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Der lange Balthasar

Jacob Christoph Heer: Der lange Balthasar - Kapitel 1
Quellenangabe
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typefiction
authorJakob Christoph Heer
titleDer lange Balthasar
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
printrun36.-45. Auflage
year1920
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1

An der Anhöhe über dem Dorf Haldenegg steht an der Straße, die ins Bergland führt, das große, holzgeschindelte Bauernhaus »zum Freihof«, früher als vortreffliches Gasthaus weit bekannt. Mit vielen klaren Fenstern und einer Holzgalerie, auf der in der schönen Jahreszeit rotblühende Geranienstöcke nicken, schaut es unter einem breiten Dach hervor sonnig und behäbig in die Landschaft, bis auf ein fernes Stück Bodensee.

Vor dem Haus saß eine Gesellschaft junger Stickerinnen, die sich bei Gertrud, der Tochter des Freihöflers, freundschaftlich zusammengefunden hatten. Sie trugen die für den Werktag übliche Halbtracht des Berglandes, den dunklen, in kleinen Vierecken gemusterten Rock, das mit silbernen Röschen geschmückte Mieder, den gestreiften, blühweißen Brusteinsatz, im Haar den Silberpfeil. Eifrig ließen sie die blitzenden Nadeln durch den in runde Rahmen gespannten Musselin fahren. Den Blumen, die sie stickten, wuchsen die Blätter, den Vögeln die Flügel. Lange Zeit hörte man nur den Ruf eines Finken, der seinen Jubel aus den noch unbelaubten Zweigen eines Apfelbaumes in den schönen Tag sang.

Es war linder März. Am Himmel zogen die Silberschiffe der Frühlingswolken, und auf der großen Wiese blühten die ersten Schlüsselblumen und die stahlblauen Enzianen.

Da schritt auf der Straße der Senne Hanstöni heran, der im Herbst, Winter und Frühling in Haldenegg, im Sommer auf den Alpen die Käserei betrieb und nun wohl von Einkäufen in den höher gelegenen Dörfern kam.

Als der junge Mann im Lederkäppchen, roter Weste, messingbeschlagenen Leibgurt und mit einer Blume hinter dem Ohr die Mädchen erblickte, rief er fröhlich: »Grüß Gott alle zusammen! Sind die Mieder und Flügelschappen auf Ostern bereitet?«

»Grüß Gott, Hanstöni!« erwiderten die Mädchen wie aus einem Mund.

Gertrud, die Tochter des Freihöflers, hob den blonden Kopf von ihrer Arbeit. »Weiß Gott, das drängt nicht, es sind ja noch volle vierzehn Tage bis Ostern. –Und wenn der Rechte kommt,« fügte sie lachend hinzu, »so haben wir Mieder und Kopfflügel bald gerüstet!« Die weißen Zähne blitzten ihr aus dem roten Mund, und der Mutwille spielte ihr über das frische Gesicht.

»Ja die Mädchen sind gar wohlfeil hierzuland,« spottete der etwa dreißigjährige, kraftgedrungene Senne.

Die Stickerinnen aber lachten: »Nach Eurem Beispiel würde man's nicht glauben! Ihr seid doch immer noch ledig.«

Sie kicherten, und eine Weile spann sich das Kreuzfeuer der Schelmereien hin und her.

Da wandte Hanstöni das Gespräch: »Habt ihr die Neuigkeit von Röbi Heidegger gehört? Kommt er wohl auf Ostern heim, um uns seinen Schmiß zu zeigen?«

»Darüber erwarten wir von ihm Tag um Tag einen Brief,« erwiderte Gertrud, leicht errötend. »Mit gutem Gewissen wird er nicht kommen. Mein Vater ist zornig und hat das Donnerwetter für ihn schon im Sack!«

»Nun, mit oder ohne Schmiß findet er doch eine Frau,« neckte der Senne, »jede von euch könnt' er haben. Aber dort kommt ja das Vieruhrbrot. Gott gesegn' es euch allen zusammen!«

Er lüpfte das Käppchen, stieß einen Juchschrei aus und schritt die Straße bergab in den weiten, offenen Talgrund, in dem zwei Bäche zu einem größeren Wasser zusammenschäumen und malerisch verstreut drei hübsche Dörfer liegen: Haldenegg, Buchen und Büchlisberg.

Von ihren rotbehelmten Türmen klangen die Vieruhrglocken.

Vree, die ältliche Wirtschafterin des Freihofs, eine Base Gertruds, deckte den Stickerinnen unter dem Apfelbaum den Tisch. Bald tafelte das Sechsblatt bei Kaffee, Brot, Butter und Honig und sprach von Hanstöni, dem Schelmen, dem das Salz lustiger Redensarten nie ausging.

Gritli Geißmann, die Pfarrerstochter, unterbrach das lose Gespräch mit der ernsten Frage: »Ist's wohl wirklich wahr, daß sich Röbi aus reinem Mutwillen von einem anderen Studenten das Gesicht hat zerhauen lassen? Ich könnt's von ihm nicht fassen. Doch muß etwas mit Röbi los sein. Seine Großmutter kam zornig und böse ins Pfarrhaus und hatte eine lange Unterredung mit meinem Vater.«

Ihr Wort sollte gleichgültig klingen, durch ihre Stimme aber spürte man die Sorge, die rehbraunen, glänzenden Augen verrieten die innere Unruhe, und das Stück Brot bebte ihr zwischen den feinen Fingern.

»Ja eben, der Tunichtgut!« schmollte Gertrud, während sie die Butter im Kreise herumreichte. »Vorgestern traf Anwalt Eberli aus Buchen Röbi in der Stadt. Der Fürsprecher brachte dem Vater die Nachricht, unser Student trage eine schwarze Binde quer über die Nase und die linke Wange, und es werde ihm von dem Schmiß lebenslang eine Narbe bleiben.«

»Lebenslang!« stieß Gritli hervor. »Und er hat ein so sauberes, freies Gesicht gehabt!«

Das unterdrückte Lachen der anderen schreckte sie auf. Sie wurde rot, wie eine, die sich verraten fühlt.

Jede aus dem Kranz wußte, daß des Pfarrers Gritli von Kindheit an tief, doch hoffnungslos in Röbi verliebt war, die Neigung des Studenten dagegen derjenigen Gertrud Freihofers begegnete.

»Röbi hatte natürlich den Fürsprecher ersucht, daß er ihn vor meinem Vater verteidige,« nahm Gertrud wieder das Wort. »Das hat Eberli auch mit vielen Reden von Studentenbräuchen getan, aber der Vater, der ja Röbis ehemaliger Vormund ist, hat über das Vorkommnis doch furchtbar gewettert. Studentenehre hin oder her! Für Röbi, den künftigen Schweizer Rechtsgelehrten, bleibe der Schmiß eine Schande sein Leben lang.«

Sie schwieg mit großen, nachdenklichen Augen, und das Leuchten wich aus ihrem lebhaften Gesicht.

»Ein Rechtsgelehrter, ein Jurist wird Röbi, ja, der will hoch hinaus!« rief Liseli Suter, das Mesnerkind, um deren leichtsinniges Gesicht ein Sonnenschein roter Flieghaare spielte.

»Der wird einmal Großrat, Kriminalrichter, ja sogar Landammann,« erwiderte ihr Gertrud mit aufsteigender Wärme. »Wir haben im Ländchen keinen Überfluß an studierten Männern, sagt mein Vater, und gerade weil Röbi eine so schöne Zukunft winke, sollte er seinem Ruf und seiner Ehre Sorge tragen.«

»Und du würdest Frau Landammann!« lachte die Mesnerliese unbesonnen heraus.

Gertrud und Gritli, beiden stieg das Blut jäh in die Wangen, einen Augenblick herrschte das Schweigen der Verlegenheit im Kreis der Jugendfreundinnen. Gertrud brach es mit der Bemerkung: »Wenn ihr töricht zu reden anfangt, so wollen wir doch lieber wieder an die Arbeit gehen!«

Ihr Wort galt. Nicht bloß, weil sie heute Gastgeberin der Gesellschaft war, sondern aus einer unbewußten Anerkennung ihres Wesens, des offenen und verständigen Sinnes, den sie von ihrem Vater ererbt hatte.

Der Tisch mit dem Abendbrot stand leer, die Stickerinnen lehnten wieder über ihre Rahmen, und geraume Weile hörte man wieder nur das Zischen des Werkzeuges in dem Musselin.

»Aber Gritli, du zerbrichst ja eine Nadel um die andere,« unterbrach Rosine Zumsteg die Stille.

Gritli gab keine Antwort, sie beugte sich nur tiefer auf ihre Arbeit nieder.

»Was kommen denn dort für zwei die Straße herauf?« fragte die grauäugige Babette Schacher.

Alle spähten.

»Ach, das ist der Schreiner- und Glasermeister Hildebrand mit seinem Gesellen, der Vater erwartet sie,« versetzte Gertrud. »Sie kommen zur Untersuchung der Hauswände, die schlechten Schindeln sollen herausgenommen und ersetzt werden. Überhaupt will der Vater auf Ostern den Freihof erneuern und streichen lassen. Es ist viele Jahre nichts daran geschehen, nun soll das Haus wieder schmuck werden!«

Sie erhob sich und ging, um die Handwerksleute anzumelden. In sinnender Traurigkeit schaute Gritli der ebenmäßigen, kräftigen Gestalt nach.

Wie prächtig saß Gertrud das von blonden Zöpfen umwundene Haupt auf dem schönen Hals! Dafür hatte natürlich auch Röbi Augen. Nein, gegen ihre Freundin vom Freihof, die sich zu einem so frischen und stolzen Mädchen entwickelt hatte, konnte sie nicht aufkommen, obgleich es lange schien, daß sich die Liebe Röbis ihr zuwende. Schmerzlich überflogen ihre Gedanken die Erinnerung an den wilden Nachbarbuben. Er hatte dem Lehrer und dem Pfarrer manche saure Stunde, aber auch viel Freude bereitet und es schon in seinen Schuljahren verstanden, mit einem drolligen Wort oder einem lachenden Augenaufschlag diejenigen, die er durch sein heißes Blut verärgert hatte, wieder für sich zu gewinnen. Und je älter er wurde, desto stärker kam sein überlegenes Wesen zur Geltung. Die anderen Jungen folgten freiwillig seiner Schwungkraft, und alle Mädchen hatten ihn lieb.

Sie selbst am meisten.

Weiter kam sie mit ihren trüben Gedanken nicht.

Mit seiner Tochter trat der Freihöfler aus dem Hause, eine knorrige Gestalt, um eine Fingersbreite kleiner als Gertrud. Er lobte den Fleiß der Mädchen, wußte für jedes ein Scherzwort und ließ dabei das Gesicht, in dem eine kurze, scharfe Bogennase stand, aus dem halbergrauten Kranzbart leuchten.

Nun waren Schreiner Hildebrand und der Geselle mit ihren Werkzeugen zum Freihof herangestiegen. Die Mädchen konnten ein Lachen über das ungleiche Paar nicht unterdrücken. Der Meister war kurz und dick und hatte ein breites, schwammiges Gesicht, der Geselle dagegen, der ein paar Schritte hinter ihm ging, war übermäßig hoch aufgeschossen und von einer Magerkeit, die schier nach Erbarmen schrie.

Die beiden grüßten den Freihöfler und die Mädchen. Wie der Geselle den Arm regte, um seine Mütze zu lüften, da war es, als ob sich ein umständliches Hebelwerk oder die langen Beine einer Spinne rührten. Unter den Mädchen blieben nur Gertrud und Gritli ernst.

Vor Gertrud Freihofer aber ging es dem langen, dünnen Gesellen seltsam. Der Anblick der blühenden Gestalt gab ihm durch die Höhe seines Körpers einen Ruck, in den bleichen Kopf hoch oben stieg das Blut, seine warmen Augen, das einzige Gewinnende an der lächerlichen Gestalt, hefteten sich wie gebannt auf das Mädchen.

Gertrud war gewohnt, daß sich junge Männer nach ihr umblickten, aber so wie dieser lange, sonderbare Geselle –nein, das war zu stark!

Sie war froh, als der Meister, der sich mit dem Vater unterhielt, den wie angewurzelt Stehenden mit dem Befehl hinwegrief, eine Leiter zu holen.

»Gottlob!« versetzte sie halb entrüstet, halb scherzend und mit einem Seufzer der Erleichterung. »Was habe ich denn an mir, daß mich der lange Balz so anstarren muß? Anlaß hab' ich ihm nie gegeben und noch nie ein Wort mit ihm gesprochen.«

Die anderen lachten.

Gritli aber, die für ihn Verständnis aus ihren eigenen Schmerzen schöpfte, verteidigte den Gesellen: »Nimm es ihm nicht übel! Balz ist wohl ein seltsamer Mensch, aber so gut, daß man ihn für ein freundliches Wort um den Finger wickeln kann. Als Nachbarn des Tischlers kennen wir ihn. Er ist seit vielen Jahren der erste Geselle, der es bei Hildebrand aushält. Alle anderen sind dem Grobian bald wieder davongelaufen. Balz aber bleibt und ist ein Segen für die Familie: für den Meister, der ohne den tüchtigen Arbeiter vielleicht schon in die Zwangsversteigerung gekommen wäre, für die schwächliche Frau, der er am Feierabend die härtesten Dienste abnimmt, und für die vernachlässigten Kinder, die er kämmt und striegelt und denen er wunderschön auf der Ziehharmonika vorspielt.«

Die Mädchen horchten ernsthaft.

»Ihn jetzt aber vierzehn Tage –mit diesen sonderbaren Augen auf dem Hof haben,« warf Gertrud ein, »nein, ich danke.«

»Schreiner Hildebrand würde mit der Arbeit nicht fertig ohne Balz,« versetzte Grit«. »Der ist mit seinen langen Fingern in allen Hantierungen merkwürdig geschickt und immer fleißig, ob der Meister bei ihm steht oder nicht.«

»Wenn aber der lange Balz ein so ordentlicher Geselle ist,« fragte Liseli Suter, »was bleibt er denn bei dem Lotter? Da fände er doch einen besseren Meister!«

»Ich glaube, dem Balz gefällt es deswegen, weil er bei Hildebrand allein Geselle ist,« erwiderte Gritli. »Er hat eine Krankheit, über die ihn Mitgesellen auslachen würden –von Zeit zu Zeit Anfälle von Heißhunger. Und die Hildebrands machen sich nichts daraus.«

»Heißhunger?« kam es fragend von den Lippen der anderen. »Was ist das?«

»Eine krankhafte Gier, von manchen Speisen mehr zu essen, als vernünftig und anständig ist. Balz weiß recht wohl, daß es gegen die Sitte geht und ihm schwer schadet, aber wenn er angefangen hat, kann er nicht anders,« erzählte Gritli.

»Und bleibt bei dem vielen so dünn!« lachte die Liese.

Plaudernd spähten die Mädchen nach dem Gesellen, der auf einer Leiter die schadhaften Stellen am Haus untersuchte, die gesprungenen oder morschen Schindeln im Schuppenkleid löste und den Freihöfler wie den Meister auf mancherlei Schäden von Wind und Wetter hinwies.

Da kam von einem Wiesenweg der Landbriefträger in den Freihof eingeschwenkt und trat auf die Stickerinnen zu. »An Fräulein Gertrud Freihofer zum Freihof bei Haldenegg« las der Alte die Aufschrift eines Briefes und reichte ihn Gertrud mit humorvoller Umständlichkeit.

»Er ist von Röbi!« rief sie freudig, und ihre Wangen färbten sich mit rosigem Rot. »Briefträger, geht doch in die Stube und laßt Euch von der Vree einen Schoppen geben!«

Die Mädchen hatten plötzlich den langen Balz vergessen und waren auf den Brief des Studenten neugierig. Das vorhin so gesprächige Gritli aber beugte ihren Kopf voll dunkler Zöpfe tief auf die Arbeit. Warum hatte nicht sie von Röbi den Brief bekommen?

Gertrud las ihn still für sich und mit wachsender Freude.

»Er will wirklich die Osterferien hier verbringen,« unterbrach sie sich. »Und dazu schreibt er: ›Von meinem Schmiß habt Ihr, Dein Vater und Du, wohl durch den Fürsprecher Eberli gehört; Buße für die Torheit, wie Ihr in Haldenegg die Mensur nennt, habe ich vor dem Spiegel, im stillen Kämmerlein getan. Pfui Teufel, Röbi! mußte ich selber sagen, schöner bist du durch den roten Striemen nicht geworden, und eine Freude werden die Haldenegger an dir nicht haben. Wenn ich an Deinen Vater denke, Gertrud, so würde ich mir lieber die Haften noch einmal durchs Gesicht ziehen lassen, als ihm mit dem blutigen Strich vor die Augen treten. Ich finde aber keine Ruhe, bis der Streit mit ihm ausgetragen ist, und leide am tiefsten Heimweh nach Euch allen.‹«

Hier verwirrte sich die Stimme Gertruds, man spürte, daß sie Zeilen überschlug.

Nur eine Stelle las sie noch vor: »›Was für ein Donnerwetter Dein Vater für mich bereithält, in aller Lebenslust der Stadt denke ich doch nur an die Heimat. Jodeln und jauchzen will ich wieder einmal von unseren hellen Bergen! Darauf freue ich mich wie ein junger Zeisig. Mitten in meinen Schmerzen hab' ich mir auch überlegt, wie wir, die Jugend von Haldenegg, Ostern schön feiern wollen. Ich plane die Wiederholung des Eierfestes auf dem Wiesenplan des Freihofs, das vor drei Jahren so prächtig verlief. Hanstöni soll wieder werfen, und unter den Bauernburschen werden wir schon einen Reiter finden, der uns den nach Amerika verschwundenen Dolf Guggi ersetzt.‹«

Heller Jubel brach unter den Mädchen aus. »Das ist Röbi! Nun wissen wir, daß wir die Flügelhauben rüsten müssen!«

»Arnold Röthlisberger, der Sohn des Fuhrhalters, kann ja Osterreiter sein,« warf Rosine Zumsteg, das jüngste der Mädchen, in das Gespräch ein.

»Ich weiß nicht, ob der Vater ein Fest auf dem Freihof mag,« dämpfte Gertrud die Freude der anderen. »Er ist, je älter er wird, um so weniger ein Freund von lauten Anlässen.«

Sie beachtete es nicht, wie der Brief, den sie in den Gürtel zu stecken meinte, auf den Boden glitt.

Gritli hob ihn auf, sie wandte sich mit flehender Gebärde an Gertrud, als ob sie um die Erlaubnis bitte, ihn lesen zu dürfen.

»Nein,« flüsterte diese erschreckt und nahm den Brief mit einer hastigen Bewegung an sich.

Da rollten Gritli stille Tränen aus den Augen.

Gertrud verstand. Wie aber hätte sie Gritli den Brief geben können, in dem Röbi so viel Liebes schrieb, nicht für Gritli, sondern für sie, Worte jauchzenden Glücks und stürmischer Liebesfreude über das baldige Wiedersehen!

»Was hast du, Gritli?« fragte Rosine Suter.

»Es ist nichts –mir ist nur dunkel worden vor den Augen –ich hab' mich bei der Arbeit etwas überanstrengt. Das ist mir schon ein paarmal geschehen!«

»Wir machen nun wohl alle bald Feierabend,« entschied Gertrud, vom Leid der Gespielin beklommen, »die Sonne ist ja schon im Sinken, und es wird kühl.«

So kam das Ende des schönen Tages.

Während Gertrud auf dem Freihof zurückblieb, stiegen die anderen Mädchen ins Dorf hinab.

Bald wurden Schreiner Hildebrand und sein seltsamer Geselle mit der Untersuchung des Hauses fertig, sie rüsteten auch zur Heimkehr, und der Meister trat zu Gertrud. »Es sind mehr Schäden da, als man auf den ersten Blick glaubt. Erschrecken Sie am Morgen nicht, wenn wir zu klopfen anfangen. Dafür schaut der Freihof zu Ostern wieder wie eine junge Braut ins Land!«

Sie hörte des Schreiners Worte nur halb. Denn hinter dem Meister stand wie ein Gerippe der lange Balz und staunte sie mit verzückten Blicken an, als ob sie irgend etwas Wunderbares an sich hatte. Ihr war, sie müsse die glänzenden Augen mit einem unwilligen Stoß von sich abschütteln.

Doch da gingen die beiden, der kugelige Meister mit den Blinzelaugen und sein langer, närrischer Geselle fort.

Von Haldenegg herauf klang die Abendglocke.

Während Gritli Geißmann niederwärts dem Dorf zuschritt, hatte sie kaum Ohr für das Gespräch der anderen Mädchen. Ihre Gedanken hingen völlig an Röbi.

Damals, als sein Vater nach einem Unglücksfall im Wald hoffnungslos darniederlag, lebte der Siechende im lichten Glauben, sie würde mit Röbi einmal ein Paar. Mit den Freunden, die ihn besuchten, beriet er sich oft über den künftigen Beruf des vielversprechenden Jungen. Am liebsten hätte er gesehen, wenn Röbi auf dem eigenen schönen Besitztum Bauer geworden wäre. Der halbwüchsige Bursch aber wandte sich mit dem Bekenntnis an den Vater, daß er am liebsten studieren würde, und erwirkte von ihm noch die Erlaubnis, ein Gymnasium zu besuchen. Als der wie ein Bolz heranwachsende Jüngling schon auswärts weilte und nur noch die Sonntage und die Ferien in dem von der Großmutter geführten elterlichen Haushalt verbrachte, da war sie stets noch die Vertraute seiner Träume und Hoffnungen und seines in vielen Überlegungen gefaßten Entschlusses, Rechtsgelehrter zu werden.

O, die selige Zeit, da sie miteinander die höchsten Gedanken austauschten, die das Menschenherz bewegen können! Da wuchs sie selber neben dem feurigen Röbi und mußte, um gegen seine Verstandesschärfe gewappnet zu sein, in ihrem Tun und Denken tiefgründiger werden!

Dann kam die Enttäuschung. Für ihr ehrliches Streben hatte er kaum ein anerkennendes Lauschen, häufig dagegen einen leichten oder scharfen Spott. Anreden wie »Gritli Blaustrumpf« kränkten sie, aus ihrem verletzten Mädchenstolz gab es Verstimmungen, und Röbi, der manchmal sehr ungerecht war, schürte dieselben. Ihre Liebe wurde in den Schmerzen des Sichmißverstehens nur größer, er aber glitt, als er eben zur Universität hinübertrat, von ihr ab –hinüber zu ihrer Freundin Gertrud Freihofer. Und jetzt war es sicher, daß die beiden, wenn es auch keines von ihnen offen zugab, im stillen verlobt waren.

Jedermann im Dorf vermutete es. Daher auch das Wort der leichtsinnigen Liese Suter zu Gertrud hinüber: »Und du würdest also einmal Frau Landammann!«

Gritli seufzte herztief.

Nachdem sich die anderen Mädchen schon von ihr verabschiedet hatten, erreichte sie den Pfarrhof und überlegte, wie viel Arbeit ihrer noch an diesem Abend warte, denn sie war die Älteste in einem lebensvollen und kinderreichen Haus.

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