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Der Lar

Wilhelm Raabe: Der Lar - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Lar
authorWilhelm Raabe
year1903
publisherVerlag von Otto Janke
addressBerlin
titleDer Lar
pages1-224
created20040726
sendergerd.bouillon
firstpub1889
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Wilhelm Raabe

Der Lar

Wilhelm Raabe: Der Lar


Das Vorwort.

»Der kann gut werden, hat unser Leibarzt gesagt,« sagte Doktor Kohl, als er bei der Taufe seines Erstgeborenen auf seine eigene Geburt zu sprechen kam und erzählte, wie ihn die weise Frau zehn Minuten, nachdem er, »wie die Anderen sagten«, das Licht der Welt erblickt hatte, »quatsch auf den Boden fallen ließ«.

»Meine selige Mutter war natürlich nicht im Stande, sich viel darum zu kümmern; aber meinen Vater bekümmerte es nach überwundenem Schrecken sehr, daß er ganz unnöthiger Weise nach ärztlicher Hilfe geschrien hatte. ›Das konnten wir auch machen – den Jungen abwischen, abwaschen, einwickeln und uns trösten: diesmal hat es ihm gottlob noch nichts geschadet.‹ Uebrigens sollst Du nochmals leben, Röschen!«

»Du auch, närrisches Menschenkind!« sagte die junge, glückliche Mutter. »Aber jetzt sprich endlich auch mal ein vernünftiges Wort. Was soll das Kleine da nebenan von Dir denken?«

»Das ist mir so einerlei, wie es meinem seligen Papa einerlei war, was ich manchmal über ihn dachte. Du sollst noch einmal, zum dritten Mal leben, Schatz.«

»So ist er nun!« sagte Frau Rosine Kohl, geborene Müller, seufzend, aber »im Grunde ihn doch nicht anders sich wünschend«.

»Wissen Sie was, Frau Gevatterin?« sagten die Gäste, Kreisthierarzt a. D. Schnarrwergk eingeschlossen. »Er muß auch so bleiben. Verbrauchen Sie ihn also, wie er ist, und zwar mit Gesundheit. Das Uebrige wird sich dann schon finden. Es lebe das Haus!«

»Einverstanden!« sagten die zwei jungen Alten, und das Kleine im Nebengemach krähte auch sein Einverständniß, und so – tauften sie weiter und auch nicht bloß mit Wasser. Es war nicht die erste Bowle, die der glückliche junge Vater zusammenrührte und mit der vollen Ueberzeugung, daß sie gut sei, rund um den Tisch in die Gläser guter Kameraden und Kameradinnen, Kreisthierarzt a. D. Schnarrwergk, sowie Freund Blech, der schöne Bogislaus Blech, eingeschlossen, auslöffelte.

* * *

Das wäre nun einmal wieder so ein Eingang, von dem meine selige Tante, wenn sie noch lebte, sagen würde: »Nein, so was!« Aber sie ist todt, die Gute: und da ich auf ihren ästhetischen Ordnungssinn seiner Zeit keine Rücksicht genommen habe, so sehe ich nicht ein, weshalb ich anderen – fremden Leuten und Liebhabern einer angenehmen, leichten Lektüre gegenüber meiner »Fahrigkeit«, meinem »springenden Wesen« mehr Zwang anlegen soll als gegenüber der guten alten Tante, die mich doch auch in ihr Testament gesetzt hat, was meine übrigen lieben, alten und jüngeren Leser leider nicht thun werden.

Ja, sie hat mich in ihr Testament gesetzt. Sie war meine erste Kritikerin und hat jedenfalls voll Mitleid gedacht: »Was ich dazu thun kann, den unvernünftigen närrischen Menschen vor dem Verhungern zu schützen, das mag geschehen; gegen mich hat er sich wenigstens immer anständig und höflich aufgeführt.«

Gesegnet sei ihr Andenken! Ihre fünfhundert Thaler sind längst verputzt; aber in herzlicher Dankbarkeit gegen beide – die Tante und ihre fünfhundert Thaler – werde ich mich von hier ab bemühen, alles was ich diesmal zu erzählen habe, so kurzweg und regelrecht wie möglich zu berichten. Es soll mich wirklich selber wundern, wie mir die Nase zur Sache steht und was dabei für mich und meine Lieben vor diesen Blättern herauskommt.

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