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Der Landprediger von Wakefield

Oliver Goldsmith: Der Landprediger von Wakefield - Kapitel 5
Quellenangabe
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typenovelette
authorOliver Goldsmith
titleDer Landprediger von Wakefield
publisherVerlag von A. Hofmann u. Comp.
year1853
illustratorLudwig Richter
translatorErnst Susemihl
correctorreuters@abc.de
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Drittes Kapitel.

Eine Auswanderung. – Im Allgemeinen findet man, daß unser Lebensglück zuletzt von uns selber abhängt.

Die einzige Hoffnung unserer Familie bestand darin, daß das Gerücht von unserm Unglück der Bosheit oder dem Mißverständnisse zuzuschreiben sei. Doch erhielt ich bald einen Brief von meinem Agenten in London, der jeden einzelnen Umstand bestätigte. Für mich selber war der Verlust meines Vermögens von geringer Bedeutung. Die einzige Besorgniß, die ich empfand, galt meiner Familie, deren Erziehung nicht geeignet war, sie gegen Verachtung unempfindlich zu machen.

Fast vierzehn Tage waren vergangen, ehe ich versuchte, ihren Gram zu mildern; denn voreiliger Trost erinnert nur an den Kummer. Während dieser Zeit hatte ich auf Mittel gesonnen, uns unsern künftigen Lebensunterhalt zu verschaffen, und endlich wurde mir eine kleine Pfarre mit fünfzehn Pfund jährlicher Einkünfte in einer entfernten Gegend angeboten, wo ich wenigstens meinen Grundsätzen ungestört leben konnte. Diesen Vorschlag nahm ich freudig an und war entschlossen, mein Einkommen durch die Bewirthschaftung eines kleinen Pachtgutes zu vermehren.

Nach diesem Entschlusse war es meine nächste Sorge, die Trümmer meines Vermögens zu sammeln, und als ich alle Schulden zusammengerechnet und bezahlt hatte, blieben mir von vierzehntausend Pfund nur noch vierhundert übrig. Mein vorzüglichstes Bestreben bestand darin, den Stolz meiner Familie zu ihrer Lage herabzustimmen; denn ich wußte sehr wohl, daß Bettelstolz ein großes Elend ist. »Ihr wißt sehr wohl, meine Kinder,« rief ich, »daß unser jüngst erlebtes Mißgeschick sich nicht durch unsere Klugheit vermeiden ließ; doch kann die Klugheit viel thun, die Wirkungen desselben zu mildern. Wir sind jetzt arm, meine Lieben, und die Weisheit gebietet, uns nach unserer demüthigen Lage zu richten. Laßt uns daher ohne Bedauern jenen Glanz aufgeben, bei welchem Viele elend sind, und unter demüthigern Umständen jenen Frieden suchen, durch den Alle glücklich sein können. Die Armen leben glücklich ohne unsere Hülfe; warum sollten wir nicht lernen, ohne ihre Hülfe zu leben? Nein, meine Kinder, laßt uns von diesem Augenblick an alle Ansprüche auf vornehmes Leben aufgeben. Zum Glück besitzen wir noch genug, wenn wir weise sind, und darum wollen wir uns beim Mangel des Vermögens der Zufriedenheit zuwenden.«

Da mein ältester Sohn zum Gelehrten gebildet war, beschloß ich, ihn nach London zu schicken, wo seine Fähigkeiten ihm und uns nützlich sein konnten. Die Trennung von Freunden und Familien ist vielleicht einer von den widerwärtigsten Umständen, wovon die Armuth begleitet ist. Bald kam der Tag, wo wir uns trennen sollten. Nachdem mein Sohn von seiner Mutter und den Uebrigen unter Thränen und Küssen Abschied genommen hatte, bat er mich um meinen Segen. Ich ertheilte ihm denselben von ganzem Herzen, und dieser, nebst fünf Guineen, war das ganze Erbtheil, welches ich ihm mitgeben konnte. »Du gehst zu Fuß nach London, mein Sohn,« rief ich, »auf dieselbe Weise wie Hooker, Dein großer Vorfahr, einst dorthin wanderte. Empfange von mir dasselbe Pferd, welches ihm einst der gute Bischof Jewel gab – diesen Stab, und dazu dies Buch. Es wird Dich trösten auf Deinem Wege. Diese zwei Zeilen allein sind eine Million werth: »Ich bin jung gewesen und alt geworden; doch habe ich nie den Gerechten verlassen oder seine Kinder nach Brod gehen sehen.« – Dies möge Dein Trost sein auf dem Wege. Geh, mein Sohn! welches auch Dein Loos sein möge, laß Dich jedes Jahr einmal bei mir sehen; behalte ein gutes Herz und lebe wohl.« Da er Redlichkeit und Ehrgefühl besaß, so war ich nicht besorgt, ihn nackend auf das Amphitheater des Lebens hinauszustoßen, denn ich wußte, daß er siegend oder besiegt eine gute Rolle spielen werde.

Seine Abreise war nur die Vorbereitung zu der unsrigen, welche einige Tage später erfolgte. Der Abschied von einer Gegend, wo wir so manche Stunden der Ruhe genossen hatten, war nicht ohne Thränen, die auch die größte Standhaftigkeit nicht hätte unterdrücken können. Eine Reise von siebzig Meilen erfüllte überdies eine Familie mit banger Besorgniß, die nie über zehn von der Heimath entfernt gewesen war, und das Wehklagen der Armen, die uns mehrere Meilen begleiteten, trug nur dazu bei, dieselbe zu erhöhen. Die erste Tagereise brachte uns glücklich unserm künftigen Aufenthaltsorte um dreißig Meilen näher, und wir brachten die Nacht in einer schlechten Schenke eines Dorfes an der Landstraße zu. Als man uns ein Zimmer angewiesen hatte, bat ich den Wirth, meiner Gewohnheit nach, uns Gesellschaft zu leisten, was er gern that, da das, was er trank, am nächsten Morgen mit auf meine Rechnung kam. Er kannte die ganze Gegend, wohin ich reiste, besonders den Gutsbesitzer Thornhill, meinen künftigen Gutsherrn, der einige Meilen von dem Orte wohnte. Diesen Herrn schilderte er als einen Mann, der wenig mehr von der Welt wissen wollte, als ihre Freuden, und der besonders wegen seiner Verehrung des schönen Geschlechts berüchtigt sei. Er bemerkte, noch habe keine Tugend seinen Künsten und seiner Beharrlichkeit widerstehen können, und schwerlich sei im Umkreise von zehn Meilen eine Pachterstochter zu finden, bei der er nicht glücklich und zugleich treulos gewesen. Dieser Bericht, der mich einigermaßen beunruhigte, brachte eine durchaus verschiedene Wirkung auf meine Töchter hervor, deren Gesichter sich bei der Erwartung eines nahen Triumphes zu erheitern schienen. Auch meine Frau war nicht weniger erfreut über diese zu erwartende Gelegenheit und vertraute fest den Reizen und der Tugend ihrer Töchter. Während unsere Gedanken auf diese Weise beschäftigt waren, trat die Wirthin ins Zimmer, um ihrem Manne zu sagen, daß der fremde Herr, welcher zwei Tage im Hause gewohnt, kein Geld habe, um die Rechnung zu bezahlen. »Kein Geld!« versetze der Wirth, »das kann nicht möglich sein, denn noch gestern bezahlte er dem Büttel drei Guineen, um den alten Soldaten zu schonen, der wegen Hundediebstahls durch das Dorf sollte gepeitscht werden.« Doch die Wirthin blieb bei ihrer Behauptung, und er wollte das Zimmer verlassen, indem er schwur, er wolle auf die eine oder die andere Weise zu seinem Gelde kommen, als ich den Wirth bat, mich mit einem Fremden bekannt zu machen, der so viel Großmuth gezeigt habe. Er willigte ein und führte einen Herrn ins Zimmer, der etwa dreißig Jahre alt zu sein schien und dessen Rock ehemals mit Tressen besetzt gewesen war. Er war wohlgebaut und seine Züge gaben zu erkennen, daß er viel nachgedacht habe. Er war etwas kurz und trocken in seiner Anrede, und die gewöhnlichen Höflichkeitsformeln schien er entweder nicht zu kennen oder zu verachten. Als der Wirth das Zimmer verlassen hatte, konnte ich nicht umhin, dem Fremden mein Bedauern auszusprechen, einen Mann von Stande in solcher Lage zu sehen, und bot ihm meine Börse an, um die augenblickliche Forderung zu befriedigen. »Ich nehme sie von ganzem Herzen an,« erwiederte er, »und freue mich, daß die Unbesonnenheit, womit ich kürzlich alles Geld weggab, welches ich bei mir hatte, mich jetzt überzeugt, daß es noch wohlwollende Menschen in der Welt giebt. Ich muß indeß vorher bitten, mir den Namen und Wohnort meines Wohlthäters zu nennen, um ihm so bald als möglich das Geld zurückzahlen zu können.« Ich ertheilte ihm vollständige Auskunft darüber, nannte ihm nicht nur meinen Namen und erzählte ihm mein jüngst erlebtes Mißgeschick, sondern deutete ihm auch den Ort an, wohin ich mich begeben wollte. »Das trifft sich ja glücklicher, als ich hätte hoffen können,« rief er. »Auch ich gehe jenen Weg, nachdem ich hier zwei Tage durch den Austritt des Flusses aufgehalten worden bin. Morgen wird er hoffentlich zu passiren sein.« Ich versicherte ihm, daß es mir großes Vergnügen machen werde, in seiner Gesellschaft zu reisen, und auf das vereinte Bitten meiner Frau und Töchter ließ er sich bewegen, an unserm Abendessen Theil zu nehmen. Die Unterhaltung des Fremden war so angenehm und belehrend, daß ich wünschte, sie länger zu genießen. Doch es war hohe Zeit, sich zur Ruhe zu begeben und sich zu den Beschwerlichkeiten des folgenden Tages zu stärken.

Am nächsten Morgen machten wir uns alle zusammen auf den Weg. Meine Familie war zu Pferde, während Herr Burchell, unser neuer Reisegefährte, auf dem Fußsteige neben der Landstraße einherging. Er bemerkte lächelnd, da wir so schlecht beritten wären, so würde es nicht großmüthig von ihm sein, wollte er uns hinter sich lassen. Da das Wasser sich noch nicht ganz verlaufen hatte, waren wir genöthigt, einen Wegweiser zu nehmen, welcher vorauftrabte, während Herr Burchell und ich den Nachtrab bildeten. Wir verkürzten uns die Zeit unterwegs durch philosophische Disputationen, worin er sehr erfahren zu sein schien. Was mich aber am meisten in Erstaunen setzte, war, daß er, obgleich ein Geldborger, seine Ansichten mit solcher Hartnäckigkeit vertheidigte, als wäre er mein Patron gewesen. Hin und wieder theilte er mir auch mit, wem die verschiedenen Landsitze gehörten, an denen uns der Weg vorüberführte. »Jenes,« rief er, indem er auf ein prächtiges Haus zeigte, welches in einiger Entfernung lag, »gehört einem Herrn Thornhill, der ein großes Vermögen besitzt, doch gänzlich von dem Willen seines Onkels, des Sir William Thornhill, abhängig ist, der sich mit Wenigem begnügt, seinem Neffen das Uebrige läßt und meistens in London wohnt.« – »Was!« rief ich, »ist mein junger Gutsherr der Neffe eines Mannes, dessen Tugenden, Edelmuth und Sonderbarkeiten so allgemein bekannt sind? Ich habe diesen Sir William Thornhill oft als einen der edelsten, aber zu gleicher Zeit sonderbarsten Männer im ganzen Königreiche schildern hören, – als einen Mann von unbegrenzter Wohlthätigkeit.« – »Vielleicht übertreibt er sie zu sehr,« versetzte Herr Burchell, »wenigstens that er es in seiner Jugend; denn seine Leidenschaften waren damals mächtig, und da alle sich zur Tugend hinneigten, so führten sie ihn oft zu romantischen Extremen. Schon früh strebte er nach den Verdiensten des Kriegers und des Gelehrten, zeichnete sich bald in der Armee aus und erwarb sich einigen Ruf unter den Gebildeten. Schmeichelei folgt stets den Ehrgeizigen, denn die allein finden das höchste Vergnügen an der Schmeichelei. Er war von einer Menge umgeben, die ihm blos eine Seite ihres Charakters zeigte, so daß das Privatinteresse sich in eine unbegrenzte Theilnahme für Andere verlor. Er liebte das ganze Menschengeschlecht; denn der Reichthum hinderte ihn, die Erfahrung zu machen, daß es auch Schurken giebt. Aerzte erzählen uns von einer Krankheit, die den ganzen Körper so äußerst reizbar macht, daß er bei der leisesten Berührung Schmerz empfindet. Was einige körperlich erlitten, fühlte dieser Mann in seiner Seele. Das geringste Ungemach, entweder wirklich oder erdichtet, berührte ihn schmerzlich, und seine Seele wurde beim Anblick fremder Leiden tief ergriffen. Da er so sehr geneigt war, zu helfen, so ist nicht zu verwundern, daß Viele seine Hülfe suchten. Seine Verschwendung begann seinen Reichthum zu vermindern, aber nicht seine Gutmütigkeit, welche im Gegentheil zunahm, so wie der andere dahin schwand. Er wurde sorgloser, je ärmer er wurde, und obgleich er wie ein verständiger Mann redete, handelte er doch wie ein Thor. Noch immer von Zudringlichen umgeben und nicht mehr im Stande, jeden an ihn gerichteten Wunsch zu befriedigen, gab er Versprechungen statt baaren Geldes; denn dies war Alles, was er noch zu geben hatte, und ihm fehlte der Muth, Jemanden durch eine abschlägliche Antwort zu kränken. So zog er sich eine Menge von Hülfsbedürftigen auf den Hals; zwar wußte er, daß er täuschte, aber doch wünschte er ihnen zu helfen. Eine Zeit lang hingen sie ihm an und verließen ihn dann mit verdienten Vorwürfen und Verachtung. Aber auch sich selbst wurde er eben so verächtlich, wie er den Andern geworden war. Sein Gemüth bedurfte ihrer Schmeicheleien, und als diese Stütze hinweggenommen war, konnte er an dem Beifall seines Herzens kein Vergnügen finden welches er nicht zu achten gelernt hatte. Die Welt erschien ihm jetzt in einem ganz andern Lichte. Die Schmeicheleien seiner Freunde begannen zu einfachem Beifalle zusammenzuschrumpfen. Der Beifall nahm bald die freundschaftlichere Gestalt des Rathes an, und wenn der Rath verworfen wurde, so gab es Vorwürfe. Jetzt sah er ein, daß Freunde, die nur seine Freigebigkeit um ihn versammelt, geringen Werth hätten; er überzeugte sich, daß der Mensch sein Herz hingeben muß, um das eines Andern zu gewinnen. Ich fand jetzt, daß – ich vergesse, was ich sagen wollte: kurz, mein Herr, er beschloß, sich selbst zu achten, und entwarf einen Plan, sein gesunkenes Vermögen wiederherzustellen. Zu diesem Zweck durchwanderte er nach seiner Weise als Sonderling ganz Europa zu Fuß, und jetzt, ehe er noch sein dreißigstes Jahr erreicht, sind seine Vermögensumstände besser als je. Gegenwärtig vertheilt er seine Wohlthaten verständiger und gemäßigter als früher; doch ist er in Bezug auf seinen Charakter noch immer ein Sonderling, der an überspannter Tugend das höchste Vergnügen findet.«

Meine Aufmerksamkeit war durch Herrn Burchells Erzählung so gefesselt worden, daß ich kaum auf den Weg vor mich hinblickte, bis wir plötzlich durch einen Hülferuf meiner Familie aufgeschreckt wurden. Als ich mich umsah, erblickte ich meine jüngste Tochter mitten in dem reißenden Strome. Sie war vom Pferde geschleudert worden und rang mit den Wellen. Schon zweimal war sie untergesunken, und ich konnte mich nicht schnell genug besinnen, um ihr zu Hülfe zu eilen. Meine Bestürzung war zu groß, um auf Mittel zu ihrer Rettung denken zu können. Gewiß wäre sie umgekommen, hätte sich nicht mein Reisegefährte beim Anblick ihrer Gefahr in die Fluth gestürzt und sie mit einiger Schwierigkeit glücklich an das entgegengesetzte Ufer getragen. Der übrige Theil der Familie, der den Fluß etwas weiter hinaufgeritten war, kam wohlbehalten hinüber, wo wir jetzt unsern Dank mit dem der Geretteten vereinigten. Ihre Erkenntlichkeit läßt sich mehr fühlen als beschreiben. Sie dankte ihrem Retter mehr durch Blicke als Worte und hielt sich noch immer an seinen Arm, als habe sie noch fernern Beistand von ihm zu erwarten. Auch meine Frau hoffte einst das Vergnügen zu haben, eine solche Güte in ihrem Hause zu vergelten.

Nachdem wir im nächsten Wirthshaus ausgeruht und ein Mittagsessen eingenommen hatten, nahm Herr Burchell von uns Abschied, da sein Weg ihn nach einer andern Richtung führte. Unterwegs äußerte meine Frau, der Fremde habe ihr außerordentlich gefallen, und versicherte, wenn Geburt und Vermögen ihn berechtigten, sich mit einer Familie wie die unsere zu verbinden, so wüßte sie Niemanden, der ihr geeigneter dazu erschiene. Ich konnte nicht umhin, zu lächeln, als sie in so vornehmem Tone sprach; doch mißfielen mir niemals dergleichen harmlose Täuschungen, die nur dazu beitrugen, uns für den Augenblick glücklicher zu machen.

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