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Der Landstreicher

Carl Hauptmann: Der Landstreicher - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Landstreicher und andere Erzählungen
authorCarl Hauptmann
year1912
publisherDie Lese Verlag
addressStuttgart
titleDer Landstreicher
pages141-150
created20040129
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Carl Hauptmann

Der Landstreicher

Züge und Ausdruck der Menschen kann man in allerhand andrer Gestalt wiederfinden. In Wetterwolken, die jetzt die – und dann andere seltsame Stirnen und Münder zeigen, und in mächtige Rachen sich auftun oder in fliehende Scharen sich lösen – oder flach und gedehnt wie träge stehende Fische am Himmel lasten, die dann, ein jedes lange, mächtige Tier, Augen gewinnt und zum unheimlichen Luft- und Nebelhaupt in der Höhe sich ausdehnt, mit wulstigen Lippen, darüber die Backenknochen aufwachsen und die Augen sich weiten, drein man in Licht sieht wie in Gründe – das Ganze einem furchtbaren Moloch ähnlich.

Das alles sind nur fliehende, schwankende Dinge. Das alles sind nur Träume, die am Himmel hinjagen und im eigenen Schauen hinjagen, ein Leben von wenig Atemhauchen führen und dann auch schon verwehen und zerrinnen.

Oder man findet Menschenzüge in Felsköpfen hoch oben, wenn drunten im Tale schon Schatten gehen und die Steinhäupter allein im Lichte ragen. Die Steinhäupter starren in Jahrtausenden unverwelklich. Sie sind in Jahrtausenden, was Wolken in Augenblicken. Aber sie zerrinnen und verwehen wie sie. Was ist die Zeit? Die Mienen der Götter sind ihnen für lange eingegraben. Ewiger und dauernder wie Menschenzüge. Aber auch die Steinmienen sind Launenzüge. Sie verstreichen und verwehen. Wolkenbilder, die ein Jahrtausend stumm und starr blieben. Was ist ein Jahrtausend? Wie viele, die verweht sind, daß so mächtige Blöcke, unzählige rings, von lichtem Flechtenglanz umsponnen, zertrümmert liegen, alles einmal Ragende wie Götterhäupter! – Und daß nun ewig neue Wolkenschiffe mit Geisterbemannung – ewig neue, weite Rachen und fliehende Schwäne – neue, undeutbare Ungeheuer – und weiße Stirnen, streng und gewaltig – und Augen, in Ätherglanz tauchend, entschweben aus den Gründen hinter den Bergen.

Das alles sind nur Träume. Die Wolken und die Felsen, die in Wolken ragen, alles sind nur fliehende und schwankende Dinge. Die Jahrtausende gehen ungehört wie auf weichen Sohlen.

Und zwischen den Trümmern der Götterbilder grasen bunte Kühe und rufen verwehend in die Zeit. Und kleine Flattergeister, Klümpchen Erde, die aufgeflogen, weben nie gedeutete Töne in die Lüfte, streichen flügelgebend ängstlich in Nebeln um die Steinwesen, von den Lüften verworfen, daß sie kämpfen müssen. Arme greifen, die sie nie gesehen, Atem weht aus Kehlen, die sie nie gesehen. Die seit Jahrtausenden greifen und atmen, länger als Steinhäupter und Wolken. Die die Steinhäupter mit ihrem Atem versengen und die Wolken verwehen mit ihren gewaltigen Seufzern durch die Erdenlande und durch die Zeit.

Und Eulen flattern auf. Seltsame Schreie klingen dumpf wie Totenklage, eintönig und verhallend in den Schrunden, wenn die Nacht kommt. Die Nacht, die älter ist wie Jahrtausende und wie Stürme. Die uralte Nacht, in der Gott schlief, ehe das Licht in den Äther sprang.

Die Nacht – das große Grab, die große Mutter. Alles schlief in ihr. Alles deckt sie. Alles ruht zum Auferstehen bereit in ihr aus. Die Quellen raunen und rieseln in der Nacht. Wann flossen die ersten Tropfen aus Felsen in Nacht zu Tale nieder? Die Welle plaudert und ist redselig immer und murmelt vor sich hin. Alle lauschen gespannt, wenn die Quellen in Nacht rieseln und raunen. Und des Deuters Weisheit denkt, daß die Wolkenhäupter Söhne der Welle sind, die tausendfache Gestalt nimmt, daß eines Menschen Angesicht und Auge das ewige Geheimnis der Quelle ist; daß der Stein hingebildet aus dem Feuchten, dauert und ragt, und der feuchte Atem aus unsichtbaren Kehlen ihn anweht und verzehrt unter den Seufzern durch die Erdenlande und durch die Zeit.

Denn die Mienen in Felsen und Menschen, in Eulen und Wolken sind einer Mutter Züge –: Launenzüge sind aus der Welle ins Blut geschrieben. Und in dem Auge des meckernden Zickleins sieht das alte Licht zu seiner Mutter Quellen auf und in den feuchten Lippen, die sich an die Euter drängen, drängt noch immer die verstoßene Welle zum Urgrund.

Ein Dorf lag im Tale, in die Enge der Wände hineingezwängt. Sonne lag auf den blauen Dächern und blitzte aus den kleinen Scheiben. Die Obstgärten, die in die Fenster der Häuschen hingen, glänzten in Tau, und die Wäschelaken an den Zäunen waren eingeholt. Es war Sonntag. Der Bauer saß am Tisch und sah reinlich aus. Er redete nicht. Er war ein gewichtiger Mann unter den Seinen und nun gar Sonntags. Er strahlte jetzt Würde und Sicherheit, sah sich um und dachte kaum an werktägliche Dinge. Er hatte es im Blute, wie sein weißes Hemd, und machte ein ganz feierliches Gesicht.

Und die Bäuerin schob noch alles hin und her. Die mußte freilich auch Sonntags Ochs oder Esel aus dem Brunnen holen. In der raschen Hantierung war da kein Nachlassen. Die Töpfe, die brodelten, mußten eine rege Hand haben, die sie hin und herschob; und die Mägde mit den derben Armen, so rund wie Würste, und mit dem Gekreisch und Gelächter draußen im Rinderstalle, die mußten immer eine Stimme irgendwo fühlen – auch im Dunkeln und Geheimen, von der sie auch fürchteten, daß sie Ohren und Augen hätte, sonst waren sie bald in allerhand Lotterleben und hatten Rinder und Kälber vergessen.

Das schrie und stapfte und brüllte da drinnen und gab den alten Grundakkord eines Bauernlebens.

Draußen zog auch der Sohn den alten Falben aus der Schmiede heim, den er noch vor Kirchgang mußte mit Eisen versehen. Aber auch der Sohn hatte ein weißes Hemd an und sah reinlich aus. Es war eine Feierlichkeit, die selbst der Falbe merkte, der nur ganz unbedenklich langsam trottete, gar nicht etwa, als wenn es etwas anderes noch in der Welt gäbe, wie Heu und Hafer, und der jetzt gar kaum die Beine hob, daß er mit den neuen, plumpen Eisen die Stallschwelle streifte und ein Stück Span mit abriß.

»Nu – da – . . . heb nur wenigstens die Knochen, wenn's auch Sonntag ist«, sagte sehr mild gestimmt der große, junge Bursche, und hatte bald das Wort vergessen.

In dem Dorfe gab es jetzt an Ecken und Enden, in den Höfen und aus den Hütten der Hänge festliche, bunte Menschen. Sie waren alle wohlgestimmt, und es war eine rechte Bereitschaft, einmal Hassen und Hasten zu vergessen und mit stiller Würde zu schreiten. Sonne lag hoch im Morgenäther. Sonne kam wie aus der Bergwand in die kleine Enge. Alles schritt darin heimlich angetastet bis ins Blut von Wärme und Glanz, und die reinlichen Hütten und Höfe und Felder, die ein jedes einem Paar Augen und einem bestimmten Blute zugehörten, gingen jetzt wie eine frohe, sonntägliche Vision mit Bauer und Bäuerin und Schmied und Wagner, die allmählich einer dem andern zur Kirche folgten.

Es waren alles feste, ehrwürdige Männer, bis auf den Schneider, der ein wenig wippte, auch vor der Kirche zu lachen wagte, und einen Witz nicht scheute, selbst wenn er in die sonntägliche Sonnenluft verklang.

Und die Glockenklänge brachen sich und klangen nun voll und heilig und tanzten in der Goldluft und wiegten sich. Allen hörenden Herzen wurde der Weg noch leichter, weil sie sich mit den Klängen wiegten. In alle die fuhr der volle, reiche Laut, und die ganze Würde des Dorfes war in jedes Blut gehoben, und niemand fühlte mehr das arme eigene Leben flüchtig und abgehastet – die Fülle und Reinlichkeit, die reifenden Felder und der Glanz der Obstgärten stand in jedes Auge; alle waren nun eine Sonntagsgemeinschaft und ein Fest.

Die Glocken klangen hin und klangen her. Sie verwehten hoch in die letzte Hütte am Waldsaum und der stolze Hochton ebbte nieder, und wer in der Ferne noch ging, strebte eiliger, wer nahe war, sah die wogende Glockenzunge und sah die Dorfjugend auf dem Turm in dem Himmelsblau und sah den mächtigen Metallhut schwanken . . . bis die letzten gekommen waren . . . bis auch die letzten Töne zögernd klangen, einsilbiger, unterbrochen, dann einmal Stille war, noch ein Laut, noch ein hartes Klingen, scharf fast – und dann das Dorf einsam lag mit den Sonnenstrahlen, die unter den Schattenbäumen sich ringelten und tanzten.

Sonntag – in der stillen, kühlen Dorfkirche . . . der Pastor stand unter den Einfältigen oder Stolzen, die alle ein festliches Kleid anhatten. Der Gesang verbrauste. Dann kamen die getragenen Worte. Das Evangelium vom reichen Manne und vom armen Lazarus. Christus hat uns das Evangelium vorgelebt. Er lehrte nicht mit Worten. Er lebte uns die Menschenliebe vor. So konnte Paulus dann sagen, was die Liebe ist. So konnte man es auch am Sonntag hören, die Geschichte vom reichen Manne und armen Lazarus.

Der Bauer sah nur noch dann und wann sich um. Die Bäuerin war feierlich und hielt das Tüchel vor die Nase. Die Jungen auf dem Chore schrieen nicht mehr, sie musterten längst die gesenkten Köpfe, Reihe an Reihe, und stießen sich einmal an und lachten. Sie hatten auch den Krähhahn, einen elendigen Bettelmann im hinteren Gestühl entdeckt.

Und in der Wölbung brach sich das freundliche, eindringliche Wort, und füllte alles mit Aufheben und Würde. Alles saß versunken in dem feierlichen, kleinen Wortereigen, der einen Augenblick klang wie Liebe in allen Seelen . . . »Liebe . . . Liebet euch – – – – – – – – Liebe . . . Liebe . . . Liebe . . .«

Da . . . ein heimlicher Strahl kam durch die Kirchtür; als wenn sie sich auftäte – und legte sich auf einige Köpfe wie ein Schein, und man wußte nicht . . .

Der Pastor sprach, aber paßte auf den Lichtstrahl, denn jetzt hinterdrein drückte sich ein Landstreicher zur Kirchtür herein, dem Lichtstrahl nach; ein grauer, staubiger Mann mit Schweißperlen auf der braunen Haut, ein Fremder – aus einem südlichen Vaterlande . . . einer der durch's Dorf wanderte – einer den das Schicksal ruhelos umtrieb!

Die schwarzen Haarsträhne glitten in das braunbleiche Gesicht. Die Augen waren Glut, aber er sah niemand an. Nur die Bauern sahen ihn an, so daß die Worte einen Augenblick verhallten in ihren Ohren. Und der Pastor sah ihn an. Er empfand es als Störung und hatte gleich einen Unmut in den Linien seiner Stirn. Sein Mund sprach weiter, aber auch ihm verhallten seine eigenen Worte, weil sich der fremde Landstreicher in seine Kirche drängte und in seine Seele. Alle sahen heimlich oder offen auf den grauen, staubigen Fremdling, der sich demutsvoll in die hohen Tore hereingeschmiegt, und der nun auch unter den Wölbungen nicht Halt gemacht.

Es war gar seltsam.

Der Wind hatte ihn hergeweht, diesen Durstigen nach der Quelle. Er hatte nur an dem hohen Turme draußen erkannt, daß einem hier eine Freistatt wäre, aufzublicken und zu versinken. Er achtete gar nicht, was man redete. Er verstand das Wort nicht, das die Feier gab. Die Schweißtropfen rannen von seiner Stirn. Der schwarze Haarsträhn hing lose über dem gesenkten Kopf. Der verrissene Bettlerhut hing mit dem Wanderstab in den gefalteten Händen. Er fragte auch nicht die Mienen, ob er ein hochzeitlich Kleid brauchte zu seinem Trunke.

Die Jungen auf dem Chore lachten heimlich. Der Geistliche sah ihn wieder an wie mit einem zufälligen Blick aus seiner Vertiefung in die klingend fließenden Worte des Evangeliums. Im Dorfe war er ganz unbekannt. Das hatte jetzt der Pastor innerlich erkannt. Aber weil er doch ruhig fortsprach, senkten die Kopfe sich neu in die Worte, die herumklangen im stillen Raume – und niemand sah dann anders als nur mit einem heimlichen Seitenblick noch zu dem Fremdling.

Ein richtiger Vagabund, dachte man. –

Aber versunken war er – ganz anders noch gleich beim Hereintreten, als der Bauer, der beim Horchen und Hören sich und seinen Stolz nicht wegwarf, auch die Bauerndirne nicht, und die alte Bäuerin, die heimlich an ihrem Spitzentuche zog, es glatt zu machen. Auch der Geistliche nicht, der zwar feierlich sprach, aber grade jetzt nur dachte: »Ach, ein Katholik, oder Grieche – lassen wir nur den Fremdling! dulden wir ihn –« so etwas ging neben seinen feierlichen Worten in ihm her. Auch der alte Bettelmann des Dorfes fühlte wie eine Anwandlung gegen den Fremden, der nicht gefragt hatte zu kommen, nur so mitten hindurchgegangen war durch den weiten Raum leise und in Demut, aber nicht in Demut vor denen, die da saßen.

Des Fremdlings Augen waren Glut und Suchen, aber er sah sich gar nicht um. Er war leise hindurchgegangen und hatte sein Knie vor dem Altare gesenkt, bekreuzte sich jetzt und lag auf den Stufen und hörte nicht die Worte und sah nicht die Menge. Aber vor seinem Gotte lag er jetzt da im Staube – und betete – und die Schweißtropfen rannen.

So kam in alle allmählich ein heimlicher Schauer. Auch der Pastor bekam einen Schauer. Der Pastor hob jetzt die Worte und tränkte sie neu mit Liebe und trieb die Seelen zum Aufschwung.

Die Hände des Fremdlings lagen hart um Wanderstab und Hut und fieberten. Er lag lange versunken – als wenn niemand um ihn wäre – nicht Sekten, nicht Heiden – tief demütig lag er vor dem Unsichtbaren.

Er wischte sich wieder den Schweiß ab und sah auf zum sterbenden Christ am Kreuze – ein inbrünstiges, langes Versunkensein – dann bekreuzte er sich neu – vollendete seine heimlichen Worte, so achtlos wie er gekommen war, erhob sich eilfertig – scheu – und ging – eilig – demütig wieder auf seinen Wanderweg.

Es war wieder ein Sonnenstrahl hereingeschlüpft, ehe er hinaus war. Die Worte des Pastors klangen nun fast freudig. Die Seelen in den Bänken hatten die Quelle gespürt. Der Pastor hatte die Quelle gespürt. Der graue Landstreicher hatte die Quelle angerührt und getrunken. Keiner wußte warum jetzt der Pastor so freudig sprach. Es war ein Sonnenstrahl vor ihm hergegangen, und der ewig Suchende hatte mit seinem Wanderstecken an den Stein geschlagen. Die Quelle rann auch irgendwo unter ihnen. Es war eine Feier in allen. Ein jeder hatte das Dorf vergessen. Der Pastor hatte seine Kirche vergessen. Sie hatten alle eine Vision: wie im gelobten Lande, wie wenn einer am Rebekkabrunnen gelegen, wie wenn eine hohe Frau ihm den Eimer gereicht, zu trinken. – – – –

Er wandert jetzt weiter – längst – wie Wolken und Wind wandern, Jahrtausende, wie Blätter wandern, im Winde gejagt, wie Träume wandern. Er wandert – und wird nicht Ruhe finden. Er ist ein Bruder der Lüfte und Sonne. Ein Staubkleid trägt er, eine Miene wie graue Steine. Die Stolzen um ihn verharren im Stolze. Die Klugen in ihrer Weisheit. Keiner denkt, daß er nichts ist. Ein Amt hat er. Besitz hat er. Ein Mensch ist er. Gar ein Großer ist er. –

Die Wolkengesichte gehen und wehen. Berge und Felsen, Kleine und Große verwehen. Der Atem des Unsichtbaren weiß Wandel zu schaffen. Die Eule hängt tot im alten Baumast und kann nicht rufen. Dörfer und Städte – nichts ist geblieben. Und die Jahrtausende verschütten die Quellen und Felssteine türmen sich auf. Aber der aus der Tiefe durstet, hebt sie auf seinem Wanderweg von den stillenden Wassern. Und überall findet der Landstreicher die Stelle, vor seinem Gotte hinzusinken und überall auch die Stelle, wo er einst begraben liegt.








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