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Der Landprediger von Wakefield

Oliver Goldsmith: Der Landprediger von Wakefield - Kapitel 15
Quellenangabe
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typenovelette
authorOliver Goldsmith
titleDer Landprediger von Wakefield
publisherVerlag von A. Hofmann u. Comp.
year1853
illustratorLudwig Richter
translatorErnst Susemihl
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Dreizehntes Kapitel.

Herr Burchell zeigt sich als einen Feind, indem er es wagt, uns unangenehme Rathschläge zu ertheilen.

Unsere Familie hatte jetzt verschiedene Versuche gemacht, vornehm zu erscheinen; doch mancher unvorhergesehene Unfall vereitelte die kaum entworfenen Pläne. Aus jeder Täuschung suchte ich Vortheil zu ziehen, indem ich bemüht war, in dem Maße ihren Verstand aufzuklären, wie ihr Ehrgeiz gekränkt wurde. »Ihr seht, meine Kinder,« sagte ich, »wie wenig man durch den Versuch gewinnt, die Welt zu täuschen, indem man sich Vornehmern gleichzustellen sucht. Wer arm ist und nur mit den Reichen umgehen will, wird von denen gehaßt, die er vermeidet, und von denen verachtet, welchen er sich aufdrängt. Ungleiche Verbindungen gereichen immer den Schwächern zum Nachtheil. Die Reichen haben das Vergnügen und die Armen nur die daraus entspringenden Beschwerden. Komm, Richard, mein Junge, und erzähle einmal zu Nutz und Frommen der Gesellschaft das Mährchen, welches Du heute gelesen.«

»Es war einmal ein Riese und ein Zwerg,« erzählte der Knabe. »Die waren gute Freunde und hielten sich zu einander. Sie machten einen Vertrag, sie wollten einander nie verlassen und zusammen auf Abentheuer ausziehen. Das erste Gefecht bestanden sie mit zwei Saracenen, und der Zwerg, welcher sehr muthig war, versetzte dem Kämpfer einen heftigen Schlag. Der that aber dem Saracenen wenig Schaden, er schwang vielmehr sein Schwert und hieb dem armen Zwerge einen Arm ab. Dieser war jetzt in trauriger Lage; doch der Riese kam ihm zu Hülfe. Im Augenblick lagen die beiden Saracenen todt am Boden und in seiner Wuth schnitt der Zwerg dem Todten den Kopf ab. Dann zogen sie auf ein anderes Abentheuer aus, und zwar gegen drei blutdürstige Satyrn, welche ein klagendes Mädchen entführten. Der Zwerg war dies Mal nicht so wüthend, wie früher; doch that er den ersten Hieb, den sein Gegner so heftig erwiederte, daß er ihm ein Auge ausschlug. Aber der Riese kam gleich herzu, und wären sie nicht entflohen, so hätte er sie gewiß alle getödtet. Alle waren erfreut über diesen Sieg, und das gerettete Mädchen verliebte sich in den Riesen und heirathete ihn. Dann zogen sie in weite Ferne, ich weiß nicht wie weit, bis sie eine Räuberbande trafen. Dies Mal war der Riese voran, doch der Zwerg blieb nicht weit hinter ihm zurück. Der Kampf war hitzig und währte lange. Wohin der Riese kam, da stürzte Alles vor ihm nieder; doch der Zwerg war mehrmals nahe daran, getödtet zu werden. Endlich aber entschied sich der Sieg für die beiden Abentheurer; doch der Zwerg hatte ein Bein verloren. Nun fehlte dem Zwerge ein Arm, ein Bein und ein Auge, während der Riese gar nicht verwundet worden war. Darauf rief er seinem kleinen Begleiter zu: »Mein kleiner Held, dies ist ein glorreiches Spiel! Nur noch einen Sieg und wir haben uns ewigen Ruhm erkauft.« – »Nein,« ruft der Zwerg, der indessen klüger geworden ist, »nein! ich sage mich los und will nicht weiter kämpfen; denn ich sehe wohl, daß Du bei jedem Gefechte Ehre und Lohn davon trägst, während alle Schläge mich treffen.«

Ich war im Begriff, einige moralische Betrachtungen über das Mährchen anzustellen, als meine Aufmerksamkeit davon abgezogen wurde durch einen lebhaften Streit zwischen meiner Frau und Herrn Burchell über die beabsichtigte Reise unserer Töchter nach London. Meine Frau vertheidigte hartnäckig die Vortheile, die daraus entspringen würden. Herr Burchell rieth ihr dagegen mit großem Eifer davon ab; ich aber hielt mich neutral. Sein gegenwärtiges Abrathen schien nur eine Fortsetzung von dem zu sein, welches am Morgen so übel aufgenommen worden. Der Streit wurde heftig, weil die arme Debora, statt Gründe anzugeben, nur lauter sprach und sich endlich genöthigt sah, ihre Niederlage hinter ein Geschrei zu verbergen. Der Schluß ihrer Rede war uns Allen indeß sehr mißfällig. Sie kenne Leute, sagte sie, welche geheime Gründe zu dem hätten, was sie anriethen; sie aber wünsche, daß solche Leute inskünftige ihr Haus meiden möchten. – »Madame,« rief Burchell mit großer Ruhe, die sie nur noch mehr aufbrachte, »hinsichtlich der geheimen Gründe haben Sie Recht. Ich habe geheime Gründe, die ich nicht erwähne, weil Sie nicht im Stande sind, mir auf die zu antworten, woraus ich kein Geheimniß mache. Doch ich finde, daß meine Besuche hier lästig werden; daher will ich jetzt gehen und komme vielleicht noch einmal wieder, um auf immer Abschied zu nehmen, wenn ich diese Gegend verlasse.« Mit diesen Worten nahm er seinen Hut, und selbst Sophie, deren Blicke ihm seine Uebereilung vorzuwerfen schienen, vermochte ihn nicht zurück zu halten.

Als er fort war, sahen wir einander mehrere Minuten mit Bestürzung an. Da meine Frau wußte, daß sie die Veranlassung sei, war sie bemüht, ihre Verlegenheit hinter einem erzwungenen Lächeln und einer zuverlässigen Miene zu verbergen, worüber ich sie zur Rede stellte. »Wie, Frau?« rief ich, »muß man so Freunde behandeln? Vergilt man so ihr Wohlwollen? Glaube mir, meine Liebe, dies waren die härtesten Worte und für mich die unangenehmsten, die je über Deine Lippen gekommen.« – »Warum hat er mich auch so gereizt?« versetzte sie; doch ich weiß sehr gut, was ihn zu seinen Ratschlägen bewogen hat. Er wollte meine Töchter verhindern, in die Stadt zu gehen, damit er hier zu Hause die Gesellschaft meiner jüngsten Tochter haben könne. Was aber auch geschieht, sie soll sich wenigstens bessern Umgang wählen, als den mit einem so gemeinen Menschen wie er.« – »Gemein nennst Du ihn, meine Liebe?« erwiederte ich. »Vielleicht irren wir uns in dem Charakter dieses Mannes, denn bei mehreren Gelegenheiten habe ich ihn als einen der gebildetsten Männer kennen gelernt. Sage mir, liebe Sophie, gab er Dir je heimliche Beweise seiner Zuneigung?« – »Seine Unterhaltung mit mir,« erwiederte meine Tochter, »war stets verständig, bescheiden und angenehm. Sonst ist nichts vorgekommen. Freilich erinnere ich mich, daß er einst sagte, er habe noch kein Frauenzimmer gekannt, das die Verdienste eines Mannes, der arm scheine, zu schätzen wisse.« – »Das ist die gewöhnliche Ausrede aller Unglücklichen oder Müßiggänger, mein Kind,« versetzte ich. »Hoffentlich aber hast Du gelernt, wie man solche Männer beurtheilen muß, und begreifst wohl, wie thöricht es sein würde, von einem Manne, der so schlecht mit dem Seinigen Haus gehalten hat, Glück zu erwarten. Ich und Deine Mutter haben jetzt bessere Aussichten für Dich. Der nächste Winter, den Du wahrscheinlich in London zubringen wirst, wird Dir Gelegenheit verschaffen, eine klügere Wahl zu treffen.«

Ich wage nicht zu bestimmen, welche Betrachtungen Sophie bei dieser Gelegenheit anstellte; im Grunde aber war es mir nicht unlieb, einen Gast los zu werden, der mich zu vielen Besorgnissen veranlaßt hatte. Die Vernachlässigung der Gastfreundschaft fiel mir zwar auf's Gewissen; doch beschwichtigte ich diese Mahnung durch einige Scheingründe, die mich beruhigten und mit mir selbst aussöhnten. Die Qual, die das Gewissen einem Menschen verursacht, der bereits unrecht gehandelt hat, ist bald überwunden. Das Gewissen ist feig, und wenn es nicht stark genug ist, das Unrecht zu vermeiden, so ist es selten so gerecht, sich selber anzuklagen.

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