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Der Landprediger von Wakefield

Oliver Goldsmith: Der Landprediger von Wakefield - Kapitel 19
Quellenangabe
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typenovelette
authorOliver Goldsmith
titleDer Landprediger von Wakefield
publisherVerlag von A. Hofmann u. Comp.
year1853
illustratorLudwig Richter
translatorErnst Susemihl
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Siebzehntes Kapitel.

Selten findet man eine Tugend, die der Macht einer langen und reizenden Verführung zu widerstehen vermag.

Da ich allein auf das wahre Glück meines Kindes bedacht war, so gefielen mir die Bewerbungen des Herrn Williams, da er ein verständiger und redlicher Mann war und sich in vermögenden Umständen befand. Es bedurfte nur geringer Ermuthigung, um seine frühere Leidenschaft wieder anzufachen. Als er einige Abende später mit Herrn Thornhill in unserm Hause zusammentraf, sahen sie sich eine Zeitlang mit zornigem Blicke an; doch Williams war dem Gutsherrn kein Pachtgeld schuldig und achtete wenig auf seinen Unwillen. Olivia spielte ihrerseits die Coquette vortrefflich– wenn man das spielen nennen konnte, was ihr wirklicher Charakter war – und verschwendete alle ihre Zärtlichkeit an ihren neuen Liebhaber. Herr Thornhill schien sehr niedergeschlagen bei diesem Vorzuge und empfahl sich mit gedankenvoller Miene. Ich muß gestehen, daß ich aus dieser Betrübniß nicht recht klug werden konnte. Es stand ja in seiner Macht, den Grund derselben zu beseitigen, sobald er seine Absichten offen erklärte. Aber was für Unruhe er auch zu empfinden schien, so konnte man doch deutlich bemerken, daß Olivia's Bangigkeit noch größer war. Nach einem solchen Zusammentreffen ihrer Liebhaber, die sich oft einfanden, suchte sie gewöhnlich die Einsamkeit, um ihrem Schmerze nachzuhängen. In einem solchen Zustande fand ich sie eines Abends, nachdem sie sich kurz vorher fröhlich gestellt hatte. »Du siehst jetzt, mein Kind,« sagte ich, »daß Dein Vertrauen auf Herrn Thornhills Liebe nur ein Traum war. Er duldet einen Nebenbuhler, der in jeder Hinsicht unter ihm steht, obgleich er weiß, daß er die Macht hat, durch eine offene Erklärung Deine Hand zu erhalten.« – »Ja, lieber Vater,« entgegnete sie; »doch er hat seine Gründe zu diesem Zögern; ich weiß, daß er sie hat. Die Aufrichtigkeit seiner Blicke und Worte überzeugt mich von seiner wahren Achtung. In kurzer Zeit wird er hoffentlich seine edelmüthigen Gesinnungen offenbaren und Dich überzeugen, daß meine Meinung von ihm gerechter gewesen, als die Deinige.« – »Olivia, mein theures Kind,« erwiederte ich, »jeder Plan, der bis jetzt ausgeführt worden, um ihn zu einer Erklärung zu vermögen, war von Dir erfunden und entworfen; auch kannst Du nicht sagen, daß ich Dir den geringsten Zwang angethan. Glaube aber deshalb nicht, mein Kind, daß ich mich zum Werkzeuge hergeben werde, seinen redlichen Nebenbuhler durch Deine unpassende Leidenschaft zu hintergehen. Jede Frist, die Du verlangst, um Deinen muthmaßlichen Anbeter zu einer Erklärung zu bringen, soll Dir gestattet sein. Wenn er aber nach Ablauf dieser Zeit noch stumm bleibt, so muß ich darauf bestehen, daß der biedere Williams für seine Treue belohnt werde. Der gute Ruf, den ich bisher im Leben behauptete, fordert dies von mir, und meine Zärtlichkeit als Vater soll nicht meine Rechtlichkeit als Mensch untergraben. Bestimme also den Tag – er mag so fern sein, wie Du es für nöthig erachtest – und zugleich benachrichtige Herrn Thornhill von dem Zeitpunkte, wo ich Deine Hand einem Andern geben will. Wenn er Dich wirklich liebt, so wird sein Verstand ihm sagen, daß es nur ein Mittel giebt, wodurch er verhindern kann. Dich auf immer zu verlieren.« – Mit diesem Vorschlage, den sie für recht und billig halten mußte, war sie einverstanden. Sie erneuerte ihr ausdrückliches Versprechen, Herrn Williams zu heirathen, wenn der Andere sich nicht entscheiden sollte, und in Gegenwart des Herrn Thornhill wurde der Tag bestimmt, wo sie seinen Nebenbuhler heirathen sollte.

Ein so kräftiges Verfahren schien Herrn Thornhills Unruhe zu verdoppeln; doch was Olivia wirklich litt, verursachte mir großen Kummer. Bei diesem Kampfe zwischen Klugheit und Leidenschaft verließ ihre Lebhaftigkeit sie gänzlich; sie suchte jede Gelegenheit auf, allein zu sein, und vergoß Thränen. Eine Woche verging; doch Herr Thornhill machte keinen Versuch, ihre Hochzeit zu hintertreiben. In der nächsten Woche war er nicht weniger beharrlich, blieb aber noch immer verschlossen. In der dritten Woche stellte er seine Besuche gänzlich ein, und anstatt daß meine Tochter hätte Ungeduld zeigen sollen, wie ich erwartete, schien sie in ein ruhiges Sinnen versunken, was ich für Resignation hielt. Ich freute mich aufrichtig, wenn ich daran dachte, daß meinem Kinde ein ruhiges und sorgenfreies Leben gesichert sei, und lobte sie oft, daß sie ein stilles Glück dem Prunke vorzog.

Etwa vier Tage vor der bestimmten Hochzeit war mein Familie Abends um das freundliche Kaminfeuer versammelt. Geschichten aus der Vergangenheit wurden erzählt und Pläne für die Zukunft entworfen. Wir beschäftigten uns mit mancherlei Projecten und lachten über jeden tollen Einfall, der zum Vorschein kam. »Nun, Moses,« rief ich, »wir werden bald eine Hochzeit in der Familie haben. Was denkst Du von dergleichen Dingen im Allgemeinen?« – »Ich bin der Meinung, lieber Vater, daß Alles sehr gut gehen wird. Eben fiel mir ein, wenn Schwester Livchen mit Pächter Williams verheirathet ist, so wird er uns seine Ciderpresse und sein Braugeräthe umsonst leihen.« – »Das wird er, Moses,« rief ich, »und uns obendrein noch, um uns zu belustigen, das Lied vom Tode und der Dame vorsingen.« – »Er hat unserm Richard das Lied auch gelehrt,« rief Moses, »und er singt es ganz hübsch.« – »Wirklich?« erwiederte ich, »so mag er es uns vorsingen. Wo ist der kleine Richard? Er mag kommen und dreist damit beginnen.« – »Mein Bruder Richard,« sagte mein jüngster Sohn Wilhelm, »ist eben mit Schwester Livchen hinausgegangen. Aber Herr Williams hat mir auch zwei Lieder gelehrt, und ich will sie Dir vorsingen, lieber Vater. Was soll ich singen: den sterbenden Schwan, oder die Elegie auf den Tod eines tollen Hundes?« – »Vor allen Dingen die Elegie, mein Kind,« sagte ich, »die ich noch nie gehört habe. Und Du, liebe Debora, weißt ja wohl, daß der Kummer durstig macht. Gieb uns eine Flasche von Deinem besten Stachelbeerwein, um unsere Lebensgeister zu erfrischen. Ich habe seit Kurzem bei allen Gattungen von Elegien schon so viel geweint, daß ich bei dieser ohnmächtig werden würde ohne ein erfrischendes Gläschen. Und Du, Sophie, nimm Deine Guitarre, und klimpere ein wenig zu dem Gesange des Knaben.«

 

Elegie
auf den Tod eines tollen Hundes.

Ihr guten Leute kommt herbei,
Horcht alle meinem Sang!
Und findet ihr, daß kurz er sei.
Währt er euch nicht zu lang.

In Islington war einst ein Mann,
Geliebt von Jung und Alt,
Der wandelte des Himmels Bahn,
Wenn er zum Beten wallt'!

Für Feind' und Freunde allezeit
Sein Herz mitleidig schlug;
Oft gab er Nackten schon sein Kleid,
Eh' er's noch selber trug.

Auch war in jener Stadt ein Hund;
Denn wie an jedem Ort
Gab's Pudel, Möpse, Hühnerhund'
Und Windspiele auch dort.

Erst waren Freunde Hund und Mann,
Als plötzlich ohne Grund
Sich zwischen beiden Streit entspann;
Da biß den Mann der Hund!

Sogleich verbreitet sich die Kund',
Es strömt das Volk heran;
Da hieß es: Toll ist dieser Hund,
Zu beißen solchen Mann!

Die Wunde eiterte und schwoll.
Wie sie mit Augen sah'n;
Sie schwuren all', der Hund sei toll.
Und sterben müßt' der Mann.

Doch welches Wunder schaute man!
Es schwieg der Lügner Mund;
Von seiner Wund' genas der Mann,
Dagegen starb der Hund.

»Wahrhaftig, ein guter Junge der Wilhelm! Und die Elegie ist wahrhaft tragisch zu nennen. Kommt, Kinder! Stoßt auf Wilhelms Wohl! Und möge er einst Bischof werden!«

»Von ganzen Herzen!« rief meine Frau, »wenn er nur einst so gut predigt, wie er singt, so ist mir nicht bange um ihn. Die meisten seiner Verwandten mütterlicher Seits verstanden sich auf den Gesang. In unserer Gegend war es die allgemeine Sage, daß von der Familie Blenkinson keiner gerade vor sich Hinsehen und von der Hugginsons keiner ein Licht ausblasen könne; aber unter den Grograms gebe es keinen, der nicht ein guter Sänger wäre, und unter den Marjorams wisse jeder ein Mährchen zu erzählen.« – »Das mag sein,« rief ich, »die Volksballaden gefallen mir aber im Allgemeinen viel besser, als die zierlichen modernen Oden und all das Zeug, wobei man schon bei der ersten Strophe versteinert wird. Dergleichen Producte lobt und verabscheut man zu gleicher Zeit. Moses, gieb Deinem Bruder ein Glas Wein. Der große Fehler dieser Elegiendichter ist, daß sie bei einem Unglück sogleich in Verzweiflung gerathen, welches einem vernünftigen Menschen kaum Kummer verursacht. Eine Dame verliert ihren Muff, ihren Fächer oder ihren Schooßhund – sogleich läuft der alberne Poet nach Hause, um den Unfall in Verse zu bringen.«

»Das mag wohl bei erhabenern Compositionen so Mode sein,« sagte Moses; »doch die Ranelaghs-Lieder, die zu uns gekommen, sind sehr einfach und traulich und alle in eine Form gegossen. Da begegnet Hans seinem Gretchen, und sie reden mit einander. Er giebt ihr ein Jahrmarktsgeschenk, um ihr Haar damit zu schmücken, und sie reicht ihm einen Blumenstrauß. Dann gehen sie mit einander zur Kirche und geben allen Mädchen und Jünglingen den Rath, so bald als möglich zu heirathen.«

»Und das ist ein sehr guter Rath,« rief ich; »und man hat mir gesagt, es gebe keinen Ort in der Welt, wo ein solcher Rath passender ertheilt werden könnte, als gerade dort. Denn indem man überredet wird, sich zu verheirathen, ist dort auch gleich für eine Frau gesorgt. Wahrlich, mein Sohn, das muß ein vortrefflicher Markt sein, wo man uns sagt, was uns fehlt, und uns sogleich mit dem versieht, was wir brauchen.«

»Ja wohl, lieber Vater,« versetzte Moses; »ich kenne aber nur zwei solche Weibermärkte in Europa – Ranelagh in England und Fuentarabia in Spanien. Der spanische Markt ist nur einmal im Jahr offen; unsere englischen Frauenzimmer sind aber jeden Abend feil.«

»Du hast Recht, mein Sohn!« rief seine Mutter; »Altengland ist der einzige Ort in der Welt für Männer, welche Frauen haben wollen.« – »Und für Frauen, ihre Männer zu beherrschen,« fiel ich ein. »Im Auslande hat man ein Sprichwort: Wenn eine Brücke übers Meer geschlagen wäre, so würden alle Frauen des Festlandes herüberkommen und die unsrigen zum Muster nehmen; denn in ganz Europa giebt's keine solchen Weiber, wie die unsrigen. Aber gieb noch eine Flasche her, liebe Debora, und Du, Moses, singe uns ein hübsches Lied. Welchen Dank sind wir nicht dem Himmel schuldig, daß er uns Ruhe, Gesundheit und gutes Auskommen giebt! Ich halte mich für glücklicher als der größte Monarch auf Erden. Er hat kein solches Kaminfeuer und ist nicht von solchen heitern Gesichtern umgeben. Ja, Debora, wir werden jetzt alt; aber der Abend unseres Lebens wird wahrscheinlich glücklich sein. Wir stammen von Voreltern ab, an denen kein Makel haftet, und in unfern Kindern lassen wir ein wackeres und tugendhaftes Geschlecht zurück. So lange wir leben, werden sie unsere Stütze und Freude sein, und wenn wir sterben, erhalten sie unsere Ehre unbefleckt bei der Nachwelt. Nun, mein Sohn, wir warten auf ein Lied. Singe uns eins mit einem Schlußchor. Doch wo ist meine liebe Olivia? Die Stimme des kleinen Engels ist immer die lieblichste im ganzen Concert.«

Kaum hatte ich ausgeredet, als Richard mit den Worten hereingelaufen kam: »O Vater, Vater! sie ist fort von uns! Schwester, Livchen ist fort auf immer!« – »Wie? fort von uns?« – »Ja, sie ist auf und davon mit zwei Herren in einer Postchaise. Der eine küßte sie und sagte, er wolle für sie sterben. Sie weinte sehr und wollte wieder umkehren. Aber er redete ihr beständig zu, und sie stieg in die Chaise und sagte: »O was wird mein armer Vater thun, wenn er hört, daß ich so ungehorsam bin?« – »Geht, meine Kinder,« rief ich, »geht und seid elend, denn wir werden uns keiner Stunde mehr erfreuen. Möge der ewige Zorn des Himmels ihn und die Seinigen verfolgen! Mir so mein Kind zu rauben! Der Himmel wird mich erhören, denn für ihn erzog ich mein liebes unschuldiges Kind! Wie rein war das Herz meines Kindes! Doch all unser irdisches Glück ist jetzt zu Ende! Geht, meine Kinder, geht! Ihr seid elend und entehrt und mein Herz ist gebrochen!« – »Vater,« rief mein Sohn, »ist dies Deine Standhaftigkeit?« – »Standhaftigkeit, mein Sohn! Ja, er soll sehen, daß ich Standhaftigkeit besitze – bringt mir meine Pistolen – ich will den Verräther verfolgen – so lange er auf Erden weilt, will ich ihn verfolgen! So alt ich bin, soll er doch finden, daß ich ihn bestrafen kann, den Schurken! den treulosen Schurken!« – Indessen hatte ich meine Pistolen herbeigeholt; doch meine arme Frau, deren Aufregung nicht so groß war, wie die meinige, schloß mich in ihre Arme und rief: »O lieber bester Mann! die Bibel ist die einzige Waffe, die für Deine alten Hände paßt! Schlage sie auf und lies, daß uns Geduld komme in unserm Schmerz; denn das Mädchen hat uns schändlich getäuscht.« – »Wirklich, lieber Vater,« begann mein Sohn nach einer Pause, »Dein Zorn ist zu heftig, und ziemt sich nicht. Du solltest die Mutter trösten, und Du vermehrst nur ihren Schmerz. Es schickt sich nicht für Dich und Deinen ehrwürdigen Stand, so Deinen ärgsten Feind zu verfluchen. Du hättest ihm nicht fluchen sollen, wenn er auch ein Schurke ist.« – »Ich fluchte ihm nicht, mein Sohn. Oder that ich's?« – »Gewiß, mein Vater, Du hast ihm zweimal geflucht.« – »So möge der Himmel mir und ihm vergeben, wenn ich's gethan. Jetzt fühle ich erst, mein Sohn, daß es übermenschliches Wohlwollen war, welches uns zuerst lehrte, unsere Feinde zu segnen. Gelobt sei sein heiliger Name für alles Gute, welches er uns gegeben, so wie für das, was er uns genommen! Doch es ist kein geringes Unglück, welches diesen alten Augen, die seit so vielen Jahren nicht geweint, Thränen entlocken kann. Mein Kind – meinen Liebling ins Verderben zu stürzen! Vernichtung treffe – der Himmel verzeihe mir, was ich sagen wollte! Bedenkt nur, meine Lieben, wie gut sie war, wie bezaubernd! Bis zu diesem unseligen Augenblicke war sie nur bemüht, uns Freude zu machen. Wäre sie doch lieber gestorben! Aber sie ist entflohen; die Ehre unserer Familie ist befleckt, und ich werde auf Erden nie wieder glücklich. Du, mein Kind, sahest sie hinwegfahren? Vielleicht entführte er sie mit Gewalt. Wenn das der Fall war, so ist sie unschuldig.« – »Ach nein, Vater,« rief das Kind, »er küßte sie nur, und nannte sie seinen Engel, und sie weinte gar sehr und stützte sich auf seinen Arm, und so fuhren sie sehr schnell fort.« – »Sie ist ein undankbares Geschöpf,« rief meine Frau, die vor Weinen kaum reden konnte, »uns so zu behandeln, da wir doch ihrer Neigung nicht den geringsten Zwang angethan! Die schlechte Dirne hat ihre Eltern schändlich und ohne Ursache verlassen. So bringt sie Dein graues Haar vor der Zeit in die Grube, und ich werde bald folgen.«

Auf diese Weise verging jene Nacht, die erste unsres wirklichen Unglücks, unter bittern Klagen und leidenschaftlichen Ausbrüchen. Ich beschloß indeß, den Entführer aufzusuchen, wo er auch sein möchte, und ihm seine Niedrigkeit vorzuwerfen. Am nächsten Morgen vermißten wir unser unglückliches Kind beim Frühstück, wo sie uns sonst alle zu erheitern pflegte. Meine Frau versuchte auch jetzt, ihr Herz durch Schmähungen zu erleichtern. »Nimmer soll dieser Schandfleck unserer Familie wieder in diese harmlose Wohnung treten,« rief sie. »Ich werde sie niemals wieder Tochter nennen. Nein! die liederliche Dirne möge bei ihrem schändlichen Verführer bleiben! Wenn sie uns auch Schande bringt, so soll sie uns doch nicht wieder täuschen!«

»Frau,« sagte ich, »sprich nicht so harte Worte aus. Ich verabscheue ihre Schuld eben so sehr, wie Du; doch dieses Haus und dieses Herz soll der wiederkehrenden reuigen Sünderin stets offen stehen. Je eher sie von ihren Verirrungen zurückkehrt, desto herzlicher soll sie mir willkommen sein. Auch der Beste kann einmal fehlen. List überredet und der Reiz der Neuheit lockt. Der erste Fehltritt ist das Kind der Einfalt; doch alle folgenden entspringen aus dem Laster. Ja, das arme Wesen soll diesem Hause und diesem Herzen willkommen sein, und wäre es auch von tausend Fehlern befleckt. Ich will ihn wieder hören, den süßen Ton ihrer Stimme, will sie wieder zärtlich an meine Brust drücken, wenn ich nur in der ihrigen Reue finde. Mein Sohn, bringe mir meine Bibel und meinen Stab, ich will ihr folgen, wo sie auch sein mag, und wenn ich sie auch nicht von Schande erretten kann, so kann ich doch vielleicht verhindern, daß sie fortfährt, in Sünden zu leben.«

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