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Der Landprediger von Wakefield

Oliver Goldsmith: Der Landprediger von Wakefield - Kapitel 18
Quellenangabe
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typenovelette
authorOliver Goldsmith
titleDer Landprediger von Wakefield
publisherVerlag von A. Hofmann u. Comp.
year1853
illustratorLudwig Richter
translatorErnst Susemihl
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Sechzehntes Kapitel.

Die Familie wendet eine List an, welcher eine noch größere entgegenwirkt.

Welches auch Sophiens Empfindungen sein mochten, die übrige Familie tröstete sich leicht über Herrn Burchells Abwesenheit durch die Gesellschaft unsers Gutsherrn, der uns jetzt häufigere und längere Besuche abstattete. Obgleich es ihm nicht gelungen war, meinen Töchtern die Vergnügungen der Hauptstadt zu verschaffen, so ergriff er doch jede Gelegenheit, sie durch die kleinen Ergötzlichkeiten zu entschädigen, die unsere Einsamkeit gestattete. Gewöhnlich kam er am Morgen, während mein Sohn und ich außer dem Hause beschäftigt waren, und unterhielt meine Familie mit Schilderungen von London, welches er in allen seinen Theilen genau kannte. Er wußte alle Bemerkungen aus der Atmosphäre der Schauspielhäuser und konnte die sinnreichen Einfälle der Witzlinge fast auswendig, ehe sie noch in eine Sammlung von Scherzen waren aufgenommen worden. Die Pausen in der Unterhaltung benutzte er dazu, um meinen Töchtern Piquet zu lehren. Auch mußten sich meine beiden Kleinen zuweilen mit einander boxen, um ihre Kräfte zu stärken, wie er sich ausdrückte. Doch die Hoffnung, ihn zum Schwiegersohne zu bekommen, machte uns fast blind gegen alle seine Mängel. Ich muß gestehen, daß meine Frau tausend Pläne entwarf, ihn zu fangen, oder, um mich zarter auszudrücken, jede kleine List anwendete, um das Verdienst ihrer Töchter zu vergrößern. Wenn die Kuchen beim Thee gut gerathen waren, so hatte Olivia sie gebacken, und war der Stachelbeerwein gut, so hatte sie die Beeren gepflückt. Ihre Finger waren es, die den eingemachten Gurken und Bohnen die schöne grüne Farbe verliehen hatten, und bei der Bereitung eines Puddings hatte ihre Einsicht die Bestandtheile gewählt. Zuweilen behauptete die gute Frau, er und Olivia wären von einer Größe, und beide mußten aufstehen, um zu sehen, wer der Größte sei. Diese Kunstgriffe, welche sie für sehr fein hielt, obgleich sie Jedermann durchschaute, gefielen unserm Gönner sehr, so daß er täglich neue Beweise von seiner Leidenschaft gab. Zwar war dieselbe noch nicht bis zu einem Heirathsantrage gediehen; doch schien ein solcher nicht mehr fern zu sein, und sein Zögern wurde bald einer gewissen Blödigkeit zugeschrieben, bald der Furcht, seinem Oheim möchte eine solche Verbindung mißfallen. Ein Vorfall, der sich bald darauf ereignete, setzte es aber außer allem Zweifel, daß er unserer Familie anzugehören wünsche, und meine Frau sah darin sogar ein bindendes Versprechen.

Als meine Frau mit ihren Töchtern beim Nachbar Flamborough einen Gegenbesuch abstattete, sah sie dort, daß die Familie sich von einem Maler hatte malen lassen, der im Lande umherzog und Portraits zu fünfzehn Schillingen das Stück lieferte. Da jene Familie hinsichtlich des Geschmacks schon längst mit uns um den Vorrang stritt, so machte uns dieser heimlich erlangte Vorzug eifersüchtig, und was ich auch dagegen sagen mochte, so wurde doch beschlossen, daß auch wir uns wollten malen lassen. Nachdem ich also mit dem Maler darüber gehandelt – denn was sollte ich thun? – war es unsere nächste Sorge, durch die Anordnung und die Stellungen unsern höheren Geschmack zu beweisen. Unseres Nachbars Familie bestand aus sieben Personen, welche mit sieben Orangen gemalt waren – eine äußerst geschmacklose Idee, ohne Leben und Wahrheit. Wir wünschten etwas in edlerem Style zu haben und kamen endlich nach vielen Debatten einstimmig zu dem Entschlüsse, uns Alle zusammen in einem großen historischen Familienstücke malen zu lassen. Dies würde wohlfeiler sein, da ein Rahmen für Alle hinreichte, und zugleich viel vornehmer, denn alle Familien von Geschmack wurden jetzt auf diese Weise gemalt. Da uns nicht sogleich ein passender historischer Stoff einfiel, so war es Jeder zufrieden, als unabhängige historische Figur gemalt zu werden. Meine Frau wünschte als Venus dargestellt zu werden, und der Maler wurde ersucht, an dem Brustlatz und in dem Haar die Diamanten nicht zu sparen. Die beiden Kleinen sollten als Liebesgötter neben ihr stehen, während ich im Priesterornat ihr meine Schriften über die Whiston'schen Controversen überreichte. Olivia wollte als Amazone gemalt sein, auf einer Rasenbank sitzend, in einem grünen goldgestickten Reitkleide, mit einer Reitpeitsche in der Hand. Sophie sollte eine Hirtin vorstellen, von so viel Schafen umgeben, als der Maler umsonst anbringen wollte, und Moses mit einem Hute und einer weißen Feder geschmückt werden.

Unser Einfall gefiel dem Gutsherrn so sehr, daß er darauf bestand, auch mit in das Familiengemälde aufgenommen zu werden und als Alexander der Große zu Oliviens Füßen zu knieen. Dies betrachteten wir Alle als einen Beweis, daß er ein Mitglied unserer Familie zu werden wünsche, und konnten natürlich seine Bitte nicht abschlagen. Der Maler ging ans Werk und arbeitete so anhaltend und schnell, daß er noch nicht vier Tage brauchte, um das Ganze zu vollenden. Das Stück war groß, und ich muß gestehen, daß er nicht sparsam mit seinen Farben war, wofür meine Frau ihm großes Lob ertheilte. Wir waren sämmtlich mit seiner Leistung wohl zufrieden; doch ein unglücklicher Umstand, den wir erst bemerkten, als das Gemälde schon vollendet war, verstimmte uns sehr. Es war so groß, daß wir keinen Platz im Hause hatten, wo wir es aufstellen konnten. Es ist unbegreiflich, wie wir einen so wesentlichen Punkt hatten außer Acht lassen können; doch wirklich hatte Niemand daran gedacht. Das Gemälde stand daher, anstatt unsere Eitelkeit zu befriedigen, wie wir gehofft, an die Küchenwand angelehnt, wo man die Leinwand ausgespannt und bemalt hatte; denn es war viel zu groß, um durch eine unserer Thüren gebracht zu werden, und so wurde es für alle unsere Nachbarn ein Gegenstand des Spottes. Einer verglich es mit Robinson Crusoe's langem Boot, welches zu groß war, um von der Stelle gebracht zu werden. Ein Anderer meinte, es habe noch mehr Ähnlichkeit mit einer Haspel in einer Flasche. Einige verwunderten sich, wie es herausgebracht wenden könnte, und noch Mehrere erstaunten, wie es hereingekommen.

Wenn schon Einige über das Gemälde spotteten, so machten Viele sogar boshafte Bemerkungen darüber. Daß auch das Portrait des Gutsherrn sich mitten unter den unsrigen befand, war eine zu große Ehre, als daß sie dem Neide hätte entgehen können. Scandalöse Gerüchte verbreiteten sich auf unsere Kosten, und unsere Ruhe wurde beständig durch Personen gestört, die als Freunde kamen, um uns mitzutheilen, was Feinde von uns gesagt. Diesen Gerüchten begegneten wir stets muthig und entschlossen; doch die Verleumdung vermehrt sich nur durch Widerspruch.

Wir beratschlagten daher nochmals, wie wir der Verleumdung unserer Feinde entgehen könnten, und kamen endlich zu einem Entschlusse, der zu viel List enthielt, um meinen völligen Beifall zu haben. Da unser Hauptzweck darin bestand, zu erforschen, ob Herr Thornhill wirklich redliche Absichten habe, so übernahm meine Frau es, ihn auszuhorchen, indem sie ihn bei der Wahl eines Bräutigams für Olivia um Rath fragen wollte. Wenn dies nicht genügte, ihn zur Erklärung zu bringen, so sollte er durch einen Nebenbuhler geschreckt werden. Zu diesem letzten Schritte wollte ich aber durchaus nicht meine Einwilligung geben, bis mir Olivia feierlich versicherte, daß sie den Mann heirathen wolle, den man bei dieser Gelegenheit als Nebenbuhler genannt, wenn der Gutsherr ihr nicht selber seine Hand reiche. Dies war der Plan, dem ich mich zwar nicht lebhaft widersetzte, ihn aber auch nicht durchaus billigte.

Als Herr Thornhill uns das nächste Mal wieder besuchte, gingen ihm meine Töchter absichtlich aus dem Wege, um ihrer Mutter Gelegenheit zu geben, ihren Plan in Ausführung zu bringen. Sie hatten sich indeß nur in das nächste Zimmer zurückgezogen, wo sie jedes Wort hören konnten. Meine Frau leitete das Gespräch sehr schlau mit der Nachricht ein, daß eins von den Fräulein Flamborough eine sehr gute Partie mache mit Herrn Spanker. Der Gutsherr war derselben Meinung, und sie ging zu der Bemerkung über: reichen Mädchen könne es nie fehlen, gute Ehemänner zu bekommen. »Aber,« fuhr sie fort, »der Himmel möge sich der armen Mädchen erbarmen, die kein Vermögen besitzen! Was hilft Schönheit, Herr Thornhill? Was helfen Tugend und die besten Eigenschaften von der Welt in diesem Zeitalter des Eigennutzes? Man fragt nicht, was sie ist, sondern stets, was sie hat.«

»Madame,« erwiederte er, »die Richtigkeit und Neuheit dieser Bemerkung muß ich sehr billigen, und wenn ich König wäre, so sollte es anders sein. Die Mädchen ohne Vermögen sollten es dann gewiß recht gut haben; für unsere beiden jungen Damen würde ich gewiß zuerst sorgen.

»Ach mein Herr,« erwiederte meine Frau, »Sie belieben zu scherzen; doch wenn ich eine Königin wäre, so weiß ich, wo sich meine älteste Tochter ihren Gemahl suchen sollte. Doch da Sie einmal von der Sache angefangen haben, Herr Thornhill, wissen Sie nicht eine passende Partie für sie? Sie ist jetzt neunzehn Jahr alt, wohlgewachsen und wohlerzogen, und nach meiner demüthigen Meinung fehlt es ihr auch nicht an Talent.«

»Madame,« versetzte er, »wenn ich zu wählen hätte, so würde ich eine Person suchen, die mit den trefflichsten Eigenschaften ausgestattet ist, um einen Engel glücklich zu machen. Sie müßte Klugheit, Vermögen, Geschmack und Redlichkeit besitzen; ein solcher Mann würde meiner Meinung nach für sie passen.« – »Ja mein Herr,« sagte sie; »aber kennen Sie eine solche Person?« – Nein, Madame,« erwiederte er, »es ist unmöglich, irgend eine Person aufzufinden, welche verdient, ihr Gatte zu sein; sie ist ein zu großer Schatz für den Besitz eines Mannes; sie ist eine Göttin. Bei meiner Seele, ich rede, wie ich denke, sie ist ein Engel.« – »Ach Herr Thornhill, Sie schmeicheln meinem armen Mädchen nur. Doch haben wir daran gedacht, sie an einen Ihrer Pächter zu verheirathen, dessen Mutter kürzlich gestorben ist, und der eine Hausfrau gebraucht. Sie wissen, wen ich meine – den Pächter Williams. Ein wohlhabender Mann, Herr Thornhill, der sehr wohl im Stande ist, sie zu ernähren, und ihr mehrmals Vorschläge gemacht hat (welches auch wirklich der Fall war). Aber mein Herr,« fuhr sie fort, »es sollte mir lieb sein, wenn unsere Wahl Ihren Beifall hätte.« – Wie, Madame, meinen Beifall?« versetzte er, »meinen Beifall sollte ich solch einer Wahl geben? Nimmermehr! Wie? so viel Schönheit, Verstand und Güte einem Wesen zu opfern, das ein solches Glück durchaus nicht zu schätzen weiß? Entschuldigen Sie, ich kann eine solche Ungerechtigkeit nimmermehr billigen! Und ich habe meine Gründe«– – »Wirklich, mein Herr?« rief Debora. »Wenn Sie Ihre Gründe haben, ist das freilich eine andere Sache; doch ich möchte gern diese Gründe kennen.«–»Entschuldigen Sie, Madame,« entgegnete er, »sie liegen zu tief, um entdeckt zu werden. »Hier,« fuhr er fort, indem er die Hand aufs Herz legte, »hier liegen sie auf immerdar verschlossen und begraben.«

Als er fort war, hielten wir eine allgemeine Rathsversammlung, wußten aber nicht, was wir aus diesem Zartgefühle machen sollten. Olivia betrachtete es als eine Probe der erhabensten Leidenschaft. Ich war nicht ganz so sanguinisch, und es schien mir sehr klar, daß mehr von Liebe, als von Ehe die Rede war. Was es aber auch zu bedeuten haben möchte, so beschlossen wir, den Plan mit Pachter Williams fortzusetzen, welcher sich sogleich um meine Tochter beworben hatte, sobald wir in die Gegend gekommen waren.

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