noch einmal bei Ihrem verstorbenen Herrn Vater gesucht. Von München! Da ist der Schein – Bleistift genügt nicht. 'nen Tintenstift haben Sie? – so. da wären wir richtig auseinander. Gesegnete Mahlzeit, Herr Kohl.«

»Erst doch wohl in meine Arme, Wonneengel! Da, da – Münze habe ich nicht für Sie, außer dem letzten Portogroschen; aber – da, da – nehmen Sie dies und dies, und dieses – so!«

»Na, so was!« stammelte der Briefträger. »So was ist mir doch in meinem ganzen Leben nicht passirt.« Er starrte noch eine geraume Weile hinter dem Enteilten her. Er rieb sich zweifelnd die rechte Wange. Er rieb sich die linke. Es war kein Traum, er hatte statt des Trinkgeldes zum ersten Mal in seinem Berufsleben einen Kuß gekriegt. Einen Kuß? Sechse – drei auf jede Backe. »Wenn ich Dies an unseren Herrn Stephan, Exzellenz, telegraphiren dürfte, so telephonirte er mich auf der Stelle ein Gedichte zurück. Das ist auch noch nicht anders als unter ihm vorgekommen!« ächzte der Mann.

Im fliegenden Lauf riß derweilen der beseligte Günstling des Glücks die Umschläge von den ihm eben eingehändigten Postsachen. Der Brief war von der Redaktion der Fliegenden Blätter, und eine Nummer der letzteren folgte unter Kreuzband anbei. Wir werden uns wohl hüten, den Witz, den die Redaktion gut befunden, angenommen und auf die glänzendste Weise honorirt hatte, hier nochmals mitzutheilen. Kohl hielt ihn nachher selbst für zu dumm, beschloß aber damals dessenungeachtet, oder vielmehr gerade darum, fürs Erste nichts weiter zu thun, als ununterbrochen dergleichen zu leisten.

Daß die begleitende Zeichnung ausgezeichnet war, zog er nicht in Betracht, oder hielt sich fest an die Ueberzeugung, daß ein mittelmäßiger Originalwitz immer noch seltener sei als eine gute Zeichnung. Der Maler, welchem ihn das Schicksal – natürlich immer das Schicksal! – in die Arme führte, malte »Porträt« und fragte einfach: »Bist Du verrückt geworden, Puppe?«

»Entschuldigen Sie – ja, Du bist es, Blech? Ich war auf dem Wege zu Dir. Ich ziehe.«

»Wohin?«

»Der Mensch fragt noch! Zu Dir!«

»Sei willkommen,« sagte der Freund, ohne die geringste Verwunderung auf seinem hübschen, unbärtigen Antinous-Gesicht zu zeigen. »Rennst Du Deinem Möbelwagen voran oder läufst Du hinter ihm drein?«

» Omnia mea mecum porto.«

»Mir auch recht.«

»Aber ich habe Geld.«

»Donnerwetter, Puppe, und das sagst Du so ruhig? So komm rasch!« rief Bogislaus Blech, auf dessen unschuldig-schönem Jünglingsgesicht sich jetzt nicht nur grenzenlose Verwunderung, sondern auch ungemessenes Entzücken kundgab, bis nicht ungerechtfertigter bänglicher Zweifel ihn beschlich, verdrießliches Gewölk sich ihm über die reine Stirn legte und er mit verächtlichem Nachdruck sprach: »Kohl, Du lügst.«

»Sechs Mark. Da! Und zwar für den verschollensten Meidinger des Jahrhunderts. Da, sieh mal hier: Ersuchen Sie, von Zeit zu Zeit dergleichen weiter für uns zu finden und einzusenden. Ergebenst –«

»Dies ist freilich großartig. Also mit Einem Sprung an die Spitze des ästhetischen Bedürfnisses der deutschen Nation in dieser Hinsicht! Da nimm meinen Glückwunsch: Mit ausgezeichneter Hochachtung Dein Bogislaus. Aber nunmehr komm mit beförderter Schnelle hier herunter. Die nächste Speisekarte die beste. Das Weitere können wir ja in meinem Atelier bereden. Ich sage Dir, liebe Puppe, ich nahm mir wahrhaftig eben die Freiheit, verschiedene Fragen unfrankirt an das Schicksal zu richten, als das Scheusal Dich mir in den Weg führte – Dich Glückspilz! Sie sei gepriesen, die Moira. Du zahlst heute Mittag, und ich überlasse Dir heute Abend mein Sopha. Kohl, ich wäre im Stande, Dir einen Kuß zu geben, wenn ich nicht befürchten müßte, Dich dabei anzufressen. Mensch, es ist Donnerstag – sie haben hier heute Sauerkraut, gelbe Erbsen und Pökelfleisch auf ihrer –«

»Bogislaus!«

»Nicht wahr, es reizt? Der Mensch ist freilich nur Gras, und seinerzeit wird auch Heu aus ihm; aber Kohl, Herzenspuppe, dann und wann hat das Leben –«

»Halt uns hier gar noch durch alberne Reden auf der Treppe auf, Blech!« ächzte der Jüngling mit den sechs Mark vorwurfsvoll.

»Aha! Zu den heiligen Tönen, die jetzt Deine ganze Seele umfassen, will mein thierischer Laut nicht passen. Liebe Puppe, Du hast Recht. Knurre nicht und komme rasch.«

Sie verschwanden Beide treppunter in dem Speisekeller. Der Götterjüngling mit dem letzten besten deutschen alten Witz der letzten Monate und der beste deutsche Bildnißmaler in spe, Herr Bogislaus Blech, dessen Wiege an der Warthe, der »polnischen Frau Warthe«, gestanden hatte, und der also seinen Taufnamen wahrscheinlich nicht bloß einem ästhetischen Bedürfniß seiner germanischen Eltern verdankte.

* * *

Als sie Beide wieder zum Vorschein kamen, herauskamen, die Treppe emporstiegen, sagten sie Beide: »Brr!«

Es regnete nicht mehr bloß aprilhaft, mit Sonnenschein untermischt; es regnete landregenhaft aus dem Grau ins Graue hinein. Es regnete einen Regen, der die feste Absicht zeigte, acht Tage und acht Nächte durch anzudauern.

»Da freut es mich doch, daß Rosinchen unter Dach und Fach ist. Na, wir gehören ja gottlob nicht zu den Schmetterlingen, denen jeder Tropfen Feuchtigkeit den Farbenstaub von den Flügeln schwemmt.«

»Liebe Puppe, Du warst groß mit Deinen sechs Mark; ich werde Dir beweisen, daß ich noch größer sein kann. Warnefried, ich rühme mich noch eines Restes alten Cognacs: steigen wir hinauf ins Atelier, lassen wir's regnen und rathen wir ferner daran herum, was das Leben eigentlich mit uns vorhat.«

»Nach dem Tode fürs Vaterland weiß ich nichts, was. mir jetzt, bei so überfütterter Stimmung, behaglicher erschiene,« stöhnte Kohl.

Sie kamen aus der Tiefe und stiegen in die Höhe. Sie hatten sehr hoch zu steigen, fast thurmhoch. Es war ein »brillantes«, aber auch sehr billiges Nordlicht, was der gegenwärtige Inhaber des »Ateliers« seinen Freunden und Gönnern an seinem Dachbodenverschlag rühmen konnte. Daß einer der ersten Gesichtermaler Deutschlands hier aus den Windeln kriechen konnte, war möglich; aber kein kunstsinniger und zum Befördern der Kunst mit den nöthigen Mitteln versehener deutscher Mäcen wäre ihm hierher hinauf zugeklettert.

»Woher sollten auch sonst die vielen Farbendrucke über die Sophawände kommen?« fragte Bogislaus dann und wann gelassen. »Und ich bitte Sie, die Prämienblätter der Kunstvereine wollen doch auch unter Glas und Rahmen. Wie wohlthuend ist es, sein eigen Interesse an unserem heiteren Schwindel, für sechs Mark jährlichen Beitrags, durch ganz Germanien in jedem besten Zimmer wiederzufinden und sich sagen zu können: Guck, Der ist auch Mitglied!«

Kohl kannte das »Heim« seines Freundes, aber da er es seit vierzehn Tagen nicht betreten hatte, blieb er doch auf der Schwelle stehen und sprach: »Irre ich mich, oder fehlt mir wirklich hier etwas? Zum Henker –«

»Du vermissest?«

»Nun, beim Satan, so ziemlich Alles, was der Mensch doppelt zu haben pflegt, wenn er dem Menschen Gastfreundschaft anbietet. Die vier Haimonskinder ritten ja wohl auf Einem Gaul, aber wer kriegt den einen Stuhl da, wenn wir Beide sitzen wollen?«

»Du. Wenn Du den Tisch nicht vorziehst.«

»Und Dein Sopha, welches Du mir vorhin zur nächtlichen Ruhestatt zur Verfügung stelltest?«

»Ist mir selber ganz unbegreiflicher Weise nicht mehr da. Die – die – Person muß es eben jetzt während meiner Abwesenheit mir abgeholt haben. Liebe Puppe, siehe das ist Freundschaft: Dir fehlt hier nichts, was mir nicht ebenfalls mangelt.«

»In Deinem Malkasten kann ich nicht schlafen.«

»Aber ich überlasse ihn Dir zum Kopfkissen –«

»Und mit der Staffelei decke ich mich zu. Es lebe die Kunst!«

»Sie lebe!« sagte Bogislaus ernsthaft-vorwurfsvoll. »Kann ich dafür, daß mir in meines Vaters Kohlenkeller in Landsberg die Idee aufgegangen ist, daß noch immer der Mann nicht gefunden sei, der den Begriff Philistervisage in Verbindung mit der nöthigen Lichtwirkung aus der öden Außenwelt auf die höchste Stufe menschlichen künstlerischen Könnens erhoben habe? Kann ich was dafür, daß ich diesen verbohrten Esel in mir gefunden zu haben glaubte? Und übrigens, weshalb bringst Du Deine Möbeln nicht mit, wenn Du die meinigen nicht mit mir theilen willst? Du siehst, mein Dach über meinem Haupte ist noch vorhanden und mein Lager hat man mir auch noch gelassen. Ich kann auch das noch mit Dir theilen, da ich mich noch nicht verheirathet habe während der letzten Wochen, in welchen Du mir nicht das Vergnügen hier oben schenktest. Dabei wird es Sommer. Man stellt überall die Bänke wieder ins Freie. Nahrhafte Pilze schießen überall auf. Man geht wie König Nebukadnezar in den Salat, den man natürlich nicht auf dem Wochenmarkte käuflich erwirbt. Nahrhafte Wurzeln lassen sich binnen Kurzem überall auf den Feldern ausgraben. O, und

– nichts genießen als die Helle
Des Lichts, das immer lauter bleibt,
Und einen Trunk der frischen Welle,
Der nie das Blut geschwinder treibt –

ich habe es Dir nicht ein Mal, ich habe es Dir hundert Mal anempfohlen, Platen zu lesen, nichts als Platen zu lesen. Ich lese weiter nichts als Platen. Der weiß, wie Einem zu Muthe ist. Um Den war es auch leer, was das Hausgeräth anbetraf. Dem war es auch manchmal recht öde im Magen, und er hat aus dem Hohlen heraus für uns gesungen, liebe Puppe –

Denen, die da werden leben,
Sei Dein Sein dahin gegeben;
Laß der Gegenwart Erscheinung
Ruhig Dir vorübergaukeln;

übrigens brauche ich es Dir wohl nicht schriftlich zu geben, daß ich auch für mein Theil diese gegenwärtigen Zustände bis zur äußersten Uebersättigung ausgekostet habe. Du bist mir willkommen; suche es Dir bequem zu machen. Lege ab, Kohl.«

* * *

Er schleuderte den regennassen Filz zu Boden, und der Freund folgte nur seinem Beispiel; denn sonst hatte er ja wohl weiter nichts »abzulegen«? Nachher betrachtete er – Kohl – die letzte Leistung des Freundes auf der Staffelei und sagte nach einer geraumen Weile:

»Du mußt es ja wissen; aber mir wird die Sache immer dunkler. Das ist doch kein Menschenbildniß mehr?«

»Nein, diesmal Architektur,« sprach Bogislaus Blech. »Ich habe in der Leere um mich her den Versuch gemacht, mich auf sie zu legen.«

»Und was ist denn hier Weißes in das Bogenfenster geweht?«

»Schnee!« sagte van Dyck.

»Hm, da stehe ich wohl nicht in der richtigen Entfernung von dem Produkt, um es so würdigen zu können, wie Du vielleicht mir und dem Publikum zumuthest. Höre mal, ich bin ja freilich in der letzten Zeit mit Dir herumgekrochen in Kellern und Küchen, in Grüften und Krypten, auf Treppen und Thürmen bei Deinen mir bis zu diesem Augenblick gänzlich räthselhaften neuen Studien; aber dies wird mir zu bunt! Zu bunt? ne, zu schwarz in Schwarz! Und dafür glaubst Du mehr zahlungswillige Liebhaber zu finden? Höre mal, mein Sohn, was sehen will der größte Maniak von Kunstverstehenden, der einen Goldrahmen an Deinesgleichen wendet. Womit soll denn so ein Kerl renommiren, wenn er vor dem Frühstück oder nach Tische einen Mit-Sachverständigen vor solch ein Stück ägyptische Finsterniß führt?«

»Mit meinem Schnee.«

»Mit Deinem Schnee!«

Der höfliche Kritikus trat noch einmal einige Schritte zurück, betrachtete das für den Laien freilich etwas unbestimmt-grauliche Kunstobjekt durch die hohle Hand, wendete sich sodann ernst zu seinem Freunde und sprach:

»Es ist möglich, daß ein späteres, mit schärferen Sinnen begabtes, verrücktes Jahrhundert Das mit Gold zudeckt; aber augenblicklich wär's besser, Du legtest Dich aufs Illustriren meines Privat-Heiligen.«

»Sankt Meidingeri?« fragte Bogislaus Blech verächtlich.

»Hat er Dich heute nicht gespeist und getränket? Des Pathen Schnarrwergks Lar, sein ausgestopfter Pithekus ist nicht mehr der allgemeine Urvater des gesammten Menschengeschlechts als wie der eben von Dir genannte Heilige Dein und mein Urzeuger. Liebes Kind, es haben schon Einige vor Dir Klosterhöfe in Schnee gemalt. Du bist der Erste nicht. Die Welt hat sich, seit Dein allerletzter Vorgänger in dieser Spezialität elend steif fror, nachdem er vorher verhungert war, auf Thauwetter, auf aufgeweichte Landstraßen mit Schnee gelegt. Lege Dich auf was Anderes, Bogislaus.«

»Wir wollen wirklich uns besinnen,« sagte der idealistische Porträt- und Architekturmaler, völlig über den warnenden Freund hinweg, wie hinein in die glänzendste, nahrhafteste, ruhmreichste Zukunst. Plötzlich aber wie aus dem blauesten Empyreum in die andringlichste Wirklichkeit zurücksinkend, fragte er:

»Wie viel haben wir noch?«

»Den Kaffee, den ich Dir im Domino abgewonnen habe, hatte ich natürlich auch zu zahlen. Aber anderthalb Mark – Herr du meine Güte!«

»Was ist? zum Henker, Puppe, was kann denn nun noch los sein?« rief Bogislaus, zum ersten Male, seit wir seine Bekanntschaft gemacht haben, mit etwas wie Angst, Spannung, Aufgeregtheit auf dem hübschen Gesichte. »Zum Donner, was ist? was fehlt uns noch zum Vergnügen? Unbehagliche süße Puppe, gaffe mich nicht so dumm aus der letzten Schanze meines Stoizismus heraus! Was ist passirt?«

Der Andere gaffte in Wahrheit dumm um, mit beiden Händen krampfig in den Hosentaschen. Er lächelte, wie Menschen das Nichts anlächeln sollen, wenn die Verbindung mit dem Was, dem Etwas, dem Irgendetwas vollständig vor und hinter ihnen zusammengebrochen ist. Er wendete sie nach außen – beide Hosentaschen –

»Kohl, Du hast doch nicht . . .?«

»Ich hatte, Du hattest, er hatte – ich habe gehabt. Himmel und Hagel, das ist doch zu großartig. Auch Das noch!«

»Sieh noch mal im Stiefel nach.«

Der Andere saß bereits, ohne auf diesen Rath gewartet zu haben, auf dem Bettrande und that in zitternder Hast, was der Gastfreund rieth:

»Nichts als auch ein Loch!« sagte er wie Jemand, der nichts mehr zu sagen weiß, zu dem Gastfreund emporstarrend.

Letzterer hatte noch etwas zu bemerken, nämlich:

»Und Das maßt sich an, Kritik zu verüben? Und Das will ein Urtheil haben? Solch ein Abgrund von irrationeller deutscher Viehzucht! solch ein bodenloses Rindvieh!«

Es ist eine fadenscheinige Redensart: einen Schleier fallen lassen. Aber wir lassen doch einen Schleier fallen. Ach, wer doch noch einmal in solch einer Haut steckte, aus welcher die Beiden eben, jeder für sich aus seiner, herauszufahren wünschten!

Wir haben gottlob drin gesteckt und uns unsäglich wohl drin gefühlt. Es ist leider lange, lange her; wir haben uns seit der Zeit erkleckliche Male mehr gehäutet, und wir haben uns nicht verbessert. Ach Gott, ach Gott, wir geben die Weisheiten, die wir errungen, die Erfahrungen, die wir gewonnen haben, billig, sehr billig her.

Wer hilft uns wieder in jene Haut hinein, in der wir steckten, als wir noch unser letztes Vermögen durch das Loch in der Hosentasche hinunter zum Loch in der Schuhsohle hinaus vergeblich suchten! Es kommt ein Hauch aus jener Zeit, wie wenn es zu Ende April oder Anfang Mai in die Baumknospen regnet, und es warm ist, und die Welt sagt: Nun wird's aber grün! Wir schnupfen jetzt; oder haben seit Jahren – sagen wir seit dem vierzigsten – den Stockschnupfen; aber um desto wehmüthiger stimmt uns der Hauch.

Wir lassen den Schleier fallen: Herrgotthimmelsakrament, es wäre uns damals außergewöhnlich unangenehm gewesen, wenn Jemand durch den Druck die Welt damit bekannt gemacht hätte, wie wir uns zu helfen wußten und nicht nur gesund dabei blieben, sondern es fertig brachten, daß uns immer wohler in unserer Haut wurde.

Um davon mit vollem Verständniß nach innigem Bedürfniß zu reden, müßten wir so zu Zweien und Dreien zusammen sein. So nach Mitternacht im Winter, wenn der Sturm den Schnee an die Läden der alten Schenke treibt, und wir den Hausschlüssel in der Tasche und die Frau und die Kinder im Schlaf im warmen Bette, also beides in Sicherheit wissen. Dann – wenn der Schwarm sich verlaufen und der Herr Oberkellner die Gasflammen bis auf die über unserem Tische, unserem Stammtische im Winkel, ausgeschroben hat, dann – geht uns eben das Herz über und der Mund auf: wir arbeiten dann aber auch nicht für den Druck. Ach, lassen wir den Schleier fallen und den fallengelassenen ruhig hängen, und malen wir hier nur drei dicke schwarze Kreuze hin:

†     †     †

Das genügt für die schlechte Welt; die wirklich gute alte Tante aber weiß damit ebenso gut ganz genau Bescheid, und vielleicht noch viel besser; denn sie reibt sich mit der Stricknadel die liebe alte Nase und sagt kopfschüttelnd, lächelnd: »Na, na!« und nach einer Weile: »Na, na, na!« und wieder nach einer Weile: »Ja, wenn mir alten Leute auf unsere jungen Tage kommen.«

Dieses Letztere sagt sie jedoch nicht; sie denkt es nur und kann sich dabei sehr in ihre Gedanken vertiefen.

* * *

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