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Der Landprediger von Wakefield

Oliver Goldsmith: Der Landprediger von Wakefield - Kapitel 29
Quellenangabe
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typenovelette
authorOliver Goldsmith
titleDer Landprediger von Wakefield
publisherVerlag von A. Hofmann u. Comp.
year1853
illustratorLudwig Richter
translatorErnst Susemihl
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Siebenundzwanzigstes Kapitel.

Fortsetzung.

Am nächsten Morgen theilte ich meiner Frau und meinen Kindern den Plan mit, welchen ich zur Besserung der Gefangenen entworfen hatte. Alle mißbilligten ihn, und behaupteten, er sei unausführbar und unpassend. Meine Bemühungen, setzten sie hinzu, würden zur Besserung dieser Leute nichts beitragen, doch könnte ich dadurch meinen Stand herabwürdigen.

»Erlaubt mir,« entgegnete ich, »wenn diese Leute auch gefallen find, so find sie doch immer Menschen, und das giebt ihnen ein großes Recht auf meine Zuneigung. Ein guter Rath, der verworfen wird, kehrt zu dem Herzen dessen zurück, der ihn gegeben, und bereichert dasselbe. Wenn auch die ihnen mitgetheilten Lehren sie nicht bessern, so bessern sie doch gewiß mich selbst. Waren diese Elenden Fürsten, so würden sich Tausende anbieten, sie zu unterrichten. Mir aber ist das Herz, welches in einem Kerker begraben ist, eben so theuer, wie das, welches auf einem Throne schlägt. Ja, meine Lieben, wenn ich sie bessern kann, so will ich es thun. Vielleicht werde ich nicht von Allen verachtet. Vielleicht kann ich wenigstens Einen vom Abgrunde retten, und das wäre schon ein großer Gewinn. Giebt es denn auf Erden ein Kleinod, welches kostbarer wäre, als eine menschliche Seele?«

Mit diesen Worten verließ ich sie und ging in den Versammlungssaal hinab, wo ich die Gefangenen in Erwartung meiner Ankunft sehr lustig fand. Jeder hatte eine Posse in Bereitschaft, die er dem Doctor spielen wollte. Eben wollte ich anfangen, da drehte mir Einer wie aus Versehen die Perrücke herum und bat dann um Verzeihung. Ein Zweiter, welcher etwas entfernt stand, besaß eine große Fertigkeit, durch die Zähne zu spritzen, und benetzte mein Buch mit seinem Speichel. Ein Dritter rief in so affectirtem Tone »Amen,« daß es den Uebrigen zu großer Belustigung diente. Ein Vierter stahl mir heimlich die Brille aus der Tasche. Doch einer von ihnen spielte mir einen Streich, der seine Kameraden mehr belustigte, als alle andern. Er hatte sich gemerkt, in welcher Ordnung ich meine Bücher vor mir auf den Tisch gelegt. Sehr geschickt brachte er eins auf die Seite und legte ein Buch, worin unzüchtige Scherze standen, an die Stelle desselben. Ich achtete indeß nicht im geringsten auf das, was diese boshafte Gruppe kleinlicher Wesen thun konnte, sondern fuhr in der vollkommenen Ueberzeugung fort, daß das, was sie an meinen Bemühungen lächerlich fanden, sie wohl einigemal belustigen könne, daß aber das Ernste derselben einen bleibenden Eindruck auf sie machen werde. Meine Absicht gelang mir, denn in weniger als sechs Tagen empfanden Einige Reue und Alle waren aufmerksam.

Jetzt freute ich mich über die Ausdauer und Geschicklichkeit, womit ich jene Elenden, in denen jedes sittliche Gefühl erstorben zu sein schien, zur Besinnung gebracht hatte, und begann darauf zu denken, ihnen auch zeitliche Dienste zu leisten, indem ich ihre Lage weniger drückend zu machen suchte. Bis dahin war ihre Zeit zwischen Hunger und Völlerei, zwischen ausgelassenem Toben und bitterm Kummer getheilt gewesen. Ihre ganze Beschäftigung war, mit einander zu zanken, Karten zu spielen und Tabaksstopfer zu schnitzen. Die letztere Art ihres geschäftigen Müßigganges gab mir Veranlassung, diejenigen, welche Lust hatten, zu arbeiten, mit Verfertigung von Pflöcken für Tabaksfabrikanten und Schuhmacher zu beschäftigen, nachdem das dazu nöthige Holz durch gemeinschaftliche Subscription war angeschafft worden. Wenn es verarbeitet war, wurde es unter meiner Aufsicht verkauft, so daß Jeder täglich freilich nur eine Kleinigkeit erhielt, doch so viel, daß es zu seinem Unterhalte hinreichte. Dabei blieb ich nicht stehen, sondern bestimmte Strafen für unsittliche Handlungen und Belohnungen für ausgezeichneten Fleiß. Auf diese Weise waren sie bereits in vierzehn Tagen etwas humaner und geselliger geworden, und ich hatte das Vergnügen, mich als einen Gesetzgeber betrachten zu können, der Menschen von ihrer angebornen Rohheit zur Eintracht und zum Gehorsam geführt hatte.

Es wäre zu wünschen, wenn die gesetzgebende Macht sich mehr mit der Besserung, als mit der Bestrafung beschäftigte. Es erscheint einleuchtend, daß die Ausrottung der Verbrechen nicht durch häufige, sondern durch geschärfte Strafen bewirkt werden muß. Anstatt unserer, jetzigen Gefängnisse, in denen die Lasterhaften noch lasterhafter werden wo Unglückliche wegen eines begangenen Verbrechens eingesperrt und, wenn sie am Leben bleiben, wieder entlassen werden, um tausend neue zu begehen, – statt dieser Gefängnisse sollte man, wie in andern Ländern Europa's, für Wohnungen sorgen, zur Einsamkeit und Buße geeignet, wo der Angeklagte von Personen umgeben wäre, die ihn zur Reue führten, wenn er schuldig, und ihn in der Tugend befestigten, wenn er unschuldig wäre. Nur dies, und nicht Vermehrung der Strafen, ist das Mittel zur Sittenverbesserung des Staats. Auch kann ich nicht umhin, die Gültigkeit des Rechts zu bezweifeln, welches die gesellschaftlichen Vereine sich angemaßt, leichte Verbrechen mit dem Tode zu bestrafen. Beim Mord ist ihr Recht nicht zu bestreiten, da die Pflicht der Selbsterhaltung gebietet, den Menschen aus dem Wege zu schaffen, der gezeigt hat, daß ihm das Leben eines Andern gleichgültig ist. Gegen einen solchen empört sich die ganze Menschheit; doch ist es etwas ganz Anderes mit dem, der mir mein Eigenthum stiehlt. Das Naturgesetz giebt mir kein Recht an sein Leben, da nach jenem Gesetze das Pferd, welches er stiehlt, ihm so gut wie mir gehört. Wenn ich daher ein solches Recht habe, so muß es aus irgend einem unter uns geschlossenen Vertrage entspringen, daß, wer dem Andern sein Pferd stiehlt, sterben soll. Doch dies ist ein falscher Vertrag, da Niemand ein Recht hat, mit seinem Leben Tauschhandel zu treiben, eben so wenig, wie er es von sich werfen darf, da es nicht sein Eigenthum ist. Ueberdies ist der Vertrag ungleich und würde selbst von einem heutigen Kanzleigerichte verworfen werden, weil hier eine zu große Strafe auf ein kleines Vergehen gesetzt wird, da es doch offenbar besser ist, daß zwei Menschen leben, als daß ein Mensch reitet. Ein Vertrag aber, der nicht rechtskräftig ist zwischen zwei Menschen, kann es eben so wenig zwischen Hunderten und Hunderttausenden sein; denn eben so wie zehn Millionen Kreise nimmer ein Viereck bilden können, so kann auch die vereinte Stimme von Hunderttausenden niemals Unrecht in Recht verwandeln. So redet die Vernunft, und die ungelehrte Natur sagt dasselbe. Die Wilden, die sich bloß nach dem Naturgesetze richten, zeigen eine zarte Schonung für das Leben Anderer. Sie Vergießen selten Blut, wenn sie nicht vielleicht eine frühere Grausamkeit rächen.

Bei unfern angelsächsischen Vorfahren, so grausam sie auch im Kriege waren, fanden in Friedenszeiten nur wenige Hinrichtungen Statt, und in allen Staaten, die noch im Entstehen sind und noch das Gepräge des Naturzustandes deutlich an sich tragen, wird selten ein Verbrechen mit dem Tode bestraft.

Nur unter den Bürgern civilisirter Staaten sind die Strafgesetze in den Händen der Reichen, und treffen daher nur die Armen. So wie die Regierung älter wird, scheint sie wie das Alter mürrisch zu werden, und es ist, als ob unser Eigenthum in dem Maße, wie es sich vergrößert, uns schätzbarer würde, als ob unsere Furcht mit der Vermehrung unserer Schätze zunähme. So zäunen wir unsere Besitzungen gleichsam täglich mehr und mehr durch neue Strafgesetze ein und umgeben uns mit Galgen, um jeden Räuber hinwegzuscheuchen.

Ich weiß nicht, ob es von der Menge unserer Strafgesetze herrührt, oder von der Zügellosigkeit unseres Volks, daß dieses Land jedes Jahr mehr Verbrecher zählt, als die Hälfte aller Staaten von Europa zusammengenommen. Vielleicht liegt die Schuld an Beiden; denn Eins erzeugt wechselsweise das Andere. Wenn eine Nation sieht, daß Verbrechen von verschiedenem Grade mit gleicher Strenge bestraft werden, so verliert sie auch den Begriff des Unterschiedes in den Verbrechen, indem sie keinen Unterschied der Strafen bemerkt; und auf diesem Unterschiede beruht doch alle Moralität. Die Menge der Gesetze erzeugt auf diese Weise neue Laster, und neue Laster fordern wieder neue Beschränkungen.

Es wäre daher zu wünschen, daß die Staatsgewalt, anstatt neue Strafgesetze für Verbrechen zu entwerfen, anstatt die Bande der bürgerlichen Gesellschaft so fest zusammenzuziehen, bis eine krampfhafte Bewegung sie sprengen muß, anstatt Uebelthäter als unnütz aus dem Wege zu schaffen, ehe man versucht hat, wozu sie nützlich sind, anstatt heilsame Züchtigung in rachsüchtige Strafe zu verwandeln – anstatt dessen wäre es wünschenswerth, zu Beschränkungsmitteln seine Zuflucht zu nehmen, und die Gesetze zu Beschützern, aber nicht zu Tyrannen des Volks zu machen. Alsdann würden wir finden, daß Geschöpfe, deren Seelen für unnütze Schlacken gehalten werden, nur der bildenden Hand bedürften; wir würden finden, daß Unglückliche, zu langer Qual verdammt, gehörig behandelt, in Zeiten der Gefahr dem Staate wohl eine Stütze darbieten könnten, daß ihre Herzen wie ihre Gesichtszüge den unsrigen gleich, daß wenige Gemüther so schlecht find, um nicht durch ernstliches Bestreben gebessert zu werden, daß ein Mensch zur Erkenntniß seines Verbrechens gebracht werden kann, ohne dasselbe mit dem Tode zu büßen, und daß es nur wenigen Blutes bedarf, um unsere Sicherheit zu befestigen.

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