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Der Landprediger von Wakefield

Oliver Goldsmith: Der Landprediger von Wakefield - Kapitel 24
Quellenangabe
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typenovelette
authorOliver Goldsmith
titleDer Landprediger von Wakefield
publisherVerlag von A. Hofmann u. Comp.
year1853
illustratorLudwig Richter
translatorErnst Susemihl
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Wo noch Liebe vorhanden ist, werden Fehltritte leicht verziehen.

Am nächsten Morgen nahm ich meine Tochter hinter mir auf's Pferd und setzte meine Rückreise fort. Unterwegs wendete ich alle meine Beredsamkeit an, ihren Kummer und ihre Furcht zu besänftigen und sie mit Entschlossenheit zu waffnen, ihrer gekränkten Mutter entgegenzutreten. Ich nahm jede Gelegenheit wahr, die mir der Anblick einer schönen Landschaft gewährte, durch die wir kamen, um die Bemerkung zu machen, wie viel gütiger der Himmel gegen uns sei, als wir gegen einander, und daß die Natur uns nur äußerst wenig Leiden schaffe. Ich versicherte ihr, daß ich meine Gesinnung gegen sie nie ändern würde, und daß sie sich während meines Lebens, welches noch lange dauern könne, auf mich wie auf einen Lehrer und Beschützer verlassen solle. Ich suchte sie gegen den Tadel der Welt zu waffnen, und zeigte ihr, daß gute Bücher die angenehmsten und belehrendsten Freunde für den Unglücklichen wären, und wenn sie uns auch keinen Lebensgenuß verschaffen könnten, so lehrten sie uns doch wenigstens, es zu ertragen.

Das Miethpferd, welches wir ritten, mußte ich an diesem Abend in einem Wirthshause an der Landstraße lassen, welches etwa eine Stunde von unserer Heimath entfernt war. Um meine Familie auf den Empfang meiner Tochter vorzubereiten, beschloß ich, sie die Nacht in dem Wirthshause zu lassen und am nächsten Morgen mit meiner Tochter Sophie zurückzukehren, um sie abzuholen. Es war Abend geworden, ehe wir unsere Station erreichten; doch als ich ihr ein anständiges Zimmer verschafft und der Wirthin aufgetragen hatte, für Erfrischungen zu sorgen, küßte ich sie und wanderte auf meine Heimath zu. Je näher ich meiner friedlichen Wohnung kam, bemächtigten sich immer freudigere Empfindungen meines Herzens. Wie ein Vogel, der aus seinem Neste aufgescheucht worden, eilte meine Zärtlichkeit den raschen Schritten noch voraus und umschwebte meinen kleinen Herd mit dem ganzen Entzücken freudiger Erwartung. Meine Gedanken waren mit den herzlichen Worten beschäftigt, die ich sagen wollte, und mit dem Vorgefühl des Willkommens, der meiner wartete. Ich fühlte schon die zärtliche Umarmung meiner Frau und lächelte über die Freude meiner Kleinen. Da ich nur langsam ging, so hatte mich die Nacht überrascht. Die Arbeiter hatten sich schon alle zur Ruhe begeben, in allen Hütten waren die Lichter erloschen, und kein Ton war zu hören, außer dem Krähen der Hähne und dem weitschallenden Bellen der Hofhunde. Ich näherte mich meinem kleinen Freudenaufenthalte, und etwa hundert Schritte davon entfernt kam mir unser treuer Haushund entgegengelaufen. um mich zu bewillkommnen.

Es war beinahe Mitternacht, als ich an meine Thür klopfte. Alles war still und friedlich. Mein Herz erweiterte sich von unaussprechlicher Glückseligkeit, als ich plötzlich zu meinem Entsetzen helle Flammen aus dem Hause aufsteigen und jede Oeffnung mit glühendem Roth erfüllt sah. Ich stieß einen lauten krampfhaften Schrei aus und fiel bewußtlos zu Boden. Mein Sohn erwachte darüber, bemerkte die Flammen und weckte sogleich meine Frau und Töchter. Alle liefen halb nackend und von Schreck verwirrt aus dem Hause, und ihr Angstgeschrei brachte mich wieder zum Bewußtsein. Doch ich war zu neuem Schrecken erwacht, denn die Flammen hatten jetzt das Dach unserer Wohnung ergriffen und ein Theil nach dem andern fiel ein, während meine Familie starr in die Flammen blickte, als ob sie sich daran ergötze. Ich richtete meine Blicke bald auf sie, bald auf das Feuer, und sah mich besonders nach meinen Kleinen um; doch sie waren nirgends zu erblicken. »O Jammer! wo,« rief ich, »wo sind meine Kleinen?« – »In den Flammen verbrannt,« sagte meine Frau ruhig, »und ich will mit ihnen sterben.« – In diesem Augenblick hörte ich das Geschrei der Kinder, die von dem Feuer erwacht waren. Nichts vermochte mich zurückzuhalten. »Wo, wo sind meine Kleinen?« rief ich, indem ich durch die Flammen stürzte und die Thür der Kammer erbrach, worin sie sich befanden. »Wo sind meine Kleinen?« – »Hier, lieber Vater, hier sind wir!« So riefen beide, als die Flammen schon das Bett ergriffen hatten, worin sie lagen. Ich nahm beide auf meine Arme und trug sie so schnell als möglich durchs Feuer. Kaum waren wir hindurch, als auch das Dach einstürzte. »Nun,« rief ich, meine Kinder emporhaltend, »nun mögen die Flammen wüthen und meine ganze Habe verzehren. Meine Schätze habe ich gerettet – hier sind sie! Hier, liebe Frau, sind unsere Schätze, und wir werden noch glücklich sein!« Wir küßten unsere kleinen Lieblinge tausendmal. Sie umschlangen uns und schienen unser Entzücken zu theilen, während ihre Mutter abwechselnd weinte und lachte.

Schon hatte ich eine Zeitlang ruhig den Flammen zugesehen, als ich erst bemerkte, daß mein Arm bis zur Schulter auf schreckliche Weise verbrannt war. Deshalb war ich nicht im Stande, meinem Sohne im geringsten beizustehen, der unsere Habseligkeiten zu retten und das Feuer von der mit Getreide angefüllten Scheune abzuhalten suchte. Jetzt waren auch unsere Nachbarn aus dem Schlafe aufgeschreckt worden, und eilten herbei, uns zu helfen; doch konnten sie nichts weiter thun, als wie wir der Zerstörung zusehen. Alles, was ich besaß, auch einige Banknoten, die ich zur Aussteuer meiner Töchter aufbewahrt hatte, wurde von den Flammen vernichtet, außer einem Kasten mit Papieren, der im Wohnzimmer gestanden, und einigen unbedeutenden Kleinigkeiten, die mein Sohn gleich anfangs in Sicherheit gebracht hatte. Die Nachbarn thaten indeß alles Mögliche, um uns unser Unglück zu erleichtern. Sie brachten uns Kleider und versahen eins von unsern Nebenhäusern mit Küchengeräth, so daß wir mit Tagesanbruch in einer andern, obgleich ärmlichem Wohnung ein Obdach fanden. Mein ehrlicher Nachbar Flamborough und seine Kinder ließen es sich besonders angelegen sein, uns mit allem Nöthigen zu versehen und uns, jeden Trost zu gewähren, den wahres Wohlwollen zu geben vermag.

Als meine Familie sich einigermaßen von ihrem Schreck erholt hatte, wurde die Neugierde rege, den Grund meiner langen Abwesenheit zu erfahren. Ich theilte Ihnen alle einzelnen Umstände mit und begann sie auf den Empfang unserer verlornen Tochter vorzubereiten. Freilich hatten wir ihr nichts weiter als Elend zu bieten; doch wollte ich ihr wenigstens eine freundliche Aufnahme verschaffen. Hätte uns nicht das eben erzählte schwere Unglück betroffen, so würde diese Aufgabe eine schwierigere gewesen sein, denn der Stolz meiner Frau war jetzt gebeugt, und sie in noch tiefern Gram versenkt. Da mich mein Arm sehr schmerzte, so war ich nicht im Stande, selber mein armes Kind abzuholen, weshalb ich meinen Sohn und meine andere Tochter nach ihr ausschickte, die auch bald zurückkamen, mit der armen Schuldbeladenen in ihrer Mitte. Sie hatte nicht den Muth, ihre Mutter anzusehen, die ich vergebens zu einer völligen Versöhnung zu bewegen gesucht hatte; denn Frauen beurtheilen weibliche Vergehungen weit strenger, als Männer. »Ach, mein Fräulein!« rief ihre Mutter, »dies ist ein sehr ärmlicher Ort, zu dem Sie kommen, da Sie an so großen Glanz gewöhnt sind. Meine Tochter Sophie und ich können solchen Personen, die mit vornehmen Leuten Umgang gehabt, nur eine ärmliche Aufnahme gewähren. Ja, Fräulein Olivia, Ihr armer Vater und ich haben seit Kurzem sehr viel gelitten; doch hoffe ich, wird der Himmel Ihnen vergeben.« – Während dieser Anrede stand das unglückliche Schlachtopfer blaß und zitternd da, unfähig, zu weinen, oder irgend etwas zu erwiedern. Ich vermochte nicht länger den stummen Zuschauer bei ihrem Schmerze zu spielen, und zeigte daher eine gewisse Strenge in Blick und Stimme, worauf gewöhnlich augenblickliche Unterwerfung folgte. »Ich bitte, Frau, ein für allemal meine Worte zu beachten!« rief ich. »Ich habe Dir ein armes betrogenes und verirrtes Kind zurückgebracht. Ihre Rückkehr zur Pflicht fordert, daß auch wir unsere Zärtlichkeit erneuern. Schwere Drangsale des Lebens sind über uns hereingebrochen; doch wollen wir sie nicht durch häuslichen Zwist noch vermehren. Wenn wir in Eintracht mit einander leben, so können wir noch Zufriedenheit genießen, denn wir sind uns selbst genug und können der tadelsüchtigen Welt leicht entsagen und unfern Muth gegenseitig aufrecht erhalten. Die Güte des Himmels verheißt den Reuigen Vergebung, und darum wollen wir uns nach diesem Beispiele richten. Der Himmel, heißt es in der Schrift, erfreut sich mehr über einen reuigen Sünder, als über neunundneunzig Gerechte, die niemals von dem Wege der Tugend abgewichen sind. Und das ist recht; denn der bloße Entschluß, nicht wieder auf dem gefährlichen Pfade des Verderbens zu wandeln, ist an sich schon eine höhere Tugendübung, als hundert Handlungen der Gerechtigkeit.«

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