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Der Landprediger von Wakefield

Oliver Goldsmith: Der Landprediger von Wakefield - Kapitel 16
Quellenangabe
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typenovelette
authorOliver Goldsmith
titleDer Landprediger von Wakefield
publisherVerlag von A. Hofmann u. Comp.
year1853
illustratorLudwig Richter
translatorErnst Susemihl
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Vierzehntes Kapitel.

Neue Kränkungen oder ein Beweis, daß scheinbares Unglück zum wahren Segen werden kann.

Die Reise meiner Töchter nach London war nun beschlossen, nachdem Herr Thornhill uns das freundliche Versprechen gegeben, ihre Aufführung selber zu überwachen und uns schriftlich davon zu benachrichtigen. Durchaus nöthig erschien es indeß, daß ihre äußere Erscheinung der Größe ihrer Erwartungen entsprechen müsse, was nicht ohne Kosten geschehen konnte. Wir verhandelten daher in voller Rathsversammlung über die Mittel, wie man am leichtesten Geld auftreiben könne, oder, deutlicher gesagt, wir überlegten, was wir am füglichsten verkaufen könnten. Diese Berathung war bald geendet. Wir fanden, daß das noch übrige Pferd ohne seinen Kumpan zum Pfluge unbrauchbar und eben so untauglich zum Reiten sei, da es nur ein Auge hatte. Demnach wurde beschlossen, es zu dem oben erwähnten Zwecke auf dem benachbarten Jahrmarkte zu verkaufen. Um einen neuen Betrug zu vermeiden, sollte ich selber damit hinreiten. Es war das erste kaufmännische Geschäft in meinem Leben; dennoch zweifelte ich keinesweges, es rühmlich auszuführen. Die Meinung, die man von seiner eigenen Klugheit hegt, richtet sich meistens nach dem Umgange, und da sich die meinige größtenteils auf meine Familie beschränkte, so hatte ich keinen unvorteilhaften Begriff von meiner Weltklugheit. Doch als ich mich am folgenden Morgen auf die Reise begeben wollte und schon einige Schritte von der Thür entfernt war, flüsterte mir meine Frau noch warnend zu, ich möge ja die Augen recht aufthun.

Als ich auf dem Jahrmarkt ankam, ließ ich mein Pferd bald Schritt, bald Trab und Galopp gehen; doch währte es lange, ehe Jemand darauf bot. Endlich kam ein Käufer, der das Pferd von allen Seiten prüfte, sich aber nicht auf den Handel einlassen wollte, als er bemerkte, daß es auf einem Auge blind sei. Ein Zweiter, der indeß gekommen war, behauptete, es habe den Spath, und sagte, er wolle es nicht für den Tagelohn haben, den er ausgeben müsse, um es nach Hause zu treiben. Ein Dritter bemerkte Windgallen und wollte nicht darauf bieten. Ein Vierter sah ihm an den Augen an, daß es Würmer habe, und ein Fünfter wunderte sich, was zum Henker ich mit einer blinden, spathigen, wundgedrückten Mähre auf dem Markte wolle, die zu nichts tauge, als zum Futter für die Hunde. Jetzt begann ich selber mit innerlicher Verachtung auf das arme Thier herabzublicken und schämte mich fast, wenn sich ein Käufer näherte. Denn wenn ich auch nicht Alles glaubte, was die Leute mir sagten, so schien mir doch die Zahl der Zeugen einen starken Beweis zu geben, daß sie Recht hatten, wie denn auch der heilige Gregor in seinem Buche über die guten Werke dieselbe Ansicht ausspricht.

Als ich in dieser verdrießlichen Lage war, näherte sich mir ein alter Bekannter und Amtscollege, der ebenfalls auf dem Markte Geschäfte hatte. Er drückte mir die Hand und machte mir den Vorschlag, in ein Wirthshaus zu gehen, um ein Glas zu trinken. Ich stimmte bereitwillig bei und wir traten in ein Bierhaus, wo man uns in eine kleine Hinterstube brachte, und wo Niemand weiter als ein ehrwürdiger alter Mann über einem großen Buche saß, worin er aufmerksam las. Nie in meinem Leben habe ich eine Gestalt gesehen, die mich mehr zu ihrem Vortheil eingenommen hätte. Silbergraue Locken umschatteten seine Stirn, und sein munteres Greisenalter schien eine Folge der Gesundheit und des Wohlwollens. Seine Gegenwart störte aber keinesweges unsere Unterhaltung. Mein Freund und ich theilten einander unsere beiderseitigen Schicksale mit, redeten von der Whiston'schen Controverse, von meiner letzten Flugschrift, von der Antwort des Archidiakonus und von dem harten Loose, welches mir zugefallen. Bald wurde aber unsere Aufmerksamkeit auf einen jungen Mann gelenkt, der in's Zimmer trat und den Greis mit Ehrfurcht, aber leise anredete. »Keine Entschuldigung, mein Sohn!« erwiederte der Alte. »Gutes thun ist eine Pflicht, die wir allen unsern Mitmenschen schuldig sind. Nimm dies! ich wünschte, es wäre mehr. Doch fünf Pfund werden Dich aus Deiner Verlegenheit retten, und sie stehen Dir zu Diensten.« Der bescheidene junge Mann vergoß Thränen der Dankbarkeit, obgleich sein Dankgefühl kaum dem meinigen glich. Ich hätte den guten alten Mann in meine Arme drücken mögen, so sehr gefiel mir sein Wohlwollen. Er fuhr fort zu lesen, und wir begannen wieder unsere Unterhaltung, bis es meinem Freunde nach einiger Zeit einfiel, daß er noch Geschäfte auf dem Markte habe. Er versprach indeß, bald zurück zu sein und setzte hinzu, es sei stets sein Wunsch, die Gesellschaft des Doctor Primrose so lange als möglich zu genießen. Als der alte Herr meinen Namen nennen hörte, schien er mich eine Zeitlang aufmerksam zu betrachten, und als mein Freund sich entfernt hatte, fragte er sehr ehrerbietig, ob ich vielleicht mit dem großen Primrose verwandt sei, dem tapfern Monogamisten, dem starken Bollwerke der Kirche. Nie empfand mein Herz ein höheres Entzücken, als in diesem Augenblick. »Mein Herr,« erwiederte ich, »der Beifall eines so wackern Mannes, wofür ich Sie unbedenklich halte, vermehrt noch die Freude meines Herzens, die Ihre Wohlthätigkeit bereits geweckt hat. Ja, mein Herr, Sie sehen hier vor sich den Doctor Primrose, den Monogamisten, den Sie groß zu nennen belieben. Sie sehen hier den unglücklichen Geistlichen vor sich, der so lange – und wenn ich es sagen darf – so siegreich die Deuterogamie des Zeitalters bekämpft hat.« – »Mein Herr,« rief der Fremde, wie von Ehrfurcht ergriffen, »ich fürchte, ich bin allzu zudringlich gewesen. Doch verzeihen Sie meiner Neugierde; verzeihen Sie – – »Mein Herr,« unterbrach ich ihn, indem ich seine Hand ergriff, »Sie sind so weit entfernt, mir durch ihre Zudringlichkeit zu mißfallen, daß ich Sie bitte, meine Freundschaft anzunehmen, da Sie sich bereits meine Achtung erworben.« – »Ich nehme dieses Anerbieten dankbar an,« versetzte er, indem er mir die Hand drückte; »Du ruhmvoller Pfeiler unerschütterlicher Orthodoxie! Und so sehe ich denn« – – Hier unterbrach ich ihn; denn wenn ich auch als Schriftsteller eine ziemliche Portion Schmeichelei verdauen konnte, so erlaubte mir doch meine Bescheidenheit nicht, noch mehr davon anzunehmen. Vielleicht nie haben Liebende in einem Romane schneller einen Herzensbund geschlossen. Wir redeten über verschiedene Gegenstände. Anfangs hielt ich ihn mehr für fromm, als für gelehrt, und begann schon zu glauben, daß er alles menschliche Wissen wie Spreu verachte. Doch dadurch sank er nicht in meiner Achtung; denn seit einiger Zeit hatte ich mir selber eine solche Meinung angeeignet. Ich nahm daher Gelegenheit, zu bemerken, daß die Welt im Allgemeinen anfange, eine tadelnswerthe Gleichgültigkeit zu verrathen, und sich zu sehr den menschlichen Speculationen hingebe. – »Gewiß, mein Herr,« erwiederte er, als hätte er sein ganzes Wissen bis zu diesem Augenblick aufgespart, »gewiß, mein Herr, liegt die Welt in der Kindheit, und doch hat die Kosmogonie, oder die Schöpfung der Welt, die Philosophen aller Jahrhunderte in Verwirrung gesetzt. Welches Gemisch von Meinungen haben sie nicht zu Tage gebracht über die Schöpfung der Welt? Sanchuniathon, Manetho, Berosus und Ocellus Lucanus, alle haben sich vergeblich bemüht. Der letztere hat folgende Worte: ἄναρχον ἄρα καὶ ἀτελεύτητον τὸ πᾶν; das heißt: alle Dinge haben weder Anfang noch Ende. So sagt auch Manetho, der etwa um die Zeit Nebuchadon Assers lebte. Asser ist ein syrisches Wort, und ein gewöhnlicher Beiname der Könige jenes Landes, wie Teglat Phael Asser, Nabon Asser etc. Dieser Manetho, sage ich, machte eben so widersinnige Conjecturen; denn wir Pflegen gemeinhin zu sagen: ἐκ τοῦ βιβλίου κυβερνήτης, welches bedeutet: aus Büchern wird die Welt nicht klüger; so wollte er auch untersuchen – doch ich bitte um Verzeihung, mein Herr – ich bin von meinem eigentlichen Gegenstande abgekommen.« – Das war er auch wirklich; denn ich konnte durchaus nicht begreifen, was die Schöpfung der Welt mit dem Gegenstande zu thun habe, über den wir redeten. Doch reichte es mir hin, zu zeigen, daß er ein Gelehrter sei, und ich achtete ihn deshalb nur um so mehr. Ich beschloß, ihn auf die Probe zu stellen; doch war er zu mild und höflich, um nach dem Siege zu ringen. Sobald ich eine Bemerkung machte, die einer Herausforderung zum Streite glich, so schüttelte er lächelnd den Kopf und schwieg, woraus ich schloß, daß er gewiß sehr Vieles sagen könne, wenn er nur wolle. Das Gespräch lenkte sich nun von den Gegenständen des Alterthums zu den Geschäften, die uns Beide auf den Markt geführt. Ich sagte ihm, das meinige bestehe im Verkaufe eines Pferdes, und glücklicherweise wollte er gerade eins für einen seiner Pächter kaufen. Mein Roß wurde sogleich vorgeführt, und wir schlossen den Handel ab. Es fehlte nichts weiter als die Zahlung. Er zog nun eine Banknote von dreißig Pfund hervor und bat mich, ihm herauszugeben. Da ich nicht dazu im Stande war, rief er seinen Diener, der in einer ganz hübschen Livrée erschien. »Hier, Abraham,« sagte er, »wechsele mir Gold dafür ein. Geh zum Nachbar Jackson, oder zu irgend einem Andern.« Als der Bediente sich entfernt hatte, hielt er mir eine pathetische Rede über den großen Mangel an Silbergeld. Ich klagte indessen über den großen Mangel an Gold, und als Abraham zurückkehrte, waren wir mit einander darüber einverstanden, daß Geld noch nie so schwer aufzutreiben gewesen, wie jetzt. Abraham sagte, er sei auf dem ganzen Markt umhergelaufen, ohne Jemanden zu finden, der ihm habe wechseln wollen, obgleich er eine halbe Krone Agio geboten. Dies war uns sehr unangenehm; doch der alte Herr fragte mich, nachdem er ein wenig nachgedacht, ob ich in meiner Gegend nicht einen gewissen Salomo Flamborough kenne? Ich antwortete, er sei mein nächster Nachbar. »Wenn das der Fall ist,« sagte er, »so werden wir schon mit unserm Handel fertig werden. Ich gebe Ihnen einen Wechsel auf ihn, zahlbar nach Sicht, und ich brauche Ihnen kaum zu sagen, daß er ein reicher Mann ist, wie es kaum einen im Umkreise von fünf Meilen gibt. Der ehrliche Salomo und ich sind seit vielen Jahren mit einander bekannt. Ich denke noch immer daran, wie ich ihn einst mit drei Sprüngen besiegte; er konnte aber besser auf einem Beine hüpfen, als ich.« – Ein Wechsel auf meinen Nachbar war so gut wie baares Geld, denn von seiner Zahlungsfähigkeit war ich vollkommen überzeugt. Der Wechsel ward unterzeichnet und mir eingehändigt, und darauf trabte Jenkinson, der alte Herr, sein Diener Abraham und mein Pferd, die alte Brombeere, wohlgemuth davon.

Als ich nun Zeit zur Ueberlegung hatte, begann ich darüber nachzudenken, daß ich vielleicht Unrecht gethan habe, einen Wechsel von einem Fremden anzunehmen. Ich beschloß daher, dem Käufer nachzueilen und mir das Meinige zurückgeben zu lassen; doch dazu war es jetzt zu spät. Ich eilte also nach Hause, um die Wechselzahlung so bald als möglich von meinem Freunde zu erhalten. Mein ehrlicher Nachbar saß vor seiner Thür und rauchte sein Pfeifchen. Als ich ihm sagte, ich hätte einen kleinen Wechsel auf ihn, las er das Papier zweimal durch. »Hoffentlich können Sie den Namen lesen,« sagte ich. – »Ephraim Jenkinson.« – »Ja,« entgegnete er; der Name ist deutlich genug geschrieben, auch kenne ich den Herrn. Er ist der größte Schurke unter der Sonne, derselbe Spitzbube, der uns die Brillen verkauft hat. War es nicht ein Mann von ehrwürdigem Ansehen, mit grauem Haar und ohne Klappen über den Rocktaschen? Und schwatzte er nicht Langes und Breites von Griechisch, von der Kosmogonie und von der Schöpfung der Welt?« – Ich antwortete mit einem tiefen Seufzer. »Ja, ja,« fuhr er fort, »das ist die einzige Gelehrsamkeit, die er besitzt, und die kramt er stets aus, wenn er einen Gelehrten trifft. Doch ich kenne den Schurken und will schon seiner habhaft werden.«

Obgleich ich schon hinlänglich gedemüthigt war, so stand mir doch noch das Schwerste bevor, nämlich meiner Frau und meinen Töchtern vor Augen zu treten. Kein Knabe, der die Schule geschwänzt, kann sich mehr vor seinem Lehrer fürchten, als ich mich scheute, nach Hause zurückzukehren. Ich beschloß indeß, der Wuth meiner Familie dadurch zuvorzukommen, daß ich mich selber zuerst aufgebracht zeigte. Aber ach! als ich eintrat, fand ich meine Familie keinesweges zum Kampfe geneigt. Meine Frau und Töchter schwammen in Thränen. Herr Thornhill war an dem Tage da gewesen und hatte ihnen die Nachricht gebracht, daß aus der Reise nichts werde. Die beiden Damen hätten von einer verleumderischen Person Nachrichten über uns gehört, die sie bestimmt, sogleich nach London zurückzukehren. Er könne weder die Absicht entdecken, noch auch den Urheber der Verleumdung; welcher Art dieselbe aber auch sein möge, und wer sie ihnen mitgetheilt habe, so fuhr er doch fort, unserer Familie seine Freundschaft und seinen Schutz zuzusichern. Daher ertrugen sie mein Ungemach mit großer Fassung, da dasselbe in Vergleich mit dem ihrigen als unbedeutend erschien. Doch was uns am meisten in Verlegenheit setzte, war, wer so niederträchtig sein können, den Ruf einer so harmlosen Familie, wie die unsrige, zu beflecken – die zu demüthig war, um Neid zu erwecken, und zu anspruchslos, um Widerwillen zu erregen.

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